Selbermach Samstag

Welche Themen interessieren euch, welche Studien fandet ihr besonders interessant in der Woche, welche Neuigkeiten gibt es, die interessant für eine Diskussion wären und was beschäftigt euch gerade?

Welche interessanten Artikel gibt es auf euren Blogs? (Schamlose Eigenwerbung ist gerne gesehen!)

Welche Artikel fandet ihr in anderen Blogs besonders lesenswert?

Welches Thema sollte noch im Blog diskutiert werden?

Für das Flüchtlingsthema oder für Israel etc gibt es andere Blogs

Zwischen einem Kommentar, der nur einen Link oder einen Tweet ohne Besprechung des dort gesagten enthält, sollten mindestens 5 Kommentare anderer liegen, damit noch eine Diskussion erfolgen kann.

Ich erinnere auch noch mal an Alles Evolution auf Twitter und auf Facebook.

Wer mal einen Gastartikel schreiben möchte, auch gerne einen feministischen oder sonst zu hier geäußerten Ansichten kritischen, der ist dazu herzlich eingeladen

Es wäre nett, wenn ihr Artikel auf den sozialen Netzwerken verbreiten würdet.

„Was in Männerwelten unsichtbar bleibt“

Nils Pickert erklärt uns Männer, was wir nicht sehen, weil wir Männer sind bzw was in Männerwelten unsichtbar ist:

Hab viel Spaß, pass auf dich auf, lass dir nichts in den Drink schütten.“ Wenn meine beinahe volljährige Tochter von mir mit den üblichen Ausgehsätzen eingedeckt wird, verdreht sie immer ein bisschen die Augen und nickt zugleich zustimmend. Sie verdreht die Augen, weil ich andauernd das Gleiche sage und sie das alles schon tausendmal gehört hat. Sie nickt, weil sie weiß, dass ich recht habe. Sie war kaum ein Teenager, als sie von irgendeinem Typen in der Berliner U-Bahn dazu aufgefordert wurde, ihren Freund neben sich sitzen zu lassen, und lieber mit ihm nach Hause zu gehen. Dieser „Freund“ war ich.

Gefahren durch Warnungen zu belegen ist nicht der beste Beleg. Und ein einmaliges Erlebnis, bei dem noch nicht einmal genau klar wird, ob er eine Gefahr war oder sich dann wieder entfernt hat und auch sonst nichts gemacht hätte auch nicht.

Seitdem haben diverse Männer versucht, sich vor ihr zu entblößen und sie gegen ihren Willen anzufassen. Sie sind ihr hinterhergelaufen und haben ihr Angst gemacht.

Ich bin sicher, dass jede Frau und vermutlich auch jede junge Frau und genug jungen Männer Geschichten einer Belästigung erzählen können. Eben weil es genug Idioten gibt.

In der Schule haben sie und alle anderen Mädchen ein Hotpants-Verbot kassiert, weil das „unangemessen“ sei und „den Jungs das Lernen erschwere“.

Finde ich eine interessante Reihenfolge: Leute, die sich entblössen, dann die Aufforderung sich in der Schule nicht zu sexuell anzuziehen und dann gleich gefolgt von Leuten, die hinterherschreien, dass sie sie ficken wollen.
Man kann darüber diskutieren, ob ein solches „Sexy Kleidungsverbot“ sinnvoll ist und wir haben das meine ich auch schon in einigen Artikeln gemacht, aber es passt nicht ganz in die Reihenfolge.

In der Fußgängerzone hat ihr jemand hinterhergeschrien, dass er sie ficken will, als sie sich gerade einen Kaffee kaufen wollte. Von Ostern bis Oktober wird sie auf dem Schulweg quasi durchweg gecatcallt. „Hey Süße, bleib doch mal stehen. Jetzt bleib doch mal stehen, ich will dich was fragen. Dann halt nicht, du eingebildete Schlampe! Du bist mir sowieso zu hässlich!“ Woher ich das weiß? Weil ich dabei war.

Gut, ich wohne so halb auf dem Lande und nicht in Berlin (wie meine ich die Familie Plickert) aber durchgängig auf dem Schulweg gecattcallt? Klingt als würden sie in einem Problemviertel wohnen oder daran vorbei müssen.

Geheuchelte Überraschung

Überhaupt erzähle ich Ihnen hier nur die Dinge, die ich weiß. Tatsache ist, dass das nur einen Bruchteil dessen abbildet, was ihr und anderen Mädchen und Frauen tagtäglich passiert. Und das soll jetzt also irgendwie in Ordnung sein? Das ist die Wirklichkeit, in der wir uns achselzuckend einrichten und befinden, dass die Dinge eben sind, wie sie sind, und frau da halt durchmuss?

Nein Nils, wir hätten auch alle gerne eine bessere Welt, in der sich alle vernünftig benehmen. Aber was genau sollen wir ändern? Können wir die Leute, die deine noch relativ junge Tochter catcallen irgendwie umerziehen? Entgegen deiner Einschätzung kann man nicht die Gruppe Männer für etwas verantwortlich machen, was bestimmte Männer machen. Und ich als Mann habe keinerlei Einfluss darauf, wie andere Männer sich benehmen. Ich bin ja nicht – um es mal in eine andere Richtung zuzuspitzen – ihre Mutter.

Warum eigentlich? Wieso ist das der Lauf der Welt? Warum tun wir Männer Abwertung um Abwertung, Übergriff um Übergriff, Vergewaltigung um Vergewaltigung, Femizid um Femizid so, als wäre nichts? Bei jedem neuen Fall heucheln wir Überraschung. Nein, der doch nicht, kann ich mir nicht vorstellen, bloß nicht übertreiben. Jedes Mal führen wir einen lächerlichen Eiertanz auf, weil wir einfach nicht wahrhaben wollen, wie systemisch und gesellschaftsbestimmend (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen ist.

Femizide sind selten. Und nein, „jeden Dritten Tag“ sagt bei 365 Tagen aber 42.000.000 Frauen in Deutschland nichts aus.
Wo er gerade bei Überraschung ist finde ich diesen Artikel ein gutes Beispiel dafür, dass man häufig eine Situation hat, bei denen man zwei Themen nicht gleichzeitig mit Feministinnen diskutieren kann:

  • Frauen werden ab jungen Alter belästigt und sind sich bewußt, dass überall eine sexuelle Gefahr lauert, dass macht ihr Leben zu einem Spiesrutenlauf in dem sie beständig Angst haben müssen
  • Wie sollen Frauen ahnen, dass sie, wenn sie mit einer Gruppe anderer Frauen, die alle wie sie jung und hübsch sind, auf eine Aftershowparty einer Rockband eingeladen werden, dass Mitglieder der Band dann auf Sex aus sind??

Im ersten Szenario haben Frauen beständig Angst, selbst wenn sie nur auf dem Schulweg sind. Im zweiten Szenario sind sie die Unschuld vom Lande, die dachte das die Bandmitglieder sie wegen ihre Charakters mit den anderen Frauen in einem Raum warten lassen.

Hat nichts direkt mit seinem Artikel zu tun, er ist nur einer der Artikel, die die Gefahrenlage als allgegenwärtig und immer präsent darstellt um seine Position ausbauen zu können.

Oder was macht es mit Ihnen, wenn ich Ihnen sage, dass es Millionen Täter gibt? Dass Sie einen kennen, einen decken, einer sind oder alles zusammen? Dass das keine Einzelfälle sind, die leider, leider hier und da passieren, sondern unser misogynes Fundament ist, auf dem Sie und ich unseren täglichen Geschäften nachgehen. Auf dem 2019 ein Journalist nach einer Gruppenvergewaltigung an einer Frau in einem Stadtpark nachts durch ebenjenen lief und verkündete, er habe sich vollkommen sicher gefühlt. Ja, schön für dich, Dude!

Klar, alle Männer sind schuld, wenn irgendwelche Jungs/Männer seiner Tochter hinterherpfeifen. Was für eine Arroganz.

Und natürlich sind Frauen mit die Größten darin solches Verhalten zu decken oder sogar aktiv zu fördern. Sei es als Mutter, die einen echten Mann als Sohn will oder aber weil sie ein Arschloch interessant finden und ihn irgendwie so selbstbewußt etc. Diese einseitigen Verantwortungszuweisungen an Männer geht mir echt auf die nerven.
Als ob Nils im übrigen selbst irgendetwas ändern würde. Das sein Sohn mit einem Rock zur Schule gegangen ist oder das er für PinkStink schreibt interessiert keinen der Jungs, die den Mädels hinterherpfeifen. Die finden es lustig und empowernd und haben, wenn sie sonst cool und gutaussehend sind, vielleicht sogar einen gewissen Erfolg damit.

Natürlich sind Vergewaltigungen schrecklich, aber Männer sind auch nicht die einzigen, die so etwas sagen wie, dass sie keine Angst haben. Genug Frauen beispielsweise werden nach wie vor bei diversen Rockbands im Groupieraum sitzen und es ist ihnen ganz egal, ob dann vielleicht eine andere Frau überfordert ist und sich danach schlecht fühlt und sie dazu beigetragen haben. Genug Frauen haben Weinstein gedeckt, weil er sie mit guten Filmrollen versorgt hat und haben ihm vielleicht sogar junge Schauspielerinnen zugeführt oder sie nicht gewarnt. Genug Frauen reagieren mit einem Lachen auf das catcallen, weil sie sich wahrgenommen fühlen. Genug Frauen finden Männer, die sich schlecht verhalten aufregend. Frauen heiraten Produzenten wie Weinstein, bekommen mit ihnen Kinder und leben von dem Geld, dass er damit verdient, dass er Filme macht und nehmen seine Belästigungen anderer zumindest solange in Kauf, wie sie nicht offensichtlich sind und auf sie selbst zurückfallen.

Falls Sie jetzt den Eindruck haben, ich sei ein bisschen wütend, dann täuschen Sie sich. Ich bin stinksauer. Und zwar schon länger. Denn die meisten Männer, denen ich in meinem Leben bisher begegnet bin, schütteln über systematische Verachtung von und Gewalt gegen Frauen nur den Kopf. Weichen aus, finden das überzogen oder gar männerfeindlich und freuen sich, wenn ich endlich mein Maul halte. Mach ich aber nicht. Und wo ich gerade dabei bin, mich aufzuregen: Bei dem Gedanken daran, dass wir sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen wie eine Naturkatastrophe behandeln, möchte ich am liebsten alles anzünden.

Diese Feministen merken gar nicht wie nahe sie mit ihren Gruppentheorien an dem typischen Rassisten sind. Nur das die eben die Ausländer dafür veranwortlich mache, sonst bleibt alles gleich. Man könnte den gesamten Artikel sehr einfach umschreiben, wenn man immer dann, wenn er schlecht über Männer redet, ausländische Männer schreibt und dann die einheimischen Männer auffordert doch endlich was zu machen und das er sich darüber aufregt, dass man das hinnimmt wie eine Naturkatastrophe und nicht HANDELT!

Wieso macht die Urlaub in einem Erdbebengebiet? Weshalb geht die ohne Schutzanzug an einen Vulkankrater? Warum segelt die mitten in einen Sturm?

Starke Übertreibungen, aber natürlich kann man anmerken, dass Leute sich schützen sollen. Es ist um so bizarrer als Vorwurf, weil er das ja in seiner Anleitung ebenso macht. Er will, dass sie vorsichtig ist, dass niemand etwas in ihren Drink schüttet und sie soll auch sonst vorsichtig sein.

Keine Naturkatastrophe

Auch ich kann mich davon nicht freisprechen. Auch ich sage meiner Tochter, dass sie sich nichts in den Drink schütten lassen soll, so als wäre es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen. Auch ich tue zu oft wie alle anderen so, als wäre es unvermeidbar, ihre Freiheit und Unbeschwertheit zugunsten von Arschlöchern und deren gefühlten Anspruch auf Übergriffigkeit einzuschränken.

Ah, da sagt er es ja sogar selbst. Was ist dann eigentlich sein Vorhalt an die anderen Männer?

Sexualisierte Gewalt ist aber keine Naturkatastrophe. Es ist ein zumeist männliches Verbrechen, das auch von denen geschützt wird, die es selbst nicht begehen. Wir naturalisieren es, wir blasen es auf. Wir machen es zu einer Urgewalt und erklären damit, dass Frauen qua Geschlecht in einer Welt leben, in der im Bedarfsfall über ihre Körper verfügt wird. In der man sie zum Objekt macht und ihnen alles wegnehmen will, was ihnen gehört und was sie sind. Wir erklären diese Welt zum Schicksal, obwohl wir sie jeden Tag gegen Frauen neu erschaffen. Mit unserer Anspruchshaltung, unserer Gier, unserer Gewaltbereitschaft und unserem gekränkten Stolz. Mit unserem Desinteresse und unserer Ignoranz.

Das Bild der Naturkatastrophe ist für ihn günstig, weil er glaube ich den Gegensatz zwischen Naturkatastophe als Verhalten, welches man nicht kontrollieren kann, und menschlichen Verhalten, dass man kontrollieren kann, aufbauen möchte. Und damit natürlich die Aufforderung das Verhalten der Gruppe Männer zu kontrollieren (indem man bei sich anfängt). Aber das Bild trägt eben nicht, weil man Menschen nicht beliebig erziehen kann. Das ist ja, auch wenn das gerne im Feminismus ausgeblendet wird, nicht nur in Bezug auf Gewalt gegen Frauen so. Das ist in jedem menschlichen Bereich so. Das Strafgesetzbuch hat eine Menge Paragraphen und nur relativ wenige regeln sexuelles Fehlverhalten gegenüber anderen Menschen, weil es noch so unglaublich viele andere Art und Weisen gibt, wie Menschen (Männer und Frauen) sich fehlerhaft verhalten können. Der glaube an die (Gruppen-)Erziehbarkeit der Menschen dahin, dass sie schlechtes Verhalten nicht mehr durchführen und alle lieb und nett werden ist naiv und in keiner Weise durch Forschung gedeckt. Das sogar noch mehr, wenn wir Zuwanderungen aus Kulturkreisen mit ganz anderen Vorstellungen davon, wie sich Männer und Frauen verhalten sollen, hat.

„Ja, aber was sollen wir denn tun?!“ Vielleicht könnten wir ja mal damit anfangen, nicht mehr so zu tun, als wäre das alles vollkommen normal. Als handle es sich dabei um tragische Einzelfälle. Als gäbe es in jeder Generation nur einige wenige Männer, die sich in Bezug auf Frauen und Mädchen „danebenbenehmen“.

Wer tut denn so als wäre es normal in der Hinsicht, dass es okay ist? Es kann einen ein bestimmtes Verhalten ärgern, man kann aber dennoch davon ausgehen, dass man kein Möglichkeit hat es auszurotten oder zu ändern. Aber ich bin gespannt, wie sich Nils demnächst mit den Hinterherpfeifern anlegt, damit er die Normalität durchbricht.

Deadline dafür war übrigens vor ein paar Jahrhunderten. Worauf warten Sie eigentlich noch?! (Nils Pickert, 16.6.2023)

Nils, mach doch einfach selbst mal was. Los das Problem mit den Typen, die deiner Tochter hinterherpfeifen. Das ist sogar machbar, weil sie sich vielleicht eine andere Stelle zu suchen oder es zumindest nur machen, wenn sie dich nicht sehen.

Vielleicht hauen sie dir auch eine aufs Maul oder drohen es dir an. Das sind dann diese Normalitäten, von denen jeder Mann schon einmal etwas erlebt hat.