Die Brüderschaft der Säugetiere

Auf der Seite Westhunt wird ein evolutionärer Fall angeführt, anhand dessen Begründung man prüfen kann, ob man grundlegende Arbeitsweisen der Evolution verstanden hat.

Alle Säugetiere sind näher miteinander verwandt als mit Vögeln. Daher wird ein Otter oder ein Stachelschwein instinktiv einem Hasen helfen, der von einem Falken gejagt wird

Zum Verständnis, wie man auf diese Ausführung überhaupt kommen kann, muss man die Figur der Gruppenselektion kennen, zur richtigen Ablehnung dann das egoistische Gen und die Verwandtenselektion, dazu Genmathematik. Es bietet sich auch die Diskussion des Umfangs eines „Grünbart-Effekts“ an.

Will sich jemand an einer Erklärung versuchen?

Nochmal zum egoistischen Gen

Djadmoros schreibt in einem Kommentar:

Der von Christian favorisierte evolutionspsychologische Ansatz mit seiner starken, »dawkinsschen« Betonung des »egoistischen Gens« ist ja auch nicht das einzige Modell einer verallgemeinerten Evolutionstheorie, das zur Debatte steht, und einen biologischen Reduktionismus wird auch eine Soziologie, die für biologisch-anthropologische Forschungen aufgeschlossen ist, zu Recht nicht mitmachen.

Die „starke Betonung des egoistischen Gens“ ist gegenwärtig – abgesehen von einigen wenigen, die Gruppenselektion als Theorie diskutieren – aus meiner Sicht in der Evolutionstheorie absolut vorherrschend. Und das mit gutem Grund. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass jemand, der nicht versteht, warum das „egoistische Gen“ so wichtig ist, die Evolutionstheorie schlicht nicht verstanden hat.

ich füge hier noch einmal einen Text aus der Wikipedia ein:

Dawkins geht von der Überlegung aus, dass in der Evolutionsforschung eine Zeit lang Arten als Einheit der Selektion angesehen wurden (Arterhaltung). So heißt es in älteren Dokumentationen oft: Tiere „opfern sich zum Wohl der Art“. Inzwischen geht die allgemeine Tendenz jedoch eher in die Richtung, einzelne Individuen und ihre Konkurrenz um Ressourcen in den Vordergrund zu stellen. Dawkins denkt diesen Ansatz radikal weiter: Warum sollten nicht die Genabschnitte einzelner Chromosomen selbst mit den gleichen Genabschnitten anderer Chromosomen miteinander „im Wettstreit stehen“? Denn zumindest Lebewesen, die sich sexuell vermehren, können ja nicht als ganze Individuen in die nächste Generation weitergegeben werden, sondern nur eine mehr oder weniger willkürliche Auswahl ihrer Gene. Insofern besteht eine Konkurrenz der Gene um ihre Verteilung in der nächsten Generation, an den jeweils entsprechenden Stellen im Chromosomensatz.

Besonders allele Gene stehen in direkter Konkurrenz, also solche, die an der gleichen Stelle im Genom sitzen können und die gleiche Aufgabe erfüllen, sich aber darin voneinander unterscheiden können, wie sie diese Aufgabe erfüllen. Gene müssen deshalb immer „egoistisch“ sein, das heißt in diesem Zusammenhang ihre Verbreitung auf Kosten von anderen Genen vergrößern (wobei der „Egoismus“ der Gene sich freilich nur als anschauliches Bild versteht – Gene haben weder Gefühle noch Absichten). Es lässt sich nur auf die Vergangenheit schauend erklären: Ist ein Allel heute noch vorhanden, folgt daraus, dass es sich egoistisch (hier im Sinne von darwinistisch evolutionär) gegen andere durchgesetzt hat. Andere Allele, mögen sie noch so funktionell für ihre Träger gewesen sein, sind unterlegen und verschwunden – entweder aufgrund ihrer eigenen evolutionären Unterlegenheit oder jener der sie begleitenden Allele.

Meine Ausführungen dazu finden sich hier.

Nur mit dem Verständnis, dass das Gen das wichtige Element ist, und das die Gene im Genpool bleiben, deren Auswirkungen dazu beitragen, dass möglichst viele weitere Kopien des Gens im Genpool bleiben, kann man die Gedanken der Evolutionstheorie nachvollziehen. Nur so erklären sich Verwandtenselektion und viele andere Vorgänge, die vielleicht sogar schädlich für einen der Genträger sind (zB Warnrufe beim Auftauchen von Fressfeinden). Nur so wird einem auch deutlich, dass so etwas wie das „Glück“ der Person oder sein Überleben nur eine sehr untergeordnete Rolle als Wert an sich spielen.

„Zum „biologischen Reduktionismus“: Wer die besseren Argumente hat wird sich eben durchsetzen. Ob eine Forschungsrichtung das dann mitmachen möchte sagt über die diesbezüglichen Wahrheiten der Theorie wenig aus. Bisher können die biologischen Theorien denke ich vieles am menschlichen Verhalten gerade in Kombination mit Spieletheorie am besten erklären – nicht einzelne Handlungen oder Personen in der Geschichte, aber menschliches Verhalten an sich.

Kreativität, Schizophrenie und Gene

In einem Spiegelartikel geht es um die enge Grenze zwischen Kreativität und Schizophrenie:

Nach vielen Enttäuschungen präsentierte 2002 ein isländisches Forschungsteam um den ehemaligen Harvard-Neuropathologen Kári Stefánsson seine Ergebnisse zu einem Gen, das, so vermuteten die Forscher, in einem ursächlichen Zusammenhang zur Schizophrenie stehen müsse. Neuregulin 1 (NRG1) nennt es sich, es verfügt über Signalübertragungsfunktionen zwischen Zellen und ist für ihre Interaktion verantwortlich. Störungen der NRG1-Signalübertragung wurden von den Forschern fortan mit Schizophrenie in Verbindung gebracht, zumindest mit Aufmerksamkeitsstörungen. Die eigentliche Entdeckung folgte sieben Jahre später. Eine Studie der renommierten Semmelweis-Universität in Budapest zeigte in der Fachzeitschrift „Psychological Science“: Nicht nur für ein höheres Schizophrenierisiko sollte die Genvariante von Neuregulin 1 stehen, sondern auch für Kreativität.

Bestimmte Gene erhöhen also wohl das Risiko zum einen Schizophren, zum anderen aber auch besonders kreativ zu sein.

Bei der Hälfte der Europäer entdeckte der Neuropathologe eine Kopie des Gens, bei ungefähr 15 Prozent waren es zwei. Diese Menschen waren nicht nur anfälliger für Schizophrenie, sondern auch kreativer. Man fragte sie: Stellen Sie sich vor, von den Wolken würden Fäden bis zur Erde herabhängen. Was würde geschehen? Die Träger der beiden Gene beeindruckten mit deutlich originelleren und komplexeren Ideen. Anstelle von erwartbaren Antworten wie „Ich würde hochklettern und die Fäden dafür nutzen“ oder „Ich würde das Wetter ändern“ gingen die Antworten der Testpersonen mit der Genvariante in eine andere Richtung. „Ich würde eine Decke stricken, um die Erde zu bedecken und zu schützen“, sagte einer. Ein anderer: „Ich würde spezielles und frisches Wasser in eine Wolke injizieren, wenn die Wolken verschwänden, kämen die Leute durch die Fäden immer noch dran.“

Kreativität ist natürlich schwer zu messen und auch bei solchen Beispielen ist es schwer sie in eine „kreativere Reihenfolge“ zu bringen. Fäden, die aus Wolken hängen? Ich müßte wohl erst einmal mit der Unlogik der Situation kämpfen, aber wenn passend beschrieben wäre, dass man es einfach als Gedankenspiel sehen soll, dann würde es wohl gehen.

Verblüfft stellte Kéri fest, dass eine genetische Variante, die mit Schizophrenie assoziiert war, erstmals auch positive Eigenschaften besaß. Er übertrug den Gedanken auf das Prinzip der Evolution, denn bei einigen Menschen führte die Variante offenbar zur schizophrenen Gedankenflucht, zu Halluzinationen und Wahnideen, bei anderen setzte sie ein freieres Denken und ungewöhnliche Gedankenkombinationen in Gang. Was unterschied diese Menschen?

Kreative, darin sind sich die Forscher einig, denken assoziativer, weniger fokussiert, offener. Ihre Gehirne filtern weniger stark Wesentliches von Unwesentlichem und ähneln denen von Kranken – aber mit einem entscheidenden Unterschied. Was den Schizophrenen überschwemmt, wird vom Erfinder geordnet, zu sinnstiftenden Einheiten kombiniert, sein Gehirn „bündelt“.

Die Frage, wie stark man den „Vorfilter“ einstellt hätte insoweit Vorteile, was eine stärkere Fokussierung angeht, läßt aber im Bereich der Kreativität gleichzeitig aber auch einiges nicht durch, was vielleicht origineller ist.

Bei der Schizophrenie hingegen würde zuviel durchgelassen werden.

Evolutionstechnisch wäre damit Schizophrenie wieder besser erklärbar: Dass eine Genvariante bei einigen Trägern schädlich ist, führt nicht dazu, dass diese ausselektiert wird, wenn sie in anderen Trägern vorteilhaft ist. Ein Nachteil bei einem Verwandten kann durch Vorteile bei anderen Verwandten ausgeglichen werden.

Partnerwahl: Von Promiskuität zu festen Bindungen

In einem interessanten Artikel zur Partnerwahl wird dargestellt unter welchen Bedingungen feste, (verhältnismäßig) monogame Bindungen entstanden sein könnten.

A crucial step in recent theories of human origins is the emergence of strong pair-bonding between males and females accompanied by a dramatic reduction in the male-to-male conflict over mating and an increased investment in offspring. How such a transition from promiscuity to pair-bonding could be achieved is puzzling. Many species would, indeed, be much better off evolutionarily if the effort spent on male competition over mating was redirected to increasing female fertility or survivorship of offspring. Males, however, are locked in a “social dilemma,” where shifting one’s effort from “appropriation” to “production” would give an advantage to free-riding competitors and therefore, should not happen. Here, I first consider simple models for four prominent scenarios of the human transition to pair-bonding: communal care, mate guarding, food for mating, and mate provisioning. I show that the transition is not feasible under biologically relevant conditions in any of these models. Then, I show that the transition can happen if one accounts for male heterogeneity, assortative pair formation, and evolution of female choice and faithfulness. This process is started when low-ranked males begin using an alternative strategy of female provisioning. At the end, except for the top-ranked individuals, males invest exclusively in provisioning females who have evolved very high fidelity to their mates. My results point to the crucial importance of female choice and emphasize the need for incorporating between-individual variation in theoretical and empirical studies of social dilemmas and behaviors.

Quelle: Human origins and the transition from promiscuity to pair-bonding

Aus der Diskussion dort:

I have shown that, under biologically realistic conditions (e.g., when the group size is not too small, competition between males is strong, and the effects of male provisioning and care are not too large), the population is not able to escape the low fitness state at which males invest exclusively into competition for mating. This conclusion is not changed qualitatively, even if one accounts for an elevated genetic relatedness between males arising from their philopatry. Note that communal care provided by females, the importance of which has been stressed in a number of recent publications (4, 6–8), is even less likely to become established because of low relatedness between females who disperse to different groups on maturity. Moreover, females may benefit from multiple matings (46–48), which implies additional selection against pair-bonding. The power and implications of the male’s dilemma discussed above have not been generally acknowledged in the discussions of human transition to pair-bonding (10). The solution of the male’s dilemma proposed here builds on the idea of mate provisioning augmented by the explicit consideration of (i) females’ evolutionary response to provisioning and (ii) the role of males’ dominance ranks in determining their preferred actions. Mate provisioning has double benefits, one of which (mating) is immediate and another (increased fertility and decreased between-birth interval) is delayed. These benefits are most pronounced for low-ranked males who have a low chance of winning a mate in competition with top-ranked males. One, therefore, should expect that it is low-ranked males who will attempt to buy mating by provisioning. Note that, if there are more males at the bottom than at the top of the hierarchy, selection benefiting the “masses” may become stronger than selection benefiting the “elite”. Top-ranked males can easily beat out or chase away the low-ranked males and steal the paternity, making the investment of low-ranked males in production wasteful. However, after females start developing preferences for being provisioned, the low-ranked males’ investments start to pay off. In the model presented here, male provisioning and female faithfulness coevolve in a self-reinforcing manner. At the end, except for a very small proportion of the top-ranked individuals, males invest exclusively in provisioning females who have evolved very high fidelity to their mates. Overall, females are not predicted to become completely faithful, but rather, the level of their faithfulness is expected to be controlled by a balance between selection for better genes (potentially supplied by top-ranked males) and better access for food and care (provided largely by low-ranked males).

Hier wird auch aufgezeigt, dass Verhalten nicht einfach losgelöst von anderen Umständen ist. Ein biologischer Impuls seinen Nachwuchs als Vater zu versorgen kann sich biologisch nicht umfassend neben weiblicher Promiskuität entwickeln, weil sich der Impuls dann nicht mehr lohnt. Im Gegenzug ist Treue erst dann lohnenswert, wenn der andere etwas beisteuert. Es sind im Endeffekt spieletheoretische Modelle, bei denen man erkennen kann, dass eine Evolution nicht vollkommen frei ist, weil bestimmte Selektiondrücke bestimmte Kombinationen begünstigen. Allerdings wird auch hierbei deutlich, dass Verhalten und Umwelt interagieren. Ein niedrigrangiges Männchen in einer Horde sehr starker Männchen mag eher auf Bindung setzen, dass gleiche Männchen in eine Gruppe mit noch viel schwächeren Männchen versetzt könnte hingegen eine andere Strategie fahren und weniger auf Versorgung setzen.

Die Folgen für unsere Entwicklung könnten enorm gewesen sein:

The transition to strong pair-bonding opened a path to intensified male parental investment, which was a breakthrough adaptation with multiple anatomical, behavioral, and physiological consequences for early hominids and all of their descendants (4–6). The establishment of pair-bonding shifted competition between males for mates, which was potentially destructive for the group, to a new dimension which is beneficial for the group — competition to be a better provider to get better mates (64). Pairbonding provided a foundation for the later emergence of the institution of modern family (65) as an outcome of additional processes, such as wealth accumulation and inheritance (66). Pairbonding also made possible the recognition of male kin, dramatically expanding the efficiency of kin selection and helping by grandparents, leading to stronger within-group coalitions and alliances (67, 68), and allowing for subsequent evolution of widespread cooperation in general (6, 69).

Hier hat sich also ein Weg ergeben, der uns friedlicher macht, der uns erlaubt eher zusammenzuarbeiten und Allianzen einzugehen und gleichzeitig Besitz und Reichtum interessant gemacht hat, ebenso wie die Vererbung von Besitz an unsere Verwandten, da wir damit im Wege der Verwandtenselektion die Weitergabe unserer Gene fördern.

Zu Vätern und Evolution, Gruppenbildung, Versorgung durch den Mann etc vergleiche auch:

Nepotismus in China und Verwandtenselektion

In China zeigt sich, das auch im Kommunismus Blut dicker als Wasser ist. Die Führungsstäbe lassen ihren Kindern keineswegs kommunistisch gerecht die normale Zuwendung des Staates zukommen, sondern fördern sie, so gut sie können, schicken sie ins Ausland, damit sie eine bessere Ausbildung erfahren, versorgen sie mit Posten und Staatsaufträgen

Die Karriere von Kindern hoher chinesischer Parteikader verläuft häufig äußerst erfolgreich: Zum einen können es sich ihre Eltern leisten, sie ordentlich ausbilden zu lassen: Deshalb studierten die meisten an Elite-Universitäten in den USA oder Europa. Aufgewachsen in komfortablen Funktionärswohnungen, ausgebildet in den besten Schulen, ausgestattet mit Dienstwagen und gepflegt in Sonderkrankenhäusern des Militärs haben die Prinzlinge bessere Startchancen als ihre Altersgenossen. Nicht selten besitzen sie zudem einen ausländischen Pass oder zumindest eine amerikanische Green Card.

Die Prinzlinge werden von Firmen aus dem In- und Ausland gerne angeheuert: Die Unternehmen erhoffen sich von ihnen nicht nur Insider-Wissen über Vorgänge in den oberen Etagen der Pekinger Macht, über Ausschreibungen und bevorstehende Börsengänge, sondern sie versprechen sich auch Verbindungen und Kontakte, die den Geschäften dienen.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ein zu erwartendes Verhalten, weil der Mensch eben ein Produkt egoistischer Gene ist und die Verwandtenselektion ein guter Weg ist, diese Gene zu fördern. Ein paar Millionen Jahre später hat dieser Effekt wenig überraschend ein Lebewesen hervorgebracht, dem die Förderung seiner Kinder am Herzen liegt und das es als richtig ansieht, seine Kinder gegenüber anderen Kindern zu unterstützen.
Es ist auch wenig verwunderlich aus dieser Sicht, dass sich in einem kommunistischen System Korruption zeigt. Wenn der Staat alles in der Hand hält, dann kann man sich Eigenes nur über die Ausnutzung des Staates aufbauen. Das wird um so verlockender, um so mehr Umverteilungsmacht man hat und um so weniger man einer Kontrolle unterworfen ist. Kontrolle sinkt gleichzeitig, wenn die, die kontrollieren ebenfalls Macht haben und auch für sie Umverteilung interessant ist. Kommunismus ist in diesem Sinne sehr anfällig für klassisches Top Down Management, bei dem dann Einzelinteressen unter dem Vorwand von Gruppeninteressen einfliessen.
Und natürlich wissen das alle, wie der steigende Aktienkurs der Firma zeigt. Auch für sie ist es günstiger einfach in diesem Spiel mitzuspielen. Sind die Machtpostionen erst einmal in dieser Weise etabliert ist es schwer aus ihnen auszubrechen. Denn der Vorteil, der sich aus einem Widerstand ergibt, würde sich für die Gemeinschaft ergeben und sich auf den einzelnen damit in sehr abgeschwächter Form niederschlagen. Strafen der Mächtigen, die nicht durch einen Rechtsstaat oder entsprechende Kontrollen verhindert werden, treffen aber ungefiltert denjenigen, der sich gegen dieses System stellt (es ist eine Tragik des Allgemeingutes)