Rosa Brotdosen und geschlechterabweichende Erziehung

Bei der Mädchenmannschaft beschreibt Melanie ihre Versuche ihren Sohn geschlechterneutral zu erziehen:

Sie macht ihm morgens sein Brot für den Kindergarten:

Ich lege also das Brot und seine halbe Banane wie jeden Morgen in die heißgeliebte, rosa Brotdose. „Ich will die rosa Brotdose nicht mehr mitnehmen!“

Das kommt unerwartet. Erst neulich hatte er gesagt, die anderen Kinder würden ihn auslachen oder sagen, er sei ein Mädchen. Ich bin dann zu seiner Erzieherin gegangen und habe sie drauf angesprochen. Sie selbst war verwundert und versprach, das Thema in der Morgenrunde noch mal anzusprechen.

Nun war ich bei dieser Morgenrunde nicht dabei. Minime kam nachmittags fröhlich auf mich zu gerannt und sagte: „Mama, Jungs dürfen auch rosa Brotdosen haben!“ (Dass sein Papa und ich das vorher auch gepredigt haben und ich ein kleines bisschen meine Autorität schwinden sah, weil die Worte der Erzieherin wohl mehr Einfluss haben als meine, lasse ich mal außen vor.

Zunächst erst einmal: Das rosa eine Jungsfarbe ist ist durchaus ein soziales Konstrukt, welches auch andersherum sein könnte. Zwar scheinen Frauen eine gewisse biologisch bedingte Vorliebe zu haben für bestimmte Farben, diese könnte man aber sicherlich dennoch auch Männern kulturell zuordnen.

Und: Es kann auch seinen Wert haben Kindern beizubringen, dass sie machen können, was sie wollen und zu bestimmten Vorlieben stehen können.

Andererseits finde ich es auch unfair, Kinder kämpfe austragen zu lassen, die für einen selbst, aber nicht für das Kind wichtig sind.

Ich bezweifele, dass man das Kind nicht auch für eine gänzlich andersfarbige Brotdose hätte begeistern können. Es mag sein, dass ihm in einem bestimmten Alter die farbliche Zuordnung als Mädchenfarbe noch unbekannt und egal war, er ist ja noch sehr jung, aber wie man merkt nimmt er sich ja (natürlich) als Junge wahr, sonst würde er nicht anführen, dass er als Junge ruhig die rosa Dose haben kann.

Wie wird da eigentlich das Rosa bewertet? Denn die reine Zuordnung „Mädchen rosa/Jungs blau“ an sich ist ja erst einmal nur eine einzige Regel, die für sich alleine genommen vollkommen unschädlich ist. Würden wir einfach nur einen Farbcode befolgen, sagen wir mal um potentielle Sexualpartner identifizieren zu können, uns aber ansonsten vollkommen gleich verhalten, wäre es ein feministisches Paradies.

Demnach bliebe der Gedanke, dass Rosa die „Einstiegsdroge“ ist, an der sich alles andere festmacht, aber auch das scheint mir schlicht sehr unwahrscheinlich, denn sonst würde er sagen, dass er wegen seiner rosa Brotdose nunmehr als Mädchen behandelt wird oder etwas ähnliches. Er bleibt aber recht offensichtlich Junge und deswegen gelten bestimmte Regeln für ihn, die aus seiner Gruppenzugehörigkeit folgen und die ist so oder so eben als Junge eindeutig. Rosa wird auch wahrhaftig nicht das einzige sein, was er ansonsten anders macht.

Insofern scheint mir die Farbe Rosa eher einen Symbolcharakter zu haben, an dem stellvertretend die Einteilung in Geschlechter bekämpft wird.

Es geht wie folgt weiter:

Ich dachte, damit hätte sich die Sache erledigt. Aber dem war wohl nicht so. Wie gesagt, ich weiß nicht genau, wie die Erzieherin an die Sache gegangen ist. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: „Wisst ihr Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Jeder darf jede Farbe haben“. Das hat dann vermutlich den gleichen pädagogischen Effekt, wie wenn ich meinen Kindern das Zähneputzen predige: Nachhaltigkeit gleich null. Die Botschaft kam offensichtlich nicht bei allen Kindern an.

Und da stand ich nun am Montag morgen vor einem verzweifelten und enttäuschten Jungen, der Angst hat seine heißgeliebte rosa Brotdose mit in den Kindergarten zu nehmen. Alles Zureden half nicht: „Schatz, Du weißt doch, dass rosa ne super Farbe ist, für alle Kinder! Und wenn Dich jemand ärgert, dann ist das schlechtes Benehmen und Du kannst der Erzieherin Bescheid sagen.“

Hat das mal bei eine_m von Euch funktioniert? Dass das Kind damit umgestimmt wird? Ich packte also sein Butterbrot in eine andere Dose und brachte ihn zum Kindergarten.

Finde ich schon interessant, dass sie das Kind für einen vollkommen aussichtslosen Kampf gewinnen will, in dem dann die anderen Kinder umerzogen werden sollen. Interessant auch, dass sie gar nicht sich selbst hinterfragt, warum es so wichtig ist, dass das Kind mit eine rosa Brotdose den Kampf kämpft. Ob sie wirklich meint, dass es ihm damit besser geht? Ich bezweifele, dass er die rosa Brotdose sehr vermissen wird. Immerhin gut, dass sie dann einsieht, dass das Kind nicht mehr will.

Und jetzt sagt mir noch mal, dass die Gesellschaft keine Rolle spielt? Dass alles angeboren sei, was Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen macht. Immer wenn Eltern sagen: Also wiihir erlauben unseren Söhnen auch mit Puppen zu spielen oder unseren Mädchen mit Autos“ muss ich an Szenen denken wie

  • die Mama in der Krabbelgruppe, die vor Entzückung quietscht, weil ihre 18 Monate alte Tochter ihre Schuhe holt und gleich noch ein paar andere die dort rumstehen mit. „Sie steht auch schon auf Schuhe, ganz die Mutter“
  • der Vater auf dem Bolzplatz, der mit seinem zwei Jahre alten Sohn Tore schießt, während die ca. vierjährige Tochter am Rande steht und sehnsüchtig zu den Beiden rüber schaut, aber nicht dazu gerufen wird.

Natürlich können wesentliche Unterschiede, etwa die Vorliebe für bestimmtes Spielzeug dennoch angeboren sein. Etwa wenn tatsächlich bestimmte Unterschiede vorhanden sind und insoweit festgestellt werden. Wobei das eben nicht binär ist: Natürlich kann auch ein Mädchen Fußball spielen wollen, gerade wenn es andere machen und dabei Spass haben. Es geht eben nicht um absolute Unterschiede, sondern um relative.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von anderen Eltern im Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Turnverein oder bei der Krabbelgruppe Sätze höre wie „typisch Mädchen/Junge“.

Was eben auch daran liegen könnte, dass sich viele Kinder in der Tat sehr typisch für ihr Geschlecht verhalten.

Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie ich Überzeugungsarbeit leisten musste, damit Minime eine Puppe und einen Puppenwagen bekommt. Oder mal was aus der Elfen- und Feen-Serie von Playmobil, nicht nur Ritter und Piraten. Oder als beim Kindergeburtstag die Seifenblasen mit Cars-Motiv automatisch in seinem GoodieBag landen, obwohl er viel lieber die Eiskönigin gehabt hätte.

Ich bin gespannt, wie Minime sich entwickelt. Momentan werden ihm viele Geschlechterklischees noch relativ egal sein, richtig interessant wird es wenn Hormone, Interesse am anderen Geschlecht etc dazukommt. Mich würde auch interessieren, ob sie sich bewußt ist, dass sie selbst eine Beeinflussung ist und eben keineswegs geschlechterneutral. Im Gegenteil, man merkt ja bereits in diesem kurzen Artikel, wie offensichtlich froh sie ist, wenn er ein „unmännliches Spielzeug“ verwendet und wie sehr sie ihn in die Richtung beeinflusst. Ihm wird es aus meiner Sicht nicht schaden, dass er mit einer Eiskönigin spielt, aber ich vermute mal, dass es mit steigenden Alter immer uninteressanter für ihn sein wird. Sie wird dann aufstöhnen, dass die Gesellschaft gewonnen hat und es als Bestätigung sehen.

„Free to be“ Jungs und Mädchen 40 Jahre nach der gescheiterten Gender-Revolution

Christina Hoff Sommers hat einen interessanten Artikel zum Spielverhalten von Kindern und dem Versuch die Geschlechter dabei auszublenden:

In 2009, David Geary, a University of Missouri psychologist, published the second edition of Male, Female: The Evolution of Human Sex Differences. This thorough, fair-minded, and comprehensive survey of the literature includes more than 50 pages of footnotes citing studies by neuroscientists, endocrinologists, geneticists, anthropologists, and psychologists showing a strong biological basis for many gender differences. And, as Geary recently told me, “One of the largest and most persistent differences between the sexes is children’s play preferences.” The female preference for nurturing play and the male propensity for rough-and-tumble hold cross-culturally and even cross-species. Researchers have found, for example, that female vervet monkeys play with dolls much more than their brothers, who prefer balls and toy cars. Nor can human reality be tossed aside. In all known societies, women tend to be the nurturers and men the warriors. Harvard psychologist Steven Pinker points to the absurdity of ascribing these universal differences to socialization: “It would be an amazing coincidence that in every society the coin flip that assigns each sex to one set of roles would land the same way.”

Bei biologischer Betrachtung verwundert das nicht: Spielen ist Vorbereitung auf die Erwachsenenzeit und es ist gerade bei Säugetieren wie dem Menschen in prähistorischen Zeiten, also denen, die für uns evolutionär interessant sind, kaum zu umgehen, dass Frauen eine Vorliebe für Spiele evolvieren, die sich dann auch mit Kindern beschäftigen und insoweit mit Pflege und Betreuung dieser. Ebenso wenig verwundert es, dass in einer Spezies mit starker intrasexueller Konkurrenz unter Männern Jungs überall auf der Welt solche Kampfsituationen darstellen und spielen wollen. Dafür muss es auch keine direkte evolutionäre Präferenz für eine Spielzeugpistole geben, die natürlich so aufgrund der kürze der Zeit nicht entstanden sein kann, aber eine evolutionäre Präferenz für Spielzeug, mit dem man in der jeweiligen Kultur intrasexuelle kämpferische  Konkurrenz unter Männern gewinnen könnte würde die diesbezügliche Vorliebe ebenso erklären. Auch Pinkers Argument ist aus meiner Sicht von hohem Gewicht: Wenn es reiner Zufall wäre, dann überrascht es, dass die gleiche Vorliebe überall auf der Welt zu finden ist.

Of course, we can soften and shape these roles, and that has been, in every epoch, the work of civilization. But civilization won’t work against the grain of human nature, and our futile attempts to make it do so can only damage the children that are the subjects of the experiment. Though few would deny that parents and teachers should expose children to a wide range of toys and play activities, almost any parent will attest that most little girls don’t want to play with dump trucks and few boys show an interest in Hello Kitty tea sets. “Free to Be” purports to be an anthem to freedom; but to “liberate” children from their gender will require unrelenting adult policing, monitoring, correcting, and shaming. Enlightened opinion tells us not to do that with gender non-conforming children; but surely it is just as misguided to do it with kids who conform to the conventions of their sex.

Der fett gedruckte Satz ist aus meiner Sicht wichtig und wird gerne verkannt: Es ist heutzutage akzeptiert, dass man Kindern Auswahl geben soll. Da ist der Genderfeminismus keineswegs der Vorreiter, der er zu sein glaubt. Die meisten Kinder wählen dennoch geschlechtertypisches Spielzeug – das ist aber eine Häufung, die aus biologischer Sicht durchaus zu erwarten ist und nicht per se schlecht ist. In dem Bereich liegt der Fehler des Feminismus, der aus der Häufung eine Unterdrückung herleitet.

Auch der letzte Satz ist wichtig: Natürlich soll man Kinder, die sich nicht nach dem Stereotyp verhalten die Möglichkeit zur Abweichung geben, damit sie frei sind, sich so zu verhalten, wie sie wollen. Das kann man dann aber bei Kindern, die sich nach dem Stereotyp verhalten nicht einfach umkehren und diese dazu zwingen, sich anders zu verhalten, weil es aus der eigenen Überzeugung besser wäre sollte dann auch klar sein.

The writer Andrew Sullivan is right when he describes the sex difference as “so obvious no one really doubted it until very recently, when the blank-slate left emerged, merging self-righteousness with empirical delusion.” That delusion was jumpstarted in 1974 with the advent of “Free To Be… You and Me.” Today, an army of gender scholars and activists is marching in support of the genderless ideal. But these warriors forget that ignoring differences between boys and girls can be just as damaging as creating differences where none exist. “Free to Be” is a cautionary example of how an idealistic social fantasy can turn into a blueprint for repression.

Dieser Aspekt wird häufig übersehen: Befreiung von Regeln, von denen man nicht befreit werden möchte, ist eben ebenfalls Unterdrückung.

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