Nahles und was ihr Frausein nicht oder doch mit dem Rücktritt zu tun hat

1. Die Süddeutsche:

Das ist nicht nur ein Problem der SPD, sondern ein generelles. Frauen in Machtpositionen sind keine Selbstverständlichkeit; sie werden noch immer schonungsloser als Männer infrage gestellt. Die traditionsreiche, ebenfalls mehr als 100 Jahre alte New York Times wagte ähnlich spät wie die alte Tante SPD, eine Frau an die Spitze zu befördern. Die erste Chefredakteurin Jill Abramson, eine gestandene Journalistin, blieb zwar etwas länger als die erste SPD-Parteivorsitzende, aber auch keine drei Jahre. Weil das Arbeitsklima unter ihr so schwierig geworden sei, musste sie vorzeitig gehen. Man kann das auch andersherum sehen: Abramson führte die Zeitung so, wie ihre männlichen Kollegen es vorher getan hatten, dominant, wenig kommunikativ. Doch diese Art des Bestimmens, die man bei einem Mann als normal angesehen hatte, wurde ihr zum Vorwurf gemacht: Die Maßstäbe, die an ihren Führungsstil angelegt worden sind, waren höher. Sexismus in Führungsetagen ist bis heute nicht überwunden.

Interessanterweise wird das vorangestellte Beispiel hier frei von Fakten gehalten, es wird eben gerade nicht geklärt, ob ihr Führungsstil schlecht war oder ob er der Gleiche war wie bei den männlichen Vorgängeren und nur anders bewertet worden ist weil sie eine Frau ist.

Auch ohne diese Fakten ist die Wertung aber klar: Sie als Frau musste sich einem höheren Maßstab stellen

(wie ein Mann abgeschnitten hätte, der einen „extrem weiblichen“ Führungsstil durchgezogen hätte wird gar nicht gefragt, ob sie vielleicht nur die Domnianz übernommen hat, aber andere Punkte des männlichen Verhaltens  nicht oder ob sie dominanter war als Männer bleibt ebenfalls unbeantwortet.

Frauen müssen noch immer mit dem Widerspruch leben, dass sie gern weiblich wirken dürfen, aber bitte männliche Führungsqualität zeigen sollen. Wer zu viel Weiblichkeit zeigt, läuft Gefahr, darauf reduziert zu werden. Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt wurde zu „Gucci-Helle“, weil sie modisch gekleidet war. Wenn sie bei Gipfeltreffen aus dem Auto stieg, verweilte die Kamera auf ihren Beinen, man diskutierte oft über ihre Strümpfe und irgendwann über einen Flirt mit Barack Obama.

Nur gut, dass männliche Politiker keine Spitznamen erhalten haben:

Etwa Philip Rösler als Bambi,  Norbert Röttgen als Muttis Klügster, Gerhard Schröder als „Brioni-Kanzler“, Helmut Kohl als Birne, Willy Brand als Willy Wolke,Häuptling Kurt Georg Kiesinger als Silberzunge, Franz Josef Strauß  und Karl Schiller als Plisch und Plum, Kurt Beck als Mecki etc.

Ganz zu schweigen davon, dass man gegenwärtig so ziemlich alles darauf zurückführt, dass bestimmte Politiker alte weiße Männer sind und damit per se schon einmal die Bösen.

„gelegentlich ins Prollige“ ist eine nette Untertreibung. Nahles ist gerne mal von einem Fettnäpfchen ins andere gesprungen und schien kein Gefühl dafür zu haben, wie sie bei den Leuten ankommt.
Und Kramp-Karrenbauer und ihre Faschingswitze? Wurde sie da nichts hauptsächlich von Linken angemacht, weil sie Witze auf Kosten von Minderheiten gemacht hat? Aber hat davor schon mal ein Kanzlerkandidat so etwas gemacht? Gab es überhaupt etwas vergleichbares? Kann man sich Kohl oder Schröder oder eben auch Merkel in der gleichen Situation vorstellen?

Vor diesem Hintergrund wird einmal mehr deutlich, welch unglaubliche Leistung Angela Merkel hingelegt hat. Das Mädchen aus dem Osten mit der „Topf-Frisur“. Eine Chefin, deren Frau-Sein öffentlich infrage gestellt wurde, die nur Mutti sein sollte. Welcher Kanzler hat sich jemals anhören müssen, ob das zusammengeht: ein Mann zu sein und eine Regierung zu führen.

Ja, wann wurde nur schon mal angeführt, dass ein weißer heterosexueller Mann wegen dieser Umstände nicht geeignet für die Regierung sei? Es ist schon faszinierend wie wenig die radikalen wahrnehmen, dass sie genau das machen, was sie anderen vorwerfen.

Merkel hat diese Bemerkungen alle ausgesessen; sie hat sie hingenommen, um im Kanzleramt zu bleiben. Sie hat einen hohen persönlichen Preis dafür bezahlt, über 14 Jahre an der Macht zu bleiben. Nahles war dazu nicht bereit. Man kann ihr daraus keinen Vorwurf machen. Der komplette Rückzug einer so leidenschaftlichen Politikerin wie Nahles aus allen Funktionen führt nachdrücklich vor Augen, dass in Deutschland noch viel zu tun ist, um die verkrusteten Strukturen des Patriarchats aufzubrechen. Eine Merkel macht noch keine Moderne.

Oder Nahles hat einfach kein gutes Händchen gehabt und vieles falsch gemacht.

2. Die Bild

Andrea Nahles hat aufgegeben. Noch vor der eigentlichen Abstimmung zum Parteivorsitz zog sie die Reißleine. Der notwendige Rückhalt sei nicht mehr da gewesen. Das Vertrauen. Sie hat sich verzockt. Also hat sie hingeschmissen.

Kann man so sehen.

Kann man aber auch anders sehen: Vielleicht hat Andrea Nahles sich einfach für ein freieres Leben entschieden. Vielleicht hatte sie die Machtkämpfe und Intrigen, die parteipolitischen Ränkespiele und und schmutzigen Tricks einfach satt. Vielleicht war es ihr das nicht mehr wert.

Kann sein, dass sie, die immer als Durchbeißerin galt, als erste Frau die SPD-Spitze eroberte, sich zunehmend gefragt hat, ob das Klammern an Macht, Status und politischer Karriere um jeden Preis noch ihre Priorität ist. Sie hat ein Kind, ein Leben jenseits der Politik.

Frauen um die 50, die auf eine beachtliche Karriere zurückblicken, definieren Erfolg für sich oft nochmals ganz neu. Jenseits der männlichen Kategorien von Geld, Macht und Status.

Kann gut sein, dass Nahles plötzlich der emotionale Preis, den sie (mal wieder) hätte zahlen müssen, zu hoch erschien.

Aus meiner Sicht hat sie auch wenig retten können. Das Vertrauen war in der Tat weg und meine Vermutung ist, dass sie auch gemerkt hat, dass sie so etwas nicht rumreißen kann.

Dennoch ein interessanter Gedanke: Was bringt letztendlich Status und Geld, wenn man nur im Büro ist? Dem 50jährigen Mann vielleicht noch einmal eine 20 oder 10 Jahre jünger (Zweit-)Frau ode rauch schlicht seine Position unter den Männern. Der Frau hingegen dürfte es in diesen Bereichen weniger bringen bzw für sie ist es nicht so erstrebenswert

3. Spiegel

„Politik ist nicht nur ein wahnsinnig hartes Geschäft, sondern ich weiß selber, dass es auch immer noch mal besondere Härten gibt, wenn man weiblich ist“, sagte Baerbock. Sie habe großen Respekt vor der Konsequenz, mit der Nahles „das jetzt für sich abschließt“. Es brauche auch in der Spitzenpolitik „Fair Play“. Es sei wichtig, „dass wir anständig miteinander umgehen“.

4. Twitter allgemein mit „Pressespiegel“