Neurozitismus ist ein Persönlichkeitsmerkmal der „Big Five“, also der fünf Hauptdimensionen der Persönlichkeit.
Es ist auch das Persönlichkeitsmerkmal mit den größten Geschlechterunterschied im Schnitt.
Aus der Wikipedia:
Der Begriff und das Konzept gehen auf den Psychologen Hans Jürgen Eysenck zurück.[1] Ein alternativer Begriff im Zusammenhang mit der Eysenckschen Theorie ist Emotionale Labilität.
Bei Menschen mit hohem Neurotizismuswert finden sich oft folgende Eigenschaften und Verhaltensweisen:
- Neigung zu Nervosität
- Reizbarkeit, Launenhaftigkeit
- Neigung zu Unsicherheit und Verlegenheit
- Klagen über Ärger und Ängste
- Klagen über körperliche Schmerzen (Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Schwindelanfälle etc.)
- Neigung zu Traurigkeit und Melancholie
- Sehr sensibel auf Stress reagierend
- Eher negative Affektlage
- Dauerhafte Unzufriedenheit
Niedriger Neurotizismus bedeutet dagegen emotionale Stabilität und Gelassenheit.
Eysenck konstruierte seine Persönlichkeitsdimensionen mittels einer Faktorenanalyse. Allen Persönlichkeitsmerkmalen liegt laut Theorie zugrunde, dass sie relativ stabil, konsistent und zeitlich überdauernd sind. Der Faktor Neurotizismus lässt sich laut Eysenck in die Dimensionen Labilität-Stabilität aufteilen. Er weist faktorenanalytisch enge Zusammenhänge mit den damals verwendeten Begriffen „schlecht organisierte Persönlichkeit“, „abhängig“ oder „abnormal vor der Krankheit“ auf. Eysenck bezeichnete ihn auch als „Fehlen von Persönlichkeitsintegration“.
Eysenck sah den Ursprung in Unterschieden zwischen Individuen hinsichtlich der autonomen physiologischen Erregung. Demnach reagieren Persönlichkeiten mit hohen Neurotizismuswerten stärker auf angst- und stresserregende Situationen als emotional stabile Individuen. Zudem benötigen sie nach derartiger Erregung länger, um wieder in ihren Ursprungszustand zurückzukehren. Als Erklärung diente Eysenck das limbische System, das unter anderem für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist. Neurotizistisches Verhalten ist damit das Ergebnis einer starken Reaktion des limbischen Systems auf externe Reize. Damit kommt es bei Personen mit hohem Neurotizismuswert öfter zu Neurosen, weil externe Reize stärker emotional kodiert und damit konditioniert werden.
Hier zb ein Studie:
Previous research suggested that sex differences in personality traits are larger in prosperous, healthy, and egalitarian cultures in which women have more opportunities equal with those of men. In this article, the authors report cross-cultural findings in which this unintuitive result was replicated across samples from55 nations (N 17,637). On responses to the Big Five Inventory, women reported higher levels of neuroticism, extraversion, agreeableness, and conscientiousness than did men across most nations. Thesefindings converge with previous studies in which different Big Five measures and more limited samples of nations were used. Overall, higher levels of human development—including long and healthy life, equal access to knowledge and education, and economic wealth—were the main nation-level predictors of larger sex differences in personality. Changes in men’s personality traits appeared to be the primary cause of sex difference variation across cultures. It is proposed that heightened levels of sexual dimorphism result from personality traits of men and women being less constrained and more able to naturally diverge in developed nations. In less fortunate social and economic conditions, innate personality differences between men and women may be attenuated.
- Hier kommt Neuroticism auf d=0,4, bei einer Abweichung mit einem höheren Wert bei Frauen, also einen mittleren Wert, allerdings der größte aller Geschlechterunterschiede.
- Natürlich muss man dabei noch einmal betonen: Das bedeutet nicht, dass alle Frauen in der Hinsicht einen höheren Wert haben, zwei Normalverteilungen mit einem d=0,4 sehen so aus:
(Bild von ChatGPT erstellt, ich hoffe es ist richtig)
Eine interessante weitere Aufspaltung gibt es in dieser Studie hier (die auch für eine Besprechung interessant wäre):
Also:
N1_Anxiety −0.56
N2_Anger −0.16
N3_Depression −0.19
N4_Self-conscious −0.11
N5_Immoderation −0.15
N6_Vulnerability −0.54
Oder auch:
Gerade die Ängstlichkeit und die Anfälligkeit für Belastung ist also im Schnitt höher.
Erklärungen könnten sein: (ChatGPT)
1) Unterschiede in der Stressreaktivität (HPA-Achse)
Die HPA-Achse (Hypothalamus–Hypophyse–Nebennierenrinde) ist das zentrale biologische Stresssystem des Körpers.Ablauf:
Stressreiz → Gehirn aktiviert Hypothalamus
Ausschüttung von CRH → Hypophyse
Ausschüttung von ACTH → Nebennieren
Ausschüttung von Cortisol
Cortisol bereitet den Körper auf Belastung vor – kurzfristig sinnvoll, langfristig belastend.Geschlechtsunterschied:
Frauen zeigen im Mittel stärkere und länger anhaltende Cortisolreaktionen auf soziale und emotionale Stressoren.
Gleichzeitig erfolgt bei ihnen eine langsamere Rückkehr zum Ruhewert.Konsequenz:
Häufigere Aktivierung → subjektiv schnelleres Gefühl von Überforderung
biologischer Beitrag zu höherer Stressvulnerabilität und NeurotizismusEmpirische Basis:
Kirschbaum et al. (1999), Kudielka & Kirschbaum (2005), Stroud et al. (2002)2) Hormonelle Einflüsse
Geschlechtshormone beeinflussen direkt die Emotions- und Stresssysteme des Gehirns.Östrogen:
- verstärkt Aktivität in Amygdala (Bedrohungsverarbeitung)
- moduliert Serotoninsystem (Stimmungsregulation)
Progesteron:
- beeinflusst Angstreaktionen
- schwankt stark im Zyklus
Testosteron:
- dämpft Stress- und Angstreaktionen
- erhöht Stressresistenz
Folge:
- weiblicher Hormonhaushalt → größere Schwankungen in emotionaler Reaktivität
- männlicher Hormonhaushalt → im Mittel stabilere Stresspufferung
Das erklärt auch:
- zyklusabhängige Stimmungsschwankungen
- erhöhte Depressionsrisiken nach Geburt und in Wechseljahren
3) Genetische Korrelation mit internalisierenden Störungen
Neurotizismus ist teilweise genetisch bedingt (~40–50 % Erblichkeit).
Die gleichen genetischen Faktoren, die hohen Neurotizismus begünstigen, erhöhen auch die Wahrscheinlichkeit für:
- Angststörungen
- Depression
- Posttraumatische Belastungsstörung
Man spricht von genetischer Kovarianz oder shared genetic liability.
Zwillingsstudien zeigen:
- Gene, die Neurotizismus erhöhen, erklären bis zu 60 % des genetischen Risikos für Depression.
Geschlechtsaspekt:
Frauen tragen im Mittel etwas höhere genetische Expression dieser internalisierenden Vulnerabilität → höhere Prävalenz von Angst/Depression.
Wichtige Studien:Kendler et al. (2006)
Hettema et al. (2006)
Die HPA-Achse (Hypothalamus–Hypophyse–Nebennierenrinde) klingt interessant für weitere Fragen. Cortisol an sich auch.


