Philippe Wampfler: Was bedeuten »Frau« und »Mann«?

Phillippe Wampfler, an dem ich wirklich schätze, dass er einer der wenigen Anhänger intersektionaler Theorien ist, mit dem man sachlich diskutieren kann ohne das er einen gleich blockt, hat einen sehr merkwürdigen Tweet geschrieben, der schnell im Internet rum ging:

Ich schrieb:

Im folgenden versuchte dann Philippe zu erklären, dass er das Wort „Frauen“ meinte, was aus meiner Sicht keinen Sinn macht, wenn man es dem Wort Menschen gegenüber stellt, das es ja auch in dieser Form nicht schon immer so meint. Menschen und Frauen als Konzept gibt es natürlich schon seit Menschen Konzepte machen können und so gesehen schon davor.

Jetzt hat er noch einen Artikel geschrieben, der den Tweet noch einmal erläutern soll:

Letzte Woche habe ich mir auf Twitter einen Shitstorm eingefangen. Der Grund: Ich habe in einer etwas flapsigen Antwort auf einen Tweet geschrieben, Frauen gäbe es erst seit ungefähr 1000 Jahren.

Der Tweet hatte immerhin ca 375 zitierte Tweets, die zu einem hohen Teil Unverständnis mit der Aussage äußerten.

Ja, ich hätte mich genauer ausdrücken können. »Frauen« und »Männer« gibt es erst seit rund 1000 Jahren. Die heute damit verbundenen Vorstellungen sind jünger. Schaut man in ein etymologisches Wörterbuch, wird deutlich, dass der Begriff Frau:

  1. mit dem Status des Verheiratet-Seins verbunden war
  2. im Mittelalter die Anrede für adelige Damen war und
  3. im Kontrast zu »Weib« stand, das nicht abwertend generisch verwendet wurde.

Ähnliche Überlegungen kann man für »Mann« anstellen, für jede Rollenbezeichnung.

Klar gab es in der Subgruppe Frauen immer verschiedene Begriffe und Untergruppen. Der Fall, dass die „höherstehende Gruppe“, hier die adeligen Frauen, zur allgemeinen Bezeichnung wird, ist auch geschichtlich etwas, was häufiger vorkommt.

Aber alle diese Bezeichnungen für Frauen dürften in der Vorstellung der Menschen genau dem entsprechen, was man üblicherweise unter Frauen versteht.

Weshalb ist das relevant, weshalb provoziert dieser Gedanke so viele Menschen?

Das ist nicht der Gedanke, der die Leute provoziert hat. Die meisten dachten, dass er tatsächlich anführen will, dass Frauen erst seit 1000 Jahren existieren, so wie in intersektionalen Theorien vertreten wird, dass Heterosexualität/Homosexualität eine neue Erfindung ist.

Der Tweet macht in keiner Hinsicht Sinn. Wenn er auf Wort abstellt, dann gibt es das Wort Menschen auch nicht so lang. Wenn er auf Konzepte abstellt, dann gibt es beide seit Ewigkeiten.

In der Diskussion um die Rechte von trans Personen wird eine Definition von Frau gepusht, die auf rein biologischen Kriterien basiert. Eine Frau wird, wie im hier zitierten Eintrag, zunächst als »erwachsener weiblicher Mensch« definiert, um dann in einem zweiten Schritt »weiblich« rein biologisch zu definieren (die genauen Kriterien wechseln hier in den Argumentationen, oft werden Gebärfähigkeit, Chromosomen oder Gameten genannt).

Die Funktion dieser Definitionsgeschichte (gepusht durch den populistischen und transphoben Dokumentarfilm »What Is a Woman?« von Matt Walsh) ist es, trans Frauen das Recht und die Möglichkeit zu verweigern, sich als Frauen zu bezeichnen.

Und das steht in keinem Zusammenhang mit seinem Tweet. Im Gegenteil: Die historische Auffassung, dass Frauen etwas biologisches ist, dürfte die Geschichte der Menschheit zu jedem Zeitpunkt dominiert haben. Die Aussage von Philippe dürfte über die allermeisten Zeiten der Menschheit für hochgezogene Augenbrauen (gelinde gesagt) gesorgt haben. Man hätte sich vermutlich über ihn lustig gemacht, dass er ja gerne versuchen könne mit einem Mann ein Kind zu bekommen.

Blickt man in die Geschichte solcher Wörter, wird deutlich, dass die Verwendung primär durch soziale Faktoren bestimmt ist, erst sekundär spielen biologische Vorstellungen eine Rolle. Diese Vorstellungen sind aber nicht direkt an biologische Eigenschaften geknüpft, was sich auch im Umgang mit dem Konzept zeigt. Wer ein »Mann« ist, wird nicht über biologische Tests festgelegt, sondern primär über soziale Performance: Wer sieht männlich aus, wer bewegt sich männlich, wer verhält sich männlich, wer spricht männlich, wer wird als Mann behandelt. Der Schluss davon auf Männlichkeit ist aber mit biologischen Annahmen verbunden. Anders als bei »Frau« gibt es im Deutschen zur Markierung einer sozialen Hierarchie und Anstandsnormen auch das Wort »Herr«, das keine biologische Bedeutungsebene hat.

Da merkt man wieder, dass er in seiner Argumentation zwischen den Konzept von Mann und Frau und dem Wort Mann oder Frau wechseln muss, damit er überhaupt einen (schlechten) Punkt hat. Bei dem Wort „Frau“ mag ein sozialer Bezug vorhanden gewesen sein in Bezug dazu, welche soziale Stellung diese biologische Frau in der Gesellschaft hatte. Der Bezug zur biologischen Frau allerdings war nicht streitig. Ebenso beim Mann.

Während nun die trans Bewegung fordert, Wörter wie »Frau« oder »Mann« stärker von biologischen Vorstellungen zu lösen, tritt die transkritische Bewegung für eine konträre Bedeutungsverschiebung ein. Diese Verschiebung kann nicht beanspruchen, die aktuelle oder historische Verwendung dieser Wörter abzubilden, »Frau« oder »Mann« meinten nie ausschließlich biologische Merkmale, sondern primär soziale Rollen, die mit biologischen Annahmen verbunden waren und sind.

Da fehlt bemerkenswerterweise das Argument. Denn die von der trans Bewegung geforderte Verschiebung in der Bedeutung hin zu einem Gefühl, welches das Körperliche überlagert hat er zuvor gerade nicht nachgewiesen. Das EINE kulturelle Bedeutung in einem (Unter-)Begriff vorhanden war (Frau=adelige Frau), bedeutet das nicht, dass der Begriff in jeder Weise kulturell ist und damit jede kulturelle Änderung möglich ist.

Die intersektionalen Theorien würden im übrigen natürlich auch nicht akzeptieren, wenn etwa eine andere Bewegung den Begriff des Menschen derart ausweitet, dass es unzulässig ist von Frauen oder Männern zu sprechen, von schwarzen, gelben oder weißen Menschen, weil das alles kulturelle Punkte sind und Menschen einfach nur Menschen sind und alles andere menschenfeindlich ist (weil es die Leute teilt), weil damit alle ihre Theorien nicht mehr umsetzbar wären.

Wie die Wörter in 20 oder 100 Jahren verwendet werden, lässt sich heute nicht entscheiden. Es dürfte aus der Geschichte aber klar sein, dass soziale Aspekte im Vordergrund stehen: Eine Frau ist, wer in der Gesellschaft als »Frau« wahrgenommen und bezeichnet wird. Das kann eine adelige Herrin sein oder eine trans Frau. Festgelegt ist das nicht.

Es ist eine schlechte Verteidigung seines Tweets, weil dieser eben einfach nicht sehr durchdacht war. Er leitet daraus, dass zwischen adeligen und nichtadeligen Frauen unterschieden worden ist her, dass man den Begriff der Frau in beliebiger Richtung ändern kann.

Natürlich gibt er damit auch indirekt zu, dass die Einbeziehung von trans Personen in das jeweilige Geschlecht nicht sprachlich oder gesellschaftlich zwingend ist sondern nach seiner eigenen Definition beliebig.