In Bezug auf den gestrigen Artikel hier noch etwas mehr wissenschaftliches dazu:
Die Forderungs-Rückzugs-Dynamik bezeichnet ein gut untersuchtes Kommunikationsmuster in Partnerschaftskonflikten, bei dem ein Partner Veränderung fordert, kritisiert oder Druck ausübt (Forderung), während der andere sich emotional oder kommunikativ zurückzieht, verweigert oder das Gespräch vermeidet (Rückzug). Diese Dynamik verstärkt sich typischerweise wechselseitig: Je stärker eine Person drängt, desto stärker zieht sich die andere zurück – und umgekehrt. Sie ist empirisch belegtermaßen mit erhöhter Konfliktintensität, geringerer Problemlösung und sinkender Beziehungszufriedenheit verbunden.
Dazu ein paar Studien:
1. Gender and social structure in the demand/withdraw pattern of marital conflict
This study examined the effects of gender and social structure on the demand/withdraw pattern of marital conflict. In this pattern, the demander, usually the woman, pressures the other through emotional requests, criticism, and complaints, and the withdrawer, usually the man, retreats through defensiveness and passive inaction. In this study, 31 couples were assessed in 2 conflict situations: 1 in which husband wanted a change in wife and 1 in which wife wanted a change in husband. Data from husbands, wives, and observers consistently revealed a significant main effect of gender (wife-demand/husband-withdraw interaction was more likely than husband-demand/wife-withdraw interaction) and a significant interaction of gender and conflict structure (wife-demand/husband-withdraw interaction was more likely than the reverse only when discussing a change the wife wanted). Separate analyses of demand and withdraw behaviors indicated that both husband and wife were more likely to be demanding when discussing a change they wanted and more likely to be withdrawing when discussing a change their partner wanted. However, men were overall more withdrawn than women, but women were not overall more demanding than men
- Frauen sind häufiger die, die etwas verlangen, Männer ziehen sich eher zurück
- Aber natürlich kommt es darauf an, wer etwas will oder wer sich lediglich mit einem Änderungswunsch des Partners auseinandersetzt.
- Männer ziehen sich insgesamt mehr zurück, auch wenn Frauen nicht unbedingt fordernder waren als Männer
2. Cross-Cultural Consistency of the Demand/Withdraw Interaction Pattern in Couples
In order to examine the cross-cultural consistency of several patterns of couple communication, 363 participants from four different countries (Brazil, Italy, Taiwan, and the United States) completed self-report measures about communication and satisfaction in their romantic relationships. Across countries, constructive communication was positively associated with relationship satisfaction, whereas demand/withdraw communication was negatively associated with relationship satisfaction. Woman demand/man withdraw communication was significantly more likely than man demand/woman withdraw communication. Also, some evidence suggested women wanted greater closeness versus independence in their relationships than did men. Differences between partners in desire for closeness versus independence were associated with greater demand/withdraw communication. The possible bases for the demand/withdraw pattern of communication and its gender linkage are discussed
Aus den Daten in der Studie:
1. Konstruktive Kommunikation und Zufriedenheit
Konstruktive Kommunikation war positiv mit Beziehungszufriedenheit korreliert (in allen vier Ländern)
Partielle Korrelationen (kontrolliert für Geschlecht):Brasilien: r = .21 (p = .05)
Italien: r = .51 (p < .001)
Taiwan: r = .50 (p = .001)
USA: r = .35 (p = .016)
2. Demand/Withdraw-Muster und Unzufriedenheit
Das Demand/Withdraw-Muster war negativ mit Beziehungszufriedenheit korreliert
Partielle Korrelationen:
Italien: r = -.44 (p < .001)
Taiwan: r = -.43 (p = .005)
USA: r = -.39 (p = .008)
Brasilien: r = -.18 (nicht signifikant)
3. Geschlechtsunterschiede
Das „Frau fordert/Mann zieht sich zurück“-Muster war signifikant häufiger als umgekehrt:
Mittelwerte:
Frau fordert/Mann zieht sich zurück = 13.37 vs. Mann fordert/Frau zieht sich zurück = 10.65
Dieser Effekt zeigte sich in allen vier Ländern:
Brasilien: t(88) = 4.15, p < .001
Italien: t(71) = 3.23, p < .01
Taiwan: t(51) = 2.69, p < .05
USA: t(47) = 2.73, p < .01
4. Wunsch nach Nähe vs. Unabhängigkeit
Männer zeigten eine größere relative Präferenz für Unabhängigkeit (M = 19.81) als Frauen (M = 17.82), F(1, 237) = 13.28, p < .001
Dieser Effekt war jedoch nicht in allen Ländern gleich stark:Signifikant: Italien (t = 3.91, p < .001) und USA (t = 2.28, p < .05)
Nicht signifikant: Brasilien und Taiwan
5. Unterschiede im Nähewunsch und Demand/Withdraw
Je größer die Diskrepanz zwischen Partnern bezüglich des Wunsches nach Nähe/Unabhängigkeit, desto mehr Demand/Withdraw-Kommunikation trat auf
Der absolute Unterschied sagte signifikant das Demand/Withdraw-Muster vorher (β = .19, p < .01)
Also in etwa:
- Die Frau möchte eine „Nähe“ erreichen, in dem bestimmte Konflikte endgültig beigelegt werden (-> zB: er sieht ein, dass er bestimmte Arbeiten im Haushalt übernehmen muss und das gerecht ist und macht sie ohne das sie sich darum kümmern muss)
- Der Mann sieht es eher als Einschränkung seines Lebens weil er das Gefühl hat, dass sie ihm bestimmte Sachen vorgibt und ihn dadurch einschränkt, um so stärker beides in Konflikt steht (also um so eher er nicht zu einer gemeinsamen Lösung kommt, weil er ihre Forderungen ggfs als überhöhte Einschränkungen ansieht) um so eher ist es schlecht für die Ehe.
(Wenn ich es richtig verstanden habe)
3. Exploring the Basis for Gender Differences in the Demand-Withdraw Pattern
During marital conflict, wives tend to demand and husbands tend to withdraw. These behaviors were historically thought to stem from essential differences between men and women. An alternative explanation implicates one form of power differences—wives desire more change and therefore demand, whereas husbands desire less change and withdraw to maintain status quo.
Studying same-sex as well as cross-sex couples enables an evaluation of both explanations. We examined demand-withdraw behaviors in 63 heterosexual, gay, and lesbian couples. The demandwithdraw pattern was seen regardless of type of couple. Further, for all couples, differences in the amount of change desired in partners during a conflict interaction predicted differences in demand and withdraw behaviors. These results offer further evidence that an oft-observed difference in heterosexual relationships may result from social conventions that afford men greater power and women less power.
Finde ich interessant, weil anscheinend das Verhalten bei Heterosexuelle, Schwulen und Lesben vorkommt.
Demand-Verhalten:
Heterosexuell: 13.1 (SD = 4.8)
Schwul: 14.4 (SD = 4.1)
Lesbisch: 14.4 (SD = 5.0)
F(2,60) = 0.56, p = .58, η²p = .02
Withdraw-Verhalten:
Heterosexuell: 15.8 (SD = 5.5)
Schwul: 15.5 (SD = 3.1)
Lesbisch: 15.6 (SD = 3.7)
F(2,60) = 0.04, p = .96, η²p = .00
Interessant auch, dass Schwule am wenigsten Fordern und sich am wenigsten Zurückziehen. Heterosexuelle Paare ziehen sich auch am häufigsten zurück.
Die Schlussfolgerung ist aus meiner Sicht etwas merkwürdig: Frauen wollen mehr Veränderung, deswegen haben Männer die Macht. Es liegt an den sozialen Rollen und dem Patriarchat. Man könnte ja genau so vermuten, dass der, der eher etwas durchsetzen will mehr Macht hat als der, der es abwehren will und sich zurückzieht.
Aber das hängt wahrscheinlich auch davon ab, wie man die Forderungen sieht: Wenn man darauf abstellt, dass man gerechte Forderungen gegenüber jemanden durchsetzen muss, der einen bisher benachteiligt ist es etwas anderes als wenn man davon ausgeht, dass der eine seine Vorstellungen durchsetzen will und der andere diese als überzogen oder unnötig ansieht.
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