rotz schweren Verlusten wird die Armee, wenn auch mit Mühe, wieder aufgestockt. Diejenigen, die sich der Militärpflicht nicht entziehen können, werden gezwungen, Verträge mit dem Verteidigungsministerium zu unterzeichnen. Mobilisierte und Kontraktsoldaten werden nicht einfach aus dem Krieg entlassen. Die Soldaten müssen bis zum Tod oder bis zum Ende des Krieges kämpfen. Selbst diejenigen, deren Mobilisierung von einem Gericht für illegal erklärt wurde, werden nicht aus dem Krieg entlassen.
Die Ehefrauen und Mütter der mobilisierten Männer schreiben Petitionen, in denen sie fordern, „die Dienstzeit bei der Mobilmachung auf höchstens sechs Monate festzulegen“. Doch meist werden die Frauen einer vom Westen bezahlten Hysterie beschuldigt. Besonders aktive erwarten Geldstrafen.
Die Schwerverletzten müssen nach kurzer Behandlung zurück an die Front. Es werden Diagnosen gefälscht, damit die Behörden nicht für die Verletzungen aufzukommen haben. Wie das russischsprachige estnische Internetmedium „Moschem Objasnit“ („Wir können es erklären“) berichtet, hatte beispielsweise der Ehemann von Elena M. aus der Region Primorje dreimal eine Gehirnerschütterung erlitten, das letzte Mal Anfang Januar.
Elena flog zum Krankenhaus in Rostow, um ihren Mann abzuholen, und nachdem sie einen Entlassungsschein erhalten hatte, ging sie zum Arzt, um das Ausmass der Kontusion ihres Mannes festzustellen. Der Arzt zerriss die Papiere und sagte, die Diagnose sei falsch – der Patient sei nur erkältet. Der Mann wird immer noch im Krankenhaus behandelt und hat eine Medaille für die Teilnahme an Kampfeinsätzen erhalten, Geld aber hat er bis heute nicht erhalten.
Die Regierung versucht, das Maximum aus den verfügbaren Kampfressourcen herauszuquetschen. Sie traut sich nicht, eine neue Mobilisierung durchzuführen, wie sie sich in der Bevölkerung als so unpopulär erwiesen hat. Selbst diejenigen, die in der Theorie für den Krieg sind, wollen in der Praxis nicht wirklich ihr Leben riskieren. Und die Patrioten, die bereit waren zu töten, sind schnell zur Neige gegangen. Den Behörden bleibt nur, die Männer zu zwingen oder zu kaufen.
„Drei von unserem Departement sind bereits beerdigt worden“, erzählt mir ein Bekannter aus Sachalin. „Sie alle haben Frauen und Kinder zurückgelassen. Und im Norden, da wurden bei der Mobilisierung fast alle abgeholt, mit Lastwagen und ohne ärztliche Untersuchung.“ Diejenigen, die zurückgeblieben sind, gehen auch in den Krieg, um ihre Kredite abzuzahlen, auf Sachalin gibt es kaum noch Arbeit. „Nadias Mann ist auf diese Weise gegangen“, erzählt mir eine Bekannte. „Er hat es nicht einmal bis zur Front geschafft, er wurde auf dem Weg zum Einsatz erschossen. Sie hatten drei Kinder. Seitdem trinkt sie nur noch. Ob sie Geld für ihn bekommen hat, weiss ich nicht. Aber sie trinkt auf irgendetwas.“
In den russischen Kleinstädten und Dörfern ist es jetzt überall so: Wer keine Arbeit findet, geht in die Ukraine. Alles ist besser, als aus Mangel an Geld oder an Alkoholismus zu sterben. Manchmal schicken Mütter und Ehefrauen ihre Männer auch selber in den Krieg. Wo die Löhne minimal sind, sind Frauen bereit, ihre Männer gegen die Möglichkeit einzutauschen, ihre Kinder einzukleiden und auszubilden, ein Haus oder ein Auto zu kaufen oder Kredite zu tilgen. In vielen Regionen sind 200 000 Rubel im Monat eine enorme Summe, die die Menschen noch nie in den Händen gehalten haben. Derzeit etwa 1800 Euro entsprechend, das ist der mittlere Sold.
„Ich habe in einem Hotel in Woronesch gewohnt, in dem die Männer wohnten, die einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterschrieben hatten“, erzählt mein Bekannter Kolja. „Morgens ging ich zum Frühstück, und sie tranken, und abends war ich zum Essen da, und sie tranken immer noch. Ihre Frauen kamen, um sie zu verabschieden, mit Tüten voller Wodka, Wurst und Brot. Alles war so alltäglich, als ob sie nicht in den Krieg zögen, sondern nur auf Geschäftsreise wären.“
Allerdings erhalten nicht alle ihre Zahlungen. Vor kurzem wurden zwei Videonachrichten veröffentlicht. In einer davon beschweren sich mehrere Dutzend Vertragssoldaten aus Orenburg darüber, dass „der Gouverneur der reichsten Region Russlands“, die über Öl, Gas und alles Mögliche verfügt, kein Geld für die Soldaten aufbringen kann. Die Menschen können nicht für Versorgungsleistungen zahlen, ihre Familien nicht unterstützen. Militärangehörige aus Karatschai-Tscherkessien forderten ebenfalls Zahlungen.
(…) In den besetzten Gebieten führen die Behörden eine totale Mobilisierung durch. Die Männer werden in eine Lage gebracht, in der die einzige Möglichkeit zu überleben darin besteht, sich als „Freiwilliger“ zur Armee zu melden. Eine solche Zwangseinbindung der lokalen Bevölkerung in den Krieg findet bereits seit dem Beginn der Besetzung der Gebiete statt. Nun zwingen die Besatzungsbehörden die Einwohner, russische Pässe anzunehmen, um sie dann ganz legal in den Kampf zu schicken.
„Ich habe einen Onkel aus Donezk, der jetzt in der russischen Armee dient“, sagt Katya aus Kiew. „Sie haben die Leute einfach gezwungen. Mein Vater hat auf der ukrainischen Seite gekämpft, mein Onkel auf der russischen. Ich habe versucht, herauszufinden, warum er sich nicht ergeben hat, warum er nicht weggelaufen ist, aber er sagt nur: ‹Du weisst nicht, was hier vor sich geht, wir können nichts tun.›“
(…) Denjenigen, denen die Flucht von der Front gelingt, droht Gefängnis. Früher wurden über Deserteure Bewährungsstrafen verhängt, damit sie an die Front zurückkehren konnten. Seit März 2023 werden sie zu drei bis sieben Jahren in einer allgemeinen Strafkolonie verurteilt. Journalisten des unabhängigen russischen Medienprojekts „ASTRA“ veröffentlichten eine Sammelklage von Angehörigen von Mobilisierten, die in einem illegalen Gefängnis in Zaitsevo sitzen. Dies ist der sechzehnte Ort in den besetzten Gebieten der Ukraine, an dem Soldaten ohne Gerichtsverfahren festgehalten werden.
Diejenigen, die freiwillig oder unfreiwillig in die Hände von Militärkommissaren fallen, haben nahezu keine Chance, zurückzukehren. Die Familie erhält möglicherweise Zahlungen, aber mit der zunehmenden Inflation wird selbst dieses grosse Geld an Wert verlieren. Trotz der Versicherung der Behörden, dass die Menschen bereit seien, zu dienen, gibt es immer weniger Kampfwillige. Diejenigen, die jetzt in Russland bleiben, sind unmittelbar von den neuen Gesetzen betroffen, sie haben oft keine Möglichkeit zu gehen, sie haben Familie, sie haben keine Ersparnisse, keine Auslandspässe.
Wir hatten es schon mal als Thema hier im Blog, aber es ist erstaunlich, dass dieser ganze Komplex nie unter dem Gesichtspunkt eines Geschlechterthemas diskutiert wird. Es ist immerhin ein ganz erheblicher Nachteil für Männer, dass sie da weitaus eher eingezogen werden oder eben die Versorgerrolle übernehmen müssen als Frauen.
Klar, wird der Feminismus sagen, das ist ja auch nur das Patriarchat, welches wir abschaffen wollen und das schadet eben auch Männern. Putins toxische Männlichkeit etc.
Aber wie man sieht können die Männer in vielen Fällen auch nichts dafür. Sie sind einfach dran und die Alternative ist Straflager. Bzw nur auf diese Weise ist genug Geld für die Familie vorhanden.