„Wisst ihr, wie viele Frauen sich nicht scheiden lassen / sich trennen, weil sie Angst vor dem finanziellen Ruin haben?“

 

„Jungs, warum wollt ihr nichts von „Toxic Masculinity“ hören?“

Ich mochte vor Jahren, als ich die Süddeutsche noch gelesen habe und im Abo hatte, die jetzt ganz gerne. Gerade die Rubrik: Mädchenfrage – Jungenfrage war häufig interessant und witzig geschrieben. Aber der intersektionale Feminismus ist ja schon länger dort angekommen, jetzt mit einer Frage, die sich abseits des Feminismus wahrscheinlich kein Mädchen stellt:

Liebe Jungs,

Was Mannsein heißt, wollte euch ein Rasierklingenhersteller Anfang dieses Jahres in einem Werbespot erklären, der „Toxic Masculinity“ anprangert: Er zeigt Männer als Machos am Grill, die hilflos dreinblicken, während immer mehr #MeToo-Nachrichten aus dem Fernseher rieseln. Dem gegenüber stellte Gillette Bilder von „guten Männern“: den jungen Vater, der mit seiner kleinen Tochter Motivationssprüche aufsagt, den Typen, der bei einem Streit unter Männern schlichtend dazwischen geht. Voilà, Shitstorm: Für den Spot gab es doppelt so viele Daumen runter wie hoch – vor allem von Männern. Vielen war der Inhalt zu plakativ, vor allem schienen euch aber die Worte „Toxic Masculinity“ zu stören.

Dass der Begriff, der ursprünglich aus der Soziologie der frühen 2000er stammt, ein bisschen fies klingt und gerade zum Modewort wird: geschenkt. Dass der Wandel eines Rasiererherstellers zum feministischen Akteur etwas unvermittelt kommt, auch. Aber dass dahinter auch ein reales Problem steckt, nämlich die negativen Auswirkungen von stereotypem Mannsein (Mann gleich hetero, hart, alpha) auf euch und uns, hört ihr scheinbar nicht so gern.

Selbst bei Diskussionen mit all den wunderbaren, schlauen und fortschrittlichen Männern in meinem Freundeskreis folgt auf den Begriff „Toxische Männlichkeit“ immer ein genervtes Seufzen. Digital passiert ähnliches unter Hashtags wie #NotAllMen. Ihr scheint große Angst davor zu haben, in einer negativen Schublade zu landen, einfach nur weil ihr Männer seid.

Dabei stört das Rumgehacke auf eurer kollektiven Boshaftigkeit auch uns gewaltig. Weil es unfair ist, ja. Aber auch, weil ihr dadurch mehr damit beschäftigt seid, für „die Männer“ zu argumentieren als für uns. Eure Genervtheit macht uns traurig. Denn sie verhindert die Gespräche, die wir dringend führen müssten – die, in denen es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze geht. Wir haben doch alle kapiert, dass es hilft, die Dinge zu benennen, die Sexismus eine Grundlage geben.

„Toxische Männlichkeit“ ist keine feministische Verschwörungstheorie, sondern ein neuer Begriff für alte Verhaltensmuster. Er beschreibt für mich auch eine männliche Herdenmentalität, die dafür sorgt, dass mir eine Gruppe von Männern öfter hinterher ruft als ein einzelner Mann. Dass sich Kollegen in gemischter Runde automatisch mehr mit Geschlechtsgenossen unterhalten, dass Männer sich „unter sich“ anders verhalten – kurz: dass Männlichkeit in der Gruppe unserer Gleichberechtigung im Weg steht. Und diese toxische Form der Männlichkeit hat noch eine ernstzunehmende Konsequenz: Die hohe Depressions- und Suizidrate unter Männern hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass stereotypes Mannsein heißt, keine Gefühle zu zeigen. Das findet ihr doch auch schlimm, oder? Warum seid ihr dann nicht genauso wütend wie wir?

Stört euch, dass wir Männlichkeit an sich anprangern? Müssen wir genauer werden? Oder findet ihr insgeheim einen Teil vom stereotypen Mannsein doch irgendwie gut? Was, wenn wir sagen: Toxisch, also schädlich, ist ein stereotypes Verhalten dann, wenn es uns und andere davon abhält, ihre Identität so zu leben, wie sie es wollen? Theoretisch können demnach auch stereotyp weibliche Attribute toxisch sein: Fürsorge etwa, wenn sie uns davon abhält, unseren Partner nach Elternzeit zu fragen.

Also, liebe Jungs: Findet ihr eure eigene Männlichkeit nun toxisch oder nicht? Und wenn ja: Warum wollt ihr nicht darüber reden?

Verwirrte Grüße

Eure Mädchen

Was für ein Mist. Schoppe hat ihn schon perfekt besprochen.

Ich zitiere einfach mal ein paar Kommentare:

Toxische
Männlichkeit ist ein Männlichkeitsklischee und der Ausdruck tiefer
Ressentiments. Daraus resultiert die Abwehrhaltung

oder:

Hier wird irgendwo ein Begriff verwendet, der nicht für sich selbst steht, sondern erstmal erklärt werden muss. Der Zweck ist klar: Der Begriff ist prägnant und provokativ gleichzeitig. Aber je nachdem wer versucht ihn zu definieren, kommen sehr unterschiedliche Sichtweisen zu Tage. Mal geht es um „männliches Verhalten“, dann über „männliches“ und „weibliches“, dann über Aktuelles und dann wiederum über längst überwundenes. Dann fügt man noch die Themen Hierarchie oder konkrete Verhaltensmuster im Einzelfall oder in der Gruppe ein und tada: Wir haben das Durcheinander. Meiner Meinung nach wäre es deutlich konstruktiver, auf solche Begriffe und den kalkulierten Streit darüber vollständig zu verzichten, und direkt zum Punkt zu kommen.

Ich weiß nicht, in welcher Welt es funktioniert, dass man mit jemandem in den Dialog tritt, indem man ihn angreift oder beschimpft.

oder:

Idioten, männliche als auch weibliche, gab es, gibt es und wird es immer geben. Genauso allerdings auch gefühlvolle und empathische Menschen.
Das Problem an diesen Konzepten, wie toxische Männlichkeit, ist, dass sie der Versuch sind, ganze Gruppen von Personen über einen Kamm zu scheren. Dies ist abzulehnen. Erstens, weil es diskriminierend ist und zweitens weil es übergriffig ist.
Übergriffig ist es, weil es der Versuch ist, Verhalten, welches einem selbst nicht gefällt, bei anderen abstellen zu wollen. Sofern es sich dabei nicht um strafrechtlich relevantes Verhalten handelt, ist das jedoch intolerant und durch nichts zu legitimieren.
Das heißt noch lange nicht, dass man gewisse Verhaltensweisen gut finden muss. Im Gegenteil. Wenn man etwas nicht gut findet, darf man das sagen. Wenn das nicht hilft, muss man sich solchen Leuten nicht abgeben.
Im Übrigen sollten man sich bewusst sein, dass niemand perfekt ist. Vielleicht hat jemand, der auf der einen Seite ein Defizit hat auf der anderen einen großen Vorzug. Es kommt auf die Mischung an und die Frage, ob man selbst, ganz individuell das Gesamtpaket mag.

oder:

Leute, die sich diskriminiert fühlen, wenn, wenn man Berufsbezeichnungen nicht das passende Gendersternchen verpaßt, gleichzeitig aber mich auffordern „Feminismus“ als positiv für Männer anzuerkennen und die Arschlochverhalten als „toxisch+männlich“ bezeichnen, sind entweder intellektuell nicht satisfaktionsfähig, oder einfach niederträchtig

Darf man hier „Scheiße“ sagen? Weil das is sexistische Kackscheiße.
Historischen wie zeitgenössischen Machtmißbrauch umzudeklarieren in eine Geschlechtseigenschaft, das ist so erbärmlich. Und das von Leuten, die sich für besonders „links“ und emanzipiert halten.

Der allergrößte Teil der Kommentare ist negativ. Kann natürlich auch an der Verlinkung durch Schoppe und andere liegen. Aber dennoch gut zu sehen.