In einer Studie wollen Forscher eine Vielzahl von kognitiven Voreingenommenheiten auf die sechs Wesentlichen reduziert haben.
(Der englische Begriff wäre cognitive Bias, als Übersetzung wird vorgeschlagen
- kognitive Voreingenommenheiten
- kognitive Verzerrungen
- kognitive Vorurteile
Was nun die beste Übersetzung ist wäre sicherlich eine gute Frage, ich habe es mal mit Voreingenommenheiten übersetzt, weil es für mich noch am neutralsten klingt)
Der Abstract:
One of the essential insights from psychological research is that people’s information processing is often biased. By now, a number of different biases have been identified and empirically demonstrated. Unfortunately, however, these biases have often been examined in separate lines of research, thereby precluding the recognition of shared principles. Here we argue that several—so far mostly unrelated—biases (e.g., bias blind spot, hostile media bias, egocentric/ethnocentric bias, outcome bias) can be traced back to the combination of a fundamental prior belief and humans’ tendency toward belief-consistent information processing. What varies between different biases is essentially the specific belief that guides information processing. More importantly, we propose that different biases even share the same underlying belief and differ only in the specific outcome of information processing that is assessed (i.e., the dependent variable), thus tapping into different manifestations of the same latent information processing. In other words, we propose for discussion a model that suffices to explain several different biases. We thereby suggest a more parsimonious approach compared with current theoretical explanations of these biases. We also generate novel hypotheses that follow directly from the integrative nature of our perspective.
Quelle:Toward Parsimony in Bias Research: A Proposed Common Framework of Belief-Consistent Information Processing for a Set of Biases
In der Studie ist natürlich näher dargestellt, warum sie das annehmen und aus welchen anderen Annahmen sie das herleiten. Aber ich finde erst einmal die konkreten Annahmen interessant:
- My experience is a reasonable reference.
- I make correct assessments of the world.
- I am good.
- My group is a reasonable reference.
- My group is good.
- People’s attributes (not context) shape outcomes.
Und einmal durch Deepl:
- Meine Erfahrung ist eine vernünftige Referenz.
- Ich schätze die Welt richtig ein.
- Ich bin gut.
- Meine Gruppe ist ein vernünftiger Bezugspunkt.
- Meine Gruppe ist gut.
- Die Eigenschaften der Menschen (nicht der Kontext) bestimmen die Ergebnisse.
Vermutlich kann man ohne diese Grundannahmen auch relativ schlecht funktionieren. Auf Twitter hatte das jemand deutlich gemacht, in dem er die Gegenannahmen dargestellt hat:
Now look how weird the opposites sound:
1. My experience is not a reasonable reference.
2. I do not make correct assessments of the world.
3. I am not good.
4. My group isn’t a reasonable reference.
5. My group isn’t good.
6.People’s context (not attributes) shapes outcomes.
Es wird deutlich, dass es dann in einem normalen Leben in der Steinzeit sehr schwierig wird Entscheidungen zu finden und in der jeweiligen Gruppe zu überleben
Ein kurzes Durchgehen der Punkte:
Meine Erfahrung ist eine vernünftige Referenz.
Was soll ansonsten eine Reverenz sein, zumindest bis sich etwas anderes herausstellt? Natürlich kann einem das in ganz neuen Situationen Probleme bereiten, aber es ist zumindest ein guter Ansatzpunkt. Natürlich funktioniert es in einer einfacheren Welt besser als in einer sehr komplexen Welt
Es verleitet aber auch zu dem Fehlschluss, dass andere die vernünftig handeln auch meine Erfahrungen haben oder das sie verstehen, warum man etwas tut.
Ich schätze die Welt richtig ein.
Solange man sich in einer nicht zu komplexen Welt bewegt, was in der Steinzeit sicherlich der Fall war, dürfte das erst einmal ein guter Ansatz gewesen sein. Es bringt heute dann vielleicht mehr Probleme, einfach weil es immer schwieriger ist die Welt in ihrer Gesamtheit richtig einzuschätzen und wir auch viel mehr verschiedene Gruppen haben, die eine verschiedene Sicht auf die Welt haben. Es ist natürlich ein gefährlicher Bias, weil er es schwerer macht eine einmal gewonnene Weltsicht wieder loszuwerden, wenn diese sich zu bestimmten Grundannahmen verfestigt hat.
Die Fehleinschätzung wäre dann, dass man, wenn Leute zu anderen Ergebnissen kommen erst einmal davon ausgeht, dass diese falsch sind und diese eine Fehleinschätzung vorgenommen haben.
Ich bin gut
Eine sehr gefährliche Annahme. Sie ist sicherlich sinnvoll, weil sie einem ein gewisses Selbstbild erlaubt, in dem man zu bestimmten Handeln berechtigt ist. Problematisch dabei ist natürlich, dass man sich vieles zurechtdenken kann und so Böses in Gutes verwandeln kann. In einem Artikel über „Den Mythos des puren Bösen“ hatte ich dazu etwas:
The first and perhaps least interesting one to a psychologist is instrumentality. Evil acts are often merely a means to an end. People turn to violence as one means of getting what they want. What they want is typically not so different from what other people want. They want money, land, power, sex, and the like. They turn to violence in some cases because they cannot get what they want by more accepted, legitimate means. (…)
the second root cause of evil and violence is threatened egoism. When I began my research I had heard the standard theory that violence is perpetrated by people with low selfesteem. As I searched for the source and evidence, however, it emerged that this was one of those things that everybody knew but nobody had really ever shown. Moreover, the facts repeatedly contradicted it. A large literature review concluded, instead, that perpetrators of violence typically had very favorable views of themselves, sometimes absurdly so (Baumeister, 11 Smart, & Boden, 1996) (…)
The third root cause of evil is idealism. In some ways this is the most disturbing and tragic, because the perpetrators are motivated by the belief that they are doing something good. Idealists of both the left and the right have sometimes believed that their noble goals justify violent means. The worst body counts of the twentieth century were perpetrated by people who believed that they were doing what was necessary to create a utopian society, whether this reflected a left-wing vision (as in the communist slaughters in China and the Soviet Union) or a right-wing one (as in the horrors perpetrated by Nazi Germany). Earlier centuries witnessed slaughters perpetrated in the name of religion, as people killed to serve their gods. To be sure, sometimes the idealism was a cover for baser motives, including instrumental ones. Some people used religious wars or persecutions to enrich themselves. Yet it is not reasonable to dismiss the sincere idealism of many of the perpetrators. In a large expedition such as the Crusades, there were some along for adventure and others hoping to get rich. But many honestly believed that they were doing God’s work by fighting the infidels in order to reclaim sacred ground for what they thought was the true faith. (…)
The fourth and final root cause is sadism, defined as sincere enjoyment from inflicting harm. Earlier I said that it may be most precise to refer to three and a half roots rather than four. Sadism would be the half
In dem ersten Fall kann man es als ungerecht ansehen, dass andere mehr haben oder das man keine Chance hatte und sich dennoch als Gut ansehen, etwa auch wenn man mit den Taten andere versorgt etc. Oder man stellt darauf ab, dass man etwas böses tun muss, damit man später etwas Gutes erreicht.
Im zweiten Fall kann man sagen, dass man nicht egoistisch ist, sondern es eben braucht und das es einem auch zusteht.
Der dritte Fall ist prädestiniert dafür der Gute zu sein, denn meist will man ja eine bessere Welt schaffen.
Und in dem vierten Fall werden sich auch rechtfertigen finden, etwa aus dem eigenen Bedürfnis.
Anders übersetzt wäre es „Ich habe gute Fähigkeiten“, was zu auch Selbstüberschätzungen führen kann und auch dazu, dass man Fehlschläge auf andere Umstände als sich selbst zurückführt.
Meine Gruppe ist ein vernünftiger Bezugspunkt.
Die Wichtigkeit der eigenen Gruppe für einen Menschen in der Steinzeit kann glaube ich gar nicht überbewertet werden. Einer starken Gruppe zuzugehören und in dieser akzeptiert zu sein, Unterstützer zu haben, jemanden zu haben, der Partner und Kinder beschützt und Essen mit einem teilt, dürfte ungemein wichtig gewesen sein. Sich an seiner Gruppe zu orientieren für die Frage wie man etwas macht oder machen sollte dürfte da ein guter Ansatz gewesen sein. Nebenprodukte sind natürlich Rassismus, Voreingenommenheit gegen Angehörige anderer Gruppen oder Leute, die etwas anders machen und das Festhängen in für andere Situationen nicht optimalen Regelungen.
Meine Gruppe ist gut.
Wenn ich gut bin und ich Teil der Gruppe bin, dann sollte diese auch besser gut sein. Es verstärkt die Solidarität in der Gruppe und sichert somit auch Unterstützung.
Natürlich bewirkt es auch Ungerechtigkeiten gegen andere Gruppen, wenn diese eigentlich im Recht sind. Aber es erklärt, warum Menschen so schnell Teil einer Gruppe werden und sich mit dieser solidarisieren. Es erklärt auch, warum die Gruppeneinteilungen im intersektionalen Feminismus in gute und schlechte Gruppen so fatal ist.
Ein Bild noch dazu:

Die Eigenschaften der Menschen (nicht der Kontext) bestimmen die Ergebnisse.
Also etwa „er ist toll, deswegen hatte er Erfolg (statt nur Glück)“ oder „er ist schlecht, deswegen hat es nicht geklappt (statt nur Pech)“
Oder „das hat der doch mit Absicht gemacht“ statt „das ist vielleicht einfach so passiert“ bzw „Die hat genau gewußt, dass ich heute ein gelbes Kleid anziehen wollte, und deswegen hat sie auch ein gelbes Kleid angezogen, die kopiert mich immer und will sich mit mir anlegen“ statt „zufälligerweise hat sie heute auch ein Kleid an“
Das verleitet natürlich schnell zu Fehleinschätzungen, aber vermutlich war es wichtiger Leute in ihren Fähigkeiten einzuschätzen.
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