Selbermach Mittwoch

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„Es gibt einen Zusammenhang zwischen Männern, die vergewaltigen und Männern, die keine Wäsche waschen“

Der Krautreporter interviewt die Professorin Manon Garcia:

Wie können wir als Gesellschaft stattdessen gegen Vergewaltigungen vorgehen?

Zum Beispiel indem man Väter dazu bringt, längere Elternzeiten zu nehmen. Wir müssen zu einem Konsens darüber kommen, dass Sexismus und sexuelle Gewalt auf einem Kontinuum stattfinden. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Männern, die vergewaltigen und Männern, die keine Wäsche waschen. Wir wissen, dass Kinder, deren Väter ihren fairen Anteil im Haushalt übernehmen, ein gleichberechtigteres Rollenverständnis haben. Und ein gleichberechtigtes Rollenverständnis schützt Jungen davor, später Männer zu werden, die vergewaltigen. Gesetze darüber, wie viel Elternzeit Väter nehmen, haben also einen Einfluss auf die Statistik sexueller Gewalt.

Das sind immer Schlussfolgerungen oder Thesen, die ich in ihrer Schlichtheit erstaunlich finde.
Da wird einfach mal ein Kausalverhältnis behauptet, dass genau so gut andersrum sein könnte: Männer mit einem weniger domianten und aggressiven Charakter werden ggfs eher für ein gleichberechtigtes Rollenverständnis sein.
Wobei ich noch nicht einmal unbedingt glaube, dass man den Umstand statistisch nachweisen könnte. Schon gar nicht glaube ich, dass ein mehr an Männern, die Wäsche waschen die Zahl der Vergewaltiger verringert, weil die meisten Männer schlicht keine Vergewaltiger sind und das Verhalten der meisten Männer keinen Einfluss auf diese Randgruppe hat.

Aber sie ist ja auch eine Philosophin, dazu noch ein Beauvoir-Fan, da stören einen Fakten ohnehin nicht und man kann wilde Theorien aufstellen. Ihre zentralen Theorien sind wohl:

  • Weibliche Sozialisation führt zu einer Internalisierung von Unterwerfung, nicht durch Zwang, sondern durch kulturelle Gewöhnung.
  • Freiheit und Lust sind für Frauen nur möglich, wenn sie ihre soziale Position kritisch reflektieren.
  • Einverständnis (Consent) ist mehr als juristische Zustimmung – es ist ein ethischer, kommunikativer Prozess, der Machtasymmetrien anerkennen muss.

Ihr Männerbild fasst ChatGPT wie folgt zusammen:

1. Männer sind nicht naturhaft dominant, sondern sozialisiert zur Dominanz

Garcia lehnt biologische oder essentialistische Vorstellungen von Männlichkeit ab.
Für sie ist „der Mann“ keine Naturkategorie, sondern das Ergebnis von sozialen und kulturellen Praktiken:

„Niemand wird als Herr geboren, so wie niemand als Unterworfene geboren wird.“
On ne naît pas soumise, on le devient (2018)

Das bedeutet:
Männer lernen früh, dass Autonomie, Macht und sexuelle Initiative Teil ihres Selbstwerts sind.
Das System belohnt sie dafür — beruflich, sozial, erotisch.
So entsteht eine gewaltfreie, aber reale Herrschaftsform: männliche Normalität als gesellschaftlicher Standard.

2. Männer sind gleichzeitig privilegiert und gefangen

Garcia argumentiert ähnlich wie Simone de Beauvoir:

Männer profitieren vom Patriarchat, aber sie sind auch durch ihre Rolle limitiert.

Sie dürfen keine Schwäche zeigen.
Sie müssen Leistung, Kontrolle und sexuelle Aktivität beweisen.
Ihre Identität hängt davon ab, nicht „weiblich“ zu sein.

Garcia spricht in Interviews oft davon, dass Männer in patriarchalen Strukturen
„Macht haben, aber keine Freiheit“:

„Die meisten Männer wissen nicht, wie unfrei sie sind,
weil sie sich an die Macht gewöhnt haben.“

Damit bringt sie eine subtile Kritik ins Spiel:
Das System, das Männer privilegiert, verhindert gleichzeitig emotionale und moralische Reife.

3. Männer sind fähig zur Veränderung – aber nicht automatisch bereit dazu

Garcia ist keine Pessimistin. Sie glaubt, dass Männer sich verändern können –
aber nur, wenn sie Verantwortung übernehmen und Macht abgeben.

In La conversation des sexes schreibt sie sinngemäß:

„Es reicht nicht, kein Täter zu sein. Man muss lernen, ein Partner zu sein.“

Das bedeutet:
Männer müssen ihre Sozialisation kritisch reflektieren.
Gleichberechtigung ist nicht bloß Verzicht, sondern eine Befreiung aus dem Zwang zur Dominanz.

Sie fordert von Männern ethische Arbeit an sich selbst –
ähnlich wie Beauvoir Selbstreflexion als Bedingung von Freiheit verstand.

4. Garcia unterscheidet zwischen Männern als Personen und Männlichkeit als System

Das ist ihr entscheidender Punkt:
Sie verurteilt keine Männer individuell, sondern das System „Männlichkeit“, das sie formt.

Dieses System erzeugt:

  • weibliche Unterwerfung,
  • männliche Dominanz,
  • und die Illusion, dass beides natürlich zusammengehört.

In ihrer Philosophie geht es also nicht um Schuld, sondern um Verantwortung:

„Ich will, dass Männer verstehen, dass Gleichheit nicht ein Angriff auf sie ist,
sondern eine Chance, sich selbst anders zu erfahren.“

Das zur Einordnung ihrer Theorien.

In denen macht es wahrscheinlich sogar Sinn: Der Mann setzt Dominanz ein, ignoriert Zustimmungserfordernisse, weil er in seiner Rolle gefangen ist.

Würde er jetzt aus der Rolle herauskommen und „die Wäsche waschen“ (gleichberechtigt), dann muss er keine Dominanz mehr zeigen also auch nicht vergewaltigen.

Das lässt natürlich vieles außer Betracht, als einfachstes Beispiel Sadisten, denen genau das Spaß macht, aber auch, dass der Mensch eben kein Blank Slate ist, den man beliebig fühlen kann. Man könnte überlegen, ob eine bestimmte Rollenverteilung nicht eher ein Zeichen für bestimmte Persönlichkeitsprofile sein könnte und kein kausaler Schutzfaktor.

Auch folgt aus einer Handlung wie „Wäsche waschen“ nicht, dass man auch seine Einstellung ändert.

Der Zusammenhang zwischen der Frage, wie viel Männer im Haushalt übernehmen und dem Pay Gap leuchtet den meisten wahrscheinlich noch ein. Sexuelle Gewalt wird dagegen eher nicht mehr als Teil dieses Kontinuums gesehen.

Sex wird oft als Blackbox gesehen, als etwas, das vom Rest unseres Lebens separiert ist. Etwas zutiefst Intimes, das nicht von der Gesellschaft geformt ist. Eben hier liegt der Fehler: Unsere sexuellen Vorlieben sind genauso von der Gesellschaft geprägt wie die Frage, ob wir lieber Tee oder Kaffee mögen. Auch hier könnte man davon ausgehen, dass das eine ganz individuelle Entscheidung ist. Aber die meisten Brit:innen wählen Tee, Italiener:innen eher Kaffee. Und so wird Mädchen schon früh der Geschmack für Unterwerfung antrainiert. Mit meinen Kindern habe ich mir in letzter Zeit die ganzen Disney-Märchen wieder angesehen. Egal ob Schneewittchen, Aschenputtel oder Aladdin: Bei den Frauenfiguren wird belohnt, wer passiv und bescheiden ist.

Das passt zu ihrer These, dass Unterordnung erlernt ist. Es ist schade, dass auch hier evolutionäre Überlegungen dazu keinerlei Beachtung finden.

Wobei eigentlich diese Haltung ja konsequenterweise ein radikales Abhärtungstraining für Frauen bewirken müsste.