#ohnemich – Frauen sollten ihren Körper nicht stärker zur Schau stellen als der durchschnittliche Mann

In der Zeit erschien ein kontroverser Artikel, in dem die Autorin vertritt, dass Belästigungen ihre Ursache darin haben, dass es Männern zu leicht gemacht wird, Frauen als knackige Körper und leichte Beute zu sehen.

Die #MeToo-Debatte hat ein enorm verbreitetes Verhalten zutage gefördert: die Selbstverständlichkeit, mit der Männer Frauen als knackige Körper und leichte Beute betrachten und ernsthaft glauben, ein kurzer Griff oder markiger Spruch sei kein Grund zur Aufregung. In gewisser Weise ist das aber nur die Oberfläche eines tiefergehenden Problems

Darunter liegt die sozial verfestigte Asymmetrie, dass es bei Frauen mehr aufs Aussehen ankommt als bei Männern.

Das geht etwas in „Dann mach doch die Bluse zu“, und kann dem Feminismus daher nicht gefallen.

Dabei ist es ja erst einmal ein einfaches Bild:

Wer als etwas anderes wahrgenommen werden will als als sexueller Reiz, der muss eben auch andere Signale senden und das sexuelle reduzieren. Gerade wer dagegen protestiert, dass Frauen als zu sexuell dargestellt werden, etwa in Werbungen etc, dem müsste der Gedanken durchaus einleuchten, dass es dann nicht hilft, wenn Frauen selbst sich so darstellen, wie man es in der Werbung nicht sehen möchte.

Die vorgeschlagene Lösung ist entsprechend simpel_

Wenn aber – mit Marx – radikal sein heißt, ein Problem bei der Wurzel zu packen, dann müssen Frauen schon auf dieser tieferen Ebene dazu ansetzen, aus dem asymmetrischen Regime des Gutaussehenmüssens auszubrechen. Sie müssen aufhören, sich zu schminken, zu schmücken und zu stylen, sich selbst permanent als Körper zu präsentieren. Sie müssen einfordern, dass berufliche Dresscodes symmetrisiert werden und auch für Frauen eine stilvolle, aber nicht körperbetonte Businesskleidung zur Verfügung steht. Der #MeToo-Diskurs muss zu einem #OhneMich-Diskurs weiterentwickelt werden, der die Botschaft verkündet und verbreitet: „Ich mache dieses Spiel nicht mehr mit. Ich tue nicht mehr für mein Aussehen als der durchschnittliche Mann, und ich stelle meinen Körper nicht stärker zur Schau als der durchschnittliche Mann.“

Da bestehen natürlich mehrere Probleme:

  • Jeder Mensch möchte sich gerne attraktiv darstellen, weil Attraktivität enorm wichtig in der Bewertung und im zwischenmenschlichen Verhalten ist. Es ist nicht so, dass Männer das nicht machen, sie stellen sich eben innerhalb der Attraktivitätsmerkmale, die Frauen eher interessieren, als attraktiv dar. Und da ist eine zu starke Betonung des sexuellen und damit des Körpers zeigen eben häufig uninteressanter als andere Sachen, wie Status und dezentere Hinweise auf einen guten Körper.
  • Es sind Maßnahmen innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz, die eben nicht nur auf Männer abzielen, sondern häufig auf die anderen Frauen. Männer stellen eher nur indirekt eine Rolle
  • Und natürlich gilt gerade im Feminismus: Niemals darf man verlangen, dass die Frau (oder breiter: der Nichtprivilegierte) etwas macht, das wäre Victim Blaming, denn alle Schuld muss auf den Mann (oder: den Privilegierten) projiziert werden, die Frau darf unverantwortlich bleiben

 

Hier müsste der Bruch beginnen, und nicht erst bei der Abwehr von Übergriffen. Solange wir uns bereit erklären, unsere Hintern in hautenge Hosen zu zwängen, unsere Beine in Strumpfhosen vorzuführen und auf hohen Absätzen daherzuklappern, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir als „knackiger Hintern“ oder „scharfe Schnitte“ wahrgenommen werden. Dass enge Hosen und hohe Schuhe Männern kein Recht zum Grapschen und zu schlüpfrigen Sprüchen geben, bleibt dadurch unbenommen. Männer müssen sich kontrollieren und ihre Hände und Zunge im Zaum halten – selbst wenn die Wahrnehmung von Körperattributen sich aufdrängt, ist der Überschritt zum Handeln in keinem Fall erlaubt. Aber zwischen dem Recht auf körperliche und kommunikative Unversehrtheit und einem Auftreten im Geiste des Egalitarismus liegen Welten. Solange wir nur auf Erstere pochen, sind wir Teil des Systems. 

Nur das System gänzlich anders aussieht als sie denkt. Es wird immer ein System intrasexueller Konkurrenz geben, und wenn es Bekleidungsvorschriften gibt, dann gibt es immer Bemühungen diese bestmöglich zu umgehen.

Deshalb, Frauen, Schwestern, Geschlechtsgenossinnen: Lasst das Schminken sein! Legt die Kosmetikdosen in den Schrank und kauft sie nie mehr nach. Wenn ein Männergesicht ohne Tünche schön genug ist für die Welt, warum nicht auch ein Frauengesicht? Hört auf, jeden Tag schicke, formlich und farblich aufeinander abgestimmte Klamotten zu tragen! Zieht das an, was im Schrank gerade oben liegt. Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung. Geht nicht mehr als einmal im Vierteljahr zum Friseur.

Hässlich sein dürfen ist ja durchaus ein sehr feministischer Gedanke. Nur darf er eben nicht mit Victim Blaming/fehlender Projektion/Verantwortung für eigenes Handlen kombiniert werden. Ein solcher „Stillhaltepakt“ in dem Wettlauf innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz würde schlicht nicht klappen.

Werft die High Heels auf den Müll! (Oder reserviert sie für seltene private Gelegenheiten.) Der Mann trägt sein Leben lang Schuhe, die so geformt sind, dass sie der Anatomie des Menschen als Laufwesen angepasst sind. Dass Frauen dazu gebracht werden, Schuhe zu tragen, die des anatomischen Baus des Menschen spotten, ist ein haarsträubender Missstand, gegen den sich schon lange eine Bewegung aus Ergonomen, Ärzten und bewegungsbewussten Frauen hätte formieren müssen.

Aber sie machen längere Beine und betonen beim Gang das Becken. Und sie sind natürlich gleichzeitig auch ein gewisses Statussymbol, ein Signal dafür, dass man eine höhere Position hat (zumindest in Kombination mit Buisnesskleidung) und sie machen größer.

Frauen könnten sich auf neue Signale einigen, neue Berufskleidung erfinden, die weniger figurbetont sind und weniger auf Attraktivität abstellen. Aber eine solche Verabredung ist nachteilhaft, weil man eben die passenden Signale nicht mehr sendet.

Das Echo:

 

 

„Frauen fertig machen, Geld verdienen“

Bento hat aus meiner Sicht eine Vielzahl unglaublich schlechter, häufig feministischer Beiträge. In einem vermutlich von Pinkstinks inspirierten Artikel nimmt man sich der Sprache in Frauenmagazinen wie „Inside“ an.

Die „Inside“ titelt aktuell: „Die Dellen-Queens! Stars im Cellulite-Stress“.

Wider Erwarten ist das Blatt auch mit Inhalt gefüllt, es steht drin: „Schrumpel-Schreck: Fast alle Frauen haben Cellulite, aber Tara hat sie eben leider fast überall.“ Weiter: „Lästige Löcher! ‚Booty Shorts‘ heißen, wie sie heißen, weil sie den Blick auf das Heck freigeben – auch auf die Beulen im Lack.“

Titel der aktuellen "Inside"

Titel der aktuellen „Inside“ (Bild: bento / Nike Laurenz)

Weiter: „Krater-Kummer! Die ‚Gossip‘-Sängerin hat sich von ihrer Band getrennt. Die Krater an Armen und Beinen sind ihr geblieben.“ Weiter, falls noch jemand diese abscheulichen Alliterationen erträgt: „Hügel-Horror! Schenkel-Schande! Furchen-Fiasko! Wabbel-Wellen!“

In der Redaktion, die diese Zeilen in Druck gegeben hat, arbeiten wahrscheinlich Menschen. Menschen, darunter Frauen, die sich für dieses Heft offenbar entschieden haben, andere Frauen zu erniedrigen.

Mit eingängigen Wortneuschöpfungen wird hier auf hässliche Weise definiert, wann Frauen hässlich sind: wenn sie „böse Beulen“ haben oder „zerbeulte Beine“ oder „hinten Verdruss“.

Eine Erklärung hat man nicht. Man regt sich mit entsprechenden Fragen auf:

Die „Inside“ aber macht Geld mit dem Bloßstellen angeblich unperfekter Frauenkörper. Hoffentlich frage nicht nur ich mich:

  • Wen und was wollt ihr erreichen mit diesen Körperkommentaren?
  • Wie können Frauen, oder überhaupt Wesen mit einem Gewissen, diese Demütigungen auf das Äußere anderer Frauen zulassen?
  • Sollte das ein Kind sehen: Wie erkläre ich ihm anschließend, dass es genau richtig ist, so wie es ist? Dass verdammt noch einmal jedes Mitglied dieser Gesellschaft selbst entscheiden darf, wie es aussieht? 
Aus meiner Sicht ist das recht einfach aufzulösen:

  • Der Artikel soll ein „die da oben sind auch nicht besser als wir“ Gefühl erzeugen, mittels dessen Frauen sich besser fühlen, weil andere heruntergezogen werden.
  • Er ist insoweit ein „Gutfühlartikel“ innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz, der eine Hierarchie einreißen soll: Da oben die Hollywoodstars etc unten die Normalos. Hier sind die Hollywoodstars aber auch nur Normalos, die eben nur Photoshop nutzen und sogar noch hässlicher sind als viele andere Frauen.
  • Weil das ganze ein Lästern ist, bei dem die Abwertung gerade dazu dient, dass die anderen sich besser fühlen, verwendet es eine entsprechende Sprache, wie Frauen sie wahrscheinlich auch sonst beim Lästern unter Freundinnen verwenden

Ob man das in einer Zeitung drucken sollte wäre eine andere Frage. Das es Leser eines Klatsch und Tratsch Magazins, dass üblicherweise „Stars sind auch nur Menschen“ zum Thema hat, aber ebenso mit dem Motiv „Das tolle Leben der Promis“ spielt, wenn das eben passt, anspricht halte ich aber für sehr wahrscheinlich.

Auf Pinkstinks wettert man dazu:

Ist ja krass: Ungeschminkt sehen die meisten Menschen eher durschnittlich aus. Und an  alternden Frauen lassen sich Alterserscheinungen feststellen. Teufel noch eins, damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Apropos Teufel: Wer könnte wohl dafür (mit)verantwortlich sein, dass der weibliche Körper als Versuchs- und Schlachtfeld für eine milliardenschwere Industrie herhalten muss. Kommst du selber drauf, Inside Magazin, oder musst du schnell noch durch die letzten deiner Ausgaben blättern?

Auch das scheint mir leicht erklärbar zu sein: Die Frauen wollen ihren Marktwert steigern und brauchend dazu Schönheitstipps. Sie mögen es gleichzeitig zu lesen, dass die ganz oben es auch nicht einfach haben und gar nicht so toll sind, was nicht das Ideal in Frage stellt, sondern es nur erreichbarer macht.

Aber es könnte mir doch egal sein, nicht?! Ich bin ja ein Mann und somit zwar auch zunehmend Schönheitszwängen ausgesetzt aber im Grunde bislang davon ziemlich unbehelligt geblieben. Mein Bauch ist kein „Horror“ und meine Falten kein „Desaster“.

Bei Männern ist eben anderes attraktiv. Auch der Körper, etwa mit Muskeln und Sixpack, aber eben insbesondere Status. Und auch da gibt es genug Druck und Lästerei-

Es ist mir aber nicht egal. Mit 110.000 Exemplaren wanzt du monatlich an Frauen an und erzählst ihnen, dass sie hässliche, wertlose Geschöpfe sind, aber mit diesem und jenem Produkt hier daran womöglich noch was machen könnten. In deiner Herzensgüte hättest du ihnen da schon mal „die heißesten Sommertrends“ zusammengestellt.

Das kann, nein das darf mir nicht egal sein. Und als wäre das nicht genug, gibt dein Verlag auch noch die Zeitschrift Mädchen heraus. Die ist zwar deutlich besser als du, aber letztendlich geht es da auch nur darum, welcher Disney-Prinz zur Leserin passt und wie viel Stalker angeblich in ihr steckt. Was das mit mir zu tun hat? Meine älteste Tochter wird in ein paar Wochen 12 und ist damit Zielgruppenmaterial für die Mädchen. Einer Zeitschrift, die sich genau wie du mit dem Attribut frechschmückt. Was habt ihr nur aus diesem schönen Wort gemacht? Hatte ich erwähnt, dass ich dich hasse?!

Wer hätte es gedacht, Verlage bringen Zeitschriften nicht nach Überzeugung, sondern verteilt nach den Interessen der Leserinnen heraus. Also nach dem, was am Markt abgenommen wird.

Werbung und BMI: Wirkung schlanker/dickerer Modells in der Werbung

 

Ein paar Stellen dazu:

„Echte Frauen mögen keine Kurven in der Werbung:

Some consumers „look at a moderately heavy model and think, ‚That could be me,‘ and it lowers their self-esteem,“ says Naomi Mandel, marketing associate professor at Arizona State University’s W.P. Carey School of Business who worked on the study with two colleagues from Erasmus University and University of Cologne. The paper, which will be published in the April issue of Journal of Consumer Research, explored the psychological theory of social comparison. In this case, how women of different body mass indexes — thin (BMI below 18.5), normal (BMI of 18.5 to 25) and overweight (BMI of 25 to 30) — reacted to ads with models ranging from very thin to obese.

While normal-weight women fretted that they looked similar to the overweight models, heavier consumers felt worse no matter what the model’s size. They saw themselves as similar to the larger models and vastly different from the skinny ones. Thin consumers, meanwhile, felt better looking at any model since they identified with the slender models while realizing they looked nothing like the fat ones.

Eine Besprechung der selben Studie:

…We found that overweight consumers feel worse about themselves when looking at any models (compared to a no-model control ad), because they see the similarities between themselves and the heavy models, and they see the differences between themselves and the thin models — either way, it reminds them of the fact that they’re heavy,“ Mandel told ABCNews.com. In the meantime, „underweight consumers feel better about themselves when looking at any models (compared to a no-model control ad), because this reminds them of the fact that they’re thin,“ Mandel said. One of the most popular campaigns featuring plus-size or „normal“ models is the Dove „Real Women“ Campaign. Dove’s ads feature non-traditional women in their underwear or nude in the hopes that female customers will identify with the models. But, according to the study, reminding these women that they are bigger than traditional models just re-enforces a negative self image.
Despite the findings about ads with heavier models, Dove sticks by its campaign.
„We are confident that our approach has been successful. Over the past several years, women globally have been overwhelmingly supportive of our commitment to show realistic and attainable images of beauty,“ wrote Stacie Bright, a communications manager with Dove.

zur Dove Kampagne:

One billboard in the series asked viewers to phone 1-888-342-DOVE to vote on whether a woman on the billboard was „fat“ or „fab“. The results were posted real-time on the board. While a photo in the October 25, 2004 issue of Marketing Magazine shows „fab“ leading 51% to 49%, eventually the percentage of „fat“ votes overtook „fab“, much to the chagrin of marketers

 

Essstörungen bei Mädchen als Folge intrasexuelle Konkurrenz zwischen Frauen?

Eine Studie hat untersucht, wann bei Schülerinnen Essstörungen auftreten:

Background: Clinical anecdote suggests that rates of eating disorders (ED) vary between schools. Given their high prevalence and mortality, understanding risk factors is important. We hypothesised that rates of ED would vary between schools, and that school proportion of female students and proportion of parents with post-high school education would be associated with ED, after accounting for individual characteristics.

Method: Multilevel analysis of register-based, record-linkage data on 55 059 females born in Stockholm County, Sweden, from 1983, finishing high school in 2002-10. Outcome was clinical diagnosis of an ED, or attendance at a specialist ED clinic, aged 16-20 years.

Results: The 5-year cumulative incidence of ED diagnosis aged 16-20 years was 2.4%. Accounting for individual risk factors, with each 10% increase in the proportion of girls at a school, the odds ratio for ED was 1.07 (1.01 to 1.13), P = 0.018. With each 10% increase in the proportion of children with at least one parent with post-high school education, the odds ratio for ED was 1.14 (1.09 to 1.19), P < 0.0001. Predicted probability of an average girl developing an ED was 1.3% at a school with 25% girls where 25% of parents have post-high school education, and 3.3% at a school with 75% girls where 75% of parents have post-high school education.

Conclusions: Rates of ED vary between schools; this is not explained by individual characteristics. Girls at schools with high proportions of female students, and students with highly educated parents, have higher odds of ED regardless of individual risk factors.

Key messages

  • Eating disorders are more common in some high schools than others.

  • Variation in rates of eating disorders between high schools is not explained by any individual student characteristics that the current study was able to assess.

  • On average a young woman, regardless of her own background, is more likely to develop an ED if she attends a school with a higher proportion of girls or a higher proportion of children of highly educated parents.

Um so mehr Mädchen an einer Schule sind, um so höher war also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mädchen dort Essstörungen entwickelt. Ein weiterer Faktor war, dass viele Kinder zumindest einen hochqualifizierten Elternteil hatten.
„Viele Mädchen“ bedeutet erst einmal, dass eine hohe Konkurrenzsituation vorlag, es kommen weniger Jungs auf ein Mädchen. Vielleicht bilden sich dadurch auch andere Rankverhältnisse und Fälle sozialer Dominanz aus, die mit mehr Jungs anders ablaufen.
„Hochqualifizierte Eltern“ sprechen wiederum für einen hohen Erfolgsdruck, der ebenfalls als Konkurrenzsituation wahrgenommen werden wird.

„Meine eigene Wertschätzung meines Körpers ist (überraschenderweise) nicht alles“

Auf dem deutschen Blog „Embrace the fat“ schreibt „Dickes Mädchen“, eine Anhängerin der Pro-Fett-Bewegung darüber, dass sie mit 25 noch Jungfrau ist, weil sie keiner will.

Sie würde gerne, aber auch auf den queeren Treffen interessiert sich keiner für sie.

Auf die meisten (queeren) Partys gehe ich mit der Hoffnung: vielleicht gibt es diesmal eine Person. Und egal, wie toll ich mich finde, wie empowert ich mich fühle, es passiert nichts. Den Mut jemenschen mal anzusprechen habe ich nicht. Die Angst vor Grenzüberschreitungen ist zu groß und auch hab ich immer die Befürchtung, dass Ablehnung wieder viel zerstören, was ich mir mühselige aufgebaut habe. Eben diese Ängste resultieren ja auch (mitunter) aus meinen ständigen fettfeindlichkeiten Erfahrungen.

 

Das arme Mädchen kann einem ja durchaus leid tun, sie ist in einer Ideologie gefangen, die es ihr quasi verbietet ihren Marktwert zu erhöhen und in dem sie lieber einen Kampf gegen die Normen führen möchte als auf den Kuchen zu verzichten. Und noch nicht einmal in diesen Kreisen, in denen ja sicherlich bekannt ist, das Fatshaming blöd ist, will einer mit ihr schlafen.

Es würde mich interessieren, was sie selbst für Anforderungen an die entsprechende Person hätte, ob ihr da das äußerliche egal ist oder sie schon wegen der Empowerung lieber einen Mann (oder eine Frau) haben möchte, die eher im normschönen Spektrum ist. Leider hat sie eine Frage nach ihren eigenen Präferenzen in den Kommentaren nicht freigeschaltet. Es würde mich auch interessieren, ob für sie einfach nur Sex okay wäre oder ob sie eine Beziehung möchte. Auch da ist sie leider etwas unsicher.

Die erste Person, die mir vor kurzem direkt gesagt hat, dass mich sexy findet, meinte dann nur, ich solle mich doch selbst lieben, so dass mich andere sexy finden. Das ist genau mein Probleme ist. Ich finde mich schön und sexy; und ich liebe mich selbst. Ich arbeite daran jeden einzelnen Tag und denke auch, dass ich durchaus erfolgreich darin bin. Vielleicht nicht immer, aber schon meistens. Egal wie sehr mich selbst liebe, muss es trotzdem noch lange nicht bedeuten, dass mich andere auch attraktiv und sexy finden. Ja, vielleicht verändert sich meine Ausstrahlung durch meine Selbstliebe, aber trotzdem sind da Normen, in welche ich nicht passe und wegen welchen ich abgewertet werde. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass viele Menschen, die sich nicht selbst lieben oder wertschätzen, als attraktiv empfunden werden und Sex haben. Es sind halt viele komplexe Vorgänge damit verbunden, wer wen attraktiv findet, die eng mit normativen Schönheitsbilder verbunden sind. Und meine eigene Wertschätzung ist dabei nicht alles. Auch kommt hinzu, dass das ebenso zur Individualisierung und damit zur Unsichtbarkeit des eigentlichen Problems, nämlich Feindlichkeit gegenüber fetten Menschen, beiträgt.

Ich finde das in seiner selbstzerstörerischen Art faszinierend. Sie arbeitet jeden Tag hart daran, sich selbst zu belügen, dass sie schön und sexy ist. Denn sie weiß ja, dass sie es in den Augen der anderen nicht ist. Sie baut sich auf um dann zu merken, dass es leider keinen interessiert, was sie vermutlich wieder runter haut. In der Tat ist ihre Wertschätzung dabei nicht alles, gerade, wenn sie auf Männer steht. Ein sehr hohes Selbstbewußtsein und eine Scheiß egal Einstellung macht eben Männern interessant (auch wenn da Dicke ebenfalls wesentlich schlechtere Karten haben), aber Frauen nicht.

So richtig klar wird da aus meiner Sicht auch nicht, warum es ihr gerade so wichtig ist, dick zu sein. Ich vermute, dass es deswegen der Fall ist, weil sie eben dick ist und abnehmen erst einmal anstrengend wäre und viel Arbeit und Entbehrung bedeuten würde. Also soll sich statt dessen lieber die Welt ändern. Leider hat diese gar keine Lust darauf, noch nicht einmal in einem sehr queeren und für das Thema sensibilisierten Umfeld. Ich könnte mir sogar vorstellen: Gerade dort: denn auch die  dortigen werden sich vielleicht denken, dass sie ja selbst Opfer von gesellschaftlichen Normen sind und insofern nicht verpflichtet sind sie aufgrund ihrer Benachteiligung besonders zu behandeln.

Ihre Schüchternheit wird es nicht besser machen. Denn ihre Klientel sind ja gerade Menschen, die ebenfalls nicht der Schönheitsnorm entsprechen. Und die haben eben ebenfalls Angst vor Ablehnung.

Meine Flirttipps an Frauen waren ja ungefähr:

  • Sich so attraktiv wie möglich machen
  • Die Ansprechbarkeit erhöhen
  • Die Männer aussieben, die nicht das wollen, was man will (also zB die, die nur Sex wollen, wenn man eine Beziehung will)

Beim ersten Punkt scheint sie eher die gegenteilige Strategie zu verfolgen, denn wie sie selbst sagt enspricht sie nicht den Schönheitsnormen. Bliebe also selbst auf Leute zuzugehen oder ihnen zumindest mit Blicken zu signalisieren, dass sie Interesse hat. Und das eben bei Männern, die nach den gängigen Schönheitsnormen etwa auf ihrer Stufe oder (falls sie nur Sex will) etwas höher stehen.

Ich habe nun mal keine tolle Partner*in, aber trotzdem Interesse. Die Hürden bei der Partner*innenfindung, die dicken Menschen im Weg stehen, sollten wir nicht einfach so übersehen. Wir sollten mehr Raum schaffen für die unterschiedlichen Erfahrungen, die  dicke Menschen in Bezug auf Sex machen. Denn es gibt mehr als zwei Möglichkeiten.

Ich finde es super, dass inzwischen viele einfach so und sehr offen von ihrem Sexleben reden. Doch da ich nichts beizusteuern habe (und die Wahrheit wahrscheinlicht zu schockierend wäre), bedeutet das für mich eben, dass die meisten mich für verklemmt halten. Ich hab keine Ahnung, ob ich das überhaupt wäre. Dabei ist Sex einfach etwas, von dem ich wünschte, dass es ein Teil meiner Lebensrealität wäre. Weil ich auch einfach so viel tolles und schönes darüber höre, dass ich es auch einfach selbst erfahren wollen möchte.

Die Haltung ist ja quasi: „Ich wünschte, dass es Teil meiner Lebenrealität wäre also soll es bitte jemand möglich machen, alles andere wäre ja fatshaming. Ich selbst gedenke gar nicht dafür zu machen außer in der Ecke zu stehen und zu warten. Wenn es nicht passiert, dann liegt es an der fiesen Gesellschaft, die eben einfach die falschen Werte vorgibt bzw. überhaupt Werte.“

Es zeigt aus meiner Sicht nicht etwa einen zu unterstützenden Kampf gegen Schönheitsnormen, sondern eher Faulheit und Bequemlichkeit. Es sind eben immer alle anderen Schuld. In einer besseren Welt würde sie eben Sex haben und es wäre unfair, wenn sie dafür was machen müsste.

Für sie scheint die Idee „da muss ich wohl was an mir selbst ändern, anscheinend komme ich so noch nicht einmal in einem sehr queeren Umfeld an“ zu keinem Zeitpunkt eine Rolle zu spielen. Andere Dicke mögen Sex haben, sie aber eben nicht und für diese Form der sexlosen Dickheit sollte eben Raum geschaffen werden, es soll als Problem erkannt werden, sprich sie begehrt die Anerkennung ihrer Opferrolle.

In den Kommentaren wird sie begeistert gefeiert, zumindest für ihren Mut das alles zu schreiben und für ihren Kampf für die Sache. Eine Kommentatorin schreibt:

Dicke Frauen und Sex endlich(!!) positiv zu besetzen ist großartig, aber “unfickbar” sein ist immer noch für Frauen brutale Realität.

So so, für Frauen ist „unfickbar“ sein also brutale Realität. Ich behaupte, dass dicke Frauen es immer noch deutlich leichter haben „fickbar“ zu sein als Männer. Natürlich müssen sie dazu wirklich nur auf Sex aus sein und vielleicht auch ihrerseits eine gewisse Wahllosigkeit zeigen, aber der männliche wesentlich stärkere Sexualtrieb wird ihnen da den Weg wesentlich leichter machen als bei einem dicken Mann. Dieser Blick nur auf einen Selbst ist eben auch wesentliches Zeichen dieser Ideologie.

 

Hier noch mal einen Grafik, die zeigt, dass ein höheres Gewicht weltweit als unattraktiv wahrgenommen wird:

Schlank Gewicht Schönheit

Schlank Gewicht Schönheit

Was ziemlich dafür spricht, dass wir zu dicke Frauen aus biologischen Gründen nicht schön finden, was in einigen Ländern kulturell (oder auch aufgrund biologischer Unterschiede) mehr oder weniger ausgestaltet ist. All ihr wettern gegen die Normschönheit wird damit wahrscheinlich nichts daran ändern, dass sie eben dick nicht schön ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht auch einen Partner finden kann, entsprechende Vorlieben sind eben niedriger, auch wenn sie mit einem Senegalesen oder noch besser einem Nigerianer statistisch bessere Karten hätte.

Patriarchatssondersitzung: Der Playboy will keine Nackbilder mehr abdrucken!

Werte Patriarchatsbrüder,

während wir bei unserer letzten Sitzung noch genüsslich an einer Verbesserung der weiblichen Unterdrückung arbeiten konnten habe ich die Sitzung dieses mal zusammengerufen, weil Besorgnis an mich herangetragen wurde.

Der amerikanische Playboy, Jahrelang ein bewähretes Machtmittel bei der Objektivierung von Frauen, will nunmehr keine Nacktbilder mehr veröffentlichen:

Was die Menschen zumeist für eine testosterongesteuerte faule Ausrede halten, dass nämlich der Playboy , dieses Magazin mit „allem, was Männern Spaß macht“, gerade auch wegen seiner tollen Interviews und intellektueller Essays gelesen werde, stimmte. Und es stimmt vielleicht ab jetzt sogar noch mehr. Denn der Playboy erfindet sich ohne jene Damen, die erschütternd wenig oder gar nicht bekleidet sind, neu.

(..)

Das Magazin hat über seinen ewigen Gottvaterherausgeber, den Hochkultursammler Hugh Hefner, beschlossen, künftig keine nackten Frauen mehr zu zeigen. So der amtierende Playboy-Chef Scott Flanders gegenüber der New York Times. Jedenfalls nicht in der amerikanischen Ausgabe. Die deutsche hingegen, so deren Chefredakteur Florian Boitin, behält sich „redaktionelle Unabhängigkeit“ vor und stellt klar: „Auf die Ausrichtung des deutschen Playboy hat die Entscheidung der Amerikaner keinen Einfluss.“

In den USA will man ab März 2016, 63 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Hefnerheftes mit dem Marilyn-Monroe-Titel, zwar weiterhin sich anatomisch verrenkt rekelnde Damen jüngeren Alters zeigen, aber: Sie werden dann mehr als nur Häschen-Ohren und Nebel von Nichts anhaben.

Wer wie ich in der Vorinternetzeit seine Pubertät erlebt hat, der wird zumindest den damaligen Wert eines Playboys durchaus zu schätzen gewußt haben. Es war noch deutlich schwieriger an passendes Material zur Unterstützung gewisser Vorgänge zu kommen als heute.

Frühere Bilder aus der Playboszeit haben heute regelrecht einen gewissen Charme:

Playboy früher

Playboy früher

Und auch später fanden sich dort durchaus schöne Frauen:

Miss Juni 2013 Audrey Allen

Miss Juni 2013 Audrey Allen in jugendfreier Form

 

Ich kann meine werten Mitbrüder aber beruhigen: Der Grund ist nicht etwa, dass wir in der Objektifizierung klein beigeben, nein, dank verbesserter Strukturen hat sich diese einfach nur verlagert. Inzwischen ist so viel mehr Material im Netz und das Angebot kostenloser Pornografie so groß, dass aufgrund der allseitigen Verfügbarkeit jeder sein Smartphone nutzt, statt eine Zeitschrift zu bemühen. Die Unterdrückung der Frau ist damit nicht mehr nur an jedem Zeitschriftenstand, sondern überall verfügbar, wo es Internet gibt.

Entsprechend auch die weitere Begründung:

Man sei, so Playboy-Kapitän Flanders, heute jederzeit und ganz umsonst nur einen Klick „von jeder denkbaren Sex-Handlung entfernt“, Erotikmagazine hätten generell an Schockwert, an kommerziellem Wert und kultureller Relevanz verloren.

Mit der Nacktheit ist es vorbei
Für den Playboy bedeutet das konkret: Mitte der Siebzigerjahre verkaufte die US-Ausgabe 5,6 Millionen Magazine, heute sind es rund 800 000. Es sei mit der Nacktheit „einfach vorbei“,

Letztendlich also ein Sieg an der Objektifizierungsfront auf ganzer Länge.

Dies wurde auch schon beispielsweise auf Twitter festgestellt:

Auch Jessica Valenti stoßt in dieses Horn:

Yes, Playboy nixing the nudes probably won’t have much of an impact in the world of people who like to look at naked women nor will it move feminism forward. The move has more to do with business than progress and no matter what happens at Playboy, sexism will be still be around – not just in porn, but in life. And that’s a lot more worrying than a few less pairs of naked breasts on the drugstore shelf.

Ich denke also, dass kein Anlass zur Beunruhigung besteht.

Bedenken können natürlich gerne in den Kommentaren zu Protokoll gegeben werden.