„Der Mensch hat zu wenig Gene als das Biologie einen großen Einfluss auf ihn haben könnte“

Das Human Genome Projekt hatte sich der Entschlüsselung unserer DNA verschrieben:

Das Humangenomprojekt (HGP, engl. Human Genome Project) war ein internationales Forschungsprojekt. Es wurde im Herbst 1990 mit dem Ziel gegründet, das Genom des Menschen vollständig zu entschlüsseln, d. h. die Abfolge der Basenpaare der menschlichen DNA auf ihren einzelnen Chromosomen durch Sequenzieren zu identifizieren. Das menschliche Genom enthält die Gesamtheit der vererbbaren Informationen. Mit den Basenpaaren seiner DNA codiert es unter anderem alle Proteine. Die vollständige Sequenzierung des Genoms bildet die Grundlage für die Erforschung vieler biologischer Prozesse

Einer der unerwarteten Ergebnisse war, dass das menschliche Genom nur etwa 22.000 – 30.000 Gene enthält. 22.000 Gene, das ist ungefähr die gleiche Anzahl, die auch eine Maus hat.

Sofort begannen bestimmte Richtungen dies für ihre Vorstellungen vom Menschen nutzbar zu machen: Sie sahen darin den eindeutigen Beleg, dass ein „genetischer Determinismus“ unmöglich ist. Der Mensch müsse quasi einen freien Willen haben, denn alles andere wäre viel zu kompliziert um es in so wenig Genen unterbringen zu können. Endlich war ein in ihren Augen eindeutiger Beweis dafür gefunden, dass die Biologie eine untergeordnete Rolle spielen muss!

Eine tatsächliche Begründung dafür, warum zum einen vollkommen freies Denken weniger Gene erfordert und ab wie vielen Genen man einen biologischen Einfluss erwarten konnte erfolgte meines Wissens nach nicht. Es reichte der Gedanke, dass 22.000 Gene jedenfalls nicht die Komplexheit menschlichen Denkens, sehr wohl aber anscheinend die Komplexheit eines Denkapparates, der ohne solche biologischen Impulse auskommt, erklären konnten.

Das allein erscheint mir bereits ein gewagter Schluss. Aus dem Nichts eine Sprache zu erlernen ist sicherlich einfacher, wenn man eine „Ur-Grammatik“ einspeichert als wenn man einen Denkapparat errichtet, der das ohne diese Zusatzdaten kann. Im Vergleich dazu, dass man überhaupt ein Gehirn errichtet erscheinen mir die zusätzlichen Daten für gewisse Denkvorgänge eher gering. Natürlich wollte ein Teil diesen Umstand auch schlicht umgehen, indem eben eine nichtgenetische Seele die Differenz ausmachen sollte, aber auch Philosophen haben sich diese Ansicht zunutze gemacht.

Aber viel schwerwiegender ist, dass es von falschen Voraussetzungen ausgeht. Das Genom ist eben kein Bauplan, sondern ein Wachstumsplan, der auch nicht schlicht abgearbeitet wird, sondern eher einer Programmierung gleicht, bei der auf bestimmte Programmteile immer wieder zurückgegriffen wird, ohne das diese jedesmal neu ausgeführt werden müssen.

Ich hatte das hier schon einmal dargestellt:

Dabei ist ein weiteres Element, dass wir Steuergene („Hox-Gene„) haben, die teilweise in einer Art Baukastensystem weitere Elemente auswählen können. Das bedeutet, dass wir beispielsweise für das Wachsen eines weiteren Fingers an einer Hand keinen kompletten Bauplan für den sechsten Finger benötigen, sondern nur einen Wachstumsplan, der etwas vereinfacht besagt „Spalte dich im Wachstum nicht 5 mal, sondern 6 mal ab und benutze dann den bei allen 6 Abspaltungen den Bauplan für das Modul „Finger“. Über weitere Abspaltungsregelungen in den Hoxgenen einen Ebene tiefer kann man dann Wachstumsregeln für diese Finger festlegen. Eine Mutation hin zu einem sechsten Finger muss daher gar nicht so groß sein, sie muss „nur“ den Stellwert betreffen.

Eine ähnliche Mutation hat die Schlange durchgemacht. Die Schlange hat im Prinzip einen stark verlängerten Oberkörper, bei dem immer neue Brustwirbel nachgefolgt sind, weil der Bauplan für diese immer wieder neu aufgerufen wurde. Die Steuerung des Wachstums kann dabei nach verschiedensten Kriterien erfolgen. „Wachse bis du auf X stößt“ oder „Wachse, bis eine bstimmte Konzentration eines gleichzeitig erfolgten Stoffs erfolgt ist“ sind zB denkbare Vorgaben.

Für das weitere Verständnis ist es auch wichtig zu verstehen, dass Gene Abschnitte der DNA sind, die aus Basenpaaren bestehen. Die Anzahl der Basenpaare pro Gen schwankt dabei stark und kann zB bei 2.500.000 oder 14.000 bestehen. Es ist also durchaus Platz für „Ausführungsanweisungen“. Auch können auf diese Weise ganz neue „Sätze“ aus den vorhandenen „Wörtern“ gebildet werden, etwa in dem ein Ablesevorgang erst bei 1, 3,2, 4, 5 abliest und dann bei 3,3,3,3,7 weitermacht.

Kurz gesagt: Das menschliche Genom ist enorm komprimiert und sehr platzsparend.

Das unterscheidet es beispielsweise von einigen pflanzlichen Genomen, die weitaus mehr Wiederholungen haben und deshalb sehr groß sind.

Der Gedanke, dass man mit einem Genom dieser Größe nicht der Biologie unterliegen darf verwundert auch bereits deswegen, weil Schimpansen (Pan troglodytes) lediglich etwas weniger Gene haben als der Mensch, siehe zB diese Übersicht, bei der für den Menschen 22.287 Gene und für den Schimpansen 21.506 Gene angenommen werden. Hier werden wohl wenige bestreiten, dass er der Biologie unterliegt und er zeigt viele Gemeinsamkeiten zum Menschen in vielen biologischen Grundlagen, etwa bei der sexuellen Selektion auf Status als Attraktivitätsmerkmal. Vieles im Genom des Schimpansen ist sehr vergleichbar mit dem unseren, nur das wir eben zB Bereiche wie das Großhirn weiter ausgebaut haben. Diese „biologische Kränkung“ dürfte aber auch wesentlich dazu beigetragen haben, dass genau dies als nicht möglich angesehen wird.

Eine gute Stellungnahme dazu findet sich auch bei Dawkins in dem Buch „The Ancestor´s Tale“ („Geschichten vom Ursprung„). Er nimmt hier eine „Fiktive Reise“ vor, an der er sich zu unseren genetischen Vorfahren begibt bzw. zu „Mitreisenden“ auf dem Weg zum Menschsein und anhand dieser dann bestimmte evolutionäre und biologische Darstellungen vornimmt. Das Problem wird dabei in der Geschichte der Maus aufgegriffen (weil eben eingewandt worden ist, dass der Mensch mehr Gene als eine Maus haben muss).

Two things about these recently sequenced genomes have sparked unwarranted surprise. The first is that mammal genomes seem rather small: of the order of 30,000 genes or maybe even less. And the second is that they are so similar to each other. Human dignity seemed to demand that our genome should be much larger than that of a tiny mouse. And shouldn’t it be absolutely larger than 30,000 genes anyway? This last expectation has led people, including some who should know better, to deduce that the ‚environment‘ must be more important than we thought, because there aren’t enough genes to specify a body. That really is a breathtakingly naive piece of logic. By what standard do we decide how many genes you need to specify a body? This kind of thinking is based on a subconscious assumption which is wrong: the assumption that the genome is a kind of blueprint, with each gene specifying its own little piece of body. As the Fruit Fly’s Tale will tell us, it is not a blueprint, but something more like a recipe, a computer program, or a manual of instructions for assembly. If you think of the genome as a blueprint, you might expect a big, complicated animal like yourself to have more genes than a little mouse, with fewer cells and a less sophisticated brain. But, as I said, that isn’t the way genes work. Even the recipe or instruction-book model can be misleading unless it is properly understood. My colleague Matt Ridley develops a different analogy which I find beautifully clear, in his book Nature via Nurture. Most of the genome that we sequence is not the book of instructions, or master computer program, for building a human or a mouse, although parts of it are. If it were, we might indeed expect our program to be larger than the mouse’s. But most of the genome is more like the dictionary of words available for writing the book of instructions — or, we shall soon see, the set of subroutines that are called by the master program. As Ridley says, the list of words in David Copperfield is almost the same as the list of words in The Catcher in the Rye. Both draw upon the vocabulary of an educated native speaker of English. What is completely different about the two books is the order in which those words are strung together. When a person is made, or when a mouse is made, both embryologies draw upon the same dictionary of genes: the normal vocabulary of mammal embryologies. The difference between a person and a mouse comes out of the different orders with which the genes, drawn from that shared mammalian vocabulary, are deployed, the different places in the body where this happens, and its timing. All this is under the control of particular genes whose business it is to turn other genes on, in complicated and exquisitely timed cascades. But such controlling genes constitute only a minority of the genes in the genome.

Don’t misunderstand ‚order‘ as meaning the order in which the genes are strung out along the chromosomes. With notable exceptions, which we shall meet in the Fruit Fly’s Tale, the order of genes along a chromosome is as arbitrary as the order in which words are listed in a vocabulary — usually alphabetical but, especially in phrase books for foreign travel, sometimes an order of convenience: words useful in airports; words useful when visiting the doctor; words useful for shopping, and so on. The order in which genes are stored on chromosomes is unimportant. What matters is that the cellular machinery finds the right gene when it needs it, and it does this using methods that are becoming increasingly understood. In the Fruit Fly’s Tale, we’ll return to those few cases, very interesting ones, where the order of genes arranged on the chromosome is non-arbitrary in something like the foreign phrase-book sense. For now, the important point is that what distinguishes a mouse from a man is mostly not the genes themselves, nor the order in which they are stored in the chromosomal ‚phrase-book‘, but the order in which they are turned on: the equivalent of Dickens or Salinger choosing words from the vocabulary of English and arranging them in sentences. In one respect the analogy of words is misleading. Words are shorter than genes, and some writers have likened each gene to a sentence. But sentences aren’t a good analogy, for a different reason. Different books are not put together by permuting a fixed repertoire of sentences. Most sentences are unique. Genes, like words but unlike sentences, are used over and over again in different contexts.

A better analogy for a gene than either a word or a sentence is a toolbox subroutine in a computer. The computer I happen to be familiar with is the Macintosh, and it is some years since I did any programming so I am certainly out of date with the details. Never mind — the principle remains, and it is true of other computers too. The Mac has a toolbox of routines stored in ROM (Read Only Memory) or in System files permanently loaded at start-up time. There are thousands of these toolbox routines, each one doing a particular operation, which is likely to be needed, over and over again, in slightly different ways, in different programs. For example the toolbox routine called ObscureCursor hides the cursor from the screen until the next time the mouse is moved. Unseen to you, the ObscureCursor ‚gene‘ is called every time you start typing and the mouse cursor vanishes. Toolbox routines lie behind the familiar features shared by all programs on the Mac (and their imitated equivalents on Windows machines): pulldown menus, scrollbars, shrinkable windows that you can drag around the screen with the mouse, and many others. The reason all Mac programs have the same ‚look and feel‘ (that very similarity famously became the subject of litigation) is precisely that all Mac programs, whether written by Apple, or by Microsoft, or by anybody else, call the same toolbox routines. If you are a programmer who wishes to move a whole region of the screen in some direction, say following a mouse drag, you would be wasting your time if you didn’t invoke the ScrollRect toolbox routine. Or if you want to place a check mark by a pulldown menu item, you would be mad to write your own code to do it. Just write a call of Checkltem into your program, and the job is done for you. If you look at the text of a Mac program, whoever wrote it, in whatever programming language and for whatever purpose, the main thing you’ll notice is that it consists largely of invocations of familiar, built-in toolbox routines. The same repertoire of routines is available to all programmers. Different programs string calls of these routines together in different combinations and sequences.

The genome, sitting in the nucleus of every cell, is the toolbox of DNA routines available for performing standard biochemical functions. The nucleus of a cell is like the ROM of a Mac. Different cells, for example liver cells, bone cells and muscle cells, string ‚calls‘ of these routines together in different orders and combinations when performing particular cell functions including growing, dividing, or secreting hormones. Mouse bone cells are more similar to human bone cells than they are to mouse liver cells — they perform very similar operations and need to call the same repertoire of toolbox routines in order to do so. This is the kind of reason why all mammal genomes are approximately the same size as each other — they all need the same toolbox. Nevertheless, mouse bone cells do behave differently from human bone cells; and this too will be reflected in different calls to the toolbox in the nucleus. The toolbox itself is not identical in mouse and man, but it might as well be identical without in principle jeopardising the main differences between the two species. For the purpose of building mice differently from humans, what matters is differences in the calling of toolbox routines, more than differences in the toolbox routines themselve

Gene sind insofern kompliziert, verschachtelt, sie werden unter bestimmten Bedingungen anders ausgeführt als sonst, sie schichten nicht einfach eine Zelle auf die andere, bis der Mensch fertig ist, sondern das Wachstum ist ein komplizierter Prozess, der einer ebenso komplizierten Steuerung unterliegt. Einfach auf die Zahl der Gene abzustellen und damit dann ohne wirkliche Begründung biologische Einflüsse abzulehnen ist insofern unseriös.

 

Wie kam es dazu, dass in die Skeptikerbewegung so viel Feminismus einfließt?

Es hat etwas tragikkomisches. Gerade die Skeptikerbewegung, also eine Bewegung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, nicht zu glauben, was nicht bewiesen ist, fällt häufiger damit auf, dass Feministinnen dort zumindest einen gewissen Einfluss zu haben scheinen.

Das kommt immer wieder hoch, ich hatte mit diesem Artikel hier schon einmal etwas ähnliches angeführt.

Die Skeptikerbewegung wird in der Wikipedia wie folgt beschrieben:

Die Skeptikerbewegung ist ein internationales Netzwerk[1] von Vereinigungen und Einzelpersonen mit dem Anspruch einer kritischen Auseinandersetzung mit Pseudo- und Parawissenschaftlichen Themen, die unter anderem in den Bereich des Aberglaubens oder der Alternativmedizin fallen. Im Sinne einer sozialen Bewegung wird der Begriff auch als Eigenbezeichnung verwendet.[2] Die Bewegung beruft sich auf wissenschaftliche Methodik und naturalistische Erklärungen. Anders als im klassischen Skeptizismus halten Mitglieder der Bewegung den Gewinn von zuverlässigen Erkenntnissen prinzipiell für möglich.

Nun ist Gender Studies als akademischer Unterbau des Feminismus aber so ziemlich das unwissenschaftlichste und wissenschaftsfeindlichste was man sich in einer Universität so vorstellen kann, wenn man Theologie selbst mal abrechnet.

Eigentlich sollte die Skeptikerbewegung also der natürliche Feind des intersektionalen Genderfeminismus sein.

Interessant in der Hinsicht ist der Abschnitt in der Wikipedia über Kontroversen:

Nach Ansicht von Carl Sagan übt die Skeptikerorganisation CSICOP, der er von Anfang an angehörte, eine wichtige soziale Funktion aus. Sie sei eine Art Gegengewicht zur „pseudowissenschaftlichen Leichtgläubigkeit“ vieler Medien. Gleichwohl sah er die Hauptschwäche der Skeptikerbewegung in ihrer Polarisierung. Die Vorstellung, ein Monopol auf die Wahrheit zu besitzen und die anderen Menschen als unvernünftige Schwachköpfe zu betrachten, sei nicht konstruktiv. Dieses Verhalten verurteile die Skeptiker zu einem permanenten Minderheitenstatus. Auf größere Akzeptanz stoßen könne demnach „ein einfühlsamer Umgang miteinander, der von Anfang an das Menschliche an der Pseudowissenschaft und am Aberglauben akzeptiert“.[12]

Das CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi, das die Organisation aufgrund inhaltlicher Differenzen verließ, definiert einen „wirklichen Skeptiker“ als jemanden, der eine agnostische Position einnimmt und selbst keine Behauptungen aufstellt. Eine These könne nicht „widerlegt“, sondern nur „nicht bewiesen“ sein. „Skeptiker“, die die Ansicht vertreten, es gebe Belege gegen eine Behauptung, bezeichnet Truzzi als „Pseudo-Skeptiker“, die dann ihrerseits die Beleglast zu tragen hätten. Solche Negativ-Behauptungen seien jedoch zuweilen ziemlich außergewöhnlich und oft eher auf Plausibilitätserklärungen gestützt, statt auf empirische Belege. Als Beispiel führt Truzzi einen PSI-Test an, bei dem der Proband die Möglichkeit hat, zu betrügen. Dies reduziere den Belegwert des Experiments zwar erheblich, reiche jedoch nicht aus, die untersuchte Behauptung zu widerlegen. Wissenschaft könne zwar statuieren, was empirisch unwahrscheinlich, nicht jedoch, was empirisch unmöglich ist.[13]

Im Zuge einer vereinsinternen Auseinandersetzung innerhalb der GWUP verließ 1999 der Mitbegründer und damalige Redaktionsleiter von deren Publikationsorgan Skeptiker Edgar Wunder die Skeptiker-Organisation. Nach Wunder ist ein strukturelles Merkmal der Skeptikerbewegung eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So würden etwa viele GWUP-Mitglieder einen Weltanschauungskampf ohne hinreichende fachliche Kenntnis führen und selektiv und unsachlich argumentieren. An wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften seien sie höchstens insofern interessiert, „als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten.“[14] Die GWUP hat 2008 zu der Kritik Stellung bezogen [15]

Das würde ja durchaus passen.

Gerade jedenfalls hat sich wieder anhand von Dawkins etwas ereignet. Dieser sollte auf einer Skeptikerversammlung eine Rede halten, was ja auf dem Gebiet Religionskritik auch durchaus zusammen passt.

Allerdings tweetete er im Vorfeld etwas, was nicht so gut angekommen ist. Der eigentliche Tweet ist inzwischen gelöscht, aber es gibt einen Screenshot:

Dawkins Feminists

Dawkins Feminists

Es handelt sich also um dieses Video:

Dawkins hat den Tweet gelöscht mit der Begründung, dass er nicht wusste, dass die Feministin nach einer realen Person gezeichnet war. 

Über das Video kann man meine ich durchaus streiten, es ist eben recht einfach gestrickt und wertet insofern zwei Gruppen ab. Dawkins als Equality Feminist ordnet es sogar einer „Minderheit“ zu.

Das war den Veranstalterin dennoch zuviel, sie haben ihm ausgeladen:

“We believe strongly in freedom of speech and freedom to express unpopular, and even offensive, views. However, unnecessarily divisive, counterproductive, and even hateful speech runs contrary to our mission and the environment we wish to foster at NECSS. The sentiments expressed in the video do not represent the values of NECSS or its sponsoring organisations.”

Dawkins dazu:

Dawkins later responded to his “de-platforming” of the NECSS conference: “De-platformed for tweeting an irrelevant joke song? Ah well, ‘Always look on the bright side of life.’ Incidentally, would Monty Python have been de-platformed for that? No, don’t be silly, Life of Brian was only satirising Christianity.”

In der Tat.

„Versunkene Kosten“ und radikale Ideologien

Ein sehr menschlicher Fehlschluss sind die sogenannten „Sunk Costs“ oder versunkenen Kosten, auch Concorde Fallacy genannt.

Dabei geht es darum, dass man bei der Betrachtung eines Projektes nicht darauf abstellt, was man noch gewinnen kann und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, sondern lediglich darauf, was man bereits investiert hat.

Aus der Wikipedia:

Sunk costs (deutsch: versunkene Kosten, oft auch als irreversible Kosten bezeichnet), sind Kosten, die bereits entstanden sind und nicht (beispielsweise durch Verkauf) rückgängig gemacht werden können.

Darin sind sowohl Kosten enthalten, die bereits zu Auszahlungen geführt haben, als auch solche zukünftigen Kosten, die unwiderruflich anfallen werden. Ihr zentrales Merkmal ist, dass sie in der Gegenwart und in der Zukunft nicht mehr beeinflusst werden können – daher die Bezeichnung „versunken“. Vergleiche dazu den Begriff der sogenannten EDA-Kosten.

Da versunkene Kosten unabhängig davon bestehen, welche Option ein Entscheidungsträger wählt, dürfen sie bei einer rationalen Entscheidung zwischen Handlungsalternativen keine Berücksichtigung finden und stellen somit entscheidungsirrelevante Kosten dar.

Ein einfaches Beispiel ist eine in einem Krieg häufig anzutreffende Argumenation:

Für diese Sache sind bereits 1.000.000 unserer Leute gestorben, ihr Tod darf nicht umsonst gewesen sein!

Tatsächlich ist es egal, wie viele Soldaten bereits für eine Sache gestorben sind, wenn ein weiterer Versuch oder eine Fortsetzung des Kampfes lediglich dazu führt, dass mehr Soldaten sterben, dann bringt eine Fortsetzung der Kampfhandlungen nichts. Wenn hingegen durch den weiteren Einsatz ein Sieg sehr wahrscheinlich ist, dann ist dieser Weg eine mögliche Strategie, unabhängig davon, ob bereits so viele dafür gestorben sind. Die Anzahl der gefallenen Soldaten macht auf einer logischen Ebene keinen entscheidungsrelevanten Unterschied.

Sie macht allerdings einen Unterschied auf der Basis des menschlichen Denkens: Wir neigen dazu, diese eigentlich irrelevanten Kosten mit einzubeziehen, sei es bei Glücksspielen („ich habe so viel verloren, ich kann jetzt nicht aufhören“) oder bei Investitionsentscheidungen („ich habe schon so viel in dieses Bauvorhaben gesteckt, jetzt muss ich es fertig machen“).

Ich vermute mal, dass sich dieser Mechanismus entwickeln konnte, da ein solches Beharren für soziale Prozesse ein Selektionsvorteil gewesen sein kann, schlicht weil der Handelnde als konsequent und willensstark wahrgenommen werden kann und das auch die Kosten eines Handelns gegen ihn erhöhen kann und die Bereitschaft mit ihnen an bestimmten Projekten zusammen zu arbeiten („wenn man sich mit ihm einlässt, dann macht er es auch zu Ende“). Solange die Vorteile eines solchen Handelns in sozialer Hinsicht größer waren als die Nachteile aufgrund weiterer Verluste kann sich auch eine solche fehlerhafte Berechnung festsetzen, die sich ja nur bei tatsächlichen „versunkenen Kosten“ auswirkt. Wenn ein Beharren die investierten Kosten retten kann, dann ist ein weiteres Vorgehen sinnvoll und es kann eine Niederlage in einen Sieg verwandeln. Es wäre also eine Frage der Glaubwürdigkeit und des Standes in der Gesellschaft und auch eine Folge davon, dass wir kein sehr gutes Modul dafür haben, versunkene Kosten von solchen zu unterscheiden, die man noch retten kann. Dies wiederum mag daran liegen, dass es günstiger sein kann von rettbaren Kosten auszugehen, weil ein Irrtum in die andere Richtung teurer sein kann als noch etwas mehr in eine solche Situation zu stecken, da man einen potentiell hohen Gewinn verschenkt.

Dieser Aspekt spielt denke ich auch eine Rolle dabei, warum man gerade dann, wenn man sich einer möglichst radikalen Ideologie verschrieben hat, dort häufig schwer wieder rauskommt. Denn gerade bei relativ unplausiblen Theorien besteht das Problem, dass man um sie zu akzeptieren zahlreiche gedankliche Verrenkungen und Ausblendungen vornehmen muss. Zudem verändert sich die gesamte Einstellung zur Welt, wenn man sie unter dem Frame einer besonders radikalen Theorie sieht. Man muss zudem die dort enthaltenden Unlogiken auch hinausdenken und ausblenden, baut also erhebliche Cognitive Dissonanzen auf, mit denen man umzugehen lernt.

All dies sind, wenn die Theorie falsch sind, versunkene Kosten. Denn auch wenn man immer weiter in sie investiert wird die Theorie dadurch nicht wahrer.

Nehmen wir als Beispiel einen radikalen Feminismus (man könnte auch einen radikalen Maskulismus nehmen):

Denkt man sich in diese Sichtweise hinein, dann muss man erhebliche Investitionen tätigen. Man muss zunächst akzeptieren, dass alles unter einem Geschlechteraspekt zu sehen ist und das nahezu alles auch ein Zeichen für die hegemoniale Männlichkeit, das Patriarchat und die Unterdrückung der Frau durch den Mann ist. Man muss alle Vorteile für Frauen oder deren Wünsche, zB mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen ausblenden, man muss lernen peinlich genau darauf zu achten, dass man alle potentiellen Diskriminierungsformen unter intersektioneller Betrachtung meidet, niemand den Opferstatus zu unrecht abspricht oder zu unrecht zuspricht (PoCs, Frauen, Behinderte, Homosexuelle, Nichtnormschöne = gut, heterosexuelle, weiße Männer=schlecht). Man muss alle Unterschiede zwischen Mann und Frau ausblenden. Man muss sowohl ausblenden, dass der eigene Partner eigentlich auch ein weißer, heterosexueller Mann ist und darf das gleichzeitig nicht ausblenden und muss ihn beständig dazu anhalten, sich seiner Privilegien bewußt zu werden.

All diese erheblichen Mühen sind, wenn man zu der Erkenntnis kommt, dass die Theorien falsch sind, versunkene Kosten. Das bedeutet, dass man plötzlich nicht mehr per se Opfer sein darf. Dass man sich anhören muss, dass man, wenn man für mehr Frauen in Führungspostionen ist, lieber Ingenieurswissenschaften hätte studieren sollen statt Gender Studies. Dass Frauen dominante, selbstbewußte Männer vielleicht durchaus attraktiv finden. Das CAH-Frauen männliches Verhalten zeigen und davon auch durch Erziehung nicht abzubringen ist. Das einige wenige Männer vergewaltigen und die Kultur das als höchst problematisch ansieht und zu verhindern sucht und es keineswegs ein Mittel ist um Frauen von dem Schutz der Männer abhängig zu machen und in eine Zwangsheterosexualität zu begeben. Das Frauen in freieren, feministischeren Staaten sogar noch stärker die Geschlechterrollen zeigen. Dass alles, gegen das man gekämpft hat, gar nicht bekämpfenswert war und man Schattenkriege geführt hat, all die Mühe verschwendet. Plötzlich sind nicht mehr die Männer für alles verantwortlich, die Defintionsmacht bricht weg, die moralische Überlegenheit und der sichere Weg zum matriarchalischen Glück auch. Die bisherigen dekonstruierenden Praktiken, die einem immer voller Stolz erfüllt haben, sie waren alle wertlos, eben versunkene Kosten.

(Kurz noch mal ähnliches mit einem radikalen Maskulismus: Die Frauen wollen gar nicht alle die Männer ausbeuten, sie sind tatsächlich zur Liebe fähig, nur einem selbst haben bestimmte Frauen übel mitgespielt, aber vielleicht auch, weil man selbst die falschen Dynamiken hatte und Fehler bei der Partnerwahl gemacht hat. Andere sind glücklich und nicht, weil sie nicht merken, dass sie nur männliches Nutzvieh sind, sondern weil sie eine Einheit mit ihren Partnerinnen bilden und bei ein kooperatives Spiel der gegenseitigen Unterstützung spielen. Plötzlich muss man lieb gewonnene Einstellungen überdenken, vom Richter der in einer Verschwörung mit den Rechtsanwälten zugunsten der Frauen den Männern die Kinder wegnimmt kommt man dazu, dass die Frauen aufgrund der Arbeitsteilung vorher die Kinder betreut haben und viele Männer durchaus der Meinung sind, dass sie dies auch weiterhin machen sollen. Plötzlich lauert nicht mehr hinter jedem Sex eine Falschanzeige, sondern Falschanzeigen sind relativ selten, genau wie umgekehrt Vergewaltigungen)

Wenn jetzt unterbewußt die Überlegung angestellt wird, ob man die bisherige Einstellung aufgeben soll, dann erfolgt dies unter Berücksichtigung dieser „Sunken Cost Fallacy“. Es erfolgt eine Überlegung wie viel man schon investiert hat, um diese Überzeugung aufzubauen und wie viele der eigenen Theorien man umstellen müsste, wenn man sie aufgeben müsste.

Das wären sowohl im radikalen Maskulismus als auch im radikalen Feminismus sehr viele. Hinzu kommen auch noch die weiteren Folgekosten einer radikalen Ideengemeinschaft: Wenn in dieser Abweichler und Ungläubige ausgeschlossen werden, dann muss man auch bedenken, dass man sein soziales Umfeld verliert, weil diese auch aufgrund ihrer eigenen versunkenen Kosten und der Tabuisierung einer Diskussion dazu, gerade weil dann zuviele cognitive Dissonanzen niedergekämpft werden, die bisherige Überzeugung nicht aufgeben können. Dies erhöht die Kosten noch einmal zusätzlich um ein neues soziales Umfeld, wobei die Kosten um so höher sind, um so radikaler das Umfeld und um so mehr man ausschließlich innerhalb dieses Umfeldes unterwegs war.

Kommt die unterbewußte Wertung zu dem Ergebnis, dass die Kosten für das Aufgeben der Meinung zu hoch sind, dann bleibt die Meinung bestehen und wird rationalisiert bzw. deren Unstimmigkeiten ausgeblendet.

Etwas ähnliches hat auch Dawkins zum Thema Religion geschrieben:

It takes energy and time to reconfigure the brain to accept information, especially during childhood. This means we could potentially have a sunk cost if later evidence suggests it was a waste of resources. This is where the sunk costs come in.

Since believing in something is to make an investment in cognitive and temporal resources, and moreover that it’s a social investment as well into the local culture, any sign that one is wrong constitutes not just a loss of investment but a social threat. If what one believes is incorrect, then one has been wasting one’s time and mental resources in them. A decision comes up: switch, or stick?

There are many disadvantages to switching. For one thing, the new information has to be calibrated into the mind, and that requires more mental effort than usual. Switching is a dangerous social act; after all, you got your pre-existing beliefs from the people you spent most of your life with anyway (peers, mainly), who constitute your best local chances for reproduction in the majority of situations. And the new expenditure cannot be hastily rushed into. Energy might be wasted chasing after a new idea that turns out to be wrong, and the less information is conveyed, the more the jump becomes one of guesswork and foolhardiness.

Sticking, on the other hand, is more likely to pay off. For one thing, you fit right in with your peers, and the group members enjoy the advantages of internal cohesion that aren’t available to a more divisive group’s members. For another, it constitutes less energy expenditure, and the odds are that the belief is OK enough to be getting on with for your lifetime. A belief about, say, cosmological views or about how the world works is not going to have too much impact on your survival and reproductive strategy for the most part, except to enhance them among fellow believers. And this enhancement is among a social species that evolved language, which according to studies spend most of their time using this language to discuss other people’s good and bad social behaviour (i.e. gossiping). Social benefit is key to understanding the phenomenon.

The sunk cost fallacy comes in when you take a more scientifically-minded and broader view. Obtaining beliefs over time requires expensive mental and neurological commitment. Changing beliefs is painful, as many here (I guess) can attest to long, gradual, and emotional changes from religion to non-religion. Being able to explore and analyze beliefs is not encouraged by intuitive thought processes, and we should by now be familiar with intuition’s unconscious power to lead the way at the expense of more cautious kinds of thinking. Stu

Auch hier kann es evolutionär vorteilhaft sein, auf diese Weise zu entscheiden. Denn wir sind Gruppentiere und es kann günstiger sein, eine falsche Theorie zu teilen, die auch die Gruppe teilt, als mit einer richtigen Theorie Probleme in der Gruppe zu bekommen. Dies gilt insbesondere für soziale Theorien der Gruppe, da sich nach diesen das Zusammenleben gestaltet.