Feministische Theoriewoche: „Die Frau als das Andere, der Mann als die Norm“ / Geringschätzung von Frauen (Tag 3)

Dieser Beitrag ist Teil der feministischen Theoriewoche.

Das heutige Thema ist

„Die Frau als das Andere, der Mann als die Norm“ 

und

„Geringschätzung von Frauen“

als zentrale Elemente der feministischen Theorie. Es ist ein wesentliche Ansatz von Beauvoir, dass der Mann die Norm bildet und die Frau nur das Andere ist, und daher die Gesellschaft auf den Mann ausgerichtet ist und die Frau als Abweichung gering geschätzt wird.

1. Was besagen die These von der Frau als „das Andere“?

2. ist der Mann die Norm und die Frau die Abweichung und folgt daraus eine Geringschätzung?

3. Was leitet der Feminismus daraus her/wie setzt er diese Theorien ein?
3. Welche Argumente/Studien sprechen für/gegen diese Theorien?

Niemand ist den Frauen gegenüber herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist (Beauvoir)“

Bei Onyx ist bereits seit langem ein Beauvoir-Zitat auf der ersten Seite zu lesen. Dort heißt es:

„Niemand ist den Frauen gegenüber herablassender als ein Mann, der seiner Männlichkeit nicht ganz sicher ist“

Das wird teilweise sogar zutreffen. Ähnlich wie jemand, der seiner Heterosexualität nicht sicher ist, Herablassender gegenüber Homosexuellen ist.

Es dürfte im gleichen Maße auf Frauen zutreffen:

„Niemand ist den Männern gegenüber herablassender als eine Frau, die ihrer Weiblichkeit nicht ganz sicher ist“

Auf den Feminismus übertragen würde das vielleicht eine Menge erklären, ebenso wie auf den Maskulismus übertragen.

Meiner Meinung nach resultiert das daraus, dass wir alle akzeptiert werden wollen und zu der Gruppe gehören wollen, aber eben gerade die, die vom Mainstream abweichen, sich hierüber ärgern, sich ausgegrenzt fühlen und ihre Gruppenzugehörigkeit durch Abgrenzung zur anderen Gruppe unterstreichen wollen. Es ist insoweit nichts ungewöhnliches und ein normaler In-Grouping, Out-Grouping Effekt, natürlich mit sehr unangenehmen Folgen. Homosexuelle erfahren das, genauso wie Ausländer, genauso wahrscheinlich wie Profeministen, die sich dann eben gegenüber nichtfeministischen Männern aggressiver zeigen als einige Feministinnen. Vielleicht ist insoweit auch Raewyn Connell ein gutes Beispiels für dieses Prinzip.

Ich hatte hier bereits einen Bericht zitiert, nach der ein sicherer Umgang mit der eigenen Geschlechterrolle nicht engstirniger, sondern toleranter machen kann.

Eine interessante Beobachtung machte Trautner bei Längsschnittstudien mit anfangs auffällig streng einteilenden Kindern: Wer als Kleinkind seine Welt besonders klar in männlich/weiblich aufteilte, konnte später lockerer mit den Kategorien umgehen. Das entspricht der Alltagswahrnehmung. Männer und Frauen, die früh in eine sichere Geschlechtsrolle gefunden haben, müssen sich nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch präpotentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern. Sie können sich auch vom Rollenklischee abweichendes Verhalten erlauben.

Die klare Vorstellung von der Geschlechterdifferenz und der eigenen Zugehörigkeit ist offenbar eine gute Basis für einen späteren freien Umgang mit Stereotypen. Man kann sich dann Interesse und sogar Freude und Spaß an der Differenz leisten.

Das zeigt, dass die Annehmung einer Rolle, die zu einem passt, besser ist als das Ablehnen dieser Rolle. Der überzeugte ZB eher weibliche Homosexuelle wird entspannter sein, als der eigentlich weibliche Homosexuelle, der sich aber krampfhaft in eine männliche Rolle stüzt. Der eher männliche Mann wird entspannter sein, wenn ihm nicht kranpfhaft Weiblichkeit anerzogen werden soll.

Eigentlich kann insoweit das Zitat auch als Absage an eine unnötige Gleichmachung verstanden werden und als eine Bejahung des Umstandes, dass jeder die Rolle, die zu ihm passt wahrnehmen soll.

Einige Leser des Zitats werden es sicherlich auch schlicht als gelungene Abwertung von Maskulisten sehen , indem sie im Rückschluss folgern, dass deren von ihnen wahrgenommene Aggressivität und Herablassung lediglich eine Folge dessen ist, dass sie sich ihrer Männlichkeit nicht sicher sind. Was eine interessante Beleidigung wäre, weil sie ihnen damit eben die Männlichkeit absprichen. Über evolutionär interessante Beleidigungen hatte ich hier schon einmal etwas geschrieben.

Bei einigen hätten sie damit wahrscheinlich sogar recht. Sie wären gerne Statusmänner und meinen durch einen Maskulismus, der Männer über Frauen setzt, insoweit Minderwertigkeitsgefühle abbauen zu können.

Aber als generelle Position ist der Umkehrschluss eher damit vergleichbar, dass man meint, alle Feministinnen seien halt zu hässlich, um einen Mann abzubekommen.

Beauvoir zu weiblichen Qualitäten

Ich habe „Geschlecht – Wider die Natürlichkeit“ von Heinz-Jürgen Voss angefangen, der ein interessantes Zitat von Beauvoir aus einem Interview mit Alice Schwarzer (1986) darstellt:

Die „weiblichen Qualitäten“ sind also nicht angeboren, sondern resultieren aus unserer Unterdrückung. Aber wir können sie auch nach unserer Befreiung bewahren – und die Männer können sie erlernen. Aber man darf nicht ins andere Extrem fallen: sagen, die Frau habe eine besondere Erdverbundenheit, habe den Rhythmus des  Mondes und die Ebbe und Flut im Blut und all dieses Zeug… Sie habe mehr Seele, sei von Natur aus weniger destruktiv et cetera. Nein! Es ist etwas dran, aber das ist nicht unsere Natur, sondern das Resultat unserer Lebensbedingungen. Die so „weiblichen kleinen Mädchen“ sind fabriziert und nicht geboren! Zahlreiche Untersuchungen beweise es! Eine Frau hat a priori keinen besonderen Wert, nur weil sie Frau ist! Das wäre finsterster Biologismus und steht im krassen Gegensatz zu allem , was ich denke.

Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ hatte ich hier ja schon besprochen. Es ist immerhin schön zu sehen, dass sie sich von einem „Mutter Mythos Matriarchats Feminismus“ distanziert, wie ihn zB Armbruster vertritt. Interessant, dass sie meint, dass die Frau in der Unterdrückung so viel Gutes entwickelt hat, dass es beibehalten und auf die Männer ausgedehnt werden muss. In „Das andere Geschlecht“ klang es eher noch danach, als sollten die Frauen männlicher werden.

Ansonsten irrt sie meiner Meinung nach natürlich. Zum einen gibt es keine Unterdrückung durch ein Patriarchat und zum anderen spielt die Biologie bei der Schaffung der Geschlechter und damit auch der „weiblichen kleinen Mädchen“ eine entscheidende Rolle.

Den Ansatz, dass das weibliche bewahrt und auf die Männer ausgedehnt werden soll trifft man ja auch heute im Feminismus häufiger. Es muss dann eben die hegemoniale Männlichkeit abgebaut werden, indem die Männer sich ihres Privilegs bewusst werden.

Ich persönlich finde diesen Gedanken relativ vermessen: Die Anforderung an Männer ihr Verhalten zu ändern ist insbesondere in Hinblick auf die moderne biologische Forschung schlicht eine Aufforderung an die meisten Männer sich zu verstellen und ihre Vorlieben zu unterdrücken.

Feminismus, Alice Schwarzer und Transsexualität

Im Rahmen des Diskussion zum Artikel „Bundesverfassungsgericht, Transsexualität und Geschlecht“ ging es um die Einstellung des Gleichheitsfeminismus zur Transsexualität:

Ich meinte (es ging um Butler):

Sie sagt ja gerade, dass es keine Dualität gibt, weder bei den Geschlechtern noch zwischen Körper und Geist. Alles ist Gesellschaft, nichts Natur.

Sinn des Kampfes ist es den Leuten die Natürlichkeit der Geschlechter als Konstruktion vorzuführen und damit letztendlich die Konstruktion aufzulösen. In der Gesellschaft bestimmen ja die Herrschenden die Regeln, die sie gleichzeitig als Instrument so gestalten, dass die Beherrschten sich an sie halten wollen, es also selbst quasi nicht erkennen können. Sie müssen demnach den Irrweg vor Augen geführt bekommen.

Dabei sind Transsexuelle eigentlich hinderlich, denn diese wollen ja gerade nur von einer auferlegten Rolle in die andere springen und damit diese Rolle indirekt bestätigen.

Wenn eine Transsexuelle sagt, dass sie sich als Frau fühlt und daher eine Frau sein will, obwohl dem Phänotyp nach männlich, dann denkt sie schon in den falschen Kategorien. Sie sollte einfach sein wollen und nicht weiblich sein wollen.

Kommentatorin Andra meinte ein paar Kommentare später:

Transidente Menschen haben natürlich eine Geschlechts-identität! Diese ist „zufällig “ genau entgegen ihrem Hebammengeschlecht. Das wird inzwischen auch Feministinnen klar.

Auf meine Nachfrage hierzu verwies Andra auf einen Beitrag von Alice Schwarzer zu Transsexuellen:

Schwarzer schreibt an eine befreundete Feministin, nach dem diese sich über eine transsexuelle Kontaktanzeige in der EMMA aufregte, weil „die“ dort nicht reingehören, weil sie keine Frauen sind. Alice sah dies anders.

Sie verwies zunächst darauf, dass man „nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird“, also die zentrale Aussage von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht

Wir werden nicht als Frauen geboren, wir werden dazu gemacht. Beauvoirs Credo bleibt Kern jeder feministischen Analyse.

Da würde man einem Nichtfeministen zwar vorhalten, dass er verkennt, dass es keinen einheitlichen Feminismus gibt, aber da der Gleichheitsfeminismus die überwiegende Strömung ist, passt es durchaus.

Wollen wir sozial oder erotisch oder intellektuell oder psychisch ausbrechen aus der Frauenrolle, stoßen wir auf Widerstand, Spott und Gewalt. Wer weiß das besser als du und ich, als wir Feministinnen?

Erst einmal noch die Opferrolle betonen und schön abstrakt bleiben. Das dies für die Männerrolle durchaus auch gelten kann (Schwule werden wahrscheinlich häufiger zusammengeschlagen als Lesben) kann man hier erst einmal ausblenden, weil es ja um Mann –> Frau Transsexuelle geht.

Unser Ziel ist, in aller Schlichtheit und Vermessenheit, die Menschwerdung von Frauen und Männern. Endlich männlich und weiblich sein können und dürfen! Dafür kämpfe ich.

Die „Menschwerdung von Frauen und Männern“ meint hier, dass die Menschen aus den jeweiligen Rollen ausbrechen können und nicht mehr als Männer oder Frauen leben müssen, sondern einfach als Menschen. Also eine geschlechtsneutrale Welt gewissermaßen. Es ist allerdings etwas günstiger als eine allgemeine moralische Formel formuliert.

Nicht immer geht unsere Auflehnung gegen die Halbierung von Menschen in Männer und Frauen (und gegen die Herrschaft der einen über die anderen) nur über den Kopf. Oft haben wir ausbrechenden Frauen selbst Biographien, die es uns erleichtern, das Aufgesetzte der Rollenzuweisung zu erkennen, an den Stangen des Käfigs der Weiblichkeit zu rütteln.

Wieder die Kampfrhetorik, man darf vermuten, dass die Herrschaft hier klassisch über das Patriarchat ausgeübt wird.

Nun gibt es aber darüber hinaus Lebensläufe und -bedingungen, die einen sehr frühen, sehr tiefen Zweifel in bezug auf die geforderte Geschlechtsidentität pflanzen. Irgendeine Weiche ist „falsch“ gestellt worden.

Die Weiche hat meist die Form von zuviel oder zuwenig Testosteron im richtigen Moment. Schwarzer hält sich hier sehr vage, sie sieht aber nach dem, was sie zuvor darstellt, wohl eher eine gesellschaftliche Weiche in der Biographie. Transsexuelle werden demnach nicht als Transsexuelle geboren, sondern zu Transsexuellen gemacht, durch die Gesellschaft?

Resultat: ein biologisch „männliches“ Wesen mit einer „weiblichen“ Seele. Oder ein biologisch „weibliches“ Wesen mit einer „männlichen“ Seele. Menschen also, die in ihrem Körper eine „falsche“ Seele haben, die zwischen den Geschlechtern sind, Transsexuelle.

Schwarzer kommt letztendlich zum gleichen Ergebnis wie die Biologie, auch wenn diese nicht von der Seele, sondern eher von einer anderen Geschlechteridentität im Rahmen des Gehirngeschlechts sprechen würde. Welche Vorstellungen Frau Schwarzer von der Arbeitsweise des Gehirns hat – edler Wilder, unbeschriebenes Blatt oder Geist in der Maschine? – macht sie zwar nicht deutlich, aber ob sie unter der Seele das nun beschriebene Blatt versteht oder eher den Geist in der Maschine, macht letztendlich ja auch keinen Unterschied.

 

In dieser Gesellschaft gibt es eine Schublade „Frau“ und eine Schublade „Mann“, dazwischen nichts. Darunter leiden nicht nur die Transsexuellen. Darunter leiden die meisten Frauen (und einige Männer). Für Transsexuelle aber eskaliert der Konflikt bis zur Neurose: sie wenden sich selbstzerstörerisch gegen den eigenen Körper.

Das die Schubladen häufig zu klein bemessen werden und man mehr darauf hinweisen sollte, dass die Ausprägung bestimmter Fähigkeiten bei Mann und Frau zwar verschieden ist, es sich aber um zwei Normalverteilungen mit unterschiedlichen Mittelwert, handelt, deren Träger überlappen, und nicht um Unterschiede, die immer zwischen jeder Frau und jedem Mann bestehen., würde ich auch so sehen. Das darunter die meisten Frauen (und nur einige Männer) leiden allerdings nicht. Viele Frauen mögen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern durchaus und würden nicht tauschen wollen. Sie sind lieber Frau als Mann und würden sich als Mann eben genau so unwohl fühlen wie Transsexuelle sich in ihrem eigenen Körper unwohl fühlen. Das eine ist in diesem Fall die Kehrseite des anderen.

Die Existenz des Transsexualismus beweist: Die Seele ist stärker als der Körper – sie bestimmt die Geschlechtsidentität. Der Körper ist nur Vorwand für diese Zuweisung.

Da müsste man erst einmal definieren, was eigentlich Seele und was Körper ist. Ist Frau Schwarzer eigentlich religiös oder verwendet sie den Begriff eher unbedarft? Die Seele ist in biologischer Hinsicht eben auch Körper. Ein bestimmter Teil des Körpers, und von diesem eben wieder ein bestimmter Teil, eben der passende Gehirnabschnitt, der die Geschlechteridentität speichert hat, entscheidet über unser Empfinden. Meiner Meinung nach lässt sich allerdings die Wahrnehmung eines Körpers auch nicht so einfach von dem Geschlecht, dass man ihm gedanklich zuweist, trennen. Viele unser biologischen Reaktionen auf das andere Geschlecht erfolgen eben auf diesen Körper. Und da wir dazu neigen, in Kategorien zu denken, legen wir auch automatisch gewisse Ordner für Mann und Frau an und sind bei einem starken abweichen hiervon überrascht, was eben bei Transsexuellen gerade zu den Problemen führt.

Dass den meisten Transsexuellen der neue Ausweis nicht genügt, sondern dass sie auch einen „neuen“ Körper wollen, ja ihnen das Voraussetzung zum Weiterlebenkönnen scheint – das ist schlimm.

Hier kommt dann der Unterschied, den ich schon oben angesprochen habe. In einer gleichheitsfeministischen Welt brauchen Transsexuelle keine Geschlechtsumwandlungen mehr. Das sie sie brauchen liegt nur an der Gesellschaft, die sie nicht leben lassen will, wie sie sind, nämlich als Männer, die sich eben weiblich benehmen (bei Mann –> Frau Transsexuellen). Sie wären insoweit so etwas ähnliches wie sich sehr weiblich verhaltene Schwule, die ja auch ein sehr weibliches Verhalten zeigen, ohne das sie eine Geschlechtsanpassung durchführen lassen. Mit einer fortschreitenden Toleranz in der Gesellschaft würde daher Transsexualität als „Problem“ verschwinden.

Das betont Schwarzer im nachfolgenden Absatz auch gleich noch einmal:

In einer vom Terror der Geschlechtsrollen befreiten Gesellschaft wäre Transsexualismus schlicht nicht denkbar. Transsexualismus scheint mir der dramatischste Konflikt überhaupt, in den ein Mensch auf dem Weg zum „Mannsein“ oder „Frausein“ in einer sexistischen Welt geraten kann. In diesem Konflikt haben die Transsexuellen selbst keine Wahlmöglichkeit mehr: ihr Hass auf den „falschen“ Körper ist weder durch Argumente noch durch Therapien zu lösen. Transsexuelle sind zwischen die Räder des Rollenzwangs geraten. Einziger Ausweg scheint ihnen die Angleichung von Seele und Körper. Preis: die Verstümmlung des Körpers. Und: die Zerschlagung aller sozialen Zusammenhänge.

Also: Transsexuelle (Mann –> Frau) sind keine geistigen Frauen, sondern einfach Menschen, die auf eine bestimmte Art leben wollen. Warum dies gerade innerhalb des Rollenklischees des anderen Geschlechts erfolgt liegt nicht an der Biologie, sondern am gesellschaftlichen Zwang.

(…)Oft sind sie engagierte Feministinnen. Was mich nicht überrascht. Wer schließlich hätte schmerzlicher am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, „keine richtige Frau“ zu sein?

Mich überrascht es eigentlich schon. Auch wenn es vordergründig nicht verwundert, dass jemand, der das Geschlecht wechselt, für dieses bestimmte Vorteile erreichen will und Nachteile abbauen will, passen die Theorien eher nicht zusammen. Dies ist bei Schwarzer, die weniger auf Dekonstruktion abzielt, vielleicht noch nicht so deutlich wie bei Butler, aber dennoch treten bei einer genaueren Beschäftigung doch deutliche Unterschiede in der Theorie hervor. Bei einer Erreichung des einer gleichheitsfeministischen Ordnung hätten Mann –> Frau Transsexuelle eher eine schlechtere Position. Die Abneigung wird auch im folgenden von Schwarzer selbst noch einmal beschrieben:

In den Frauenzentren, vor allem in den Lesbengruppen, reagierten viele abwehrend auf die Transsexuellen. Nein, „solche“ hätten in der Frauenbewegung nichts zu suchen, das wären ja gar keine richtigen Frauen, die hätten schließlich Jahrzehnte männlicher Sozialisation hinter sich… Das war der Tenor heftiger, interner Debatten Anfang der 80er Jahre.

Schwarzer Gegenplädoyer lautet wie folgt:

Siehst du denn nicht, dass Carmen nicht nur eine Schwester ist wie alle anderen, sondern sogar eine, die zu uns herabgestiegen ist? Denn ein Mann, der Frau wird, hat einiges zu verlieren in einer Männergesellschaft, das weißt du doch nur zu genau. Und eine biologisch männliche Transsexuelle ist dann auch objektiv Frau, wenn sie Körper und/oder Pass geändert hat. Sie kann ihr Frausein von nun an ebenso wenig aufkündigen wie du und ich. Und wenn du sie nun zurückstößt, machst du genau dasselbe wie der Rest der Gesellschaft: du denkst in den unerbittlichen Kategorien „Mann“ und „Frau“.

Wie die Transsexuelle ja in der Regel auch. Schließlich will sie ja gerade Frau sein und nicht die Grenzen aufweichen.

Schön finde ich das „Herabsteigen“, das wieder dem Opferfeminismus entspricht. Sie steigt als Paria herab, zu der Schar der Verdammten, den Ausgestoßenen der Gesellschaft, kurz: den Frauen. Es ist ein solidarischer Akt, in dem sie alle Vorteile des Mannseins aufgibt und sich in den dunklen Pfuhl des Frau seins begibt. Interessant aber, dass sie nicht darauf eingeht, dass Männern hier die Frauenrolle verboten ist. Oben hatte sie ja noch erklärt, dass Frauen eher unter ihrer Rolle leiden als Männer, so dass dies zunächst ein kleiner Widerspruch ist

Es erstaunt auch vor diesem Hintergrund eigentlich, dass mehr Männer diesen dunklen Weg nach unten gehen als Frauen den hellen Weg nach oben (das Verhältnis ist laut Wikipedia 3:1), denn im umgekehrten Fall würden ja nach dieser Logik ein paar Frauen den Weg ans Licht antreten und in das herrschende Geschlecht aufsteigen. Es wäre demnach davon auszugehen, dass diese Überläufer oder Kriegsgewinnler, die Frau-Mann-Transsexuellen, einfach nur aufsteigen wollen.

Beauvoir: Frauen als „das Andere bzw. zweitrangige“

Eine von Simone Beauvoirs Thesen ist ja, dass Frauen „das Andere“ sind, Männer also die Norm bilden und Frauen als Abweichung davon behandelt werden.

Ich fand ihre Untersuchung dazu immer recht einseitig, weil sie sich auf Bereiche konzentriert hat, wo dies nach ihrer Auffassung zutrifft, aber die Bereiche, in denen hauptsächlich Frauen tätig sind nicht untersucht hat, um zu sehen, ob auch dort ihre These greift.

Die These ist auch in heutiger Zeit noch sehr aktiv, kommt eine „Frauenbohrmaschine“ (leichter und wahrscheinlich rosa) auf den Markt, dann gilt dies als Bestätigung, dass es eben normale Bohrmaschinen gibt und zusätzliche Frauenbohrmaschinen, also Bohrmaschinen für „die Anderen“.

Das Bohrmaschinen auf den Zweck hin konstruiert wurden und es sich bei der Frauenbohrmaschine um wesentlichen um ein Marketingprodukt handelt um ein auf den Konsumenten abgestimmtes Produkt besser verkaufen zu können, zählt dann nicht als Argument.

Natürlich gibt es aber auch Produkte, die normalerweise auf Frauen ausgerichtet sind und bei denen es Unterprodukte für Männer gibt, wie Männershampoo etc.

Antje Schrupp hat das in der Diskussion um Altfeministen und Neufeministen in einem Kommentar noch einmal dargestellt:

historisch haben westliche Männer die Geschlechterdifferenz so interpretiert, dass der Mann das „Normale“ und die Frau das „Zweitrangige“ ist (wissen wir seit Simone de Beauvoir, deren Buch im Original ja „Das zweite Geschlecht“ heißt). Das heißt, Frauen wurden nicht als Subjekte betrachtet, als „andere“, als Gegenüber mit eigenen Vorstellungen und Ansichten, sondern als „defizitäre“ Variante des Mannes oder auch als dem Mann „gleichgestellt“ – zwei Seiten derselben Medaille.

Meine Erwiderung hierzu war:

Was mir an ihrer Argumentation nicht gefällt, ist, dass sie im Prinzip nur die eine Seite betrachtet. Meine Theorie wäre, dass Frauen auch ihr Verhalten als Normal ansehen und klassisch männliches Verhalten als das andere. Es erscheint mir normal, sich selbst als normal anzusehen. Zumal die Argumentation Beauvoirs ja in vielen Punkten auch überholt ist. Heute müssen Frauen weit weniger Angst vor Sex und Abtreibung haben, sie heiraten in der Regel aus Liebe und nicht mehr den erstbesten. Beauvoir scheint ja einen Teil der Schuld auch den Frauen zu geben. So schreibt sie, dass Frauen, die unter der Obhut eines Mannes aufwachsen, von der belastenden Seite der Weiblichkeit weitgehend verschont bleiben: „Ein Fluch, der auf der Frau lastet, besteht darin, daß sie in ihrer Kindheit Frauenhänden überlassen wird.“ (S.348 ) Interessant für das gemeinsame Sorgerecht bei unverheirateten oder?

Ich versuche es mal mit einem Beispiel: Weibliche Sexualität und Liebe wird meiner Meinung nach zB eher als „rein“ und normal angesehen, männliche Sexualität eher als pervers, also abweichend. Frauen werden es für normal halten, dass man sich an Jahrestage etc erinnert und sauer sein, wenn man sie vergisst.

Ich habe auch schon gehört „Wie kannst du dieses oder jenes nicht gefühlsbetonter sehen?“ Worauf ich versucht bin zu antworten: Weil ich anders bin als du, nämlich ein Mann.

So kann man die Geschlechterunterschiede durchgehen und wird häufig feststellen, dass Frauen ihr Verhalten als normal ansehen und das männliche als das andere. All das wo eine Frau typischerweise zu einem Mann sagt „du kannst das doch nicht so und so machen“ obwohl sie weiß, dass Männer es gerne so oder so machen, was ist das anders als sich selbst, die „weiblichen Vorstellungen“ zur Norm setzen?

Das Konzept der Zweitrangigkeit passt auch nicht unbedingt zu den zahlreichen Schutzbestimmungen für Frauen („Benevolent Sexisms“ läßt grüßen) und das „Aufs Podest stellen“ der Frauen (zumindest schöner Frauen) in vielen Kulturen. Natürlich gab es Unterdrückung der Frau, aber ich denke auch, dass man bei zwei Geschlechtern mit erheblichen Unterschieden von beiden Seiten dazu neigt, den anderen als „das Andere“ anzusehen.

Er ist insofern ja auch das Andere, weil Denkweise und Fähigkeiten sich (zumindest aus unser menschlichen Sicht, weil wir die Unterschiede wesentlich feiner wahrnehmen) tatsächlich unterscheiden.

Wenn heute eine Frau sagt „Ich bin gerne Frau“ dann grenzt sich sich nicht von dem Normalen, sondern nur von dem anderen Geschlecht ab.

Ministerin Schröder zu Feminismus und Beauvoir

Familienministerin Schröder in der ZEIT:

Schröder: Ich habe einen Feminismus, der Männern den Kampf ansagt, immer kritisch gesehen. Ebenso wenig glaube ich an die These von Simone de Beauvoir, dass man nicht zur Frau geboren, sondern erst dazu gemacht wird. Dennoch profitiert meine Generation von vielem, was Frauen erkämpft haben.

Klingt vernünftig. Erklärt vielleicht auch, warum sie viele Feministinnen recht kritisch sehen.

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“  ist ein wichtiges feministisches Werk. Ich habe es vor einigen Jahren gelesen und stelle hier einmal meine damalige Stellungnahme ein:

Bereits der Rückseitentext versprach einiges:

„Die universelle Standortbestimmung der Frau, die aus jahrhundertealter Abhängigkeit von männlicher Vorherrschaft, aus einer übermächtigen Tradition von Schwächegefühlen ausgebrochen ist, hat seit ihrem Erscheinen nichts an Gültigkeit eingebüßt“

Ich machte mich daher voller Vorfreude ans Lesen. Dabei erwartete ich scharfsinnige Argumente, wissenschaftliches Vorgehen, neue Positionen, fundiertes Wissen, eine neue Sichtweise.

Vielleicht war die Erwartungshaltung etwas groß, vielleicht beruht der Ruhm des Buches auch eher auf seiner historischen Bedeutung als Anstoß für viele Frauen der damaligen Zeit, aber ich muss sagen, ich war enttäuscht.

Zuerst einmal die Wissenschaftlichkeit:
Das Buch hat 900 Seiten und ungefähr 430 Fußnoten. Davon sind mindestens 40% Anmerkungen zum Text ohne Quellenangabe. Das macht so ziemlich auf jeder dritten Seite eine Quellenangabe. Das alleine mag man noch nicht für unwissenschaftlich halten, der Rest der Quellenangaben sind allerdings auch gerade angetan meine Meinung zu verbessern: Beauvoir zitiert nicht selten Bellestrik, um ihre Ansichten zu belegen. Wenn sie darstellen will, wie Frauen fühlen und denken, dann zitiert sie teilweise aus Klassikern. Dabei benutzt sie die Vornamen der Figuren und stellt sie als lebendige Personen da. Das die Bücher nicht selten von Männern geschrieben wurden stört sie dabei nicht. Da sie einige Bücher sehr häufig zitiert schrumpft ihr Unterbau noch weiter zusammen.

Ihre Argumentation leidet schon formell an einigen Schwächen. Nicht selten ist ihr Argument „Ich selbst habe von einer Frau gehört…“ und das ohne Beleg oder näheren Hinweis. Auch ansonsten zitiert sie meist nur Einzelschicksale um ihre Thesen zu belegen. Mir fehlen da ein paar größere Statistiken, irgend etwas mit dem sie versucht zu belegen, dass ihre Einzelfälle verallgemeinerungsfähig sind.

Eine Meinung zB eines (antiken) Griechen, der sich über die Kratzbürstigkeit seiner Frau aufregt und sie daher nicht gerade lobt drückt bereits die Missachtung aller Griechen gegen die Frauen aus, die sich dann zur Unterdrückung auswächst (Um ein beauvoirsches Agrument zu verwenden: Dann unterdrückt Al Bundy seine Frau, denn er sieht sie auch als faules Miststück an).
Zumindest in der deutschen Übersetzung wird es amüsant, wenn sie ihre Argumentation darauf stützt, dass es „le soleil“ ist, etwas so majestätisches also in der Sprache immer männlich ist (die Sonne).

Im Endeffekt hat Beauvoir damit ihre Meinung kund getan, ein „so könnte es sein“ ohne Absicherung.

Nun zu den Ansichten:
Beauvoir geht recht hart mit den Menschen ins Gericht: Ihre These ist, dass Menschen (Männer und Frauen) immer versuchen werden andere zu unterdrücken. Die Männer hatten die Gelegenheit, die Frauen zu unterdrücken,, also haben sie es getan. (S. 86 ff)
Die Frauen sind dabei nicht die besseren Menschen, die Frauen waren ebenso grausam oder mutig wie die Männer. (S. 87).
Sie zeichnen sich auch nicht durch eine natürliche Selbstaufgabe für die Familie aus, sondern vertritt egoistische Ziele. (S. 3220/321 „Die Frau mit Altruismus identifizieren heißt dem Mann absoluten Anspruch auf ihre Ergebenheit garantieren, heißt der Frau ein kategorisches Seinsollen aufzuzwingen“)

Als wesentliche Behinderung sieht sie unter anderem die Schwangerschaft, bei der die Frau auf Kosten ihrer Energie Leben zur Welt bringt. Sie war daher nicht in der Lage auch noch ihr und das Leben der Kinder zu sichern und war daher auf den Mann angewiesen, ohne diesen hätte das Menschengeschlecht nicht überdauert (S 88) Weil das Leben so gefährlich war, konnte man sich auch mehr Ruhm erwerben, wenn man tötet, nicht wenn man gebiert (S. 90). Diese Herrschaft des Mannes wird schließlich gefestigt durch die Vererbung des Besitzes an die männlichen Nachkommen und dadurch, dass Frauen nicht selten „gekauft“ werden, also dem Vater bestimmte Summen gezahlt werden.

Beauvoir geht recht einseitig vor: Sie nimmt für sich in Anspruch, unabhängige Richterin zwischen den Geschlechtern sein zu können, vergisst dabei aber, dass sie dann auch die Nachteile und Vorteile beider Geschlechter untersuchen muss und nicht lediglich ein Geschlecht. Entsprechend einseitig erscheint ihre Argumentation dann teilweise: Während Sie versucht den „Mythos Frau“ aufzuklären, fällt sie nicht selten auf den Mythos Mann herein.

Zuerst argumentiert sie, der Mann betrachte die Menstruation der Frau als unrein, weil er auf sie den Schrecken vor seiner eigenen körperlichen Kontingenz projiziert (S. 200).

Wenn es dann um das Verhältnis der Frauen zu ihrem Körper geht, so wird die Menstruation so dargestellt, dass das Mädchen bestürzt sein muss, weil sie blutet und häufig Schmerzen hat (Was sie als für das Wertgefühl des Mädchen nachteilig ansieht).
Beim Mann ist der selbe Vorgang, der ebenfalls zu Unbehagen führt, eine Abwertung der Frau, bei der Frau ist es ein natürlicher Vorgang.

Sie macht es sich zu einfach, wenn sie die Doppeldeutigkeit der Frau daraus herleitet, dass sie häufig gut und böse gleichzeitig sind, etwa wenn sie als Kurtisane die reichen Geldleute ausnimmt um dann für einen Maler Mäzenin zu sein (S. 320). Der Dieb, der seine Familie ernährt, hat mit der selben Problematik zu kämpfen.

Einige ihrer Beispiele scheinen auch nur auf Frankreich zu zu treffen, etwa wenn sie sagt, dass der Tod als weiblich dargestellt wird und der Tod daher das Werk der Frauen ist. Mir fallen in Deutschland eher der Gevatter Hein und der Sensenmann ein, ansonsten noch Pluto als Todesgott etc. .

Wenn Beauvoir darlegt, dass Kinder ihre Mutter nicht gern als Körper wahrnehmen und die Kinder damit die Mutter verleugnet weil er die Geburt durch eine Frau als Unrein ansieht, dann vergisst Sie, dass auch der Vater asexuell gesehen wird und auch kein Sexualleben haben soll.

Beauvoir ist der Auffassung, dass viele Frauen aus Bequemlichkeit in der Unterdrückung verbleiben, denn eigenes Denken bedeutet auch eigene Verantwortung, vor der die Frauen, dann lieber in die Sicherheit von Heim und Herd fliehen.
Gleichzeitig vertritt sie, man soll der Frau Verantwortung geben, dann und wird sie sie zu übernehmen wissen (S. 896).
Die Problematik, dass es schwer ist jemanden Verantwortung zu geben, der vor dieser an den Herd flieht, bleibt dabei unberücksichtigt.

Eine Menge Gründe für die Stellung der Frau in der Gesellschaft verordnet Bauvoir in der Frauen gemeinsamen Entwicklungsgeschichte. Der Penisneid etwa führe direkt dazu, dass die Frau sich unterlegen fühlt. Beauvoir greift damit Freud auf, der heute stark angezweifelt wird.
Auf die Frau wirkt weiterhin ein:

  • Die Angst vor der späteren schmerzhaften Geburt
  • die Menstruation
  • der erste Sex („die erste Penetration ist immer eine Vergewaltigung“ S. 466), den sie dem Mann immer nachträgt, egal ob er unsanft (dann wird sie frigide weil das Erlebnis schrecklich war) war oder ob er sanft war (dann kann sie ihn nicht als Mann akzeptieren und wird auch frigide)
  • das ihr die Gesellschaft nicht ermöglicht sich selbst zu versorgen, sondern dass sie ihre Pläne nur in einem Mann verwirklichen kann.
  • viele Schwangerschaften wegen schlechter Verhütungsmöglichkeiten machen Sex zu etwas unangenehmen
  • Abtreibungen unter schlechten Bedingungen

Vieles erscheint mir davon nicht mehr problematisch. Das eine Geburt schmerzhaft ist bekommt das Mädchen viel weniger mit, die Geburten sind seltener und im Krankenhaus. Von ihrer Menstruation erfahren die Mädchen nicht erst kurz vor/beim Einsetzen, sondern Dank Werbung und blauer Ersatzflüssigkeit wesentlich früher. Eine Frau kann heutzutage Karriere machen und sich selbst versorgen, sie ist nicht mehr auf einen Mann angewiesen. Sie heiratet nicht mehr unbedingt den ersten mit dem sie schläft und auch die Entjungferung ist nicht mehr so negativ besetzt. Eine Abtreibung erfolgt heute, dank bessere Verhütung seltener und die Patientin wird medizinisch versorgt und nicht zusätzlich gequält.

Der Penisneid dürfte abgemildert sein durch das Wissen, dass „Frauen alles können, was Männer können plus Kinder bekommen“ (habe ich jedenfalls früher häufiger gehört) und das Wissen, dass seine Genitalien den Mann verwundbar machen („Tritt in die Eier“).

Beauvoir unterstellt dem Mann jedenfalls häufig das schlechteste, sie verfolgt meist nur einen Motivweg und präsentiert ihn damit als allgemeingültig.

Nach ihrer Auffassung löst das Wort „Weibchen“ bei dem Mann folgende Bilder aus: „ein gewaltiges rundes Ovolum schnappt nach beweglichen Spermatozoon und kastriert es. Monströs und vollgefressen herrscht die Termitenkönigin über die unterworfenen Männchen. Die Gottesanbeterinnen, die liebessatten Spinnen zermalmen ihre Partner und fressen sie auf“. (S. 27)

Um ein weiteres Beispiel zu geben: (es geht um Sex und die Frage des Mannes ob er gut war)

„Ist es genug?“ „Willst du noch? War es gut?“ Schon die Tatsache, daß eine solche Frage gestellt wird, offenbart die Trennung, verwandelt den Liebesakt in einen mechanischen Vorgang, der vom Mann gesteuert wird. Und genau darum stellt er sie. Mehr als die Verschmelzung sucht er die Beherrschung. Wenn die Einheit sich auflöst, dann findet er sich als einziges Subjekt wieder. […] Dem Mann ist es nur recht, wenn die Frau sich erniedrigt, gegen ihren Willen in Besitz genommen fühlt.“ (S. 485)

Die Frage MUSS Beherrschung ausdrücken. Sonst stimmt das Weltbild nicht. Das sie vielleicht auch aus Sicht des Mannes einfach nur Unsicherheit ausdrückt und den Wunsch, die Frau zu befriedigen, das ist undenkbar. Das der Mann nicht wissen kann, ob sie bereits gekommen ist, im Gegensatz zu ihr und er daher ein Interesse daran hat, dies herauszufinden, dass kommt Beauvoir nicht in den Sinn.

Aus der Tatsache, dass Männer Frauen häufig Kosenamen geben, wie „kleines Mädchen“, schließt sie, dass die Frauen in die Sicherheit der Kindheit zurückflüchten wollen (S. 803). Das Männer nicht seltener mit Kosenamen belegt werden („Hase etc“) wird ignoriert

Wenn sie darauf abstellt, daß in dem Drama „Die Eumeniden“ der Triumph des Patriarchats über das Mutterrecht illustriert wird (S. 106), dann unterschlägt sie, dass Orest seine Mutter tötet, weil diese mit ihrem Liebhaber seinen Vater umgebracht hat. Es stehen sich also gegenüber die Pflicht den Elternmörder zu rächen und die Achtung vor den Eltern, hier der Mutter. Er ist nicht zuerst Sohn des Agamenom, sondern die Rächerpflichten wiegen höher, wenn ein Elternteil ein anderes ermordet. Es ist der typische Tragödienstoff, Orest muss sich versündigen, egal, ob er seine Mutter tötet oder den Vater ungerächt lässt. Das die Mutter hier „verliert“ könnte auch daran liegen, dass sie sich bereits vorher durch einen Mord versündigt hat, die Rächerpflichten aber nicht gemildert werden (der Vater hatte nichts falsch gemacht).

All ihre Thesen zum Werdegang stützen sich letztendlich auf die These, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern es wird (S. 334).
Dabei geht sie auf biologische Begründungen in keiner Form ein, setzt sich daher auch nicht mit diesen positiv oder negativ auseinander. das mag am damaligen Stand der Forschung liegen, macht ihre Grundthese aber noch mehr zu einer Vermutung, denn die Beobachtungen, die sie macht würden ja genauso auftreten, wenn sie biologische Ursachen haben.

Beispielsweise schildert sie eine homosexuelle Frau, die sich sehr männlich benimmt. Dabei ist ihr Körperbau ebenfalls sehr männlich. Ihr ganzer Lebenstil ist der eines Mannes und sie gibt isch auch später als Mann aus und heiratet eine Frau. Beauvoir führt das auf den Vater zurück, der die Frau sehr männlich erzog.
Das ein männlicher Körperbau bei einer Frau auf hormonellen Störungen in der Geschlechterherausbildung im Mutterleib beruht und dabei auch gewisse Gehirnfunktionen auf „Männlich“ geschaltet wurden, wie (IMHO) Homosexualität heute erklärt wird, kommt in ihren Gedankengängen nicht vor. Die Ausführungen wie die Gesellschaft das soziale Geschlecht formt, sind daher eher zweifelhaft.
Lesben entschließen sich zur Homosexualität nach Beauvoir weil die Männer sie enttäuscht haben, weil sie die Männerrolle ausfüllen wollen, der ihnen ein entkommen aus der Tristigkeit des Frauenalltags bietet oder weil sie so keinen Herren haben, dem sie sich unterordnen müssen. Homosexualität ist eine freie Entscheidung, die nicht auf einem „sexuellen Schicksal“ beruht.
Wie dann die männliche Homosexualität entsteht verschweigt sie. Auch das es mehr Schwule als Lesben gibt läßt sie ausser acht, was natürlich bei einer Erklärung aus der Unterdrückung der Geschlechter durchaus interessant ist.

Sie stellt zwar kurz fest, dass „der Mann das Glück hat, daß man ihn zwingt, die steinigsten, aber sichersten Wege einzuschlagen“ (wobei sie sichersten in bezug auf die Unabhängigkeit versteht, S. 802) und auch das Knaben zunächst die härtere Kindheit haben und mehr geschlagen/weniger geschont werden, während Frauen alles auf den Weg der Bequemlichkeit lockt bis sie dieser unwiderstehlichen Versuchung nicht mehr widerstehen können.
Dabei stellt sie aber die Mühseligkeiten der männlichen Sozialisation nicht in Frage und erkennt nicht, dass auch hier viele Psychosen angelegt sind, die den Mann belasten.

Aufgrund all der Gesellschaftlichen Nachteile nimmt sich nach Beauvoir die Frau nicht als Subjekt wahr, sondern nur als „das andere“, wobei der Mann eben das wesentliche ist.
Auch das halte ich heute nicht mehr für zutreffend. Frauen sind heute bewußt Frauen und nehmen sich auch als solche wahr. Sie vertreten Fraueninteressen und stellen sich durchaus selbst in Frage, nehmen sich als Subjekt dar.

Die Mißachtung der Folgen von Gewalt allgemein und Härte in der Erziehung zeigt sich bei Beauvoir recht häufig. So ist es ihrer Auffassung nach auch „der schlimmste Fluch, der auf der Frau lastet, dass sie von den Kriegszügen ausgeschlossen ist“. Beauvoirs Ansicht zu einer Wehrpflicht für Frauen sollte damit eigentlich unstrittig sein, was vielleicht auch erklärt, warum A. Schwarzer, IMHO eine Beauvoir-Jüngerin, dies in ihren Büchern, wenn auch selten lautstark in der Öffentlichkeit, ebenfalls fordert.

Interessant fand ich noch folgende Stelle:

Frauen, die unter der Obhut eines Mannes aufwachsen, bleiben von der belastenden Seite der Weiblichkeit weitgehend verschont.
„Ein Fluch, der auf der Frau lastet, besteht darin, daß sie in ihrer Kindheit Frauenhänden überlassen wird.“ (S.348 )

Vorbild Beauvoirs sind jedenfalls die amerikanischen Frauen ihrer Zeit, die schon sehr dicht am Ideal der befreiten Frau dran sind. Da sich seit dem einiges getan hat und die Lage der Frauen deutlich besser geworden ist, ist eigentlich ein Großteil ihrer Kritik hinfällig. Über ihr späteres Werk und wie sie zu der Moderne steht habe ich aber noch nichts gelesen.

Zur Ergänzung: