Nochmal zur „toxischen Männlichkeit“ und den „Jungsantworten“

Ich hatte hier etwas zu dem Text in der jetzt geschrieben, indem eine „Mädchenfrage“ sich damit beschäftigt, warum Jungs nichts von „toxischer Männlichkeit“ hören wollen. Die „Jungsantwort“ war dabei auch Thema in den Kommentaren

Billy Cohen führte aus:

Auweia! Die beiden „Jungsantworten“ sind ja darunter nur noch peinlich. Sie zeigen, dass man als Mann in derlei Postillen keine eigene Meinung mehr haben darf, die nicht zumindest in weiten Teilen von feministischem Propaganda-Bullshit durchzogen ist. Beide Antworten bemühen sich geradezu ritualisiert darum, darauf hinzuweisen, dass es den „Mädchen“ natürlich schon immer viel, viel schlimmer erging (wann soll das bitte schön gewesen sein?) und immer noch ergeht (wo soll das bitte schön der Fall sein?). Was sind das bloß für jämmerliche Pinsel???

Crumar ergänzt:

Hier versucht der ferngesteuert devote Autor das feministische Gewölle auf Abruf auszuspeien (Herv. von mir): „Denn „Toxic Masculinity“ heißt für uns, dass wir nicht der Mann sein können, der wir vielleicht sein wollen, weil eben das „giftige“ Bild von Männlichkeit in unseren Köpfen steckt: Wir müssen stark sein, unemotional und von allem einen Plan haben.“

Gesetzt werden muss, er wird im Pluralis Majestatis für „uns Männer“ sprechen, denn da der feministische Generalangriff auf die „vergiftet und vergiftende Männlichkeit“ alle Männer betrifft, wird der Autor sich kaum davon ausnehmen können.

Aber die intellektuelle Schlichtheit seiner Definition „vergiftet und vergiftende Männlichkeit“:
– stark sein,
– unemotional und
– von allem einen Plan haben, hat mehrere Haken.

Die Idee, dass gesellschaftliche Anforderungen an Männer dazu führen, sie könnten nicht ihre Emotionen zeigen, sondern wären angehalten diese zu unterdrücken ist bereits älter.
Diese Idee wurde in künstlerischer Form verarbeitet bspw. in dem populären Song der Gruppe The Cure, „Boys Don´t Cry“.
Das Lied stammt jedoch von 1980 und wurde „zum Hit einer Generation traurig blickender Jungs“ (Rolling Stone), die sich also von dem Lied so angesprochen fühlten, dass es einen Effekt auf ihr Verhalten hatte.

D.h. schon in diesem, fast 40 Jahren alten Pop-Song werden gesellschaftliche Anforderungen an Männer von Männern für Männer thematisiert und kritisiert. Noch populärer im deutschsprachigen Raum durch das Lied „Männer“ von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1984, in Form einer radikalen Ansage von Ton Steine Scherben „Ich will nicht werden, was mein Alter Ist“ von 1971.

Die umfassende Leugnung dieser Vorgeschichte durch den Autoren ist jedoch notwendig:
– denn niemals zuvor (APA 2019) wurde entdeckt, dass unterdrückte Emotionen Männern schaden,
– diese Einsicht ist Männern selbst nicht zugänglich,
– sondern nur die allwissende Feministin mit ihrem female gaze kann diese gewinnen und
– als Anklage gegen vergiftete Männlichkeit richten, die ungebrochen und unreflektiert existiert, selbst beim Beweis des Gegenteils.

Es wird behauptet, diese Männlichkeit müsse sich ändern und gleichzeitig werden Veränderungen ignoriert, weil es in dieser Perspektive keine männliche Selbstbefreiung geben darf.

Erstens ist das hier ausgedrückte Maß an Selbstverleugnung des Autors, diese Männlichkeit sei in allen Männern – und demnach auch in ihm – vorhanden einfach Gold, denn dass er sich gegen die „traditionelle Männlichkeit“ abgrenzt ist offensichtlich.
Er muss also für sich behaupten, dass etwas unreflektiert in ihm existiert, was er reflektierend kritisiert.
Nimm das, mentaler Spagat! 😉

Die Impertinenz der feministischen Anklage der 30-jährigen Autorin – die peinlich genug für sich in Anspruch nimmt für „die Mädchen“ zu sprechen – gegenüber diesem „progressiven“ Würstchen ist also nur haltbar, wenn zweitens die Unterstellung der „toxischen Männlichkeit“ nicht die „soziale Konstruktion“ Mann, sondern den biologischen Mann meint.
Also schon wieder deterministischer Biologismus – langweilig.

Das Machtgefälle zwischen Fifi und Dominette ergibt sich daraus, dass dem alten Mädchen zugestanden wird, über das Verhalten der „progressiven“ Männer zu wachen und dies zu kontrollieren.
Die Unterstellung, es befänden sich noch biologische Residuen traditioneller Männlichkeit in diesen, die nur die Dominette sehen und hilfreiche Handhabung bei deren Ausmerzung leisten könne, weitet diese Überwachung und Kontrolle ad infinitum aus.

Die Aufforderung, sich dem female/feministischen gaze zu unterwerfen sind dermaßen plakativ und auffällig, dass ich mich nicht wundere, warum die Kolumne keine erwachsenen Männer adressiert.
Alle feministischen Beiträge dieses Kalibers sehen gar keine Wiederworte von Männern vor, sondern nur die in der Pubertät hängen gebliebene, in ihrer Männlichkeit verunsicherte Speichellecker, deren Funktion die permanente Bestätigung selbst der albernsten Thesen von selbsternannten „Mädchen“ ist.
Diese Mischung aus fragiler, feminisierender Weiblichkeit und narzisstischer grandiosity wird zusehends unappetitlicher…

Ich schließe daher mit: „Es kann die Befreiung der Männer nur das Werk von Männern sein!“ 🙂

Ich wette, dass irgendwann schon ein Steinzeitmann sich über die Auswirkungen der intrasexuellen Konkurrenz beschwert hat und ebenso eine Steinzeitfrau die Mühen der intrasexuellen Konkurrenz beschwerlich fand. In beiden Fällen wird auch schon mal jemand damals darüber geschimpft haben, dass daraus auch eine intersexuelle Selektion folgt.

Stark sein, eine gewisse stoische Ruhe ausstrahlen (um unemotional mal positiver zu formulieren) und von allem einen Plan haben, war bei Männern immer hoch im Kurs und ist keineswegs toxisch, es sind vielmehr klassische Merkmale eines Anführers. Und das diese für Männer interessant waren lag natürlich auch an sexueller Selektion auf statushohe Männer durch Frauen, also Anführer.

Stoische Ruhe wäre dann die positive Seite, abzugrenzen von überemotional, hysterisch, panisch, empfindlich im negativen. Was dann alles wieder Eigenschaften sind, die eher dem weiblichen zugeordnet werden. Dieses Gegensatzpaar wird aber nicht gebildet, sondern es wird das Bild des eigentlich emotionalen, gerade nicht stoischen Mannes gebildet, der die Emotionen nur nicht ausdruckt, nicht ausdrücken darf, sie also unterdrückt. Das wird unterstellt, anscheinend weil man sich im Feminismus keine stoische Ruhe vorstellen kann.

Die Unterstellung, dass da irgendwo bestimmte Emotionen unterdrückt sein müssen, die für alles schlechte verantwortlich sind und das der Feminismus mit seinen Abwertungen diese gerade nicht mehr unterdrückt hat dabei etwas absurdes. Gerade dann wenn gerade im Feminismus jedes Vorhalten von Benachteiligungen mit einem Mimimi abgetan wird. Männer sollen insofern nur schwach sein dürfen, wenn es gerade in die richtige Richtung geht. Aber eben nicht, wenn die Richtung nicht gefällt. Dann ist es vollkommen okay sie als Jammerlappen zu beschimpfen.

Meryl Streep zu „toxischer Männlichkeit“

Meryl Streep hat sich gegen den Begriff der toxischen Männlichkeit“ ausgesprochen:

The three-time Oscar winner explained that she dislikes the term because, in her opinion, all individuals can exhibit toxic behaviour, regardless of gender.

“Sometimes I think we’re hurt. We hurt our boys by calling something toxic masculinity. I do,” Streep said. “And I don’t find [that] putting those two words together … because women can be pretty f***ing toxic.

“It’s toxic people,” the Suffragettestar said. “We have our good angles and we have our bad ones.”

Streep added that she thinks labels can be “less helpful” than direct communication when calling out detrimental behaviour.

“We’re all on the boat together. We’ve got to make it work,” she said.

Immer gut zu sehen, wenn ein Prominenter den Zirkus nicht mitmacht. Im Endeffekt spricht sie damit gegen einseitige Abwertungen von Jungen bzw Männer aus und führt an, dass Weiblichkeit da nicht besser ist. Und spricht sich dann wieder für einen individuellen Ansatz aus und nicht für eine Lagerbildung. Finde ich sehr positiv

Ansprechen einer Frau als Sexismus, der nicht cool ist

In der feministischen Gillettewerbung ist eine Stelle, bei der eine hübsche Frau die Straße entlang geht, ihr ein hübscher Mann hinterher blickt um sich dann auf den Weg zu machen, sie anzusprechen. Ein anderer (politisch korrekt schwarzer) Mann fängt ihn mit den Worten „Bro! Not Cool, not cool“ ab.

 

Gillette bro not cool

Gillette bro not cool

Es ist eine der Szenen, die ich reichlich vorverurteilend finde. Er hätte sie ja respektvoll und auf nette Weise ansprechen können, ein Nein dann vollkommen akzeptieren können und sie könnte froh gewesen sein, dass ein hübscher Mann sie nett anspricht.

Die generelle Verurteilung einer Kontaktaufnahme als Bestandteil der „Toxischen Männlichkeit“ ist typisch Feminismus, aber vollkommen unbegründet in der Darstellung. Wenn er lüsternd ausgeholt hätte um ihr von hinten auf den Arsch zu klatschen und der andere Mann kommt gerade noch dazwischen, dann wäre es klar und richtig gewesen, aber hier hat er schlicht noch nichts falsch gemacht. Viele Frauen würden sich sicherlich auch freuen, von ihm angesprochen zu werden.

Demnach hat diese Szene auch schon einiges an Memes produziert:

 

Gillette bro not cool

Gillette bro not cool

Hier wird Gillette der Spiegel vorgehalten, dass sie zuvor Werbung auf in Latexanzüge verpackten gut proportionierten Frauenhintern gemacht haben, was ihre Vorhalte jetzt eine gewisse Doppelmoral gibt.

Gillette bro not cool

Gillette bro not cool

Aber auch „normalere“ nicht auf Gillette bezogene Memes griffen das Bild auf. Hier ist die Situation umgekehrt: Die Frau ist jemand, mit dem man eine glückliche Beziehung führen könnte, man sollte sie sogar ansprechen, damit man zusammen glücklich ist, aber die klassiche Angst vor Ablehnung kommt dazwischen und verhindert das eigentlich schon bestimmte Glück. Eine komplette Umkehrung der eigentlichen Aussage.

Andere verbinden es mit anderen Memes und greifen so die Kritik auf.

Gillette bro not cool

Gillette bro not cool

Bei dem unteren Bild handelt es sich um ein Bild des konservativen Youtubers Steven Crowder, der insbesondere für ein Format bekannt ist, bei dem er eine konservative These in den Raum stellt (mit Vorliebe auf einem Uni Campus) und versucht mit Leuten fair und sachlich zu diskutieren. Ich hatte ihn hier beispielsweise mit der Diskussion „es gibt nur zwei Geschlechter, ändere meine Meinung“ verlinkt. Er ist auf diese Weise selbst zu einem Meme geworden, was ich ganz interessant finde, weil das natürlich seiner Sendung auch einiges an Aufmerksamkeit bescheren dürfte.

Allgemein wird aber das Meme so verwendet, dass oben etwas ist, was man berechtigterweise will und unten etwas gezeigt wird, was einen blöderweise zurückhält:

not cool bro

not cool bro

Oder:

not cool bro

not cool bro

 

Hier scheint mir die überwiegende Wertung ebenfalls zu sein, dass er unberechtigt zurückgehalten wird.

Was natürlich daran liegt, dass Männer nicht einsehen, dass jedes Ansprechen, auch durch ein männliches Modell, fürchterlich für die Frau ist und grundsätzlich eine Belästigung darstellt.

Mal wieder: „Wir sind gar keine Männerhasser, ihr seid nur voller toxischer Männlichkeit“

Aus Anlass des Women March äußert sich eine Feministin zum Verhältnis des Feminismus zu Männern:

Schawinski wirft ihrem Artikel Sexismus gegen Männer* vor, denn «toxische Männlichkeit» bedeute ja nichts anderes als «Männer sind (prinzipiell) giftig».

Nein, Herr Schawinski, «toxische Männlichkeit» bedeutet nicht «Männer sind giftig». Man versteht darunter bestimmte gesellschaftliche Erwartungen davon, wie Männer* zu sein und sich zu verhalten haben. Dass ein «richtiger» Mann keine Gefühle zeigt, sich an Schlägereien beteiligt oder mit möglichst vielen Frauen* schläft. Und dass er als Mann nichts dafür kann, denn «Jungs sind nun mal einfach so»: emotionslos, aggressiv, triebgesteuert. Diese Vorstellungen sind «toxisch», da sie einerseits Männer* dazu zwingen, einem Bild zu entsprechen, mit dem sie sich nicht unbedingt identifizieren können. Und andererseits, weil sie in aggressivem Verhalten (oder sogar Gewalt) gegen andere resultieren können.

Was geht es eigentlich Frauen an, wenn ein Mann keine Lust hat besonders gefühlsbetont zu sein und statt dessen lieber mit vielen Frauen schlafen möchte? Ist daran irgend etwas schädlich? Selbst wenn er sich mit anderen Männern raufen möchte (was die wenigsten Männern überhaupt regelmäßig vorhaben) wäre das, wenn der andere das auch will, erst einmal seine Sache.

Natürlich steht es ja jedem Mann offen anders zu leben und sich eine Clique von Männer zu bilden, die gerne Gefühle zeigen und nicht mit vielen Frauen schlafen wollen und nicht von Raufereien halten. Die meisten Jungs werden das dann eben für ihre Sache halten, auch wenn die ganz harten und die ganz weichen sich dann vielleicht nicht super verstehen. Es gibt ja genug Männer.

Aber ein solches Bild von Männern an sich will sie ja nun wirklich nicht positiv nennen oder? Es ist ungefähr so negativ-klischehaft wie es eine Aussage wäre wie „Wir haben nicht gegen Polen. Nur nichts gegen toxische Polenhaftigkeit. Dieses dauernde Autoklauen und das anstiften anderer dazu, dass ist doch wirklich schädlich für alle“. Natürlich könnte ein Pole auf den Gedanken kommen, dass er da beleidigt ist, weil es als verpflichtendes Klischee keineswegs auf die Mehrheit der Polen zutrifft.

Die meisten Männern zeigen durchaus Gefühle, wenn sie es für richtig halten, etwa Liebe gegenüber ihrer Freundin/Frau, Verbundenheit mit ihren Freunden, Freude und Begeisterung wenn ihr favorisierter Sportverein gewinnt, Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit, so zu tun als würden nur Frauen Emotionen kennen, weil sie eher mal heulen ist doch arg übertrieben.

Und auch wenn viele Männer sehr gerne mit sehr vielen Frauen schlafen würden, leben die meisten ja in Partnerschaften, in der sie mit einer Frau schlafen. Die Bonobowelt ist weit von der Realität entfernt, ebenso wie die gewünschten 64 Sexualpartner

Ob Schawinski im Vorfeld der Sendung lediglich schlecht recherchiert hatte, oder ob er absichtlich provozierte, um die Einschaltquoten zu erhöhen, sei dahingestellt. Fest steht, dass er mit seiner Meinung nicht alleine ist. Ob in den Kommentarspalten der Tageszeitungen oder am Küchentisch mit Freund*innen, wer sich als Feminist*in outet, wird oft als Männerhasser*in abgetan.

Weil viele Feministinnen Männerhasser sind. Und wenn sie das nicht sind, dann ist es ihnen evtl nur nicht bewußt, wie viel Hass die feministischen Theorien transportieren. .

Wir sind keine Männerhasser*innen

Daran sind nicht nur die anderen schuld. Denn Feminismus ist nicht immer selbsterklärend. Ich kann gut verstehen, dass Männer* (und auch Frauen*), die sich bisher kaum mit Geschlechterfragen auseinandergesetzt haben, «toxische Maskulinität» im ersten Moment mit Männerfeindlichkeit assoziieren. Dass sie sich unter «dem Patriarchat» nicht viel vorstellen können. Oder dass sie Angst haben, des «mansplaining» beschuldigt zu werden, wenn sie sich dann doch in eine Diskussion einschalten wollen.

„Toxische Männlichkeit“ ist auch Männerhass. Etwas verkleideter Männerhass, aber einer Gruppe pauschal schlechte Eigenschaften zu unterstellen, an denen die Welt zugrundegeht, wenn diese Gruppe im wesentlichen ein friedliches hochproduktives Leben führt hat eben starke Elemente von Hass.

Das man sich unter dem Patriarchat nichts wirklich vorstellen kann außer das Männer irgendwie Frauen unterdrücken oder es zumindest besser haben als diese oder die Welt zu ihrem Vorteil eingerichtet haben macht es auch nicht weniger Hassfrei.

Ebenso wenig wie die Verwendung eines sexistischen Begriffs wie Mansplaining, der gerne dazu genutzt wird Männern die Berechtigung zu nehmen, sich zu äußern und Aussagen ohne Beachtung ihres Inhalts aufgrund des Geschlechts abzulehnen.

Trotzdem schreiben wir häufig lieber «Fuck Patriarchy» auf unsere Transparente, statt zu sagen, was wir damit meinen und was wir damit erreichen wollen. Nämlich Gleichberechtigung für alle*, nicht die Bevorzugung der Frau*.

Erheiternd. Gleichberechtigung für Frauen gibt es ja schon. Sie müsste nicht groß gefordert werden. Tatsächlich wird eher Gleichstellung verlangt und jeder Unterschied in den Bereichen in dem er vorteilhaft für Männer ist wird als Unterdrückung angesehen:

Es sind weniger Frauen in Führungspositionen? Unterdrückung!

Man muss in einer Führungsposition in einem harten Wettbewerb stehen und 60-70+ Stunden die Woche hart für das Geld arbeiten? Toxischer Maskulismus, warum nicht das gleiche Geld für einen Teilzeit-Führungsjob ?

 

Feminist*innen sind keine Männerhasser*innen. Und Männer* sind im Feminismus willkommen.

Mhmm. Ja. Ganz willkommen.

Ernsthaft, wie wenig Ahnung hat sie von der Männerfeindlichkeit des Feminismus?

Das müssen wir immer und überall klarstellen, auch wenn es manchmal anstrengend sein kann. Und wir müssen unsere Diskussionen so führen, dass sie alle* abholen – und nicht nur diejenigen, die sowieso schon dabei sind. Theoretische Begriffe sollen nicht als Totschlagargumente gelten. Um das klar zu machen, brauchen wir Feminismus nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis.

Der ganze Feminismus besteht nur aus theoretischen Begriffen als Totschlagargument. Die Theorie baut auf einem starken Gut-Böse Schema auf. In einer Kategorie immer binär angelegt und auf die ganze Gruppe erstreckt. Der eine ist privilegiert und muss seine Privilegien abbauen. Der andere ist benachteiligt und kämpft einen gerechten Kampf gegen die Privilegierten.

Vom Alltagssexismus zum Alltagsfeminismus

Das bedeutet vor allem, dass wir uns nicht nur über Geschlechterrollen unterhalten. Sondern auch, dass wir im Alltag daraus ausbrechen. Doch das fällt Männern* noch immer deutlich schwerer als Frauen*. Noch immer ist es gesellschaftlich stigmatisiert, wenn Männer* in der Öffentlichkeit weinen, sich die Fingernägel lackieren oder lieber zum Ballett als zum Fussballspiel gehen.

Warum sollte ich mir auch meine Fingernägel lackieren wollen? Und Ballett ist nun auch nicht gerade spannend, auch wenn ich nicht der größte Fußballfan bin.

Aber das sind ja absolute Kleinigkeiten. Die Welt wird nicht besser, wenn man sich die Fingernägel lackiert und zum Ballett geht.

Wobei das ein sehr schwacher Beleg dafür ist, dass Männer schwerer ausbrechen. Die meisten Frauen hätten genau so Probleme damit aus ihrer Rolle in bestimmte Richtungen auszubrechen. Bei einigen fängt das damit an eine Bohrmaschine in die Hand zu nehmen oder mal eben nicht zu heulen, wenn es etwas rauer zugeht. Einfach mal einen Spruch wegzustecken statt sich darauf berufen, dass man eine Frau ist und deswegen so etwas gegen einen nicht statthaft ist. Genug Frauen würden schon nicht bereit sein eine Woche ungeschminkt durch die Gegend zu laufen und ihr „wahres Gesicht“ zu zeigen.

Noch interessanter wird es dann, wenn es um die Partnerwahl geht und die Frage wie attraktiv so ein beständig gefühlezeigender Mann ist, der aller (toxischen) Männlichkeit entsagt hat.

Und daran haben auch Frauen* (selbst die emanzipierten unter uns) einen Anteil. Denn auch Frauen* können sexistisch sein.

So beispielsweise, wenn sie erwarten, dass der Mann* beim ersten Date bezahlt, denn das sei ja «Tradition». Wenn sie ihrem tränenüberströmten Sohn raten, «seinen Mann zu stehen», statt ihn in den Arm zu nehmen und ihm zuzuhören. Oder wenn sie einen «starken» Partner suchen, der sie beschützt. Damit stehen sich Frauen* selbst im Weg: Denn, wenn es ein «starkes Geschlecht» gibt, gibt es per Definition auch ein «schwaches». Neue Frauenbilder und neue Männerbilder bedingen sich gegenseitig.

Eben: So hart wie der typische Mann wollen Frauen gar nicht leben. Vielen gefällt es ganz gut, dass „weichere“ Geschlecht zu sein und sie haben nichts gegen eine Arbeitsteilung. Sie mögen einen starken Partner und müssen an dessen Seite auch nicht unterlegen sein, denn Weiblichkeit ist nicht schwach im Sinne von Unterlegen.

Das ist nicht zuletzt relevant für die Gewaltdebatte. Um Gewalt gegen Frauen* (und Männer*) zu bekämpfen, reicht es nicht aus, die Gewalttat an sich zu verurteilen. Wir müssen in Frage stellen, dass körperliche Überlegenheit und aggressives Verhalten noch immer als besonders «männlich» gelten. Natürlich wird nur eine Minderheit «starker» Männer* effektiv auch gewalttätig. Das relativiert aber nicht die Tatsache, dass die Ursache vieler Gewalttaten in der Vorstellung liegt, dass ein «richtiger» Mann* eben auch mal zuschlägt. Diese Vorstellung ist erlernt, nicht naturgegeben: Sie wird Jungs vom Kindesalter an in Büchern und in Spielfilmen, im Sport und auf dem Spielplatz vermittelt. Will heissen: Sie ist sozial konstruiert. Und daher veränderbar.

Gar nicht männerfeindlich diese Vorstellung einfach mal so als typisches Männerbild auszugeben. Es gilt immer noch weit eher „Ein Mann schlägt keine Frauen“. Noch niht mal, wenn sie ihn schlägt. Gewalt war immer schon weitaus eher gegen andere Männer gerichtet, aber auch das ist im wesentlichen passe, Wettbewerbe werden heute nicht mehr über körperliche Gewalt ausgetragen und ein zuschlagender Mann außerhalb der Notwehr gilt weit eher als primitiv, sofern er nicht Frauen beschützen soll.

Wir leben in einer Gesellschaft mit einer sehr sehr niedrigen Gewaltrate. Einer der niedrigsten in der Geschichte jemals. Im Feminismus wird so getan als würden sich alle Männer pausenlos kloppen.

Solidarität statt Geschlechterfronten

Um traditionelle Männlichkeitsvorstellungen zu verändern, müssen wir im Kleinen, Alltäglichen ansetzen. Unsere Freunde, Söhne und Mitarbeiter wissen lassen, dass sie nicht «stark» sein müssen, um als «richtige» Männer* zu gelten. Unseren eigenen Alltagssexismus reflektieren. Und uns mit Männern* solidarisieren, die aus traditionellen Rollenbildern ausbrechen wollen. Frauen* müssen sich nicht nur gegenseitig, sondern auch die Männer* «empowern» – und es ihnen dadurch leichter machen, dem Teufelskreis der toxischen Männlichkeit zu entkommen.

Nur das die eben gar nicht toxisch ist und da nicht viel auszubrechen ist. Weil sie ein falsches Bild von Männlichkeit zeichnet. Das Verhalten der meisten Männer ist vollkommen okay und sie tun niemanden etwas. Sie müssen sich nicht ändern und können so bleiben wie sie sind.

Männlichkeit und Weiblichkeit müssen gleichermassen diskutiert werden. Doch damit neue Rollenbilder nicht nur auf dieser Diskussionsebene verharren, sondern in den Alltag Einzug halten, müssen alle* daran teilnehmen. Wir Feminist*innen müssen Männer* als gleichberechtigte Partner – und nicht bloss als Sympathisanten – an unseren Demos und Podiumsdiskussionen willkommen heissen. Wir müssen unsere Botschaft so klar wie möglich formulieren, damit sie bei allen* ankommt. Wir müssen gemeinsam auf die Strasse, um unser Recht auf Rollen und Identitäten einzufordern, die von der «traditionellen» Geschlechternorm abweichen. Denn nur so kommen wir zu unserem Ziel: zu einer toleranten, gleichberechtigten und gewaltfreien Gesellschaft.

Aber nur solange sie einsehen, dass es toxische Männlichkeit gibt. Was die meisten eben gar nicht so sehen und das durchaus zurecht. Sobald man sie darauf anspricht ist es dann bei den meisten Feministinnen vorbei mit der Gleichberechtigung: Die erfordert eben erst, dass man deren Ideologie akzepiert.

Gründe dafür, Männlichkeit anzugreifen