Hillary Clinton und der Feminismus

Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin ist in vielerlei Hinsicht sehr interssant:

1. Die erste weibliche Präsidentin und weibliche Wähler

Hillary Clinton setzt nach allem was ich höre sehr darauf, dass sie als Frau die erste weibliche Präsidentin wäre und fordert darüber Frauen auf, endlich einmal Frauen in eine, insbesondere diese Machtposition zu heben. Es ist nach einigen Berichten ein nicht geringer Teil ihrer Wahlkampfposition das sie eine Frau ist.

In den Parteiinternen Vorwahlen für die Wahl des dortigen Kandidaten konkurriert sie mit Bernie Sanders, einem älteren Kandidaten, der sehr links ist und im Gegensatz zu Clinton, die ja mit diversen Parteispenden großer Unternehmen und dem Netzwerk ihres Mannes an den Start geht, eher als Vertreter des Volkes gilt.

Dabei scheint Sanders, der vorher als krasser Aussenseiter gehandelt worden ist, nunmehr eifrig Boden gut zu machen und es gilt durchaus als wahrscheinlich, dass er sich in den Vorwahlen gegen Clinton durchsetzt (und dann wahrscheinlich gegen Trump antritt).

Eine interessante Grafik ist in diesem Tweet enthalten:

Clinton Sanders Frauen

Clinton Sanders Frauen

Wie man sieht gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen den Generationen: Die Frauen ab 40 stehen etwas mehr auf Clintons Seite, während jüngere Frauen bis 40 sehr deutlich in Sanders Lager stehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass gerade die älteren Frauen eher noch als die Jüngeren eine weibliche Präsidentin wollen und ihnen, da schon verheiratet, mit Kindern und ausgesorgt der Sozialstaat vielleicht auch weniger wichtig ist, sie also insofern konservativer sind als die jüngeren Frauen, denen der linkere Ansatz von Sanders besser gefällt.

2. Was sagt das über feministische Theorie aus?

Eigentlich sollte man meinen, dass die jüngeren Frauen die feministischeren sind. Sie sind mit weit weniger strengen Rollen groß geworden, für sie ist die Forderung nach Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit.

Nimmt man aber gleichzeitig die Theorien, dass die Frauen nach wie vor unterdrückt sind und wir in einer Rape Culture leben, die durch weiße alte Männer verursacht ist, dann wäre Sanders quasi als alter weißer Mann deren Repräsentant.

Zudem sagt die feministische Theorie auch immer wieder, dass man das Patriarchat eben daran erkennen kann, dass überall weiße alte Männer an der Spitze sind und es Frauen bräuchte um Politik für Frauen zu machen.

Es wird immer gerne darauf verwiesen, dass Vorbilder enorm wichtig sind und insofern Frauen die Probleme von Frauen am besten lösen können, zumindest sofern sie nicht selbst Sexismus internalisiert haben.

Den amerikanischen Frauen bis 40 scheint das aber relativ egal zu sein. Sie gehen anscheinend davon aus, dass ein Mann ihre Position wesentlich besser vertreten kann als eine Frau.

Das finde ich auch nicht ungewöhnlich, ich hatte dazu schon in dem Artikel „Frauen, die Männer als Vertreter von Fraueninteressen wählen“ geschrieben, dass das Geschlecht recht wenig darüber aussagt.

Aber es verstößt meiner Meinung nach gegen einige Grundlagen der feministischen Theorie: Wer die Umsetzung von Fraueninteressen nur am Frauenanteil festmacht, der unterschlägt, dass es im Interesse von Frauen liegen kann, Männer zu wählen.

3. Die Gegenmaßnahmen

Es ist auch interessant, was dann kritisiert worden ist.

Zunächst wurden beklagt, dass bestimmte männliche Anhänger von Bernie Sanders zu aggressiv auftreten würden und es wurde dafür der Begriff „Bernie Bros“ gebildet, wobei man „Bros“ wohl als klassische feministische Abwertung sehen kann, es geht aus meiner Sicht etwas in Richtung „Macker“.

An endless flow of original content produced by a candidate’s loyal supporters should be a campaign’s dream — the virtual equivalent of millions of homemade Bernie signs dotting the lawns of American voters. Recently, however, those same supporters have drawn criticism for the tone and direction of their fandom, which both Clinton’s campaign and the media have characterized as sexist. In her endorsement of Clinton, columnist Joan Walsh described this vitriolic subculture as “the Berniebot keyboard warriors.” But the rest of the Internet knows them better as Bernie Bros.

The Bernie Bros have become enough of an issue that Sanders himself addressed them during a Sunday interview on CNN’s “State of the Union. “It’s disgusting,” he said. “Anybody who is supporting me and who is doing sexist things, we don’t want them. I don’t want them. That is not what this campaign is about.”

Man darf davon ausgehen, dass die meisten „BernieBros“ eher links sind, aber anscheinend hindert das die Mackerbezeichnung nicht.

Dann hat die bekannte Feministin Gloria Steinem interessantes gesagt:

The other night, Steinem, 81, told comedian Bill Maher that millennial women are flocking to Vermont Sen. Bernie Sanders instead of former Secretary of State Hillary Clinton in the Democratic presidential contest because, basically, they want dates. Eventually, she implied, they will come to their senses.

“They’re going to get more activist as they get older,” Steinem said, implying that a vote for Sanders is not an activist vote. “And when you’re young, you’re thinking ‘Where are the boys?’ The boys are with Bernie.”

“Now if I said that — ‘Yeah, they’re for Bernie cause that’s where the boys are’ — you’d swat me,” Maher said.

“No, I wouldn’t,” replied Steinem. Um, maybe not, but everyone else would.

On Sunday, recognizing the disservice she has done to her candidate, Steinem posted a non-apology on Facebook: “In a case of talk-show Interruptus, I misspoke on the Bill Maher show recently, and apologize for what’s been misinterpreted as implying young women aren’t serious in their politics.”
That was no misinterpretation. That was exactly what she implied. And that was exactly what she meant. She is wrong, of course, but that’s exactly what she intended to say.

Meine These ist, dass Feministinnen immer abfällig über Frauen reden werden, wenn diese Entscheidungen treffen, die nicht ihrer Ideologie entspricht, sofern sie darauf direkt angesprochen werden. Dieses „Frauen sind unmündig“ ist ein sehr fester Bestandteil feministischer Theorie, der zwar so nicht ausgesprochen wird, aber in vielen Teilen enthalten ist.

Ein Beispiel ist der „verinnerlichte Sexismus

Verinnerlichter Sexismus ist eine unfreiwillige Reaktion auf Unterdrückung, die ausserhalb der eigenen Gruppe entsteht und dazu führt, dass Mitglieder der Gruppe sich selbst und gegenseitig verabscheuen und für die eigene Unterdrückung verantwortlich machen – anstatt zu erkennen, dass diese Meinungen durch das unterdrückerische, sozio-ökonomisch-politische System konstruiert werden.

(…)

Die Folgen, sich diese Rolle zu Eigen zu machen, sind ein enormes Reservoir an Selbsthass. Kein wirklich wahrgenommener oder hingenommener Selbsthass, die meisten Frauen würden das leugnen. Er kann sich dadurch ausdrücken, sich in seiner eigenen Rolle unwohl zu fühlen, als Gefühl der Leere, als Taubheit, Unruhe oder lähmende Ängstlichkeit. Es kann sich auch in einer Verteidigung der eigenen Rolle äußern. Aber er existiert, oft unterbewusst, vergiftet ihr Dasein, entfremdet sie von sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen, lässt sie auf andere Frauen wie eine Fremde wirken. Es folgt der Fluchtversuch: Identifikation mit dem Unterdrücker,, durch ihn leben, Status durch seine Macht und seine Errungenschaften erlangen. Und dadurch, sich nicht mit anderen “leeren Hüllen” zu identifizieren, wie sie selbst es sind. Frauen identifizieren sich nicht mit anderen Frauen, die ihre eigene Unterdrückung, ihren zweitrangigen Status, ihre eigenen Selbstzweifel widerspiegeln. Eine andere Frau damit zu konfrontieren ist letztendlich die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, das man vermeiden wollte. Und in diesem Spiegel wissen wir, dass wir das, zu dem wir gemacht wurden, nicht wirklich lieben und respektieren können.

Oder Anita Sarkeesian, bei ihren Ausführungen, dass es im Feminismus nicht darum geht, was Frauen wollen, sondern, was sie frei macht:

First of all, the choice arguments are fundamentally flawed because they assume a level of unmitigated freedom for women that simply doesn’t exist. Yes, we make choices, but these are shaped and constrained by the unequal conditions in which we live. It would only make sense to uncritically celebrate choice in a post-patriarchal world.

Ein anderes Beispiel, dass auch häufiger kommt, ist, dass die Frauen sich eben an die Männer anbiedern wollen und deswegen gemeinsame Sache mit dem Patriarchat machen. Diese greift Gloria Steinem hier auf.

Aus dem oben verlinkten Artikel heißt es dazu:

The idea that women become more radicalized as they age and men become more conservative is an article of faith for Steinem-era feminists. Steinem has often said that girls refuse to call themselves “feminists” because they don’t want to compromise their ability to get a date on Saturday night. What she told Maher was simply a 2016 version of something she’s been saying for decades.

Ordnet man das in ältere feministische Diskussionen ein, wie die Unterdrückung der Frau durch die Zwangsheterosexualität und ihre Einordnung in die Gesellschaft lediglich als Partnerin eines Mannes, dann macht das Argument innerhalb dieser feministischen Sicht durchaus Sinn. Sie hat es eben nur an der falschen Stelle gebracht.

Die Politikerin Madeleine Albright appellierte wie folgt an die weiblichen Wähler:

(On Saturday, apparently competing with Steinem for worst campaign surrogate, former Secretary of State Madeleine Albright made a similarly obnoxious gaffe. Addressing young women in New Hampshire, she said, “Young women have to support Hillary Clinton. … And just remember, there’s a special place in hell for women who don’t help each other.”

Also schlicht das, was die feministische Theorie so durchaus hergibt: Frauen müssen zusammenhalten und Frauen unterstützen.

Herrlich finde ich, was Clinton zu diesen Bemerkungen gesagt haben soll:

Clinton compounded the insults on Sunday, when she was asked about Steinem and Albright on “Meet the Press.” “Good grief,” she declared disingenuously. “We’re getting offended by everything these days. People can’t say anything without offending somebody.

Das sollte eigentlich auch der letzen intersektionalen Feministin deutlich machen, dass sie keineswegs eine der ihren ist. Anscheinend ist ihr gar nicht hinreichend bewußt, dass alles aber auch wirklich alles problematisch ist.

4. Relativierungen

In dem verlinkten Artikel ist noch ein interessanter Absatz dazu, warum man als intersektionale Feministin Clinton ablehnen kann, obwohl sie eine Frau ist:

Let me back up for a moment and acknowledge that it’s perfectly possible that millennial women are being swayed against Clinton by sexist forces that permeate our culture so insidiously we don’t even recognize them anymore. No one is totally immune to the conservative — and sexist — drumbeat against Clinton, which has been pounding in the background of our national political soundtrack for two-and-a-half decades: She is shrill, she is dishonest, she is corrupt, blah, blah, blah.

But it’s also possible, and far more likely, that they may simply dislike her for lots of valid reasons: her coziness with Wall Street, her $675,000 in Goldman Sachs speaking fees, her vote in favor of the Iraq war, her collusion against women who accused her husband of sexual improprieties, and, just maybe, her inability to understand why Steinem and Albright’s remarks were offensive.

And they may find in Sanders an idealistic, authentic politician who abhors the toxic influence corporations have on our political institutions and thinks college educations should be free.

But they are certainly not flocking to Sanders because they want a date.

They all have Tinder for that.

Man kann also Clinton insbesondere als Vertreterin der „herrschenden Klasse“ und auch, weil sie sich sonst unfeministisch verhalten hat, ablehnen und eben auch, weil sie intersektionalen Feminismus nicht versteht.

Dass Sanders das dennoch besser verkörpert als eine Frau ist eine interessante Sache und ich kann mir vorstellen, dass man das als Argument durchaus noch häufiger bringen kann.

Interessant auch ein Artikel bei der Mädchenmannschaft:

Und auch wenn Steinem mittlerweile auf Facebook sagte, dass sie das alles so natürlich nie gemeint hätte – die Aussage hat ihre Runden gemacht. Und sie ist auf verschiedenen Ebenen gefährlich (und passt allzu gut in – nicht nur US-amerikanische – Vorstellungen, wie Frauen zu Politik zu verorten sind). Zum einen spricht sie sehr vielen ‚jungen Frauen‘ (wer auch immer genau damit gemeint ist) ihre politische Eigenständigkeit ab; die Aussage ist zum anderen hetero_sexistisch und paternalistisch. Sie wiederholt ein klassisches Bild von Frauen, die keine eigenen Meinungen haben und ausschließlich im Bezug auf Männer handeln.

Ich finde die Aussage interessant, weil sie für das klassische Zwidenken im Feminismus steht. Man darf Frauen nicht ihre eigene Meinung absprechen. Aber alle konkreten Meinungen von Frauen, die uns nicht gefallen, sind Ausdruck des internalisierten Sexismus und der Rollen, die ihr Denken prägen.

Weibliche Unterverantwortlichkeit (Female Hypoagency) und männliche Hyperverantwortlichkeit (Male Hyperagency)

Ein interessantes Konzept, dass aber gut zu den Privilegientheorien und der Aufforderung an die Privilegierten für die Taten ihrer Gruppe einzustehen, stellt „Female Hyoagency“ (von mir mit Weiblicher Unterverantwortlichkeit übersetzt, andere Vorschläge werden gerne entgegen genommen) und „Male Hyperagency“ (von mir mal mit Hyperveranwortlichkeit übersetzt, auch hier bin ich für bessere Vorschläge offen.
Zu den Konzepten:

Female hypoagency is what we call the cultural tendency to deny that women have agency. We are talking about imputed rather than real lack of agency. This means that when a woman does something, her agency in that act is denied, so that if that act is something bad, she will be immune from blame.

A necessary corollary of female hypoagency is male hyperagency. Under male hyperagency men are held responsible for all the things women are not.

I hope the sexism is obvious enough not to need further explanation and that the misogyny and misandry of this system is obvious too. One common form this takes is projecting women’s inaction, failures or the negative consequences of their actions onto men, as a culturral norm.

Demnach ginge es darum, dass Frauen eben innerhalb dieser Gedankenrichtung für nichts verantwortlich sind, nicht dafür, dass sie weniger verdienen, nicht dafür, dass sie eher wegen Kindern aussetzen, nicht dafür, ob sie Männer wählen, die gerne im Haushalt helfen, Frauen sind insoweit aller Verantwortung enthoben.

(Gender-) Feminismus ist, wie man an verschiedensten Stellen sieht, ein klarer Anwendungsfall einer solchen Weiblichen Unterverantwortlichkeit, denn es geht ja darum, dass Männer das Patriarchat / die hegemoniale Männlichkeit errichtet haben, Männer ihre Privilegien hinterfragen müssen und damit Männer letztendlich für alles verantwortlich sind. Im Feminismus hat man hierfür den Euphemsmus „Victim Blaming“ geschaffen, der dies verdecken soll, aber eigentlich genau das sagt: Das Opfer ist eben nicht schuld, sondern der Täter, und das Opfer ist die Frau und der Täter der Mann. Womit wir bei „male hyperagency“ wären, der Allverantwortung des Mannes für die Schlechtigkeit dieser Welt. Auch zu erkennen an Konzepten wie: „wenn das Patriarchat weg ist, dann wird es keine Vergewaltigungen, keine sexuellen Belästigungen und keinen Gender pay gap mehr geben, alle werden alles machen, und gebratene Tofustücke aus biologischen Anbau fliegen einem in den Mund (allerdings nur auf Wunsch, denn es gibt ja keine Rape Culture mehr)“.

Auf der oben verlinkten Seite finden sich auch noch einige Beispiele:

WAR – This is the claim that “men start wars” and that war is a male problem that men foist off onto innocent civilian bystanders. This relies on a completely uninformed and naïve understanding of war as some kind of sport that all those rough boys go off and do and the stray rounds fall on peace-loving innocent bystanders – in other words a complete denial of the benefits that women and others on the winning side derive from war, and a denial of women’s role in sending men to war.

POLITICS – This is the claim that men have all the power because they hold the majority of political office, despite the fact that women outnumber men as voters, so are responsible for all these male politicians being voted in. This ignores the troublesome fact that women make up the majority of voters. The engrained belief in hypoagency is what makes this denialism possible.

BENEVOLENT SEXISM – Every time women enjoy any kind of advantage due to gender – “privilege” – that has to be spun as being due to male action, or else it has to be spun as some kind of disadvantage. Labeling an advantage “benevolent sexism” accomplishes that.

This is not to deny that benevolent sexism is a fair way to describe what’s going on. For one thing, it damned sure is sexism – sexist against men, and we don’t experience it as particularly benevolent, not in the least. But on the other hand the Golden Cage is also harmful to women. Well, that’s just one more reason to identify and destroy all forms of female privilege.

Ein Videobeitrag dazu:

Wie sie dort darstellt, macht diese passive Sicht Frauen quasi zu Objekten, die durch äußere Umstände geleitet werden und nicht für die verantwortlich sind, weil nur etwas mit ihnen passiert, nicht sie etwas passieren lassen.

Im Genderfeminismus sind die Frauen passiv, haben den Sexismus schon so verinnerlicht, dass sie die patriarchische Welt schlicht akzeptieren.

Schon deswegen sollten sich Frauen mehr gegen diese Sicht auflehnen, die reine Passivität des Genderfeminismus spricht ihnen letztendlich ihre Emanzipation und ihre eigene Handlungsverantwortlichkeit ab.

Verinnerlichter Sexismus

Auf Feminismus 101 gibt es einen Artikel über verinnerlichten Sexismus:

Dabei geht es ganz nach Foucault darum, dass der Empfänger bestimmter Erwartungen und Regeln, die gesellschaftlich für ihn aufgestellt werden , diese für seine Person akzeptiert und sie zum Teil seines Wesens macht, sie evtl. sogar als definierend für den von ihm angenommenen Typus ansieht.

er Zusammenhang dazwischen, eine Empfängerin von Sexismus von außen zu sein und ihn zu verinnerlichen ist nicht direkt kausal. Wenn einem Mädchen befohlen wird, den Mund nicht aufzumachen, weil es das ist “was Mädchen zu tun haben”, wird sie das nicht auch zwangsläufig verinnerlichen. Sie könnte verschieden darauf reagieren, etwa mit “Ich möchte ein braves Mädchen sein, also werde ich auf das achten was ich sage” (Akzeptanz), “Wenn ‘brave’ Mädchen den Mund halten müssen, dann will ich ein ‘böses’ Mädchen sein” (Mischung aus Akzeptanz und Ablehnung) oder “Ich bin ein gutes Mädchen aber ich will den Mund aufmachen können, also irrst du dich” (Ablehnung). Es ist wichtig zu verstehen, dass wir zwar alle unterschiedlich verinnerlichen, aber ausnahmslos alle von diesen Botschaften beeinflusst werden.

Immerhin kommt hier auch das Konzept der Ablehnung vor. Meiner Meinung nach wäre auch noch die Denkweise „ich weiß, wie ich mich in bestimmten Situationen verhalten sollte, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, aber ich weiß auch, wann ich das lassen kann“ hinzuzunehmen, sofern man ihn nicht unter Ablehnung fasst.

Eine weitere Sache der mensch sich gewahr sein sollte ist, dass es sich nicht nur um eine anlassbezogene Botschaft handelt. Es ist nicht nur das kleine Mädchen, dem gesagt wird, dass “brave Mädchen” ruhig zu sein haben, sondern eher, dass sie dieser Botschaft durch eine Vielzahl von Kanälen ausgesetzt ist: Sowohl durch direkte Aussagen als auch durch die Art, auf die kleine Jungs anders behandelt werden, wie sie sich gegenüber kleinen Mädchen verhalten oder die Darstellung von Mädchen im Fernsehen. Sie wird auch das Gegenteil zu hören bekommen, dass “gute Mädchen keine Angst davor haben, offen zu sagen was sie denken” oder durch eine Schulumgebung, in welcher bewusst versucht wird, die Kinder geschlechtsneutral zu behandeln oder Fernsehserien, in denen Mädchen als aktiv und selbstbestimmt dargestellt werden. Das alles trägt dazu bei, wie Botschaften verinnerlicht werden, und wenn das Mädchen größer wird und Erfahrungen sammelt, wird sich die Art der Verinnerlichung entsprechend verändern.

Das ist letztendlich die Rechtfertigung für viele Versuche die Gesellschaft umzugestalten. Wenn man in dieser Denkweise den schlechten zu erinnerlichenden Sexismen der Gesellschaft etwas entgegen setzen will, dann muss man entweder Geschlechterollen aufbrechen oder aber Gegenbeispiele geben, damit diese verinnerlicht werden. Quoten für mehr Frauen in Führungspositionen verhindern dann, dass der Sexismus „Frauen können nicht in Führungspositionen arbeiten“ verinnerlicht wird. Jeder Junge, der mit einer Puppe spielt, kann verhindern, dass ein Mädchen, welches dies mitbekommt, einen Sexismus verinnerlich, dass Puppen und damit Kinderbetreuung etwas für Mädchen ist.

Die Folgen werden so dargestellt:

Die Folgen, sich diese Rolle zu Eigen zu machen, sind ein enormes Reservoir an Selbsthass. Kein wirklich wahrgenommener oder hingenommener Selbsthass, die meisten Frauen würden das leugnen. Er kann sich dadurch ausdrücken, sich in seiner eigenen Rolle unwohl zu fühlen, als Gefühl der Leere, als Taubheit, Unruhe oder lähmende Ängstlichkeit. Es kann sich auch in einer Verteidigung der eigenen Rolle äußern. Aber er existiert, oft unterbewusst, vergiftet ihr Dasein, entfremdet sie von sich selbst und ihren eigenen Bedürfnissen, lässt sie auf andere Frauen wie eine Fremde wirken. Es folgt der Fluchtversuch: Identifikation mit dem Unterdrücker,, durch ihn leben, Status durch seine Macht und seine Errungenschaften erlangen. Und dadurch, sich nicht mit anderen “leeren Hüllen” zu identifizieren, wie sie selbst es sind. Frauen identifizieren sich nicht mit anderen Frauen, die ihre eigene Unterdrückung, ihren zweitrangigen Status, ihre eigenen Selbstzweifel widerspiegeln. Eine andere Frau damit zu konfrontieren ist letztendlich die Konfrontation mit dem eigenen Selbst, das man vermeiden wollte. Und in diesem Spiegel wissen wir, dass wir das, zu dem wir gemacht wurden, nicht wirklich lieben und respektieren können.

Das hat den hübschen Zusatzeffekt, dass man damit auch gut Kritik abfangen kann, wenn feministische Positionen nicht anerkannt werden. Sie hat dann eben ihren eigenen Sexismus schon zu tief verinnerlicht, ist in diesem gefangen. Es ist auch eine gewisse Form der Unmündigkeitserklärung. Frauen, die bestimmte Geschlechterrollen machen das eben nicht, weil es ihnen gefällt, sondern weil sie Sexismus verinnerlicht haben.

Die Bekämpfung soll wie folgt erfolgen:

Uns selbst von der verinnerlichten Unterdrückung zu befreien heißt zunächst, ein Bewusstsein für die Einschränkungen zu schaffen, die wir uns selbst auferlegen. Lebe ich mein Leben in dem Bewusstsein, was ich wirklich will und wer ich wirklich bin, oder versuche ich mich anzupassen? Schätze ich andere Frauen für ihre Größe und schätze den Raum, den sie für mich und alle Frauen auf der Welt schaffen, oder antworte ich mit verinnerlichter Unterdrückung, in dem ich denke und sage “Wer glaubt sie denn wer sie ist …?”? […] Lasst uns den Mut haben, die Stimmen des verinnerlichten Sexismus zu hören und die Entschiedenheit, ihn als den angstgetriebene Unsinn, der er ist, abzulehnen. Lasst uns Frauen unterstützen und feiern, jedes mal wenn sie sich wie ein verspieltes, entschiedenes, aus tiefem Herzen lachendes, völlig lebendiges, menschliches Wesen benimmt. Lasst uns “JA!” sagen und es uns ausdrücken, fühlen und leben. Go, Girl! Wer hat gesagt wir können uns nicht unser Stück vom Kuchen nehmen, es essen? Wovor haben wir Angst ? Keine Grenzen!

Hier sieht man auch schön, dass man daraus eine Befreiungsideologie aufbauen kann. Wer nicht jedes um Raum kämpfen unterstützt, der ist eben noch nicht so weit und hat noch zuviel verinnerlicht. Diese Haltung passt gut zu IDPOL, um so mehr man um Raum kämpft, Männer zurückdrängt, Frauen schätzt und den Kampf gegen die verinnerlichten Sexisten führt, um so mehr Gruppensolidarität zeigt man auch. Um so mehr man sich zurückhält um so mehr distanziert man sich von der Sache.

Was leider zu kurz kommt ist die Frage, ob es wirklich nur verinnerlichte Sexismen und nicht bewußte Entscheidungen oder biologische Dispositionen sind.