Cisgender und Cissexismus

Bei der Gelegenheit lohnt es sich vielleicht auch noch einige Begriffe näher zu betrachten, hier insbesondere Cisgender und Cissexismus.

Die Wikipedia definiert Cisgender wie folgt:

Cisgender (lat.cis- „diesseits“ und engl.gender „Geschlecht“), teilweise auch Zisgender, ist das Gegenteil von Transgender (lat.trans- „jenseitig“, „darüber hinaus“), bezeichnet also Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt. Dies trifft auf die meisten Menschen zu.

Den Ausdruck „Zissexualität“ bzw. „Zissexuelle“ hat 1991 der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch eingeführt, um auszudrücken, dass es Zissexuelle geben müsse, wenn es Transsexuelle gebe, und dass das als normal unterstellte Zusammenfallen von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität keine Selbstverständlichkeit sei.[1][2]

Neben dem Begriff „Cisgender“ existieren weitere Bezeichnungen für Nicht-Transgender, wie „geborene Frauen (oder Männer)“ oder „genetische Männer (oder Frauen)“ oder auch „Biomann“ und „Biofrau“.

Der Hintergrund ist denke ich im poststrukturalistischen Ansatz zu sehen, wonach alles durch die Sprache bestimmt wird. Um die Normativität die dadurch entsteht, dass es sehr sehr wenige Transsexuelle und sehr viele Nicht-Transsexuelle gibt und zur Vermeindung des diese Normativität verstärkenden Begriffs „Normal“ für Nicht-Transgender wurde eben ein entsprechender Begriff geschaffen, den man verwenden kann. Außerhalb der entsprechenden Szene dürften ihn aber die wenigsten kennen.

Hier eine Defintion, die das auch noch einmal so wiedergibt und zudem „Cissexismus erklärt:

Cissexismus

Cissexismus beschreibt die Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung von Trans*Menschen durch Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht in Einklang steht bzw. noch nie hinterfragt wurde (auch cisgender oder cisgeschlechtliche Menschen genannt). Cissexismus resultiert in Abwertungsstrategien, der Aufrechterhaltung von zweigeschlechtlichen Überlegenheitssystemen und oft in Gewalt gegen Trans*Personen. Das lateinische Präfix “cis-” (auf dieser Seite, diesseits, binnen, innerhalb) bildet das Antonym von trans- (über-, hinüber-, durch-, hindurch-). Cis- und Begriffe wie cisgender, wurden von der Trans*Bewegung eingeführt, um Trans* nicht immer als Abweichung von der Norm zu definieren. Cissexismus soll im Unterschied zu Transphobie außerdem die Gewaltförmigkeit und systemische Verankerung des Zweigeschlechtersystems betonen und auch die Spezifika der Ablehnung von Trans* im Vergleich zu Sexismus deutlich machen.

Mein erster Gedanke bei „Cissexismus“ war ja, dass es sich um Sexismus gegen Cis handelt. Aber es scheint eher Transfeindlichkeit dadurch zu sein, dass man entweder nicht bedenkt, dass es Transsexuelle gibt oder tatsächlich feindselig ist. Damit kann natürlich nahezu alles, was irgendwie den Umstand, dass es einige wenige Transsexuelle gibt nicht mitbedenkt, Cissexismus sein, auch so schlichtes wie die Aussage, dass es Mann und Frau gibt oder andere Aussagen dieser Art.

Radikaler Feminismus: Cathy Brennan

Cathy Brennan ist eine radikale Feministin, die sich insbesondere durch eine Abneigung gegenüber Transsexuellen hervorgetan hat. Sie vertritt radikale soziale Konstruktion und verbindet das mit den Lehren Dworkins, so dass, wenn ich es richtig verstehe, Männer bei ihr das Böse sind und gleichzeitig M-F Transsexuelle zum einen als Männer sozialisiert worden sind und insofern eben auch nach wie vor Männer sind. Sie macht insofern den Gedanken von Butler nicht mit, dass es hier auf das ankommt, was man sein will, sondern nimmt insofern eigentlich die soziale Konstruktion der Geschlechter ernster und lehnt jede biologische Grundlage ab, wobei sie anscheinend auch darauf abstellt, dass man seine Sozialisation und das daraus folgende Mannsein nicht abschütteln kann.

Aus einem Interview mit ihr:

Gender is a social construct, external to people. Gender is not innate. As Lierre Keith has said, “Gender is not a binary. It is a hierarchy. It is global in its reach, it is sadistic in its practice, and it is murderous in its completion. Just like race, and just like class. Gender demarcates the geopolitical boundaries of the patriarchy—which is to say, it divides us in half. That half is not horizontal—it is vertical. And in case you missed this part, men are always on top.

Gender is not some cosmic yin/yang; it’s a fist, and the flesh that bruises. Okay? It is the mouth crushed shut, and the little girl who will never be the same. Gender is who gets to be human, and who gets hurt. And that has to be made very clear, because men know what they are capable of. They know. They know the sadism that they have built into their sex. So what they say to each other is “Do it to her. Not to me, the human being, but to her. The object. The thing”. So they have to make it very clear, both visually, and ideologically, who she is. So see, there she is, unable to walk. Or there she is, on display. Or there she is, um, you know, covered and secluded, for your eyes only.

And how much easier if you can say “God made her this way, to lie beneath me”. Or easier to say, “Nature made her this way, the thing with the hole”. Or, if you can say, “She made herself this way, the slut who asked for it”. Because we always ask for it. The rape, the battering, the poverty, the prostitution— even the murder. We asked for it.

Now, all of those practices in aggregate, those are what Andrea Dworkin named the barricade of sexual terrorism. And gender is what demarcates that boundary, very exactly. And this is really simple, people. Barricade. Women live inside the barricade of sexual terrorism. Men live outside the barricade of sexual terrorism. In fact, men built that barricade. Fist by fist, and f*ck by f*ck. It is exactly those violent violating practices that construct a class of people called “women”. That is what men do to break us, and to keep us broken. And that is what gender is: the breaking, and the broken.”

If you believe it [being transgender] is a choice, what do you have to back that up with? Also, then wouldn’t that make homosexuality a choice?
Yes. Sexual orientation is also a social construct. You are the one putting forth that these concepts are innate. You bear the burden of proving that. For evidence that Gender is a social construct, you can start with Cordelia Fine’s Delusions of Gender.

Die Links habe ich eingefügt, sie verweisen auf Artikel von mir.

Ich finde es insoweit ja schon lustig, dass hier eigentlich durchaus klassische feministische Argumente verwendet werden, eben soziale Konstruktion sogar mit Verweis auf Fine und auch der Gedanke, dass der Mann oder eben die Männlichkeit doch irgendwie böse sind. Rape Culture ist davon ja nicht so weit weg. Es würde mich interessieren, ob man in der Kritik an ihr auch feministischen Stimmen liest, die so etwas sagen wie „Ihre Transfeindlichkeit ist schlimm und bei den Männern übertreibt sie es auch, das ist Männerfeindlichkeit“. Ich habe zu letzteren allerdings nichts gesehen.

 

Judith Butler zu Transsexualität und sozialer Konstruktion der Geschlechter

In einer Diskussion mit Sanczny wurde ich auf dieses Interview mit Judith Butler verwiesen, dass sehr interessant ist, weil sie da um Transfeindlichkeit zu vermeiden, ziemlich um einige wesentliche Konzepte herumeiert.

Sie wird mit einer Ansicht einer Feministin konfrontiert, die darauf abstellt, dass eine Geschlechtsanpassung bei Transsexuellen nur deswegen erforderlich ist, weil die (patriarchale) Gesellschaft überhaupt in Mann und Frau einteilt und entsprechende Normen vorgibt.

Judith Butler dazu:

I have never agreed with Sheila Jeffreys or Janice Raymond, and for many years have been on quite the contrasting side of feminist debates.  She appoints herself to the position of judge, and she offers a kind of feminist policing of trans lives and trans choices.  I oppose this kind of prescriptivism, which seems me to aspire to a kind of feminist tyranny.

If she makes use of social construction as a theory to support her view, she very badly  misunderstands its terms.  In her view, a trans person is “constructed” by a medical discourse and therefore is the victim of a social construct.  But this idea of social constructs does not acknowledge that all of us, as bodies, are in the active position of figuring out how to live with and against the constructions  – or norms – that help to form us.  We form ourselves within the vocabularies that we did not choose, and sometimes we have to reject those vocabularies, or actively develop new ones.  For instance, gender assignment is a “construction” and yet many genderqueer and trans people refuse those assignments in part or in full.  That refusal opens the way for a more radical form of self-determination, one that happens in solidarity with others who are undergoing a similar struggle.

One problem with that view of social construction is that it suggests that what trans people feel about what their gender is, and should be, is itself “constructed” and, therefore, not real.  And then the feminist police comes along to expose the construction and dispute a trans person’s sense of their lived reality.  I oppose this use of social construction absolutely, and consider it to be a false, misleading, and oppressive use of the theory.

Hier bleibt sie noch verhältnismäßig nahe an üblichen Theorie. Während die eine Richtung des Feminismus darauf abstellt, dass alles frei und quasi „natürlich“ sein muss, dass also jemand in einem männlichen Körper schlicht keinen Zwang sehen sollte, sich umoperieren zu lassen und aus jedem Gefühl, dass man sich umoperieren lassen sollte, folgt, dass nicht hinreichend Freiheit besteht, stellt sie darauf ab, dass jeder sich quasi so „zurechtpuzzeln“ können soll, wie er es will. Demnach sollte man also wählen können, ob man sich mit diesem oder jenen Verhalten und diesem oder jenem Körper wohler fühlt. Wichtig wäre demnach lediglich, wie man sich selbst sieht, und wenn an sich eben als anders sieht, etwa eben als jemand, der eigentlich einen weiblichen Körper haben sollte, dann sollte man diesen Weg eben wählen können.

Sie sagt weiter:

I do know that some people believe that I see gender as a “choice” rather than as an essential and firmly fixed sense of self.  My view is actually not that.   No matter whether one feels one’s gendered and sexed reality to be firmly fixed or less so, every person should have the right to determine the legal and linguistic terms of their embodied lives.  So whether one wants to be free to live out a “hard-wired” sense of sex or a more fluid sense of gender, is less important than the right to be free to live it out, without discrimination, harassment, injury, pathologization or criminalization – and with full institutional and community support.  That is most important in my view.

Der erste Satz ist sehr interessant. Er ist auch noch nicht per se ein Umbruch, weil auch bisher im Feminismus vertreten wird, dass man seiner Geschlechterrolle nicht ohne weiteres entfliehen kann, sondern in dieser gehalten wird, weil man in Machtverhältnisse und gesellschaftliche Regeln eingebunden ist. Interessant ist aber ihre Verwendung von Begriffen wie „Hard wired“. Und auch interessant, dass sie darauf abstellt, dass jeder so leben können soll wie er will, und zwar mit der vollen Unterstützung der Institutionen und der Gesellschaft. Es wäre interessant hier nachzufragen, wie sie das bei Konzepten von Männlichkeit sieht. Ich vermute hier würde es durchaus zu einer Einschränkung kommen.

I know that some subjective experiences of sex are very firm and fundamental, even unchangeable. They can be so firm and unchanging that we call them “innate”. But given that we report on such a sense of self within a social world, a world in which we are trying to use language to express what we feel, it is unclear what language does that most effectively. I understand that “innate” is a word that conveys the sense of something hired-wired and constitutive. I suppose I would be inclined to wonder whether other vocabularies might do the job equally well. I never did like the assertion of the “innate” inferiority or women or Blacks, and I understood that when people tried to talk that way, they were trying to “fix” a social reality into a natural necessity. And yet, sometimes we do need a language that refers to a basic, fundamental, enduring, and necessary dimension of who we are, and the sense of sexed embodiment can be precisely that.

Hier spricht sie davon, dass einige Erfahrungen in Bezug auf das Geschlecht sehr fest und fundamental und sogar nicht zu verändern sind. Sie scheint sich mir da aber nach wie vor dagegen zu wehren, da eine biologische Grundlage zu sehen. Sie spricht nur davon, dass sie so fest erscheinen, dass wir sie auf eine bestimmte Weise bezeichnen und das damit teilweise lediglich Begriffe bereit gestellt werden, die bestimmte Sichtweisen auf das Selbst ermöglichen. Ich vermute mal, dass sie damit meint, dass Transsexuelle oft einfach den Bezug zum anderen Geschlecht brauchen, also die Bezeichnung „ich bin eine Frau“ bei einer M->F Transsexuellen, um eine Identität zu haben, in die sie sich einordnen können und das da „Geschlechtslosigkeit“  oder „Mischung aus Mann und Frau“ einfach nicht ausreicht. Natürlich müsste das dann ebenso für Männer und Frauen an sich gelten. Es bleibt aber bei einer gesellschaftlichen Konstruktion, sie sieht anscheinend lediglich ein starkes Bedürfnis nach

Interessanterweise wird sie dann direkt auf Milton Diamond angesprochen, also auf David Reimer, bei dem sie in „Undoing Gender“ noch einfach davon ausging, dass Money da schlicht die Probleme durch seine Art die Zwillinge zu testen verursacht hat.

Judith Butler dazu:

 In the works by Milton Diamond that I have read, I have had to question the way he understands genetics and causality. Even if a gene structure could be found, it would only establish a possible development, but would in no way determine that development causally. Genetics might be yet another way of getting to that sense of being “hard-wired” for a particular sex or gender. My sense is that we may not need the language of innateness or genetics to understand that we are all ethically bound to recognize another person’s declared or enacted sense of sex and/or gender. We do not have to agree upon the “origins” of that sense of self to agree that it is ethically obligatory to support and recognize sexed and gendered modes of being that are crucial to a person’s well-being.

Das ist eine typische Antwort, die ich auch schon häufig erhalten habe: „Warum ist es denn überhaupt wichtig, warum wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten, wenn es eigentlich darauf ankommt, dass man jede Form von Geschlecht unterstützen sollte?“ Es ist natürlich gerade dann, wenn sich der Feminismus darauf beruft, dass in bestimmte Formen von Geschlecht Macht eingebunden ist und soziale Regeln daran festmachen, die rein willkürlich sind, weil alles sozial konstruiert ist, von sehr hoher Wichtigkeit. Denn genau an diesem Punkt macht der Feminismus eben unglaublich viel fest, was er sonst so nicht vertreten könnte. Wenn er beispielsweise darauf abstellt, dass Männer risikobereiter sind, weil Mädchen mehr kontrolliert werden und ihnen weniger Platz zum experimentieren gegeben wird und es tatsächlich aber am Testosteron liegt, dann bricht diese Theorie zusammen. Wenn man beispielsweise feststellt, dass sprachliche Fähigkeiten durch Testosteron teilweise beeinträchtigt werden, dann ist es im Gegenzug nicht verwunderlich, wenn Mädchen in dem Bereich bessere Fähigkeiten zeigen etc.

CW: If “gender” includes the way in which we subjectively experience, contextualize, and communicate our biology, do you think that living in a world without “gender” is possible?

JB: Sometimes there are ways to minimize the importance of gender in life, or to confuse gender categories so that they no longer have descriptive power. But other times gender can be very important to us, and some people really love the gender that they have claimed for themselves. If gender is eradicated, so too is an important domain of pleasure for many people. And others have a strong sense of self bound up with their genders, so to get rid of gender would be to shatter their self-hood. I think we have to accept a wide variety of positions on gender. Some want to be gender-free, but others want to be free really to be a gender that is crucial to who they are.

Das ist erst einmal eine sehr spannende Frage. Kann man die Geschlechter abschaffen oder brauchen wir sie, um unser Selbst darzustellen? Hier scheint Butler zumindest in einigen Bereichen für die Erhaltung der Geschlechter, und damit sind dann wohl Mann und Frau gemeint, zu sein (was nicht ausschließt, dass Leute, die das nicht brauchen, sich als andere Geschlechter oder als Queer ansehen). Butler scheint mir hier eine Mittelposition einzunehmen: Mann und Frau sein zu wollen wäre demnach vollkommen okay. Wäre vielleicht interessant, dieses Passagen Feministinnen mal entgegen zuhalten in einer Diskussion.

CW: I have seen where – especially online – people who identify as “gender critical feminists” (TERFs) assert that transwoman are merely mutilated men. What are your thoughts about using “gender critical feminism” to make such assertions?

JB: I do not know this term, but I reject totally the characterization of a transwoman as a mutilated man. First, that formulation presumes that men born into that sex assignment are not mutilated. Second, it once again sets up the feminist as the prosecutor of trans people. If there is any mutilation going on in this scene, it is being done by the feminist police force who rejects the lived embodiment of transwomen. That very accusation is a form of “mutilation” as is all transphobic discourse such as these. There is a rather huge ethical difference between electing surgery and being faced with transphobic condemnation and diagnoses. I would say that the greatest risk of mutilation that trans people have comes directly from transphobia.

Also eine deutliche Abkehr von Transfeindlichkeit. Aus meiner Sicht insofern auch auf der Grundlage ihrer sonstigen Werke zu erwarten.

CW: Many trans people assert that women/females can have a penis and that men/males can have a vagina. What are your thoughts about that?

JB: I see no problem with women having a penis, and men having a vagina. People can have whatever primary characteristics they have (whether given or acquired) and that does not necessarily imply what gender they will be, or want to be. For others, primary sexual characteristics signify gender more directly.

Auch eigentlich zwingend folgend aus dem, was sie bisher gesagt hat: Wenn das einzige, was zählt, ist, wie man sich fühlt, dann ist der Körper in der Tat egal. Und in der Tat wäre für die Frage, welches „Gender“ man hat, der Körper auch egal. Es ist nur die Frage, auf was man für die Bezeichnung dann abstellt. Hier werden die meisten den Körper im Vordergrund sehen, aber den Wunsch einer Person bei entsprechender Aufmachung durchaus akzeptieren.

Es wird dann noch einmal ganz direkt nachgefragt:

CW: Do you think “sex” is a social construct?

JB: I think that there are a variety of ways of understanding what a social construct is, and we have to be patient with terms like these. We have to find a way of understanding how one category of sex can be “assigned” from both and another sense of sex can lead us to resist and reject that sex assignment. How do we understand that second sense of sex? It is not the same as the first – it is not an assignment that others give us. But maybe it is an assignment we give ourselves? If so, do we not need a world of others, linguistic practices, social institutions, and political imaginaries in order to move forward to claim precisely those categories we require, and to reject those that work against us?

Da sagt sie eigentlich so richtig nichts oder verstehe ich das falsch? Die Aussage, die ich daraus noch ziehe ist, dass sie zwischen dem Geschlecht, welches einem bei der Geburt zugewiesen wird und dem, was wir als unser Geschlecht empfinden, unterscheiden will. Und das letzteres eben eine Fremdzuweisung ist. Sie lässt dann offen, ob wir dieses „zweite Geschlecht“ uns selbst „geben“. Einfach verständlich ist es wohl, wenn man hier zwischen dem äußeren und dem inneren Geschlecht unterscheidet und zunächst feststellt, dass beide nicht übereinstimmen müssen. Wenn man unter dem inneren Geschlecht das „Gehirngeschlecht“ versteht, dann wäre es eben gerade nicht konstruiert, was auch Transsexualität sehr leicht verständlich machen würde.

CW: What, if anything, would you like trans people to take from your work?

JB: Gender Trouble was written about 24 years ago, and at that time I did not think well enough about trans issues. Some trans people thought that in claiming that gender is performative that I was saying that it is all a fiction, and that a person’s felt sense of gender was therefore “unreal.” That was never my intention. I sought to expand our sense of what gender realities could be. But I think I needed to pay more attention to what people feel, how the primary experience of the body is registered, and the quite urgent and legitimate demand to have those aspects of sex recognized and supported. I did not mean to argue that gender is fluid and changeable (mine certainly is not). I only meant to say that we should all have greater freedoms to define and pursue our lives without pathologization, de-realization, harassment, threats of violence, violence, and criminalization. I join in the struggle to realize such a world.

Ich finde es erst einmal interessant, dass sie deutlich macht, dass sie „Gender Trouble“ vor langer Zeit geschrieben hat und da verschiedene Punkte noch nicht hinreichend mit einbezogen hat. Sie scheint nunmehr von einer gewissen Festigkeit von Gender auszugehen, die nicht zu ändern ist. Warum dies nicht der Fall sein soll, wenn alles sozial konstruiert ist, dass sagt sie leider nicht.

Es wäre interessant, wie sie diese neuen Erkenntnisse im Bezug auf Mann und Frau verwertet. Würde das dazu führen, dass sie auch insoweit von einer Festigkeit der Identität ausgeht und von einem Recht von Mann und Frau darin nicht gestört, belästigt und bedroht zu werden? Das wäre ja ein interessanter Ansatz, der sich in das Machtschema Mann oben – Frau unten, wie es im Feminismus vorherrscht, quasi nicht einbauen lässt.

Ich vermute, dass sie es allenfalls in Hinblick auf Transsexualität so sieht und eine Übertragung in die sonstige feministische Theorie nicht wirklich geplant ist.

Genderfeministinnen auf Transsexualität anzusprechen scheint mir allerdings immer eine gute Idee. Sofern sie nicht transfeindlich sein wollen bleibt ihnen nichts anders übrig als diese gewünschten Rollen als fest anzusehen. Wie diese dann aber fest sein sollen und wie sie entstehen, wenn die gesamte Sozialisation ansonsten am Körper festmacht oder warum geschlechtsanpassende Operationen in einer „perfekten Welt ohne Geschlechterrollen“ noch erforderlich sein sollten, dass sind dann quasi nicht zu beantwortende Fragen. Umgekehrt tauchen die Probleme auf, wenn sie bei Männern und Frauen von starren rein konstruierten Rollen ausgeht, da dann eben Transsexualität nicht mehr in das Schema passt.

Rachel Dolezal, Transracial und Transsexualität

Ich denke den Skandal um Rachel Dolezal haben die meisten mitbekommen. Hier eine Kurzfassung aus der Wikipedia:

Rachel Dolezal (auch Doležal geschrieben; * 1977) ist eine amerikanische Akademikerin und Bürgerrechtsaktivistin.

Sie war bis Juni 2015 Lehrbeauftragte (Instructor) für afrikanische und afroamerikanische Studien an der Eastern Washington University, Präsidentin der lokalen Abteilung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in Spokane, Washington und Vorsitzende der Ombudsmann-Kommission der Polizei in Spokane.

Im Juni 2015 entstand ein großes Medieninteresse, nachdem ihre Eltern öffentlich erklärt hatten, dass sie keine Afroamerikanerin sei. Von ihrem Amt als NAACP-Vorsitzende trat sie daraufhin zurück, von ihrer Funktion als Polizei-Ombudsfrau wurde sie wegen Fehlverhaltens entbundenIhr Vertrag als Lehrbeauftragte wurde nicht verlängert.

Recht aussagekräftig ist hier ein Foto aus ihrer Jugend und ein Foto aus ihrem Leben als Schwarze.

Rachel Dolezal

Rachel Dolezal

Auf dem rechten Foto ist sie weiß wie frisch gefallener Schnee, auf der linken Seite ist sie etwas dunkler und hat einen Afro.

Rachel Dolezal gab an, dass sie „innerlich schwarz“ sei und brachte dazu den Begriff „transracial“ in Anlehnung an die Transsexualität. „Transrace“ läßt sich schwer übersetzen, „transrassig“ klingt im deutschen doch irgendwie unglücklich. Transethnisch? Mal sehen, ob sich da ein deutscher Begriff etabliert.

Die Wikipedia enthält dazu und ihrem Verständnis einige interessante Passagen:

Nach eigenen Angaben fühlte sich Donezal schon seit ihrer Kindheit als Schwarze. Sie habe Selbstportraits mit einem braunen statt einem pfirsichfarbenen Stift gemalt.[17]. Dolezal bezeichnete sich als „eindeutig nicht weiß“. Nichts am „Weißsein“ beschreibe, wer sie sei. Sie verglich sich mit dertranssexuellenCaitlyn Jenner (früher Bruce Jenner) und sagte, sie habe geweint als sie von deren Geschichte gehört habe.[10]

2010 hatte sich einer der Adoptivbrüder Dolezals von den Eltern losgesagt und Rachel Dolezal wurde mit dem Einverständnis der Eltern als dessen Vormund eingesetzt.[15] Dolezal gab allerdings den Adoptivbruder zwischenzeitlich als ihren eigenen Sohn aus.[18]

Doležal hat sich bei ihrem politischen, künstlerischen und gesellschaftlichen Engagement immer als Teil der schwarzen Community bekannt. Auf mindestens einer Bewerbung, so als Ombudsfrau der schwarzen Community bei der lokalen Polizei, hat sie ihre ethnische Herkunft (im Sinne des amerikanischen race) als Schwarze angegeben.[1][19] 2015 gab sie auf Facebook einen schwarzen Amerikaner als ihren leiblichen Vater aus.[15] Im Juni 2015 sagten ihre Eltern auf Nachfrage einer Zeitung aus, ihre Tochter würde sich mittlerweile als echte Afroamerikanerin ausgeben, was sie als Verfälschung ihrer Herkunft empfänden.[2] Zum familiären Bruch sei es bereits gekommen, als Dolezal ihre Eltern 2006 bei einer Jubiläumsveranstaltung ausgeladen habe.[20]

Dolezal hatte Medien gegenüber behauptet, als schwarze Bürgerrechtlerin Opfer mehrerer Hate crimes geworden zu sein und ihren Eltern öffentlich unterstellt, sie misshandelt zu haben.[7] Zudem habe ihr leiblicher Bruder sie sexuell missbraucht. Ihrem ehemaligen Ehemann warf sie in einem Sorgerechtsstreit um den gemeinsamen Sohn vor, er habe sie gezwungen, gegen ihren Willen beim Dreh eines Sexvideos mitzumachen.[10] Auch habe ihr ehemaliger Mentor ihr sexuelle Gewalt angetan.[21] Die angeblichen Verbrechen wurden nie nachgewiesen. Die Coeur d’Alene Press, eine Lokalzeitung in Idaho, befragte ihre Eltern darauf und brachte die Kontroverse ins Rollen.[7][22] Sie hätte sich seit 2007 immer mehr mit der Afroamerikanischen Gemeinde identifiziert.[3] Der Vorgang wurde landesweit publik.[23] Jonathan Capehart unterstellte Dolezal, im Sinne einerBlackfacedarbietung rassistisch vorzugehen.[24] Das Vorgehen von Doležal wurde ebenso, insbesondere auf sozialen Netzwerken, parallel zu einer transsexuellen Geschlechtsidentität als transracial diskutiert.[25] Die NAACP teilte mit, sie stehe hinter dem Engagement von Dolezal und ihre racial identity habe keinen Einfluss auf ihre Eignung als Präsidentin der NAACP.[26] In Spokane selbst sind nur 1,9 Prozent der Einwohner als African-American ausgewiesen.[7]

Gegen Dolezal wird wegen möglichen Betrugs ermittelt.[20] Patrick Blanchard sieht bei Doležal und anderen angenommenen Identitäten das Problem, dass sie zwar ihr Schwarzsein aufgeben könne wie ein Styling, dies aber tatsächlichen Minderheitsangehörigen nicht möglich sei.[18] Kritik kam auch aus der schwarzen Community Deutschlands, wo viele Dolezals Verhalten als respektlos empfanden.[27]

Das Problem des „transracial“ ist sehr interessant, weil es aus meiner Sicht erheblich Unstimmigkeiten im „intersektionalen Feminismus“ bzw. den intersektionalen Gruppentheorien deutlich macht.

„Rasse“ und „Geschlecht“ sind beide nach diesen Theorien sozial konstruiert. Demnach muss es auch möglich sein, dass es einen „Transismus“ in beiden Bereichen gibt. Im Bereich der Transsexualität soll rein auf das soziale Geschlecht abgestellt werden, bei einer „transracial“ hingegen wird dies als „Blackfacing“ oder Aneignung gesehen und ein solcher Übergang für unmöglich gehalten. Aus meiner Sicht wäre eine Begründung nur dann stimmig, wenn sei darstellt, warum dieser Unterschied gemacht werden kann, ohne das er willkürlich erscheint. Das scheint mir bisher nicht zu gelingen.

a) Lösung des Problems nach den biologischen Theorien

In den Biologischen Theorien ist die Abgrenzung eigentlich recht einfach: Transexualität entsteht, weil das Gehirn nicht nach einer festen Bauzeichnung gefertigt wird, sondern während des Wachsens je nach bestimmten Hormonständen entschieden wird, ob Wachstumsplan A (weiblich) oder Wachstumsplan B (männlich) durchgeführt wird. Dadurch kann es dazu kommen, dass bei bestimmten Hormonständen zu bestimmten Zeiten ein „weibliches Gehirn“ in einem „männlichen Körper“ steckt oder andersherum.  Die beiden Baupläne für Mann oder Frau stecken abgesehen von den Informationen auf dem Y-Chromosom jeweils in jedem Menschen, so dass wir eine „gemischte Veranlagung“ in uns tragen. Dabei haben die Geschlechter über Jahrhunderttausende eine Arbeitsteilung mit der Wahrnehmung verschiedener Aufgaben praktiziert, was auch im Gehirn unterschiedliche Selektionen bewirkt hat. Demnach ergeben sich auch unterschiedliche „Wachstumspläne“, die in Verbindung mit einem anderen „Bodyplan“ dazu führen können, dass der Transsexuelle sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt.

Bei einer potentiellen Transracial ist die Lage anders: Es gibt keine so klare Trennung nach Rassen, die doppelt (oder dann eben 5-20 fach, je nach dem, was man als Rasse ansehen möchte) in entsprechenden Wachstumsplänen gespeichert ist. Da sich die jeweiligen Rassen auch ansonsten nicht so grundlegend unterscheiden wie Mann und Frau ist nicht mit dem gleichen biologischen Unbehagen, in einem fremden Körper zu stecken, zu rechnen. Wenn Rachel Dolezal in irgendeiner Form „afrikanische Gene“ hat, dann würde es sich um eine Vermischung handeln, nicht um andere Baupläne. Angesichts ihres Aussehens ist dies nicht unbedingt wahrscheinlich, wobei das nichts sagen müsste, sie könnte eben bei „Aussehensgenen“ die weiße Seite abbekommen haben. Allerdings würde ich vermuten, dass es so viele Unterschiede im Gehirn, dass man sich biologisch als „Transracial“ fühlt,  aus meiner Sicht nicht geben wird. Die Schwarzen, die unter weißen aufgewachsen sind, haben ein recht weißes Verhalten und scheinen sich damit wohl zu fühlen. Es ist zwar theoretisch möglich, ich würde hier aber einen sehr starken kulturellen Anteil erwarten

b) Lösung nach poststrukturalistischen Theorien bzw. im Intersektionalismus

In den poststrukturalistischen bzw. intersektionalen Theorien stehen sich in den jeweiligen Gruppen wie Geschlecht, Rasse, Schicht etc Gruppen gegenüber, die eine hat die Macht, die andere nicht und die Gruppe mit Macht hat Privilegien. Große Differenzierungen gibt es erst einmal nicht, wenn man einer Gruppe zugehörig ist, dann kann man als Mitglied der privilegierten Gruppe seine Privilegien nur hinterfragen, aber nicht ablegen, als Teil der Gruppe ohne Macht hat man damit Nachteile.

In diese Theorien passen Transsexuelle eigentlich nicht rein. Denn diese machen einen Wechsel und versuchen entweder in eine privilegierte Gruppe zu kommen oder aus der privilegierten Gruppe in die unterdrückte Gruppe zu kommen, letzteres sogar in größerer Zahl als andersrum.

Der „Vorteil“ ist, dass man sie, weil ihr Wechsel nicht akzeptiert wird, den „Machtlosen“ zuordnen kann: Der Geschlechterwechsel ist schwierig, weil wir sehr darauf geeicht sind, Geschlechter unterscheiden zu können und uns dies in den allermeisten Fällen keinerlei Probleme bereitet. Einen Mann in eine Frau zu verwandeln erfordert daher viele, sehr kostspielige Eingriffe. Halbe Lösungen sind dabei gefährlich, denn sie werden selten als schön wahrgenommen, weil Attraktivitätsmerkmale meist genau darauf ausgerichtet sind, dass man möglichst wenig Zuordnungen zum anderen Geschlecht findet, weil dies üblicherweise mit verminderter Fruchtbarkeit etc einhergeht. Das „rettet“ dann vielleicht wieder den jeweiligen Opferstatus und macht die Anerkennung leichter, dann aber paradoxerweise eben entgegen der Behauptung nicht als Mann oder Frau. Diese Probleme haben „Transracials“ weniger, weil Mischlinge aus Rassen dieser deutlichen Unterscheidung nicht ausgesetzt sind und auch häufig etwas exotisches haben, ohne zu fremd auszusehen, was eher zu einer gewissen Schönheit führt.

Das ist aber eigentlich nicht die Zuordnung innerhalb der Theorie, es ist eher die Praxis: In der Theorie gilt, sofern man sich nicht den Vorwurf, dass man ein TERF (Trans Exklusiv Radikal Feminist) ist, aussetzen will: Es ist jeder zu akzeptieren, wie er sein will: Wenn jemand eine Frau sein will, dann ist er eine Frau, wenn jemand ein Mann sein will, dann ist er ein Mann, weil eben alles nur soziale Konstruktion ist.

Und in dieser Einordnung ist eben Transracial schwer einzulehnen: Wenn Rasse auch nur eine Konstruktion ist, dann gibt es keinen Grund, dieses nicht auf die gleiche Weise aufzulösen: Wer Schwarz sein will, der soll schwarz sein etc.

Hier kommt der intersektionale Feminismus aber mit einem anderen Problem in Konflikt: Schwarz sein ist eine positive Gruppenidentität, die auf eine Weise ausgebaut wurde, dass die Übernahme von deren Werten Aneignung ist. Es wäre interessant, warum dies bei Geschlecht nicht so ist, man könnte ja auch dort anführen, dass ein eher sich weiblich verhaltender Mensch sich die „weibliche Kultur“ aneignet. Aber hier funktioniert die Zuordnung anders: Die weibliche Art ist gleichzeitig Ergebnis einer Unterdrückung und die Erlösung: Man kann sie nutzen, um zu erklären, warum Frauen keine Vorstandsmitglieder werden („weil sie nicht dazu erzogen werden, sich durchzusetzen und keine Vorbilder haben“) und warum Frauen Frieden bringen würden und alles besser machen würden („weil Frauen irgendwie friedlicher und sozialer sind“). Die Teile der schwarzen Kultur werden insoweit weniger als Elemente der Unterdrückung gesehen, weswegen sie abgeschirmt werden dürfen. Auch dies scheint mir eher die Praxis zu sein, logisch aus den Theorien folgt das nicht.

Und deswegen kann man auch in den meisten Artikel, die begründen, warum Transsexualität geht, transracial aber gar nicht, die Argumente finden, die häufig von anderer Seite, den TERFs, gegen Transsexuelle angeführt werden.

Hier beispielsweise:

One last strike against anyone claiming to be transracial:  It only works one way.  Only white people can claim to be another race on the inside and then “perform” that race because race operates with white as the default.  Racial classifications are based on deviations FROM whiteness.  Rachel could pay a Black woman to do her hair and then pick up some NARS bronzer and say “Look!  I’m not white!”  I can’t straighten my hair and put chalk on my face while saying “Look!  I’m not Black!”  Transracial as a concept is another extension of white privilege, with those people – firmly situated at the top of society – experiencing an overwhelming need to identify with some other culture to validate their misplaced feelings of oppression because of their affinity for said culture.

Ich bin sicher, dass ein Schönheitschirurg, dem man die Millionen gibt, die Catyln Jenner ihrem Chirurgen gezahlt hat, da durchaus in beide Richtungen einiges machen könnte: Die Haut weißer machen, die Nase operieren, andere Anpassungen vornehmen, eine Perücke etc.

Letztendlich ist es aber auch deswegen ein schlechtes Argument, weil man eben sehr, sehr sehr, vielen Transsexuellen ihre Transsexualität ansieht. Gerade Männern, die sich als Frau ausgeben wollen, schon wegen des Adamsapfels und der anderen Gesichtsform. Asiaten haben vielleicht mehr Glück, weil sie eh weniger Testosteron haben und häufiger zartere Gesichter, aber der Übergang bleibt doch meist deutlich sichtbar. Und auch hier würde man wohl im Feminismus nicht sagen: „Alle merken, dass du ein Mann bist, nur weil du dich mit uns identifizieren willst und deine falsch platzierten Gefühle der Unterdrückung ausleben willst, müssen wir dich nicht als Frau akzeptieren“.

Oder aus diesem Artikel:

Und der Vergleich mit Jenner hinkt auch an anderer Stelle. Der größte Unterschied ist: Transfrauen oder Transmänner erfinden keine Geschichten. Dolezal verleugnete hingegen ihre weiße Identität. Sie log: Sie gab an, in einem Zelt gelebt zu haben, gab einen schwarzen Mann als ihren Vater aus. Und sie profitierte persönlich und sozial davon, dass sie andere für schwarz hielten. Sie inszenierte sich durch Haare und Make-Up als Afroamerikanerin. Dolezal spielte schwarz. Das knüpft auch an die rassistische Praxis des Blackfacing an, die ihren Ursprung in den Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts hat, in denen sich weiße Darsteller schwarz anmalten, um sich über Schwarze lustig zu machen – und ihnen ihre Selbstbestimmung und Stimme zu nehmen.

Natürlich inszenieren sich auch Transsexuelle mit Haaren und Make-up als das andere Geschlecht und man könnte das genauso als „Womanfacing“ oder „Manfacing“ bezeichnen. Natürlich werden auch Transsexuelle ihre Geschichte für ein gutes Passing anpassen. Hierzu auch ein dazu passender Kommentar einer Transsexuellen bei der Mädchenmannschaft:

vielleicht darf ich als Transfrau zu dem taz-Artikel etwas sagen. Dort heißt es zu dem Vergleich Dolezal-Jenner:

„Der größte Unterschied ist: Transfrauen oder Transmänner erfinden keine Geschichten. Dolezal verleugnete hingegen ihre weiße Identität. Sie log: Sie gab an, in einem Zelt gelebt zu haben, gab einen schwarzen Mann als ihren Vater aus. Und sie profitierte persönlich und sozial davon, dass sie andere für schwarz hielten. Sie inszenierte sich durch Haare und Make-Up als Afroamerikanerin. Dolezal spielte schwarz.“

Diese Begründung, die anderen entspricht, die ich bisher gelesen habe, ist Quatsch. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich Geschichten erfunden und gelogen habe, um so leben zu können, wie es meinem Selbstbild entspricht. Habe ich darum meine „männliche Identität“ „verleugnet“? Eine solche Identität hatte ich doch gar nicht, die wurde mir nur zugeschrieben. Und klar habe ich mich durch Haare und Make-Up und anderes als Frau „inszeniert“. Habe ich darum „Frau gespielt“? Schließlich habe ich auch durchaus mal davon profitiert (und das ausgenutzt), dass andere mich für eine Frau „hielten“ – ebenso wie ich in anderen Situationen daraus Nachteile hatte. Das gilt für Dolezal aber ebenso.

Insgesamt beruht diese Begründung auf einem essentialistischen Verständnis von weiß und schwarz, das im selben Atemzug für das Geschlecht (zu Recht) nicht akzeptiert wird.

Ich finde darum, dass die Frage, wo genau der Unterschied zwischen „transracial“ im Dolezalschen Sinne und transgender liegt, nicht ganz so leicht vom Tisch zu wischen ist. Ich habe auch das Gefühl, dass es da einen Unterschied geben muss. Aber wirklich begründen kann ich ihn bisher nicht.

Oder hier auch ein interessanter Artikel:

One major difference here is that trans folks face immense challenges when they come out. Simple tasks like getting identification and even using the restroom can be major obstacles because of a lack of understanding and education, along with a whole heap of bigotry. Transgender folks often face rejection from their friends and family upon coming out, leading to increased rates of suicide and depression within the community. And trans women, especially trans women of color, face greater risks when it comes to being victims of violence. According to GLAAD, in 2011, trans women were victims of 45% of all hate murders.

By comparison, Rachel Dolezal’s misrepresentation led to her professional gain. Not only was she appointed the head of her local NAACP, she also taught classes, sold artwork, and was a paid speaker under the guise of being a black woman. She positioned herself as an authority on racism, oppression, and the black experience despite not having lived or experienced it herself. Dolezal’s new identity also relied on fake parents, fake children, and, of course, darkening her skin and changing her hair to appear racially ambiguous.

Rachel Dolezal’s behavior has not only hurt and confused many, it has put her voice above members of the community she so desperately sought to support. Given all that, it’s easy to see why comparing Dolezal’s behavior to the trans people who face so much adversity to be who they are isn’t just hurtful, it’s not even on the same playing field.

Rachel Dolezal hatte anscheinend erhebliche Angst nicht als schwarz akzeptiert zu werden, sah also anscheinend auch ihr „Transsein“ als erhebliche Herausforderung an und als ihr „Transsein“ aufflog, sie also ihr „Coming out“ hatte, hat sie erheblichen Ärger bekommen. Der Hohn ist nicht zu vergleichen mit dem was Caitlyn erfahren hat: Ihre  Transsexualität wurde insoweit überall positiv besprochen.

Und natürlich gibt es auch Transsexuelle, die daraus persönliche Vorteile hatten, etwa Raewyn Connell, die es als Mann wohl kaum so weit gebracht hätte im Feminismus. Auch hier stellt sich eine Transexuelle als Autorität in Hinblick auf Sexismus etc dar. Ich wüsste auch nicht, dass Transsexuellen ansonsten im Feminismus vorgehalten würde, dass sie die Erfahrungen als unterdrückte Frau nicht verstehen könnten, weil sie eben Männer wären.

Eine interessante, insoweit positive Besprechung in Hinsicht auf Transrace findet sich hier:

The argument against whites electing to present themselves as black seems to me strong and persuasive.

Out of the „awful lie“ that „there is an ingrained, fundamental difference between blacks and whites“, writes Jonathan Blanks in the Washington Post, American blacks „have forged a sense of community and culture in the country that created us“. Or, as Jamelle Bouie of Slate says, „To belong to the black community is to inherit a rich and important culture“. However, the character of the culture and the cohesiveness of the community reflect the dire fact that „to be racially black is to face discrimination and violence“. The trouble with whites opting in to a black identity, Mr Bouie suggests, is the probability that they are „adopting the culture without carrying the burdens“. Whites who choose to identify as black have the option of choosing to present themselves as white again. Most blacks have no such option, and must suffer the consequences of America’s longstanding and lingering culture of white supremacy no matter what. The clear implication is that someone who was once white, and could be white again, can never really share this experience, and therefore could never really be black.

This logic also applies cleanly to those who have, like Caitlyn Jenner, undergone a male-to-female gender transition. America’s legacy of legal and cultural sexism has yet to fully unwind. Men who identify as women generally cannot have shared the same experience of sexism as a typical biological female, nor have shared the distinctive experience of a biologically female body, which includes not only the joys and travails of potential and actual pregnancy and childbirth, but also a sense of vulnerability to overpowering male strength.

(…)

Like it or not, our culture’s rules about who is entitled to be counted as a member of this or that group are now in the process of renegotiation. There is no way not to find it confusing. It is confusing. But it ought not to surprise us too much that the rules governing inclusion in different categories of identity are evolving at different rates. A very particular history stands behind what it means to be a woman, or what it means to be black in America. We should expect to see the differences in those histories reflected in the nature and pace of change in the norms governing different categories of identity.  (…)

It seems to me that Smith’s brand-new willingness to accept transgendered students is a measure of progress in the struggle for gender equality. It tells us that the gap between the lived experience of women and men has narrowed enough that today’s students at women’s colleges do not see the experience of someone who is biologically male, and who was once culturally identified as male, as so different that she cannot be accepted as a woman among women. Likewise, the breadth and intensity of resistance to the idea of whites identifying as blacks is a measure of how far we still have to go in the struggle for real racial equality. The gap between the lived experience of black and white Americans remains so wide, and so unjust, that the attempt of whites to cross the racial divide, and to live as blacks do, seems impossible. It is offensive for a white American to represent herself as black, for now, because it diminishes the enormity of that gap by implying that it has, in fact, been crossed.

Rachel Dolezal knew she needed to lie to be accepted as black. That’s not something we ought to be happy about. When the day comes that future Rachel Dolezals can tell the truth about their European ancestry and find themselves nevertheless embraced as black by the black community, it will mean that the experience of being black in America has changed immensely, for the better, and that America has finally begun to make good on a promise of equality which, from its inception up to today, has never yet been kept.

 Leider wird die Debatte im deutschen Feminismus nicht geführt. Hier zeigt sich wieder die Angst im Feminismus nur keinen Fehler zu machen und gar als Rassist darzustehen, der Aneignung zulässt. Eine weiße Feministin könnte sich eh nicht dazu äußern. Und so viele farbige Feministinnen hat es eben in Deutschland auch nicht.

Intersexualität

In der Wikipedia wird Intersexualität wie folgt definiert:

Mit Intersexualität bezeichnet die Medizin, wenn ein Mensch genetisch (aufgrund seiner Geschlechtschromosomen) und/oder anatomisch (aufgrund seiner Geschlechtsorgane) und hormonell (aufgrund des Mengenverhältnisses der Geschlechtshormone) nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden kann. Die Intersexualität wird den sogenannten Sexualdifferenzierungsstörungen (engl.disorders of sex development, DSD) zugerechnet.

Die Intersexualität wird im poststrukturalistischen Feminismus gern als Beleg dafür genommen, dass die „Geschlechterbinarität“ falsch ist. Allerdings betrifft dieser Bereich nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung, ca 0,018%. Die meisten Menschen lassen sich sehr gut einem körperlichen Geschlecht zuordnen, aber ebenso wie auch im Genderbereich gibt es hier fließende Übergänge.

Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es nicht per se einen Bauplan A für Frauen und einen Bauplan B für Männer gibt, voin denen einmal einer am Anfang ausgewählt, und dann beiseite gelegt wird. Vielmehr „wächst“ der Körper und der genetische Wachstumsplan enthält die Angaben für beide Geschlechter, mit Ausnahme einiger Sonderangaben auf dem Y-Chromosom. Während des Bauens muss immer wieder geprüft werden, welcher der beiden Wege nun zum Wachsen ausgewählt wird, es kann hier zu einer Vielzahl von Fällen kommen, in dem der für die Chromosomen falsche Wachstumsplanbereich aktiviert wird. Häufiger Botenstoff dafür, welcher Wachstumsplanbereich wie stark ausgebaut wird sind dabei häufig die Hormone.

Gleichzeitig liegt ein sehr hoher evolutionärer Druck auf der „richtigen Bauweise“, denn Gene, die einen nicht fortpflanzungsfähigen Körper bauen, gelangen nicht in die nächste Generation.

In der Wikipedia wird noch die folgende weitere Unterscheidung getroffen:

Abzugrenzen ist die Definition der Intersexualität von Transgender und Transsexualität:

  • Transgender sind Menschen, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht falsch oder unzureichend beschrieben fühlen oder auch jede Form der Geschlechtszuweisung bzw. -kategorisierung grundsätzlich ablehnen. Manche intersexuelle Menschen sind Transgender. Während in einigen Organisationen und Bündnissen Transgender und intersexuelle Menschen zusammenarbeiten, da viele Gemeinsamkeiten gesehen werden, lehnen andere intersexuelle Menschen jede Zusammenarbeit mit Transgendern ab.
  • Transsexuelle Menschen wurden von der Medizin bisher als biologisch eindeutig definiert, empfinden sich selbst aber als einem anderen sozialen Geschlecht als dem bei der Geburt festgestellten zugehörig. Für die medizinische Diagnose „Transsexualität“ ist Intersexualität im ICD 10 daher formal ein Ausschlusskriterium. Mit dem DSM V und dem Begriff „Gender Dysphorie“ änderte sich dies und Intersexualität (DSD) wurde ins Buch der psychischen Störungen aufgenommen [11]. Die Diagnose „Intersexualität“ kann nur durch diverse Untersuchungen, unter anderem eine Chromosomenanalyse, erbracht werden. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass intersexuelle Menschen, welche die Geschlechtsrolle wechseln, gar nicht erfahren, dass sie eigentlich intersexuell sind, und daher medizinisch und auch juristisch (Transsexuellengesetz, kurz TSG) als transsexuelle Menschen behandelt werden.

Unter Transsexuelle wären also solche, die meinen einem anderen Geschlecht anzugehören, obwohl man sie dem äußeren nach einem bestimmten Geschlecht zuordnen würde. Transgender wären Menschen, die beispielsweise meinen, weder Mann noch Frau zu sein, was Interssexuelle umfassen kann, weil diese eben auch Merkmale beider Geschlechter enthalten können.

Zu den Ursachen führt die Wikipedia aus:

Uneindeutigkeiten des Körpergeschlechts können verschiedene Ursachen haben:

Chromosomale Variationen: Statt der durchschnittlich am häufigsten vorfindlichen Karyotypen 46,XX (weiblich) und 46,XY (männlich) gibt es unter anderem auch die Varianten 45,X, bekannt als Turner-Syndrom mit einem weiblichen Phänotypus, und 47,XXY, das Klinefelter-Syndrom mit männlichem Phänotypus, sowie Mosaike mos45,X/46,XX, mos45,X/46,XY und den Chimärismus chi46,XX/46,XY. Das chromosomale Geschlecht ist die Basis aller weiteren Geschlechtsausprägungen.
Gonadale Variationen: fehlende Entwicklung (Agonadismus); Ausbildung ganz oder partiell zu sog. Streifengonaden (nicht oder nur teilweise ausgebildete Gonadendysgenesien); ovarielle und testikuläre Gewebeanteile in entweder denselben (Ovotestes) oder getrennten Keimdrüsen (echter Hermaphroditismus/Hermaphroditismus verus).
Hormonelle Variationen: Auffällige Serumspiegel bei Geschlechtshormonen und deren Vorläufern, teils mit Folgen wie Gynäkomastie (Brustentwicklung bei Männern) oder Hirsutismus (sehr starke Körperbehaarung) bei Frauen, teils aber auch die sexuelle Differenzierung insgesamt betreffend. Diese kann unterschiedliche Ursachen (chromosomale, gonadale und nephrologisch bedingte Varianten, Enzymdefekte) haben.
Anatomische Variationen: Von geschlechtlichen Besonderheiten mit unspezifischen Ursachen bis zu eher kulturell bedingten Einschätzungen (Grundlage des sozialen Geschlechts) wie „zu kleiner“ Penis oder „zu große“ Klitoris sind sehr viele Variationen bekannt.

Viele intersexuelle „Syndrome“ bestehen nicht nur aus einer einzigen nachweisbaren Variation, sondern entstehen im Zusammenspiel mehrerer Faktoren, so zum Beispiel beim Androgenrezeptor-Defekt (AIS, Androgenresistenz). Hier sind komplette Androgenresistenz bzw. vollständiger AIS (CAIS, von complete AIS), partielle Androgenresistenz bzw. partieller AIS (PAIS) und minimale Androgenresistenz bzw. minimaler AIS (MAIS) zu unterscheiden. Bei kompletter Androgenresistenz (CAIS) entwickeln sich zum Beispiel bei einem Fötus mit XY-Chromosomen Hoden, die im Körper verbleiben können. Die Rezeptoren für Testosteron fehlen jedoch, so dass sich ein „weiblich aussehendes“ äußeres Genital (allerdings ohne weibliche innere Organe) entwickelt; das Erziehungsgeschlecht ist dann meist weiblich. Intersexuelle Menschen mit CAIS werden – anders als bei PAIS – oft erst in der Pubertät erkannt. Bei weniger ausgeprägter Resistenz kommt es laut dem medizinischen Wörterbuch Pschyrembel Wörterbuch Sexualitätzu unterschiedlichen Ausbildungen der männlichen Sexualorgane (Hypospadie, Kryptorchismus, Azoospermie) und körperlicher Feminisierung (z. B. Gynäkomastie, siehe Reifenstein-Syndrom).

Bei einem XY-chromosomalen Menschen mit Swyer-Syndrom aufgrund der Deletion des SRY-Gens sind auch Vagina und Uterus ausgebildet, in Gewebeproben findet sich allerdings kein Barrkörperchen, das bei jeder XX-chromosomalen Frau zu finden ist. Bei einem XY-chromosomalen Swyer-Syndrom ist also von einer männlichen Vagina und einem männlichen Uterus zu sprechen. Auch Menschen mit Swyer-Syndrom werden oft erst in der Pubertät auffällig.

Bei Menschen mit 5α-Reduktase-Mangel entwickelt der Körper erst ab der Pubertät ausreichende Mengen an Dihydrotestosteron, um ein männliches Genital auszubilden und sich zum fortpflanzungsfähigen Mann zu entwickeln.

Zu berücksichtigen ist auch das Vorhandensein einer Prostata bei fast allen XY-chromosomalen Menschen mit intersexuellen Syndromen.

(Links ergänzt)

An den biologischen Gegebenheiten, die zu Intersexualität führen, sieht man auch häufig, dass diese kein eigentliches eigenes Geschlecht im biologischen Sinne darstellen, da eben bestimmte Merkmale nicht ausgebildet werden und sich auf die Fortpflanzungsfähigkeit auswirken.

Es handelt sich insoweit auch nicht in biologischer Hinsicht um ein „drittes Geschlecht“, da hier keine biologische Funktion innerhalb der Fortpflanzung hinzukommt. Das sich ein solches „echtes“ drittes Geschlecht entwickelt ist auch bereits deswegen unwahrscheinlich, weil die Kosten der sexuelle Fortpflanzung mit jedem weiteren Geschlecht zunehmen und daher eine Selektion dagegen besteht.

Es findet sich dann in der Wikipedia noch eine interessante Tabelle:

Intersexualität – Wikipedia

Intersexualität – Wikipedia

Ich habe sie hier mal als Bild eingefügt, da sich die Tabellenstruktur schlecht übertragen ließ. Es zeigt die verschiedenen bekannteren Arten der Intersexualität und gibt damit einen guten Überblick.

„Transgender wissen, welches Geschlecht welche Privilegien hat“

Auf Vice stellt Paris Lee, der man das Frausein abnimmt, dar, welche Unterschiede sie beim Auftreten mit dem anderen Geschlecht wahrnimmt:

Ich bin eine Transgender-Frau, was bedeutet, dass ich mal ein Mann war. Zwar ein total mädchenhafter Mann (der dafür gehänselt wurde, ein total mädchenhafter Mann zu sein), aber eben ein Mann. Zumindest machte ich nach außen hin den Eindruck. Inzwischen bin ich eine echt heiße Bitch—sowohl innerlich als auch äußerlich—und erzähle euch jetzt erstmal alles über die ganzen verschiedenen Arten an Gender-Privilegien, die ich in den letzten Jahren selbst erleben durfte.

Am Privilegienbegriff kann man natürlich einiges kritisieren. Er ist nicht nur viel zu starr und zu sehr auf Gruppen bezogen, er wird gerade im Feminismus und Queertheorie auch viel zu einseitig gebraucht. Auch ob Paris Lee als eher „mädchenhafter Mann“, der aber eh meinte im falschen Körper zu sein, alle Anforderungen an die Männerwelt, die sozusagen „Antiprivilegien“ sind, richtig erfasst hat, zumal sie auf Männer stand, also den Anforderungen von Frauen in der Hinsicht weniger ausgesetzt war, wäre eine andere Frage.

Dennoch kann das eine interessante Perspektive sein. Hier die Darstellung, wo sie nach ihrer Meinung Privilegien abgeben musste:

Das ist mir zum ersten Mal aufgefallen, als ich mit meinem damaligen Freund unterwegs war und wir in eine Kneipe gingen, um dort nach dem Weg zu fragen. Das Arschloch hinter der Theke schaute meinen Freund an und antwortete ihm, obwohl ich ihn angesprochen hatte. Er behandelte mich wie jede andere Frau auch—nämlich beschissen.

Das wäre dann Kompetenz in der Wegbeschreibung, bei der eher Männern zugetraut wird, dass sie diese verstehen.

Er war damit zwar der Erste, aber definitiv nicht der Letzte. Als ich mir mit meinem damaligen Freund ein neues Handy kaufen ging, fing der Verkäufer an, ausschließlich mit ihm über die ganzen technischen Details des Gerätes zu reden, und das obwohl er genau wusste, dass ich mir ein neues Handy zulegen und auch bezahlen würde. Natürlich verließ ich den Laden, ohne was zu kaufen.

Das wäre dann Kompetenz in technischen Sachen. Die ja in der Tat sehr häufig eher bei Männern vorhanden ist. Solche Gewohnheiten bilden sich denke ich auch durchaus deswegen, weil viele Frauen die in Begleitung eines Freundes ein Handy kaufen, genau deswegen mitkommen um solche Fragen zu beantworten. Und das man sich darüber dann angewöhnt, den Freund direkt anzusprechen, weil es effektiver ist. Das wäre natürlich dann dennoch unhöflich gegenüber der Frau, die tatsächlich technisch interessiert ist, aber bei starken Häufungen dürfte meist die Gewohnheit siegen.

Noch als Mann war mir nie bewusst, wie unhöflich, laut und generell nervig Männer sein können (natürlich nicht alle, aber trotzdem!). Bei Meetings, bei Familientreffen und eigentlich überall wird über Frauen hinweggeredet. Falls du dich als Frau in einer Gruppe Männer befindest, dann viel Spaß beim Gehör verschaffen. Ich habe sogar schon miterlebt, wie ein einzelner Mann eine ganze Gruppe Frauen herumkommandierte. So ein Arschloch.

Das wäre dann in der feministischen Sicht „Raum einnehmen“. Wäre aber die Frage, ob es die Frauen insgesamt stört oder eher ihn. Männer und Frauen haben sicherlich einen anderen Gesprächsstil. Ich kenne allerdings auch genug Frauen, die in Gesprächen das Heft an sich nehmen können. Das sind dann oft andere Gespräche, etwa Erzählungen über Freunde, während in vielen Diskussionen eher Männer führend sind.

Frauen bekommen für die gleiche Arbeitsposition immer noch weniger bezahlt als Männer.

Da brauche ich hier nichts mehr zu zu sagen (Punkt 12 + 13).

Deswegen hört es sich jetzt vielleicht nicht nach viel an, wenn im Arbeitsumfeld über dich hinweggeredet wird, aber das ist eben nicht nur verdammt unhöflich, sondern es fördert auch die Ungleichheit, die Männer so privilegiert macht. Man sieht also: Das Dasein als Mann ist allein schon deswegen ein Privileg, weil dein Umfeld auch mal die Klappen hält und dir zuhört.

Aus meiner Sicht hört man Frauen eher in den Bereichen zu, in denen ihnen per Geschlecht eine gewisse Kompetenz zugewiesen wird und bevormundet da eher Männer. Wäre vielleicht interessant, wenn beide ein Küchenfachgeschäft betreten und eine neue Küche kaufen wollen.

Und dann zu den Privilegien der Frauen:

Eine Frau zu sein hat schon gewisse Vorteile—zumindest wenn man jung und hübsch ist. Beispiele? Du bekommst kostenlos Pommes, deine Koffer werden dir hinterhergetragen und Türen werden für dich aufgehalten. Halt das ganze unzeitgemäße und sexistische Zeug, das wir eigentlich nicht mögen sollten, ich aber ehrlich gesagt am Anfang doch ziemlich genossen habe.

Dann fing ich an, selbst Geld zu verdienen, und plötzlich fühlte sich das alles ein bisschen bevormundend an. Irgendwie hat es doch etwas Nerviges an sich, wenn man mit Schwarzfahren davonkommt, der Taxifahrer dir ein paar Cent nachlässt oder dir die Typen in den Bars zwei Shots zum Preis von einem einschenken, nur weil du weiblich bist. Das alles heißt doch eigentlich, dass Frauen die Fähigkeit abgesprochen wird, den vollen Preis zu zahlen, etwas hochzuheben oder irgendetwas selbst zu machen. Irgendwie ist es—ganz offen gesagt—aber auch irgendwie witzig. Ich nenne das Ganze den „Frauenrabatt“.

„Benevolent Sexism“ bzw. wohlwollender Sexismus ist wie man hier sieht ein sehr guter Frame, um Privilegierungen zu vernachlässigen. Da sind klare Vorteile plötzlich Nachteile. Weil sie bevormundend sind. Das ist natürlich eigentlich auch dann der Fall, wenn man meint, dass der Mann Ahnung von Technik haben muss, den Weg verstehen muss oder eben Karriere machen muss. So gut wie alle Vorteile werden Nachteile haben.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass Frauen bei all dem Privilegienquatsch den Kürzeren gezogen haben. Bei Männern ist es zum Beispiel viel unwahrscheinlicher, dass sie vergewaltigt werden. Keine Ahnung, aber ich finde einfach, dass das ein besseres Privileg ist, als die Tür aufgehalten zu bekommen.

Klar ist das ein besseres Privileg. Aber was ist das bessere Privileg wenn man „mehr Zeit mit der Familie und den Kindern verbringen können“ mit „eher Opfer von sonstiger Gewalt zu sein“ vergleicht oder „Die Kinder bei einer Scheidung eher verlieren“ mit „wird mitunter lüstern angeschaut“? Solche Vergleiche sind insofern reichlich unergiebig.

Und weitere Privilegien von Frauen:

Wie schon eben gesagt, ziehen Frauen in Sachen Privilegien oft den Kürzeren, aber das wird auch durch andere Sachen wieder kompensiert. Die Leute vertrauen mir jetzt zum Beispiel mehr. Als Frau kannst du in der Öffentlichkeit Kinder anlächeln und die Eltern nehmen nicht sofort an, dass du pädophil bist. Wenn ich damals als junger Mann in Kapuzenpullover und mit Baseball-Cap unterwegs war, hatte das Sicherheitspersonal ständig ein Auge auf mich—darüber beschweren sich auf oft junge schwarze Männer. Seit meiner Umwandlung wurde ich noch nie des Ladendiebstahls bezichtigt (auch dann nicht, als ich ganz dreist geklaut habe). Das ist ganz schön.

Frauen wird beigebracht, vor der großen weiten Welt Angst zu haben, aber ich fühle mich jetzt tatsächlich sicherer. Männer können in der Öffentlichkeit ein aggressives Verhalten an den Tag legen—das ist dann ein Zeichen ihrer Männlichkeit. Wenn man jedoch keine heterosexuellen Privilegien besitzt und als Schwuler angesehen wird (so wie es bei mir der Fall war), dann bekommt man ziemlich wahrscheinlich die Fresse poliert. Als femininer Mann hatte ich damals weniger Privilegien als jetzt als feminine Frau. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal in der Öffentlichkeit wirklich Angst hatte. Da ist es mir doch lieber, wenn mich jemand bevormundet, indem er mir die Tür aufhält, als das irgendein Arschloch mit mir einen Streit vom Zaun brechen will.

Das sind ja durchaus einige Pluspunkte, die erheblich sind „es wird einem weitaus weniger schlechtes zugetraut, selbst wenn man es tut“, „man wird weitaus weniger verdächtigt“ „man muss weniger Angst haben, Opfer von Gewalt zu sein“.

Und weiter:

Ich wünschte, ich könnte euch hier eine aufregende Geschichte erzählen, in der irgendein Typ vor mir eine Beförderung bekommen hat, aber die Wahrheit sieht folgendermaßen aus: Ich bin eine überaus erfolgreiche Frau, trotz der ganzen Männer, die über mich hinwegreden wollen, mich bevormunden und ein großes Drama um meine Kleidung machen. Weitere Vorteile? Ich kann das Herz auf der Zunge tragen und bekomme Frauenrabatt. Ach ja, und natürlich meine Titten, die habe ich ganz vergessen. Ich weiß, dass Titten manchmal auch echt nervig sein können, aber liebe Frauen, sie sind eigentlich echt toll. Das sage ich als Frau, die auf ihren schönen Vorbau etwas länger warten musste. Ja, das Titten-Privileg ist definitiv keine Einbildung.

Also sagen können, was sie will, sie ist trotzdem erfolgreich, Frauenrabatt und Tittenbonus.

Leitfaden zum feministischen Sprachhandeln – Professx, Studierix und Co.

Der Leitfaden für feministisches Sprechhandeln ist ja schon durch diverse Blogs gegangen. Hier noch einmal die wesentliche Überblicksgrafik:

Feminismus Sprache Anreden

Feminismus Sprache Anreden

Weitere Ausführungen dazu gibt es hier (oder als PDF).

In einem Interview mit dem Spiegel führt Lann Hornscheidt, einer der Ersteller des Leitfadens, dazu aus:

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zusammen mit Ihrer AG einen Leitfaden verfasst, in dem es um geschlechtergerechte Sprache geht (hier als PDF). Als ich studiert habe, kam gerade der Gender-Unterstrich in Mode wie in Student_in, dann gab es den dynamischen Unterstrich, der irgendwo im Wort auftaucht wie in Stu_dentin. Sie schlagen jetzt unter anderem die X-Form vor – Studierx. Warum?

Hornscheidt: Alle anderen Sprachformen wie das Binnen-I in StudentInnen oder der Unterstrich in Student_innen sagen Folgendes: Es gibt Frauen und Männer und dazwischen vielleicht noch ein paar andere Leute. Die X-Form sagt erst mal nur: Da ist eine Person. Das könnte sprachlich viel grundlegender das Geschlecht als wichtige Kategorie in Frage stellen. Das X durchkreuzt herkömmliche Personenvorstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch Frauen und Männer.

Hornscheidt: Natürlich, in vielen Zusammenhängen ist es wichtig, sich darauf zu beziehen, dass es Frauen und Männer gibt. Das sind wirkungsmächtige soziale Kategorien. Es brächte überhaupt nichts, alle Texte in X-Form zu schreiben. Dann würden wir Machtverhältnisse wieder unsichtbar machen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn wir also über die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen berichten, ist es okay, über Männer und Frauen zu schreiben?

Hornscheidt: Richtig.

Das ist insoweit für jeden, der sich mit Genderfeminismus beschäftigt nichts besonderes. Gerade im Poststrukturalismus, auf dem der Genderfeminismus aufbaut findet man entsprechende Modelle:

Gesellschaftliche Strukturen, Wissensordnungen und kulturelle Formationen (Diskurse), so eine Voraussetzung der meisten Poststrukturalisten, sind grundsätzlich mit Machtformen verknüpft, welche deren Geltung und hierarchische Ordnung etablieren und dazu Herrschaftsverhältnisse produzieren und stabilisieren. Ein zentrales Motiv ist daher für viele Poststrukturalisten, wie derartige Herrschaftsordnungen durch subversive (unterlaufende) und interventionistische (eingreifende) Praktiken verändert oder zumindest für kreative Neupositionierungen genutzt werden können.

Alles ist sozial konstruiert und alles ist eine Frage von Macht. Durch die Sprache schafft man diese Konstruktion und damit auch die Machtverhältnisse und Herrschaftsverhältnisse. Der Leitfaden stellt insofern eine subversive und interventionistische Praxis dar, mit der eine Veränderung dieser Strukturen erreicht werden soll. Dabei baut das ganze auf diesen wesentlichen Gerüsten auf:

  • Mögliche Verschleierung jeden Geschlechts, sofern damit nicht eine Benachteiligung einer nichtpriviligierten Gruppe unsichtbar gemacht wird.
  • Konkrete Nennung des Geschlechts, wenn ansonsten ein Machtverhältnis zu Lasten der Gruppe ohne Macht unsichtbar gemacht wird.
  • Hervorhebung der Gruppen ohne Macht zum Ausgleich und Verminderung des Machtverhältnisses
  • Hinzufügung weiterer Unsicherheitselemente wie dem Unterstrich

Die konkreten Fälle werden dort wie folgt dargestellt:

x-Form und *-Form (Sternchen-Form) I

Dix Studierx hat in xs Vortrag darauf aufmerksam gemacht, dass es unglaublich ist, wie die Universität strukturiert ist, dass es nur so wenige Schwarze Professxs gibt.

Das ‚x‘ signalisiert ein Durchkreuzen herkömmlicher → gegenderter Personenvorstellungen. Diese Form wird angewendet, wenn die Frage, ob die gemeinten Personen weiblich, männlich oder → trans* sind, in einem Kontext keine Rolle spielt oder keine Rolle spielen soll.

Dynamischer Unterstrich

We_lche Mita_rbeiterin will denn i_hre nächste Fortbildung zu antidiskriminierender Lehre machen? Sie_r soll sich melden. Der Kurs ist bald voll.

Diese Form wird benutzt, um insbesondere in der schriftsprachlichen Verwendung kritisch auf → zweigegenderte Formen, also die Vorstellung, es gäbe nur Frauen und Männer, zu verweisen und diese Vorstellung in Bewegung zu bringen.

Das Wandern des Unterstrichs durch ein Wort macht deutlich, dass es nicht einen festen Ort gibt, an dem ein Bruch in ZweiGenderung – also zwischen der konventionalisiert männlichen und der konventionalisiert weiblichen Form – stattfindet

Wortstamm- oder Silbenunterstrich

Di_e Sprech_erin der queer_feministischen Hochschulgruppe konnte ihr_e Kommilito_ninnen, Freun_dinnen und die Mitarbeit_erinnen der Uni für i_hr Anliegen begeistern. Kei_ne verwendete ih_r Stimmrecht dagegen.

Diese Form kann in Kontexten genutzt werden, wo → ZweiGenderung als sprachlicher Bezugsrahmen gebraucht wird und gleichzeitig in einer möglichst einheitlichen Variante herausgefordert werden soll.

Der Variante des Wortstamm- oder Silbenunterstrichs gelingt es, mit einer Brechung auf die Annahme, es gäbe ausschließlich Frauen und Männer, auf gesellschaftliche ZweiGenderungsprozesse also, Bezug zu nehmen

*-Form (Sternchen-Form) II und statischer Unterstrich

Die erste Amtshandlung der neugewählten Präsidentin war es, alle Mitarbeiter_innen aufzufordern, die Kolleg_innen über die zentrale Arbeit der Antidiskriminierungsstelle der Universität zu informieren.

Diese Form bietet die Möglichkeit einer ersten kritischen Bezugnahme auf sprachliche → ZweiGenderung (ohne diese grundsätzlich infrage zu stellen) und kann in der *-Variante gleichzeitig eine Vielfalt von → Positionierungen symbolisieren.

Generisches Femininum bzw. umfassende Frauisierung

Alle Professorinnen der Universität Leipzig freuen sich, dass sie endlich in ihren Texten ausschließlich weibliche Formen benutzen können.

Diese Form kann in Kontexten genutzt werden, in denen eine implizit männliche Norm besteht, die nun sprachlich irritiert werden soll.

Diese Sprachhandlung wirkt insbesondere in Kontexten aufrüttelnd, in denen männliche Normalvorstellungen wenig hinterfragt sind.

a-Form

Unsa Lautsprecha ist permanent auf Demos unterwegs. Ea erfreut sich hoher Beliebtheit.

Diese Form greift ebenfalls die Idee von einer herausfordernden, stärkeren → Frauisierung von Sprache auf, um mit männlich geprägten Assoziationen zu brechen.

Binnen-I und ZweiGenderung

Seit heute streichen mehr als zwei Drittel der Studierxs die Angabe zur StaatsbürgerInnenschaft auf allen Formularen durch.

Diese Formen werden in Kontexten benutzt, in denen die Annahme, es gäbe ausschließlich Frauen und Männer, also → ZweiGenderung, als unhintergehbare, feststehende Norm, gilt bzw. in Situationen, in denen sich Personen ausschließlich als → CisFrauen und → CisMänner definieren. Dazu gehören v.a. rechtliche und medizinische Kontexte (vgl. Kapitel 3, Punkt b).

Man sieht hier also schön, dass die Sprache immer mehr ihre Funktion als Werkzeug einer einfachen Kommunikation verliert und statt dessen ganz im Sinne des Umbildung der Gesellschaft eingesetzt wird. In diesem Bereich ist das generische Femininum kein Sexismus, weil Männer die Macht haben und so eben „Gender Trouble“ gestiftet werden kann und „Machtverhältnisse“ hinterfragt werden können.

Größtes Handicap eines solchen Versuches ist damit auch die Praktikabilität und das die meisten Leute den Sinn einer solchen Umstellung schlicht nicht einsehen werden. Die geringe Rate von Intersexuellen von etwa 0,018% und der Umstand, dass die allermeisten Leute kein Problem damit haben, als Mann oder Frau gesehen zu werden, gibt diesem Modell in den Augen vieler einen äußerst geringen Nutzen im Vergleich zu den Kosten durch eine Umstellung.

Lann Hornscheidt dazu:

SPIEGEL ONLINE: Sind das nicht nur Einzelfälle?

Hornscheidt: Nein, allein im letzten Semester haben sich zwölf Personen bei mir gemeldet, die sich diskriminiert fühlten. Es würde schon viel helfen, wenn zu Semesterbeginn gefragt würde, wie Personen angesprochen werden wollen – und dies dann respektiert und nicht hinterfragt würde.

12 (!) Menschen. Bei einer Professorin für Gender Studies, die genau auf diesen Bereich spezialisiert ist. Das ist natürlich ein starker Beleg. Man könnte zwar daran denken, dass diese Auswahl nicht gerade eine Zufallsauswahl ist, sondern daran liegt, das sie in ihr einen gesonderten Ansprechpartner für genau diesen Bereich haben, aber gut.

Eine geschlechterneutrale Anrede scheint es mir im übrigen in Universitäten schon für den Professor zu geben: Das Sie. Man könnte das sogar selbst als Frauisierung auslegen, dass auch Männer wenn man Respekt vor ihnen hat mit Sie angesprochen werden, aber das wäre natürlich nicht geeignet Chaos zu stiften.

Zur Aussprache noch das Folgende:

SPIEGEL ONLINE: Ich finde die X-Form kompliziert und in Texten schwer lesbar.

Hornscheidt: Ich würde es immer wie -ix lesen, also „Professix“ sprechen. Natürlich irritieren solche Formen, darum geht es ja. Überlieferte Normen in Frage zu stellen, das eigene Sprachhandeln zu hinterfragen und Sprache kreativer zu benutzen. Es ist der Versuch, etwas auszudrücken, das vorher nicht ausdrückbar war. Für Communitys, die sich nicht in der Zweier-Genderung wiederfinden, bedeuten solche Sprachformen eine große Erleichterung.

Hier wird noch einmal betont, dass es nicht um das praktische geht, sondern Irritation gerade ein wichtiges Konzept ist. Vielleicht auch der Grund, warum solche feministischen Leitfäden fast immer allgemeines Kopfschütteln hervorrufen werden: Sie sind gar nicht auf eine einfache und praktikable Umsetzbarkeit hin ausgerichtet, sondern sollen unbequem sein.

Sie sind insoweit die High-Fashion des Feminismus, nicht tragbar, aber zumindest aus Sicht der Schöpfer dieser Werke schön anzuschauen und Zeugnis ihrer ideologischen Hingabe.

Es verwundert mich allerdings etwas, dass der Einwurf, dass solche Sprachungetüme Ableismus sind nicht häufiger kommt. Immerhin werden Sehbehinderte und deren Vorleseprogramme etc damit erhebliche Probleme haben. Wobei man das dann vielleicht darauf abwälzen kann, dass die (sicherlich von WHMs geleiteten) Firmen, die diese Programme herstellen, eben die Bedürfnisse von Sehbehinderten nicht hinreichend unterstützen und insoweit klassisch patriarchal sind.

Hornscheidt dann weiter:

SPIEGEL ONLINE: Ich muss mich jetzt aber nicht Journalx nennen, der über Politikx für seine Lesx schreibt?

Hornscheidt: Nein, wir wollen niemandem etwas vorschreiben, keine neuen Regeln aufstellen. Wir sagen nicht: So soll es sein. Wir sagen: So kann es sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Personen sich Frau oder Mann nennen bzw. Professorin oder Professor. Wer sich aber in der Zweigeschlechtlichkeit nicht wiederfindet, soll ein anderes Angebot bekommen.

Das finde ich immerhin einen legitimen Ansatz: Wenn sich Leute, die darauf wert legen, eine Kunstsprache schaffen wollen, dann steht ihnen das natürlich frei. Wobei sie sich eben bewusst machen sollten, dass die wenigsten sie dann noch verstehen werden oder wollen und sie insofern in einem überzeugten inneren Zirkel von Leuten, bei denen „Gender Trouble stiften“ nichts bringt diese Sprache verwenden, die meisten Wirkungen, die eigentlich erzielt werden sollen, damit also ins Leere laufen.

Es hat aus meiner Sicht eine gewisse Ironie, dass die poststrukturalistischen Theorien dazu führen, dass ihre Ansätze die Sprache zu verändern, fast per se unpraktisch sein müssen. Denn das Schockelement und das bewusste Erreichen von Irritation ist in diesem Bereich zu stark ausgeprägt und hat für sich eine zu hohe Bedeutung. Sie können auch keine politisch neutrale Sprache entwerfen, bei der man nicht gleich ein komplettes Gedankengebäude der Unterdrückung der Frau durch den Mann übernehmen muss, wenn man deren Grundlagen verwendet.  Deswegen sind wir denke ich vor Umstellungen in diese Richtung einigermaßen sicher.

Ein schöner Beitrag dazu findet sich in der Welt:

Ich halte Gender Studies für einen großen pseudowissenschaftlichen Humbug. Die Existenz von nach BAT-Tarifen bezahlten Professorinnen in jenem Voodoo-Fach ist ein unschlagbares Argument für Kürzungen im offensichtlich überalimentierten deutschen Bildungsbereich. (…) Sollten sich also ausreichend Menschen finden, die gerne Professx oder Studierx genannt werden möchten, dann würde man diesen Wunsch mit rein wissenschaftlichen Argumenten wenig entgegensetzen können. Lann Hornscheidt ist optimistisch: „Ganz viele Menschen identifizieren sich nicht damit, Frau oder Mann zu sein. Viele wollen auch nicht das eine oder das andere sein.“ Möglicherweise übertreibt sie da ein wenig. Es bleiben berechtigte Zweifel, ob es außerhalb Berlins und des Spinner-Auffangbeckens Humboldt-Uni wirklich ein so dringendes Bedürfnis nach sprachlicher Gender-Optimierung gibt.

Zurecht weist der Autor darauf hin, dass es schon einige Sprachumformulierungen in die aktive Sprache geschafft haben. Man wird sehen wohin die Reise geht. Ich würde wie bereits oben dargelegt mit ihm vermuten, dass der Bedarf gering ist. Sprache ist aber in jede Richtung lebendig und vielleicht entsteht ein politisches Bedürfnis, sich noch korrekter auszudrücken. Ich bewundere jetzt schon Politiker, die fehlerfrei ein „Bürgerinnen und Bürger“ in jeden Satz einbauen können, vielleicht sind diese ganz glücklich, wenn sie es auf „Bürgx“ („Liebe Bürgix, ich möchte die Steuern senken“) reduzieren kann. Allerdings ist dies im Gegensatz zur Nennung beider Formen (die gerade die Zweigeschlechtlichkeit hervorhebt) eben für viele Wähler unverständlich und wirkt insoweit nicht volksnah. Das dürfte die Chancen mildern.

Wie häufig ist Intersexualität?

Ein interessanter Artikel behandelt die Häufigkeit von Intersexualität, also Personen, die weder Mann noch Frau sind.

Anne Fausto-Sterling’s suggestion that the prevalence of intersex might be as high as 1.7% has attracted wide attention in both the
scholarly press and the popular media. Many reviewers are not aware that this figure includes conditions which most clinicians do not
recognize as intersex, such as Klinefelter syndrome, Turner syndrome, and late-onset adrenal hyperplasia. If the term intersex is to
retain any meaning, the term should be restricted to those conditions in which chromosomal sex is inconsistent with phenotypic sex, or
in which the phenotype is not classifiable as either male or female. Applying this more precise definition, the true prevalence of
intersex is seen to be about 0.018%, almost 100 times lower than Fausto-Sterling’s estimate of 1.7%.

 Quelle: How common is intersex? A response to Anne Fausto-Sterling

 

Der wesentliche Punkt dort ist, dass Fausto-Sperling viele Personen hineinrechnet, die recht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden, also eine sehr ungewöhnliche Definition von Intersexualität verwendet und nur deswegen auf höhere Zahlen kommt:

Fausto-Sterling’s argument that human sexuality is a continuum, not a dichotomy, rests in large measure on her claim that intersex births are a fairly common phenomenon. Specifically, Fausto-Sterling computes the incidence of intersexual births to be 1.7 per 100  live births, or 1.7%. To arrive at that figure, she defines as intersex any „individual who deviates from the Platonic ideal of physical  dimorphism at the chromosomal, genital, gonadal, or hormonal levels“ (Blackless et al., 2000, p. 161).

This definition is too broad. Fausto-Sterling and her associates acknowledge that some of the individuals thus categorized as intersex „are undiagnosed because they present no symptoms“ (Blackless et al., 2000, p. 152). A definition of intersex which encompasses individuals who are phenotypically indistinguishable from normal is likely to confuse both clinicians and patients. John Wiener, a urologist, has suggested defining intersex simply as „a discordance between phenotypic sex and chromosomal sex“

(Wiener, 1999), While this definition would cover most true intersex patients, there are some rare conditions which are clearly intersex  which are not captured by this definition. For example, some people are mosaics: Different cells in their body have different chromosomes. A 46,XY/46,XX mosaic is an individual in whom some cells have the male chromosomal complement (XY) and some cells have the female chromosomal complement (XX). If such an individual has both a penis and a vagina, then there is no mismatch  between phenotypic sex and genotypic sex: Both the phenotype and the genotype are intersexual. Yet according to Wiener’s definition,  such an individual would not be intersex.

A more comprehensive, yet still clinically useful definition of intersex would include those  conditions in which (a) the phenotype is not classifiable as either male or female, or (b) chromosomal sex is inconsistent with phenotypic sex.

Danach sind also die Zahlen deutlich niedriger.

The available data support the conclusion that human sexuality is a dichotomy, not a continuum. More than 99.98% of humans are
either male or female. If the term intersex is to retain any clinical meaning, the use of this term should be restricted to those conditions
in which chromosomal sex is inconsistent with phenotypic sex, or in which the phenotype is not classifiable as either male or female.
The birth of an intersex child, far from being „a fairly common phenomenon,“ is actually a rare event, occurring in fewer than 2 out of
every 10,000 births.

Danach kommen also auf 10.000 Geburten 1,7 intersexuelle. In einer Stadt von 100.000 Einwohner demnach etwa 17, bei 500.000 etwa 85 und in einer 5 Millionen Stadt etwa 850, unfd auf die etwa 82.000.000 Menschen in Deutschland etwa 13.940 Transexuelle. Bei den restlichen 81.986.060 Menschen ist eine Geschlechtszuweisung hingegen möglich, auch wenn davon sicherlich nicht alle sich in ihrem jeweiligen Geschlecht oder den dazu bestehenden Geschlechterollen wohl fühlen

Wenn eine Zuordnung in 99,98% zutrifft erstaunt es nicht, dass diese auch weitgehend verwendet wird und man sie auf Passe druckt oder jemanden als Mann oder Frau anspricht. Natürlich kann man dann daneben für diese ca. 14.000 auch Vorschriften schaffen, die ihre besondere Situation berücksichtigen und natürlich haben auch kleine Minderheiten ein Recht, nicht diskriminiert zu werden und in ihren Besonderheiten beachtet zu werden.

Allerdings werden Regelungen, die nur für 0,017% relevant sind, den übrigen 99,98% aber das Leben erschweren, wie überstrukturierte Sprachregelungen zum Thema Geschlecht eben in der Bevölkerung auf wenig Gegenliebe stoßen.

 

Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte Baden-Württemberg“

In Baden-Württemberg gibt es einen „Aktionsplan für Akzeptanz und gleiche Rechte„, der Teil des Koalitionsvertrages ist. Dort heißt es:

Der Koalitionsvertrag der grün-roten Landesregierung gibt vor, dass in einem landesweiten Aktionsplan „Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ Konzepte entwickelt werden, um Vorurteile gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgendern, intersexuellen und queeren Menschen abzubauen und Baden-Württemberg zu einem Vorreiter für Offenheit und Vielfalt zu machen.

Grundsätzlich aus meiner Sicht ein unterstützenswertes Anliegen. Wenn früh an der Akzeptanz und dem Abbau von Vorurteilen gearbeitet wird entzieht man Feindseligkeiten den Boden. Wenn das dazu führt, dass auch Jugendliche, die von dem Schnitt abweichen, sich allgemein wohler fühlen, vielleicht eher ein offenes Verhältnis zu ihrer Sexualität oder ihrem „Anderssein“ entwickeln, dann würde ich das begrüßen.

Ich würde es beispielsweise sehr begrüßen, wenn in den Schulen eine Aufklärung darüber erfolgt, welche Phasen der Geschlechterentwicklung es gibt, wie pränatales Testosteron da mit hinein spielt und welch geringe Abweichungen teilweise mit Homosexualität verbunden sind. Ich glaube ja, dass in diesem Bereichen insbesondere ein Verstehen der Vorgänge dem ganzen eine wesentlich breitere Akzeptanz geben würde. Und natürlich kann man dann – wenn wohl eher auch mit älteren Schülern – über Geschlechterrollen reden und die sozialen Anteile daran behandeln oder sich Gedanken dazu machen.

Dort heißt es weiter:

Um die Akzeptanz sexueller Vielfalt und geschlechtlicher Identität zu erhöhen, bedarf es einer kritischen Analyse der bestehenden strukturellen Nachteile und vorurteilsmotivierten Ausgrenzungen.

Die Erwähnung von queeren Menschen oben und hier die Erwähnung struktureller Nachteile lassen mich allerdings eher befürchten, dass hier poststrukturalistische Theorien gefördert werden sollen.

Kindern bereits etwas über männliche Erbschuld und den Hass auf den weißen, heterosexuellen Mann (WHM) zu vermitteln wäre aus  meiner Sicht allerdings schädlich und kontraproduktiv. Wer hier die Extremisten an die Macht läßt (was ja keineswegs der Fall sein muss, ich hoffe es wird da auch sehr vernünftige Interessenverbände geben, hier in dieser Übersicht sagt man einiges zu Zielen), der wird schlicht eher die Abneigung vergrößern, weil sich denke ich viele Leute von diesen Theorien abwenden werden.

Insofern wäre eine starke Verbreitung zwar auch vorteilhaft: Nichts ist für den Genderfeminismus und die entsprechenden Theorien gefährlicher als wenn sie offen dargelegt werden und ihre Beachtung erfolgt wird. Solange sie niemanden etwas angehen blenden die Leute es aus,  wenn sie sich aber damit beschäftigen, dann fallen die großen Lücken in diesem Bereich auf. Insofern würde ich einen „Gender Studies Unterricht“ an Schulen ja sogar etwas positives abgewinnen können: Meinen Zugriffszahlen würde es wohl ähnlich gut tun wie seinerzeit der #Aufschrei (der eine deutliche Erhöhnung gebracht hat) und es würde der Kritik eine breite Öffentlichkeit bescheren, die für die Männerbewegung auch vorteilhaft sein dürfte.

Homo- und Transphobie muss in allen Lebensphasen von der Kindheit über die Jugend bis zum Alter und sowohl in der vorschulischen, schulischen und außerschulischen Bildung als auch in Ausbildung und Studium, Arbeitswelt, Kultur und Sport entgegengewirkt werden.

Auch hier wäre die Frage, was dies konkret bedeutet: Ein paar gelungene Aufklärungskampagnen etc können durchaus etwas bewirken, Genderkram an allen Orten hingegen wird aus meiner Sicht hingegen schlicht ein Overkill sein. Ich vermute aber, dass es größer klingt als es letztendlich wird. Vielleicht werden noch ein paar „geschlechterneutrale Toiletten“ eingeführt (was ja wohl die große Leistung der Berliner Piraten auf dem Gebiet war).

An dieser Querschnittsaufgabe werden alle Landesressorts, in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich mitarbeiten. Gemäß des Leitsatzes „Gute Politik wächst von unten“ werden die Nichtregierungsorganisationen, Verbände und Vereine aktiv in die Erstellung des Aktionsplans „Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ eingebunden. Ein breiter Beteiligungsprozess u.a. durch die Einrichtung eines Beirates soll sicherstellen, dass berechtigte Erwartungen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, intersexuellen und transgender Menschen auch Gehör finden.

Hier hängt letztendlich alles von der Zusammensetzung ab. Eine breite Einbindung wirkt hoffentlich einem Genderextremismus entgegen.

Die Erstellung des Aktionsplans „Für Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ wird von Anfang an begleitet durch einen Beirat, bestehend aus Vertretungen der Ministerien, aller vier im Landtag vertretenen Fraktionen und 12 Vertretungen des landesweiten Netzwerks LSBTTIQ (Link siehe rechtes), den Kommunalen Landesverbänden, der Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Württemberg, der Aidshilfe Baden-Württemberg und dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Was genau unter den 12 Vertretungen des LSBTTIQ zu verstehen ist wäre interessant. Hier ist eine Liste der Mitglieder dieses Netzwerkes. „Queerraten der Piratenpartei Karlsruhe“ weckt ungute Gefühle, in der Piratenpartei sind ja einige sehr extreme Personen, ich weiß aber nicht, ob hier vielleicht weit weniger extreme Personen anständige Arbeit machen.

Ziel des Ministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg ist es, die Öffentlichkeit für das Recht auf Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung zu sensibilisieren und Maßnahmen zu entwickeln, um Ausgrenzung und Benachteiligung aktiv entgegenzuwirken.

Ich meine, dass man da nicht gleich in Panik verfallen sollte. Vielleicht kommt sogar etwas vernünftiges, was Transsexuellen, Homosexuellen etc tatsächlich hilft, dabei heraus, ohne das es in Abwertung der häufigeren/überwiegend vorhandenen Ausrichtungen (also der „CIS-Gender-Menschen„) umschlägt. Das wäre begrüßenswert. Sonst rückt es Theorien in den Vordergrund, die man dann ebenso aktiv angehen kann.

Es hätte jedenfalls etwas, wenn sich daraus beispielsweise genau das Gegenteil dessen entwickelt, was Gendertheoretiker sich vorstellen, etwa indem sich ein Biologielehrer des Themas annimmt oder Eltern entsprechende Aufnahme von der Forschung entsprechenden Theorien fordern.

Überlegungen zu „Jeff Hawkins / Sandra Blakeslee: On Intelligence“

Ich lese gerade das Buch „On Intelligence“ von Jeff Hawkins und Sandra Blakeslee. Es enthält einige interessante Theorien

1. Mustererkennung

Nach der dortigen Theorie – wenn ich sie richtig verstanden habe – ist Intelligenz im wesentlichen die Fähigkeit Muster und Systeme zu erkennen und anhand dieser erkannten Muster Vorhersagen über ähnliche Zukünftige Situationen zu erstellen. Dabei werden die Muster erkannt, indem aus kleinen gespeicherten Teilen das Ganze erkannt wird. Danach wäre der Neokortex im wesentlichen eine Mustererkennungseinheit. Aus den eingehenden Signalen wird ein Muster ermittelt und in ein hierarchisches System eingeordnet. Weitere eingehende Signale werden mit diesem Muster verglichen und entsprechend eingeordnet. Über Verknüpfungen können dann Assoziationen hergestellt werden. Wenn wir beispielsweise den Anfang einer Melodie hören, dann reicht dieser Anfang für ein Erkennen des Liedes und es wird eine Assoziationskette in Gang gesetzt die uns von Erinnerungsschnipsel zu Erinnerungsschnipsel das ganze Lied erkennen lässt. Weil diese Kette aus einem Ereignis errechnet, welches als nächstes kommt, können wir problemlos das einmal verinnerliche Alphabet aufsagen, wenn wir es aber rückwärts aufsagen sollen, dann haben wir erhebliche Probleme und müssen uns anstrengen.

Dabei funktioniert das System in beide Richtungen. Zum einen können wir mittels einem kleinen Schnipsels den Zusammenhang erkennen und dadurch ermitteln, was als nächstes kommt, zum anderen bereitet das System uns auch darauf vor, welcher Sinneseindruck als nächstes kommt, weswegen wir mitunter sehen, was wir gerne sehen wollen und nehmen bekanntes eher war.

Hier noch einmal die Darstellung in der Wikipedia:

The central concept of the memory-prediction framework is that bottom-up inputs are matched in a hierarchy of recognition, and evoke a series of top-down expectations encoded as potentiations. These expectations interact with the bottom-up signals to both analyse those inputs and generate predictions of subsequent expected inputs. Each hierarchy level remembers frequently observed temporal sequences of input patterns and generates labels or ’names‘ for these sequences. When an input sequence matches a memorized sequence at a given layer of the hierarchy, a label or ’name‘ is propagated up the hierarchy – thus eliminating details at higher levels and enabling them to learn higher-order sequences. This process produces increased invariance[disambiguation needed] at higher levels. Higher levels predict future input by matching partial sequences and projecting their expectations to the lower levels. However, when a mismatch between input and memorized/predicted sequences occurs, a more complete representation propagates upwards. This causes alternative ‚interpretations‘ to be activated at higher levels, which in turn generates other predictions at lower levels. Consider, for example, the process of vision. Bottom-up information starts as low-level retinal signals (indicating the presence of simple visual elements and contrasts). At higher levels of the hierarchy, increasingly meaningful information is extracted, regarding the presence of lines, regions, motions, etc. Even further up the hierarchy, activity corresponds to the presence of specific objects – and then to behaviours of these objects. Top-down information fills in details about the recognized objects, and also about their expected behaviour as time progresses. The sensory hierarchy induces a number of differences between the various layers. As one moves up the hierarchy, representations have increased: Extent – for example, larger areas of the visual field, or more extensive tactile regions. Temporal stability – lower-level entities change quickly, whereas, higher-level percepts tend to be more stable. Abstraction – through the process of successive extraction of invariant[disambiguation needed] features, increasingly abstract entities are recognized. The relationship between sensory and motor processing is an important aspect of the basic theory. It is proposed that the motor areas of cortex consist of a behavioural hierarchy similar to the sensory hierarchy, with the lowest levels consisting of explicit motor commands to musculature and the highest levels corresponding to abstract prescriptions (e.g. ‚resize the browser‘). The sensory and motor hierarchies are tightly coupled, with behaviour giving rise to sensory expectations and sensory perceptions driving motor processes.

Jeff Hawkins scheint davon auszugehen, dass alle Muster direkt im Wege eines Lernprozesses im Neokortex erkannt werden und es keine „Festverdrahtungen“ gibt. Das erscheint mir unwahrscheinlich, schon bei der Sprache gibt es gute Argumente dafür, dass die Mustererkennung eine gewisse Unterstützung bekommt und das scheint mir auch die Erkenntnis, dass man solche Muster dennoch lernen muss, die Muster hier zuordnen und ausfüllen muss, nicht zu beeinträchtigen.

Ein solches System würde gerade davon leben, dass im Leben möglichst viel Muster erkannt werden und ein System erstellt wird, welches dann die eingehenden Daten auswertbar macht und uns erlaubt uns überhaupt in der Welt zurechtzufinden. Ohne das Erkennen von Mustern wäre ein Vorhersagen von zukünftigen Ereignissen nach einem Schema schlicht nicht möglich.

Gleichzeitig müsste auch die Einordnung in die Muster bzw. die Zuordnung von ähnlichen Vorgängen zu bestimmten Mustern möglich sein. Um so schneller man erkennt, dass man in einer bestimmten Situation auch so reagieren kann, wie es zu einer anderen Situation gepasst hätte, um so schneller kann man angemessen reagieren. Das gilt natürlich auch für das Erkennen, dass eine bestimmte Situation nicht zu einem Muster passt und eine Ausnahme zu bilden ist.

Dabei können wir diese Muster nicht nur durch eigenes Erleben, sondern auch durch Erzählungen oder das Lesen der Erfahrungen Anderer lernen.

Das würde zunächst einmal bedeuten, dass Vorurteile und Stereotype nicht vermeidbar sind und das diese insbesondere dann entstehen, wenn sie durch die Mustererkennung bestätigt werden. Es würde also nicht verwundern, dass Stereotype und Vorurteile häufig einen gewissen wahren Kern haben.

Ein tatsächlich poststrukturalistischer Zustand wird damit für Menschen nicht zu erreichen sein. Wir brauchen und entwickeln immer Strukturen, Muster etc, weil wir sie brauchen um anhand dieser Vermutungen über die Zukunft anstellen zu können.

Es wäre auch zu vermuten, dass wir offensichtlich falsche Muster erkennen, so dass es nicht so einfach ist, uns falsche Muster einzugeben, wenn diese nicht durch „höhere Glaubenssätze“ wie eine Ideologie oder Religion in ein übergeordnetes Muster eingeordnet sind, dass schwerer aufzubrechen ist, weil es mit vielen anderen Mustern verbunden ist.

Aufklärung und wissenschaftliches Arbeiten würde demnach ein Denken fördern in dem Wissen hinterfragt wird, ideologische Einordnungen würden dies hingegen erschweren.

Das erklärt vielleicht auch, warum man von einem falschen Grundmuster schlecht wegkommt, wenn es zumindest einigermaßen passt. Hat man beispielsweise als Grundmuster den Kampf der Gruppe Mann gegen die Gruppe Frau im Macht akzeptiert, dann reagiert die Mustererkennung auf Machtsignale, die es in das bestehende Muster einordnen will. Solange diese Einordnung möglich ist wird diese Denkweise immer weiter ausgebaut.

Das macht aber nicht alle Vorstellungen lernbar. Wenn bestimmte Reaktionsmuster oder Reaktionen durch andere Bereiche beeinflusst sind, zB die Reaktion auf Attraktivitätsmerkmale mit Interesse und Erregung , dann muss dies nicht unbedingt durch andere Punkte überspielbar sein.

2. Bodymap

Bewegungen wären nach dieser Theorie auch nur das Aufrufen bestimmter Muster, also das mentale Abrufen des Bildes, wie man etwas macht zB aufgrund einer bestimmten Vorhersage, dass dann in untergeordneten Prozeduren in bestimmte Bewegungsmuster umgesetzt wird. Das würde erklären, warum wir mitunter aus Gewohnheit bestimmte Sachen machen, weil wir sie gewohnt sind: Das Gehirn hangelt sich die Vorsagenkette entlang und setzt sie in Bewegungsimpulse um, weil wir die Kette nicht durch andere Ziele unterbrechen.

Um diese Bewegungen ausführen zu können muss das Gehirn zunächst wissen, welche Körperteile es überhaupt gibt. Es muss also anhand der vorhandenen Leitungen und Nervenbahnen ein Muster des Körpers anlegen, welches dem Gehirn erklärt, was für Körperteile eigentlich vorhanden sind.

Das Gehirn ist in gewisser Weise von der Aussenwelt abgeschnitten, es kann nur in dem Gehirn eingehende Daten verwerten und sich hieraus ein Muster bzw. einen Plan errechnen.

Verliert man beispielsweise einen Arm, dann wird dieser Plan anscheinend nicht vollständig nach zB optischen Daten aktualisiert, sondern es werden anscheinend die noch vorhanden Daten zumindest teilweise beibehalten, weswegen man Phantomschmerzen in einem nicht mehr vorhandenen Arm haben kann.

Ist der Plan falsch angelegt oder wird zB durch eine Schädelverletzung beschädigt, dann kann es zB sein, dass der Arm in dem Bodyplan nicht mehr vorhanden ist und als Fremdkörper wahrgenommen wird („Alien Hand Syndrom„).

Interessant könnte es sein, diese Theorie mit Transsexualität abzugleichen: Dass auch Transsexuelle das Gefühl kennen im falschen Körper zu stecken könnte darauf hindeuten, dass der Körper die ursprüngliche Bodymap nach genetischen/hormonellen Vorgaben erstellt und nicht rein aus den eingehenden Signalen herausfiltert. Transsexuelle würden dann teilweise eine falsche Bodymap haben und zB am Penis eine Art  Alien Hand Syndrom erleben bzw das Gefühl haben, dass da etwas sein sollte, was nicht da ist.