Selbermach Mittwoch

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„Entweder Mann ist laut gegen Frauenhass. Oder Mann ist leise dafür“

Mal wieder Männerhass beim Spiegel. Diesmal sind wir anscheinend für das Verhalten von Trump verantwortlich:

»Sie sind eine schreckliche Reporterin.«
»Sie sind eine schreckliche Person.«
»Sie sind das Schlimmste.«
Das sind nur ein paar der Beleidigungen, die sich weibliche Journalistinnen von US-Präsident Donald Trump anhören müssen, weil sie einfach nur ihren Job machen: mächtigen Männern kritische Fragen stellen. Und auch wenn man denkt, es kann nicht schlimmer kommen, übertrifft (oder unterbietet) Trump sich aktuell wieder mal selbst: Als vor wenigen Tagen eine gestandene Frau, die erfolgreiche Bloomberg-Korrespondentin des Weißen Hauses, Catherine Lucey, vor versammelter Journalistenmannschaft in der »Air Force One« Trump eine Nachfrage zu den Epstein-Akten stellt (ihr Job halt), hebt er seinen Zeigefinger, richtet ihn auf sie und herrscht sie mit den Worten »Still! Still, Schweinchen!« an.
Tatsächlich sagte er „Quit Piggy“ (einige meinen auch er sagte „Quiet Peggy“ (Peggy ist der Rufname einer anderen Journalistin die wohl dazwischen geredet haben soll) nachdem sie ihn immer wieder zu seiner Verbindung zu Epstein befragt hatte.
Hier das Video:
Vergessen wir für einen Moment den verurteilten Sexualstraftäter Donald Trump, der trotzdem das mächtigste Land der Welt regiert. Wenden wir uns denjenigen zu, die sein Verhalten überhaupt erst möglich machen: Dutzende Reporter, die während einer Fragerunde im Präsidentenflugzeug so laut schwiegen, dass es nicht zum Aushalten war.
Es ist nicht schwer, das Video in seiner vollen Länge zu finden, um zu erfahren wie es nach Trumps Mundstuhl weiterging: Niiieeemand hat etwas gesagt. Es gab noch nicht mal den kleinsten Hauch einer Schockstarre. Nein, es ging einfach weiter, als wäre Trumps Umgang mit dieser Frau eine Sekunde zuvor das normalste auf der Welt. Und damit wurde es das auch:
Was genau sollen sie auch sagen? Irgendwie scheint sie zu meinen, sie müssten für die Journalistin sofort die weißen Ritter spielen.
Gerade bei Trump, der ja immer wieder mit relativ pöbeligen Aussagen auffällt und Reporter auch vorher schon beleidigt hat.
Das Video geht in den USA seit Tagen viral und das Netz tobt mit Tweets und Kommentaren wie diesem: »Diese Stille zeigt dem ganzen Land: Frauen zu erniedrigen ist nun offiziell erlaubt.« Diese unüberhörbare Stille zeigt einmal mehr, dass es eben doch »All Men« heißen muss – dass alle Männer eine Mitschuld tragen, wenn Frauen erniedrigt, belästigt, beleidigt, geschlagen oder missbraucht werden. Warum? Weil es vielleicht nur einzelne Täter sind (»Not All Men« also), aber gleichzeitig all die anderen Männer (meist weiß, hetero, cis) um sie herum, die schweigen, still mitgrinsen, peinlich berührt wegschauen, ablenken, das Thema wechseln, aber eben auch nichts sagen und so Frauenhass legitimieren.
Na klar ist das der einzige Grund.

Hier ein paar Aussagen von Trump zu männlichen Reportern:

1. Jim Acosta (CNN)
Einer seiner häufigsten Gegner.

„You are a rude, terrible person.”
„Fake news, you are the enemy of the people.”
„Put down the mic.“
„CNN should be ashamed to have you working for them.“
Versuchte, seinen Presseausweis entziehen zu lassen.
Typ der Attacken: Respektlosigkeit, politischer Angriff, Delegitimierung.

2. Jonathan Karl (ABC News)
„You’re a third-rate reporter.“
„What you just said is a disgrace.“
„You will never make it.“
„Lightweight reporter.“
„Part of the fake news conspiracy.“
Typ der Attacken: Kompetenzherabsetzung.

3. Peter Alexander (NBC)
„I’m not a big fan of yours, either.“
„That’s a nasty question.“
„You always ask stupid questions.“
Typ der Attacken: Aggressive Zurückweisung.

4. Serge F. Kovaleski (New York Times)
Trump griff ihn besonders hart an:

Imitierte seine körperliche Behinderung in einer Rede (Schwingen der Arme).
„I don’t know the guy … or his level of intelligence.“
„He’s using his disability to grandstand.“
Typ der Attacken: Persönliche & körperbezogene Herabwürdigung.

5. Chuck Todd (NBC / Meet the Press)
„Sleepy-Eyed Chuck Todd.“
„One of the dumbest men on television.“
„Totally dishonest.“
„He shouldn’t be allowed to moderate.“
Typ der Attacken: Verspottung, Kompetenzangriff.

6. Jeff Mason (Reuters)
„Don’t be rude!“
„You don’t know what you’re talking about.“
„That’s fake.“
Weigerte sich, seine Fragen zu beantworten.
Typ der Attacken: Abwertung, Blockieren der Pressearbeit.

7. George Stephanopoulos (ABC)
„He’s a little guy, he’s so biased.“
„Not a real journalist.“
„Pathetic.“
Typ der Attacken: Kleinreden, politische Diskreditierung.

8. Glenn Thrush (New York Times)
„Glenn Thrush is a real loser.“
„Third-rate, dishonest political hack.“
Typ der Attacken: Schwere persönliche Beleidigungen.

9. Don Lemon (CNN)
„Don Lemon is the dumbest man on television.“
„A total lightweight.“
„An overrated opinion giver.“
Typ der Attacken: wiederholte Intelligenz-Beleidigungen.

10. Chris Cuomo (CNN)
„Fredo.“ (Anspielung auf den „dummen“ Bruder im Godfather)
„He’s nuts.“
„Total disrespectful lightweight.“
Typ der Attacken: Spitznamen, Herabsetzung.

11. Carl Bernstein (Watergate-Legende / CNN-Kommentator)
„Carl Bernstein is a degenerate fool.“
„He makes up stories.“
Typ der Attacken: persönliche Diffamierung.

12. Dan Rather (CBS)
„A sick person.“
„Should have been fired long ago.“
Typ der Attacken: Abwertung seiner Integrität.

13. Jake Tapper (CNN)
„Jake Tapper is a fake.“
„I don’t want anything to do with him.“
„One of the most biased people in the business.“
Typ der Attacken: Delegitimierung.

14. Chris Wallace (FOX News)
Trotz Fox-News-Moderation von Trump mehrfach angegriffen:

„Chris Wallace is not smart.“
„He’s worse than CNN.“
„He always protects Democrats.“
Typ der Attacken: politische Unterstellungen.

15. Phil Rucker (Washington Post)
„Phil Rucker is a nasty lightweight.“
„He writes lies.“
Typ der Attacken: Herabsetzung, Fake-News-Vorwürfe.

16. Jim Sciutto (CNN)
„Dangerous and dishonest.“
„Fake news guy.“

17. David Gregory (CNN / NBC)
„He was a disaster as a journalist.“
„Should have been fired sooner.“

18. Ron Brownstein (CNN / Atlantic)
„A hack.“
„Another fake-news guy.“

Kurz mal bei ChatGPT anzufragen, was er so bei Männern sagt hätte hier sicherlich geholfen.

Wobei: Eine Frau zu beleidigen ist in der Welt wahrscheinlich einfach eine Todsünde, einen Mann zu beleidigen… naja

Tatsächlich hat es deswegen ja sogar einen gewissen Aufschrei gegeben. Aber der Grund, dass man es nicht weiter verfolgt, ist das es eben Trump ist und er so redet. Und zwar jedem gegenüber.  Und vielleicht auch, dass sie ihn provoziert hat.

Aber ganz davon ab: Was sollen die Männer in aller Welt da jetzt machen? Und warum gerade bei diesem Vorfall? Es gibt ja genug Gründe mit Trump nicht einverstanden zu sein, die Beleidigung eines Reporters, auch wenn er diesmal weiblich ist, scheint mir da wenig ausschlaggebend zu sein.

So wie sich jeder Mann, der in diesem Flugzeug geschwiegen hat, mitschuldig gemacht hat,

Warum eigentlich nur jeder Mann?

macht sich auch jeder andere Mann mitschuldig, der nervös lächelt, wenn in seinem Büro ein sexistischer Witz fällt; der peinlich berührt wegsieht, wenn sein Kumpel die eigene Freundin beleidigt; wenn der Bruder auf dem Oktoberfest eine sturzbetrunkene Frau »klarmacht«; wenn der Gamingkumpel digital eine Mitspielerin belästigt und so weiter und so fort.

Es ist schon interessant,  dass man eine alle Männer abwertende Gruppenschuld für Männer erstellt und damit in einer großen Zeitschrift veröffentlicht wird, die immer wieder Männerhass veröffentlicht und dann mit den Fingern auf Männer zeigt.

Gut, dass noch nie eine Frau einen sexistischen Witz erzählt hat, noch nie eine Frau ihren Freund beleidigt oder kleingemacht hat, wenn eine andere Frau daneben stand, noch nie eine Frau Falschbeschuldigungen verbreitet hat oder oder oder.

Diese schweigende, sich selbst nur zu gern als »gute« Männer bezeichnende Mehrheit ist also sehr wohl mitgemeint, wenn Frauen »All Men« rufen.

Das ist auch immer wieder ein faszinierendes Format: Einen Vorfall aufgreifen, der nicht so gravierend ist aber bei dem eine Frau betroffen ist und dann daraus eine Gesamtschuld von Männern für alles aufbauen.

Denn will Mann wirklich nicht zu »All Men« gehören, reicht es eben nicht aus, nur selbst nicht zu beleidigen, zu grabschen oder zuzuschlagen. Es geht darum, sich seinem Kumpel aktiv in den Weg zu stellen, seinem Kollegen, Verwandten oder Vorgesetzten – selbst wenn er Donald Trump heißt. Und das nicht nur einmal heute am Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, sondern immer und immer wieder.

Warum reicht es nicht aus?

Man stelle sich einmal vor, dass man das gleiche Argument im Ausländerbereich bringen würde.
„Neulich hat ein Afghane eine Frau angegriffen, wo war da der Aufschrei aller anderen Afghanen? Warum lassen sie das zu? Diese unüberhörbare Stille zeigt einmal mehr, dass es eben doch »All Afghans« heißen muss – dass alle Afghanen, Männer oder Frauen,  eine Mitschuld tragen, wenn Nichtafghanen erniedrigt, belästigt, beleidigt, geschlagen oder missbraucht werden.  Das fängt bei Kleinigkeiten an Afghanen, die Frauen nicht die Hand geben wollen und die anderen Sagen nichts, die Frauen unrein finden, die sie vergewaltigen und Töten.  Neulich kam es zu einer Massenvergewaltigung. Es reicht nicht nur selbst nicht zu beleidigen, zu grabschen oder zuzuschlagen oder nicht zusammen mit anderen eine Frau zu vergewaltigen. Es geht darum,  sich seinem afghanischen Kumpel oder der afghanischen Frau, die will,  dass ihre Tochter verhüllende Kleidung trägt in den Weg zu stellen. Und das nicht nur Heute, sondern immer und immer wieder“

Da würden sie es sicherlich sofort erkennen. Merkwürdigerweise bei Männern nicht.

Na klar, ist das unangenehm! Aber sicher nicht so unangenehm wie für die Frau, die diese widerliche Scheiße erleben muss, richtig? Richtig.

Wir haben nicht mehr Macht gegenüber Trump als Du liebe  Alexandra Zykunov.

Wie wäre es also, wenn man gerade als weißer, hetero cis-Mann, der sonst wenig bis gar keine Diskriminierungserfahrung macht, diesen Artikel hier screenshottet und ihn in seinen WhatsApp Status hochlädt? Oder ihn akribisch in kleine Häppchen zerlegt und als Post bei Facebook oder Instagram postet? (Zeitaufwendige Aufklärungsarbeit übrigens, die meist Frauen auf Social Media leisten und sich damit wieder neuer, digitaler Gewalt aussetzen.) Warum nicht bei der nächsten Pokerrunde sagen: »Bruder, hast du den neuen Trumpausfall gesehen? Wie kann der die Frau so beleidigen und überhaupt als Sexualstraftäter ein Land regieren?« Oder dem einen Freund klar ins Gesicht sagen, dass sein ständiges Frauengepfeife sexistisch und frauenfeindlich ist?

Ich tue meinen Teil für eine bessere Welt ja schon, indem ich Sexismus wie von dir anspreche. Bringt übrigens alles nichts. Ihr könnt so viele „Aufklärungsarbeit“ leisten wie ihr wollt, es wird Trump nicht ändern.

Zu unangenehm? Da lachen die Jungs ja einen aus? Genau da liegt das Problem: Männer fürchten nichts so sehr, wie selbst von anderen Männern bloßgestellt und ausgestoßen zu werden, erklärt die Soziologin und Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach in ihrem Buch »Revolution der Verbundenheit«. Heißt: Gerade Hetero-Männer sagen in solchen Situationen oft nichts, weil sie selbst Angst vor männlicher Gewalt haben, davor als unmännlich, als »Weiber« oder »Pussys« beleidigt zu werden.

Es ist vollkommen okay Angst vor Gewalt zu haben. Wir müssen nicht hart sein, wir können Angst haben.

Wir schulden auch anderen Frauen nichts, sofern wir sie nicht kennen oder mit ihnen befreundet sind und wir sind nicht für das Handeln aller Männer verantwortlich.

Und natürlich: Die meisten Männer haben es auch schon erlebt, dass sie in einer Situation was sagen und die Frau sie ankeift, dass sie schon auf sich selbst aufpassen kann und man sich verpissen soll.

(Dass damit »Frau« universell als Beleidigung verstanden wird, davon mal ganz abgesehen.) Doch anstatt sich genau gegen diese patriarchalen Mechanismen gerade unter Männern zu stellen, überlassen sie »das feministische Gemecker« lieber den Frauen, die dafür wieder neuen Hass ernten.

Das feministische Gemecker trägt weitaus eher wesentlich dazu bei, dass Männer es lieber sein lassen. Sie sind ja eh immer die bösen. Nichts ist gut genug.

Die Autorin Farida D . unterscheidet zwischen »lauten« Frauenhassern und Männern, die sie unter sich dulden, den »leisen« Frauenhassern. Sie saßen in der »Air Force One«. Sie sitzen in unseren Büros, in der U-Bahn, im Fitnessstudio oder direkt an unserem Küchentisch. Auch wenn sie eigentlich die besten Absichten haben, so lange sie nicht aktiv laut werden (auch auf die Gefahr hin, dafür Sprüche zu kassieren), sind es auch alle »guten Männer«, die mit dem Vorwurf »All Men« klarkommen müssen.
Denn es ist eigentlich ziemlich simpel: Entweder Mann ist laut gegen Frauenhass. Oder Mann ist leise dafür. Es gibt kein Dazwischen.

Was für ein Weltbild!