Jessica Valenti über Doppelstandards (Gastbeitrag)

Es folgt ein sehr langer Gastbeitrag mit dem Thema

Jessica V. über Doppelstandards von Jochen Schmidt

Gastbeitrag auch als PDF:

Jochen_Schmidt__Gastbeitrag__Jessica_Valenti_ueber_Doppelstandards__03-11-2019 (2)

Wir kommen, um uns zu beschweren (Tocotronic, CD bei L’age d’or, 1996)

1 « Die Sache mit der Team Dresch Platte »

In unserem kleinen, feministischen Kolloquium sind wir mehrfach auf diverse Doppelstandards gestoßen. Diese Phänomene sind so folgenträchtig, dass es ratsam ist, sich genauer damit zu befassen. Glücklicherweise müssen wir bei dieser Auseinan dersetzung nicht bei Null anfangen – vielmehr können wir dabei auf einer Sammlung diverser Doppelstandards aufbauen, die von Jessica Valenti [Link1, Link2, Link3, Link4] veröffentlicht worden ist. Diese Sammlung ist auch deswegen brisant, weil hier soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern thematisiert wird, ohne den Umweg über statistische Erhebungen zu nehmen, bei denen die betroffenen Personen gar nicht mehr in den Blick kommen, sondern nur noch Mittelwerte und Prozentpunkte.

Aus Valentis Sammlung wollen wir in den nächsten Monaten einige besonders gewichtige Brocken herausgreifen und gemeinsam bewältigen. Dabei werden wir durchaus auch ein wenig in die Tiefe gehen und wesentliche Aspekte im Detail besprechen. Relevante Fragen hierbei sind z. B.: Worin bestehen derartige Doppel standards genau, wie wirken sie sich im Einzelnen aus, und wie weit sind sie in der Gesellschaft verbreitet?

Für den Anfang habe ich einen eher untergewichtigen Doppelstand ausgewählt. Mit diesem ‘Leichtgewicht’ können wir einen bequemen Einstieg in die so komplexe Problematik der Doppelstandards wagen . . .

Noch ein rechtlicher Hinweis in eigener Sache: Der vorliegende Text wird publiziert unter der “Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland”Lizenz (CC BY-NC-ND 3.0 DE, [Link5]).

2 Wenn zwei das Gleiche tun, . . .

. . . dann ist es noch lange nicht dasselbe? Im zweiten Kapitel ihres Buches “He’s a Stud, She’s a Slut and 49 Other Double Standards Every Woman Should Know” umreißt Valenti den Streitpunkt folgendermaßen:

« There’s no doubt that women will always have a disproportionate amount of responsibility when it comes to sex, because we’re the ones who get pregnant – and if we do get pregnant it’s going to be up to us to decide what to do about it. But the way that birth control is automatically considered a woman’s domain is just irksome, not only from a theoretical feminist perspective – why should it only be up to us!? – but also from a practical one. » [Valenti, 2008, p. 17]

So mancher Leser wird bereits über den ersten Satz dieser Passage die Stirn runzeln – doch gemach, wir befinden uns in einem feministischen Kolloquium und wollen nicht aufmucken. Soweit ich sehe, befasst sich Valenti im zweiten Kapitel ihres Buches mit drei Phänomenen:

A. Behavioural (‘verhaltensmäßig’):

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann betreibt die Frau einen wesentlich höheren Aufwand als der Mann, um die Verhütung sicherzustellen.

B Psychisch:

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann besteht die Auffassung oder die Vorstellung, dass es hauptsächlich in der Verantwortung der Frau liegt, die Verhütung sicherzustellen.

C Normativ:

Wenn es einen Mann Y gibt, mit dem eine Frau X Sex haben sollte, und wenn beide, X und Y, eine Schwangerschaft der Frau vermeiden wollen, dann besteht der Doppelstandard, dass es hauptsächlich in der Verantwortung der Frau liegt, die Verhütung sicherzustellen – obwohl Mann und Frau etwa in gleichem Umfang am Sex beteiligt sind und etwa im gleichen Ausmaß an dessen Ergebnis mitwirken (vor allem Konzeption / Empfängnis).

Wie wir im weiteren Verlauf feststellen werden, sollten alle drei Phänomene voneinander unterschieden werden, auch wenn es mitunter Zusammenhänge gibt. Z. B. zieht (C) notwendigerweise (B) nach sich, doch (B) zieht nicht notwendigerweise (C) nach sich. Und weder (C) noch (B) ziehen notwendigerweise (A) nach sich. Dazu später mehr.

Ich habe (A) bis (C) zunächst mal so formuliert, dass sie auch auf einzelne Personen zutreffen können – Valenti möchte diese Phänomene jedoch allgemein verstanden wissen: Sie bestehen angeblich bei den meisten Frauen und Männern, die miteinander Sex haben – womöglich sogar in der ganzen “Gesellschaft” (wegen Patriarchat und so). Auch diese Unterscheidung wird sich später als hilfreich erweisen: Phänomene, die bei einzelnen Personen auftreten (bspw. eine “birth control disparity”), treffen nicht notwendigerweise auf die gesamte Gesellschaft zu.

Soweit ich sehe, entspricht Valentis Passage oben am ehesten dem Phänomen (B) (“. . . is automatically considered . . . ”).

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Feminismuskritik und Männerrechte – Deadlock statt Dreamteam (Gastartikel)

Dies ist ein Gastartikel von Tobias

Die These

Feminismuskritik und Männerrechte sind im Grunde zwei unterschiedliche Angelegenheiten. Eine große Mehrheit der Frauen in diesem Land sieht sich selbst nicht als feministisch, hat aber gleichzeitig mit der Männerrechtsbewegung nichts am Hut. Die persönliche Einstellung zu Feminismuskritik und Männerrechten kann sich also durchaus unterscheiden, obwohl es inhaltlich häufig um die gleichen Themen geht. Andersherum betrachtet, existiert Misandrie auch bei Frauen und Männern ohne feministisches Weltbild. So gab es in den letzten Jahren Kritik am vergleichsweise überproportionalen Anteil männlicher Flüchtlinge. Der dazu aufgespannte Alice-Schwarzer-Feminismus begründet das mit dem Frauenbild der Flüchtlinge (natürlich nur der Männlichen). Speziell mit dem Aspekt „männliche Flüchtlinge“ hantieren jedoch ansonsten politische Gruppen, welche man mit Feminismus ganz bestimmt nicht in Verbindung bringt. Dennoch werden Kritik am Feminismus und die Männerrechtsbewegung gerne implizit in einen Topf geworfen oder gleich mit Frauenhass gleichgesetzt.

Der heutige Feminismus ist ziemlich erfolgreich, wenn man bedenkt, dass der sich der Großteil der Bevölkerung nicht als feministisch bezeichnet [1] [2]. Feministische Forderungen führen zur Reform des demokratisch sensiblen Wahlrechts in einzelnen Bundesländern, während es eine große Koalition im Bund in jahrelangen schwierigen Verhandlung kaum schafft, die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zu Überhangmandaten umzusetzen. Feministen kritisieren ungestört den sogenannten Gender Pay Gap sowie den statistisch höheren Zeitanteil der Frauen an der Haus- und Familienarbeit, obwohl beides offensichtlich zusammenhängt. Eine angespannte Regierungskoalition bricht fast auseinander, weil sie sich in einer feministisch induzierten Abtreibungsdebatte (siehe [3]) nicht einig wird, die in der Bevölkerung fast niemanden interessiert. Demokratische Mechanismen wie Kritik oder ausgewogene Berichterstattung setzen bisweilen aus, wenn es um Feminismus geht.

Für diesen Sonderstatus muss es Gründe geben. Die hier vertretene These lautet, dass der politische Feminismus erfolgreich mit normativer Weiblichkeit kooperiert, insbesondere im Hinblick auf den Opferstatus. Die Kombination von Maskulismus und Feminismuskritik profitiert hingegen nicht in vergleichbarer Form. Eine solche Kombination ist zudem in der politischen Auseinandersetzung mit dem Mainstream-Feminismus besonders anfällig für den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit und Tätlichkeit. Im Anschluss wird auch diskutiert, welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden sollten.

Feminismus und die Weiblichkeit

Nun kann man der Meinung sein, Feminismus und Frauentum wären selbstverständliche Partner, schon aufgrund des Begriffs. Vergleicht man jedoch feminine Attribute wie Ästhetik, Sensibilität oder Schüchternheit mit dem heutigen Feminismus, so lassen sich nur schwer Gemeinsamkeiten finden. Im Gegenteil, feministische Kampagnen fordern Frauen dazu auf diese Attribute abzulegen, etwa im Arbeitsleben. Der Feminismus stellt nicht den politischen Arm der Frauen in der Bevölkerung dar, sondern eher eine Art modernes Amazonentum [4]. Seine Kooperation mit normativer Weiblichkeit ist insbesondere von rechtfertigender und auch parasitärer Natur.

Nun existiert in menschlichen Gesellschaften ein tief sitzender Frauenschutzinstinkt. Frauen erleiden zwar zweifelsohne Gewalterfahrungen, allerdings wird ein Mensch viel eher als Opfer anerkannt, wenn es sich nicht um einen Mann handelt. Beispiele für diesen Effekt gibt es haufenweise, eines davon ist die mittelalterliche Hexenverbrennung. Diese betraf mehrheitlich Frauen, circa ein Viertel der Betroffenen waren jedoch männliche Hexer. Die öffentliche Wahrnehmung des Phänomens richtet sich jedoch weitestgehend auf die beschuldigten Frauen. Diese Asymmetrie mag zwar in manchen Fällen berechtigt sein, sie zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch politische und soziale Themen. Und auch Männer tragen in der Rolle als Retter und Helfer dazu bei, obwohl sie selbst dadurch zum Verschleißsubjekt werden. Ein Paradebeispiel dafür liefert eine Aussage aus dem Film Sin City: „An old man dies, a young woman lives; fair trade“ [5]. Der politische Feminismus nutzt diesen Instinkt, indem er sich als Vertreter immerzu benachteiligter Frauen darstellt. Er legitimiert seine ideologischen Forderungen mit Hilfe tradierter Schutzinstinkte. Allerdings vertritt der heutige Feminismus die Bedürfnisse der Frauen natürlich nicht, vielmehr versteckt er mit diesem Manöver seine ganz eigenen Interessen.

Daher treffen insbesondere Männerrechtler in Öffentlichkeit, Politik und Staat auf einen institutionellen Feminismus, der zumindest offiziell kaum hinterfragt wird. Dieser kann seine Gegner nach Bedarf und Belieben als Frauenhasser, rechte Reaktionäre oder Machos diffamieren. Zudem lassen sich unterschiedlichste politische Gruppierungen ansprechen, wenn man wahlweise ein schickes feministisch-progressives Narrativ oder einen dringenden Bedarf zum ritterlichen Schutz der Frauen servieren kann. In jedem Fall dürfen Frauen durch Maßnahmen erheblich bevormundet werden, für die sich eine feministische Begründung findet. Auch beim Platzieren feministischer Meinungen in den Medien hilft der Einsatz des weiblichen Opfernarrativs, denn es sorgt für Klicks und Quote.

In der Auseinandersetzung mit Männerrechtlern funktioniert dieser Feminismus wie ein ausgestreckter Zeigefinger: „Ihr (Männer) seid selbst schuld und außerdem sowieso böse“. In dieser Form stärkt die Konfrontation also das Band zwischen Feminismus und politisch wirksamer Femininität in der gesamten Gesellschaft. Die Geschlechterfrage immunisiert so auch gegen Kritik am Feminismus selbst. Äußern sich etwa Frauen kritisch zum Feminismus, wirft man diesen einfach Verrat an ihren Geschlechtergenossinnen vor. Feministische Ideologie mit tradierten Schutzinstinkten im Schlepptau taugt somit besonders gut als Bollwerk gegen die Männerrechtsbewegung, wenn diese sich durch irgendeine Kritik am Feminismus begründet. Ein Dilemma.

Was nun?

Es ist wenig überraschend, wenn sich zum Beispiel die Wut mancher entsorgter Trennungsväter irgendwann auf Frauen im Allgemeinen projiziert. Jedoch besteht die Gefahr, damit den Feministen ihre These eines Klassenkampfes zwischen den Geschlechtern zu erfüllen. Männerrechtsaktivismus und Feminismuskritik passen für Feministen ideologisch wunderbar zusammen, institutioneller Feminismus reproduziert Geschlechterkrieg daher schon aus Eigennutz. Wenn Männerrechtler ihre Forderungen im Gegensatz zu Interessen von Frauen definieren, werden Feministen nur zu gerne Partei auf Seiten der Frauen ergreifen und damit den Maskulismus gesellschaftlich isolieren.

Wenn Feminismuskritik an Geschlechtermechanismen scheitert, dann macht es Sinn beides separat zu halten, sodass Feministen sich nicht mehr als Placebo für die Interessen der Frauen anbieten können. Maskulisten sind dann gegenüber dem Feminismus nicht mehr in der Rolle des Gegners. Nur in bestimmten Situationen ergibt sich weiterhin zumindest ein Konkurrenzverhältnis – etwa um Ressourcen der öffentlichen Hand – mit zum Teil feministschen Frauen- und Mutterverbänden. Vielleicht erhält die Männerrechtsbewegung dadurch mehr gesellschaftlich Rückenwind und kann so ihre Forderungen einfacher mit normativ positiver Männlichkeit verbinden, da sie nicht mehr so stark von außen gebrandmarkt wird.

Als Gegner für den politischen Feminismus braucht es hingegen eine dedizierte Opposition. Diese basiert darauf, dass radikale feministische Ansichten nicht die Situation zwischen den Geschlechtern abbilden, sondern nur eine politische Meinung unter vielen. Folglich gibt es zu diesen Forderungen auch eine demokratisch legitime Gegenmeinung. Eine solche gibt es schließlich auch zum Kapitalismus, einer Erhöhung der Staatsschulden und dem geplanten Neubaugebiet in der Kommune. Eine Normalisierung des Feminismus und von Kritik am Feminismus im politischen Raum gehen Hand in Hand. Gelingt die definitorische Trennung der Frau vom Feminismus, wird Kritik an letzterem in Öffentlichkeit, Institutionen und Parteien praktizierbar.

Die stärkere Unterscheidung von Feminismuskritik und der Männerrechtsbewegung bietet darüber hinaus für beide Seiten weitere Vorteile:

  • sie führt zu einer besseren Mobilisierung von Menschen
    • insbesondere vieler Frauen
    • die dem etablierten Feminismus kritisch gegenüberstehen, auch wenn diese sonst mit dem Thema Männerrechte nichts am Hut haben
  • dem Feminismus eine Verletzung der Interessen der Frauen vorzuwerfen ist einfacher, wenn die Kritiker selbst keine spezifischen Geschlechterinteressen vertreten
  • die öffentliche Diskussion von Fällen, in denen eine Hidden Agenda durch den Tarnmantel Feminismus verhüllt werden soll ist einfacher zu legitimieren
  • das Mittel der Diffamierung selbst von linken bzw. progressiven Maskulisten als politisch reaktionär wird noch unglaubwürdiger und damit steigt das Potenzial für breite Akzeptanz im politischen Raum

Der größte Fortschritt wäre allerdings, dass die sexistische Wirkung des heutigen Feminismus auf die Geschlechterpolitik thematisiert werden kann. Radikalen Feministen ist vorzuwerfen, dass sie durch ihr Weltbild eine verbindende Geschlechterpolitik und zugleich ein egalisierendes Menschenbild verhindern. Zunächst müssen Männerrechtler als auch Feminismuskritiker allerdings ihre Narrative neu justieren, um aus der Ecke herauszukommen, in der sie platziert werden.

[1] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1002977/umfrage/zustimmung-der-deutschen-bei-aussagen-zur-gleichberechtigung-nach-geschlecht-2019/

[2] http://big.assets.huffingtonpost.com/tabs_gender_0411122013.pdf

[3] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/gesetzesentwurf-zur-ergaenzung-von-219a-union-und-spd-raufen-sich-zusammen-a-1250587.html

[4] https://allesevolution.wordpress.com/2019/08/31/studie-feministinnen-sind-maskulinisiert-in-bezug-auf-praenatales-testosteron-und-im-bereich-dominanz/

[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Sin_City_(film)#That_Yellow_Bastard_(Part_2)

Konservativismus oder Feminismus? (Gastartikel)

Gastartikel von Daniel

Vorbemerkung: Dieser Beitrag entstand in einem geschlossenen Forum, in welchem die Frage aufkam, ob Diskriminierungen von Männern zum Beispiel als Väter vor den Familiengerichten tatsächlich auf Feministinnen zurückgehen oder nicht doch auf „Konservative“. Ein konservativer Familienrichter hänge nun mal der Vorstellung an, dass das Kind zur Mutter gehöre, und der Vater für das Geldverdienen verantwortlich sei. Dazu verfasste ich folgenden Beitrag:

Konservativismus oder Feminismus?
Um gleich dein Hauptargument aufzugreifen, wonach für die von mir angeprangerten Zuständen mehr Konservative als Feministinnen verantwortlich seien:
too long; didn’t read
Wenn sich „Konservative“, nur dort finden lassen, wo ihre Motive mit denen der Feministinnen übereinstimmen, zum Beispiel vor Familiengerichten, sonst aber so gut wie nirgends, lautet die logische Schlussfolgerung daraus nicht, dass diese „Konservativen“ (Männer) tatsächlich konservativ sind, sondern dass es sich vielmehr um (männliche) Feministen handelt.
 
Zum Teil aber hast Du recht: Solche Dinge wie etwa die Wehrpflicht oder „Das Kind gehört zur Mutter“ gehen auch auf eine konservative Haltung zurück, sie wird und wurde aber von Frauen und Feministinnen mitgetragen.
Um mein Eingangsargument zu verdeutlichen: Wo sind die ganzen „Konservativen“ in der Legislative, Exekutive und Judikative? Und in der „vierten Gewalt“? Wo sind die „Konservativen, die sich dafür aussprechen, dass die Frau für den Haushalt zuständig ist und der Mann für das Geldverdienen? Wo hast Du das Letzte Mal ein entsprechendes Plädoyer in einem Leid-Medium gelesen? Wo sind die „Konservativen“ die als Journalisten und Gesetzgeber eine Politik betreiben, nach der sowas wie Scheidung eine nahezue Unmöglichkeit ist? Wo sind die Konservativen, die erklären, dass z.B. Frauen im Militär nichts verloren haben? Warum finden sich scheinbare Konservative nur in den Familiengerichten, sonst aber nirgendwo?
Um ein weiteres Beispiel zu nennen: Eva Herman. Diese vertrat bekanntlich ein konservatives Familienmodell, aber nahezu alle Medien waren weniger damit beschäftigt, ihre Haltung zu fördern, als sie vielmehr als Rechtsradikale zu verleumden, die angeblich die Familienpolitik der Nazis gelobt hätte (entsprechende Lügen dürfen nicht mehr verbreitet werden, Herman gewann die einschlägigen Prozesse, die Massenmedien berichteten… nicht.) Nicht sonderlich „konservativ“.
Das heißt, sowohl in den genannten Institutionen wie auch vor den Familiengerichten sind weniger „Konservative“ als vielmehr Feministinnen unterwegs. Und dass manche Feministinnen wünschen, dass sich der Vater mehr in die Familie einbringt: Das gilt nur vor der Trennung. Such doch spaßeshalber mal nach Feministinnen, die diese Postion auch nach der Trennung vertreten. Spoiler: Die gibt es nicht.
Um bei den Trennungen zu bleiben: Es ist schlimm, seine Kinder zu verlieren. Genderama berichtet dazu:

(…) Der gesamte Prozess bei Familiengerichten beruht auf der Sichtweise, dass Väter wertlos sind, dass ihre Liebe wertlos ist und dass sie nicht zählt, weil sie nicht denselben menschlichen Wert wie Frauen haben. Wenn man zu sagen versucht, dass man seine Kinder liebt, kommt das so schlecht an wie ein schwarzer Mann vor einem Gerichtshof in Alabama vor hundert Jahren, der sagte „Ich bin ein menschliches Wesen.“ So eine einfache Äußerung wird man nicht tolerieren, weil sie den Irrtum und die Vorurteile im Gerichtssystem aufzeigt.

Ich habe die Verhöhnung eines fairen Gerichtsverfahrens mitangesehen, wenn immer die Interessen eines Mannes in Konflikt mit den Interessen einer Frau gerieten. Ich habe selbst miterlebt, wie Beweise ignoriert und Gesetze beiseite gewischt werden. Familiengerichte handeln allein auf der Grundlage von Behauptungen der Mutter, und selbst wenn sich diese Behauptungen später als falsch herausstellen, werden die dadurch verursachten Konsequenzen ausgeführt. SozialarbeiterInnen, die während der Aussage der Mutter eifrig mitgeschrieben haben, legen den Stift hin, wenn der Mann damit an der Reihe ist zu berichten. Das ist genau die Sorte von Dingen, die im tiefen Süden der USA vor hundert Jahren passiert sind, und so wie damals erkennt man sie nicht als falsch.

 
 
Und Matussek, Autor von „Die vaterlose Gesellschaft“
dokumentiert in dem Vorwort der Neuauflage seines Buches:

Mein Buch beklagt aber auch den allgemeineren Skandal, daß wir in einer Gesellschaft leben, in der die feministischen Doktrinen vielleicht nicht mehr an der Oberfläche Schaum schlagen, dafür aber abgesackt sind in die Strukturen und wirkungsvoller dort sind, in einer ganz selbstverständlichen männerfeindlichen Alltagspraxis der Ämter, der Politik, der Medien.
Daß sich das in den sieben Jahren sei dem ersten Erscheinen des Buches nicht geändert hat, habe ich selbst im Ausland zu spüren bekommen.

Im letzten Jahr erhielt ich in London, wo ich mit meiner Familie lebte, Besuch von einer Redakteurin des „arte“-Kanals, die einen Film über Väter-Initiativen und Aktivisten drehen wollte, und mich als den „Missionar der deutschen Männerbewegung“, als der ich von „Stuttgarter Zeitung“ einst tituliert wurde, befragen wollte.

Sie wollte, wie sie sagte, auch den Männern und ihren Anliegen einmal Gehör verschaffen, ganz fair. Mir gefiel das.

Meine Frau bewirtete sie und ihr Team mit Kaffee und Kuchen, und mein Sohn stellte einige aufgeregte Fragen, die die Redakteurin allerdings eher unwirsch beantwortete. Sie konnte nicht so mit Kindern. Und sie legte Wert darauf, daß er bei der anschließenden Filmerei nicht zu sehen war, nicht er, nicht meine Frau.

Sie wollte mich allein. Sie wollte mich grimmig, vor meinem Computer. Dann fragte sie nach den militanten Väter-Aktivisten in London, nach der Wirkung meines Buches in Deutschland, nach meinen Lesereisen, nach den Männern, die meine Lesungen besuchten, nach wütenden Männern in der Situation kompletter Ohnmacht – ich hatte auf meinen Lesereisen mit Hunderten von ihnen Kontakt.
Ich antwortete ihr, ich erklärte, ich plädierte leidenschaftlich für mehr Gerechtigkeit, und ihr Nicken sah aus, als nicke sie aus Mitgefühl.

Drei Monate später lief der Film. Er lief unter dem Titel: „Wenn Väter sich rächen“. Er zeigte ein Sammelsurium von Männern, die als vereinsamt, neurotisch oder als schlechte Verlierer charakterisiert wurden, und ich war ihr Einpeitscher. Die Interviews wechselten immer wieder mit düsteren Szenen ab, in denen ein Mann ein Mädchen verführt und anschließend vergewaltigt. Die Botschaft war klar: Die in dem Film gezeigten Männer wurden als Gewalttäter vorgeführt, besonders die, die in Scheidung und im Streit mit ihren Ex-Frauen lebten.

Man muss sich das vorstellen: Für dieses plumpe, verhetzte Machwerk war der öffentlich rechtliche Sender „arte“ bereit, ein Produktionsteam nicht nur nach London, sondern nach Paris, ja sogar nach Kanada reisen zu lassen, wo es sich Interviews von Väter-Aktivisten erschlich, die in dem Beitrag dann verleumdet wurden.
[…]

Preisfrage: Ist diese Filmemacherin nur „konservativ“ oder nicht doch feministisch?

Und damit wäre ich auch beim nächsten Punkt: Macht.

Ist diese Feministin, Filmemacherin machtlos, eine einsame Figur am Rande der Gesellschaft, deren Stimme nicht gehört wird, oder agiert sie aus einer machtvollen Position heraus mit der milliardenschweren Institution des Staatsfunks im Rücken? Sowas ist nicht die Ausnahme. Frauen oder Feministinnen werden allgemein als machtlos wahrgenommen. Es hat aber was mit Macht zu tun, wenn man z.B. in Parteien, in Aufsichtsräten oder Behörden Frauenquoten durchsetzt. Und dass Frauen vor dem Familiengericht die Macht haben, wurde wohl deutlich. Oder auch der „Orden der weißen Feder„: Frauen die Männer beschämten, wenn sich diese nicht auf dem Schlachtfeld abschlachten ließen. Das beißt sich etwas mit der feministischen Theorie der historischen Unterdrückung der Frau durch den Mann. Einem Unterdrücker ist es herzlich egal, was der bzw. die Unterdrückte von ihm hält. Tatsächlich war diese Macht der Frau, den Mann in die Rolle des Soldaten zu pressen, so groß, dass er sein (kostbares) Menschenleben opferte. Dasselbe gilt für die traditionelle Rollenverteilung: Mann für das Geldverdienen, Frau für Haushalt und Kinder war nicht gegen sondern mit dem Willen der Frau, das ist auch der Grund dafür, warum dieses Rollenmodell heute noch immer nicht ausgestorben ist, oder um noch mal die führende Feministin Simone de Beauvoir anzuführen: Frauen sollten nicht das Recht haben, zu Hause zu bleiben und die Kinder großzuziehen, weil sich sonst zu viele dafür entscheiden. Die durchschnittliche Frau war nicht weniger mächtig oder machtlos als der durchschnittliche Mann, und in ihrer Rolle als Mutter hat sich auch großen Einfluss auf ihre Söhne ausgeübt. Und dieser Einfluss war offenkundig nicht: „Wenn dich jemand in den Kriegsdienst zwingen will, desertiere, fliehe!“ Ein weiteres Beispiel für die Macht des Feminismus ist das totalitäre Programm namens „Gender-Mainstreaming“:

http://kellmann-stiftung.de/index.html?/beitrag/Bock_Gender.htm

Nächster Punkt: Verhöhnen von Leiden. Ja, das hat was mit der konservativen Tradition zu tun, wonach der Mann „hart“ sein muss. Ich führte dazu ja bereits die Evolutionspsychologie an. Das spricht aber für meinen Punkt über die gesamtgesellschaftliche Mitgefühlskälte gegenüber Männern. Aber das wird von Feministinnen weitergeführt. Google mal nach „Male Tears“ und schau die all die schönen Bildchen an. Nachwuchsfeministinnen empfehlen einem, zu „heulen“ und sich einen „Dauerlutscher“ zu kaufen, während sie so süße Männertränen schlürfen, die etwas Reiferen hingegen sprechen von einer „Opferideologie“. Um dazu noch mal auf das Sorgerecht zurückzukommen (und nebenbei nochmal die Verantwortung der Feministinnen in den Blick zu nehmen):

Ganz gewiss seien die Probleme des Sorgerechts

„nicht dem Feminismus zu Last zu legen (…), wie die Antifeministen das tun.“ (30)

 

Kein Wort davon, dass die reaktionären Strukturen des deutschen Familienrechts und der Ausgrenzung der Väter wesentlich der Lobbyarbeit solcher Organisationen wie dem VAMV, der de facto ein Mütterverband ist, zu verdanken ist – und dem Widerstand, der insbesondere von Frauen in den rot-grünen Fraktionen fairen Neuregelungen des Sorgerechts entgegengebracht wurde – und auch kein Wort davon, dass die Ausgrenzung von Vätern von Feministinnen als „Befreiung“ (Anita Heiliger) verkauft wurde. Selbst noch in massiven Privilegien erscheinen Frauen bei Rosenbrock allein als unschuldige Leidtragende einer umfassenden patriarchalen Gewalt, die gerade erst abgebaut werde.

Den Gedanken, dass auch Männer und Jungen gesellschaftlich benachteiligt werden können, tut er hingegen als „Opferideologie“ ab.

https://man-tau.com/2013/09/13/rechte-kerle-rosenbrock-gesterkamp-kemper/

Männliche Tränen sind bei Feministinnen nur dann erwünscht, wenn sie nicht der feministischen Agenda zuwiderlaufen. Ein Trennungsvater, der weint, wird nicht begrüßt sondern niedergemacht. Dass man hier oder dort mal den weinenden Mann fordert, hat was mit der „Dekonstruktion“ von Männlichkeit zu tun – aber dieser Artikel ufert jetzt schon aus.

Alles Thermodynamik – Menschliches Verhalten und Entropie (Gastartikel)

Dies ist ein Gastartikel von Fabian „Curiepolis“ Herrmann

„Diese Kommunismusgeschichte. Wäre schön gewesen, ging aber nicht wegen menschl. Natur, die Realität ist eben gemein. Wieso: Wäre schön gewesen? Was wäre so toll dran: Alle in identischen Häuschen mit Garten und Tabakbeet – eins neben dem anderen in endlosen, gesichtslosen Reihen – nie erhebt sich jemand oder denkt an seinen eigenen Vorteil, denn alle privaten Vorteile sind abgeschafft. Gemeinwohl: dafür arbeitet man ausschließlich. Absterben des Staates, dann des Ichs – das Ichgefühl wird diffus, ungreifbar wie Nebel, der sich langsam auflöst. Man fühlt für alle, handelt für alle. Ich bin großartig, weil ich das und das mache – sowas denkt man nicht mehr, kann man nicht mehr denken. Das Wort ich wird bedeutungslos. Lexikalisch existiert es noch, doch es bezeichnet nur noch simple Empfindungen: Ich bin müde, ich bin hunrig, ich bin satt… Das Ich als gefühlte, handelnde Person ist tot. Ging nicht wegen menschl. Natur – das stimmt, und spricht für diese Natur, was auch immer sie sein mag.“ – so Herr Hennigsdorf, ein Lehrer, in meinem Curiepolis-Roman. Seine Argumentation, dass die „menschliche Natur“ nicht zu schlecht, sondern zu gut ist, als dass Kommunismus längerfristig funktionieren könne, lässt sich auf einige andere Bereiche übertragen. Menschen sind in vielem besser, als man landläufig zuzugeben bereit ist.

Unsere Instinkte und Verhaltensschemata entstanden im Zuge einer Jahrmilliarden währenden natürlichen Auslese, deren bemerkenswertestes Resultat die langfristig anwachsende Kephalisierung ist – Ausbildung immer größerer Zentralnervensysteme. Isoliert gesehen, erinnert die Evolution an ein „thermodynamisches Wunder“, d.h. ein zwar physikalisch nicht unmöglicher, doch wahnwitzig unwahrscheinlicher Prozess, bei dem der Ordnungsgrad eines Systems sich spontan erhöht. Viel wahrscheinlicher – sogar mit einer Wahrscheinlichkeit nahezu gleich Eins eintretend – ist die umgekehrte Entwicklungsrichtung. Man drückt dies durch den Zweiten Thermodynamischen Hauptsatz aus: Im abgeschlossenen System nimmt die Entropie stets zu. Diese, symbolisiert durch das Formelzeichen S, stellt ein Maß für die Abwesenheit von Strukturen dar:

S = k * ln Ω

k ist hier die Boltzmann–Konstante, ln der natürliche Logarithmus, der gezogen wird aus der reinen Zahl Ω, der Anzahl möglicher Mikrozustände, die zu einem beobachteten Makrozustand passen. Je geordneter ein System ist, desto kleiner ist die Zahl dieser Zustände, desto geringer die Entropie.

Beispielsweise hat ein Sandhaufen eine sehr hohe Entropie, da zu diesem Erscheinungsbild viele Mikrozustände passen. Ich kann die Sandkörner durcheinanderrühren, sie umschichten, umordnen – am Aussehen und den Eigenschaften des Sandhaufens ändert sich dadurch nichts. Wird der Sand jedoch zu einem Mikrochip weiterverarbeitet, der als CPU eines Computers dient, dann sinkt die
Entropie dadurch beträchtlich: Denn zur Erscheinung „funktionstüchtiger Schaltkreis“ gehören nur wenige Mikrozustände – Ausfall eines einzigen logischen Gatters führt unter Umständen bereits dazu, dass der Computer nicht mehr bootet. Um eine solche Entropiesenkung zu ermöglichen, muss von außen Arbeit am System geleistet werden.

Die entropiereichste Struktur, die mathematisch möglich ist, ist das Schwarze Loch: Man kann alle möglichen Dinge, Informationen, Strukturen in ihm versenken, von außen gesehen bleibt es unverändert – bis auf eine gewisse Massenzunahme. Die entropieärmste Struktur, die wir bislang entdeckt haben: unser eigenes Gehirn. Damit es im Einklang mit dem Zweiten Thermodynamischen Hauptsatz entstehen konnte, muss irgendetwas von außen Arbeit an der irdischen Biosphäre verrichtet haben – es handelt sich natürlich um die Sonne!

Je stärker die Energie in einem Strahlungsstrom auf einzelne Photonen konzentriert ist, desto geringer ist die Entropie, die dieser Strom transportiert. Die Erde nimmt von der Sonne überwiegend Strahlung im sichtbaren Bereich auf, entsprechend einer Schwarzkörpertemperatur von 6000 Kelvin, die an der Sonnenoberfläche herrscht. Nachts strahlt der Planet Infrarotphotonen ab. Dieser „Entropiesprung“ von kürzer- zu längerwelliger Strahlung ermöglicht die Entstehung komplexer Strukturen auf der Erde. Während im Universum insgesamt die Entropie steigt, vermag sie innerhalb der Biosphäre zu fallen, da die nächtlich ins All abströmende Wärmestrahlung
Entropie fortträgt.
Alle Lebensformen auf der Erde (mit Ausnahme gewisser Arten von Chemotrophen, die in der Umgebung schwarzer Raucher in der Tiefsee existieren) mussten sich auf dem Abhang zwischen niederentroper Zu- und hochentroper Abstrahlung einrichten. Dieser Ordnungs-Unordnungs- Gradient stellt die ultimative Ursache des Selektionsdrucks dar. Hierfür gibt es ein faszinierendes Beispiel aus der menschlichen Verhaltensbiologie.
Grüne Pflanzen wandeln die einfallende Sonnenstrahlung mit einer Effizienz von maximal einem halben Prozent in Glukosemoleküle (lediglich speziell gezüchtetes Zuckerrohr erreicht respektable acht Prozent). In Europa liegt die mittlere Energieflussdichte der solaren Einstrahlung bei 120 Watt pro Quadratmeter, in den Tropen bei zwei– bis dreihundert Watt. Menschliche Körper setzen eine Zeitmittelleistung von 120 Watt um: Das bedeutet, dass jede Person ein Areal von mindestens zweihundert Quadratmetern kontrollieren muss, um am Leben zu bleiben und sich fortzupflanzen – in der Zeit vor der industriellen Landwirtschaft sogar noch um Größenordnungen mehr, da nicht jede Pflanze als Nahrung für Menschen geeignet ist, und essbare Tiere einen Großteil der aus Pflanzen aufgenommenen Energie selbst verbrauchen. Im Paläolithikum lag die Bevölkerungsdichte bei einer Person auf drei Quadratkilometern. Da nun jene Lebewesen ihre Erbinformation in der Population anzureichern vermochten, denen es gelang, die Entropie in ihren eigenen Körpern niedrig zu halten – die also die Fähigkeit hatten, sich ausreichend Nahrung zu beschaffen – entstanden Instinktschemata, die wir als „egoistisch“ werten. Denn wenn irgendwer mir einen Teil meines mühsam eroberten Stückchens Erdoberfläche streitig machen möchte, dann fehlen mir eventuell wertvolle Watt, die ich zur Erhaltung meines Nervensystems und meiner Erbinformation dringend benötige! Trau nur dir und nie der Prärie – und falls jemand zu zudringlich wird, halte einen soliden Holzprügel bereit…
Um Zugriff auf die zur Weitergabe und Vervielfältigung von genetischer Information erforderliche Energieflussdichte sicherzustellen, waren komplexe Nervensysteme offensichtlich von Vorteil. Im Laufe der Evolution der Gattung Homo entstand jedoch durch zufällige Mutation ein kleines Übergewicht – eine Überkapazität, die die thermodynamischen Verhältnisse auf der Erde änderte.

Momentan residiere ich im Döblin–Haus in Wewelsfleth an der Elbmündung, einen kurzen Spaziergang entfernt arbeitet das Kernkraftwerk Brokdorf. Es setzt auf einer Fläche von einem Viertelquadratkilometer eine elektrische Leistung von 1400 Megawatt frei, entsprechend einer Energieflussdichte von 5600 Watt pro Quadratmeter. Die enorme Hirnkapazität des Menschen taugt zu mehr als nur zum Überleben als Jäger und Sammler: Sie hat uns ermöglicht, durch wissenschaftliche Forschung und technische Erfindungen die verfügbare Energieflussdichte enorm über das von Sonneneinstrahlung und Photosynthese Vorgegebene hinaus zu steigern.

Hierdurch wurde der Kampf um Landfläche und Ressourcen massiv entschärft. Menschen können heute in Riesenstädten mit vielen Millionen Einwohnern zusammenleben – dennoch kommt es, trotz hoher Verbrechensraten in manchen Gegenden, in der Regel nicht zu Mord und Totschlag. Die Wahrscheinlichkeit, von einem anderen Menschen verletzt zu werden, ist seit der Industrialisierung sogar weltweit extrem gefallen. Wir leben länger, sicherer, gesünder als alle Generationen vor uns.

Unser Nervensystem, das primär zur Verfolgung „egoistischer Ziele“ (Sicherstellung des Energienachschubs zur Niedrighaltung der Entropie in unseren Körpern) entstand, befähigt uns, durch Veränderung der physikalischen Strukturen auf der Erde Bedingungen zu schaffen, unter denen Konkurrenz und Konflikte gegenüber der Urzeit sehr stark reduziert sind. Je höher die technisch erzielbare Energieflussdichte, desto mehr Menschen können in einem bestimmten Gebiet zusammenleben, ohne sich gegenseitig an den Kragen zu gehen.

Wir sind nicht länger nur eine biologische Spezies. Wir haben uns mit einem mächtigen Exoskelett aus Stahl, Silizium, Kupfer, Aluminium, Aktiniden, Strom, Plasma und Laserlicht umgeben, welches unser Dasein, bei Beibehaltung der genetischen und psychologischen Struktur, grundlegend transformiert und uns völlig neue Möglichkeiten eröffnet hat. Schon bald könnte sogar unsere DNS selbst Ziel technischer Verbesserungen werden!

Unterstützt wurden diese Entwicklungen vom kapitalistischen Wirtschaftssystem in seinen verschiedenen Realisierungsformen. Es ist am besten an die Basispsychologie des Menschen angepasst. Dadurch, dass es eine gewisse Konkurrenz, einen Wettlauf um die beste, eleganteste, effizienteste Lösung aufrechterhält, spornt es Menschen an, ihr Bestes zu geben und beflügelt technische Neuerungen. Unser angeborener „Egoismus“ ist daher bezüglich seines Gesamteffekts keine destruktive, unmenschliche Kraft, sondern Grundlage einer Gesellschaft, in der Reichtum statt Knappheit, Kooperation statt Kampf um jeden essbaren Wurzelknollen herrscht.

Seit der Aufklärung sind immer wieder Bewegungen aufgetaucht, die einen völlig konfliktlosen, unaufgeregten Endzustand der Menschheit anstreben, in dem sich nichts mehr ändert und universelle Harmonie herrscht. Das gilt für die Marxisten mit ihrer klassenlosen Gesellschaft, für die Grünen, die „Leben im Einklang mit der Natur“ propagieren, und auch für die „Social Justice Warriors“, denen zufolge Menschen normalem Kommunikations– und Flirtverhalten nicht standzuhalten vermögen, ohne psychische Traumata zu entwickeln, weswegen dieses schleunigst aberzogen und durch allumfassende Rücksichtnahme und Selbstbeschränkung ersetzt werden soll.

Ich verstehe diese Denkweise nicht. Es geht hier noch nicht einmal um realistisch vs. unrealistisch, sondern darum, ob das angestrebte Resultat wünschenswert scheint. Was wäre so großartig an einem idyllischen Zustand, der bis in fernste Zukunft aufrechterhalten wird und in dem nichts aufregendes mehr geschieht? Das klingt eher nach einem Alptraum. Alles, was uns aus der Reserve lockt, uns dazu treibt, über den eigenen Schatten zu springen – sei es, dass wir unser Leben umkrempeln, um eine Erfindung zu machen und an den Start zu bringen; sei es, dass wir den kühlen Grusel der Ansprechangst überwinden und die rothaarige Kerntechnikstudentin zu einem Spaziergang am Elbufer einladen – trägt direkt oder indirekt dazu bei, dass Fähigkeiten, Wissen und Gestaltungsmöglichkeiten der Menschheit wachsen.

Das ist etwas Wunderbares.