Feminismus, neu definiert (Gastbeitrag)

Dies ist ein Gastbeitrag von Gendular

Wenn über Feminismus diskutiert wird betritt früher oder später die historische Einteilung in drei Wellen oder der Bipol Gleichheits- und Differenzfeminismus die Bühne. Diese Definitionen stammen in der Regel von Feministen oder aus deren Umfeld. Wenig überraschend bilden diese meist eine selbst-referenzielle, in sich widerspruchsfreie Innenansicht. Beispielsweise rücken bei der Betrachtung des Feminismus in historischen Wellen zeitlich durchgehend vorhandene Merkmale in den Hintergrund. Was wäre nun, wenn diese Merkmale so prägend sind, dass sie die Wellen-Definition in Frage stellen?

Daher lohnt es sich, feministische Definitionen von außen und mit kritischem Blick zu hinterfragen und gegenläufige Blickwinkel zu entwickeln. Sonst diskutiert man immer nur in Dimensionen, welche die Gegenseite vor der Diskussion festgelegt hat. Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich feministische Strömungen zuwiderlaufen, sich als ideologische Konstrukte erweisen oder mit demokratischen Grundsätzen in Konflikt geraten.

Privilegienfeminismus: lange etabliert ist die Unterscheidung zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus. Beide Pole arbeiten allerdings bei der Durchsetzung feministischer Forderungen wunderbar Hand in Hand. Feministen begrüßen etwa den Zugang von Frauen zum patriarchalen Militär, eine Wehrpflicht hingegen wird mit Verweis auf das lebensspendende Wesen der Frau abgelehnt. In der öffentlichen Verwaltung braucht es Gleich(!)stellungsbeauftragte für Geschlechterfragen, diese Personen müssen per Gesetz Frauen sein, weil…eben. Eine Berücksichtigung weiblicher Belange oder eine Angleichung bestimmter Verhältnisse zwischen den Geschlechtern stellt für den Privilegienfeminismus immer nur das Mittel dar, aber nicht den Zweck.

Das Ziel ist nicht die Privilegienbeschaffung für Frauen, wie vielleicht manche Maskulisten glauben möchten. Viele dieser „Errungenschaften“ sind gar nicht im Interesse der Frauen. Vielmehr geht es um die Begründung von Forderungen, welche den Regeln feministischer Ideologie entsprechen. So erfüllen Scheidungs- und Trennungskriege die feministische Vorstellung des Geschlechterkriegs. Sie sind jedoch mit Blick auf die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen in der Regel nicht im Interesse der involvierten Frauen.

Betroffenheits- vs. Randalefeminismus: in den letzten Jahren verfestigen sich zwei Phänomene, bei denen Feminismus eine prägende Stellung einnimmt. Zum einen entstehen – nicht nur bei geschlechterpolitischen – Diskussionen durch tatsächliche oder vermeintliche Betroffenheit Opferhierarchien. Zum anderen steigt insbesondere in den USA aber auch anderen Teilen der Welt die Bereitschaft politische Gegner einer öffentlichen Hetzjagd auszusetzen und auf verschiedenen Ebenen zu isolieren (Cancel Culture). Beides widerspricht sich ziemlich offensichtlich, denn die Cancel Culture nimmt die maximale Betroffenheit des Anderen in Kauf, verweigert dieser Person jedoch den Platz in der Opferhierarchie. Insbesondere Netzfeministen betreiben einerseits lauthals Betroffenheitskultur, parallel dazu werden online wie offline Kreuzzüge gegen unliebsame Personen geführt. Beides wird mit einer Packung MeToo-Superkleber zusammengehalten.

Frauen- vs. Genderfeminismus: zunehmend erkennbar ist eine Konkurrenz zwischen klassischen Frauenrechtlertum und Genderaktivisten. Zentral entzündet sich diese Konkurrenz an der Frage, ob der Feminismus Frauen anhand der Biologie definiert oder nicht. Dieser Konflikt ist keinesfalls neu, sondern lässt sich historisch beobachten. So setzt sich die jahrzehntelange Abgrenzung lesbischer Feministinnen von männlichen Homosexuellen auch gegenüber identitären Aktivisten fort, da nicht-binäre Geschlechter diese Abgrenzung in Frage stellen.

Lifestyle- vs. Ökofeminismus: als relativ neues Phänomen befeuert und unterstützt der Lifestylefeminismus offen Materialismus, Konsumismus und Synthetik. Insbesondere tritt er in der  Popkultur, narzisstischen Internetplattformen oder auch als Merchandisingfeminismus auf. Er steht damit im offensichtlichen Widerspruch zum Ökofeminismus, welcher den Feminismus als Grundlage für eine ökologische, naturnahe und spirituelle Lebensweise sieht. Offensichtlich nicht ganz zu recht.

Vereinzelt gibt es auch Kritik linksprogressiver Feministen an diesem Phänomen. Wird ein T-Shirt mit einem feministischen Spruch produziert und verkauft, ist daran natürlich das rücksichtslose Wirtschaftssystem schuld und der Feminismus irgendwie die Rettung.

Begründungsfeminismus: diese Erscheinungsform des Feminismus dient als Hohlkammer für politische Vorhaben ohne plausible Begründung oder wenn eine Diskussion über die Begründung vermieden werden soll. Begründungsfeminismus kommt zum Einsatz um die Forderung durch eine feministische Verpackung zu legitimieren und politischen Widerstand auszuschalten. Das eigentliche Vorhaben geht zwar nicht von Feministen aus, diese lassen sich jedoch meist ohne großen Widerstand einspannen.

Ein Beispiel: angenommen die Politik möchte die Erwerbsquote von Frauen erhöhen, um mehr Steuern und Abgaben einzunehmen. Und um die Zahl der Arbeitskräfte zu erhöhen, da die Babyboomer-Generation in den nächsten Jahren in den Ruhestand geht. Das führt zu einer Mehrbelastung der Bevölkerung und insbesondere arbeitender Eltern. Wie verkauft man das jetzt? Mit dem Argument der Karriereförderung für Frauen, der Teilnahme an der gesetzlichen Altersvorsorge und steuerfinanzierter Kinderbetreuung wird das Vorhaben feministisch lackiert. Feministen ergreifen meist Partei dafür und selten dagegen, in der öffentlichen Diskussion geraten andere Aspekte in den Hintergrund.

Staatsfeminismus: die bereits vor Jahrzehnten angekündigte und begonnene Durchdringung politischer Strukturen durch feministische Aktivisten zeigt Wirkung. Der Staatsfeminismus koppelt sich von demokratischer Legitimation ab, weil der feministische Einfluss in Parteien zwar unterschiedlich ausgeprägt ist, feministische Netzwerke aber unabhängig von gewählten politischen Vertretern agieren können. Beispiele dafür sind das umfassende Netz an öffentlichen „Gleichstellungsbeauftragten“ oder die Einrichtung einer staatlichen geschlechterpolitischen Stiftung.

Die weitere undemokratische Form des Staatsfeminismus ist das Gender Mainstreaming. Nach diesem Prinzip beschließen etwa nicht die gewählten Vertreter in einem lediglich prozedural vordefinierten Ablauf für welche Zwecke öffentliche Mittel eingesetzt werden. Stattdessen werden in den Ablauf ideologisch motivierte Beschränkungen wie das Gender Budgeting eingebaut, an welche sich demokratisch gewählte Vertreter dann halten müssen. So entwickelt sich aus einer von Teilen der Gesellschaft gespeisten Ideologie eine staatliche Struktur, die sich nicht nur von demokratischer Legitimation abkoppelt, sondern diese sogar verdrängt.

6 Gedanken zu “Feminismus, neu definiert (Gastbeitrag)

  1. Ups da hab ich doch gerad mindestens 3 Subplagen unterschlagen.
    Naja Lolek & Bolek werden das schon sauber aufdröseln,klappt ja beim Sozialismus auch.

  2. Und das ganze ist dann der feministisch-industrielle Komplex. Der basiert letztlich immer auf dem Mythos vom bösen Mann, gegen den es sich aufzulehnen gilt. Wenn es Männer nicht gäbe, könnten die sich gar nicht permanent mit sich selbst beschäftigen, weil sie ja ihre Abwasserrohre reinigen und sich gegenseitig die Pakete die Treppe hochtragen müssten. Sie müssten das Dach flicken, wenn es reinregnet und sich mit Waffen verteidigen, wenn andere ihnen alles wegnehmen wollten. Sie könnten sogar eine einfach lesbare Sprache schreiben und sprechen, weil sie sich ja nicht hervorheben könnten – gegenüber wem auch.

    Feminismus ist inwzischen ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor. Das führt ganz natürlich zu allen möglichen Strömungen, die auf die eine oder andere Art abgreifen wollen. Ob das nun Privilegien, Schutz, Geld oder Fürsorge sind.

    Spannend fände ich mal eine Clusterung von männlichen Feministen. Die machen das nämlich nicht primär aus Herrschsucht und Habgier, sondern aus Überzeugung. Das finde ich noch etwas dramatischer.

    Da gibt es die Beischlafbettler, die Rosa Pudel, die Masochisten, die Müttersöhnchen, die Mitläufer, die Kleinredner und alle mögliche andere. Nur mit denen als Symphatisanten und Aktivisten ist derartig grenzenlos ausufernder Feminismus überhaupt möglich.

  3. Prima Artikel mit hilfreichen Unterscheidungen!

    Für mich besonders interessant die Ausführungen zum sogen. Begründungsfeminismus, der sich gerne einspannen lässt, um unsinnige oder unpopuläre Maßnahmen in der Öffentlichkeit durchzusetzen.

    Danke hierfür!

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