Ein erfrischender Text zum heutigen Feminismus:
Früher war der Feminismus eine bürgerliche Freiheitsbewegung, die sich gegen einen übergriffigen Staat wehrte. Doch dieser Geist ist verflogen. Heute ist der Feminismus keine Freiheitslehre mehr, sondern eine Staatsdoktrin mit planwirtschaftlichen Attitüden und obrigkeitlichen Bekehrungsabsichten.
Nein, wir wollen sie nicht zurück, die guten alten Zeiten, als der Mann das Oberhaupt der Familie war, als die Mädchen aus sittlichen Gründen keinen Turnunterricht erhielten, als die Frauen nicht studieren, geschweige denn abstimmen und wählen durften und als es ihnen nur mit Genehmigung des Ehemannes erlaubt war, erwerbstätig zu sein.
Erst die Eliminierung all solcher Ungleichbehandlungen konnte die Grundlage für eine liberale Demokratie schaffen. Leicht hat man es den Frauen nicht gemacht. Eine gefühlte Ewigkeit lang mussten sich die Veteraninnen der Frauenbewegung gegen regulatorische Übergriffe des patriarchalen Staates wehren.
Die Frucht dieses unermüdlichen Einsatzes – die Gleichberechtigung – ist ein Geschenk an die Frauen und Mädchen von heute. Nie waren sie so frei wie jetzt, zumindest in den westlich geprägten Demokratien. Die Grande Dame der schweizerischen Frauenbewegung, Marthe Gosteli (1917–2017), nannte die Frauenemanzipation einmal «die grösste unblutige Freiheitsbewegung».
Marthe Gosteli verkörperte die Frauenbewegung, wie sie war, bevor die Linke mit Trillerpfeifen, Streikappellen, Sprayereien und Planzielen die Deutungshoheit über den Feminismus übernahm. Dieser bürgerliche Feminismus zeichnete sich durch eine auf Gleichberechtigung, Selbstbefähigung und Eigenverantwortung ausgerichtete und dem Gemeinsinn verpflichtete Haltung aus. Sein Ziel war das Ende der Benachteiligung der Frauen oder anders formuliert: die Abschaffung der Privilegien der Männer.
Soweit erst einmal die Einleitung. Ein Feminismus, der tatsächlich auf Selbstbefähigung und Eigenverantwortung ausgerichtet wäre wäre ja durchaus etwas interessantes. Er müsste sich dann allerdings weniger an Männern abarbeiten und Frauen weitaus mehr abverlangen.
Staatsdoktrin statt Basisbewegung
Dieses liberale Verständnis von Feminismus ist passé. Aus der einstigen Basisbewegung ist eine von akademischen Funktionärinnen organisierte Staatsdoktrin geworden, um die sich eine wachsende Sozialindustrie schart. Gerne trifft man sich an hochkarätigen Konferenzen, um aus höchster Warte über den Zustand der Frauen zu befinden und zu bestimmen, welche Massnahmen man auch noch forcieren könnte. Der Feminismus von heute kommt «von oben». Die Gendersprache ist beredtes Zeugnis davon.
Der Feminismus ist in der Tat teilweise in der Macht angekommen, sieht aber immer noch das Patriarchat überall. Und in der Tat ist der Feminismus der Gegenwart im starken Maße autoritär und wenig liberal. Er möchte Umformen, Regeln vorgeben, falsches Verhalten nicht mehr zulassen. Er weiß, was richtig ist und ist nicht mehr bereit darüber zu diskutieren, allenfalls wird erklärt, von der Kanzel herab.
Dieser paternalistische Feminismus ist mehr an der Verbreitung seiner eigenen Weltanschauung und an der aktiven Gestaltung der Gesellschaft interessiert als an der Freiheit. Der Freiheit traut das von Regulierungseifer getriebene Gleichstellungs-Establishment sowieso nicht über den Weg. Mit der Freiheit lässt sich auch nicht gut Politik machen; mit gönnerhaften «Geschenken» wie Frauenquoten und anderen Subventionen hingegen schon.
Und so ist aus der Emanzipationsbewegung, die gegen illiberale staatliche Privilegien gekämpft hatte, eine Kraft geworden, die ihrerseits ein neues Privilegienregister aufbaut, um die Frauen abermals zu belehren, was das «richtige» Leben ist. Wer – wie die Freundinnen der Frauenquote – der Meinung ist, dass Frauen im Wettbewerb nur mit obrigkeitlichem Begleitschutz bestehen können, ist an wahrhafter Emanzipation entweder nicht interessiert oder hat nicht begriffen, worum es dabei geht. Emanzipation bedeutet für die Frauen nämlich vor allem eines: kein Oberhaupt mehr zu haben, das an ihrer statt zum Rechten schaut.
Ach wäre das erfrischend. Aber der Zug ist wahrscheinlich abgefahren.