Das egoistische Gen

Das Bild des egoistischen Gens wird häufig falsch verstanden. Natürlich können Gene nicht egoistisch sein oder Strategien verfolgen. Es ist nur ein Bild, dass es sprachlich leichter macht bestimmte Prozesse nachzuvollziehen. Dahinter stecken folgende wesentliche Betrachtungen:

1. Was geben wir an die nächsten Generationen weiter?

Wenn ein neuer Mensch entsteht, dann aus den Genen der Mutter und des Vaters. Diese Gene sind (abgesehen von sehr geringen Mutationsraten) unveränderlich in deren Körper gespeichert. Bei der Mutter werden die Eizellen bereits im Fötus gebildet und enthalten den Gencode, den die Mutter (zuzüglich evt. Mutationen) von ihren Eltern erhalten hat. Beim Mann werden die Spermien ebenfalls mit genau diesen Geninformationen gefüttert, die auch bereits bei seiner Geburt vorhanden sind.

Ein Mann, der schwächlich geboren viel Sport macht, gibt nicht plötzlich Sportlergene an seinen Sohn weiter, sondern gegebenenfalls die Gene, die Anfangs seine schwächliche Kondition begründet haben mögen. Ein Mann, der sein Leben lang als Schmied gearbeitet hat, gibt nicht „Schmied-Gene“ an seinen Sohn weiter, sondern die Gene, die er bereits von Anfang an hatte. Es mag sein, dass dabei eine besondere körperliche Robustheit vorhanden ist, die ihm dabei geholfen hat, Schmied zu werden, aber es kann auch sein, dass sich – wenn der Beruf innerhalb der Familie weitergegeben wird – diese Robustheit und Stärke von jedem neuen Schmied erarbeitet werden muss. Es werden von den Genen keine Fähigkeiten, die während des Lebens erarbeitet wurden, weitergeben, sondern schlicht der Startpunkt.

Gene sind insoweit nicht anpassungsfähig. Sie können zwar besondere Programme für besondere Lagen vorsehen (beispielsweise: „Wenn Unterernährung vohanden ist, dann Programm X, wenn sehr gute Ernährung vorhanden ist, dann Programm Y“), aber vererbt werden kann lediglich das reine Genmaterial, nicht die weitergehende Erfahrung.

2. Wie Gene weitergeben werden

Ich hatte bereits in einem anderen Artikel dargestellt, dass Gene sich nur in Einzelwesen, nicht innerhalb der Gruppe, verändern. Wenn in einem Körper eine Mutation sagen wir für die bessere Verdauung von Milchzucker auftritt, dann „springt“ dieses Gen nicht auf andere Menschen über. Es kann sich nur dann durchsetzen, wenn der Nachfahre eines Menschen mit diesem Gen, der dieses Gen hat, mehr Nachkommen hat, als die anderen Menschen ohne dieses Gen. Damit Gene sich im Genpool verbreiten, müssen sich die Körper, in denen sie stecken, fortpflanzen.

3. Körper als Genvehikel

Wenn Gene das Einzige sind, was wir betreffend des Aufbaus des Körpers an unsere Nachkommen weitergeben, dann ergibt sich hieraus, dass die Gene, die Körper so bauen, dass diese die Gene effektiv weitergeben, zahlreicher werden.

Der Körper selbst hingegen ist bei dieser Betrachtung unwichtig. Wenn ein Körper zwar hervorragend innerhalb der Gruppe funktioniert und er großartige berufliche und private Erfolge hat (ob der Beruf dabei „Mammutjäger“ oder „Salesmanager“ ist, ist dabei unbeachtlich), er aber steril ist, dann sterben die Gene, die diesen Körper produziert haben aus.

Aus dieser Sicht ist der Körper nichts anderes als ein Überlebens- und Fortpflanzungsvehikel für die Gene. Und das dürfte auch der wesentliche grund gewesen sein, aus dem heraus sich Körper entwickelt haben. Die ersten Replikatoren haben vielleicht nur stablile Hüllen benötigt, um bestimmte chemische Prozesse ablaufen lassen zu können. Aber wenn Rohstoffe, aus denen sich diese Replikatoren gebildet haben, knapp wurden, dann konnte es sich lohnen, sich die Hüllen anderer Replikatoren zu eigen zu machen um selbst bessere Hüllen aufzubauen. Damit lohnen sich dickere Zellmembranen, die dies verhindern und Gene, die solche Hüllen bauen setzten sich durch. Damit lohnten sich vielleicht Aufbrechwerkzeuge für solche Hüllen und Gene, die so etwas bauten, setzen sich durch etc.

Dawkins schreibt dazu in „Das egoistische Gen“:

Once upon a time, natural selection consisted of the differential survival of replicators floating free in the primeval soup. Now, natural selection favours replicators that are good at building survival machines, genes that are skilled in the art of controlling embryonic development. In this, the replicators are no more conscious or purposeful than they ever were. The same old processes of automatic selection between rival molecules by reason of their longevity, fecundity, and copying-fidelity, still go on as blindly and as inevitably as they did in the far-off days. Genes have no foresight. They do not plan ahead. Genes just are, some genes more so than others, and that is all there is to it. But the qualities that determine a gene’s longevity and fecundity are not so simple as they were. Not by a long way. (S. 24)

Die Selektion führt hier zu einer gewissen „Scheinlogik“. Die Gene, die dafür sorgen, dass am meisten Kopien von sich vorhanden sind, gestalten die meisten Körper. Die Körper, die am besten an bestimmte Situationen angepasst sind, geben die meisten Kopien weiter. Gene, die Körper produzieren, die nicht auf „langfristige Weitergabe der Gene“ ausgelegt sind, haben einen Selektionsnachteil.

Das Problem dabei ist, dass „langfristige Weitergabe der Gene“ eigentlich eine Betrachtung der Zukunft erfordert, die Gene eigentlich nicht leisten können.

Dawkins beschreibt dies so:

When an embryo survival machine is being built, the dangers and problems of its life lie in the future. Who can say what carnivores crouch waiting for it behind what bushes, or what fleet-footed prey will dart and zig-zag across its path? No human prophet, nor any gene. But some general predictions can be made. Polar bear genes can safely predict that the future of their unborn survival machine is going to be a cold one. They do not think of it as a prophecy, they do not think at all: they just build in a thick coat of hair, because that is what they have always done before in previous bodies, and that is why they still exist in the gene pool. They also predict that the ground is going to be snowy, and their prediction takes the form of making the coat of hair white and therefore camouflaged. If the climate of the Arctic changed so rapidly that the baby bear found itself born into a tropical desert, the predictions of the genes would be wrong, and they would pay the penalty. The young bear would die, and they inside it. (S. 55)

Hieran sieht man auch, dass Gene eben gerade keine Strategien haben können, es uns aber so vorkommen kann. Die Gene, die zufälligerweise an eine Änderung angepasst waren, konnten weitere Genträger produzieren und sind demnach heute noch vorhanden. Sie hatten nicht die bessere Strategie, weil sie keine Strategie haben können.

Ein weiteres Beispiel sind zB die Dinosaurier. Es war keine schlechte „Genstrategie“ einen Dinosaurierkörper zu bauen, um als Gen bestehen zu bleiben. Vielmehr hatten Gene, die solche Körper bauten, einfach aufgrund der damaligen Welt bestimmte Vorteile innerhalb der Selektion, die dazu führte, dass sie weit verbreitet waren. Diese Vorteile verschwanden in einer Welt, die von einem Meteor getroffen wurde und bei der es vorteilhaft war, wenn man als Gen in einem Körper steckte, der auf ein Leben unter der Erde ausgelegt war, die mehr Schutz vor den Auswirkungen einer solch drastischen Veränderung bot.

4. Folgen

Wenn Gene von der Selektion bevorzugt werden, die Körper bauen, die auf eine Weitergabe der Gene ausgelegt sind („Wenn Gene sich Körper bauen wollen, die möglichst viele Kopien von sich selbst erzeugen können“), dann werden verschiedene Verhaltensweisen leicht verständlich.

Ein Gen, dass einen Körper baut, der eine Verbundenheit zu seinem Nachwuchs hat und diesen beim Start ins Leben hilft und versorgt, hat Vorteile innerhalb der Selektion gegenüber Genen, die dies nicht machen, zumindest, wenn der Körper hinreichend kompliziert ist, um Hilfe zu brauchen und eine Steuerung nicht genau so gut uber Instinkte etc erfolgen kann („Ein Gen, dass Kopien von sich selbst unterstützt, verbreitet sich mehr“). Damit läßt sich recht gut erklären, warum Elternliebe meist unkonditionell ist, also wenig vom Verhalten des Kindes abhängig, während Liebe innerhalb einer Paarbeziehung nicht unkonditionell ist, also von dem Verhalten abhängt: Eltern, die ein Kind nach einem wiederholten Fehlverhalten verstoßen, erscheinen uns hart und das Verhalten unmoralisch. Jemand, der einen romatischen Partner nach wiederholten Fehlverhalten nicht verstößt, erscheint uns hingegen als zu weich und ebenfalls in gewisser Weise unmoralisch.

Ein Körper, der auf unkonditionelle Bindung zu seinen „Genträgern“ gebaut ist, führt vielleicht ein schlechteres Leben, weil er sich für seine Kinder abrackert, aber er gibt Gene effektiver weiter. Was alles ist, was im Rahmen der Selektion der Gene entscheidend ist („Ein Gen, dass dafür sorgt, dass Eltern ihre Kinder lieben, ist erfolgreicher“).

Daraus lassen sich gewisse Gesetzmäßigkeiten herleiten. Ein Gen, das einen Körper so baut, dass es die theoretischen Genübereinstimmungen berücksichtigt, sollte innerhalb der Selektion gefördert werden. Es wäre demnach beispielsweise zu erwarten, dass ein Gen, dass eine stärkere Bindung des Körpers an seine Töchter und Söhne als an seine Nichten und Enkelkinder bewirkt, innerhalb der Selektion Vorteile hat, während ein Gen, dass ein stärkere Bindung an die Nichten und Enkelkinder als an die Söhne und Töchter bewirkt, innerhalb der Selektion starke Nachteile hat (es sei denn, dass es Lebensumstände gibt, die Nichten und Enkelkinder überaus stark von einer solchen Bindung profitieren lassen, während Söhne und Töchter diese nicht benötigen würden, aber es fällt mir keine Situation ein, in der dies zutreffen könnte).

Die „genzentrierte Sicht“ ist auch bei vielen anderen Betrachtungen hilfreich. Ein Gen, dass einen männlichen Körper baut, hat beispielsweise Selektionsvorteile, wenn es, da keine Schwangerschaftskosten bestehen, den Sextrieb des Körpers stärker gestaltet als ein Gen, dass einen weiblichen Körper baut. Im Gegenzug hat ein Gen, das einen weiblichen Körper baut, Selektionsvorteile, wenn es den Körper mit Wünschen nach einem Versorger und gutem Genträger und einem gegenüber dem männlichen Körper zurückhaltenderen Sextrieb baut. Deswegen hat wiederum ein Gen, das einen männlichen Körper baut, ein Interesse daran, das dieser Körper so gebaut ist, dass er ein Interesse daran hat, für weibliche Körper interessante Eigenschaften nachzuweisen. Ein Gen, das Männerkörper baut, die zwar ein gutes Leben führen, aber von weiblichen Genvehikel nicht als attraktiv angesehen werden, hat insoweit ebenfalls einen Selektionsnachteil (der aber evtl. auf anderen Wege, etwa beim Bau weiblicher Genvehikel, ausgeglichen werden kann, wo diese Bauweise dann einen Selektionvorteil bildet).

Die Idee, dass ein Gen „egoistisch“ ist, hat also seinen Ursprung darin, dass ein Gen, dass dazu führt, dass der Körper weitere Genkopien machen kann, die dann weitere Genkopien machen etc. innerhalb der Selektion vorteile hat. Aus unserer Sicht wirkt dies so als würde sich das Gen egoistisch verhalten. Aufgrund unserer Evoltuionsgeschichte sind uns Analogien zu menschlichen Verhalten leicht verständlich. Wir können uns eher vorstellen, dass sich bestimmte Atome „gerne“ an einander binden statt uns die dahinter stehenden Kräfte genau bewußt zu machen. Genauso können wir uns eher vorstellen, dass die Gene Ziele verfolgen, um sich zu verbreiten als auf die bloße ziellose Selektion abzustellen.

„Schrödingers Vergewaltiger“

„Schrödingers Vergewaltiger“ ist eine im Feminismus beliebte Figur in der Frage der sexuellen Belästigung / Vergewaltigungsvorbeugung.

Seinen Urspung hat es in dem Beitrag „Schrödinger’s Rapist: or a guy’s guide to approaching strange women without being maced„. Auch in der aktuellen Debatte um „Elevatorgate“ und Dawkins Kommentar wurde es an verschiedenen Stellen angeführt um darzustellen, warum der unbekannte Mann Rebacca Watson nicht hätte ansprechen sollen.

Grundlage ist Schrödingers Katze, ein Gedankenexperiment aus der Teilchphysik, bei dem es darum geht, dass die Messung Einfluss auf das Ergebnis hat und damit erst in dem Moment, indem die Messung erfolgt, klar ist, welcher Zustand eigentlich besteht.

Verdeutlicht wird dies durch ein Experiment:

In einem Raum befindet sich eine Katze zusammen mit einem instabilen Atomkern, der theoretisch verfallen könnte oder eben auch nicht. Zerfällt er registriert dies ein Geigerzähler und löst einen Vorgang aus, der die Katze tötet. Nach der Quantentheorie ist aber vor einer Messung ungewiss, ob der Atomkern verfallen ist oder nicht. Er befindet sich im Zustand der Überlagerung und ist damit gleichzeitig zerfallen und nicht zerfallen. Demnach müßte auch die Katze gleichzeitig leben und nicht leben

Die Paralle bei Schrödingers Rapist ist die Folgende:

Wenn ein Mann mit einer Frau zu tun hat, dann weiß sie nicht, ob er ein Vergewaltiger oder kein Vergewaltiger ist. Er könnte einer sein oder er könnte keiner sein. Erst wenn er handelt, erfahrt sie ob er ein Vergewaltiger ist. Er ist also beides zugleich, ein Vergewaltiger und kein Vergewaltiger

Der Vergleich hat natürlich erhebliche Schwachstellen. Denn es handelt sich eben nicht tatsächlich um überlagerte Zustände, sondern lediglich um Gefahrbewertungen. Die meisten Männer befinden sich eben genau nicht in einem Überlagerungszustand zwischen Vergewaltiger und Nichtvergewaltiger, sie sind keine Atome, die zwangsläufig verfallen, die Frage ist nur wann (also übertragen: „Männer, die auf jedenfall vergewaltigen, die Frage ist nur wann“). Es fehlt bereits an dem Statuswechsel. Männer sind sozusagen ein nichtradioaktives Material, die Frage ist (für normale Menschen) nicht, wann sie vergewaltigen, sondern ob sie überhaupt vergewaltigen.

Diese Frage wird sich für den allergrößten Teil der Männer mit Nein beantworten lassen.

Was meiner Meinung nach die Wertung erheblich verändert.

Hat man bei der einen Betrachtung die Wertung „Vergewaltiger oder Nichtvergewaltiger“, dann klingt das nach einer 50% Chance, gegen die man sich absichern muss.

Aber legen wir zunächst einmal die Betrachtung zugrunde, dass die Optionen „Vergewaltiger und Nichtvergewaltiger“ gegeneinander stehen.

Die Frau müßte sich also dann für den Fall wabnen, dass der Mann, der sie anspricht ein Vergewaltiger ist. Sie müßte diesen Gedanken nach dieser Vorstellung stets mit einkalkulieren und hat deswegen Angst.

Diese Angst wird nun zum Anlass genommen bestimmte Maßnahmen zu fordern.

Allerdings ergibt sich aus dem Gedankenmodell noch nicht, welche Maßnahmen berechtigt sind.

Theoretisch sind verschiedene Maßnahmen denkbar:

  • Meide Frauen wo es nur geht, denn Vergewaltigungen können überall passieren. Lebe in strikter Geschlechtertrennung um Angst vor einer Vergewaltigung zu vermeiden
  • Meide Kontakt mit Frauen, in Situationen, die dir eine leichtere Vergewaltigung ermöglichen würden
  • Meide Kontakt mit Frauen, bei der Frauen besondere Angst vor einer Vergewaltigung haben könnten
  • versuche Frauen das Gefühl zu geben, dass dein Zustand „Kein Vergewaltiger“ ist
  • vermeide Anzeichen dafür, dass dein Zustand „Vergewaltiger“ ist.
  • ignoriere die Ängste der Frau einfach und vergewaltige sie nicht, es ist ihre Sache, wie sie mit ihren Ängsten umgeht.

Aus der Darstellung, dass ein Mann für eine Frau „Schrödingers Vergewaltiger“ ist, ergibt sich die Handlung nicht zwingend. Hier zu braucht man weitere Betrachtungen, die den Handlungsrahmen einengen.

Eine solche Betrachtung stellt die dann meist hinzugezogene Privilegientheorie dar.

Danach sind Männer in Hinsicht auf Vergewaltigungen privilegiert. Sie müssen sich vor einer Vergewaltigung nicht fürchten, weil Männer nie vergewaltigt werden. Für Frauen stellt eine Vergewaltigung hingegen eine reale Gefahr dar.

Weil Männer das Privileg der Nichtvergewaltigung haben, müssen sie, so der weitere Schluß, dieses Privileg dadurch ausgleichen, dass sie besondere Rücksicht auf Frauen nehmen und sich zumindest bewußt machen, dass Frauen besondere Ängste vor einer Vergewaltigung haben.

Aus diesen besonderen Ängsten ergibt sich allerdings auch noch nicht zwingend wie man mit diesen umzugehen hat. Vielmehr stehen auch in diesem Fall die obigen Handlungsalternativen offen, zumal man argumentieren kann, dass die Gefahr einer Vergewaltigung für eine Frau ebenfalls sehr gering ist und ihre Ängste damit zu einem gewissen Teil irreal. Aus dem vorhandensein einer besonderen Angst der Frauen ergibt sich damit nicht zwangsläufig ein Handlungsbefehl.

Der entscheidene Argument ist dann meiner Meinung nach die „Rape Culture“. Danach besteht in der Gesellschaft eine besondere Kultur durch die Vergewaltigungen gefördert und verharmlost werden. Diese besteht aufgrund der patriarchalischen Kultur. Würde diese Vergewaltigungskultur nicht bestehen, dann müssten Frauen auch – wie in den glücksseligen Matriarchaten – keine Angst vor einer Vergewaltigung haben. Weil aber die patriarachische Kultur vorhanden ist die Vergewaltigungen fördert, hat die Frau – und zwar alle Frauen, die Frau an sich – Angst vor einer Vergewaltigung.

Auch dann stellt sich die Frage, warum es eine Verantwortung des einzelnen Mannes ist, dass eine solche Vergewaltigungskultur – diese einmal unterstellt – existiert. Warum muss er aufgrund dieser Vergewaltigungskultur sein Verhalten umstellen und der Frau eine besondere Schonung entgegenbringen?

Und die Antwort ist meiner Meinung nach eben eine Gruppenhaftung der Männer: Er muss ihr Schonung entgegenbringen, weil er Teil der Gruppe ist, die vergewaltigt und damit für diese Taten verantwortlich ist.Er muss davon ausgehen, dass sie der Teilgruppe Männer den Status Vergewaltiger zuweist und diesen auf ihn überträgt.

Es ist in jedem Fall interessant, den Ausgangsartikel zu „Schrödingers Rapist“ zu lesen, schon weil er eine Menge problematischer Ansätze enthält.

Da werden einmal die Vergewaltigungszahlen sehr hoch angegeben und die üblichen Verdrehungen vorgenommen:

Es wird zunächst die Zahl in den Raum gestellt, dass 1 von 6 Frauen schon Opfer eines sexuellen Angriffs war. Dann wird der sexuelle Angriff direkt zu einer Vergewaltigung: „Wenn jeder Vergewaltiger 10 Opfer hat, dann ist jeder 60ste Mann ein Vergewaltiger“.

Da ist die Angst der Frauen verständlich. Tatsächlich sind die Vergewaltigungraten allerdings wesentlich niedriger. Offizielle Zahlen gehen von 9-26 Vergewaltigungen auf 100.000 Einwohner pro Jahr aus. Also auch nicht 26 vergewaltigte Frauen, sondern 26 Vergewaltigungen, wenn ich es richtig verstehe. Lebt eine Frau in einer Mißbrauchsbeziehung und wird dort 5 Mal vergewaltigt, bevor sie sich trennt, dann sind die Zahl der vergewaltigten Frauen weiter. Natürlich muss mann hier eine Dunkelziffer berücksichtigen, aber auch dann kommt man nicht auf jede 6ste Frau. Es handelt sich um eine nicht begründete Phantasiezahl ohne Beleg.

Aus dieser Zahl folgert sie aber, dass jede Frau und jeder Mann in seinem Bekanntenkreis einen Vergewaltiger hat, der unbekannt ist und eine Frau damit nie sicher ist. Die Gefahrenlage, die so nicht besteht, soll also zum einen die besondere Gefahr des Mannes und zum anderen die besondere Rücksichtnahmepflicht des Mannes erklären.

Die Verfasserin nimmt zudem recht umfassende Handlungspflichten an:

Ihre Aufforderung an die Männer ist, von der folgenden Handlungsmaxime auszugehen:

„If I were dangerous, would this women be safe with me“

Sie fordert also, dass man selbst davon ausgeht, ein Vergewaltiger zu sein, und zu überdenken, ob ein Vergewaltiger die Frau in diesem Moment vergewaltigen könnte. Lautet die Antwort ja, dann sollte man sie nicht ansprechen (immerhin beschränkt sie es aufs ansprechen, wobei dies erstaunlich ist, denn wenn die Begründung besondere Angst ist, dann würde es ja auch bereits dort verängstigt sein, die Theorie wäre also, dass ein Ansprechen ihre Angst noch stark erhöht (weil Vergewaltiger eher ansprechen?)

Ihre weitere These ist, dass man Frauen wegen dieser Angst auch nur ansprechen sollte, wenn sie einem Signale senden. Das ist meiner Meinung nach auch etwas weitgehend.

Allerdings könnte hier Pickup wiederum hilfreich sein: Bei den indirekten Methoden würde man eine Frau zB mit einem Opinionopener ansprechen, sie also nach einer Meinung zu einem Thema befragen. Man würde zunächst kein direktes Interesse an ihr signalisieren und dies erst dann tun, wenn sie einem Indicators of Interest, also Anzeichen dafür, dass sie Interesse hat, schickt. Eigentlich also eine ziemlich feministische Anmache.

Oder wie Roissy es ausdrückt:

Given the above, it will surprise some of the readers that this blog holds little sympathy for Inept Elevator Nerd. Asking a woman out for coffee before you’ve won her interest is bad game. Asking her out in an elevator at 4AM when she has nowhere to escape is bad game. Doing all of it with the nervousness of a beta herb who hasn’t had any for years is ZERO GAME.

Direct game of the sort that elevator dude “ran” is best used in open spaces where the woman won’t feel cornered. It’s good pickup strategy to give a woman the feeling of being able to freely excuse herself if she finds your hard sell lacking. A woman is more likely to allow her intrigue to flower if the man who approaches her with directness knows that she values an easy out should she need it. It’s an implied understanding that only men who have experience bedding women will know, and women know this.

Indirect game is better for enclosed spaces like elevators where the first goal is to make the woman feel comfortable in your presence.  (…) A man who directly approaches a woman in a context that offers her an unmessy exit is, in the woman’s hindbrain, a confident man unafraid of potential rejection. This is a tacit demonstration of higher value that will immediately set the tone of the pickup in the man’s favor. In contrast, a man who directly approaches a woman in a context that affords her no quick, polite escape is, in the woman’s mind and likely in reality as well, a desperate beta who needs to corner a woman to win an audience with her. She will easily and seamlessly rationalize this awkward behavior on his part as the machinations of a rapist’s mind.

Der Unterschied zum obigen Konzept?

Pickup verlangt nicht ein bestimmtes Handeln, weil es das einzig zulässige ist, sondern stellt dar, was effektiv ist. Es verdammt uneffektives Handeln nicht als unmoralisch.

Richard Dawkins, Sexismus und Privilegien

Über Richard Dawkings braut sich ein feministischer Shitstorm zusammen, weil er meinte, dass es schlimmeres gibt als nachts nach einer Konferenz in einem Fahrstuhl gefragt zu werden, ob man noch einen Kaffee im Zimmer des mitfahrenden Mannes trinken will, weil er sie interessant findet.

Das Männer dabei nicht an Vergewaltigung denken liegt eben daran, dass sie privilegiert sind, weil sie in einer solchen Situation nicht vergewaltigt werden.

Ich war natürlich in dem Fahrstuhl nicht dabei, insofern kann ich nichts dazu sagen, ob der Mann drohend wirkte oder nicht. Aber es klingt in der Schilderung der Angesprochenen nicht sonderlich bedrohlich. Es klingt im Gegenteil eher recht harmlos. Ich meine, dass man das durchaus machen kann, wenn man ihr im Fahrstuhl den passenden Raum lässt und es in einem freundlichen Ton sagt.

Aber da es das Dogma betrifft, dass Frauen in der gegenwärtigen Vergewaltigungskultur jederzeit von einer Vergewaltigung bedroht sind, ist es eine große Sache für die Feministen.

Hier eine kurze Zusammenstellung einiger Stimmen.

Der eigentlich Vorfall:

Ich vermute mal, dass es vielen Feministinnen durchaus recht kommt, da Dawkins ja auch genug Thesen vertritt, die nicht mit dem (Gender-)Feminismus im Einklang zu bringen sind. Beispielsweise so verrückte Konzepte wie sexuelle Selektion oder aber die Idee, dass unterschiedliche Kosten der Fortpflanzung zu unterschiedlichen evolutionären Entwicklungen führen.
Jetzt kann man ihn einfach als Sexist abstempeln und die Sache ist gegessen. Hat zwar nichts mit seinen Theorien zu tun, aber wer seine Privilegien nicht beachtet und die Vergewaltigungskultur fördert, der kann eh nur sexistische Ideen haben.
Ich hoffe Dawkins bricht nicht ein, sondern geht zum Gegenangriff über und schreibt sein nächstes Buch über den (Gender-)Feminismus. Anfeindungen ist er ja bereits durch seine religionskritischen Schriften gewohnt.
Ich denke, er wäre einer der wenigen, die ein solches Buch schreiben und den nachfolgenden Ansturm aushalten könnte.

Richard Dawkins zu den Unterschieden zwischen den Geschlechtern

Ein interessanter Text in „Das egoistische Gen“:

Suppose we start with two sexes that have none of the particular attributes of males and females. Call them by the neutral names A and B. All we need specify is that every mating has to be between an A and a B. Now, any animal, whether an A or a B, faces a trade-off. Time and effort devoted to fighting with rivals cannot be spent on rearing existing offspring, and vice versa. Any animal can be expected to balance its effort between these rival claims. The point I am about to come to is that the As may settle at a different balance from the Bs and that, once they do, there is likely to be an escalating disparity between them

To see this, suppose that the two sexes, the As and the Bs, differ from one another, right from the start, in whether they can most influence their success by investing in children or by investing in fighting (I’ll use ‚fighting‘ to stand for all kinds of direct competition within one sex). Initially the difference between the sexes can be very slight, since my point will be that there is an inherent tendency for it to grow. Say the As start out with fighting making a greater contribution to their reproductive success than parental behaviour does; the 5s, on the other hand, start out with parental behaviour contributing slightly more than fighting to variation in their reproductive success. This means, for example, that although an A of course benefits from parental care, the difference between a successful carer and an unsuccessful carer among the As is smaller than the difference between a successful fighter and an unsuccessful fighter among the As. Among the Bs, just the reverse is true. So, for a given amount of effort, an A can do itself good by fighting, whereas a B is more likely to do itself good by shifting its effort away from fighting and towards parental care.

In subsequent generations, therefore, the As will fight a bit more than their parents, the 5s will fight a bit less and care a bit more than their parents. Now the difference between the best A and the worst A with respect to fighting will be even greater, the difference between the best A and the worst A with respect to caring will be even less. Therefore an A has even more to gain by putting its effort into fighting, even less to gain by putting its effort into caring. Exactly the opposite will be true of the Bs as the generations go by. The key idea here is that a small initial difference between the sexes can be self-enhancing: selection can start with an initial, slight difference and make it grow larger and larger, until the As become what we now call males, the 5s what we now call females. The initial difference can be small enough to arise at random. After all, the starting conditions of the two sexes are unlikely to be exactly identical

(…) The separation into sperms and eggs is only one aspect of a more basic separation of sexual roles. Instead of treating the sperm-egg separation as primary, and tracing all the characteristic attributes of males and females back to it, we now have an argument that explains the sperm-egg separation and other aspects all in the same way. We have to assume only that there are two sexes who have to mate with each other; we need know nothing more about those sexes. Starting from this minimal assumption, we positively expect that, however equal the two sexes may be at the start, they will diverge into two sexes specializing in opposite and complementary reproductive techniques. The separation between sperms and eggs is a symptom of this more general separation, not the cause of it.

Das die Geschlechter sich unterscheiden ist also eigentlich recht logisch.