Maskulistische Theoriewoche: Staatsfeminismus (Tag 2)

Dieser Beitrag ist Teil der maskulistischen Theoriewoche

Das heutige Thema ist

“Staatsfeminismus” 

Es ist eine Theorie, die aus meiner Sicht schnell das Gegenstück zum „Patriarchat“ auf maskulistischer Seite ist: Der Staatsfeminismus wird gerne im Sinne der großen Verschwörungstheorie benutzt, in dem alle Stellen „feministisch verseucht“ sind. Fakten werden dafür selten gebracht. Meist bleibt der Nachweis ähnlich nebelhaft wie das Patriarchat

1. Wie genau definiert ihr „Staatsfeminismus“ und wie steht ihr zu anderen Definitionen, die vielleicht noch in den Kommentaren kommen

2. Inwiefern spielt diese Theorie eine Rolle im Maskulismus?

3. Welche Argumente/Studien sprechen dafür oder dagegen?

Feministische und maskulistische Standpunkttheorie

Die feministische Standpunkttheorie ist ein gutes Mittel, um andere Meinungen abzuwerten und ohne Prüfung des Inhalts abzuweisen. Kurz dargestellt aus der Wikipedia:

Eine Standpunkt-Theorie behauptet eine Abhängigkeit der Erkenntnisgewinnung von der Position innerhalb gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse. Sie sagt aus, dass es bessere und schlechtere Standpunkte gebe, von denen aus die Welt betrachtet und interpretiert werden könne. Tendenziell sei der Blickwinkel einer dominierten Gruppe für eine objektive Wahrnehmung besser geeignet als die Perspektive vom Standpunkt einer herrschenden Gruppe.

Die Abwertung anderer Meinungen erfolgt dann durch einen simplen Rückschluss: Ein Erkenntnisgewinn scheidet aus, wenn er von einem ungünstigen Standpunkt aus bestimmt wird, damit ist die Meinung, wenn man ihr diesen Standpunkt zuweisen kann, falsch.

Verbessert wird diese Methode dann dadurch, dass man bei der Bestimmung des Standorts keine Nachweise mehr verlangt und „cui bono„-Überlegungen ausreichen lässt oder mittels „Ein Teil könnte dem entsprechen, also ist alles so“-Argumentationen arbeitet.

Damit wird die ungewollte Meinung beispielsweise patriarchisch und weil sie patriarchisch ist, ist sie falsch.

Auf dieser Basis kann man sehr einfach alles abwerten.

Beispiele wären:

„Biologische Wissenschaft entspricht nicht der feministischen Theorie, also ist sie patriarchisch, demnach kommt sie vom falschen Standpunkt, also ist sie falsch“. 

Dass der Frauenanteil in der Biologie sehr hoch ist und das bestimmte, mit wissenschaftlichen Methoden ermittelte Fakten dafür sprechen, dass die Ergebnisse stimmen, spielt dann keine Rolle.

Ähnliche Argumentationen kommen auch gern aus dem Maskulismus:

„Im Bundesverfassungsgericht sitzt eine Feministin, also hat das Bundesverfassungsgericht insgesamt einem  feministischen Standpunkt, also sind nur noch feministische Entscheidungen von ihm zu erwarten, also ist auch diese Entscheidung Ausdruck der feministischen Verseuchung, was belegt, dass sie falsch ist“

oder

„Einige Artikel in der Wikipdia werden stark von Feministinnen bearbeitet, also hat die Wikipedia insgesamt einen feministischen Standpunkt, also ist alles, was in der Wikipedia steht als feministisch verseucht abzulehnen“.

Oder auch in der einfacheren Form:

„Es herrscht ein Staatsfeminismus, also gibt es nur noch einen feministischen Standpunkt, also ist alles was der Staat macht feministisch verseucht“

Nachweise für Kausalzusammenhänge oder auch nur das Einnehmen eines feministischen Standpunktes werden meist gar nicht mehr verlangt und ihr einfordern als Verteidigung des Feminismus oder als Überschwenken zum Feind gesehen.

In beiden Fällen wird der vermutete und unterstellte Standpunkt als ausreichend angesehen, um Vorgänge nicht mehr inhaltlich hinterfragen zu müssen, sondern per se ablehnen und Schuldzuweisungen vornehmen zu können.

Was dem Feminismus das Patriarchat ist, ist dem Maskulismus der Staatsfeminismus

Das Patriarchat (oder seine Abwandlungen wie hegemoniale Männlichkeit oder Phallokratie) hat im Feminismus die Funktion, ein hinter allem stehendes Gebilde zu sein, welches erhebliche Lücken in der eigenen Argumentation schließt. Wenn man nicht begründen kann, wer wie was macht, damit Frauen unterdrückt werden, dann kann man einfach auf das Patriarchat verweisen.

Dazu schrieb ich schon einmal in dem Artikel „Patriarchat: Definition und Funktion„:

Meines Erachtens erfüllt das Patriarchat insbesondere die Rolle eines Feindbildes im Feminismus. Es ist eine alte Regel, dass ein Feind, der nicht greifbar und nicht bekämpfbar ist, am besten geeignet ist um die Reihen zu schließen und eine Gruppenidentität zu schaffen. Den ein imaginärer Feind kann beliebig negativ aufgeladen und schlecht gemacht werden. Er kann auch beliebig bedrohlich sein, weil es ihn ja gar nicht gibt. Das Konzept des Satans oder der bösen Geister hat in der Religion oder Spiritualität eine ähnliche Funktion.

Die gleiche Funktion scheint mir der „Staatsfeminismus“ (auch in seinen Abwandlungen als allmächtiger Feminismus, femizentrische Gesellschaft oder die Schlechtligkeit der Frauen etc) für viele ebenfalls zu übernehmen. Die tatsächliche Ursache einer gesellschaftlichen Regelung muss nicht mehr nachvollzogen werden, es ist schlicht der Staatsfeminismus etc. Damit schafft man sich ein bequemes Feindbild, dessen Macht man an die Wand malt.

Dabei kann dieser Feminismus, der als allmächtiger Geist über allem schwebt, anscheinend beliebige Gruppen (außer dem aufrechten Männerrechtler) steuern, ebenso wie das Patriarchat dies umgekehrt kann. Wer dies nicht einsieht ist eben einfach geblendet oder weigert sich die Realität einzusehen. Das sind klassische Immunisierungsstrategien, die recht einfache Argumentationen zulassen, aber oft tatsächliche Gründe verbergen.

In diese Mittel sollte man nicht verfallen, sondern stets schauen, welche Mechanismen hinter den Vorgängen stehen und wie die Interessen der Einzelpersonen sind. Das Unterstellen einer „feministischen Verseuchung“ die alles steuert, ist nicht sehr seriös. Das bedeutet nicht, dass man in diesem Zusammenhang nie von einem Einfluss des Feminismus ausgehen darf.

Aber sie zu einem allumfassenden Gespenst aufzublasen, welches einer Begründung als ursächlich für einen Vorgang enthoben ist, das ist zu einfach.

„Den Feminismus lasse ich mir gefallen, von welchem der Staat seine Finger läßt“ (Michail Savvakis)

Leszek schreibt auf eine Frage von mir über Michael Savvakis und seine Ansichten:

Also in politischer und philosophischer Hinsicht steht er deiner wie meiner Weltsicht ziemlich fern.

Ansonsten vertritt er einen als “Antifeminismus” verstandenen Maskulismus, dessen wesentlicher Bezugspunkt die Kritik am Staatsfeminismus/Gleichstellungsfeminismus ist.

Zitat: “Den Feminismus lasse ich mir gefallen, von welchem der Staat seine Finger läßt. Weitere Differenzierungen mag es geben, wären aber eher unwesentlich.”

Aufgabe des Maskulismus ist für Savvakis primär die Opposition zum Staatsfeminismus. Er betont den Unterschied zwischen Gleichberechtigung (Chancengleichheit) und Gleichstellung (Ergebnisgleichheit). Der Staat habe die Gleichberechtigung zu garantieren, alles andere sei Sache der freien Entscheidungen der Individuen, alle Gleichstellungsmaßnahmen sind zu streichen.

Im Gegensatz zu den meisten linken Maskulisten wünscht Savvakis keine beide Geschlechter einbeziehende Geschlechterpolitik, sondern gar keine Geschlechterpolitik.

Die Gender-Ideologie lehnt Savvakis natürlich ab, traditionelle Geschlechterollen als Leitbild werden von Savvakis trotz seiner konservativen politischen Grundhaltung ebenfalls abgelehnt.

Zitat: “Antifeministen dagegen blockieren, wo sie extrem auftreten und die alten Geschlechterrollen wieder einfordern, eine Aktualisierung der Situation des Mannes nach den sozialen und sonstigen Errungenschaften unserer Zeit, Errungenschaften, die ihm Freiheiten jenseits der Beschützer- und Ernährerfunktion zugute kommen liessen und so eine Befreiung des Mannes von seinen archaischen Vergangenheiten bewirken sollen.”

Aus meiner Perspektive sind die stärksten Passagen in seinem Werk solche, in denen er männerfeindliche, radikalfeministische Passagen diskursanalytisch seziert.

Davon abgesehen gibt es wie gesagt gravierende politische und philosophische Unterschiede zwischen Savvakis Weltbild und dem Weltbild, dass dem linken und liberalen Maskulismus zugrundeliegt.

Dazu ein paar kurze Gedanken:

  • Staatsfeminismus sehe ich kritisch. Jedenfalls in der Ansicht, dass der Staat bereits komplett feministisch unterlaufen ist. Sicherlich haben alle Parteien ihre feministischen Flügel, wobei ein radikaler Genderfeminismus da aus meiner Sicht keineswegs so breit vertreten ist. Das Familienministerium ist gegenwärtig nicht in feministischen Händen. Das Familienrecht ist in letzter Zeit eher männerfreundlicher geworden, auch wenn man noch vieles verbessern kann.
  • Sofern damit nur gemeint ist, dass man sich gegen staatliche Maßnahmen wendet, die die Geschlechter betreffen, also Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragte etc dann stellt sich die Frage, ob bestimmte Sachen nicht eine Regelung benötigen. Das Familienrecht beispielsweise abzuschaffen wäre jedenfalls ein gewaltiger Umstieg. Natürlich könnten die Leute vertragliche Vereinbarungen treffen, aber zumindest Fragen wie Umgangsrecht, Sorgerecht und aus meiner Sicht auch Fragen des Unterhalts bei der Betreuung eines kleinen Kindes halte ich durchaus für nötig.
  • Vielleicht einmal vom Feminismus wahrzunehmen wäre, dass auch von ihm eine Auflösung der Geschlechterrollen gefordert wird. Und hier werden eben auch die anderen Ansätze deutlich: Wo der Feminismus die klassischen Männerrollen als Unterdrückungder Frau ansieht, aus der (zumindest einige) Männer Privilegien wie Gehalt und Status generieren, wird hier auf die andere Seite abgestellt: Beschützer- und Versorgerfunktion als Aufgabe, nicht Privileg.

Zu seinem Buch „Medusa schenkt man keine Rosen“ schreibt Arne Hoffmann:

Mit einer geradezu poetischen Sprache legt Xenos eine Analyse des Feminismus vor, die sehr gut eine abschließende sein könnte: So legt er dar, wie sich aus der These „Frauen sind gleich“ die Ideologie „Frauen sind besser“ entwickelte. Er stellt das Doppelspiel des Feminismus bloß, Geschlecht einerseits als konstruiert zu betrachten, andererseits aber den Mythos der von Natur aus überlegenen (teamfähigeren, kommunikativeren etc.) Frau und dem minderwertigen (aggressiveren etc.) Mann zu begründen – je nachdem, welcher Weg gerade taktisch sinnvoller erscheint. Und er beantwortet die Frage, wie es zu dem auch von einigen Männern so erschreckend bereitwillig übernommenen, oft schon ins Faschistoide reichenden Männerhass vieler Feministinnen gekommen ist. „Saure Trauben“ lautet Xenos Antwort, oder, um mit Freud zu sprechen: Penisneid – und zwar sowohl bei Frauen als auch bei so manchem blassen Männchen. Beide Gruppen nämlich können mit Männern, die wirklich mutige Kontroversen wagen oder echte Leistungen vollbringen, nicht mithalten und reagieren darauf mit viel Wut und Häme. Dabei entlarvt Xenos die zeitgeistigen Slogans von der „Krise der Männer“ und dem „Jahrhundert der Frauen“ als allzu durchsichtigen Unsinn: In denselben Jahrzehnten nämlich, in denen Frauen ein paar Verwaltungsposten mehr erringen konnten, solange sie dabei mit Quoten, „umgekehrter Diskriminierung“ und Milliardensummen an Unterstützung gefördert wurden, verwirklichten Männer aus eigener Kraft Menschheitsträume: Sie entwickelten beispielsweise das Internet, das im übrigen beim Kampf für Demokratie und gegen destruktive Ideologien noch eine große Rolle spielen dürfte. Mit einem überzeugenden Plädoyer für individualistische Gleichberechtigung statt kollektivistischer Gleichstellung beschließt Xenos seine Analyse.

Klingt am Ende etwas essentialistisch, aber ich habe das Original ja auch nicht gelesen

Kennt einer sein Buch? Was sagt ihr zu seinen Theorien?