Religionen und das Bedürfnis nach einem belohnenden und strafenden Gott

Ich las neulich einen für mich interessanten Gedanken zur Entwicklung von Religionen. Der Autor des Buches stellte dort fest, dass viele Religionen von Eingeborenen kein Konzept eines Paradieses haben und Götter auch weit weniger als Strafende und Belohnende sehen, sondern weitaus eher als Wesen, die sehr menschlich waren und eigene Interessen hatten.

In einigen dieser Religionen kam es wohl eher darauf an, wie man gestorben ist als auf das gute oder schlechte Leben. Wer ertrank, der wurde zu einem Lebewesen des Meeres, wer im Dschungel starb wurde eben Teil des Dschungels, etwa ein Jaguar oder etwas anderes.

Der Autor führte das darauf zurück, dass man gerade in kleineren Gruppengemeinschaften vieles weitaus schlechter verbergen konnte. Wer dem Nachbarn ein Werkzeug stahl, der musste es verstecken und konnte es dann kaum Nutzen, weil dann klar gewesen wäre, dass er der Dieb war. Es bestand damit ein geringerer Vorteil darin an eine höhere Instanz zu verweisen, die das eigene Leben in Hinblick auf solche Taten bewertet.

Mit größeren Gruppen hingegen hatten Religionen, die eine übergeordnete, alles überwachende Gewalt, die einen kontrolliert und bewertet und die einem Nachteile zufügt, einen Startvorteil.

Griechische und römische Götter mögen vereinzelt Menschen geholfen haben und waren „bestechlich“ durch Opfergaben etc, aber der Hades der Griechen war für alle gleich, die Chance in den Olymp zu kommen minimal, wenn man nicht eh ein Halbgott war. Auch hier gab es wohl schon erste Vorstellungen vom Paradies, für besonders verdiente Personen, aber nicht für die breite Masse. Strafen erfolgten eher im Diesseits, nicht im Jenseits, abgesehen von den wenigen, die auch dort eine besondere Strafe erhielten (das ewige Stein den Berg hinauf rollen). Und auch bei den Wikingern kam es weitaus eher darauf an, ob man als Krieger würdig war, gemordet, geplündert und vergewaltigt zu haben, war in der Hinsicht nicht schädlich für einen Platz in Walhalla. Hauptsache man war brauchbar für den Endkampf gegen die Eisriesen.

Um so anonymer und friedlicher und vernetzter eine Gesellschaft wurde (friedlich dabei evtl nur im Inneren, mit der Outgroup mag es anders sein) um so höher ist die Wirksamkeit einer Religion, die Regeln des guten Verhaltens vorgibt und Belohnungen oder Strafen in Aussicht stellt.

Interessanterweise ist das im übrigen auch ein Phänomen, welches in der kulthaften Ideologie des  Feminismus eine Rolle spielen könnte. Jede Verhalten wird in den Kontext der Verbesserung der Welt gestellt und alles private für politisch erklärt. Damit ersetzt die Gemeinschaft den Gott, der über alles wacht.

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Besteht ein Bedürfnis nach „Ersatzreligionen“ gerade in Bezug auf Geschlechterthemen?

Yeyo sieht in einem Tweet Gender Studies auch als Ersatzreligion:

Wo vorher die Kirche vielleicht eine Bestimmung vorgenommen hat oder eine Rechtfertigung dafür gegeben hat, dass zB Frauen weniger in Führungspositionen waren („Weil Gott den Mann als Oberhaupt der Familie ansieht“ oder „Weil Gott sie dazu bestimmt hat, Leben zu schaffen“) könnte jetzt die Eindeutigkeit der Gender Studies mit ihrer sehr an christliche Lehren erinnernde Heilsbotschaft „Die Frau ist nur unterdrückt, sie steht unter dem Einfluss des bösen Patriarchats. Wir alle können durch die weibliche Art geläutert werden, wenn endlich die toxische Männlichkeit ausgetrieben worden ist“ einen Ersatz darstellen.

Interessanter Gedanke oder fernliegend?

#4genderstudies Wie kann man den Ruf der Gender Studies verbessern?

Heute soll eine „konzentrierte Aktion“ Aktion zu Gunsten der Gender Studies starten:

Liebe Kolleg*innen,

aus dem Feld der Gender Studies planen wir am 18.12.2017 eine „konzertierte Aktion“, um in die derzeit öffentlich bzw. medial geführte Debatte um Gender Studies einzugreifen.

Anlass sind die derzeit scharf formulierten Angriffe in verschiedenen reichweitenstarken Zeitungen, wie z.B. FAZ, New York Times, oder Neue Zürcher Zeitung.

Es gibt jenseits solcher Beiträge auch sehr gute Berichterstattung und auch seitens der Medien ein produktives Interesse an Infos und Debatte zum Begriff ‚Gender‘ und zu den Gender Studies.

Das Verfassen von Kurzstatements an Zeitungsredaktionen der Tagespresse, Positionierungen auf Homepages, Texte auf Blogs, Twitteraktionen,… von Forschungszentren, Fachgesellschaften und Fachgruppen, Zeitschriftenredaktionen, Netzwerken, aus Konferenzzusammenhängen, Workshops oder auch von Einzelpersonen können daher einen Beitrag dazu leisten, die Wahrnehmung der Gender Studies als Forschung mit gesellschaftlich hoch relevanten Beiträgen für ein demokratisches Zusammenleben zu fördern.

Für Posts in Sozialen Medien könnten wir den Hashtag #4genderstudies nutzen.

Ausgangspunkte für Statements könnten Fragen sein wie:

  • Wozu arbeiten und forschen wir? Inwiefern sind Gender Studies Wissenschaft? Was meint der Gender Begriff in Ihrem/Eurem Feld? Wer hat was (nicht) von unserer Forschung? Und ist das überhaupt eine sinnvolle Frage? Wie kooperiert Ihr / wie kooperieren Sie mit den Gender Studies? Wie ist das international?
  • Darüber hinaus aber auch: Inwiefern werden mit den Angriffen auf die Gender Studies womöglich auch weitere Disziplinen und Felder der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften adressiert, d.h. welches Verständnis von Wissenschaft artikuliert sich in den Gender Studies und den Phantasien um diese?

Wir freuen uns über eine rege Beteiligung und sind gespannt auf viele Beiträge, Tweets, Einlassungen am 18.12.2017!

Gerne dürfen Sie diesen Call for Action weiterleiten, damit Vernetzung und gegenseitige Bezugnahme möglich werden.

Vielleicht können wir hier ein paar der dortigen Bemühungen sammeln.

Identitätspolitik und das damit verbundene Ausblenden der tatsächlichen Ursachen

Ein interessanter Artikel beleuchtet die Denkweise, zu der die im Intersektionalismus praktizierte Identitätspolitik verleitet.

Der Autor schildert, dass er sich für Arme in Afrika einsetzt und dabei immer wieder die Frage gestellt bekommt, warum er das macht. Er versucht sie so gut wie möglich unter Hinweis auf die Missstände und das Leid der Leute vor Ort zu beseitigen, aber diese Antwort genügt den Fragenden nicht. Sie wollen seinen persönlichen Grund wissen, der für sie nur in der Identitätspolitik liegen kann, also dem Umstand, dass er als Weißer Schuld auf sich gelagert hat:

It quickly dawned on me that my advisors were, for the most part, largely incapable of understanding how a wealthy White American could possibly care about impoverished Black Africans, apart perhaps from White guilt or some deeper personal connection to poverty.

In the world of the far-Left, the only sensible explanation for why one person would care about the suffering of another is that they personally identified with them on the basis of culture, ethnicity, race, or gender. Moral universalism has become inconceivable for many academics on the Left, who doubt that it’s possible to care about the suffering of another human being independently of your respective identities. Do I think this problem is exclusive to the political Left? No. But I do think it’s been exacerbated to phenomenal levels by identity politics.

Er passt sich dann an um seine Arbeit fortführen zu können:

I quickly learned that a more effective way to explain why a White Westerner would be concerned about global poverty was by appealing to a sense of justice rather than a sense of caring, specifically by invoking postcolonial White guilt. If I couldn’t explain that I care about people in developing nations for their own sake, at least I could explain that I as a White Westerner felt a sense of responsibility to formerly colonized regions of the world.

Allerdings sieht er erhebliche Folgen dieser Denkweise:

The strategy of playing upon White guilt does, however, come at a cost. When we leverage guilt as our primary motivation for helping the developing world, problems which aren’t obviously related to colonialism, including preventable disease and geographic impediments to trade, almost by definition become unimportant. (By contrast, if we were driven by a sense of universal compassion, then we should care about every problem in the developing world regardless of whether or not it’s a derivative of colonialism).

In other words, the Left’s obsession with structural oppression and social justice has led it to neglect problems like malaria which are, in my view, arguably more critical. When I would mention the problems posed by disease, either in my essays or in mock interviews, my reviewer would often respond with something like, and how do you view malaria as being related to structural oppression?

My honest answer is that I don’t. Structural oppression isn’t the only thing wrong with the world, and many of the major challenges facing developing nations are non-structural in nature. Sometimes our efforts are better spent distributing anti-malarial bednets than trying to restructure society. However, I was explicitly encouraged not to say anything like this in my applications. To many on the far-Left, structural issues almost by definition trump all other concerns, and to think otherwise is something of a heresy. And so, I began to deliberately avoid discussing non-structural issues, omitting any mention of geography and giving only a cursory nod to disease, instead focusing almost exclusively on things like power relations between developing and developed nations.

Und das ist aus meiner Sicht in der Tat eines der größten Probleme, die aus der Identitätspolitik des intersektionalen Feminismus enstehen: Wer diesem „Glauben“ anhängt, der hat die Lösung für alle Probleme bereits vorliegen: Es ist strukturelle Unterdrückung.

Das ist ganz ähnlich wie bei einer Religion, bei der man annimmt, dass alles Böse durch den Teufel oder seine Handlanger verursacht wird. Man muss dann nur noch diese Handlanger bekämpfen, also die Hexe, die die Ernte durch das Hinaufbeschwören von schlechtem Wetter vernichtet hat und eifrig beten.

Ähnlich ist es im Feminismus: Man macht schlicht strukturelle Unterdrückung verantwortlich, schon hat man jemanden, den man bekämpfen kann (hier dann: Den alten, weißen, heterosexuellen Mann und seine Verbündeten).

Eine Suche nach weiteren Ursachen wird dabei blockiert und gilt sogar als falsch und evtl gar als Schuldverlagerung.

Religon, schrieb Dawkins in „der Gotteswahn“ ist an Lücken in dem Wissen der Menschen interessiert. Denn jede Lücke kann mit Glauben gefüllt werden. Deswegen ist Religion dem Grunde nach wissenschaftsfeindlich, denn Wissenschaft muss eben Lücken in dem Wissen finden und systematisch und ergebnisoffen erforschen, wie man die Ergebnisse auf diesem Gebiet deuten kann.

Mit intersektionalen Feminismus ist dies ähnlich: Er braucht auch Lücken, denn in diesen findet er strukturelle Unterdrückung. Er hat kein Interesse daran, die Ursachen des Gender Pay Gap zu untersuchen, denn jede zusätzliche Erklärung macht den Anwendungsspielraum „Strukturelle Unterdrückung“ kleiner.

Das Gegenmittel ist, dass man auch jede Erklärung ihrerseits wieder ohne Hinterfragen der „Strukturellen Unterdrückung“ zuordnet:

Frauen setzen länger aus und arbeiten dann Teilzeit? Strukturelle Unterdrückung, weil ihnen quasi gegen ihren Willen die Kinderbetreuung aufgedrückt wird.

Strukturelle Unterdrückung wird damit zur Antwort auf alles. Nachfragen macht es immer schwerer dieses Narrativ aufrecht zu erhalten. Weswegen Feministen Filterblasen lieben und auf Kritik äußerst allergisch reagieren.

 

 

 

Feminismus als Kult und Erlösungsreligion

Die feministische Seite, bei der man immer wieder leicht zweifelt, ob sie nicht doch eine Parodie ist, weil sie Artikel bringt, die eigentlich niemand ernst nehmen meinen kann, hat wieder einen Artikel gebracht, der wunderbar veranschaulicht, wie nahe der intersektionale Feminismus an einer Sekte ist:

I often joke with people that feminism has been like a born-again religion for me – that once I found it and let it into my life, my entire perspective shifted in such a way that suddenly, everything made sense – and that I feel compelled to spread that gospel.

See, because when I first started discovering feminism, I realized how many of the bad things that have happened in my life, big and small, have been part of a larger social system. And coming to understand that it was never my fault or about me individually gave me space to start an immense healing process.

And when intersectional feminism found its way into my life, I was even more enamored: Not only did feminism explain what had gone wrong in my own life and the lives of other women, but it explained essentially every awful thing in the world.

Damn, that’s powerful.

Feminsmus hat ihr deutlich gemacht, dass nichts, was ihr in ihrem Leben schlechtes passiert ist, ihr Fehler war. Das System ist an allem schuld. Und das System ist auch an allem anderen schuld, was in der Welt schlecht ist. Nicht sie. Auf keinen Fall hat irgendetwas mit ihr zu tun.

Das ist wirklich ein erlösender Gedanke.

I often encounter people who ask me and others, though, what the point of feminism is – how it’s still relevant, why it matters. And it’s easy enough to name broader accomplishments of the movement, like the right to vote and abortion access, as ways in which it affects my life, but what about the day-to-day?

Because feminism isn’t only present in my life when I’m filling out a ballot or waiting for my birth control prescription. Feminism has colored every single thought and action that passes through me in a day. Feminism has changed how I see myself and others. Feminism has rebooted my entire being.

Feminism is my operating system.

Feminismus ist der Frame, unter dem sie alles sieht. Und alles ist Unterdrückung, nichts ist ihre Verantwortung. Wenn man das erst einmal akzeptiert, dann kann das sicherlich Erlösung bringen. Man ist von aller Verantwortung befreit und kann sich an einem Sündenbock abarbeiten. Man muss nur eben alles unter diesem Gesichtspunkt sehen. Und bloß nicht die böse Realität hereinlassen. Denn dann ist es aus mit dem Seelenheil. Dann muss man sich plötzlich an die eigene Nase fassen. Welch schrecklicher Gedanke.

And I think that that matters, too. The name of the site is Everyday Feminism, after all.

Of course, my own experience with how feminism has changed my life in small ways is influenced by my social location. As a white, queer, able-bodied, neuroatypical, middle class, educated, cisgender woman, my relationship with feminism exists in a particular space, mostly of privilege – but I can only speak from that space.

Ich glaube auch das ist Befreiung – seine Sünden eingestehen, für die man nichts kann und Buße ankündigen. Aber auch nichts so richtig. Mehr einfach den Kampf führen gegen die eigentlichen Feinde, das Patriarchat, dass alle anderen Unterdrückungen hervorbringt. Der weiße heterosexuelle Mann ist der Schurke. Er muss gestoppt werden. Die weiße heterosexuelle Frau auch, aber sie ist ja auch irgendwie nur deswegen dabei, weil sie in dem System des Mannes verstrickt ist. Nur über ihn kann man das System auflösen. Und dort kann man ehrenhaft kämpfen. Und man kann deutlich machen, wie wenig man selbst das System stützt in dem man zeigt, wo andere es noch besser bekämpfen können.

Alles Böse ist erklärt. Und zwar mit einem ganz einfachen Feindbild. Aber auch keinem richtigen. Selbst den Feind will man ja eigentlich nur gutes, wenn er endlich aufhört der Feind zu sein.

Man arbeitet an der Weltenrettung.

Warum stellen sich alle Vergewaltigungsfälle die von Feministinnen unterstützt werden als falsch heraus?

In den Kommentaren wurde die Frage gestellt, warum sich Feministinnen gerade in die Fälle wegen Vergewaltigung verbeißen, die hoch problematisch sind und bei denen man enorme Zweifel an der Richtigkeit haben kann.

Matze schrieb etwa:

Ich finde es immer wieder erstaunlich wie Feministinnen sich in Fälle verbeißen, die von Anfang an faul riechen

Und David schrieb:

In dem Fall wirklich krass. Nachdem man seit Jahren schon jedes tote Pferd geritten hat (gefühlt 95% aller öffentlich diskutierten „Vergewaltigungsfälle“ stellten sich ja als Falschbeschuldigungen heraus), roch es doch hier jeder halbwegs Vernunftbegabte zehn Meilen gegen den Wind.

Und in der Tat sind so gut wie alle Fälle, die zu großer Feministischer Aufregung um die Frage des „war es eine Vergewaltigung?“ geführt haben sehr fragwürdig und die Fälle führten häufig dazu, dass die Zweifel eher überwiegen oder sich die Geschichte als falsch heraus stellte.

Natürlich muss man da vorsichtig sein:  Sulkowicz aka MatrazenMädchen wirkt vollkommen verrückt und wenn man sich die Nachrichten anschaut, die sie ihm direkt nach der angeblichen Tat geschickt hat, dann sind Zweifel daran, dass sie vergewaltigt wurde, aus meiner Sicht sehr begründet. Aber natürlich kann sie das Gefühl gehabt haben, vergewaltigt worden zu sein, wenn er unerfahrenen Analsex mit ihr hatte und sie dachte deutlich genug gemacht zu haben, dass es ihr weh tut. Vielleicht waren die Nachrichten tatsächlich ihr Weg, über diese Vorfälle noch einmal direkt mit ihm reden zu wollen. Andere Fälle wie der „Jackie“-Fall beim Rollings Stone Magazin waren hingegen deutlicher, was Feminstinnen, auch deutsche Feministinnen, aber nicht davon abhielt trotz bereits entgegenstehender Fakten weiterhin daran festzuhalten:

Auch im nunmehrigen Fall um Gina Lisa Lohfink scheinen die Feministen unfähig zu sein, die dagegen stehenden Fakten wahrzunehmen:

Lohfink steht oft vor Kameras. In der Nacht mit den beiden Männern wollte sie es nicht. Dem Gericht lagen mehr als zehn Minuten Material vor, und diese dürften den Ausschlag dafür gegeben haben, dass der Fall überhaupt angeklagt wurde. Diese Szenen kennt die Öffentlichkeit nicht. Denn nach dem „Hör auf“ geht es weiter, Lohfink nimmt die Arme nach hinten, fasst sich in die Haare, entspannt. Nur mit dem Video sei sie nicht einverstanden gewesen, sagt die Richterin. „Mach das weg.“ – „Ich lösche das“, verspricht eine Stimme. Dann winkt Lohfink, lächelt und hat Sex mit dem Mann, der zuvor die Kamera hielt, die Hand auf seinem Po.

(…)

„Hör auf“ würde in den Ausschnitten geradezu inflationär benutzt, aber meistens gehe es ums Filmen, sagt Richterin Ebner. Einmal, als sie tatsächlich keinen Sex gewollt habe, hätte Sebastian C. sofort von ihr abgelassen. „Es wird gescherzt, gelacht, getrunken. In keiner Szene ist zu sehen, dass Frau Lohfink sich unwohl fühlt.“

(…)

„Befremdlich“ habe die Staatsanwältin es gefunden, dem angeblichen Vergewaltiger noch zärtliche SMS zu senden, wie Lohfink es tat. Irritierend, wie sie sich tags darauf in einem Hotel wieder mit Pardis F. einließ. Unglaubwürdig, dass sie in der Wohnung nach der angeblichen Vergewaltigung mit dem Täter noch eine Pizza aß. Gögge hält der Angeklagten vor, dass sie sich vor jeder aufgestellten Kamera zu den Vorwürfen äußerte, aber im Prozess selbst nur ein schriftliches Statement abgegeben wurde, ohne Nachfragen zuzulassen. Darin nur Ausreden, meint sie. „Alles Schutzbehauptungen.“

Bisher habe ich bei noch keiner Feministin, die etwas zu dem Fall geschrieben hat, etwas dazu gelesen, dass es da ein mehr an Material gegeben hat, welches den Fall in ein anderes Licht rückt.

Dabei sollte man annehmen, dass gerade die, die dieser Fall interessiert, die entsprechenden Details nachlesen und bewerten. Findet sich in irgendeinem feministischen Artikel etwas zu den hier fett zitierten Informationen? Ich habe jedenfalls nichts dazu gelesen.

Aus meiner Sicht erklärt sich dieses missachten von Fakten und das unbeirrbare Festhalten an solchen Geschichten am ehesten wie folgt:

  • Die Feministinnen verteidigen nicht den konkreten Fall, sondern ihre These, dass man die „Rape Culture“ in der wir nach ihrer Ansicht leben, nur bekämpfen kann, wenn Frauen folgenlos anzeigen können und Täter möglichst schnell und umfassend bestraft werden. Sie gehen dabei davon aus, dass „böse Mächte“ aka das Patriarchat diese Anzeigen und die Verurteilung irgendwie verhindert und deswegen die Vergewaltigung von Frauen quasi straffrei ist. In diesem Kampf gegen die Rape Culture, der als Kampf (patriachale) Männer gegen Frauen ausgestaltet ist, sind die Opfer momentan zum großen Teil und in großer Anzahl Frauen. Zusammen mit der Einschätzung, dass Falschbeschuldigungen selten sind, ist dann der Grundsatz „Frauen ist zu glauben“ der Gedanke, dass man 100 Frauen rettet, auch wenn dafür ein Mann evtl unschuldig ins Gefängnis kommt. Es ist also ein Kampf nicht für die einzelne Frau, sondern für den Grundsatz, dass man jeder Frau glauben soll, auch wenn sie ihre Position nicht beweisen kannSo ähnlich hatte ich es auch bereits in einem anderen Artikel ausgedrückt:

    Die zweite Auffassung folgt poststrukturalistischen Ansätzen und ordnet die Vergewaltigung in einen Machtkampf zwischen den Gruppen Mann und Frau ein. Dabei ist die Vergewaltigung ein Mittel der Gruppe Mann um Macht über die Gruppe Frau zu erlangen. Dazu errichtet sie eine Kultur, aus der heraus der Einsatz dieser Machtmittel wahrscheinlicher erfolgt, eben indem die Sexualität der Gruppe Frau eingeschränkt wird und die Frau innerhalb dieser Machtgruppe als ein Objekt der sexuellen Befriedigung dargestellt wird. Aus diesen Sichtweisen heraus begeht der Täter dann die Vergewaltigung und setzt damit gleichzeitig genau das um, was die Gruppe Mann (oder deren Anführer im Sinne einer hegemonialen Männlichkeit) benötigt um sein Machtmittel aufrechtzuerhalten.
    Der effektivste Weg zur Reduzierung oder gar Beseitigung von Vergewaltigungen ist damit eine gesellschaftliche Beeinflussung, die sich gegen die damit verbundenen Machtstrukturen richtet, also gegen hegemoniale Männlichkeit bzw. das Patriarchat oder die Phallokratie. Dazu ist es erforderlich das Machtmittel zu erkennen und als solches unwirksam zu machen. Dazu gehört dann eben auch, dass eine Vergewaltigung stets geandet wird, aber auch eine Umerziehung der potentiellen Täter, nämlich der Männer, indem sie Lernen die Strukturen, die die Vergewaltigungskultur bilden, effektiv und gerade auch bei sich selbst zu bekämpfen. Da die Vergewaltigung ein Machtmittel ist erscheint auch zugleich jede Maßnahme, die eine Nichtbestraftung eines Täters zur Folge hat, als weiteres Machtmittel zur Absicherung des anderen Machtmittels. Wenn das Rechtsstaatsprinzip also die Verurteilung von Vergewaltigern erschwert, dann muss er Teil des Machtapparats, also der Vergewaltigungskultur sein. Die Aufhebung dieses Prinzips für die Vergewaltigung verhindert in diesem Kontext andere Vergewaltigungen, weil es die Vergewaltigungskultur selbst bekämpft, die auf den Säulen „Erleichterung der Vergewaltigung durch Schaffen eines entsprechenden Klimas“ und „Nichtbestrafung der Vergewaltigung“ besteht. Im Rahmen der Gruppeninteressen der Frau kann das eh zu unrecht eingesetzte Machtmittel „Vergewaltigung“ eben nur durch eine Lockerung des Rechtsstaats bekämpft werden und dass dabei einzelne Falschbeschuldigte auf der Strecke bleiben ist irrelevant, weil die andere Seite bei Einsatz des Machtmittels „Vergewaltigung“ auch keine Rücksicht auf die Opfer nimmt.

    Hinweise gegenüber dem Opfer, doch bitte vorsichtig zu sein, sind vergleichbar damit, jemanden, dessen Kopf man regelmäßig unter Wasser drückt den guten Hinweis zu geben, doch bitte zu lernen länger die Luft anzuhalten.

    Wenn es aber gerade um den Grundsatz geht, dass jeder Frau zu glauben ist, damit man die Macht der Rape Culture und des Patriarchats brechen kann, dann bieten sich gerade die Fälle, in denen es unwahrscheinlicher ist, als Machtkampfgelände an. Nur dann kann man nämlich diesen Grundsatz verteidigen. In rationaleren Fällen ist er weitaus weniger in Gefahr

  • Damit im Zusammenhang stehend ist das Bekenntnis, der Frau immer zu glauben, eben auch ein Glaubensbekenntnis innerhalb einer Ideologie. Wer rational an die Sache herangehen würde und die oben beispielshaft für den Lohfink-Fall dargestellten Fakten erwähnen und diskutieren würde, der ist vergleichbar mit jemanden, der bei religiösen Fanatikern Dawkins zugestehen würde, ein paar gute Punkte zu haben. Im droht damit die Exkommunion oder er wäre jedenfalls jemand, der mit Zweifel anzugehen wäre. Einer Feministin bleibt gar nichts anderes übrig als alles andere auszublenden und sich nur auf die Umstände zu konzentrieren, die dafür sprechen, dass man derjenigen glauben kann. In den Chor einzustimmen ist damit „Virtue Signalling“ und ebenso ein Costly Signal, wie es in vielen Religionen verwendet wird.
    Es ist ein „Ich bekenne, jedem Opfer einer Vergewaltigung zu glauben, ich glaube an die Rape Culture und die Befreiung von ihr durch die Solidarität mit dem Opfer“.
    Und das macht wiederum die irrationalen Fälle interessanter für das Glaubensbekenntnis. An ihm kann man erkennen, ob diejenige wirklich zur Sache steht. Um so irrationaler um so größer das Signal.