Formen der Diskriminierung

Dummerjan schreibt in einem Kommentar:

Es erscheint mir daher vernünftig einmal einige Diskriminierungsbegriffe zu sammeln und zu formulieren.

Ich fange mal mit dem einfachsten an:

Ökonomische Diskriminierung (nach Gary Becker):

Eine Gruppe von Menschen diskriminiert eine andere, wenn sie direkt oder indirekt Einkommens- oder Nutzenverluste in Kauf nimmt, um den Kontakt mit dieser Menschengruppe zu vermeiden oder zu minimieren. Entsprechende Zahlungen/Nutzenverluste um mit dieser Menschengruppe in Kontakt zu treten nennt man Paternalisierung.

Die Gruppe mit denen der Kontakt vermieden werden soll, nennt man “ökonomisch diskriminiert”, die Kontakt vermeidende Gruppe “diskriminierend”.

Statistische Diskriminierung:

Eine Menschengruppe wird “statistisch diskriminiert”, wenn bei dieser unabhängig von deren Anstrengungsniveau immer das Entlohnungsschema gewählt wird, dass das minimale Anstrengungsniveau entlohnt.

Rechtliche Dskriminierung:

Rechtliche Diskriminierung liegt vor, wenn eine Menschengruppe rechtlich anders behandelt wird als eine andere, und diese Ungleichbehandlung unabhängig vom rechtlichen Inhalt erfolgt, bzw. nicht rechtlich oder inhaltlich kausal begründet ist.

Institutionelle Diskriminierung:
?

Strukturelle Diskriminierung:
?

Ich ergänze mal die unteren beiden nach der Wikipedia:

Institutionelle Diskriminierung:

Als Institutionelle Diskriminierung werden in der politischen Theorie gesellschaftliche Phänomene bezeichnet, denen zugleich diskriminierender und institutioneller Charakter zugeschrieben wird. Sie wird verstanden als Ergebnis von organisatorischem Handeln in einem Netzwerk gesellschaftlicher Institutionen. Der potentielle Ort institutioneller Diskriminierung wird in den formalen Rechten, den organisatorischen Strukturen, Programmen und Routinen von Institutionen ausgemacht.

Im Macpherson-Report wird institutioneller Rassismus definiert als das „kollektive Versagen einer Organisation, angemessene und professionelle Dienstleistungen für Personen wegen ihrer Hautfarbe, Kultur oder ethnischen Herkunft anzubieten. Dies kann in Entwicklungen gesehen oder festgestellt werden. Abwertende Einstellungen und Handlungsweisen tragen zur Diskriminierung und der Benachteiligung Angehöriger ethnischer Minderheiten bei. Dies erfolgt unwissentlich durch Vorurteile, Ignoranz, Gedankenlosigkeit und rassistische Stereotypisierungen.“ [Macpherson-Report 1999] Beachtenswert an dieser Definition ist, dass nicht nur offen diskriminierende/rassistische Handlungen als solche benannt werden, sondern das gemeinschaftliche Handeln von Institutionsmitarbeitenden gegenüber ethnischen Minderheiten in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wird. Gibt es generell benachteiligende und unprofessionelle Handlungspraxen gegenüber Minderheitenangehörigen, handelt es sich nach dieser Definition um institutionellen Rassismus. In einigen Punkten ist Macphersons Definition ergänzungsbedürftig: Diskriminierungen können nicht nur unbeabsichtigt und unbewusst, sondern auch durch bewusste, wissentliche Ausgrenzungen, Vorurteile und Ignoranz erfolgen. Das kollektive Versagen erfolgt nicht WEGEN der ‚Hautfarbe‘, ‚Kultur‘ oder ‚ethnischen Herkunft‘, sondern aufgrund der Konstruktion und Abwertung von Gruppen und den damit verbundenen Handlungen.

Nicht das Nicht-Beachten der ‚Hautfarbe‘ kann das Ziel von Antidiskriminierung sein, sondern eine Veränderung der Einteilungsmuster, Zuschreibungen und Wertungen, die auf bestimmte Hautfarben und Physiognomien zielen sowie die damit verbundenen Ausgrenzungshandlungen und -mechanismen. Außerdem können Diskriminierungen nicht nur durch das unprofessionelle Handeln von Mitarbeitenden erfolgen, sondern auch durch die professionelle Umsetzung von diskriminierenden Gesetzen, Erlassen, Verordnungen und (Zugangs-)Regeln. Unklar bleibt auch, unter welchen Kriterien von Institutionenmitarbeitenden mehrfach ausgeübte ausgrenzende Handlungen gegenüber ethnisierten oder rassialisierten Personen als kollektiv zu bezeichnen sind.

Unter diesen Gesichtspunkten schlägt Claus Melter eine neue Definition von institutionellem Rassismus vor: „Institutioneller Rassismus in Deutschland ist von Institutionen/Organisationen (durch Gesetze, Erlasse, Verordnungen und Zugangsregeln sowie Arbeitsweisen, Verfahrensregelungen und Prozessabläufe) oder durch systematisch von Mitarbeitern der Institutionen/Organisationen ausgeübtes oder zugelassenes ausgrenzendes, benachteiligendes oder unangemessenes und somit unprofessionelles Handeln gegenbüer ethnisierten, rassialisierten, kulturalisierten Personen oder Angehörigen religiöser Gruppen sowie gegenüber so definierten ‚Nicht-Deutschen‘ oder Nicht-Christen.

Strukturelle Diskriminierung:

Als Strukturelle Diskriminierung werden die Formen von Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen, die in der Beschaffenheit der Struktur der Gesamtgesellschaft immanent begründet liegen, bezeichnet. Das Gegenstück zu Struktureller Diskriminierung stellt die Interaktionelle Diskriminierung dar.

Ausgangspunkt sind Normen und Regeln, die für alle Gesellschaftsteile gleichermaßen gelten. Sie ziehen strukturelle Diskriminierung nach sich, wenn durch ihre Anwendung in Form von Haltungen oder Handlungen gesellschaftliche Teilgruppen gravierender Ungleichbehandlung ausgesetzt sind. Die Psychologin Ute Osterkamp stellt beispielsweise für den Rassismus fest, „dass rassistische Denk- und Handlungsweisen nicht Sache der persönlichen Einstellungen von Individuen, sondern in der Organisation des gesellschaftlichen Miteinanders verortet sind, welche die Angehörigen der eigenen Gruppe systematisch gegenüber den Nicht-Dazugehörigen privilegieren“. Strukturelle Diskriminierung beruht auf eingespielten und dauerhaften, oft formalisierten und explizit geregelten institutionellen Praktiken.

Nochmal: Strukturelle Diskriminierung

Leszek schrieb zur strukturellen Diskriminierung als Theorie im Feminismus

“Strukturelle Diskriminierung ist per Definition eigentlich genau die nicht beabsichtigte, da sind Schuldzuweisungen eigentlich grunsätzlich fehl am Platze. Aber der US-Diskurs kann halt nicht ohne, deshalb braucht man das Konstrukt der “Privilegien”.”

Um dies zu präzisieren: Das Verständnis von struktureller Diskriminierung, dass sich im US-amerikanischen Poststrukturalismus/Gender-Feminismus herausgebildet hat, ist in der Tat nicht angewiesen auf bewusst intendierte diskriminierende Handlungen, aber beruht auf einer Idee der unbewussten Vorurteile und Abwertungen, durch die die strukturelle Diskriminierung aufrecht erhalten wird.
Dieses Konzept struktureller Diskriminierung ist eng mit dem Privilegienbegriff verbunden.

Die strukturelle Diskriminierung korreliert in dieser Sichtweise mit einem geringeren Status der diskriminierten Gruppe, während die Mitglieder der dominanten Gruppe im Kontext ihrer Sozialisation entsprechende Vorurteile unbewusst verinnerlicht haben und Privilegien genießen, auch wenn sie sich ihrer Privilegien nicht bewusst sind.
So wird die strukturelle Diskriminierung zwar nicht von bewusst-intendierten Handlungen, aber doch von unbewusst-motivierten Vorurteilen sowie unbewusst wirksamen Motivationen der Wahrung von Privilegien aufrechterhalten.
Darum ja auch das Konzept der Privilegienreflektion, durch das diese unbewusste Verstrickung der Mitglieder der dominanten Gruppe in die strukturelle Diskriminierung ins Bewusstsein gebracht werden soll.
So in etwa funktioniert diese Theorie.

In diesem Sinne ist deine Hypothese, dass das Paradigma des Radikalfeminismus hier in der Tiefenstruktur wirksam ist also richtig.

Der Genderfeminismus kommt eben ohne Schuldzuweisung nicht aus. Die Unterdrückung durch die „mächtigere“ Gruppe ist ein ganz wesentliches Element.

Mitm ergänzte dazu:

Der Begriff “Strukturelle Diskriminierung” wird ja auch bei uns im Kontext von Frauenquoten zu deren Rechtfertigung immer wieder vorgebracht, nach dem Prinzip Blutrache: die Männer sollen dafür büßen, daß sie Strukturen installiert haben, die die armen Frauen diskriminieren.

Ich halte diese radikalfeministische Argumentation für eine üble Begriffstrickserei, in der Nachteile als Diskriminierungen umetikettiertwerden. Eine Diskriminierung erfordert aktive Rolle einer diskriminierenden Instanz, nur dann kann ich die diskriminierende Instanz bestrafen. Dazu muß ich die diskriminierende und die diskriminierte Instanz unterscheiden können und einen Mechanismus bzw. “eine Struktur” erkennen können, der den Nachteil bewirkt.

In der WP wird soziologische Struktur (https://de.wikipedia.org/wiki/Struktur_%28Soziologie%29) definiert als “Größen und gestaltende Kräfte, die zwischen Akteuren vermitteln. Die Struktur wird meist als Grundlage sozialen Handelns verstanden, wobei davon ausgegangen wird, dass sie Kontingenz (Wahlfreiheit beim Handeln) begrenzt oder auflöst und die Ursache für Handlungsmuster und die Verteilung von Macht ist.” Der Text ist aber umstritten, s. dortige Diskussion.

Eine allgemeinere und mMn bessere Definition definiert “Struktur” mit Bezug auf ein gegebenes System (https://de.wikipedia.org/wiki/System), also eine Menge von (System-) Elementen und Verbindungen oder Beziehungen zwischen den Elementen, die insgesamt eine aufgaben-, sinn- oder zweckgebundene Einheit bilden. Eine Struktur ist dann eine Abstraktion dieses Systems, die bestimmte interessierende Zusammenhänge darstellt.

So oder so sind “unbewusste Vorurteile” oder Geschlechterklischees mMn keine Strukturen, über die Männer Frauen diskriminieren können, wenn ich das mal als Amateursoziologe sagen darf. Erstens ist es extrem unklar und zweifelhaft, ob Männer – selbst wenn sie es wollte und planten – die Effekte überhaupt erzeugen könnten. Zweitens sind Geschlechterunterschiede wie z.B. die Risikoaversion von Frauen keine Vorurteile, sondern “Urteile”, also statistisch korrekte Fakten, und sie sind auch nicht unbewußt, sondern bestens bekannt, auch den Frauen.