Kulturmarxismus

Zurecht verweist Neuer Peter darauf, dass hier immer mehr Diskussionen in einer Diskussion darüber enden, ob es einen Kulturmarxismus gibt oder nicht. Also scheint es angebracht hier einmal einen Artikel zu bieten, in dem das Thema ausdiskutiert werden kann und auf den man Leute verweisen kann, wenn dazu wieder eine Diskussion aufkommt.

Der 1. Mai bietet sich für ein solches Thema natürlich an, ebenso wie seinerzeit schon bei dem Artikel zu Kritik am Kommunismus.

Der Wikipedia-Eintrag zum Kulturmarxismus gibt das Folgende her:

Cultural Marxism ist ein politisches Schlagwort der amerikanischen Rechten, das eine angebliche Verschwörung der „Linken“ beschreibt.

Laut dem Politikwissenschaftler Thomas Grumke habe die amerikanische neue extreme Rechte eine Umdeutung des Feindbildes vorgenommen, da die klassische Red Scare nicht mehr funktioniere. Teil dieser Strategie ist es, Kampfbegriffe wie „Cultural Marxism“ in die Debatte einzuführen. Als Kampfbegriff der amerikanischen neuen Rechten beschreibt „Cultural Marxism“ einen angeblichen konspirativen Versuch der „Linken“, durch Angriffe auf den American Way of Life die Kultur und Moral der USA zu zerstören. Nach der Legende sei der Ausgangspunkt des Kulturkrieges auf die 1930er Jahre zurückzuführen, als eine kleine Gruppe jüdischer Philosophen aus dem Deutschen Reich in die Vereinigten Staaten flüchteten. Diese Vertreter der Frankfurter Schule wurden an der Columbia University tätig, wo sie eine Form des Marxismus entwickelt hätten, der sich nicht mit dem Wirtschaftssystem, sondern mit der Kultur auseinandersetze. Diese Gruppe habe sich seitdem zum Ziel gesetzt, den weißen Amerikanern den Stolz auf ihre europäische Abstammung und Ethnie auszureden, sowie „christliche“ Familienwerte als reaktionär und rückständig darzustellen. Auch werde aus diesem Grund sexuelle Befreiung gelobt. William Sturgiss Lind definiert neben den Philosophen der Frankfurter Schule auch Feministinnen, Homosexuelle, Multikulturalisten, Migranten und Umweltschützer als feindliche „Kulturkrieger“. [1]

Die Anschläge in Norwegen 2011 wurden von dem Norweger Anders Behring Breivik unter anderem damit begründet, Norwegen gegen den Islam und den „Kulturmarxismus“ verteidigen zu wollen.

Eine andere Erklärung für den Kulturmarxismus habe ich hier gefunden:

Relativ unbeachtet vom syndikalistischen und libertär-klassenkämpferischen Lager hat sich in den letzten Jahren eine von der politischen Rechten in den USA ausgehende Verschwörungstheorie entfaltet, die einen angeblichen, immer einflussreicheren, „Kulturmarxismus“ ausmacht. Dabei handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, die, kurz gesagt, postuliert, dass mächtige neo-marxistische Kräfte unter dem Deckmantel der Politischen Korrektheit versuchen Ehe, Familie und die gesamte traditionelle westliche Kultur zu zerstören, um dadurch die Bedingungen für eine soziale Revolution zu schaffen. Als Ursprung dieser Strategie zur Zerstörung der gesamten westlichen Zivilisation gelten für die Anhänger dieser Verschwörungstheorie insbesondere die Theoretiker der Frankfurter Schule.

Nimmt man diese Definition des Kulturmarxismus, dann haben wir folgende Elemente

  1. Theoretiker, die neo-marxistischen Theorien anhängen
  2. besonders auf politische Korrektheit achten
  3. das Ziel haben, damit Ehe, Familie und die gesamte traditionelle westliche Kultur zu zerstören
  4. dies aber nicht aus Gründen der politischen Korrektheit wollen, sondern auf diesem Weg die Bedingungen für eine soziale Revolution schaffen wollen

Dafür, dass tatsächlich ein Kulturmarxismus handelt ist also maßgeblich, dass die genannten Ziele nur Mittel zum Zweck sind und eigentlich nur die Basis für eine Revolution schaffen sollen.

Und da ist aus meiner Sicht der größte Haken an der ganzen Sache, der es sehr unwahrscheinlich macht, dass dies im größeren Umfang tatsächlich passiert. Denn die meisten, die hinreichend überzeugt von diesen Ideen sind, werden sie aus meiner Sicht eben auch als solche vertreten und der Nachweis, dass sie eigentlich etwas ganz anderes wollen, erscheint mir kaum möglich.

Ich kann mit durchaus vorstellen, dass es

  1. Personen gibt, die sich stark mit marxistischer Theorie befasst haben
  2. meine, dass zu einer gleichen Gesellschaft dann eben auch eine aus ihrer Sicht möglicht diskriminierungsfreie Gesellschaft gehört und daher auch die Theorien zur politischen Korrektheit bzw. die Privilegierungsgtheorien gut und richtig finden
  3. vieles an einer konservativen Gesellschaft schlecht finden und damit auch ein Kritik an Ehe und Familie im klassischen Sinne und auch an westlicher Kultur verbinden

All dies wäre aber kein Beweis für einen Kulturmarxismus, denn dieser erfordert eben nicht, dass man an beidem interessiert ist, sondern, dass man das eine nur als Mittel zum Zweck sieht.

Wenn man also beispielsweise feministische Strömmungen als Kulturmarxismus sieht, dann fehlt es aus meiner Sicht gerade an diesem Element. Es gibt natürlich feministische Theorien, die auch eine Kapitalismuskritik enthalten und insoweit auch Marxistische Elemente haben (zu Unterschieden und Kommunismus und Feminismus an sich verweise ich auf diesen Artikel mit einem Kommentar von Leszek), aber sie verfolgen doch auf der Ebene der Theorie und der Aktivstinnen eine starke auf Frauen bezogenene Ausrichtung, die sich zwar entsprechenden kommnunistischen Theorieelementen bedienen mag oder sich sogar vorstellen könnte, dass ein sozialistisch ausgerichtete Welt frauenfreundlicher ist („Konkurrenz und Wettbewerb ist Patriarchat, Frauen kooperieren friedlich“ oder so), dass bedeutet aber nicht, dass sie den Feminismus zwangsläufig als Mittel zum Zweck sehen.

In einem Artikel zu Feminismus und Kommunismus zitierte ich aus der Wikipedia wie folgt:

Patriarchat und Kapitalismus

Ein Zusammenhang zwischen dem Kapitalismus und den Geschlechterverhältnissen wurde innerhalb des Feminismus diskutiert, und zwar ob die Unterdrückung und Benachteiligung der Frauen ein „Nebeneffekt“ (Nebenwiderspruch) oder eine notwendige Voraussetzung des Kapitalismus seien. Sozialistische und marxistische Feministinnen betrachten die Frauenunterdrückung als immanentes Element des Kapitalismus. Sie beziehen neben der Produktions- auch die Reproduktionssphäre geschlechtliche Arbeitsteilung in ihre Analysen mit ein. Nach Frigga Haug gehe es um eine „Kritik der Produktionsweise des Kapitalismus, die auf Frauenunterdrückung in Form der Aneignung unentlohnter Arbeit basiert und des Fraueneinsatzes in geschlechtstypischer Arbeitsteilung bedarf.“ (zitiert nach Carstensen u.a.: S.3) Von feministischer Seite wurde kritisiert, dass die Unterdrückung der Frau zu einem Nebenwiderspruch der Produktion degradiert würde.

Das ist letztendlich eine Frage der eigenen Prioritäten, zeigt aber aus meiner Sicht durchaus, dass man bestimmte Theorien verbinden kann und damit beide Ziele verfolgen kann, ohne das man eines eigentlich gar nicht will, was ja letztendlich eine Theorie des Kulturmarxismus ist.

Mir erscheint insofern auch die Theorie des Kulturmarxismus eine Verschwörungstheorie zu sein, die über die in Amerika gern genutzte Angst vor dem Kommunismus einen Kampf auch Widerstand gegen andere ungeliebte Theorien errichten will.

Was es letztendlich bringen soll erschließt sich mir, abgesehen von diesem Anschlußeffekt, dem an die Wand malen des Kommunismus, nicht wirklich, denn letztendlich ist es eine sehr billige Weise, gegen bestimmte Ideologien vorzugehen. „Du willst eigentlich etwas ganz anderes, nämlich eine marxistische Gesellschaft“ ist aus meiner Sicht ein Argument, welches eine Diskussion blockiert, denn es vermeidet schlicht eine Auseinandersetzung mit dem, was der andere als sein Ziel angibt. Wenn dessen Theorien insoweit aber schlüssig sind (was sie aus meiner Sicht weder für einen Kommunismus noch einen Genderfeminismus sind) dann kommt es darauf schlicht nicht an.

Zudem ist es schlicht nervig, wenn Leute einem erzählen, dass man etwas ganz anderes will, was mit dem eigenen Thema schlicht nichts zu tun hat und noch nicht einmal die Folge davon ist

Insofern ist die These vom Kulturmarxismus aus meiner Sicht nicht sehr plausibel und wenig geeignet, tatsächlich etwas zu klären.

Wer das Gegenteil darlegen will, der muss einen Beweis dafür bringen, dass die anderen Theorien nur Mittel zum Zweck sind. Einen solchen habe ich bisher noch nicht gelesen, auch wenn ich teilweise entsprechende Kommentare nur überflogen habe.