Konfliktsoziologie

Ich finde den Begriff der Konfliktsoziologie interessant:

Konfliktsoziologie oder Soziologie des sozialen Konflikts wird einerseits als eine theoretische Perspektive auf die Gesellschaft,[1] andererseits als eine Teildisziplin der Soziologie[2] verstanden. Unabhängig von dieser Zuordnung wird der soziale Konflikt als ein zentrales Element des gesellschaftlichen Zusammenlebens und als eine Triebkraft des sozialen Wandels begriffen.

Als multidisziplinärer und theorieübergreifender Begriff bezeichnet der soziale Konflikt einen Grundtatbestand des Sozialen und findet sich folglich in den meisten sozialwissenschaftlichen Theorieansätzen[3] und Disziplinen wieder, auch wenn manche soziologische Schulen ihn als weniger zentral für die soziale Gesellung bewerten. Seine Erforschung steht unter der Fragestellung nach seinen gesellschaftlichen Ursachen und Folgen.

Soziale Konflikte können unterschiedliche Gegenstände haben; häufig treten sie als Verteilungs-, Macht- und Anerkennungskonflikte auf. Manifestationen des sozialen Konflikts sind Kampf, Streit, Klassismus, Agon und Konkurrenz, Streik und industrieller Konflikt, Klassenkampf und Rebellion, schließlich Krieg und Bürgerkrieg.

Im übertragenen Sinn wird sozialer Konflikt auch als Synonym für Gegensatz schlechthin, für Widerspruch oder Antagonismus verwendet.

Darunter dürften alle feministischen Theorien fallen, weil sie eben einen Verteilungskampf zwischen Männern und Frauen propagieren, oder eben im intersektionalen Feminismus zwischen einer Vielzahl weiterer Gruppen. (Kommunismus wäre auch eine Konflikttheorie, da eben zwischen den gesellschaftlichen Klassen).

Konflikttheorien haben aus meiner Sicht den entscheidenden Nachteil:

Sie wählen einen sehr engen Frame unter dem alle Interaktionen bewertet werden. Sie scheinen häufig von einem Nullsummespiel auszugehen, also einem Spiel im Sinne der Spieltheorie, bei dem ein Gewinn für die eine Seite immer auch ein Verlust für die andere Seite ist. Nimmt man diesen sehr engen Frame, dann stellt sich alles als Machtkampf dar, was vielleicht unter dem Frame einer Zusammenarbeit oder einer kooperativen Theorie ein Gewinn für beide sein kann.

Beispielsweise geht der Kommunismus davon aus, dass es eine Verteilung von Ressourcen gibt und derjenige der mehr hat, sie quasi dem anderen Weg genommen hat. Dabei kann es sein, dass es in einem System, welches besonderen Reichtum einzelner Personen erlaubt für beide bessere Bedingungen gibt, die sie ohne das System nicht hätten. Einfach weil ein derartiges System eine bessere Wirtschaft erlaubt, die dann eine Win-Win-Situation für Arbeitnehmer und Arbeitgeber darstellen kann.

Ebenso ist es beim Feminismus. Dort ist man anscheinend nach dem einfachem Prinzip vorgegangen, dass man

  1. Gebiete heraussucht, mit denen man „Macht“ verbindet
  2. schaut, welches Geschlecht in diesen Bereichen häufiger vertreten ist

Im ersten Punkt ist dann eben „Politik“ und „Positionen, die viel Geld bringen und bei denen man Leuten etwas zu sagen hat“ herausgekommen. Eine Gegenkontrolle, etwa darauf, dass in der Politik Frauen als Wählerinnen macht haben oder das solche Positionen eben nicht nur viel Geld bringen, sondern auch viel Stress und hohe Arbeitszeiten und erhebliche Bereitschaft Risiken in einer Konkurrenz einzugehen und den Beruf zum absoluten Mittelpunkt der Karriere zu machen, wurden hingegen nicht überprüft.

Ebenso wenig wurde bei der Frage, wer welche Ressourcen eher erhält, nicht daran gedacht, dass in einer (zumindest sehr reichen) Gesellschaft Freizeit und Zeit mit den eigenen Kindern oder die Möglichkeit am Erwerbseinkommen eines Partners zu partizipieren, ebenfalls eine gewisse Form von Wert darstellen kann, der verteilt wird.

Die Konflikttheorien machen aus meiner Sicht wenig Sinn, weil sie etwas herausgreifen, nämlich den Konflikt, gleichzeitig aber potentielle Vorteile und Kooperationsgewinne ausblenden. Sie sind insoweit nicht in der Lage ein vollständiges Bild der Lage zu bilden und können daher auch nur auf unzureichende Modelle zurückgreifen.

 

Struktur (Soziologie)

Aus der Wikipedia:

Als Struktur gelten in der Soziologie Größen und gestaltende Kräfte, die zwischen Akteuren vermitteln. Die Struktur wird meist als Grundlage sozialen Handelns verstanden, wobei davon ausgegangen wird, dass sie Kontingenz (Wahlfreiheit beim Handeln) begrenzt oder auflöst und die Ursache für Handlungsmuster und die Verteilung von Macht ist. Die Struktur ist nach Ansicht vieler Soziologen omnipräsent und durchdringt alle sozialen Prozesse. Der Strukturbegriff ist vor allem eine Reaktion der Soziologie auf komplexe Geschehnisse, an denen eine Vielzahl verschiedener Personen mitwirkt und die sich nicht allein anhand der Interaktionen zwischen diesen Personen beschreiben lassen, aber dennoch relativ stabil ablaufen. Die Struktur überbrückt zeitliche und räumliche Distanzen zwischen einzelnen Handlungen und grenzt von vornherein die möglichen Handlungsverläufe ein. Sie ist damit einzelnen Handlungen vorgeordnet, wird aber nach Ansicht der meisten soziologischen Theorien aber gerade über sie reproduziert und konstruiert.

Theoretisch könnte man dann wohl die Biologie des Menschen auch als eine soziologische Struktur verstehen. Es wären Größen und gestaltende Kräfte, die die Wahlfreiheit in gewisser Weise  betreffen, weil sie bestimmte Entscheidungen attraktiver erscheinen lassen. Ich würde jedoch vermuten, dass die Soziologie eher menschlich geschaffene und soziale Strukturen im Auge haben.

Das Problem strukturalistischer Theorien besteht vor allem darin, dass sich die postulierten Strukturen nicht direkt beobachten lassen. Sie lassen sich lediglich anhand beobachtbarer Interaktionen rekonstruieren.

Und hier kommt eben eine große Schwäch soziologischer Theorien zum tragen: Strukturen, die man  nicht beobachten kann, kann man auch schnell falsch einordnen. Das ist insbesondere der Fall, wenn man sich lediglich auf reine Soziologie verlässt und die Biologie ausblendet. Denn dann werden menschliche Strukturen vermutet, wo tatsächlich biologische Strukturen vorhanden sind.

Dabei stellt sich vor allem die Frage, wie Interaktionen und Akteure mit der Struktur verknüpft sind. Viele Theorien haben versucht, auf diese Frage mit dem Konzept der Institution zu reagieren. Institutionen besitzen einen Mischcharakter aus Akteurs- und Struktureigenschaften, was es wiederum erschwert, sie nicht einer der beiden Kategorien zuzuordnen. Die Frage nach Strukturen, Institutionen und Akteuren spiegelt die grundsätzlichen Schwierigkeiten von Makro-, Meso– und Mikrosoziologie wider und zieht sich seit Émile Durkheims Werk Die Regeln der soziologischen Methode durch die Soziologie. Beispiele für Strukturkonzepte sind etwa Durkheims Gesellschaftsbegriff, dieSysteme von Talcott Parsons und Niklas Luhmann oder das soziale FeldPierre Bourdieus.

Man müsste wohl neben Struktur und Institution noch die Biologie und deren Einwirkungen ergänzen. Zumindest als Kontrolle inwieweit es überhaupt eine soziologische Erklärung ist, die die Effekte bewirkt.

In jüngerer Zeit hat der Strukturbegriff vor allem von poststrukturalistischen Soziologien Kritik erfahren, die sich nicht in der Tradition Durkheims sehen. Dazu zählt vor allem die Akteur-Netzwerk-Theorie, die eine soziale Struktur als eigenständige Größe ablehnt. Die Kritik bezieht sich dabei auf dieTranszendenz von Struktur, eine fehlende Möglichkeit zu ihrer Beobachtung sowie die Vernachlässigung vermittelnder Elemente vor Ort – beispielsweise technische Einrichtungen, Topografie oder kommunikative Verknüpfungen –, die es erst nötig mache, die Struktur als erklärende Größe heranzuziehen. Stattdessen schlägt die Akteur-Netzwerk-Theorie vor, soziale Gruppen nicht mehr mit rein menschlichen Versammlungen gleichzusetzen und so das Zustandekommen komplexer Handlungsmuster über zeitliche und räumliche Entfernungen besser nachvollziehen zu können.

Die Akteur-Netzwerk Theorie hat ebenfalls einen Wikipediaeintrag:

Die Akteur-Netzwerk-Theorie wurde zunächst entwickelt, um wissenschaftliche und technische Innovationen zu erforschen und zu erklären. Aber sie hat sich zu einer umfassenden soziologischen Theorie und Forschungsmethode entfaltet.

Die Theorie wurde bekannt, da sie im Gegensatz zu den meisten (nahezu allen) sozialen Theorien das Soziale nicht als das ansieht, was zwischen den Menschen entsteht, sondern die Beteiligung nichtmenschlicher Entitäten hervorhebt. Die Methode kann als „material-semiotisch“ bezeichnet werden. Dies bedeutet, dass sie die Verbindungen aufzeigt, die ebenso materiell (zwischen Dingen) als auch semiotisch (zwischen Konzepten) bestehen. Die Theorie geht davon aus, dass viele Verbindungen sowohl materiell als auch semiotisch sind. Zum Beispiel bezieht der Interaktionsraum einer Universität Studenten, Dozenten sowie deren Ideen ebenso ein wie Technologien, z. B. Stühle, Tische, Tafeln, Laptops und Schreibwaren. Zusammen bilden sie ein einziges Netzwerk namens „Universität“.

Die ANT versucht nun zu erklären, wie materiell-semiotische Netzwerke zusammenkommen, um als Ganzes zu handeln (z. B. ist die Universität sowohl ein Netzwerk als auch ein Akteur, und für manche Zwecke agiert sie als eine einzige Entität). Als einen Teilaspekt hiervon betrachtet die ANT explizite Strategien, die dazu dienen, verschiedene Elemente zusammen in ein Netzwerk zu integrieren, damit sie nach außen hin als ein kohärentes Ganzes erscheinen.

Gemäß der ANT sind solche Akteur-Netzwerke kurzlebig. Sie befinden sich in ständigem Werden und dauernder Wiedererschaffung. Dies bedeutet, dass bestimmte Beziehungen wiederholt vollzogen werden müssen, da sich das Netzwerk ansonsten auflösen würde (in unserem Beispiel müssen die Studenten täglich Lehrveranstaltungen besuchen, die von den Dozenten angeboten werden müssen und die Computer müssen in Gebrauch bleiben etc.). Es wird ebenso vorgeschlagen, dass Beziehungsnetzwerke nicht an sich kohärent seien und tatsächlich Konflikte enthalten können (z. B. könnte ein gespanntes Verhältnis zwischen Studenten und Dozenten bestehen oder auf den Computern Inkompatibilitäten bestehen). Soziale Beziehungen sind mit anderen Worten stets im Wandel und müssen permanent vollzogen werden.

Soziale, technische und natürliche Objekte werden in der Akteur-Netzwerk-Theorie nicht als durch die Gesellschaft zu erklären betrachtet, sondern als die Gesellschaft (mit)erklärend; ihr Einfluss auf die Gesellschaft wird also betrachtet. Wissenschafts- und Technikentwicklung ist demnach weder allein durch natürliche oder technische Faktoren noch allein durch soziale Faktoren verursacht.

Das würde aus meiner Sicht zu der Privilegientheorie passen. Man hat in gewisser Weise „Das Patriarchat“ als Akteur und als Netzwerk (bzw. innerhalb der intersektionalen Theorien die anderen privilegierten Gruppen), und die feministischen bzw. intersektionalen Theorien stellen ebenfalls darauf ab, dass man die „Wiedererschaffung“ behindern muss, eben indem Männer ihre Privilegien hinterfragen und diese nicht weiter praktizieren. „Männlichkeit“ „Weißsein“, „Heteronormativität“ wären insofern zum einen Versammelungen von Leuten und gleichzeitig Institutionen, die beständig durch eine Praxis der Handelnden wieder errichtet werden.

Die Konkurrenz zwischen sozialbegründeten Geschlechtertheorien und der Biologie

Ein klassisches Thema im Geschlechterbereich hat viele Namen bzw wird unter vielen Stichwörtern behandelt, von „Nurture vs. Nature“ bis dem „Primat der Biologie“, es geht darum, wie die beiden Felder sich zueinander verhalten. Dabei artet das Thema gern in gegenseitige Vorwürfe aus, das man den anderen nicht ernst nimmt bzw. das der andere unwissenschaftlich arbeitet.

Auf der einen Seit stehen dann häufig Theorien aus den Bereichen der Biologie, der Medizin, der Psycholgie und dem Verbindungsglied, der evolutionären Psychologie, auf der anderen Seite Theorien aus der Soziologie, der Anthropologie, und dem nicht medizinischen Bereich der Psychologie sowie der Philosophie.

Wie es Leser dieses Blogs wenig überraschen wird sehe ich mich eher im Lager derer, die den Verzug im Geschlechterbereich eher im sozialbegründeten Lager sehen.

1. Grundlegendes: Beide sollten die Theorien der anderen prüfen

Ein perfektes wissenschaftliches Arbeiten würde theoretisch erfordern, dass man die auf dem Gebiet vertretenen Ansätze, soweit sie den eigenen Bereich, an dem man forscht, betreffen, prüft und dann ermittelt, welches Modell mit den bestehenden Fakten am besten in Einklang zu bringen ist.

Das ist natürlich in dieser Form oft kaum möglich. Allein schon, weil man sich dann häufig eine umfassende Kompetenz in vielen Bereichen zulegen müsste, wenn eine Spezialisierung in einem bestimmten Bereich effektiver ist.

2. Was ist erforderlich, um die jeweils anderen Theorien gedanklich einzubeziehen?

Das bringt uns zu der Frage, wie tief man jeweils einsteigen muss, um zumindest grundlegend eine Überprüfung durchzuführen, ob Faktoren des jeweils anderen Bereichs hineinspielen.

Und bei dieser „Einstiegstiefe“ hat aus meiner Sicht die Biologie einen erheblichen Vorteil:

Zum einen stehen soziologische Fragen dem Grunde nach weit aus weniger in Konkurrenz zur Biologie als umgekehrt. Die Biologie geht ganz umfassend davon aus, dass´Biologie die Grundlagen liefert, aber das soziale, die Umgebung, die Erziehung, andere Faktoren, natürlich die Ausgestaltung und die konkreten Gesellschaften bewirken. Es ist insofern viel Raum „nach oben“ in denen man bestimmte soziale Faktoren unterbringen kann und freimütig zugestehen kann.

Die sozialen Theorien haben hingegen das Problem, dass sie, wenn sie grundlegende Fragen der Geschlechter betreffen und Theorien nicht nur zu Ausgestaltungen, sondern zu den Grundlagen anstellen, im wesentlichen immer beim „Standard Social Science Model“ landen müssen, wenn sie Biologie nicht einbeziehen.

Auf eine Kurzformel gebracht:

Biologie bestimmt häufig die Grundlagen, wenn sie einschlägig ist und insofern wirken sich Fehler gravierender aus

Das bedeutet, dass Theorien, die die Biologie ignorieren, sich häufig weiter von der Realität entfernen als Theorien, die auf biologischen Grundlagen aufbauen.

Ein Beispiel:

Wenn man als soziales Element schlicht den Kampf um Macht zwischen verschiedenen Gruppen, Mann und Frau annimmt, dann kann man damit bestimmte Strukturen erklären, die wir in der Gesellschaft antreffen, zB Rollenbilder in denen der Mann Versorger ist und die Frau auf die Kinder aufpasst, da dies Frauen dann von bestimmten Jobs ausschließt und der Mann eher Kontrolle über das Geld hat.

Erklärt man das ganze biologisch, dann würde man Erklärungen über sexuelle Selektion auf Status und Versorgereigenschaften anführen, zudem unsere Einordnung als Säugetiere und die damit verbundene stärkere Selektion auf Kinder bei Frauen anführen etc.

Diese Theorie tauscht die Grundlage aus, macht es aber weiterhin möglich, bestimmte soziale Ausgestaltungen als Machtkämpfe zwischen den Geschlechtern zu sehen, beispielsweise die Sexualität der Frauen stark zu reglementieren, aber bei Männern wesentlich großzügiger zu sein oder Frauen

Die soziale Begründung steht und fällt damit mit der Ausgangsthese, die biologische Theorie kann flexibler bestimmte Faktoren der Biologie und andere, insbesondere Ausgestaltungen, der Soziologie zuweisen.

3. Ein Vergleich: Statik und Architektur

Ein interessanter Vergleich scheint mir hier das Verhältnis von Statik und gestaltender Architektur zu sein. Wer eine Brücke bauen will oder erklären will, warum sie auf eine bestimmte Weise erbaut worden ist, der muss für eine zutreffende Theorie eben die Statik mit berücksichtigen, ein reiner „Willensansatz“, der also davon ausgeht, dass die Brücke nur Design ist und den Grenzen der Physik nicht unterworfen, muss zu merkwürdigen Ergebnissen führen. Er mag dann vielleicht ermitteln, dass die Pfeiler, die im Brückenbau vorherrschend sind, Verkörperungen des Patriarchats und Phallussymbole sind oder das das Abspannen mit Seilen aus anderen Designprinzipien kommt, aber hier würde ein „integrierter Ansatz“ (Physik und Gestaltung)  wohl von jedem klar denkenden Menschen als vorzugswürdig angesehen werden. Natürlich kann man dennoch reines Design studieren und Brücken nur unter diesem Gesichtspunkt besprechen, sich also über die Ausgestaltungen der Regeln der Physik unterhalten, wenn man dabei aber Theorien aufstellt, die der Statik wiedersprechen („Man sollte Brücken auf andere Weise bauen, die reiner Wille ist“), dann erlebt man schlicht ein Fiasko.

Gleichzeitig sind auch sicherlich bestimmte Ausgestaltungen von zb Brücken reines Design und haben reinen gestalterischen Willen, etwa Brückenverzierungen oder Statuen auf der Brücke oder sie reizen die Grenzen der Physik aus um bestimmte Gestaltungen umzusetzen oder es sind nicht die Gesetze der Physik, die uns daran als erstes in Auge fallen, sondern die schöne Form, aber meist erfordert gerade eine verrückte Form besondere Kenntnisse der Statik und der Materialien und besonders aufwändige Gestaltungen um umsetzbar zu sein.

Wer hier eine Lehre von „reinem Design“ vertreten würde, etwa mit einem Ansatz, dass es keine Gesetze der Statik geben kann, weil es zum einen Pfeilerbrücken und zum anderen Hängebrücken gibt, was deutlich macht, dass man Brücken gestalten kann, wie man will, der würde ausgelacht werden und hätte eben schlicht nicht bedacht, dass man die Gesetze der Physik auf verschiedene Weise umsetzen kann. Und auch hier sind die Erklärungen aus der Statik oft geeigneter, bestimmte Punkte zu erklären: Wenn zb die Tragfähigkeit bestimmter Materialien eine Kräfteabfuhr auf eine bestimmte Weise verlangt, dann erklärt dies bestimmte Elemente einer Brücke besser als „das macht er nur, weil Pfeiler gerade in sind“. Letzeres mag erklären, warum er diese Weise gewählt hat, um die Kräfte abzufangen und wenn er zB mehr Pfeiler genommen hat als auch unter Einplanung einer Reserve erforderlich war, dann wäre das Design, aber die grundlegenden Kräfte zu verstehen, die hier arbeiten, ist eben aus einem reinen Designansatz nicht möglich.

Sollte man hier von einem „Primat der Physik“ sprechen? Es wäre aus meiner Sicht durchaus angemessen: Man kann eine Brücke eben nur innerhalb der Grenzen der Physik gestalten. Bestimmte Designfragen sind davon losgelöst und man muss bestimmte Regeln nicht unbedingt verstehen, um eine Brücke zu bauen, damit bewegt man sich aber nicht außerhalb der Physik. Wer beispielsweise postulieren würde, dass Brückenverzierungen immer Design ist, der sollte versuchen, Verzierungen mit einem Gewicht von zwei Tonnen auf einer Brücke mit einer Tragkraft von einer Tonne unterzubringen.

 4. Zurück zur Biologie

Ähnlich wie bei der Statik sind viele Punkte in der Biologie auch schlicht besser beweisbar:

Nehmen wir die Theorie, dass Sexualität ein rein soziales Konstrukt ist, das also in einer anderen Gesellschaft Frauen eher an casual Sex interessiert wären und es männliche Prostituierte geben würde, während Männer nur auf Beziehungen aus wären. Hier kann man schlicht die Forschung zur Wirkung von Testosteron auf den Sexualtrieb entgegenhalten,die evolutionäre Kostenbetrachtung vorrechnen etc. Es ist quasi eine Brückenplanung, bei der man mittels Physik vorrechnen kann, dass sie nicht trägt.

Oder nehmen wir Homosexualität: Auch hier ist eine rein soziale Konstruktion angesichts dessen, dass zB Medikamente, die, wenn sie von einer Schwangeren genommen werden, die Wahrscheinlichkeit der Homosexualität erhöhen, im Endeffekt nicht mehr vertretbar.

Umgekehrt würde ein Experiment, welches soziale Faktoren anführt, die Homosexualität begünstigen, es weitaus schwerer haben: Ist es eine Ausgestaltung, etwa weil heterosexueller Sex nicht verfügbar war oder eher ungewünschte Konsequenzen wie Kinder hatte (wie zB im Gefängnis oder bei den antiken Griechen etc) oder ist es bei einer Erziehung vielleicht auch ein genetischer Faktor? (Werden Kinder, die viele Homosexuelle in der Familie haben eher homosexuell, weil sie dort Toleranz erleben, oder weil entsprechende Gene im familären Genpool vorhanden sind?)

5. Die Einstiegstiefe

Wenn man demnach davon ausgeht, dass die Biologie eher die Grundlagen bestimmt und hier oft bestimmte Faktoren bereitstellt, die weitere Theorien maßgeblich beeinflussen, dann stellt sich auch die Frage nach der jeweiligen Einstiegstiefe.

Da haben Biologen aus meiner Sicht den Vorteil, dass sie für ihren Bereich wesentlich weniger umfangreich einsteigen müssen, damit sie ihre Theorien aufstellen können.

Viele Theorien, aus der Soziologie, die Grundlagen betreffen sind eben einfach erstaunlich platt und verstecken das hinter komplizierten Ausdrücken.

Wenn man zB Judith Butler etwas eindampft, dann ist ihre wesentliche Theorie auch nur, dass die Gesellschaft bestimmte Regeln vorgibt, die dazu führen, dass Leute sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Die Einzelheiten der Herleitung über die Urhorde und Spiegelbetrachtungen ist dabei im Endeffekt relativ egal und wird selbst von Befürwortern lieber ausgeblendet und verschwiegen.

Oder Habitus nach Bordieu: Letztendlich geht er auch nur davon aus, dass der Mensch sich in ein bestimmtes System einordnet und sich sein Verhalten nach der Gruppe, die für in in diesem System maßgeblich ist, bestimmt.

Und auch Systemtheorien nach Luhmann beschreiben eher Zusammenhänge zwischen Ausgestaltungen und lassen Platz für Faktoren, die diese Systeme aus biologischen Gründen hervorrufen.

Es reicht also entweder sehr grobe Aussagen anzugreifen oder es ist hinreichend Platz für biologische Faktoren, da die Ausgestaltung thematisiert wird. Dass sich beispielsweise Leute in das Schema einfügen, dass ihrer Gruppe entspricht, ist ja nicht falsch, wir sind eben Gruppen- und Hierarchietiere, denen Zugehörigkeit sehr wichtig ist. Der Widerspruch setzt eben dort ein, wo man annimmt, dass diese Gruppenregeln beliebig sind.

Einen Forschungsunterbau, der harte Fakten liefert, mit denen man sich auseinandersetzen muss, besteht in den meisten Fällen gerade im Geschlechterbereich nicht oder er ist keineswegs inkompatibel mit biologischen Theorien. Beispielsweise muss man die Aussage, dass Vorstände mehr männliche Mitglieder haben, nicht angreifen, man stützt sie nur auf andere Faktoren.

Biologische Faktoren sind wesentlich schwieriger herauszurechnen, da sie weitaus vielfältiger sind: Wir unterliegen einer Vielzahl von Interessen, die nicht einfach auf „Machtansammlung“ und noch weniger auf „Machtansammlung für unsere Gruppe Mann oder Frau“ herunterzubrechen sind. Sondern es kommen eine Vielzahl von Interessen zusammen, die sich teilweise widersprechen, etwa Sicherheit und Statusgewinn, die sich gegenseitig bedingen, wie Partnerwahl und Statusansammlung, die ausgestaltbar sind, aber eben nur innerhalb bestimmter Regeln (Eine Gesellschaft kann auf Monogamie oder Polygamie setzen, beides folgt biologischen Regeln und stellt nur einen anderen Kompromiss zwischen verschiedenen evolutionär entwickelten Präferenzen und den Möglichkeiten sie umzusetzen dar, beispielsweise gibt es eben keine Gesellschaften, in denen weibliche Herrscher sich 200 Männer als Ehepartner in einem Harem hielten und diese durch reine hierarchisch ausgebildete Macht gegen andere Frauen absicherten, hingegen gibt es dies umgekehrt).

Um sich mit den Grundlagen der sozialen Theorien auseinanderzusetzen kann es insofern reichen einen Wikipediaartikel zu lesen. Damit mag man deren Feinheiten nicht verstehen, dass ist aber häufig auch gar nicht nötig. Wenn man zB weiß, dass bestimmte Theorien Homosexualität rein sozial begründen, dann ist dies alles, was man wissen muss, wenn man die biologischen Wirkungen von DES auf Schwangere behandelt und diese Theorie ausschließen will. Wer hingegen einen Spielraum finden will, indem trotz DES Homosexualität rein sozial begründet wird, der muss sich, wenn er es ernsthaft betreiben will, dezidiert damit auseinandersetzen (wenn das erfolgt, dann wäre im Gegenzug eine dezidierte Auseinandersetzung mit dieser Theorie erforderlich, soweit sind wir aber noch nicht)

Der weitere Faktor ist, dass Biologie eher Einzelfragen hat, die gegen bestimmte Theorien sprechen können. Wenn Hormon X eine bestimmte Wirkung hat, die sich auf Verhalten Y auswirkt, dann muss man dies für einen sozialen Ansatz mitberücksichtigen. Wenn Verhalten Y sowohl von Hormon x als auch von sozialen Umständen berücksichtigt wird, dann kann man dennoch Hormon X erforschen ohne sich mit den sozialen Umständen vertieft zu beschäftigen

Sofern in einem Bereich starke Anzeichen dafür vorhanden sind, dass diese sozialen Umständen unterliegen, müsste natürlich auch die Biologie in die Tiefe gehen und sich mit den anderweitigen Theorien auseinander setzen, um zu ermitteln, welche Faktoren nun eigentlich tatsächlich eine Rolle spielen. Übliche Mittel wären Zwillingsforschung und Adoptionsstudien für genetische Grundlagen und gerade im Geschlechterbereich eben auch die diversen Besonderheiten, die verschiedene Hormonstände etc bewirken.

6.  Noch einmal in die andere Richtung

Damit will ich nicht sagen, dass die Sozialwissenschaften in dem Bereich nichts beizusteuern haben. Viele Bereiche betreffen eben die Ausgestaltung und auch bei der Ermittlung verschiedener Grundlagen oder der Aufnahme verschiedener Lebensweisen und der Betrachtung verschiedener Kulturen. Ich glaube allerdings, dass es bei der Auswertung der Daten und dem Aufbau der sich daraus ergebenden Theorien nicht ohne die Biologie gehen wird, zumindest wenn sie grundlegend seien sollen. Die Motivationen menschlichen Verhaltens im Geschlechterbereich sind schwer verständlich ohne diese Grundlagen. Alles was eine Neugestaltung oder Visionen für die Zukunft betrifft ist noch viel weniger ohne die biologischen Grundlagen planbar.

Ohne das man versteht, was die Geschlechter in den Rollen hält, ohne die Betrachtung der biologischen Unterschiede, aber auch der einprogrammierten Attraktivitätsmerkmale zum einem und dem Wunsch entsprechendes Signalling für einen hohen Partnerwert betreiben zu wollen auf der anderen Seite wird man eben in dem Bereich wenig nachhaltiges an Theorien aufstellen können und diese Betrachtungen ergeben sich nur bei Betrachtungen unter Berücksichtigung der Biologie und der Evolutionsbiologie.

Das hindert natürlich gleichzeitig nicht andere Regeln zu vereinbaren: Um zB Unterhaltsregelungen oder Zugewinnregelungen neu zu gestalten benötigt man keine biologischen Kenntnisse. Und sicherlich lassen sich auch andere soziale Abhängigkeiten gut erfassen, ohne dort vertieft einzusteigen.

7. Gegenteiliges

Natürlich kenne ich mich lediglich in den biologischen Theorien aus. Insofern mag mein Urteil hier falsch sein. Im Geschlechterbereich sind allerdings die mir bekannten Theorien mit einer sozialen Begründung von der grundlegenden Begründung relativ einfach. Wer bessere kennt, der kann sie gerne in den Kommentaren darstellen oder zumindest auf die entsprechende Wikipediaseite verweisen. Ich hoffe sogar, dass es in diesem Bereich gute Theorien abseits der Gendertheorien gibt, insbesondere wenn sie Ausgestaltungen betreffen.

Systemische Zusammenhänge

LoMi  nennt drei aus seiner Sicht wesentliche Probleme von “Evolutionisten”

Das Problem der Evolutionisten scheint mir zu sein:
– sie mögen keine systemischen Zusammenhänge
– sie bevorzugen Linearität, nichtlineare Dynamiken sind ihnen suspekt
– Sie meiden Kontingenz wie die Pest

Nachdem ich bereits Kontingenz aufgegriffen habe hier etwas zu den „Systemischen Zusammenhängen“.

Ich habe mich dabei erst einmal auf die Suche nach einer Definition gemacht und folgendes gefunden:

Jeder systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass man sich nicht auf den Problemträger konzentriert, sondern ein ganzes System in den Blick nimmt. Der Einzelne wird nur in soweit als Individuum betrachtet, wie er als Element auf das System wirkt und wie er dessen Wirkungsfeld ausgesetzt ist. So sieht die systemische Beratung und Therapie in jedem Individuum auch einen „Symptomträger“ und berücksichtigt damit, dass die Problematik, die sich am Individuum zeigt, nicht dessen ureigene und isoliert zu betrachtende Sympto­matik sein muss. Aus systemischer Sicht manifestiert sich am Problemträger eine Störung, die ihre Ursache im Gesamt­system in einem gestörten Ablauf hat. Ebenso ist natürlich der Erfolg eines Individuums zugleich der Fort­schritt eines lebendigen, lernenden Systems.

(…)

Von einer „systemischen“ Betrachtungs­weise sprechen wir dann, wenn wir die Dinge als System betrachten, wenn wir also einzelne Teile im Zusammenhang mit dem größeren Ganzen sehen, dem sie angehören, und die Ursachen für Probleme nicht bei den Teilen, sondern im Zustand des Systems sehen.

Dann weiter auf der Wikipedia:

Der soziologische Systembegriff geht auf Talcott Parsons zurück. Parsons betrachtet dabei Handlungen als konstitutive Elemente sozialer Systeme. Er prägte den Begriff der strukturell-funktionalen Systemtheorie. Der Begriff Struktur bezieht sich dabei auf diejenigen Systemelemente, die von kurzfristigen Schwankungen im System-Umwelt-Verhältnis unabhängig sind. Funktion dagegen bezeichnet den dynamischen Aspekt eines sozialen Systems, also diejenigen sozialen Prozesse, die die Stabilität der Systemstrukturen in einer sich ändernden Umwelt gewährleisten sollen. Die strukturell-funktionale Theorie beschreibt also den Rahmen, der Handlungsprozesse steuert. Ist die Struktur eines Systems bekannt, kann in funktionalen Analysen angegeben werden, welche Handlungen für die Systemstabilisierung funktional oder dysfunktional sind. Handlungen werden also nicht isoliert betrachtet, sondern im Kontext der strukturellen und funktionalen Aspekte des jeweiligen Sozialsystems.

Zur strukturellen und funktionalen Analyse sozialer Systeme entwickelte Parsons das AGIL-Schema, das die für die Strukturerhaltung notwendigen Funktionen systematisiert. Demnach müssen alle Systeme vier elementare Funktionen erfüllen:

  1. Adaptation (Anpassung),
  2. Goal Attainment (Zielerreichung),
  3. Integration (Integration) und
  4. Latency (Strukturerhaltung)

Einzelne Handlungen werden also nicht isoliert, sondern im Rahmen eines strukturellen und funktionalen Systemzusammenhanges betrachtet. Handlungen sind dabei Resultate eben jenes Systemzusammenhanges, der durch diese Handlungen gestiftet wird (handlungstheoretische Systemtheorie). Parsons beschreibt den Zusammenhang zwischen System und Systemelementen also als rekursiv und berücksichtigt damit wechselseitige Ermöglichungs-, Verstärkungs- und Rückkopplungsbedingungen.

Niklas Luhmann erweitert die Theorie Parsons und verwendet nicht mehr den Handlungsbegriff, sondern den sehr viel allgemeineren Begriff der Operation. Systeme entstehen, wenn Operationen aneinander anschließen.[2] Die Operation, in der soziale Systeme entstehen, ist Kommunikation. Wenn eine Kommunikation an eine Kommunikation anschließt (sich auf diese zurückbezieht und sie zugleich weiter führt), entsteht ein sich selbst beobachtendes soziales System. Kommunikation wird durch Sprache und durch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (Geld, Wahrheit, Macht, Liebe) wahrscheinlich gemacht.

Die Besonderheit in der Sichtweise Luhmanns besteht darin, dass Kommunikation – als die Operation sozialer Systeme – nicht als Handeln gesehen wird, das durch einzelne Menschen vollzogen wird. Im Besonderen geht es nicht um Einwirkungen von Mensch zu Mensch, die ein Beobachter als Kausalität (Monokausalität, Multikausalität oder Kausalkette) feststellen kann. Ebenso wenig geht es um Informationsübertragung, die als Metapher aufgefasst werden kann. Der Begriff Kommunikation beschreibt eine Operation, in dersoziale Systeme entstehen. Kommunikation kann nur an Kommunikation anschließen, und auf diese Weise verlaufen diese Operationen simultan und parallel zu den Operationen anderer Systeme (z. B. den Gedanken als Operationen psychischer Systeme, synonym Bewusstseinssysteme). Auch Personen bestehen nicht als Handelnde, sondern als von der Kommunikation konstruierte Einheiten („Identifikationspunkte“).[3]

Luhmann unterscheidet drei Typen sozialer Systeme:

Gesellschaft ist das umfassende System, das sich in Funktionssysteme ausdifferenziert. Auf diese Weise entstehen unter anderem das Recht, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Politik, die Religion als funktional ausdifferenzierte Systeme. Diese Systeme – nicht die Menschen – beobachten unter Verwendung spezifischer Unterscheidungen (Recht/Unrecht im Rechtssystem, wahr/falsch im Wissenschaftssystem, Allokation/Nichtallokation im Wirtschaftssystem, Immanenz/Transzendenz im Religionssystem oder Regierung/Opposition im politischen System). Diese Unterscheidungen oder Codes bilden den Rahmen, innerhalb dessen das Teilsystem Formen ausbilden kann. Der Code sorgt für die operative Schließung des Systems. Für die Offenheit des Systems sorgen Programme, nach denen für die eine oder andere Seite einer Entscheidung optiert wird. Als Beispiel für ein Systemprogramm können etwa Theorien in der Wissenschaft genannt werden, die über eine Zuordnung zu einer der beiden Seiten wahr/falsch entscheiden.

Und weiter aus einem Artikel über Luhmanns Systemtheorie:

Differenz von System und Umwelt statt Differenz von Teil und Ganzem
Verbreitete Vorstellungen von Systemen betreffen Einzelteile, die zu einem Ganzen verbunden werden oder sich selbst zu einem Ganzen verbinden. Eine Gesellschaft besteht nach diesen (nicht von Luhmann vertretenen) Vorstellungen aus einzelnen Menschen und ihren Beziehungen. Diese Ideen stammen teilweise aus der Antike. Gesellschaftliche Prozesse wie die Entstehung oder Organisation wurden mit sozialen oder göttlichen Mächten erklärt.[24]

Für Luhmann hingegen ist erstes Kriterium die von ihm behauptete Tatsache, dass ein System sich prinzipiell gegen seine Umwelt abgrenzt. Es gibt also immer etwas, was zum System gehört, und etwas, was nicht dazu gehört (Umwelt). Diese Differenz System/Umweltliegt der gesamten Systemtheorie zugrunde.

Autopoiesis
Eine weitere wesentliche Voraussetzung für das Vorhandensein eines Systems ist die Fähigkeit, sich selbst (wieder-)herzustellen, also die Autopoiesis. Der Merksatz im Luhmannschen Sinne lautet: Wenn es sich nicht selbst macht, ist es kein System. Dabei bezog sich Luhmann auf das Konzept der chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und Francisco Varela. Diese wendeten das Konzept der Autopoiesis auf organische Prozesse an und meinten damit, dass Systeme sich mit Hilfe ihrer eigenen Elemente selbst herstellen. Lebewesen sind die ursprünglichen Beispiele für autopoietische Systeme. Für den Beobachter ereignet sich Leben von selbst, ohne dass ein äußerer herstellender Prozess eingreift. Luhmann überträgt dieses Konzept nicht nur auf biologische Systeme, sondern auch auf psychische Systeme und insbesondere soziale Systeme. Auch diese reproduzieren sich selbst mit Hilfe ihrer systemeigenen Operationen (zur weiteren Erklärung dieser Operationen: siehe unten).

Geschlossenheit der Operationen
Luhmann versteht unter Operation die Reproduktion eines Elements eines autopoietischen Systems mit Hilfe der Elemente desselben Systems.[25] Ein System entsteht und erhält sich dadurch, dass Operationen aneinander anschließen.[26] Wenn organische Prozesse als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein organisches System. Wenn Gedanken als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein psychisches System (auch: „Bewusstseinssystem“). Wenn Kommunikationen als Operationen aneinander anschließen, entsteht ein soziales System (auch: „Kommunikationssystem“).

Ein System besteht so lange, wie Operationen jeweils nächste gleichartige Operation ermöglichen. Operationen müssen anschlussfähig sein. Wie eine Operation abläuft, hängt von der jeweils vorangegangenen Operation ab. Deshalb werden diese Systeme als operational geschlossen aufgefasst. So schließt z.B. im psychischen System stets Bewusstsein an Bewusstsein an: Bewusstsein ist der Operationsmodus psychischer Systeme. Systemfremde Operationen wie Kommunikationen können daran nicht anschließen. Entsprechend können Bewusstseinsinhalte auch nicht an organische Operationen angeschlossen werden oder umgekehrt. „So wenig wie ein Organismus jenseits seiner Haut weiterleben…“ oder „ein Auge Nervenkontakt mit dem, was es sieht, herstellen kann“, so wenig kann „ein psychisches System sein Bewußtsein operativ in die Welt hinein verlängern“[27]. Dieser Ausschluss gilt sogar für die Umwelt des eigenen Körpers. Damit ist allerdings nicht gesagt, dass jedes dieser Systeme unabhängig voneinander existieren könnte. „Selbstreferentielle Geschlossenheit ist (…) nur in einer Umwelt, ist nur unter ökologischen Bedingungen möglich.“[28] Aufgabe der Systemtheorie ist es also, zu erklären wie es möglich ist, dass alle diese Systemtypen trotz irreduzibler Geschlossenheit zusammenhängen und in Kontakt stehen.

Ziel scheint es also zu sein, verschiedene Systeme zu erkennen, die in sich geschlossen sind, deren Input und Output zu betrachten und dann die Zusammenhänge mit anderen Systemen zu zeigen. Der Mensch selbst ist in diesem System relativ unwichtig, sind insoweit nur Kommunikationsempfänger oder -sender bzw. treten eher in ihrer Funktion auf.

Bestimmte Systeme innerhalb der Gesellschaft zeigt beispielsweise diese Grafik aus der Wikipedia auf:

Funktionssysteme

Funktionssysteme

Der Vorteil in dieser Betrachtung ist sicherlich, dass man bestimmte Vereinfachungen macht und diese dann mit anderen Vereinfachungen in Bezug setzen kann. Wenn die Wirtschaft ein System der Verteilung ist mit Geld als Medium der Gestaltung, und gleichzeitig die Politik ein System der Kontrolle, dann ergibt sich eine eine gegenseitige Beeinflussung, indem entweder die Politik die Verteilung beeinflusst um die Kontrolle zu halten oder die Wirtschaft die Politik beeinflusst, um eine für einzelne günstigere Verteilung zu erreichen etc.

Meiner Meinung ist der Vorteil dieser Systeme, den Menschen zum Teil auszublenden und statt dessen die Systeme zu betrachten, aber gleichzeitig ein entscheidender Nachteil der Betrachtung. Denn es geht dadurch auch einiges an Zusammenhängen verloren.

Nehmen wir beispielsweise eine evolutionäre Betrachtung, die den Menschen als ein auf die Weitergabe der Gene ausgerichtetes Vehikel der Gene sieht, bei dem verschiedenste Selektionen stattgefunden haben, die bestimmte verschiedene Bereiche betreffen: Partnersuche, soziale Eingebundenheit, Kooperation und Absicherung vor Ausnutzung etv aber auch grundlegende Bedürfnisse wie Schlaf, Ernährung, Sex, Sicherheit, körperliches Wohlbefinden. All das könnte man natürlich als „biologische Systeme“ ausgliedern, die dann in einen Zusammenhang gebracht werden.

Wichtiger aber finde ich, dass bei einer Betrachtung des Menschen viele Zusammenhänge erst deutlich werden, wenn man mit einbezieht, warum wir uns gerade so verhalten.

Politik und Wirtschaft beispielsweise folgen sowohl ihren eigenen Regeln der Kontrolle und der Verteilung, stellen aber auch gleichzeitig Statussysteme dar, in denen der einzelne Aufsteigen kann. Ein Politiker kann insofern mehr daran gelegen sein, diesen Status zu erlangen, um den Status wegen und nicht, weil er etwas damit regeln möchte. Und ein Wirtschaftsmensch kann auch das Geld in einen solchen Zusammenhang einordnen: Es stellt nur ein Möglichkeit für ihn dar, seinen Status darzustellen, und das in einem System, in dem der Vergleich mit der Umgebung maßgeblich ist: Der Brocker, der eine Million im Monat verdient kann sich dann trotz des Umstandes, dass er faktisch ausgesorgt hat, schlecht fühlen und neidisch sein auf denjenigen, der 2 Millionen verdient. Und auch Sport und die damit verbundene Begeisterung wird nicht unbedingt in dem System selbst über den dortigen Erfolg verständlich, sondern viel eher unter dem Gesichtspunkt eines Stellvertreter-Wettbewerbs und Konzepte der Gruppenzugehörigkeit.

Die Analyse der jeweiligen Systeme kann damit aus meiner Sicht nicht ohne eine Betrachtung der Natur des Menschen erfolgen, weil man sonst auch die Natur der Systeme nicht erfassen kann. Zwar kann man Wirtschaft einfach unter dem Gesichtspunkt der Verteilung verstehen, aber unseren Wunsch nach sinnlosen Luxusartikeln versteht man weitaus besser, wenn man das damit verbindet, dass man damit über ein Costly Signal gleichzeitig seinen eigenen Wert darstellen kann. Unser Streben nach hohen Positionen versteht man besser, wenn man sie auch als Folge sexueller Selektion begreift und in ein System relativen Status und eines Platzes in der Hierarchie versteht.

Die Systemtheorie scheint mir insoweit das „System Mensch mit seinen Untersystemen“ zu sehr auszublenden. Es sieht die Gesellschaft als eine konstruierte Ansammlung menschlicher Systeme, die scheinbar nebeneinander stehen und interagieren, ohne da eine Hierarchie verschiedener Wünsche und Bedürfnisse zu sehen, die der Konstruktion der Gesellschaft zugrunde liegen.

Insoweit ist die Verwebung der Bedürfnisse des Menschen und deren soziale Umsetzung in Handlungen und Strukturen vielleicht schlicht komplexer als sie auf einfache Systeme zu reduzieren. Und die Darstellung der Systeme erscheint mir auch zu gradlinig, es lässt viele Handlungsmotivationen, die in diese Systeme einfließen und sie mit anderen Bereichen verbinden außer Betracht. Die Komplexität der Verknüpfung ist insoweit eine Illusion, weil die Systeme selbst starke Vereinfachungen sind, die viele tatsächliche Faktoren nicht wiedergeben können. Wahrscheinlich kann man dies durch die Anzahl der Systeme theoretisch erhöhen, aber das Kriterium der Abgeschlossenheit des jeweiligen Systems scheint mir viele Erklärungsansätze schwer einbaubar zu machen. Es verhindert in meinem Verständnis dringend benötigte übergeordnete menschliche Komponenten.

Insofern könnte man sagen, dass es in der evolutionären Biologie durchaus systematische Verbindungen und Beeinflussungen gibt und man bis zu einem gewissen Ansatz auch systemische Darstellungen vornehmen könnte, dass aber gleichzeitig der systemische Ansatz – so wie ich ihn verstehe – auch erhebliche Nachteile hat, die eine systemische Darstellung gar nicht unbedingt so vorteilhaft sein lassen.

Natürlich ist allerdings mein Wissen über die Systemtheorie stark begrenzt. Ich lasse mich hier gerne eines besseren belehren.

Fehldarstellungen von Evolutionärer Psychologie in Gender-Büchern

Eine Studie behandelt klassische Falschdarstellungen von Evolutionärer Psychologie:

Abstract: Evolutionary psychology has provoked controversy, especially when applied to  human sex differences. We hypothesize that this is partly due to misunderstandings of  evolutionary psychology that are perpetuated by undergraduate sex and gender textbooks.  As an initial test of this hypothesis, we develop a catalog of eight types of errors and  document their occurrence in 15 widely used sex and gender textbooks. Consistent with our  hypothesis, of the 12 textbooks that discussed evolutionary psychology, all contained at  least one error, and the median number of errors was five. The most common types of  errors were ―Straw Man,‖ ―Biological Determinism,‖ and ―Species Selection.‖ We  conclude by suggesting improvements to undergraduate sex and gender textbooks.

Quelle: Misrepresentations of Evolutionary Psychology in Sex and Gender Textbooks

Eine interessante Stelle aus dem Artikel:

The idea that human nature—including differences between the sexes—is  biologically influenced was once relatively standard, indeed, taken for granted by most social scientists (Degler, 1991). In the early 1900‘s, however, a number of scholars,  influenced by the incipient disciplines of cultural anthropology and behaviorism, began to  question this assumption. The gradual revelation of the crimes committed by the Nazis  alarmed the public and academics alike and further promoted concerns about the social and  political implications of biological approaches to human nature (Laland and Brown, 2011).  These concerns and skepticism have persisted, to some degree, as protection against what  some scholars view as an attempt to justify inequitable social policies and institutions  (Lopreato and Crippen, 1999; Lord and Sanderson, 1999). That is, biologically based views  of human nature are, within certain academic communities, seen as a form of apologetics  for an unjust social system and for myriad other social evils (e.g., sexism, racism,  classism). This seems especially true for broadly liberal disciplines that aspire actively to  ameliorate social suffering

Also ein starkes Mißtrauen gegenüber biologischen Erklärungen gerade nach der Nazizeit, weil man das Gefühl hatte das damit nur unliebsame Systeme geschützt werden sollten. Das ist ja in der Tat ein sehr häufiger Vorwurf („ihr wollt nur die 50er wieder“), der aber eben meist auf Fehlvorstellungen darüber, was eigentlich vertreten wird beruht

However, recent research has shown that, despite popular assumptions, liberalism  does not predict a rejection of applying evolutionary theory to humans (Perry and Mace, 2010). Furthermore, from the imperfect data we possess, EPs appear no more likely to  adhere to conservative political beliefs than other social scientists (Tybur, Miller, and  Gangestad, 2007). Therefore, political ideology, although a probable source of some  hostility toward EP, is not a powerful predictor of a scholar‘s willingness to apply EP to human behavior.

Evidence indicates that, in fact, a misunderstanding of the basic principles of EP is a  more powerful predictor of hostility toward it than is political ideology (Perry and Mace, 2010). A student, for example, who is taught that EP ignores the importance of culture  might understandably develop a skeptical, perhaps even hostile, attitude toward EP. A  similar problem led to hostility toward behaviorism, especially as propounded by B.F.  Skinner. Students were taught that Skinner eschewed instincts altogether and that he completely ignored internal processes (Jensen and Burgess, 1997). Instincts and internal processes quite clearly exist, so this led to dismissals of Skinner and accusations that his framework was entirely wrong (in fact, embarrassingly so). These errors were included in  textbooks and propagated to the next generation of students, who continued to reject ―Skinnerism‖ (DeBell and Harless, 1992). We suggest that a similar process involving sex  and gender textbooks may explain some of the hostility toward EP. Thus, a combination of  liberal ideology and broad misunderstanding of the content of EP may combine to lead sex and gender scholars to view EP as a conservative and wrongheaded approach to explaining human sex differences.

As a first step in testing our hypothesis that a cycle of ignorance contributes to the  hostility directed toward EP, we coded its presentation in sex and gender textbooks. We  predict that presentations of EP will be frequently inaccurate.  It is important to note that sex and gender scholars and sociologists probably hold a more negative view of EP and have more misconceptions than scholars in many areas of  psychology (e.g., cognitive scientists, developmentalists, neuroscientists, linguists, etc.)  (Geher and Gambacorta, 2010; Lopreato and Crippen, 1999; Perry and Mace, 2010). Many psychologists who do not identify as EPs have fully integrated the Darwinian revolution into their research and possess an acute knowledge of evolution and natural and sexual selection.

Eine sehr wahrscheinliche These: Viele Kritiker von evolutionärer Psychologie beschäftigen sich weder mit den konkreten Theorien noch den Gründen, aus denen sie angenommen werden. Das führt dazu, dass sehr schnell Fehlvorstellungen über die konkreten Theorien vorkommen.

Zu den Fehlern, die überprüft worden sind:

E1) Lack of Evidence/Lack of Falsifiability. The assertion that many or all claims by EPs (1) lack substantive confirmatory evidence and/or (2) are unfalsifiable.

R1) (1) Evidence supports many claims made by EPs. Buss, Haselton, Shackelford, Bleske,  and Wakefield (1998, Table 1) summarized 30 empirical discoveries about human nature  generated by explicit evolutionary theorizing, including mother-fetus conflict and  landscape preference. More recently, Buss and Schmitt (2011, Table 1) summarized 17  robust empirical findings regarding sex differences in desire for sexual variety. Many more  empirical findings are reviewed in introductory evolutionary psychology textbooks (e.g., Badcock, 2000; Barrett, Dunbar, and Lycett, 2002; Buss, 2008; Cartwrigtht, 2000; Gaulin  and McBurney, 2004; Workman and Reader, 2004). (2) Most hypotheses proposed by EPs  are falsifiable. Buss‘s introductory textbook (1999) presented 11 methods and data sources  for testing evolutionary hypotheses (p. 54) and concluded that at least two of the methods  must support a hypothesis for it to have a ―firm empirical foundation‖ (p. 65). Ketelaar and  Ellis (2000) devoted a full article to falsifiability and demonstrated that the charge that EP claims are generally unfalsifiable is unwarranted. Last, Schmitt and Pilcher (2004) laid out a rigorous program for testing evolutionary based hypotheses, and this emphasized the importance of generating and testing empirical predictions.

Textbook Example: ―Sociobiology has some success in applying evolutionary theory to animal behavior, but because it is virtually impossible to test the natural selection principles on which it is based, empirical support for evolutionary links to human behavior is weak.‖  (Lindsey, 2011, p. 25).

Ein alter Kritikpunkt, man könne eben nicht zurück in die Steinzeit reisen und dort die Menschen beobachten. Ich hatte hier auch schon einmal etwas dazu geschrieben: Kritik an evolutionärer Psychologie

E2) Biological Determinism/Dichotomy between Nature & Nurture. (1) The assertion that EPs contend that biology determines or can explain all human behavior. (2) The  assertion that some phenomena are entirely cultural whereas others are entirely biological.

R2) (1) EPs do not contend that human nature is ―hardwired‖ by genes or determined  exclusively by ―biology.‖ In fact, introductory evolutionary psychology textbooks warn  about deterministic views of human nature (e.g., Buss, 2008; Gaulin and McBurney, 2004).  For example, Rossano (2003) states, ―Evolutionary psychologists firmly reject both genetic  determinism and environmental determinism and, instead, contend that both genes and  environment must be considered in understanding the human mind‖ (p. 28). (2) EPs believe  that understanding human nature requires an interactionist framework; i.e., incorporating both biology and culture. As Tooby and Cosmides (1992) point out:  Evolution shapes the relationship between the genes and the environment such that  they both participate in a coordinated way in the construction and calibration of  adaptations. Thus, evolutionarily patterned structure is coming in from the  environment, just as much as it is coming out from the genes. (p. 86)  In short, nature and nurture are inseparable in the EP account.

Textbook Example: ―What‘s more, if these [biological] explanations are true, no amount  of political initiative, no amount of social spending, no great policy upheavals will change  the relationships between women and men‖ (Kimmel, 2013, p. 22).

Die biologischen Ansätze stellen in der Tat darauf ab, dass es ein Zusammenspiel von Kultur und Natur gibt, wobei teilweise die Kultur bestimmte biologische Anlagen ausformt. Natürlich können wir dabei auch Umstände schaffen, die wesentliche Veränderungen bewirken, ein Beispiel ist der Zugang zu effektiver und preisgünstiger Verhütung, ein anderer unser Sozialsystem, beides kulturelle Errungenschaften die auch das Verhältnis zwischen den Geschlechtern erheblich verändert haben. Zudem können sich eben auch Unterschiede zwischen Leuten und auch zwischen Völkern zeigen, die eine andere Ausrichtung begünstigen.

E3) Naturalistic Fallacy. The assertion that EPs contend that what exists is either ipso  facto good or morally desirable simply because it exists.

R3) The accusation that EPs are guilty of the naturalistic fallacy is belied by numerous  writings from early sociobiologists (e.g., Alexander, 1979; Symons, 1979) and more  recently from evolutionary psychologists. In The Selfish Gene, Richard Dawkins (1976)  writes, ―I am not advocating a morality based on evolution. I am saying how things have  evolved. I am not saying how we humans morally ought to behave‖ (pp. 2-3). Many introductory textbooks on evolutionary psychology contain explicit warnings about  committing the naturalistic fallacy (e.g., Bridgeman, 2003; Buss, 1999; Cartwright, 2000;  Palmer and Palmer, 2002; Rossano, 2003).

Textbook Example: ―Biological arguments reassure us that what is is what should be, that  the social is natural. Finally, such reassurances tell us that these existing inequalities are not our fault, that no one is to blame, really‖ (Kimmel, 2013, p. 22).

Der naturalistische Fehlschluss kommt in der Tat sehr häufig vor. Gerne eben auch als Vorwurf, dass man es eben so wolle oder so für richtig halte und wie man so etwas sagen könne. Was alles gar nichts damit zu tun hat, wie bestimmte Sachen sind. Es ist in der Tat ein Punkt, auf den in Büchern über das Thema sehr häufig hingewiesen wird.

E4) Political/Ideological Agenda/Consequentialist Fallacy. (1) The assertion that EPs have a conservative, rightwing political agenda and that this agenda significantly influences  their research. (2) The assertion that evolutionary accounts are morally dubious and  possibly dangerous if widely disseminated.

R4) (1) To the extent that we have empirical data on the political views of EPs, this  assertion appears to be false. Most of the early sociobiologists were liberals or social  democrats (including E.O. Wilson and Richard Dawkins), while Robert Trivers, who developed the theory of parental investment, was a political radical who coauthored a paper  with Huey Newton (Segreståle, 2000; Trivers, 2002). A recent study of EPs found that their political views match those of social scientists in general—0 of 31 EPs identified with the Republican Party (Tybur et al., 2007). Even if it were true that EPs have more conservative views than other social scientists, it would not automatically follow that they are more likely than others to use their scholarship to advance a conservative agenda. We know of no data addressing this possibility, and the textbooks making this assertion do not provide any evidence for it. (2) Unfortunately, almost any view of human nature can be used to justify self-serving behavior that harms other people, ranging from the extremes of Nazism on the right to communism on the left (Pinker, 2002). The communists, for example, perpetrated numerous ghastly crimes, which were justified by a singular commitment to human flexibility, environmental determinism, and equality (Pipes, 2001). However, the factual content of a theory or proposition is not determined by the perceived good or ill it may do to society.

Textbook Example: ―Another concern is the claim that gender differences have evolved over time, which implies that gender differences are inevitable and unchangeable. Biology then becomes an excuse for accepting differences and not advocating for social change‖ (Rider, 2005, p. 117).

Wie oben schon gesagt in der Tat ein sehr häufiger Vorwurf. Es scheint für einige schwer zu verstehen zu sein, dass man nach der Prüfung bestimmter Fakten zu einem Ergebnis kommt und dies vertritt, weil man es für wahr hält und das zur Folge hat, dass man die daraus herzuleitenden Fakten akzeptieren muss. Es ist nicht das „Wollen“, dass das „sein“ schafft. Wir können die Realität nicht immer und unter allen Bedingungen unserem Wollen anpassen.

Ich schrieb dazu schon einmal: 

„Was ist das Anliegen, wenn man sagt, dass die Welt eine Kugel und nicht eine Scheibe ist? Was will man damit bewegen? Reicht es aus, dass man Männer und Frauen verstehen will, ein Interesse an dem Thema hat, die Forschung überzeugend findet und merkt, dass etwa poststrukturalistische Theorien keinerlei Grundlage haben?

Selbst wenn unsere Welt mit den biologischen Erklärungen die absolute Hölle auf Erden wäre würde es sie genau so wenig falsch machen wie es die Erde flach macht, wenn dies zu einer besseren Welt führen würde.“

E5) Species Selection. The assertion that evolution via natural and sexual selection operates to ensure species survival or that the survival of the species is the ―goal‖ of  evolution.

R5) Charles Darwin (1859/1958; 1871) argued that natural and sexual selection targeted the individual, not the species. In the 1960s, evolutionary biologists revolutionized the field by formalizing the insight that it was not the individual but the gene that was the fundamental unit of selection (Dawkins, 1976; Hamilton, 1964a,b). Although there is debate about the importance of differing units or levels of selection (e.g., group, individual, gene; Wilson and Wilson, 2007), biologists are nearly unanimous that species level selection does not occur:  In the early post-Darwinian period when thinking about selection was rather confused, it was often said that such and such a character had evolved because it was ―good for the species.‖ This is quite misleading. The selected character had originated because it benefited certain individuals of a species and had gradually spread to all others. The species as an entity does not answer to selection. (Mayr, 1997, p. 2092)

Textbook Example: ―Evolutionary theory argues that in any species, including humans, certain characteristics persist across generations—passed along genetically—because they help the species survive‖ (Lips, 2006, p. 132).

Ein klassisches Fehlverständnis, da die Evolution eben bei den Genen ansetzt und daher nur über das Individuum oder Verwandtenselektion arbeiten kann, eine Gruppenselektion hingegen, in dem Sinne, dass die Gruppe an sich gefördert wird, findet nicht statt, da hier die klassischen Selektionsmechanismen nicht greifen können.

E6) Straw Man Argument (Not Otherwise Specified). A misrepresentation of the opponent‘s position which creates the illusion that the argument in question has been refuted when, in fact, the actual position of the opponent has not been addressed.

R6) Straw Man arguments must be examined case by case but often involve oversimplifying the arguments of EPs to make them appear careless or reductionist. For example, many critics of EP assert that the theory posits that all men are promiscuous when, to our knowledge, this is not a serious position of EPs.

Textbook Example: Because each Straw Man argument is somewhat unique, aside from those that fall into specified errors we have already cataloged, each requires its own explanation (see Appendix for detailed comments on each coded Straw Man error).

Strohmänner gibt es in der Tat wie Sand am Meer in der Kritik an evolutionärer Psychologie. Es wird ein vermeintliches Argument dargestellt, dass so aber gar nicht vertreten wird und dies dann entkräftet.

E7) Intentionalistic Fallacy. The assertion that EPs contend that humans intentionally attempt to enhance their inclusive fitness and are explicitly aware of such intentions. For example, the claim that using contraception and engaging in sex for the sake of pleasure rather than reproduction refutes evolutionary arguments regarding natural and sexual selection.

R7) EPs do not believe that humans are consciously aware of the ―evolutionary logic of  their behavior. E.O. Wilson, the founder of sociobiology, made the point that the brain ―has been programmed to perform as if it knows [emphasis added] the underlying evolutionary logic of its affective biases (Wilson, 1975, p. 4). Similarly, John Tooby and Leda Cosmides (1992), two of the founders of evolutionary psychology, state ―…the biological concept of functionality differs from the folk notion of functionality as goal-seeking behavior. Although some of our evolved psychological mechanisms propably operate through goal-seeking, surely none of them has fitness maximization as a mentally represented goal‖ (p. 54). Even in cases where humans explicitly represent goals (e.g., I need to protect my child;  I would like to have sex), EPs do not posit that they are aware of the evolutionary logic  guiding the specific goal in question (see for example, Buss, 1999; Geary, 2005).

Textbook Example: The sociobiological view of sex differences assumes that sexual intercourse will lead – or is intended to lead – to reproduction. Today, I doubt that the majority of men are thinking about establishing paternity and the majority of women are thinking about their partners‘ ability to support a child when deciding whether or not to engage in sex. (Helgeson, 2012, p. 114)

In der Tat ist der Unterschied zwischen dem Grund für die Selektion der Gene, die ein bestimmtes Verhalten bewirken, und den tatsächlichen Zielen der Menschen für viele Kritiker schwer zu verstehen. Menschen wollen nicht das „Ziel“ einer Evolution erreichen, sie können vollkommen davon unabhängige bewußte Ziele haben und dennoch nach diesen Kriterien selektiert worden sein.

Natürlich ist Fortpflanzung etwas, was in einem starken Zusammenhang mit Evolution und damit auch mit der Selektion aller Lebewesen steht. Aber das bedeutet nicht, dass Menschen bewusst Fortpflanzung betreiben wollen müssen. Es reichte vollkommen aus, sie mit einem Sexualtrieb zu versehen, dessen Befriedigung Nachwuchs zur Folge hatte.

E8) Mechanical Demonstration. The assertion that if a scholar lacks knowledge of the specific proximate mechanism(s) contributing to a behavior, then that scholar is unable to legitimately make any claims about the evolutionary function of the behavior. For example, the claim that sex differences in cognition cannot have an evolutionary basis because the precise genes, neurotransmitters, and evolutionary pressures giving rise to them are not perfectly understood.

R8) It is, of course, desirable to have perfect knowledge of all of the physiological, genetic, and historical components of a hypothesized adaptation, but this is not necessary to make informed hypotheses about human adaptations. George Williams (1966) developed rigorous criteria for evaluating adaptations (reliability, efficiency, and economy) and these criteria can be used for evaluating evident design features of humans (e.g., the eye, opposable thumbs, fever) without knowing the precise physiological basis of the adaptation in question (see also Buss, 1999; Tooby and Cosmides, 1992). We also note that scholars using non-evolutionary perspectives routinely and fruitfully advance hypotheses about the causes of behavior without providing a comprehensive account of all mechanisms involved in the causal pathway.

Textbook Example: Evolutionary psychologists fail to specify the biological mechanisms from evolution to behavior. Their basic arguments are that evolution occurred over millions of years and, voila, we have a certain pattern of gender differences in the 21st century. But evolution can act only through genes, and genes influence behavior because they direct the synthesis of certain proteins and not others, leading to differing levels of biochemicals such as neurotransmitters or hormones. This is the era of the Human Genome Project, in which specific genes that create specific medical conditions and behaviors are being identified. Evolutionary psychology has failed to incorporate this work, and fails to specify which genes and biochemicals are responsible for the patterns of gender differences that they claim have evolved. (Hyde and Else-Quest, 2013, p. 35)

Ein „Argument aus Unwissenheit“, die allerdings in vielen Fällen noch nicht einmal wirkliche Unsicherheit ist. Wir mögen insoweit noch nicht immer genau verstehen, was biologisch abläuft, aber wir haben zumindest Vorstellungen und Modelle davon. Es ist insoweit der Versuch immer weiter in die Tiefe zu gehen, irgendwann auf ein „das können wir noch nicht genau erklären“ zu stoßen und damit zu unrecht die ganze Theorie als widerlegt oder falsch oder nicht vertretbar abzulehnen. Natürlich können auch die sozialen Theorien nicht genau erklären, warum ein Mensch Geschlechterrollen folgt und wie dieser Unterordnungsprozess unter die Rolle genau abläuft, aber da werden solche Kriterien dann nicht angewendet.

An der Studie sind als Anhang Fehler in der Darstellung aus verschiedenen „Genderbüchern“, etwa Kimmel oder Connell, dargestellt, die interessant zu lesen sind.

Soziale Rollen

Ich habe mir mal etwas zu den Rollentheorien auf Wikipedia durchgelesen, was ich als Übersicht ganz interessant fand:

In der Soziologie wird unterschieden zwischen:

  • kulturellen Rollen, die die jeweilige Kultur dem Individuum zuschreibt (die Priesterin, der Patriarch),
  • sozialen Differenzierungen (die Physiklehrerin, der Industriemeister),
  • situationsbezogenen Rollen wie Augenzeugin, Aufzugfahrer und
  • biosoziologisch begründeten Rollen, z. B. die Dicke, der Albino.
  • Geschlechterrollen werden je nach Standpunkt als soziale Rollen oder biosoziologische Rollen oder eine unterschiedlich gewichtete Verbindung beider Rollenmodelle beschrieben.

Soziale Akteure befinden sich ihr Leben lang in unterschiedlichen sozialen Rollen; mitunter agieren sie in mehreren Rollen gleichzeitig in sozialen Umfeldern, die sich nur in geringem Maße überschneiden. Im Laufe der Sozialgeschichte entstehen neue soziale Rollen, wandeln sich und gehen unter.

Das Rollenhandeln wird von folgenden Aspekten beeinflusst:

  • Die Normen, die eine Position determinieren,
  • eine Reihe von fremden oder eigenen Erwartungen, die an einen Akteur in einer bestimmten sozialen Position gestellt werden siehe auch Rollenerwartung,
  • die positiven und negativen sozialen Sanktionen, mit denen andere Akteure einen Rollenspieler beeinflussen wollen und können. An diesen drei sozialen Tatsachen orientieren Akteure offen oder verborgen ihre eigenen Handlungen und bewerten Beobachter sowie
  • die Handlung anderer.

Heinrich Popitz definiert soziale Rolle entsprechend als Bündel von Verhaltensnormen, die eine bestimmte Kategorie von Gesellschafts- bzw. Gruppenmitgliedern im Unterschied zu anderen Kategorien zu erfüllen hat. Verhaltensnormen sind dabei Verhaltensweisen, die von allen oder einer bestimmten Kategorie von Gesellschafts- oder Gruppenmitgliedern in einer bestimmten Konstellation regelmäßig wiederholt und im Fall der Abweichung durch eine negative Sanktion gegen den Abweichler bekräftigt werden.[18] Die Rolle klassifiziert somit die Stellung des Rolleninhabers in einem sozialen Gefüge mit bestimmten Rollenerwartungen, die sich von den Bezugsgruppen (Peergroups) ableiten. Die verschiedenen Bezugsgruppen stehen dabei ebenfalls in Interaktion miteinander, und deren Rollensegmente (Erwartungen einer Bezugsgruppe) können miteinander harmonisieren oder im (Rollen-)Konflikt miteinander stehen. Eine große soziale Kompetenz einer Rolle ist die Empathie, welche das Einfühlungsvermögen und somit die Berechenbarkeit einer anderen Rolle nutzbar machen kann. Das Ausmaß individueller Ausgestaltungsmöglichkeiten und Freiheitspielräume innerhalb von sozialen Rollen wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Die soziale Einbindung und wechselseitige Abhängigkeit spiegelt sich auch im Menschenbild der Psychotherapie: Der Mensch, der „Hauptakteur auf der Bühne des Lebens [,…] kann seine Geschichte nicht spielen ohne seine Mitspieler, die ihm seine Rolle zugestehen“.[19]

Interessant dabei aus meiner Sicht der Bereich der biotischen Rolle als Schnittstelle zwischen Biologie und Soziologie

Grenzbereich zwischen Soziologie und Biologie

Es gibt Rollen, die eng mit der (bio)soziologischen Tierhaftigkeit des Menschen verquickt sind, auch „biotische“ Rollen genannt. So kennen auch andere Primaten als der Mensch offenbar „den Großen“ oder „den Lauten“ und entwickeln in Gruppen besondere Verhaltensformen ihm gegenüber, wie auch er gegenüber den Anderen. Solche Rollen wurden in der Soziologie selten thematisiert, eine Ausnahme war Dieter Claessens in Rolle und Macht[23] und Das Konkrete und das Abstrakte.[24] Für das Verhalten des Kleinkindes sind solcherlei Rollen vermutlich besonders bedeutsam, denn es hat die sozialen Rollen im engeren Sinn – also die kulturellen, differenzierten oder situationalen Rollen – noch gar nicht internalisiert; „ein Fremder neben/über mir“ (der „Schwarze Mann“) erscheint ihm vermutlich einfach in der biotischen Rolle des gefährlichen Fressfeindes.

Hier würde ich den Bereich wohl deutlich weiter ziehen als dies in der Soziologie gemacht wird. Die biotische Rolle ist aus meiner Sicht wohl die entscheidenste Rolle bzw. die, die dringend mehr Beachtung innerhalb der Soziologie bekommen sollte.

Es findet sich auch noch ein Abschnitt zur Kritik:

Kritik des Rollen-Begriffs

In akteurbezogenen, oft mikrosoziologisch fokussierten soziologischen Theorien wird das Konzept der „sozialen Rolle“ in aller Selbstverständlichkeit angewandt (vgl. Literatur). Distanziert bis ablehnend stehen ihm hingegen kollektivbezogene Theorien – zum Beispiel der Strukturfunktionalismus oder die Ethnomethodologie gegenüber. Denn sie fassen die stets notwendigen Rollen-Kompromisse der Akteure eher als ein Fehlverhalten oder als „eurozentrisch“ auf und analysieren sie mit anderen Begriffen, etwa als „dysfunktional“ oder als „kulturimperialistisch“. Wo „Theorien der Gesellschaft“ von „soziologischen Theorien“ unterschieden werden, etwa im Marxismus oder in der Systemtheorie, da wird „Rolle“ entweder als gefährlicher Konkurrenzbegriff vehement zurückgewiesen, oder er wird einfach übergangen: Frigga Haug beanstandete als Marxistin, dass sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre ökonomischen Bedingungen als auch das dialektische Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft mit dem Begriff „Rolle“ in das Individuum verlegt werden; die Theatermetapher „Rolle“ erleichtere zudem die Selbsttäuschung. Rollenforderungen stellen demnach eine äußere Übermacht dar, bei der die Gefahr besteht, dass das Individuum sich in die „innere Emigration“ zurückzieht – siehe dazu Rollendistanz. Gesellschaftliche Verhältnisse erscheinen dementsprechend fälschlich als unveränderbar.[25] Eine systemtheoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der „Rolle“ steht noch aus. Die australische Männerforscherin Raewyn Connell bemängelt am kulturellen Rollenbegriff, dass gerade „Männlichkeit“ gar kein Rollenverhalten, sondern eine gesellschaftliche Praxis sei.[26] In ähnlicher Weise spricht auch Pierre Bourdieu von einer „Geschlechter-Praxis“ (einem geschlechtsspezifischen Habitus)

Die „normale“ Rolle wäre also zu individualistisch, es würde zu sehr betont, dass jeder seine eigene Rolle schaffen kann, weswegen im Feminismus eher die kollektivbezogenen Rollentheorien vorherrschen.

Deswegen wird in diesen Bereichen eher auf gesellschaftliche Praxis, Strukturen etc abgestellt, wenn ich es richtig verstehe

Habitus nach Bourdieu

Ein in der Soziologie verbreiteter Begriff ist wohl der des Habitus:

Habitus (lateinisch habitus = „Gehaben“, von habere = „haben“) ist ein Ausdruck für das Auftreten oder Benehmen eines Menschen; für die Gesamtheit seiner Vorlieben und Gewohnheiten bzw. für die Art, sich zu verhalten.

In der Soziologie wurde der Begriff „Habitus“ von Norbert Elias und Pierre Bourdieu zum Fachterminus erhoben. Bei Elias bezeichnet der Begriff „sozialer Habitus“ Gewohnheiten im Denken, Fühlen und Handeln, die Mitgliedern einer Gruppe gemeinsam sind (gleichbedeutend „soziale Persönlichkeitsstruktur“: die den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsamen psychischen Merkmale). Nach Bourdieu bezeichnet „Habitus“ das gesamte Auftreten einer Person, im Einzelnen also z. B. den Lebensstil, die Sprache, die Kleidung und den Geschmack. Am Habitus einer Person lässt sich ihr Rang oder Status in der Gesellschaft ablesen. Durchaus möglich ist allerdings auch, dass eine Person mit einem der sozialen Schicht angemessenen Habitus durch verschiedenste Einflüsse in eine tiefere oder höhere soziale Schicht absteigt bzw. aufsteigt. Der Habitus ändert sich (zumindest kurzfristig) nicht.

Soweit, so gut. Der Begriff scheint also nicht ganz einheitlich verwendet zu werden. Einmal geht es um gewisse Gemeinsamkeiten, die Mitglieder einer Gruppe haben, das andere mal um das Auftreten einer Person. Letzteres scheint mir die auch umgangssprachlich gebräuchlichere Variante zu sein, wie auch die ganz oben stehende Definition zeigt.

Habitus wäre insofern ein Verhalten, mit dem Status und Position in einer Hierarchie angezeigt werden können und die für die jeweilige Position kulturell zugeordnet werden.

Habitus wird insofern auch immer einen biologische Komponente haben, weil Statusverhalten und Auftreten auf biologischen Grundlagen beruhen und zwar verschieden kulturell ausgeprägt sein können, aber dabei im Grundsatz Gemeinsamkeiten aufweisen. Jemand wird üblicherweise als statushoch verstanden, wenn er  die Regeln macht, die Anordnungen gibt, Respekt verlangt und erhält und Zeichen von hohen Ressourcen, Intelligenz und anderen Indikatoren besitzt, die vermuten lassen, dass er einen hohen Paarungswert hat. Unsere gesellschaftlichen Regeln dienen insoweit der Abgrenzung und Personen aus einem „Höheren Stand“ werden üblicherweise die kompliziertere Sprache haben, die die „niedrigeren Stände“ nicht ohne weiteres imitieren können.

Aus meiner Sicht ein gutes Beispiel für jemand der den Habitus einer höheren sozialen Schicht zeigt, dabei aber einer niedrigeren Schicht angehören soll, ist Jack Dawson (Leonardo DiCaprio, Titanic), der einen statushohen Habitus, ein Alpamannverhalten, eine gehobene Sprache, Gelassenheit und Abgebrühtheit zeigt und sich schnell in die als überstarr dargestellten Regeln des höheren Standes einfindet und sich sogar noch über sie lustig macht und dadurch einen höheren Status anzeigt (und danach die Frau in seine viel lebensfrohere Welt zieht und sie so erobert).

Aber zurück zum Habitus nach Bourdieu:

Habitus“ umfasst für Bourdieu zunächst die objektive Kategorisierung von Angehörigen bestimmter sozialer Klassen innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen und darüber hinaus ein auf das Subjekt bezogenes Konzept der Verinnerlichung kollektiver Dispositionen.

Der Habitus ist ein Erzeugungsprinzip von Praxisformen und Verhaltensstrategien eines sozialen Akteurs. In Bezug auf eine der drei zentralen Strukturkategorien der Gesellschaft, auf die soziale Klasse, wird die Ausprägung des Habitus unter anderem von der Teilhabe an den gesellschaftlichen Gütern abhängig. Dabei spielen das ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische Kapital eine entscheidende Rolle.

Es scheint also um eine sozialkonstruktivistische Theorie zu handeln. Über den Habitus wird geregelt, wie sich jemand verhalten darf, wenn er einer bestimmten Klasse zugehörig sein möchte .

Um die Funktionsweise des Habitus klarzustellen, muss man erstens verstehen, was Bourdieu unter der „generativen Grammatik“ versteht und zweitens muss man den Habitus im sozialen Kontext, vor allem in Bezug auf die drei zentralen Kategorien der Gesellschaft – soziale Klasse, Geschlecht und soziales Feld betrachten.

Hier wird also das Geschlecht eine der drei Kategorien der Gesellschaft.

Um die Funktionsweise des Habitus klarzustellen, muss man erstens verstehen, was Bourdieu unter der „generativen Grammatik“ versteht und zweitens muss man den Habitus im sozialen Kontext, vor allem in Bezug auf die drei zentralen Kategorien der Gesellschaft – soziale Klasse, Geschlecht und soziales Feld betrachten

Zur generativen Gramatik:

1. Generative Grammatik: In Anlehnung an Noam Chomskys Analyse der Sprachprozesse entwickelt Bourdieu diese Seite des Habitus. Noam Chomsky untersuchte das Sprechverhalten der Menschen und ist zu mehreren Ansichten gekommen. Das Wichtigste für das Verständnis des Habitus ist nach Bourdieu die Annahme, dass soziale Subjekte über ein System generativer Strukturen verfügen, die ihnen ermöglichen, unendlich viele Äußerungen zu erzeugen und damit auf jede mögliche Situation im Leben zu reagieren. Dies verhalf Bourdieu zur Konstruktion des Habitus als generative Grammatik.

Man muss im Zusammenhang mit Noam Chomsky klarstellen, dass Bourdieu von Chomsky nur diesen Ansatz übernahm und weiterentwickelte. Chomskys Annahme, dass Sprecher ihre persönliche Sprechweise von einer angeborenen Universalgrammatik ableiten, lehnte Bourdieu ab. Bourdieu definiert den Habitus als eine erworbene (nicht als angeborene) und als erfahrungsabhängige Konstruktion

Also Sprache, die ein bestimmtes System hat, innerhalb der mit ihr freie Konstruktionen erzeugt werden können. Bisher aus meiner Sicht keine so weltbewegende Einschätzung.

2a. Habitus und soziale Klasse: Mit der sozialen Klasse sind die vertikalen Ungleichheiten der Gesellschaft und die ungleiche Teilhabe der sozialen Subjekte an gesellschaftlichen Gütern gemeint. Man unterscheidet unter mehreren Kapitalformen, die für die Definierung der Klassen eine grundlegende Bedeutung haben. Es handelt sich um

  • ökonomisches Kapital,
  • kulturelles Kapital,
  • symbolisches Kapital und
  • soziales Kapital.

Mit dem ökonomischen Kapital sind die materiellen Ressourcen, über die ein soziales Subjekt verfügt, gemeint. Die akademischen Titel, erworbene Praktiken bilden kulturelles Kapital. Mit symbolischem Kapital sind Prestige und Anerkennung in der Gesellschaft gemeint. Die sozialen Beziehungen sind die Grundlage für soziales Kapital.

Also der Habitus bildet sich aus den Ressourcen, den akademischen Titeln als Zeichen von zum einen Intelligenz aber auch guter Ausbildung, den Praktiken, die jeweils bezeichnend für die jeweilige Klasse sind, mit Prestige und Anerkennung oder auch Ruhm oder Wertschätzung und schließlich die Beziehungen untereinander.

Meiner Meinung nach kann man das alles wesentlich präziser in einen evolutionär biologischen Zusammenhang darstellen. Ökonomisches Kapital sind auch hier Ressourcen, die Anzeigen, dass man sowohl die Möglichkeiten hat, sie zu besorgen als auch die Fähigkeiten, sie zu verteidigen, nachdem man sie erworben hat.

Kulturelles Kapital sind costly Signals für Intelligenz (eine Havardausbildung oder der Doktortitel sind gute Möglichkeiten die Qualität der eigenen Gene aufzuzeigen und werden auch beispielsweise von Geoffrey Miller in „The Mating Mind aufgeführt) und erworbene Praktiken sind Gruppenzugehörigkeiten zu einer Gruppe mit einem bestimmten Status. Prestige und Anerkennung sind ein Zeichen, dass man seinen Wert bereits früher unter Beweis gestellt hat oder zumindest aus einer Familie kommt, die dies getan hat also ein Anzeichen, dass auch andere von guten Genen ausgehen. Beziehungen untereinander stellen die Eingebundenheit in die Gruppe dar und sind damit ebenfalls ein Zeichen zum einen für den Einfluss innerhalb der Gruppe als auch für das Potential etwas in der Gruppe zu erreichen und nach oben zu kommen. Auch dies sind klassische Zeichen guter Gene.

Wenn eine Gruppe von sozialen Subjekten ähnliche Vorlieben vorweist und sich außerdem in ähnlichen sozialen Verhältnissen befindet, beobachtet man gewisse Gemeinsamkeiten. Diese gemeinsamen habituellen Strukturen sind nach Bourdieu für eine bestimmte soziale Klasse typisch. Diese gemeinsamen habituellen Strukturen bezeichnet der Begriff „Klassenhabitus“. Der klassenspezifische Habitus kann durch das Handeln der sozialen Subjekte, die einer Klasse angehören, rekonstruiert werden. Damit ist das Handeln der Klassenzugehörigen für andere Mitglieder der Gruppe leicht nachvollziehbar und erklärbar.

Die Klassen geben sich insoweit also bestimmte Rituale und Verhaltensweisen, die eine Zuordnung leichter machen. Das würde ich zum Teil auch so sehen. Man sollte allerdings auch nicht vergessen, dass bestimmte Verhaltensweisen auch bestimmte Möglichkeiten erfordern. Ein hoher Sprachschatz angereichert mit Fremdwörtern etc. setzt neben dem Zugang zu diesem Wissen auch eine gewisse Intelligenz voraus, ohne die der Sprachschatz meist nicht zutreffend eingesetzt werden kann.

Nun aber zum eigentlichen Thema des Blogs, dem Geschlecht:

2b. Habitus und Geschlecht: Mit dieser Strukturkategorie ist die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann gemeint. Diese gesellschaftliche Strukturierung ist in jeder Gesellschaft vorfindbar.

Diese gesellschaftliche Strukturierung ist in jeder Gesellschaft vorhanden, weil die Arbeitsteilung eines der Erfolgsmodelle der Evolution ist. Mit ihr wurde eine weitergehende Spezialisierung möglich, die auch notwendig war, da zum einen die Kinderbetreuung bei Menschen eine der aufwändigsten, wenn nicht die aufwändigste der Lebewesen ist und zum anderen der Mann sich damit weiterentwickeln konnte um sich für andere Aufgaben – intrasexuelle Konkurrenz, Schutz, Wettbewerb und Ressourcenbeschaffung über Jagd – zu spezialisieren.

Nach Bourdieu wird durch diese grundlegende Strukturkategorie der Gesellschaft das Herrschaftsverhältnis impliziert. Mit dem Verständnis von Zweigeschlechtlichkeit und mit der Hervorhebung der männlichen Herrschaft ist das Herrschaftsverhältnis in unserer modernen Gesellschaft besonders gut begreifbar.

Warum muss eigentlich jeder sofort in das Geschlechterverältnis ein eindeutiges Machtverhältnis hineindeuten, wenn die Beziehung der Geschlechter untereinander von einer gegenseitigen Beeinflussung bestimmt ist? Natürlich ist es einfach, eine männliche Herrschaft aufgrund der höheren Körperkraft und der häufig dominanteren Art herzuleiten aber das unterschätzt auch die Einflussmöglichkeiten der Frauen über Männer und deren Beteiligungen an der Ausgestaltung der Geschlechterverhältnisse.

Und auch da Herumhacken auf der Zweigeschlechtlichkeit ist aus meiner Sicht wenig nachvollziehbar, weil diese zwei Geschlechter nun einmal diejenigen sind, die sich evolutionär auswirken und auch den jeweiligen Hauptfall darstellen. Natürlich gibt es gewisse Mischfälle und fließende Übergänge, aber diese betreffen einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft.

Die Zweigeschlechtlichkeit ist ein Unterscheidungsprinzip, das bei den Individuen von früher Kindheit an besonders ausgeprägt ist.

Was auch kein Wunder ist, da diese Unterscheidung einen starken biologischen Anteil besitzt

Diese Kategorie spielt eine große Bedeutung bei der Herausbildung des Habitus. Geschlechter sind als polare entgegengesetzte Kategorien, nicht wie ein Klassifikationssystem, konstruiert. Das geschlechtsspezifische Verhalten ist im Habitus besonders tief eingeprägt und beeinflusst intensiv das soziale Verhalten

Im Zusammenhang mit der Kategorie Geschlecht verwendet Bourdieu den Begriff der symbolischen Gewalt. Mit der symbolischen Gewalt ist eine mittelbare Form der Gewaltausübung gemeint. Charakteristisch für die symbolische Gewalt ist das nicht bewusste Einverständnis der Beherrschten (Frauen) gegenüber der herrschenden Ordnungsvorstellung. Beide Seiten, die Herrschenden (Männer) und die Beherrschten (Frauen), müssen dafür über ein Verhaltenssystem, über einen Habitus verfügen, in dem dieses Herrschaftsverhältnis eingeprägt ist.

Das klingt so ähnlich wie bei Foucault. Die symbolische Gewalt sind dort die gesellschaftlichen Regeln, die der Machtabsicherung dienen. Der Rest ergibt sich eigentlich schon aus den Grundlagen der Theorie.  Weil Frauen unterdrückt sind, muss über sie Macht ausgeübt werden. Deswegen muss es ein geheimnisvolle Macht geben, die es den Männern erlaubt, diese Macht aufrechtzuerhalten, ohne das die Frauen sich wirklich wehren. Die Begründung ist dann immer, dass der jeweilige Unterdrückte so in Regeln eingebunden ist, dass er nicht denken kann und deswegen die Regeln einfach akzeptiert.

Dabei gibt es eine viel einfachere Erklärung: Frauen sind einverstanden und es gibt keine geheimnisvolle Unterdrückung. Das Rätsel löst sich auf, wenn man berücksichtigt, dass Frauen anders sind als Männer und – natürlich nur im Schnitt – anderes wollen als Männer. Viel mehr Frauen als Männer wollen nicht in einem stressigen Wettbewerb stehen und um Status und Macht kämpfen. Sie bevorzugen es, wenn Männer diesen Wettbewerb unter sich ausüben und partizipieren an deren Früchten, in dem sie arbeitsteilig andere Arbeiten übernehmen, die Männer lieber ausführen wollen.

So muss man sich die Frage stellen, warum auch in unserer modernen Gesellschaft die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann nicht vollkommen stattgefunden hat. Bourdieu erklärt dieses Phänomen damit, dass der Habitus so tief „verwurzelt“[1] ist, dass er die erlernten (patriarchalen) Verhaltensweisen und das geschlechtsspezifische Verhalten in der Praxis (oder besser in der Mehrzahl, den Praxen) des sozialen Lebens „vorstrukturiert“.[2] Dies führe dazu, dass die Frauen unbewusst die männliche Herrschaftsordnung akzeptieren und diese selbst wiederum aktiv reproduzieren.

Hier sieht man gut, dass im letztendlich die Antworten fehlen. Einfach auf eine tiefe Verwurzelung zu verweisen macht die Sache sehr einfach. Überall veränderten sich die Geschlechterrollen, Frauen sind Anwälte, Bundeskanzlerinnen oder Unternehmerinnen, aber der Habitus ist einfach ansonsten zu tief verwurzelt und das Schreckgespenst der patriarchalen Lebensweise hält die Frauen in Schach. Die Frauen fahren unbewußt auf dieser Linie und bekommen es gar nicht mit.

Es ist aus meiner Sicht eine sehr einfache Sicht der Dinge, die die Geschlechterrollen und die jeweiligen Vorteile und Nachteile, die sie jeweils haben eben so wenig berücksichtigt wie die verschiedenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Auch hier ist die Grundlage der Theorie die Gleichheit der Geschlechter, die durch die erlernten Vorstrukturierungen aufgehoben wird.

2c. Habitus und soziales Feld: Mit dem sozialen Feld ist die funktional-differenzierte arbeitsteilige Gliederung der Gesellschaft gemeint. Ein soziales Feld ist nach Bourdieu ein Kräftefeld, in dem die Beteiligten um Macht konkurrieren. Die Beteiligten versuchen, ihre Positionen und Repräsentationen durchzusetzen. Bourdieu vergleicht das soziale Feld mit einem Spiel. Jedes soziale Feld verfügt über eigene, für das soziale Feld typische Funktionsweisen mit spezifischen Grundsätzen. Für die Existenz eines sozialen Feldes ist die Identifizierung der Beteiligten mit diesem Funktionssystem wichtig – die Beteiligten machen es zu ihrem Beruf. Die spezifische Funktionsweise und die für das soziale Feld typischen Grundsätze sind bei den beteiligten sozialen Subjekten tief eingeprägt. Sie sind ihnen zur Natur geworden und werden im Habitus gespeichert.

Hier hat die Kultur einen starken Einfluss bei einem Spiel, dass sich aus der Natur ergibt. Wir kämpfen um Macht und soziale Anerkennung, weil wir im Herzen Primaten sind und als Gruppentiere die Position innerhalb der Gruppe ein wichtiges Merkmal für gute Gene ist. Die Regeln könnten dabei in den Kulturen verschieden ausgestaltet sein und unterliegen in der Tat einer starken Gewöhnung. Ein Stammeskrieger, bei dem man erst zum Mann wird, wenn man einen Gegner getötet hat, hat andere Vorstellungen von dem Spiel als jemand, der sich um eine gute Ausbildung bemüht, um dann eine hohe und gut bezahlte Position zu erhalten. Einer Frau des Typs Millionärsgattin mag hoher Status in einem eigenen Job mit vielen Überstunden weniger wichtig oder prestigeträchtig erscheinen als der Mann an ihrer Seite und die neuste Mode, die Einladung zu den wichtigsten Parties und das Gefühl gut in das soziale Leben eingebunden und von anderen wichtigen Leuten akzeptiert zu sein.

Im ganzen finde ich Bourdieu etwas „unterkomplex“. Er stellt gerade im Geschlechterverhältnis auf falsche Grundlagen ab.

Interessantes zu seiner Berücksichtigung im Feminismus:

Pierre Bourdieus Buch „Die männliche Herrschaft“ löste Ende der neunziger Jahre in Frankreich heftige Debatten aus. Feministinnen warfen ihm vor, er argumentiere einseitig und vernachlässige die Publikationen der Gender Studies. Vor allem, so der Einwand, zeige Bourdieu keinerlei Perspektive auf, um die männliche Herrschaft zu überwinden. (…)

Und nun gibt sich Pierre Bourdieu sogar als Theoretiker des Feminismus zu erkennen. In Die männliche Herrschaft träumt er von einer starken feministischen Bewegung – einer Bewegung, die sich einreiht in die Avantgarde der fortschrittlichen Kräfte. (…)

Deswegen nennt Pierre Bourdieu sein Vorgehen „objektive Archäologie unseres Unbewussten“ (S. 10). Ihr geht es um das Enthüllen von Machtmechanismen, die selbst an entlegendsten Orten Ähnlichkeiten aufweisen. Bourdieu versteht diese stillschweigenden Unterwerfungen als symbolische Gewalt: Es ist jene sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt, die im wesentlichen über die rein symbolischen Wege der Kommunikation und des Erkennens, oder genauer des Verkennens, des Anerkennens oder, äußerstenfalls, des Gefühls ausgeübt wird (S. 8). Die symbolische Gewalt findet Bourdieu in den Grundformen männlicher Herrschaft und weiblicher Zustimmung wieder. Sie manifestiert sich in einem System geschlechtlicher Unterschiede, die der französische Soziologe zu Konstanten menschlicher Verhaltensweisen erklärt. Was bedeutet es aber, wenn Bourdieu von Invarianz spricht? Findet man sie ebenso in den Sprach- und Verhaltenscodes der Kabylen und in denen westlicher Gesellschaften? Anders gefragt: Ist das konstante Schema, das Bourdieu für die Ausprägung männlicher Herrschaft verantwortlich macht, wirklich überall auffindbar? Als ein Schema, das dem Mann das Hohe, das Oben, das Gerade, das Trockene, das Harte, das Helle und das Öffentliche zuweist? Und entsprechend der Frau das Tiefe, das Unten, das Krumme, das Feuchte, das Weiche, das Dunkle und das Private? Es hat den Anschein, dass Pierre Bourdieu von einer traditionellen wissenschaftlichen Prämisse ausgeht: Er möchte zunächst eine idealtypische Geschlechterkonstellation aufzeigen. Diese ins Extreme verformte Konstellation männlicher Herrschaft und weiblicher Unterwerfung findet Bourdieu bei den algerischen Berbern, während er in den westlichen Gesellschaften die Entwicklung subtilerer Herrschaftsformen entdeckt. Diese Prämisse, die Annahme einer universellen Ausformung der geschlechtsspezifischen Gegensätze, lässt Bourdieu an eine Allmacht der Struktur glauben. Deswegen kostet es ihm einige argumentative Verrenkungen, den Gegenbewegungen den ihnen gebührenden Platz einzuräumen.

Das Problem des Feminismus ist also, dass bei Bourdieu ein Aussteigen schwierig ist. Er hat eine sehr starke Struktur, die sich nicht ohne weiteres umstürzen lässt.

Pierre Bourdieu erzählt den Ursprungsmythos der Kabylen. Er berichtet vom ersten Mann und der ersten Frau, von ihrer Begegnung an einem Brunnen und dem darauffolgenden Geschlechtsverkehr, bei dem die erfahrene Frau den unkundigen Mann in den Liebespraktiken unterweist. Bis zu diesem Zeitpunkt herrschte noch eine „verkehrte“ Welt vor, da die Frau die obere Position beanspruchte. Das sollte sich aber schnell ändern: Eines Tages sagte der Mann zur Frau: ‚Ich möchte dir auch etwas zeigen; ich weiß auch etwas. Leg dich hin und ich leg mich auf dich.‘ Die Frau legte sich auf den Boden, und der Mann legte sich auf sie. – Er empfand dasselbe Vergnügen und sagte zur Frau: ‚Am Brunnen bist du es [die das Sagen hat], im Haus bin ich es.‘ Im Kopf des Mannes sind es immer die letzten Worte, die zählen, und seither lieben es die Männer, auf die Frauen zu steigen. So kam es, dass sie die Ersten wurden und dass sie regieren müssen.

Auch ein erschreckend einfaches Weltbild. Die Sexposition entscheidet darüber, wer das sagen hat. Immerhin hätte das bei feministischen aufgreifen ja auch Vorteil, da unten liegen ja auch ganz bequem ist.

So oder ähnlich, meint Pierre Bourdieu, habe sich die männliche Herrschaft in allen Gesellschaften entwickelt. Ihr Gefüge ist deswegen so unerschütterlich, weil sie sich niemals rechtfertigen muss. Wird sie dennoch angegriffen, dann gilt dies als Verstoß gegen die Naturordnung. Gegen eine Ordnung, die biologische Geschlechtsunterschiede und gesellschaftlich sanktionierte Geschlechtsteilung zusammenschweißt. „Willkürliche Konstruktion des Biologischen“ (S. 44) nennt dies Bourdieu. Dass diese Konstruktion von den Beteiligten, von den Herrschenden und den Beherrschten, nicht durchschaut wird, liegt für Bourdieu an einem Verblendungszusammenhang. Um diesen fatalen Zusammenhang für alle durchschaubar zu machen, verlangt er eine „historische Archäologie des Unbewussten“ (S. 97). Historisierung des mythischen Verblendungszusammenhangs lautet Bourdieus Devise. Erst wenn erkannt wird, dass auch diese Herrschaft ihren Ursprung hat, dass die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen zu Instrumenten männlicher Herrschaftssicherung geworden sind – erst dann ist wirklicher Wandel möglich.

Also doch ein Ausstieg möglich. Es muss eben die Einsicht kommen, dass es alles auch anders geht. Insofern wäre Bourdieu sicherlich für den Feminismus sicherlich verwertbar. Aber auch hier wäre wohl eine Dekonstruktion vorzunehmen.

Biologische Faktoren vs. Erziehung: Auswirkungen bei den Geschlechterrollen

Eine interessante Studie befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen den biologischen Einflüssen und familiären und erzieherischen Einflüssen:

The top line of Figure 1 shows the effect of increasing mother’s encouragement of femininity for women with low exposure to androgen. For these women with low exposure to androgen, mother’s encouragement of femininity has a strong effect on gendered behavior in adulthood. The bottom line in Figure 1 shows the effect of increasing mother encouragement on femininity for women with high exposure to androgen. The line is generally flat, indicating that no matter how much encouragement the mother provides it has little effect, and the daughter remains more masculine than average. Thus, Figure 1 shows that high prenatal androgen exposure „immunizes“ daughters to the effects of feminine socialization. The limits of female gender socialization can be illustrated another way. After respondents were asked to indicate which behaviors their parents encouraged, they were asked to indicate for each behavior whether their parents encouraged the behavior in order to reinforce their daughter’s natural tendencies or because their daughter was below average on the behavior. The number of times the respondent checked encouragement of female-typical and male-typical behaviors because she was below average on the behavior were counted separately, and the female score was subtracted from the male score to create a variable called „remedial socialization.“ The higher the remedial socialization score, the more the parents appeared to be working to encourage female behaviors because the daughter was „insufficiently feminine.“ Table 4 shows the results when the remedial socialization variable is added to the hormone model (shown in Table 2). Its effect is significant, generally additive to the model, and it has a positive coefficient, indicating that the more the parents worked to improve below average femininity, the less  feminine the daughters were in adulthood. Respondent answers indicate that if a daughter has natural tendencies to be feminine, encouragement will enhance femininity; but if she has below average femininity in childhood, encouraging her to be more feminine will have no effect

Frauen, die bereits den Hormonen nach ein sehr feminines Gehirn hatten waren leicht dazu zu bewegen, sich sehr weiblich zu verhalten, Frauen, die ein den Hormonen nach sehr männliches Gehirn hatten, waren hingegen nicht dazu zu bewegen, im Gegenteil, sie verhielten sich dann eher noch unweiblicher. (vgl. zu Bekräftigungstheorien etc)

Bei Familieneinfluss sieht es ähnlich aus:

Table 5 shows that the importance of time spent with family interacts with second-trimester SHBG (our inverse testosterone effect) in predicting adult femininity. This interaction is graphed in Figure 2, in which the equation for Table 5 is evaluated at five levels of SHBG in standardized units. Figure 2 shows that for those who, as adolescents, answered that time with their families would be very important to them a decade later (a distinctly feminine response), their values on gendered behavior at adult hood were clustered and slightly above average in femininity, showing only a moderate effect of their differential prenatal androgen exposure. But for those who as adolescents said that time with their families would not be important at all to them a decade later, their values on gendered behavior as adults are widely dispersed and depend heavily on their prenatal androgen exposure. Those most highly androgenized in the second trimester are three standard deviations more masculine than those least androgenized. Figure 2 demonstrates how prenatal hormone experience continues to influence the trajectories of women’s gendered behavior during adulthood. A decade of young adult life separates the adolescent attitudes and the adult measure of gendered behavior. This is a decade during which many opportunities are encountered and many choices are made. During this period, those who held equally nonfamily-oriented attitudes in adolescence arrived at quite different gendered behavior by the end of their third decade of life. Those most androgenized prenatally drifted most toward more masculine behavior.

Also ein deutlicher Einfluss der Hormone, allerdings auch ein Einfluss der Einbindung in die Familie. Um so weiter die jeweilige Biologie von dem eigenen Phänotyp entfernt war, um so weniger konnte die Familie ausrichten. Bestand kein großer Bezug zur Familie, dann setzte sich die Biologie durch. Allerdings ist hier noch nicht berücksichtigt, dass Mütter ihre Kinder gerade dann in dem Verhalten bestärken werden, wenn sie merken, dass das Kind dies gut aufnimmt, eben weil es sehr weiblich ist.

Dazu auch die in der Studie angeführte Grafik:

Udry Testosteron und Erziehung

Man sieht gut, dass Frauen, die einen niedrigen Testosteronspiegel hatten, durch eine weibliche Erziehung sehr stark beeinflusst werden, die mit einem hohen Testosteronspiegel aber sogar ein „Abwehrverhalten“ auf eine zu weibliche Erziehung zeigen und dann noch  männlicher werden.

Seine Erwartungen bezüglich der Anfälligkeit bei Männern für soziale Beeinflussung:

I now explore the implications of the fact that the models predicting gendered behavior show that high prenatal androgenization of females not only masculinizes their gendered behavior predispositions at later ages, but immunizes them against socialization toward typical feminine behavior. Generalizing this effect to males, we should predict that males‘ much higher prenatal androgenization (perhaps tenfold that of females), caused by testosterone from their own testes, not only masculinizes their later gendered behavior predispositions, but also immunizes them against later feminizing socialization. The only males that would not be highly immunized against feminizing socialization would be those who as fetuses had androgen exposures as low as females. These would be rare clinical cases. So in a general way simply by being male, males can be thought of as highly immunized against feminine socialization by prenatal androgenization.

Da wäre dann eben die Frage, ob Männer und Frauen in diesen Punkten direkt vergleichbar sind.

Aus der Schlußfolgerung:

A biosocial macro theory is simple: Humans form their social structures around gender because males and females have different and biologically influenced behavioral predispositions. Gendered social structure is a universal accommodation to this biological fact. Societies demonstrate wide latitude in this accommodation-they can accentuate gender, minimize it, or leave it alone. If they ignore it, it doesn’t go away. If they depart too far from the underlying sex-dimorphism of biological predispositions, they will generate social malaise and social pressures to drift back toward closer alignment with biology. A social engineering program to degender society would require a Maoist approach: continuous renewal of revolutionary resolve and a tolerance for conflict. But if a degendered (or post-gendered) society is the goal, our micro-models offer some guidelines. It may be easier to degender society by changing female behavior to more closely coincide with the present behavior of males rather than the reverse.

Zu dem Artikel fand ich zudem die folgende Anmerkung in „The Evolution of Human Sociality: A Darwinian Conflict Perspective“ S. 214:

Udrys finding that socialization affects gender role behavior perhaps qualifies but does nor contradict the findings of GearY (1998) and Lytton and Romney (19919 that there is little differential sex role socialization currently taking place in Western societies. Udry is focusing only on the degree of masculinity or femininity, whereas Geary and Lytton and Romneys focus is considerably broader,  they are looking at such things as encouragement or discouragement of achievement, strictness of parental discipline, restrictiveness. and clarity of communication. Differential sex role socialization docs occur, but only in certain areas. Moreover, Udry perhaps overstates die importance of sex role socialization for masculinity or femininity because he, like virtually all sociologists, is still caught in the trap of thinking of socialization as something entirely separate from biology,  the fact that mothers encourage femininity in their daughters and fathers masculinity in their sons is clearly closely tied to the fact that mothers arc themselves already more feminine and fathers are themselves already more masculine. Hie encouragement of femininity in girls is the norm because mothers recognize that die female sex really is more feminine, fathers that the male sex really is more masculine. Socialization is itself a biologically driven phenomenon to a very large extent, and the encouragement of femininity- in girls and masculinity in boys is a human universal.

Was aus meiner Sicht ein durchaus berechtigter Hinweis ist. Sozialisation erfolgt eben durch Eltern, die wiederum ihrer Biologie unterliegen und sich hiervon nicht frei machen können.

Soziologische Theorien zu den Geschlechtern

Leser Chomsky schrieb in einem Kommentar das Folgende:

Ich würde mal behaupten, dass folgende Theorien realtiv gut empirisch abgesichert sind:

Wie gesagt: Die Entwicklungspsychologie geht von einer Überdeterminierung der Geschlechtsidentität aus.

Bekräftigungstheorie:

Imitationstheorie:

Kognitive Ansätze:

Geschlechtsschema-Theorien

Ich habe dazu mal gesucht:

1. Bekräftigungstheorie

Die Bekräftigungstheorie beinhaltet laut KASTEN (2003: 36), dass Jungen und Mädchen schon sehr früh, wahrscheinlich im Kleinkindalter schon, für Verhalten, dass ihrem Geschlecht angemessen erscheint, bekräftigt werden. Bekräftigung erfolgt durch Lob, Anerkennung, Belohnung o. ä. Dem Geschlecht unangemessene Verhaltensweisen werden hingegen nicht bekräftigt, sondern sogar bestraft, missbilligt oder einfach ignoriert. Die Bekräftigungstheorie basiert darauf, dass bestimmte dem Geschlecht entsprechende Verhaltensstereotype existieren und Eltern ihre Kinder diesen Stereotypen gemäß erziehen. Das würde aber implizieren, dass Eltern ihre Kinder unterschiedlich behandeln.

CHODOROW (1985: 130) erklärt, dass hinsichtlich der Eltern – Kind – Interaktion, die Wärme der Eltern, das Ausmaß an Lob und positiver Rückmeldung, in den ersten vier bis fünf Lebensjahren kaum Unterschiede bezüglich des Geschlechts nachzuweisen sind.

Gegen diese Theorie spricht aus meiner Sicht, dass sie Transsexuelle, weiblichere Homosexuelle, CAH, CAIS und weitere Sonderfälle nicht erklären kann. In diesen kann man hingegen Zusammenhänge mit pränatalen Testosteron sehen.

Gerade bei „weiblicheren Homosexuellen“ mit dominanten Eltern, die ihr Kind zu einem „männlichen Verhalten“ erziehen wollen, zeigt sich, dass dies nicht klappt. Ebenso sind die Erfahrungen mit geschlechtsneutraler Erziehung eher negativ.

Ebenso erklärt die Theorie nicht die Unterschiede innerhalb der Geschlechter und ihre Zusammenhänge mit dem pränatalen und postnatalen Testosteronspiegel oder die genetischen Grundlagen der Transsexualität oder anderer Genderidentitätsabweichungen vom Phänotyp. Auch Cloacal exstrophy ist nach diesen Theorien eigentlich problemlos, man muss sie nur in dem gewählten Geschlecht bekräftigen. Der Wechsel bei “5a-reductase-2 deficiency” (5a-RD-2) passt ebenfalls nicht in dieses Modell, wenn man nicht annimmt, dass die ganzen Bekräftigungen vorher einfach folgenlos verpuffen, wenn die Pubertät eintritt.

2. Imitationstheorie

Zu der Imitationstheorie erklärt KASTEN (2003: 42 f.), dass Kinder geschlechtstypisches Verhalten durch die Beobachtung gleichgeschlechtlicher Modelle und die Nachahmung und Übernahme deren geschlechtsangemessenen Verhaltens erwerben. Dabei gelten also die Bezugspersonen als Vorbilder, im Hinblick auf erfolgreiches oder erfolgloses Verhalten. Erfolgreich und erfolglos ist hier im Sinne von bestrafen oder nicht bestrafen gemeint. Nachgeahmt wird vorwiegend erfolgreiches Modellverhalten, meist am gleichgeschlechtlichen Vorbild.

Kritikpunkte dieser Theorie liegen u.a. darin, dass Jungen und Mädchen in unserem Kulturkreis heutzutage in der frühen Kindheit meistens von weiblichen Bezugspersonen betreut werden. Trotzdem imitieren Jungen nicht nur weibliches Verhalten, was ja nach der Imitationstheorie der Fall sein müsste. Außerdem haben Jungen und Mädchen in der späteren Kindheit und Jugend in annähernd gleicher Weise die Gelegenheit, gleich- und gegengeschlechtliches Modellverhalten zu beobachten. Warum sie sich trotzdem vom anderen Geschlecht abgrenzen und ihrem Geschlecht angemessenes Verhalten oft übernehmen, kann die Imitationstheorie nicht erklären.

In der Identifikationstheorie wird angenommen, dass durch die sogenannten Primärbeziehungen geschlechtsspezifisches Verhalten gefördert bzw. erlernt wird. Mit Primärbeziehungen sind die Beziehungen der Kinder zu den wichtigsten Bezugspersonen gemeint, mit denen sich in den ersten Lebensjahren häufig eine intensive gefühlsmäßige Beziehung und Bindung entwickelt. Durch diese Bindung ist die Grundlage und der Anlass gegeben, dass das Kind sich mit der Person identifiziert. Es wird angenommen, dass Mädchen sich mit der Mutter und Jungen sich mit dem Vater identifizieren, d.h., dass Jungen und Mädchen sich innerlich mit den gleichgeschlechtlichen Elternteil als sehr ähnlich oder identisch erleben. Dieses Gefühl der Ähnlichkeit bewegen dann Jungen und Mädchen innere Einstellungen, Werthaltungen und äußere Verhaltensweisen zu übernehmen (Ders. 2003: 45 f.).

Die Abgrenzung zur Imitationstheorie fällt schwer und wird wahrscheinlich darauf beruhen, dass bei der Identifikationstheorie nicht nur äußeres Verhalten nachgeahmt und übernommen wird, sondern auch innere Einstellungen und Werte der Bezugspersonen.

Die Kritik wird in dem zitierten Teil bereits vorgebracht. Auch hier können im übrigen die Sonderfälle nicht erklärt werden. Gerade die biologischen Fälle, in denen mit Einsetzen der Pubertät die Geschlechterrolle wechselt, werden dieser Theorie einige Probleme bereiten.

3. funktionelle-strukturelle Theorie

PARSONS hat mit seiner strukturell- funktionalen Systemtheorie einen Ansatz versucht, die Übernahme von Geschlechtsrollen aus der Perspektive der Funktionen für ein System zu erklären. Nach der Systemtheorie lernt das Kind in dem System Familie durch Sozialisation, wie es sich in einem anderen gesellschaftlichen System, z. B. Schule, verhalten soll, um den gesellschaftlichen Erwartungen und Normen zu entsprechen, und ist somit wichtig für den Erhalt eines Systems, und für ein störungsfreies Funktionieren der gesellschaftlichen Ordnung. Diese funktionalistische Auffassung von Parsons wurde von Feministinnen kritisiert, da darin insgeheim die Unterordnung von Frauen und ihre Einschränkung auf den familiären Bereich legitimiert wurde. Er unterstellt die Notwendigkeit der geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Familie, nach der der Mann berufstätig und die Frau für die Versorgung der Kinder zuständig ist. Diese Auffassung vernachlässigt jedoch die Komplexität des weiblichen Lebenszusammenhangs. Frauen waren schon immer in beiden gesellschaftlichen Bereichen, in der Familie und im Erwerbsleben tätig.

Auch hier wird nicht erklärt, warum einige Kinder sich anders verhalten, als es der Struktur und ihrer „Funktion“ entspricht. Eben die bekannten Gruppen, die ich oben schon genannt habe.

4. Geschlechtsschema Theorie

Welche grundlegende Aussage trifft die Geschlechts-Schema-Theorie? Die Geschlechts-Schema-Theorie besagt, dass unsere Kultur und die Sozialisierung der Geschlechterrollen uns bestimmte Geschlechtsschemata liefert. Ein Schema kann als Bündel von Eigenschaften verstanden werden, die wir als typisch für Männer und Frauen, Jungen und Mädchen empfinden. Es wirkt wie ein Filter, durch den wir geschlechtsrelevante Informationen verarbeiten. Diese Schemata bestimmen z. B., welche Eigenschaften einer Situation unsere Aufmerksamkeit erregen, und sie beschränken die Art und Anzahl der Merkmale in einer Situation, die wir verarbeiten. Auf diese Weise können sie unsere Aktionen und Reaktionen auf bestimmte Situationen beeinflussen. Das heißt, diese Schemata beeinflussen die Art und Weise, wie wir andere (und uns selbst) wahrnehmen, und helfen uns, Entscheidungen zu unserem daraus resultierenden Verhalten zu treffen. Als Kinder und später auch als Erwachsene benutzen wir Geschlechtsschemata, um eine mentale Einordnung der erwarteten Eigenschaften unseres eigenen und des anderen Geschlechts vorzunehmen.

Auch hier zeigen die bereits genannten Gruppen ein deutliches Ausbrechen, entgegen der Schemata.

5. Weiteres

Die Theorien scheinen mir sehr simpel angelegt und wenig hinterfrage zu sein. Natürlich haben sie ihre Berechtigung bei der Ausgestaltung der Geschlechterrollen und ich kann mir gut vorstellen, dass dort Imitation etc stattfindet. Aber die wesentlichen Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen und später Männern und Frauen, sei es im Rough and Tumble Play und in der Gruppenbildung bei Kindern oder später im Erwachsenenverhalten lässt sich wesentlich besser und stimmiger über die Biologie erklären. Ich verweise auch noch einmal auf den Artikel „Steven Pinker zur biologische Grundlage der Unterschiede zwischen Männern und Frauen„, der weitere Argumente aufführt.

Sollten die Theorien die oben genannten Sonderkonstellationen in ihre Theorie einbinden können, dann bitte ich um Mitteilung wie ihnen das gelingt.

Die Anlage-Umwelt-Debatte aus Sicht der Entwicklungspsychologie und der Soziologie

Leser Chomsky möchte gerne die folgenden Texte zur Diskussion stellen:

1. Die Anlage-Umwelt-Debatte aus der Perspektive der Entwicklungspsychologie

Kontroversen über die Frage, ob den Erbanlagen, dem Genom oder der Umwelt mehr Gewicht in der Entwicklung von Fähigkeiten, Dispositionen, Störungen usw. zukommen, sind so alt wie die Entwicklungspsychologie. Voreingenommene Meinungen sind verbreitet, obwohl diese Frage unsinnig ist. Erbanlagen und die internale und externale Umwelt wirken bei der Entwicklung psychologischer Merkmale immer zusammen, und zwar nicht additiv. Deshalb ist die Frage nach Gewichten so unsinnig, wie es unsinnig wäre, zu fragen, ob die Länge oder die Breite mehr zur Fläche beitrage.

Die sinnvolle Frage an die Wissenschaft lautet: Welche Komponente des Genoms interagieren wann bei der Entwicklung mit welchen Aspekten der internalen somatischen und/oder der externalen Umwelt in welcher Weise und mit welchem Ergebnis? Diese Frage ist aber nicht generell zu beantworten, sondern für jede Entwicklung von Fähigkeiten, Merkmalen und Störungen gesondert. Bei der Beantwortung stehen wir in vielen Feldern erst am Anfang.
Weil die Debatte über Gewichte von Anlagen und Umwelt nach wie von kontrovers geführt wird, muss man sich mit Daten und Argumenten auseinander setzen. Sinnvoll gefragt werden darf, welcher Anteil an Fähigkeits- und Merkmalsunterschieden in einer Population auf Unterschiede

– in den Erbanlagen und
– in der Entwicklungsumwelt

zurückführbar sind. Diese Frage muss erstens für jede Untersuchungspopulation gesondert beantwortet werden, und die Antwort darf nicht von einer Population auf andere generalisiert werden. Zweitens lassen die Antworten keinerlei Rückschlüsse zu auf das relative Gewicht von Anlage- und Umwelteinflüssen bei der Herausbildung von Fähigkeiten und Merkmalen eines Individuums. (Oerter, Rolf/Montada, Leo [Hrsg.] 2008: Entwicklungspsychologie, Weinheim/Basel, S. 19)

2. Die Anlage-Umwelt-Debatte aus der Perspektive der Soziologie

Die moderne Biologie, speziell Genetik und Neurobiologie, scheinen die handlungstheoretische Basis der Soziologie in Frage zu stellen. Widerlegen ihre neuesten Ergebnisse tatsächlich Axiome, deren Fortfall das soziologische Theoriegebäude einstürzen ließe? Diese Axiome beziehen sich auf unser Menschenbild. Diesem Menschenbild zufolge hat der im Prozess primärer und sekundärer Sozialisation geprägte Akteur soziokulturell geformte Präferenzen, die sein Handeln leiten. Er ist offen für seine Umwelt und reproduziert in seinem Handeln kulturell vorgegebene Muster. Die moderne Genetik scheint das Verhältnis zwischen Natur und Umwelt, nature and nurture in der Bestimmung des menschlichen Handelns zugunsten der Natur zu verschieben. Bei genauerer Betrachtung bestätigt sich jedoch, dass der handelnde Mensch der Soziologie ganz überwiegend ein Produkt der Sozialisation in eine historisch geformte Gesellschaft hinein ist. Die Genetik defi niert lediglich die äußerste Grenze soziokultureller Formbarkeit. Die Hirnforschung stellt den autonomen Akteur in Frage und macht Bewusstsein zum Epiphänomen organisch neurologischer Prozesse. Für die Soziologie ist der freie Wille jedoch niemals notwendiges handlungstheoretisches Axiom gewesen. Nicht ob Menschen bewusst handeln, sondern nach welchen – bewussten oder unbewussten – Regeln sie es tun, ist soziologisch relevant. Dabei hat die Hirnforschung selbst festgestellt, dass die ins erwachsene Gehirn einprogrammierten Reaktionstendenzen nicht genetisch determiniert sind, sondern in Interaktion mit der Umwelt „gelernt“ oder zumindest verstärkt oder gehemmt werden. Die nachgewiesene Plastizität des Gehirns bannt die Gefahr des neurologischen Determinismus. Auch inhaltlich stellen die neu entdeckten, neurophysiologisch verankerten Reaktionstendenzen die von Soziologen benutzte Handlungstheorie nicht in Frage. Die Soziologie braucht und benutzt lediglich ein stilisiertes Modell des Menschen: Der homo sociologicus ist ein höchst selektives Konstrukt. Das intellektuelle Schattenboxen mit der modernen Biologie fördert keinen Widerspruch zu fundamentalen soziologischen Axiomen zutage.

Ich füge ergänzend in Vorbereitung einer Diskussion noch ein paar Links an: