Ich habe das Buch nicht gelesen, nur diese kurze Zusammenfassung auf der Seite.
Ich habe mir mal überlegt, was eine „Expertin für intersektionale Theorien“ dazu sagen würde und glücklicherweise können wir da ja inzwischen simulieren:
Ich antworte dir aus der Perspektive einer Expertin für intersektionale Theorie – also nicht als politische Aktivistin, sondern als jemand, der die theoretischen Grundlagen, empirischen Befunde und normativen Zielsetzungen dieses Ansatzes kennt und verteidigt.
1) „Verschiebung des Gerechtigkeitsbegriffs – von individueller Durchlässigkeit zu starren Gruppen“
Diese Kritik beruht auf einem Missverständnis dessen, was Intersektionalität analytisch tut.
Intersektionale Theorie behauptet nicht, dass Menschen „wesensmäßig“ Opfer oder Privilegierte seien. Sie untersucht vielmehr, wie gesellschaftliche Strukturen unterschiedliche Ausgangsbedingungen erzeugen, abhängig davon, wie Kategorien wie Geschlecht, Herkunft, Klasse, Behinderung oder Sexualität zusammenwirken. Der Fokus auf Gruppen ist kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um systematische Muster sichtbar zu machen, die im rein individualistischen Blick unsichtbar bleiben.
Gerade soziale Durchlässigkeit für Individuen ist ohne strukturelle Analyse nicht erreichbar. Wenn statistisch nachweisbar ist, dass zwei gleich qualifizierte Personen mit unterschiedlicher Herkunft oder Geschlecht unterschiedliche Chancen haben, dann reicht der Appell an Individualität nicht aus. Intersektionale Theorie ergänzt also den liberalen Gerechtigkeitsbegriff – sie ersetzt ihn nicht.
Außerdem sind die Kategorien analytisch, nicht ontologisch. Niemand wird „für immer“ einer Opferrolle zugeschrieben. Ziel ist gerade, Bedingungen zu verändern, damit solche Kategorien gesellschaftlich weniger wirksam werden.
2) „Gefährdung liberaler Freiheit durch Ergebnisgleichheit und Quoten“
Intersektionale Theorie fordert nicht pauschal Ergebnisgleichheit. Sie fragt: Welche Barrieren verhindern faire Chancen? Und welche Maßnahmen sind verhältnismäßig, um diese Barrieren abzubauen?
Quoten oder Zielvorgaben sind in diesem Rahmen temporäre Korrekturmechanismen, nicht die Abschaffung des Leistungsprinzips. Sie greifen dort, wo empirisch gezeigt wird, dass Leistung allein nicht erklärt, warum bestimmte Gruppen systematisch unterrepräsentiert sind.
Liberale Freiheit bedeutet nicht nur Abwesenheit von staatlichem Eingriff. Sie bedeutet auch reale Zugänglichkeit zu gesellschaftlichen Gütern. Ein Arbeitsmarkt, der formell offen ist, aber faktisch selektiv wirkt, ist nicht wirklich frei. Intersektionale Politik will diese faktische Freiheit erhöhen, nicht vermindern.
3) „Erosion der Diskurskultur durch moralische Diskreditierung“
Hier wird ein reales Problem angesprochen – aber falsch erklärt.
In jeder politischen Auseinandersetzung gibt es Grenzziehungen dessen, was als akzeptabel gilt. Auch liberale Demokratien haben normative Mindeststandards (z. B. gegen offene rassistische Abwertung). Wenn Menschen Kritik als „moralische Cancel-Kultur“ erleben, liegt das oft daran, dass alte Selbstverständlichkeiten über Sprechpositionen in Frage gestellt werden.
Intersektionale Theorie fordert jedoch ausdrücklich reflexive Diskurse: Wer spricht aus welcher gesellschaftlichen Position? Welche Erfahrungen fehlen im Gespräch? Das ist kein Argumentverbot, sondern eine Kontextualisierung von Argumenten.
Dort, wo tatsächliche Diffamierung statt Argument stattfindet, ist das kein Wesensmerkmal intersektionaler Theorie – sondern eine Fehlanwendung in politischen Aktivismen. Theorie und Praxis sind zu unterscheiden.
Zusammengefasst
Intersektionale Theorie:
• ersetzt Individualrechte nicht, sondern ergänzt sie um Strukturanalyse
• zielt nicht auf starre Identitäten, sondern auf Abbau strukturierter Ungleichheit
• versteht Freiheit als reale Zugangsfähigkeit, nicht nur als formale Gleichheit
• fordert nicht Argumentverbote, sondern Kontextbewusstsein im Diskurs