Raewyn Conell: Hegemoniale Männlichkeit

War schon öfter Gegenstand von Artikeln, aber ich meine noch nicht in den einzelnen Abgrenzungen ihrer Konzepte:

Connell begreift das soziale Geschlecht als eine Weise, in der soziale Praxis geordnet ist. Da soziale Praxis immer von soziokulturellen Umständen abhängt, entstehen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Milieus auch unterschiedliche Konfigurationen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Der Antrieb dieser Veränderung ist der Machtkampf innerhalb der Geschlechterbeziehung und vor allem der von Connell immanentisierte Erhaltungsdrang des Patriarchats. In ihrem Buch „Der gemachte Mann“ befasst sich Connell u. a. mit den Relationen zwischen verschiedenen Männlichkeiten und stellt vier Konzepte solcher Verhältnisse vor.

Also die Geschlechterbeziehung als für die feminstischen Nullspiel-Theorien ganz typischer Machtkampf, in dem anscheinend nur die Männer bzw das Patriarchat einen Erhaltungsdrang hat:

Hegemoniale Männlichkeit[

Hegemonial ist diejenige Männlichkeit, die sich durch einen privilegierten Zugang zur Macht des Patriarchats auszeichnet. Sie ist für eine bestimmte gesellschaftliche Situation die durchsetzungsfähigste, wenn auch nicht einzige Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats. Macht und Erfolg der hegemonialen Männlichkeit beziehen sich dabei in erster Linie auf ein Kollektiv, d. h. ein einzelner ausgeprägtester Vertreter dieser Konfiguration verfügt in der Gesellschaft nicht unbedingt über die größte Autorität und nicht jeder mächtige Mann realisiert die hegemoniale Männlichkeit. Deutliche Beziehungen bestehen zwischen hegemonialer Männlichkeit, Heteronormativität sowie gesellschaftlicher und ökonomischer Macht.

Erscheint mir sehr schwammig. „Männlichkeit“  mit sehr privilegierten Zugang zur Macht des Patriarchats. Was soll das überhaupt sein? Vermutlich Männlichkeit, die etwa Frauen abwertet und verhindert, dass diese in Machtpositionen kommt, damit die Positionen eben von Männern besetzt werden können. Was ja auch eine sehr naive Vorstellung ist, denn Männer sind ja in einer ganz erheblichen Konkurrenz zueinander um Führungspositionen, die Frauen schlicht weitaus seltener mit machen wollen.

Und natürlich besteht eine Verbindung zu Heteronormativität. Was sonst könnte dazu führen, dass Generation um Generation Kinder als Heteros geboren werden?

Komplizenschaft

Es gibt nur wenige Männer, die alle Elemente hegemonialer Männlichkeit auf sich vereinigen und damit der gerade aktuellen Norm entsprechen. Dennoch profitiert die Mehrheit der Männer von der Vormachtstellung des Patriarchats. Connell nennt dieses Phänomen die „patriarchale Dividende“.[5] Über die Komplizenschaft überträgt sich aber auch die Dominanz im Geschlechterverhältnis nur partiell. Im Spannungsfeld des Alltages bedeutet dies, dass Kompromisse mit Frauen oft nicht zu umgehen sind und so widersprüchliche Konfigurationen entstehen.

Auch eine nette Immunisierung: Du bist vielleicht kein absolutes Schwein, aber du hast viele Merkmale eines Schweines und du machst nichts gegen die Voll-Schweine! Schuldig!

Und auch die „patriarchale Dividende“ ist eine wunderbare Sache: „Du machst zwar nicht mit, aber du profitierst davon!“ „Wie denn?“ „Na weil mehr deines Geschlechts in Führungspositionen sind“ „Ich bin nicht in einer Führungsposition und mein Boss ist eine Frau“ „Du. Profitierst. Davon! Es ist die patriarchale Dividende, die ist so vielfältig, ich kann dir das gar nicht alles aufzählen. Und deswegen mache ich es auch nicht. Du teilweises Schwein, welches von den Vollschweinen profitiert“

Und gleichzeitig kann man auch alle Männer verteufeln, die irgendwie was richtig machen, weil es einfach noch „nicht gut genug“ ist. Sie machen Kompromisse ja anscheinend auch nur, weil sie sie machen müssen und dadurch kann man wunderbar alle Unstimmigkeiten umgehen: „Aber Männer machen ja x, y und z für Frauen“ „ja, aber nur weil sie Komplizen der hegemonialen Männlichkeit sind, ansonsten würden sie diese Kompromisse nicht machen, weil sie dann Frauen einfach unterdrücken könnten“

Marginalisierung

Einige Männer, die in bestimmten Bereichen der Gesellschaft Erfolge zeitigen, profitieren nur in eingeschränkter Weise von der Macht und dem Ansehen des Patriarchats. Ein Grund dafür kann die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlich benachteiligten Gruppe sein. Connell führt als Beispiel an, dass trotz der zahlreichen Triumphe schwarzer Sportler schwarze Männer von ethnischer Diskriminierung betroffen sind. So stellt die marginalisierte Männlichkeit das gegenteilige Verhältnis zur Komplizenschaft dar.

Sind sie denn da als Männer „marginalisiert“? Und stützen sie nicht teilweise gerade weitaus mehr gleichzeitig die „hegemoniale Männlichkeit“?

Unterordnung

Wenn Kampf um den Machterhalt des Patriarchats eine Konstante innerhalb der Geschlechterbeziehungen ist, dann haben die Anteilseigner des Patriarchats ein Interesse daran, jede Männlichkeit zu unterdrücken, die die hegemoniale Männlichkeit untergraben könnte. In der Logik der Hegemonie rücken diese Männlichkeiten in gefährliche Nähe zur Weiblichkeit, was sich auch durch symbolische Verweiblichung in der Betitelung mit Schmähwörtern (Dysphemismus, Pejorativum) ausdrückt, bspw. (die Tunte, dieSchwuchtel). Als auffälligstes Beispiel unterdrückter Männlichkeit der Gegenwart nennt Connell schwule Männlichkeit. Noch weniger als bei der hegemonialen Männlichkeit entspricht die untergeordnete Männlichkeit einer definierten Gruppe. Das Bannfeld patriarchatsschwächender Elemente betrifft auch einzelne Praktiken, sodass Männer, die tendenziell nicht zu einer diskriminierten Gruppe gehören, ebenfalls dem Vorwurf der Weiblichkeit ausgesetzt werden können.

Oder es ist schlicht pränatales Testosteron, das tatsächlich bei Homosexuellen ein weiblicheres Auftreten bewirkt, welches dann in der intrasexuellen Komkurrenz negativ bewertet wird.

Wobei man vieles davon ja umdrehen kann: Ein „Butch“ also eine sehr männliche Lesbe wird auch von vielen Frauen den Vorwurf der Unweiblichkeit hören. Frauen könnte man für andere Bereiche genauso eine „hegemoniale Weiblichkeit“ unterstellen etc.

 

Interessieren würde mich inwieweit das in den intersektionalen Theorien noch eine Rolle spielt. Natürlich wird da auch gern von „Marginalisierten“ etc gesprochen, aber die Unterscheidung wie oben scheint mir nicht mehr „Hauptbestandteil“ der dortigen Theorien

6 Gedanken zu “Raewyn Conell: Hegemoniale Männlichkeit

  1. Feministische Gesellschaftserklärungen gehören unter Science Fiction, Fantasy oder „Beispiele von starken Projektionen“ abgelegt und haben genausoviel Realitätsbezug wie alles andere was man dort findet.

  2. Wer weiss, wie Männer miteinander umgehen, und gegeneinander kämpfen – um Macht, Status, Geld, Erkenntnisse, High Scores – muss doch diese Vorstellung einer steuernden Hegemonialität in das Reich der Verschwörungstheorie verweisen. Wer sollen denn diese Patriarchen sein, die sich bemühen, die Herrschaft der Männlichkeit zu bewahren? Die katholische Kirche? Das saudi-arabische Königshaus? Die CDU/CSU?

    Wird nicht andersherum ein Schuh draus? Das sich Männer lieber mit anderen Männern beschäftigen, weil sie ähnlicher sind, gleiche Gesprächsthemen haben, gleiche Interessen? Sie sich lieber über Autos, Computer, Sport, Politik, Geld, Grillen und Wein (oder obskure Gebiete, in denen man unendliches Detailwissen Anhäufen kann, wie z. B. Zugbeobachtung) unterhalten, während die Damen sich über andere Menschen unterhalten, Königshäuser, Klamotten, Schminke, Tiere, Kinder?

    Ist es nicht leichter, mit jemand zusammenzuarbeiten, mit dem man gleich tickt? Und bei dem auf gar keinen Fall eine sexuelle Anziehung in die Quere kommt? Würde nicht bei einem wesentlichen Anteil von Männern und Frauen, die sich perfekt in einem professionellen Umfeld ergänzen, eine sexuelle Komponente die professionelle Ebene negativ beeinträchtigen?

    • Ohne die Autorin gelesen zu haben denke ich das du die richtigen Fragen gestellt hast.
      Berufliches Leben beschränkt sich nicht nur auf professionelle Aspekte. Da sind gemeinsame Interessen, Themen und Meinungen wichtig. Wie wichtig? Das hängt mit Sicherheit vom professionellen Selbstverständnis der Gruppe ab. Neuere Unternehmen in jüngeren Berufsfelder fokusieren ein höheres profiessionelles Selbstverständnis, zum Teil mit drastischen Massnahmen. Die Psychologie sagt eindeutig das zur besseren Kooperation ein Gruppenkonsens hergestellt werden sollte. Wenn dieser eben mehr geschlechtlich als professionell hergestellt wird wird die Diskreminierung nur logisch und unausweichlich sein; Du gehörst nicht dazu, auch wenn du ein Teil von uns bist!

      Ich finden einen anderen Aspekt noch interessant. Ich würde vermuten das Leistungsangst ein entscheidener Punkt für den Widerstand gegenüber stärker professionell orientierten Unternehmensausrichtungen ist. Ja, das Gegengeschlecht könnte gerade wegen der besseren Leistung gegenüber mir bevorzugt werden. Ich haben keinen geschlechtlichen Bonus mehr. Da gerät das „peinliche“ Schweigen wenn im „professionellen“ gerade nichts zu sagen ist zur Kleinigkeit.

      Dazu zu gehören verlangt auch entsprechende Kodes. Wenn diese ausreichend unterschieden werden; was hast du denn für Hobbies? Bist du Frauenversteher und …. Alles bekannte Zusammenhänge, von jedem erfahren.

      Beziehung ist noch eine Ebene mehr. Es ist dann ein Bündnis das für die „Funktion“ der Gruppendiskreminierung eine Sonderrolle einnimmt. Die Angst der Bewahrer ist dan wohl grenzenlos.

      Danke für deine Fragen.

  3. „Wenn Kampf um den Machterhalt des Patriarchats eine Konstante innerhalb der Geschlechterbeziehungen ist, dann haben die Anteilseigner des Patriarchats ein Interesse daran, jede Männlichkeit zu unterdrücken, die die hegemoniale Männlichkeit untergraben könnte. In der Logik der Hegemonie rücken diese Männlichkeiten in gefährliche Nähe zur Weiblichkeit, was sich auch durch symbolische Verweiblichung in der Betitelung mit Schmähwörtern (Dysphemismus, Pejorativum) ausdrückt, bspw. (die Tunte, dieSchwuchtel).“

    Ich denke, dass die Begriffe Tunte und Schwuchtel eher ein auffälliges Verhalten umschreiben, denn die Tatsache der Homosexualität an sich.
    Es gibt genug Spitzenpolitiker und Künstler, die die These reichlich widerlegen. Anteilig sind Schwule wahrscheinlich im Unterhaltungswesen sogar überproportional vertreten – ohne, dass der „durchschnittliche Mann“ damit ein Problem hätte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.