Die evolutionär relevante Zeit

Evolution ist ein Prozess der Zeit kostet. Es treten Mutationen auf, die sich durchsetzen müssen, auf die selektiert wird und die dann wieder auf andere zufällig aufgetretene Mutationen stoßen. Es ist interessant, sich die diesbezüglichen Zeiten einmal etwas mehr bewusst zu machen:

  • vor ca. 4 Milliarden Jahren: Erste Lebewesen
  • vor ca. 2,5 Milliarden Jahren: Mehrzellige Lebewesen
  • vor ca. 600 Millionen Jahren: Erste geschlechtliche Fortpflanzung
  • vor ca. 545 Millionen Jahren: wirbellose Tiere
  • vor ca. 495 Millionen Jahren: Erste Wirbeltiere
  • vor ca. 440 Millionen Jahren: Erste Panzerfische
  • vor ca. 417 Millionen Jahren: Fische verbreiten sich, Erste Amphibien
  • vor ca. 350 Millionen Jahren: Reptilien und Dinosaurier, flugfähig Insekten
  • vor ca. 250 Millionen Jahren: primitive Säugetiere
  • vor ca. 140 Millionene Jahre: die großen Dinosaurier
  • vor ca. 120 Millionene Jahre:  kleinere Säugetiere
  • vor ca. 65 Millionen Jahren:  Aussterben der Dinosaurier
  • vor ca. 65 Millionen Jahren: erste Primaten
  • vor ca. 20 Millionen Jahren: Menschenartige
  • vor. ca. 10 Millionen JahrenTrennung Abtrennung der Gorillas
  • vor. ca. 6 Millionen JahrenTrennung Menschen – Schimpansen
  • vor ca. 3,9 Millionen Jahren: Erste Funde Australopithecus
  • vor ca. 2,8  Millionen Jahren: Erste Funde Homo habilis
  • vor ca. 2,5 Millionen Jahren: Erste Werkzeuge
  • vor ca. 1,9  Millionen Jahren: Erste Funde Homo rudolfensis
  • vor ca. 1,8  Millionen Jahren: Erste Funde Homo erectus
  •  vor ca. 600,000 Jahren: Erste Funde Homo heidelbergensis
  • vor ca. 300,000 Jahren: Erste Funde Homo sapiens
  • vor ca. 300,000 Jahren: Erster Neanderthaler
  • vor 12.000 Jahren: Sesshaftigkeit und Landwirtschaft
  • vor etwa 7000 Jahren: Kupferzeit
  • vor etwa 5000 Jahren: Bronzezeit
  • vor etwa 3000 Jahren: Eisenzeit
  • vor ca. 300 Jahren: Erste Dampfmaschine

Rechnet man eine Generation mit 25 Jahren, dann ist der Beginn der Eisenzeit gerade einmal 120 Generationen her. Kaum ein Zeitraum, in dem sehr viel passieren kann. Die Moderne ist gerade mal 12 Generationen alt. Sie konnte auch nicht viel an Spuren hinterlassen. Und bis vor etwa 480 Generationen waren wir Jäger und Sammler.

Rechnet man die Zeit davor mit 20 Jahren pro Generation Dann betrug die Zeit, die wir als Jäger und Sammler verbracht haben zumindest etwa 2.000.000 Generationen. Man sieht, dass man hier die letzen Generationen der Jäger und Sammler quasi nicht abziehen muss, weil die Zahl so groß ist. Bereits davor lebten wir als Menschenartige auch als nicht sesshafte Jäger und Sammler.

Wann immer angeführt wird, dass aber im Mittelalter dies und jenes stattfand sollte man sich überlegen, welche evolutionären Auswirkungen das gehabt haben soll.

Wann immer soziologische Erklärungen beim Menschen ansetzen, um zB geschlechtliches Verhalten zu erklären sollte man sich bewusst machen, dass Fische vor 440 Millionen Jahren auch schon geschlechtliches Verhalten gezeigt haben und es Säugetiere auch schon 250 Millionen Jahre gibt.

Wenn jemand fragt, warum Evolutionsbiologie auf die Jäger und Sammlerzeit abstellt, dann muss er sich bewusst machen, dass wir Evolutionär gerade eben erst nicht mehr Jäger und Sammler sind. 12.000 Jahre sind eine verdammt kurze Zeit.

Die Moderne ist sogar vollkommen unbedeutend.

 

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Frauen als Jäger, Kraftunterschiede, Arbeitsteilung etc

Leser N.Marx hat einen Kommentar zu einem etwas älteren Beitrag geschrieben und ich möchte ihn ungern untergehen lassen, daher beantworte ich ihn einfach mal in einen eigenem Artikel:

man kann in meinen augen schwer den körperbau der heutigen menschen als erklärung für verhaltensweisen/ arbeitsaufteilung von damals nehmen, daher würde ich gerne folgenden ansätze in die runde werfen: ( in der hoffnung das diese noch gelesen werden!)

Zunächst muss man sich erst einmal bewußt machen, dass nichts an den Vorfahren der Menschen einfach so ist und irgendwann einfach dar war. Der Mensch blickt auf eine lange Entwicklungsreihe zurück, an deren Anfang Einzeller standen und bei dem jeder Zwischenschritt durch Selektion, sei es natürliche oder sexuelle, entstanden ist. Ein jeder Mensch hat dabei eine Mischung aus den Genen seiner Eltern (zuzüglich einiger Mutationen). Auch Männer und Frauen bekommen insoweit mit Ausnahme des Y-Chomosoms die gleichen Gene. Wenn Unterschiede zwischen Mann und Frau vorliegen, dann also nicht zufällig, sondern weil entweder das Y-Chromosom oder Ausführungsanweisungen nach Geschlecht diese Unterschiede hervorrufen. Auch dies ist wieder auf eine Selektion zurückzuführen, weswegen natürlich auch der Körper als Ergebnis dieser Selektionen bei Geschlechterunterschieden Rückschlüsse auf einen Selektionsdruck zulässt, der diese Unterschiede bewirkt hat.

da wir tatsächlich nicht wissen können ob nur Männer, jagen gegangen sind- würde ich gerne den gedanken zulassen, dass frauen zu anfang ebenfalls jagen gegangen sind, im hinblick auf den nachfolgenden verlauf der geschichte und der entwicklung der (kulturellen)-güter/werkzeuge etc.
kann es nicht sein das zu anfang beide, also männlein und weiblein jagen gegangen sind, doch mit der zunehmenden entwicklung / evolution, es immer weniger nötig war das frauen jagen gehen,

Wie bereits oben dargelegt gibt es kein wirkliches „am Anfang“.Es gibt nur fließende Übergänge. Und Geschlechterunterschiede dürften unsere Geschichte schon sehr lange bestimmt haben. Denn Heterosexuelle Fortpflanzung gibt es seit etwa 600 Millionen Jahren und die Geschichte dieser ist gespickt mit Geschlechterunterschieden. Unsere engsten Verwandten, die Schimpansen und Gorillas haben Geschlechterunterschiede und alle Tiere, die erhebliche Größenunterschiede aufweisen zeigen auch Geschlechterunterschiede im Verhalten.

Zudem wissen wir aus Funden, dass Jagd lange Zeit Stoßspeere bedeutet hat, eine Waffe, die erhebliche Körperkraft erfordert. Aber natürlich haben auch Frauen mit hoher Wahrscheinlichkeit Formen der  Jagd ausgeübt: Fallenstellen beispielsweise oder andere Formen der Kleintierjagd. Großtierjagd wird aber eine Männerdomäne gewesen sein.

Dafür sprechen auch die heute bekannten Jäger und Sammler Gesellschaften:

Tätigkeiten Männer Frauen

Tätigkeiten Männer Frauen

Neben den körperlichen Voraussetzungen ist Jagen auch insbesondere keine Tätigkeit, die sich gut mit „Schwanger sein“ oder „stillen und Babys mit sich herumtragen“ vereinbaren lässt. Auch dies dürfte die Jagdtätigkeiten von Frauen bereits stark eingeschränkt haben.

Khaoskind hat in meinen augen insofern recht, dass man die evolution nicht einfach mit der muskelmasse/körperbau des mannes erklären kann, sondern andersherum ansetzten sollte:
meiner ansicht nach hat sich der unterschied zwischen mann und frau auf körperlicherebene (es gibt mittlerweile studien die keine signifikanten unterschiede zwischen männlichem und weiblichen gehirn feststellen können dazu z.b.; http://www.swr.de/swr2/wissen/maenner-gehirn-frauen-gehirn-ein-mythos-wird-widerlegt/-/id=661224/did=16582802/nid=661224/639yc7/index.html, evt. auch eine frage der evolution aber das ist ein anderes thema) so erheblich hervorgetan, wegen der auf geistlicher, sozialer und handwerklicher ebene stattgefundenen evolution,

Da wird auf die „Mosaic-Studie“ Bezug genommen, die gerne falsch zitiert wird. Ich habe sie bereits in zwei Artikeln besprochen:

In der dortigen Studie hat man nicht etwa „keinen Unterschied feststellen können“, sondern man hat festgestellt, dass es Unterschiede im Schnitt gibt und durchaus sehr erhebliche. Also das genaue Gegenteil dessen, was viele meinen.

das zuvor genannte würde ich gerne auf folgenden ansätzen stützen:
1. da zu anfang der mensch nicht sesshaft war, bietet sich der gedanke an, dass bei dem ’normadischen‘ zustand (ich weiß fachlich nicht korrekt),
alle* der gruppe zugehörigen, an der nahrungsbeschaffung beteiligt waren, und da man ohnehin stetig unterwegs war, bei ‚gelegenheit‘ zu schlug (soll heißen läuft dir das essen vor ‚die füße‘ schlägst du mit allem was du hast zu/ brauchst alle für einen hinterhalt o.ä.) eben auch frauen!

Nur machen das eben heutige Jäger und Sammler auch nicht, was bereits das Argument aushebelt. Und es ist auch keineswegs ein zwingendes Argument: Wenn eine Jagd gefährlich ist dann bringt es nichts uneffektive schwangere, Stillende und nicht kräftige Personen mitzunehmen und sie zu gefährden. Schlicht weil der Schaden ihrer Verletzung größer ist als der dadurch entstandene Nutzen.

*ergänzung: außgenommen von der ‚affekt-jagd‘ natürlich ‚alte‘ die auf die kinder aufpassen und meiner ansicht nach ohnehin die aufgabe der kindererziehung innhalb einer sippe übernahmen. Da es für mich logisch ist, das die jüngsten von den ältesten(erfahrensten) lernen und geschult werden, und zu anfang eben wirklich auch frauen nötig waren zur nahrungsbeschaffung

Es sagt ja auch niemand, dass Frauen nichts zur Nahrungsbeschaffung beigetragen haben. Nur eben nicht mittels (Nichtkleinwild-)Jagd. Sie haben natürlich gesammelt und auch sonst mitgenommen, was sie fangen konnten, was eben ein für sie wesentlich passenderer Beitrag war.

2. – da Frauen nach meiner Annahme, am anfang der evolution ebenfalls kräftig und gut gebaut waren, auf grund des stetigen zu fuß unterwegsseins –> gute ausdauer und muskeln nötig; sowie des aller klimatischen und geographischen gegebenheiten ausgesetztseins –> rohbuster körperbau überlebensnötwenig. liegt es nahe, dass sie ebenso jagdpartner waren, oder nicht?

Nein, denn die Differenzierung mittels Testosteron dürfte wesentlich weiter in unsere Vergangenheit zurück reichen, da sie allen Säugetieren eigen ist. Damit hatten auch die Vorfahren der heutigen Menschen einen unterschiedlichen Testosteronhaushalt und damit die Männer schlicht und ergreifend mehr Kraft als die Frauen. Das lässt sich auch an Skelettfunden belegen, da größere Muskeln auch größere Ansätze brauchen, an denen sie wirken können und diese bei Männern gefunden worden sind. Ganz abgesehen davon, dass die Skelette auch Größenunterschiede zeigen und Größe und Stärke eng zusammenhängen. Zudem finden sich auch ansonsten eine Vielzahl von Anpassungen an Kampf, Konflikt und Verletzungen, etwa in den Schädelknochen,aber auch am sonstigen Körper. Die Kraftunterschiede haben auch nichts mit Training zu tun. Testosteron ist schlicht ein Dopingmittel, welches den Aufbau von Muskeln begünstigt.

-in bezug auf heute kann man durchaus eine ähniche Arbeitsaufteilung beobachten, er erscheint der wesentlichen mehrheit hier kommentierender absolut undenkbar, doch mit blick auf heute kann man sagen: die kindererziehung obliegt zum großteil dritter, hier meine ich kindergarten und schule, wenn man kurz überlegt wie viel kindeszeit heute in Kita und Schule verbracht wird kann man wohl grob auf 2/3 drittel schätzen vom 1. jahr an bis ca. 16. und warum ist das so? – nun weil beide arbeiten gehen. vom prinzip das gleiche was hier so umstritten wird, beide elternteile sorgen sich um den lebensunterhalt während die erziehung einer gruppe übertragen wird, warum sollte das nicht am anfang auch so gewesen sein, bzw warum ist diese überlegung für fast alle hier durchweg absurd? mit verweis hier z.b. auf den kommentar von ‚leser‘ in dem gesagt wird, diese from der gemischten arbeitsaufteilung hätte nicht überlebt:

Ich für meinen Teil bestreite gar nicht, dass beide „gearbeitet“ haben, nur eben mittels Arbeitsteilung. Natürlich haben wir heute einen wesentlich größeren Luxus der Sicherheit und des Wohlstandes, der es uns erlaubt, wesentlich eher auf fremde Dritte zu verlagern. Früher wird man das weit weniger gemacht haben können, weil eben jeder auch sehen musste, dass er seine eigenen Kinder durchbekommt und Essen wesentlich knapper war. Zudem musste man eben wesentlich länger stillen und dürfte auch wesentlich früher wieder schwanger gewesen sein. Wo heute maximal 2 Kinder ab 30 sind, waren damals immer wieder Schwangerschaften und eine Vielzahl von Kindern, die betreut, gestillt, versorgt und bewacht werden mussten. Natürlich hatte man die Hilfe der Großeltern und der älteren Kinder, aber dennoch dürfte die Lage wesentlich von der heutigen abgewichen sein.

Und auch heute noch ist es ja so, dass weitaus mehr Frauen lange Zeiten aussetzen und dann halbtags arbeiten, weil sie sich eher um die Kinder kümmern.

“ denn im zweiten Fall [ der der gemischten arbeitsteilung] wird ja davon ausgegangen, dass diese Gesellschaftsform keine Ausnahme war, sondern ebenso natürlich und häufig anzutreffen wie jene, mir arbeitsteiligen Strukturen. Wo sind sie hin?“ <– nun siehe aktuell um dich lieber @Leser, jetzt gibt es genauso die modelle wo der mann arbeitet und frau zu hause mit kind sitzt aber eben auch modell 2 (wie bereits angesprochen im vorherigen) und 3 (bsp. alleinerziehende mütter die sich untereinander organisieren, oder wenn auch sehr selten hausvater und mutter geht arbeiten)was also spricht dagegen das es diese ausprägungen zu allen zeiten gab, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt?
3. die arbeitsaufteilung zwischen frau und mann wurde erst mit der zunehmenden sozialisierung in sesshaften kollektiven, sowie der entwicklung der kulturgüter(also nochmals genannt werkzeuge etc), der Sprache bzw. verständigung untereinander und der zunehmenden ‚bequemlichkeiten‘ wie hütte und besitz etc. – überhapt sinnvoll und natürlich auch immer deutlicher, daher sehe auch absolut nicht das Jäger – Sammler-phänomen als Ursache sondern wie bereit gesagt als folge von wenn man damals schon so will ‚gesellschaftlichen‘ veränderungen. denn wie auch schonmal angeschnitten in den kommentraren, steht die kulturelle evolution in einer wechselbeziehung zur biologischen!

Dagegen spricht eben, dass man Arbeitsteilung auch heute in Jäger und Sammler Kulturen findet. Es gibt meines Wissens nach sogar keine Kulturen, in denen man nicht auf eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gestoßen ist.

da die frauen nun die möglichkeit hatten in geschützterem rahmen ihre kinder groß zuziehen, es einen ort gab den es zu verteidigen gab, und auchzu beaufsichtigen. -man hatte ja jetzt etwas zum ‚besitzen‘ – ergab sich zwangsweise eine arbeitsaufteilung die sich immer stärker herausbildete. – allerdings in meinen augen nicht alle alternativen formen auslöschte
so wurde es sinnvoller das vorwiegend männer jagen gingen und frauen die kinder hüteten, zusammen mit den alten, die sie pflegen konnten und eben auch sammeln gingen – das einmal eine essbare bzw. noch wichtiger eine giftige pflanzen entdeckt, war es lebensnotwendig dieses wissen zu behalten, wie sie aussah und wo sie wächst, genauso wie auch das pflegen der alten und kranken ja mit sich zog, das heilkräuter und dann auch pasten dessen zusammensetzung man irgendwie dokumentieren musste – immer wichtiger wurden
(,’Hexen‘ waren sicherlich nicht ohne grund fast ausschließlich weiblich-) währenddessen mussten männer ihre kräfte weiter ausbilden und sich in geschicklichkeit üben, da es ja immer mehr zuernähren galt; immer mehr zuverteidigen..

Nicht ganz schlüssig an dem Argument scheint mir zu sein, dass es gar kein Argument dafür liefert, dass eine Arbeitsteilung anhand der Geschlechter erfolgt. Wenn vorher alle gleich waren, warum sollte dann plötzlich nach Geschlechtern unterschieden werden? Dann hätten ja schlicht auch bestimmte Männer und Frauen die einen und bestimmte Männer und Frauen die anderen Arbeiten erledigen können.

Ich möchte euch also beiden zustimmen, ich denke auch das anfangs frauen ebenfalls jagen gegangen sind, allerdings so wie christian ja wirklich nicht von der hand zuweisend- erläutert hat, die evolution vorwiegend zu einer anderen ordnung geführt hat, nämlich die der klassischen aufteilung in mann – Nahrungsbeschaffung; frau- kinder- erziehung/umsorgung

Da würde mich mal interessieren, welchen zeitlichen Rahmen sie sieht. Denn die menschliche Entwicklung ist lang. Die Steinzeit umfasst etwa 4.5 Millionen Jahre, richtig sesshaft wurden Menschen erst vor ca. 12.000 Jahren. Das ist evolutionär gesehen eine sehr sehr kurze Zeitspanne.

einen weiteren punkt den ich noch aufgreifen möchte, allerdings nicht mehr genau zuordnen kann, ist der:
dass feministInnen sich irgendwie alles schön reden und die augen vor den tatsachen verschließen da sie sich diese aus angst nicht eingestehen wollen oder so ähnlich (ich habe gerade alle kommentare hintereinander weg gelesen – kopf ist daher kurz vorm platzen ^^) – und das frauen nicht ohne grund den männern untergeordnet sind-

Das Frauen den Männer untergeordnet sind halte ich – und ich hoffe mit mir die meisten Kommentatoren hier nicht für zutreffend.

dazu kann ich nur sagen das stimmt, allerdings aus der perspektive heraus, dass dadruch das frauen evolutionsbedingt notwendig für fortpflanzung sind, während ganz theoretisch 1 mann zur fortpflanzung genügen würde

Das ist aber tatsächlich nur auf einer sehr theoretischen Ebene richtig, denn es würde einer gewissen Inzucht natürlich Tür und Tor öffnen und den Genpool deutlich verkleinern.

durch den vortschreitenden Luxus von bequemlichkeiten und sicherheit, der druck auf männer viel größer ist als auf frauen, daher sehe ich die Angst eher auf der männlichen seite, der sozusagen nichts anderes übrig blieb, als die weibchen von sich abhängig zumachen, um im ’spiel ‚ zubleiben
(sehe ich also so ähnlich wie die hier bereits aufgestellte, interessante these, dass der körperbau der männchen darauf zurück zuführen ist, dass sich männer gegen andere behaupten mussten um ihre nachkommen zuverteidigen etc.) den daraus resultiernden körperlichen vorteil gegen über dem ‚zarten‘ geschlecht machten sie sich dann zu nutze um eben dieses zuunterwerfen.

Den Weiblichen blieb auch nicht viel anderes übrig, da sie sich sonst das evolutionäre Rennen um immer größere Köpfe bereits bei Geburt um immer intelligentere Menschen zu produzieren, nicht mehr leisten konnten. „Sperm is cheap, Eggs are expensive“ bildet insofern die Grundlage, bedeutet aber auch, dass die besten Männer, denen man die Eier zu hohen Preisen verkaufen kann, ebenfalls begehrt sind.

Ich denke im feminismus geht also einfach nur darum, die vorherrschaft des mannes in frage zustellen und ihm die überlegenere position innerhalb unserer gesellschaftsordnung abzusprechen- da (in feministen augen) keine grundlage zu bevorteilung des männlichen geschlechts existiert, und ich denke jeder Mann der sich davon bedroht fühlt, bestätigt eben nur diese, vilt. etwas waghalsigen these 😉

Im Feminismus scheint es mir eher um Schuldzuweisungen und Virtue Signalling zu gehen, denn die „überlegene Position des Mannes“besteht zum einen keineswegs so absolut, es sind eher einzelne Männer in bestimmten Bereichen, die Macht haben, zum anderen beruht sie oft auf einem hohen Einsatz mit vielen Arbeitsstunden.

entschuldigt meine holprigen erklärungen und formulierung ^^
hoffe kernaussagen sind verständlich 🙂
hat auf jeden fall spaß gemacht alles zu lesen

Das freut mich, andere Meinungen sind immer gerne willkommen.

 

Der Mensch und die geringere Notwendigkeit für Anpassung an verschiedene Umwelten sowie die Fähigkeit zur Lösung ganz neuer Probleme

Leszek hatte neulich folgende Kritik in einem Kommentar zitiert:

In the first place, there is little point in claiming that our minds are adapted to the conditions of the Stone Age when we have no way of knowing what these were like, beyond the obvious facts that such a life must have involved a foraging existence by very small groups. It is quite possible that the love of personal decoration, singing and dancing, and even of telling stories round the camp fire are part of human nature, but we infer this from their cultural universality at the present time, and not from the imaginary activities of our prehistoric ancestors.

Secondly, if our minds and behavioural dispositions are indeed closely adapted to the problems of the Pleistocene in East Africa, one would expect this to have high predictive value about the subsequent development of Man, especially in the last 10,000 years that have led to modern global society. What we actually find is that humans have found out how to thrive in environments vastly different from that of East Africa, and develop technology, modes of thought, and social organization of a variety and complexity that have no relevance to any ‘adaptive problems’ that could have existed in the Stone Age. In this respect, therefore, evolutionary psychology has zero predictive value, and the whole theory that our dispositions and capacities are adaptations linked to any particular environment is completely refuted by the facts

Das erste Argument ist also, dass es unwesentlich ist, wenn wir wüssten, dass unsere Gehirne in der Steinzeit entwickelt worden sind, weil wir nicht wissen, wie es dort aussah. Demnach könnten wir auch keine Rückschlüsse ziehen, welcher evolutionäre Druck dort herrschte und was genau dort passiert ist.

Dazu ist zunächst erst einmal zu sagen, dass wir sehr leicht feststellen können, wann sich unser Gehirn entwickelt haben muss, weil es Auswanderungswellen aus Afrika gegeben hat und der genetische Rückfluss aufgrund der großen Entfernungen sehr gering bis nicht vorhanden war. Anhand der erfolgten genetischen Veränderungen kann man die Auswanderungen des Menschen nachverfolgen und rückrechnen, wann sie erfolgt ist. Alles, was an Gemeinsamkeiten beim Menschen vorliegt kann nur vor diesen Auswanderungen erfolgt sein, denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Mutation in genau der gleichen Weise auftritt . Die Auswanderungswellen fanden vor ca 40.000 bis 80.000 Jahren statt, also in der tiefsten Steinzeit.

Auch das zweite Argument, dass wir nicht wissen können, was zu dieser Zeit los war, ist nur eingeschränkt richtig. Zum einen gibt es archäologische Funde, die ein gewisses Bild davon geben, wie Menschen gelebt haben. Zum anderen gibt es die Körper und die Gene selbst und des weiteren biologische Regeln, die sich über alle Tiere finden. Wir wissen beispielsweise, dass Frauen auch damals schwanger wurden und eine längere Tragzeit hatten und das Männer bereits damals Sperma mit wesentlich geringeren Kosten herstellen konnten. Damit kennen wir die Kosten des Sex. Wir wissen des weiteren, dass alle Menschen, egal von welchem Kontinent sie stammen eine Biochemie haben, die ihnen erlaubt, Paarbindungen einzugehen und die demnach ebenfalls bereits vor der Auswanderung entstanden sein muss. Wir wissen auch um die Größen- und Kraftunterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich zum einen aus Knochenfunden ergeben, aber auch daraus, dass wir sie bei allen Menschen vorfinden. Daraus können wir bereits einiges über das Leben der Frühmenschen und deren typische Konflikte was Partnerwahl, Verhältnis zu Sex etc herleiten und es dann mit heutigen Menschen abgleichen. Man kann eine Vielzahl weiterer Schlußfolgerungen aus entsprechenden Daten herleiten, mittels Tierstudien und medizinischen und anderen Studien abgleichen und dadurch weitere Erkenntnisse bekommen. Weitere Hinweise gibt auch die Spieltheorie, die deutlich macht, welche Probleme beispielsweise in der Paarbindung auftreten (Zusammenarbeit fördert die Kinder am besten, aber den anderen zu betrügen, ohne das er es merkt, kann einem helfen die eigenen Gene noch günstiger weiterzugeben, ein klassisches Prisoners Dilemma etc). Auch andere evolutionäre Regeln, wie etwa die der sexuellen Selektion sind im Tierreich entwickelt worden und lassen sich problemlos auf den Menschen übertragen und erklären dessen Verhalten und dessen Unstimmigkeiten am Besten. Der Verfasser des Textes hat sich insofern aus meiner Sicht wenig damit beschäftigt, wie die Theorien in der evolutionären Psychologie ermittel, begründet und getestet werden.

Das zweite Argument ist, dass dann eben eine Anpassung an die Zustände damals vor Ort aufgetreten wäre und das es daher verwunderlich wäre, dass der Mensch sich dennoch über die ganze Erde ausgebreitet hätte und Sachen, Techniken und Organisationsformen entwickelt hat, die für die damaligen Probleme gar nicht relevant waren.

Dazu lohnt es sich beispielsweise die Geschichte der Besiedelung Australiens zu betrachten: Die ersten Menschen, die sich in Australien niederließen, mussten dazu über Generationen zunächst durch Asien, dann über das Meer nach Australien und fanden dann dort eine vollkommen andere Flora und Fauna vor als sonst wo auf der Erde. Ein anderes Tier hätte vielleicht erst die Fähigkeit zu schwimmen oder zu fliegen entwickeln müssen, damit es überhaupt die Entfernung überwinden kann, dann hätte es sich langsam immer weiter an die dortige Vegetation und das Klima anpassen müssen.

Vieles von dem konnte sich der Mensch sparen, weil er eine sehr wesentliche Eigenschaft hat, die andere Tiere nicht haben: Eine hohe Intelligenz. Diese erlaubte ihm Lösungen für die oben genannten Probleme zu finden, beispielsweise indem man Schiffe entwickelte, die die Entwicklung von Flossen, einem Atemsystem für die Wasserumgebung und die Anpassungen zum späteren Landgang ersparten. Auf Australia angefangen fügten sich die Menschen auch nicht einfach in das dortige Ökosystem ein, sondern sie brandrodeten viele Flächen von Australien, was dort überhaupt erst die Verbreitung bestimmter Pflanzen begünstigte. Sie haben wahrscheinlich auch dazu beigetragen, dass die Megafauna Australiens durch Bejagung verschwunden ist.

Auch ansonsten erging es gerade größeren Tieren bei der Besiedelung der Gegend durch den Menschen nicht gut. Sie starben meist kurz nach seinem Erscheinen aus. Der Mensch nutze dann beispielsweise in kälteren Gegenden Techniken wie Iglus oder Tierfelle, um sich gegen die Kälte zu wehren oder feste Unterkünfte als Schutz vor anderen Gefahren oder sonstigen Umwelteinflüssen. Der Mensch musste sich also nicht langsam durch Mutation und Selektion anpassen, sondern konnte sich kulturell anpassen, könnte aber genetisch in der Steinzeit bleiben.

Des weiteren wird oft nicht bedacht, dass die Steinzeit noch nicht lange her ist. Die Jungsteinzeit ist gerade mal etwa 12.000 Jahre entfernt. Und es wird nicht bedacht, dass dies sehr wenige Generationen sind, also aus evolutionärer Sicht sehr kurze Zeiträume.

Auch der Vorhalt, dass der Mensch heute Probleme löst, die er damals nicht hatte, ist nur eingeschränkt richtig. Ich vermute sehr stark, das der Autor sich wenig mit sexueller Selektion, also intrasexueller Konkurrenz und intersexueller Selektion beschäftigt hat. Denn ein Großteil der Probleme sind inzwischen nur anders skaliert worden, bleiben aber in ihrem Kern gleich. Es ist letztendlich das gleiche Problem einen Eindringling in sein seinen Territorium abwehren zu wollen, ob dieser aus 40 Leuten mit Keulen oder 10.000 Leuten mit Maschinengewehren und Panzern besteht. Der Konflikt ist bereits in dem menschlichen Territorialdenken angelegt, welches eben aus der Steinzeit stammt. Ebenso ist es egal, ob man Status in der Gruppe zum Beeindrucken der Frauen aufbauen möchte und dies dadurch macht, dass man der beste Jäger ist oder ein hochrangiger Manager eines Multimillardenkonzerns. Das merkt man auch daran, dass selbst ein Multimillionär, der alles hat, was er zum Leben braucht, sich neben einem Millardär klein fühlen kann, der zu seiner sozialen Gruppe gehört, schlicht weil unserer Gehirn darauf ausgelegt ist, den Status im Umfeld zu vergleichen.

Sexuelle Selektion bringt offene und in jeder Zeit bestehende Probleme und Handlungsmotivationen wie Status, Signalling, der Wunsch dazu zu gehören und vieles andere hervor, was in jeder Gesellschaft eine Rolle spielt, auch wenn es zu verschiedenen Ausprägungen führen kann.

Und hier spielt auch herein, dass unser Gehirn gar nicht dafür entwickelt sein muss, nur bestimmte Probleme zu lösen. Denn es ist gerade ein Organ, welches uns zu abstrakten Denken befähigt und damit den Vorteil bietet, auch auf neues reagieren zu können und Probleme zu lösen, die vorher nicht bestanden und zum ersten Mal auftreten.

So etwas kann auf verschiedene Weise entstehen und einer davon ist erneut sexuelle Selektion innerhalb einer sozialen Gruppe aber auch „soziale Selektion“ innerhalb dieser Gruppe. Denn Menschen treten ja nicht nur gegen Umweltbedingungen an, sie treten insbesondere gegen andere Menschen an und es ist ein großer Vorteil, dem anderen jeweils einen Schritt voraus zu sein, seine Handlungen einzuplanen, einzuplanen, dass er einplant, dass man seine Handlungen einplant und so weiter. Bereits diese Selektion untereinander kann dazu führen, dass eine immer schneller Selektion auf Intelligenz und abstrakte Problemlösung eintritt, gerade wenn über die Sprache auch Informationsübertragung, Abstimmung untereinander und gemeinsames Planen möglich ist. Hinzu kommt die Intelligenz, die in soziale Spiele und Wettkämpfe um Status und Macht hineinspielt und schließlich auch noch sexuelle Selektion indem Frauen die Partner attraktiver finden, die sich als besonders intelligent herausstellen.

Es ist in der Evolution nichts ungewöhnliches, dass eine Selektion auf eine bestimmte Folge gleichzeitig dazu führt, dass auch anderweitig neue Möglichkeiten entstehen. Unsere Fähigkeit Probleme zu lösen ist eine davon, die aus dieser Gemengelage hervorgegangen ist und uns nur erlaubt, ganz andere Probleme ebenso zu lösen.

Dass diese Fähigkeit bereits in der Steinzeit entstanden sein muss zeigt sich auch bereits daran, dass für genug Völker die Steinzeit noch nicht sehr lange vorbei ist, seien es Völker im Urwald oder in Afrika. Insbesondere, wenn sie den Schritt vom Jäger und Sammler zum Ackerbau nicht gemacht haben, den der Mensch ohnehin erst vor ca. 12.000 Jahren vollzog, konnten sie die Ressourcen nicht ansammeln, die ihnen erlaubten, Spezialisten auszubilden und damit Wissen zu konkretisieren und Techniken über das tägliche Leben hinaus zu schaffen. Wer meint, dass diese Gehirnleistung nicht innerhalb der Steinzeit entstanden ist, der müsste davon ausgehen, dass Menschen aus diesen Völkern sie auch heute noch nicht haben können.

Die männliche Konkurrenz um Frauen in der evolutiven Vergangenheit des Menschen (Gastartikel)

Es folgt ein Gastartikel von Matthias (aus seinem unten genannten Buch)

Dschingis Khan ist leider kein Einzelfall. Brutale Herrscher haben es oft in der Geschichte zu erstaunlich großen Paarungs- und Fortpflanzungserfolgen gebracht. Ismail der Blutrünstige, ein marokkanischer König, der im frühen 18. Jahrhundert lebte, hat der Überlieferung nach 700 Söhne gezeugt. Töchter wurden erst gar nicht mitgerechnet, aber auch von denen muss er eine vergleichbar große Anzahl gehabt haben. Er hält damit den Weltrekord an Vaterschaften, wenn seine Geschichte so stimmt. Zum Vergleich: Der angebliche Rekord an Mutterschaften beträgt „nur“ 69 Kinder. Er bezieht sich auf eine Russin im 19. Jahrhundert, die mehrfach Drillinge hatte.

Hier spiegelt sich zweierlei wider: zum einen wieder einmal der große Geschlechtsunterschied in den potentiellen Reproduktionsraten, der sich in solchen Extremfällen sehr gut zeigt. Denn nur in solchen Fällen erreichen Menschen einen Fortpflanzungserfolg, der nur oder fast nur von ihrer potentiellen Reproduktionsrate begrenzt wird. Zum anderen zeigen Extremfälle wie Ismail der Blutrünstige oder Dschingis Khan, dass Paarungs- und Fortpflanzungsprivilegien von Männern sehr hart erkämpft werden, hier „sogar“ mit tödlicher Gewalt, und dass unter Umständen sehr wenige Männer hinterher sehr viele Frauen haben und dafür unzählige andere Männer unterdrückt oder umgebracht wurden. Es ist traurig, dass ausgerechnet Jahrhundertmörder ihre Gene häufig viel öfter weitergegeben haben als andere Männer.

Sicherlich sind Dschingis Khan und Ismail der Blutrünstige sehr extreme Beispiele für sexuelle Selektion beim Männchen. Den unnatürlich hohen Fortpflanzungserfolg, den sie gehabt haben, konnte ein Steinzeitmensch oder Buschmann mit Speer und Keule niemals erreichen, auch wenn er zu den durchsetzungsstärksten Männchen seiner Zeit gehörte und Anführer einer erfolgreichen Männchenkoalition war. Man kann allerdings davon ausgehen, dass es das, was von Dschingis Khan und Ismail dem Blutrünstigen historisch überliefert ist, im Kleinen häufig in der evolutiven Vergangenheit des Menschen gegeben hat. Es zieht sich offensichtlich wie ein roter Faden, treffender gesagt, wie eine Blutspur durch die Geschichte unserer Art.

Vielleicht haben Sie schon einmal etwas vom Massaker von Talheim gehört oder gelesen. 1983 war ein Bauer beim Pflügen auf Knochen von Menschen gestoßen. Sie wissen, dass Knochen viele Informationen liefern können: DNAAnalysen sind möglich, ebenso Rekonstruktionen von Gesichtern anhand von Schädelknochen, Geschlechtsbestimmung, Bestimmung des Alters usw. Man erhält durch sie eine Fülle von Informationen, die teils sogar Aufschluss über die geografische Herkunft, Essgewohnheiten, Verwandtschaftsbeziehungen, einige Krankheiten und über die Todesursache liefern können. Im Falle dieser Knochen ist zum einen ziemlich klar, dass es in der Tat ein Massaker war, dass diese Menschen umgebracht worden sind, so z.B. durch Erschlagen. Die Opfer stammten wohl aus drei oder vier Familien, die vor etwas mehr als 7000 Jahren gelebt haben. Eine davon bestand aus vier Männern und acht Kindern – und keiner Frau. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die Frauen dieser Familie wurden offensichtlich von den Angreifern nicht getötet, sondern geraubt. Was alles im Einzelnen passiert ist – am Massaker waren noch andere Menschengruppen beteiligt – lässt sich nicht vollständig aufklären. Es waren auch Frauen, vermutlich vor allem ältere mit Kindern, getötet worden, darunter eine 20-Jährige, die aufgrund ihres Alters natürlich ebenfalls hätte geraubt werden können. Doch auch eine 20-Jährige kann sich sehr gewehrt und damit die eigene Tötung provoziert haben oder war vielleicht auffallend unattraktiv. Dennoch: Dass eine der ermordeten Familien nur aus Männern und Kindern bestand bzw. dass von dieser Familie nur die Knochen von Männern und Kindern, nicht von Frauen gefunden wurden, spricht stark dafür, dass hier Frauen geraubt worden waren.

Einen ähnlichen Fall, der ebenfalls etwa 7000 Jahre zurückliegt, gab es in Österreich, genauer gesagt, in Schletz im Weinviertel. Da wurden auch Knochen gefunden, Knochen, die davon zeugen, dass dort eine ganze Siedlung ausgerottet wurde. Wer war unter den Mordopfern deutlich unterrepräsentiert? Frauen! Offensichtlich hatte hier ein systematischer Frauenraub stattgefunden.48 Hierfür spricht auch, dass insbesondere die Knochen junger Frauen bei diesem Skelettfund fehlten.

Frauenraub findet sich offenbar auch in der Geschichte der Indianer. Bei den Pueblo-Indianern war es offenbar sogar ein Frauenraub im großen Stil. Eine Begräbnisstätte hatte einen erheblichen Frauenmangel, die andere einen erheblichen Frauenüberschuss. Es ist zwar nicht vollständig klar in diesem Falle, dass die Frauen wirklich geraubt worden sind – theoretisch könnten sie freiwillig ihren Wohnort gewechselt haben. Doch es sind, was zur FrauenraubThese passt, damals viele junge Männer gestorben, offensichtlich durch Kriegshandlungen. Offenbar sind auch einige Frauen, deren Skelette Spuren von Gewalteinwirkungen aufweisen, dahingemetzelt worden und anschließend nicht sachgemäß bestattet, sondern nur irgendwie verscharrt worden. Auch das stützt die These vom Frauenraub.50 Denn geraubt werden ja nicht alle Frauen, sondern vor allem bzw. ausschließlich junge und hübsche. Außerdem wehren sich sicherlich auch einige Frauen gegen den Raub und kommen dabei um. Was auch dagegen spricht, dass die Frauen freiwillig einen anderen Wohnort aufgesucht haben, ist die Annahme, dass ihnen dann normalerweise Männer früher oder später gefolgt wären.

Auch bei den brasilianischen Indianern gilt Frauenraub als einer der typischsten Anlässe für Stammesfehden.51 Es gibt also weniger Gründe, solche Ureinwohner bzw. Naturvölker als besonders „edel“ oder moralisch überlegen anzusehen, es sind eben auch nur Menschen.

Frauenraub findet sich auch in ganz anderen Kulturen, so z.B. offensichtlich ebenfalls bei den Wikingern. Eine Handschrift aus dem 12. Jahrhundert deutet darauf hin, dass Island nicht primär von Männern und Frauen aus Skandinavien besiedelt wurde, sondern eher von skandinavischen Männern, die mit ihren Schiffen aufbrachen, sich auf den britischen Inseln ein paar Frauen zusammenraubten und mit diesen dann nach Island fuhren und dort eine Population begründeten. Historische Beweise dieser Art allein mögen nicht in jedem Falle der Wahrheit entsprechen. Dieser allerdings schon, denn eine mtDNA-Analyse von 1700 Menschen aus Island, von den britischen Inseln, aus Skandinavien und anderen Regionen zeigte, dass etwa 60% der weiblichen Vorfahren der heutigen Isländer keine Skandinavier, sondern Kelten waren. Eine vorangegangene Analyse der NRY-DNA der Männer kam dagegen zu dem Ergebnis, dass die männlichen Vorfahren der Isländer zu etwa 80% aus Skandinavien stammten. Hier waren also Wikinger auf Frauenraub gewesen.52

Frauenraub ist laut dem britischen Militärhistoriker John Keegan generell eine der häufigsten Konfliktursachen in primitiven Gesellschaften.53 Vermutlich wussten Sie das auch schon. Einige von Ihnen werden sicher schon einmal vom Raub der Sabinerinnen oder in sonstigen Zusammenhängen von Frauenraub gehört haben. Weibchenraub kennt man sogar von Schimpansen.54 Die Beweise dafür sind vielfältig: Sie reichen von der historischen Überlieferung über z.B. Isotopenanalysen von Knochen bis zur modernen DNA-Analyse. Und diese Belege für Frauenraub passen sehr gut zur verhaltensbiologischen Erwartung. Die neueren Befunde durch die modernen DNA-Analysen werden dabei durch die anderen Beweise für Frauenraub ebenfalls bestätigt. Zweifel an entsprechenden Forschungsarbeiten sind also kaum angebracht.

Vergessen darf man vor lauter Frauenraub eines nicht: Die Konkurrenz der Männer um die Frauen fand und findet beileibe nicht nur auf der intrasexuellen Ebene statt. In modernen Gesellschaften ist sie weitaus eher auf der intersexuellen Ebene ausgeprägt. Dennoch aber ist es wichtig zu wissen, dass die erhebliche intrasexuelle männliche Konkurrenz in unserer evolutiven Vergangenheit und die Anpassungen beider Geschlechter an diese auch heute einen großen Einfluss auf das geschlechtsspezifische Verhalten beider Geschlechter haben, gerade in Sachen Partnerwahl.

Erläuterungen:

Dieser Abschnitt stammt aus dem Kapitel „Die männliche Konkurrenz um Frauen in der evolutiven Vergangenheit des Menschen“ und ist der kürzeste Abschnitt dieses Kapitels.

Im Abschnitt vorher fand auch Dschingis Khan Erwähnung, ebenso die NRY-Region des Y-Chromosoms und die mtDNA. Unter der NRY-Region des Y-Chromosoms versteht man den großen Teil des Y-Chromosoms, der in der Prophase der Meiose I nicht mit dem X-Chromosom rekombiniert („Crossig over“) und deshalb wirklich nur von Vätern auf Söhne vererbt wird. Die mtDNA ist die mitochondriale DNA, die von Müttern auf Nachkommen beider Geschlechter vererbt wird.

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Kritik an sexueller Selektion und Relevanz für die heutige Zeit

DJadmoros schreibt einiges zur sexuellen Selektion

Christian beruft sich zunächst auf Darwin. Darwins Selektionsbegriff sieht vor, dass entweder Individuen aus einer Population eliminiert werden, weil ihre relative »fitness« im Vergleich zu anderen Individuen zu gering ist und sie daher bestimmte Herausforderungen ihrer ökologischen Nische nicht überleben (»survival of the fittest«), oder dass Individuen einer Population sich nicht erfolgreich (genug) fortpflanzen und daher ihre *Gene* aus der Population eliminiert werden (»sexual selection«). In jedem Fall impliziert der Begriff einen Vorgang der *Elimination*.

In beiden Fällen kommt es nur auf die Gene an. Wenn ein Individuum aus der Population eleminiert wird, dann können seine Gene trotzdem im Genpool bleiben, wenn er sich bereits hinreichend fortgepflanzt hat (oder im Wege der Verwandtenselektion durch seinen Tod hinreichende Verwandten gefördert hat). Die „Elemination“ ist also schlicht auf der Genebene zu sehen und es kommt auch weniger auf eine sofortige Elemination an, sondern eher darauf, ob die betreffenden Gene, die ja auch in mehreren Personen stecken können, sich im Genpool anreichern oder vermindern.

Christian argumentiert nun zunächst für die Existenz »biologisch abgespeicherter Partnerwahlkriterien«. Die Existenz solcher Kriterien lässt sich leicht plausibel machen: der Konflikt von Pflicht und Neigung, insbesondere in Beziehungen, ist ein altes Thema menschlicher Überlieferung. Vor »Romeo und Julia« gab es »Pyramus und Thisbe«, und diese Geschichte soll wiederum auf ältere babylonische Vorbilder zurückgehen. Um ihrer persönlichen Partnerwahlkriterien willen sind Menschen offenbar zu allen Zeiten bereit, in den Tod zu gehen. Das ist die eine Seite des Themas.

Pflicht und Neigung müssen dabei auch gar nicht in einem Konflikt stehen. Die hübsche Frau wird einen hübschen, erfolgreichen Mann als Partner wollen und nicht in jedem Fall wird eine Familienfede das verhindern. Natürlich ist es ein gerne genommenes Motiv, wenn auf der einen Seite Liebe ist (Begierde war es ja nicht in dieser schlichten Form bei Romeo und Julia) und dieser Hindernisse entgegenstehen, weil das eine gute Geschichte ergibt.

Die andere Seite des Themas lässt sich ebenfalls an den exemplarischen Liebesdramen demonstrieren: ganz offensichtlich können sich diese (»biologisch abgespeicherten«) Partnerwahlkriterien *nicht* unabhängig von kulturellen Regeln durchsetzen – im Gegenteil: diese Regeln stehen ihnen nicht nur entgegen, sondern sie sorgen für eine Selektion ganz anderer Art: der erzwungene Tod der Liebenden ist eine kulturelle Selektion *gegen* die biologisch geprägte Neigung! Diejenigen, die ihrem »unwählbaren« Attraktivitätsempfinden *nachgeben* (»attraction is not a choice«), sind diejenigen, die aus dem Genpool eliminiert werden! Und was in diesen Liebesdramen exemplarisch verhandelt wird, wird durch die Ethnologie eigentlich immer schon bestätigt: dass menschliche Partnerwahl unter kulturellen Rahmenbedingungen ein Universum von Regeln ist, in dem Neigung wenn überhaupt, dann nur eine sekundäre Rolle spielt.

Hier wird aus meiner Sicht ein Scheingegensatz aufgebaut. Kulturelle Regeln im allgemeinen stimmen mit den biologisch abgespeicherten Partnerwahlkriterien meist überein. Wir finden nichts ungewöhnlich daran, wenn ein Mann eine junge, attraktive, schlaue etc Frau will. Und wir finden kulturell nichts ungewöhnliches daran, wenn eine Frau von einem selbstbewußten, erfolgreichen, gutausehenden Mann schwärmt. Im Gegenteil: Viele kulturelle Regeln beruhen gerade darauf, etwa der Gedanke, dass ein Mann „Seine Frau ernähren können muss“. Es ist ja auch nicht so, dass diese bei Romeo biologisch abgespeicherten Attraktivitätsmerkmale ihn zwingen würden Julia zu wollen. Neben Julia werden auch Nicht-Capulet-Familien schöne Töcher gehabt haben. Das er sich nun gerade in Julia verliebte und sie in ihn, dass wäre keine Sache, die sich aus der Biologie zwingend ergibt. Wenn Julia hingegen statt einem sehr schönen Mädchen eher so ein 5/10 gewesen wäre, dann könnten wir sein Interesse an ihm weit weniger nachvollziehen und würden uns weit eher fragen, warum er den Familienfrieden für sie so gefährdet und sich nicht eher was besseres sucht.

„Attraction is not a choice“ bedeutet nicht, dass wir einer bestimmten Person verfallen, sondern, dass wir uns nicht aussuchen können, was wir attraktiv finden. Die allermeisten Männer werden eben auf einen festen, wohlgeformten und symmetrischen Busen mit einem stärkeren sexuellen Interesse reagieren als auf einen hängenden, unsymmetrischen Busen. Weil wir in diesem Bereich eben bestimmte abgespeicherte Attraktivitätsmerkmale haben.

Es ist paradoxerweise erst die moderne Gesellschaft mit ihrer Norm der Aufhebung restriktiver Normen, die erstmals in der Menschheitsgeschichte (maximal die letzten einhundert von mehr als dreißigtausend Jahren!) für eine relativ ungestörte Entfaltung freier Partnerwahl »gemäß Neigung« gesorgt hat. Es ist tatsächlich nichts anderes als die »Dekonstruktion kultureller Zwänge«, welche in der Moderne die biologische »Natur« des Menschen zum Tragen bringt. *Das* ist der Kern des »Geschlechterparadoxes«! Die Freiheiten des modernen »Pickup-Milieus« auf den ganzen Rest der Menschheitsgeschichte zurückzuprojizieren, ist aber ein schwerwiegender Denkfehler.

Die Freiheit des modernen Pickupmilieus muss man gar nicht zurückprojeziieren. Sex hatten die Leute schon immer und es ist eher naiv zu glauben, dass dies immer hübsch geordnet oder monogam stattfand. Dagegen spricht bereits unsere rein körperliche Biologie. Hätten die kulturellen Regeln ein Fremdgehen verhindert und Sex rein in festen, kontrollierten Beziehungen ermöglicht, dann hätten wir Hoden und Penisse wie ein Gorilla und weitaus weniger Sex. So produzieren wir relativ viel Sperma, welches dazu noch vom Aufbau her auf Spermienkonkurrenz ausgelegt ist und „Killerspermien“ enthalten. Sicherlich kann man heute dank moderner Verhütung ungezwungener miteinander schlafen und auch Eltern müssen deswegen weniger kontrollieren und können mehr zulassen. Aber auch in prähistorischen Gesellschaften werden Teenager in irgendeiner Form versucht haben, trotz der Aufsicht ihrer Eltern Sex zu haben. Dessen ungeachtet kann auch in restriktiven Normen die Partnerwahl ein sehr erheblicher Faktor sein: Letztendlich wird sie sogar wichtiger um so fester man sich an einen Partner bindet.

Hinzu kommt, dass auch erfolgreiche Partnerwahl noch nicht zwingend einen Reproduktionserfolg bedeutet: auch erfolgreich geborene Kinder unterlagen für lange historische Zeiten immer noch einer postnatalen Geburtenkontrolle, konnten also getötet oder ausgesetzt werden (was meistens auf dasselbe hinauslief).

Warum das ein Argument gegen Partnerwahl nach biologischen Kriterien sein soll erschließt sich mir nicht. Das gleiche Problem besteht auch bei kultureller Partnerwahl, nur hat es da den Nachteil, dass das kulturelle Faktoren biologisch  unvorteilhafte Partnerwahlen begünstigten, die dann noch zusätzlich zu diesem Risiko die Qualität des Nachwuchs und damit auch dessen Überleben und dessen Fortpflanzungswahrscheinlichkeit einschränken

Die Rahmenbedingungen für eine Entfaltung »biologisch abgespeicherter Partnerwahlkriterien« existieren im Rahmen menschlicher Gesellschaften daher schlechterdings nicht, und zwar unabhängig davon, ob diese Partnerwahlkriterien selbst existieren!

Der Schluss ist in keiner Weise logisch. Denn die Behauptung, dass die Kultur biologischer Partnerwahl entgegensteht ist schlicht wenig plausibel. Nehmen wir „Status“ als Attraktivitätsmerkmal für einen Mann. In welchen Kulturen wären die Eltern zB dagegen, wenn ihre Tochter den Häuptlingssohn heiratet? Sicherlich, der Häuptling mag eine politische Hochzeit mit der Häuptlingstochter des Nachbarstammes wollen, aber wenn diese hässlich wie die Nacht ist, dann wird der Häuptlingssohn nebenher vielleicht trotzdem etwas mit der hübschen anderweitigen Tochter haben. Ebenso dürfte der erfolgreichste Jäger des Stammes, der schlaue Planer oder andere, die auf einem Weg Status aufbauen allgemein eher als gute Partie gelten.

Es ist plausibel, solche Prozesse für den Vorgang der Hominisierung, der *Entstehung* der Spezies Homo Sapiens anzunehmen, und es ist zumindest nicht unplausibel, die Fortdauer solcher evolutionär erworbenen Präferenzen in kulturelle und historische Zeiten hinein anzunehmen. Falsch aber, und zwar *sowohl theoretisch als auch empirisch falsch* ist es, diesen Präferenzen unter den Rahmenbedingungen kultureller Regeln einen Effekt sexueller Selektion, d.h. der Elimination von Individuen oder genetisch tradierten Merkmalen, zuzuschreiben.

Der entgegenstehende kulturelle Effekt, den Djadmoros hier behauptet, verkennt, dass Kultur nicht beliebig neben der Biologie steht. Im Gegenteil: Kultur verhält sich selten gegen die Biologie. Romeo und Julia sind auch kein Beispiel eines solchen Effekts. Die Kultur würde durchaus den Konflikt akzeptieren, dass Romeo eine gutaussehende Julia attraktiv findet und Julia ebenso Romeo. Sie würden nur erwarten, dass sie sich dennoch loyal zu ihrer Familie verhalten. Auch nicht deutlich wird, warum dadurch keine Genselektion stattfinden und andauern soll: Wenn auf statushohe Männer zu stehen üblicherweise gesündere und besser versorgte, beschützte und ausgebildete Kinder hervorbringt, dann führt das zu einer Anreicherung entsprechender Gene für eine solche Vorliebe. Wenn Männer, die höher an der Spitze stehen, von attraktiveren Frauen begehrt werden, dann lohnt es sich für Männer, sich eher einem Wettbewerb zu stellen. Das ist nichts ungewöhnliches und wir finden diese Selektionen überall im Tierreich. Djadmoros scheint darauf abzustellen, dass Kultur vorrangig ist. Tatsächlich ist sie häufig eher eine Ausformung der Biologie bzw. evtl kulturelle Regeln haben sich im Wechselspiel mit diese begünstigenden biologischen Veränderungen aufgebaut.

Die Ursache für diesen evolutionstheoretischen Denkfehler liegt m. E. darin, dass die Vertreter einer verallgemeinerten Evolutionslehre übersehen, dass »Evolution« von Zeit zu Zeit den Mechanismus wechselt. Auch die biologische Evolution beruht ja auf den Resultaten einer vorangegangenen physikalischen und chemischen Evolution – zugleich ist sie darauf angewiesen, dass die Rahmenbedingungen der chemischen Evolution sich nicht nachträglich noch ändern. Und obwohl sich die Grundlagen der biologischen Evolution chemisch beschreiben lassen, gibt es eine biologische Struktur- und Funktionsvielfalt, die eine eigene Beschreibungssprache erfordert, welche von Physik und Chemie abstrahiert.

Evolution wechselt die Mechanismen nicht. Sie selektiert vielleicht in eine neue Richtung, aber das nach den immer gleichen Mechanismen von sexueller und natürlicher Selektion. Natürlich können kulturelle Mechanismen sich hier auswirken: Ein einfaches Beispiel wäre, dass die kulturelle Technik, speisen zu braten oder zu kochen uns einen wesentlich kürzeren Darm und einen weniger aggressiven Magen erlaubte. Dies aber dann eben im Wege der natürlichen Selektion: Es ist nicht so, dass Menschen mit einem längeren Darm „eleminiert“ wurden. Sondern so, dass diese einfach mehr Kosten hatten, um diesen Darm oder den weniger aggressiven Magen zu unterhalten. Das war ein Selektionsvorteil innerhalb der natürlichen Selektion.

Für den Übergang von der biologischen zur kulturellen Evolution gilt ähnliches: mit letzterer kommt es zu einer dramatischen Beschleunigung von Entwicklungsprozessen – die Mechanismen biologischer Evolution haben sich nicht plötzlich in Luft aufgelöst, aber wie in einem Rennen zwischen Hase und Igel sind die Resultate der – auf ganz eigenen Mechanismen beruhenden – kulturellen Evolution stets schneller am Ziel: beim Menschen bleibt seit der Middle/Upper Paleolothic Transition von der früheren Evolution nur noch die genetische Drift übrig. Seither geht der größte Selektionssdruck für den Menschen vom Menschen selbst aus, und von den künstlich erzeugten Umwelten, die er für sich selbst erschafft.

Aber dennoch wollten Frauen die Männer mit Status, Körpergröße, Muskeln und es war nicht negativ sie als Partner zu wollen. Dennoch wollten Männer Frauen mit schönen Brüsten, weiblichen Rundungen, einem süssen Gesicht und es war nie negativ sie als Partner zu wollen. Im Gegenteil: Männer, die auf zB sehr männliche Frauen gesetzt hätten, hätten eher das Risiko einer Unfruchtbarkeit getragen, damit vielleicht weniger Nachkommen. Oder ein anderes Beispiel: Der erfolgreiche 35jährige Kaufmann, der die 20jährige sehr hübsche Tochter eines Kollegen begehrte wird mehr Kinder gehabt haben, als der 35jährige Kaufmann, der die 50jährige Witwe eines Kollegen begehrte.

Was Djadmoros übersieht: Eine generelle Beschleunigung von Entwicklungsprozessen führt nicht zu einer Veränderung von bestimmten bereits vorhandenen Eigenschaften oder eben auch von biologisch abgespeicherten Attraktivitätsmerkmalen, wenn sich nicht gleichzeitig auch der Selektionsprozess ändert. Und das war schlicht nicht der Fall. Wer auf sozialer Schicht 1/10 in Schicht 2/10 als Frau einheiratete, der hatte immer noch bessere Chancen seine Kinder durchzubekommen als wenn dieser Sprung nicht gelang. Die hässliche Tochter bei einer politischen Hochzeit wird nach wie vor schlechter abgeschnitten haben als die hübsche Tochter bzw. sie die Hochzeit wird teurer erkauft worden sein. Wer eine sehr hübsche Frau heiratete, der hatte höhere Chancen auf gesunde Kinder und zudem auch auf hübsche Töchter als jemand der eine hässliche Frau heiratete. Und gerade der letzte Effekt, nämlich, dass eine Selektion gegen erfolgreich etablierte und weithin verbreitete Attraktivitätsmerkmale sehr schwer ist, weil die Kinder bei gegen diese Attraktivitätsmerkmale verstoßener Partnerwahl selbst schlechtere Chancen auf dem Markt hatten, führt zu einer starken Beständigkeit solcher bereits durchgesetzter Attraktivitätsmerkmale.

Ich könnte noch mehr schreiben, aber für heute langt es

Auf das weitere komme ich auch noch zurück, insbesondere die in den folgenden Kommentaren angesprochene Elternwahl.

„Gleiche Rechte für alle reicht aus“

In der Geschlechterdebatte wird mitunter die These vertreten, dass es reicht, wenn einfach alle Rechte haben, insbesondere in Abgrenzung zu ergebnisorientierten Vorstellungen wie Frauenquote etc. Dagegen läßt sich eben vorbringen, dass auch bei gleichen Rechten ein Geschlecht mehr belastet sein kann als das andere, wenn etwas neutral formuliert wird, weil es zB eine Gruppe auf Grund bestimmter biologischer oder anderer Gründe häufiger betrifft.

Bei sehr offensichtlichen biologischen Unterschieden werden das die meisten einsehen, eine Regelung, die das Merkmal „Schwangerschaft“ betrifft ist beispielsweise per se nicht geschlechtsneutral, weil es (von exotischen Ausnahmen abgesehen) nur Frauen schwanger sein können. Eine Regelung „Wenn Männer oder Frauen schwanger sind, dann X“ muss also unabhängig von ihrer neutralen Formulierung hin auf Gerechtigkeit überprüfbar sein.

Daneben gibt es noch viele weitere Regelungen, bei denen zumindest Häufungen bei einem Geschlecht vorliegen, die auch mit gewissen biologischen Dispositionen in Verbindung stehen.

  • beim Sorgerecht und Umgangsrecht wird bei der Betrachtung des Kindeswohls eine Rolle spielen, dass Paare eine Arbeitsteilung meist so vornehmen, dass eher die Frau aussetzt. Damit werden Kontinuitätsgrundsätze eher für den Mann sprechen
  • Gleichzeitig werden damit auch mehr Männer Unterhalt zahlen müssen, weil die Kinder eher bei der Mutter bleiben und die Männer eher mehr verdienen. Auch von Zugewinn und Versorgungsausgleich sind damit überproportional Männer betroffen. Dies wird auch durch Partnerwahlkriterien, etwa die Wahl älterer, statushoher Männer bzw. die Wahl jüngerer Frauen und durch Berufswahlpräferenzen unterstützt.
  • auch zB das Gewaltschutzgesetz ist geschlechtsneutral formuliert. Gleichzeitig kann die darin enthaltene Ermessensabwägung dazu führen, dass in den Fällen, wo beide Gewalt angewendet haben oder einer von beiden sich nur gewehrt hat , dass sich Vorurteile zu Lasten des Mannes auswirken
  • eine Regelung, die zB den Unterhalt ganz wegkürzen würde, würde damit mehr Frauen als Männer negativ betreffen, eine Regelung, die ihn übermässig hoch ansetzt, mehr Männer als Frauen.

Eine Regelung, die eigentlich beiden Geschlechtern gleiche Rechte gibt, kann natürlich trotzdem gerecht sein, auch wenn gewisse Unterschiede bestehen, wenn es keine absoluten Unterschiede ausblendet und das jeweilige Geschlecht sich entsprechend einrichten kann.

Die Frage ist dann eben noch, was Bevorzugung eines Geschlechtes über die Gruppe ist und was eine gerechte Regelung ist. Grundsätzlich sollte man sicherlich die Frage stellen, ob man die Regelung auch so für gerecht halten würde, wenn sie

  • die eigene Gruppe überproportional häufiger treffen würde
  • sie einen selbst in der Lage, die das andere Geschlecht häufiger hat, selbst treffen würde.

Wie man solche Gesetze gestalten sollte und welche Unterschiede zu Berücksichtigen sind und welche nicht, finde ich insgesamt eine spannende Frage. Mich würde interessieren, welche Kriterien ihr dafür für ratsam haltet

 

Warum unser Gehirn aus der Steinzeit sein könnte II: Dauerhafte Selektion über Mann und Frau

Ich hatte hier schon einmal darauf hingewiesen, dass unser Gehirn sich an eine stark differenzierte Gesellschaft mit Arbeitsteilung nur schwer anpassen kann, weil es keine klare Linie gibt, an die man sich anpassen kann.
Dabei hatte ich aber noch nicht angeführt, dass diese Selektion auf neue Eigenschaften zusätzlich erschwert wird, da sie durch einen außerhalb der Selektion stehenden Partner zunichte gemacht werden kann:

Ein Grund, warum eine Selektion auf bestimmte Eigenschaften in stark differenzierten Gesellschaften so schwierig ist demnach, dass wir uns zweigeschlechtlich fortplanzen und eine Selektion danach schnell über einen der Partner aussortiert werden kann.

Wenn man demnach zB eine Spezialisierung auf mathematische Fähigkeiten erreichen möchte, dann muss man nicht nur einen guten Mathematiker (m/w) haben, sondern dieser muss dann ebenso einen guten Mathematiker als Partner nehmen, damit deren Kinder ebenfalls mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit gute Mathematiker werden und deren Kinder müssen dann ebenso verfahren. Wenn der Mathematiker stattdessen die schöne Tochter eines Sozialpädagogen heiratet, dann kann die Selektion schon wieder unterbrochen sein.

Es gibt – abseits von bestimmten Gruppierungen, die als Minderheit nur ganz bestimmte Tätigkeiten übernehmen durften und nur untereinander geheiratet haben – wohl nur wenige Familien, die eine so reine Einteilung abgehalten haben.

Zwar mag der Adel nur untereinander geheiratet haben, in diesem Bereich geschah aber eine sehr geringe Selektion auf bestimmte Eigenschaften, da der Adel nicht unbedingt besonders gut in einer bestimmten Eigenschaft sein musste, um seinen „Beruf“ ausüben zu können.

Eine Selektion innerhalb der stärker differenzierten Gesellschaft ist damit immer schwieriger. Sie erfolgt ganz allgemein über die Menschheit nur dann, wenn die Eigenschaft für Männer und Frauen vorteilhaft sind oder sie getrennt nach Geschlechtern weitergegeben werden können und für dieses Geschlecht einen allgemeinen Vorteil bilden, dann aber eben nur für ein Geschlecht.