„Warum ich keine Feministin sein will“

Im Spiegel erläutert eine Autorin, warum sie keine Feministin sein will:

Leider wirkt der moderne Feminismus zunehmend wie eine Bewegung, die nicht überzeugen, sondern mit dem Vorschlaghammer bekehren will. Kluge und wichtige Argumente werden überlagert von aggressiven Tönen, ob im Netz oder im Café. Kluge und wichtige Wortführerinnen, die betont behutsam auftreten, werden gleich mit übertönt.

Die Unduldsamkeit des poststrukturalistischen Genderfeminismus ist in der Tat sehr hoch und wirkt auch sehr aggressiv. Eine Bereitschaft auf Kritik einzugehen, die sich nicht innerhalb dieses Systems bewegt, existiert nicht.

Interessant wäre natürlich, was sie als „kluge und wichtige“ Argumente ansieht, von Leuten die behutsam auftreten.

Durch dieses Prinzip macht sich der moderne Feminismus angreifbar. Er macht dicht, er grenzt sich ab, er grollt und schlägt um sich. Dabei sollte er wieder mehr zuhören, auch wenn es schwerfällt, nach Gründen fragen, nach Motiven.

Es ist interessant, was ein Firmenchef zu sagen hat, der nach eigenen Angaben keine weiblichen Führungskräfte findet. Oder eine Akademikerin, die nie einen Beruf ergriffen, sondern einen Alleinverdiener geheiratet hat. Oder eine Mutter, die ihre Tochter ins Barbie Dreamhouse schleppt.

Es wird für all das Argumente geben. Indem man sie ignoriert oder mit Verachtung überzieht, verschwinden sie nicht. Ganz im Gegenteil.

Der poststrukturalistische Feminismus muss da natürlich nicht zuhören, denn da hört er ja allenfalls die Ausflüchte des Patriarchats. Woran es liegt, dass weiß er bereits: Sexistischen Strukturen, insbesondere hervorgerufen durch den WHM, den weißen heterosexuellen Mann. Soweit Frauen im Sinne dieses Systems handeln ist es eben internalisierter Sexismus oder schlicht die Anbiederung an das System.

Im Alltag führt das zu einer Tabuisierung bestimmter Meinungen, so harmlos sie auch sein mögen. Auf Twitter oder in Gesprächen sollte man besser kein Plädoyer für die Kinderbetreuung außerhalb einer Kita halten. Man sollte lieber nicht laut sagen, dass von Unternehmen bezahltes Eizellen-Einfrieren womöglich keine schlechte Idee ist. Man darf auch nicht gerne „Topmodel“ gucken.

Wer es tut, wird sofort zum geistigen Feind deklariert. Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt. Im Eifer der Auseinandersetzung ziehen dann nicht nur Pöbler (zu Recht!) Zorn auf sich, sondern mitunter auch Menschen, die einfach ihre Sicht der Dinge beschreiben wollen. Feministinnen, die ständig und überall den „Kampf gegen die Maskus“ ausrufen – dazu möchte ich nicht gehören.

Das ist eine schöne Beschreibung der Lage – falsche Meinungen sind schlicht falsch und man darf ihnen keinen Raum geben. Da gibt es wenig Spielraum in dieser Form des Feminismus, denn Anerkennung bekommt da nicht, wer diskutiert, sondern, wer sich möglichst unnachgiebig als Kämpfer für die gute Sache darstellt. 

Ich glaube nicht, dass der Feminismus eine neue Führungsfigur braucht, wie die „Zeit“ kürzlich forderte. Was er braucht, ist eine neue Willkommenskultur. Eine klare Haltung mit klaren Botschaften kann auch mal laut und wütend artikuliert werden. Aber dann bitte klug dosiert, nicht reflexhaft.

Denn ein bornierter, dauererregter Feminismus, der nicht mehr einlädt, sondern hauptsächlich abwehrt, hält am Ende nur den harten Kern zusammen. Diejenigen, die ein paar Fakten und Argumente dringend nötig hätten, bringt er nicht einmal in die Nähe des Umdenkens.

Und schlimmer noch: Er vergrault sogar jene Menschen, die die Ziele eines modernen Feminismus eigentlich teilen.

Dies führte natürlich gleich zu Aufregung im Feminismus. Immer würde vom Feminismus verlangt, dass er auf andere zugehe, dass er andere Meinungen mit einbeziehe, dass er alle einbeziehe. Das ist mit der Selbstwahrnehmung des Feminismus als Verkünder der absoluten Wahrheit, die keine Abstriche erlaubt, kaum zu vereinbaren.

 

Die Aufforderung, sich auf andere einzulassen wird dort als Verrat an der Sache gesehen, als Versuch, den Feminismus einzuengen.

Was es zum Teil ja auch durchaus ist: Der Feminismus in dieser Form ist eben radikal, müsste sich zwangsläufig abmildern, wenn er auch andere Interessen einbezieht. Die Forderung, dass er das tut, ist allerdings aus meiner Sicht zumindest dann verständlich, wenn man im Feminismus tatsächlich als eine Bewegung wahrnehmen würde, die Geschlechtergerechtigkeit will und dabei die Interessen der Männer miteinbezieht. Natürlich: In der feministischen Theorie sieht man es eher so, dass man sich in einem Abwehrkampf befindet, bei dem die Frau mit dem Rücken an der Wand steht und die Gleichberechtigung gegen den Mann erkämpft werden muss. Da erscheint es bizarr, wenn man verlangt, dass bei dieser Abwehr doch bitte auch die Interessen des Angreifers beachtet werden sollen. Aber das ist eben genau die radikale Sicht, die den meisten normaler denkenden Frauen nicht gefällt, die die Lage weitaus weniger düster sehen und Männer eben nicht als den Feind ansehen wollen.

Allerdings müsste der Feminismus dann den Mut haben, sich tatsächlich von vielen radikaleren Theorien zu lösen. Diese sind allerdings tief in den Feminismus eingebunden. Solange man nur allgemein im Sinne eines „MeinFeminismus“ anspricht, dass doch alle mal netter sein sollen, ist eine Lösung nicht zu erwarten, da dann diese Theorie im Hintergrund erhalten bleibt.

„Typenfeminismus: Nichts können aber in die erste Reihe stellen für Kekse“

Wir müssen uns den männlichen Feministen als glücklichen Menschen vorstellen. Er hat ein hohes Ideal, welches er erreichen will und rollt beständig den Stein der Anständigkeit den Hügel hinauf. Beständig kommt auch eine Feministin und stößt ihn wieder hinunter, so dass er sich weiter verbessern kann. Beschwingt kann er den Hügel hinuntergehen und sich sagen, dass er wieder etwas klüger geworden ist, etwas weniger sexistisch. Und beim nächsten Versuch klappt es bestimmt.

Ein solcher Feminist ist Robin Detje, der über den anschwellenden Ekelfaktor berichtet, der sich angesichts antifeministischer Kritik regt. Dabei bringt er zwar keine Argumente, aber viel wichtiger Stimmungen:

Ulf und Harald, Jan und Matthias wollen wir die Dorfhelden nennen, weil sie das auch gerne so halten: Wenn irgendwo Frauen aufmucken, werden diese in ihren Glossen oder auf ihren Facebook-Seiten öffentlich zur Minna gemacht, mit Vornamen angekumpelt und hochschnöslig abgemeiert. Nach dem Motto: Wie können diese Mädchen es wagen? Haben sie denn in der Schule nichts gelernt? Ja, die Herren treten gerne nach unten. Und zwar von ganz oben.

(…)

Mit dem Schmähbegriff der Political Correctness wird Anstand dann belegt, wenn Menschen sich über ihn stellen wollen – einfach deshalb, weil sie Männer sind, weiß oder alt oder alles zusammen

Wenn sie das Recht für sich in Anspruch nehmen wollen, alles, was Minderheiten vorbringen, als nerviges Gezeter abzutun, das ihre Freiheit bedroht. Anstatt zuzuhören, wie es sich unter zivilisierten Menschen gehört. Nein, es ist nicht okay, ein Spaß-Terrorregime aus Kolumnen zu errichten, die Schwächeren den Mund verbieten wollen. Nein, Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen euch weißen Männern nicht die Schwänze abschneiden. Und nein, Randgruppen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen euch nicht die Weltherrschaft wegnehmen. Obwohl – schöner Gedanke eigentlich …

Nein, es gibt in Deutschland niemanden, der diktatorisch-gouvernantenhaft politische Korrektheit durchsetzen möchte. S

Der WHM hat die Weltherrschaft und bangt um sie, die Frauen sind Opfer und wollen nicht „die Schwänze abschneiden“. Sie wollen nur etwas Freiheit – weitergehen, hier gibt es nichts zu kritisieren. Wer Freiheit will, der darf eben ruhig ein Geschlecht pauschal zum Täter abstempeln, ihm die Errichtung einer Rape Culture vorhalten, alle Schlechtigkeiten der Welt auf ihn übertragen und in seinen Tränen baden. Gut, dass Feministinnen niemanden den Mund verbieten wollen, nicht im #Gamergate oder auf Twitter, nicht in sonstigen Debatten, nicht generell in der Geschlechterdebatte, auf so etwas können ja nur AntiFeministen kommen. Es gab keine Aufschreie wegen T-Shirts oder heterosexuellem Küssen oder Babies oder heterosexuellem Sex. Der Feminismus möchte da gar nichts durchsetzen.

Soweit alles richtig gemacht. Aber der Stoß den Hügel hinab kommt gewiss, hier in Gestalt von Sanczny:

Robin Detje möchte nun also Stellung beziehen gegen diesen antifeministischen Backlash. Soweit sehr nett. Von da an geht’s bergab. Er schreibt:

[…] Professx Lann Hornscheidt, die keine Frau mehr, sondern nur noch X sein möchte. Die einen Weg öffnen möchte, aus dem Geschlechterrollenspiel auszusteigen, auch in der Anrede, um zu sehen, ob die damit verbundenen Machtgefüge dadurch sichtbarer werden. [Hervorhebung von mir.]

Äh? Detje hat offenbar seinen eigenen Satz nicht gelesen und gendert mal eben – ganz in guter Absicht natürlich – Profx Hornscheidt AUCH falsch. In einem Satz, in dem es genau darum geht. (Das nach eigenem Belieben mit einem falschen Geschlecht adressieren ist cis-sexistisch. Das ist so ziemlich der Punkt bei der ganzen Sache.)

Nicht. Gut. Genug!  Und damit falsch. Aber es folgen schlimmere Verstöße

Detje zieht dann weiter gegen Ulf Poschardt, Harald Martenstein, Jan Fleischhauer und Matthias Matussek ab:

Wir können uns doch von den N****n das “N***r”-Sagen nicht verbieten lassen [im Original ist das N-Wort beide Male ausgeschrieben]! Das ist doch ein freies Land! Minderheitenphobiker sind diese vier, vom eigenen späten Übermut besoffen. Unangreifbar, weil sie ja die eigentlichen Verfolgten sind, weil immer noch irgendwo an einer Ecke ein Mädchen aufmuckt, eine T****e [diskriminierende Bezeichnung für transgeschlechtliche Menschen ist auch im Original ausgeschrieben], eine Lesbenzicke [?]. Da muss man dann einfach mit dem Porsche drüber.

Legt diesen anderen Typen diskriminierende Sprache in den Mund und lässt sich nicht nehmen, das alles auszuschreiben. Zwei mal das N-Wort unnötigerweise ausgeschrieben, zwei Mal eine diskriminierende Bezeichnung für transsexuelle Menschen unnötigerweise ausgeschrieben. Und dazu dann lauter tolle Distanzierungen von “alternden” WHM, Matussek “gaga” nennen, und die Abwertung dieser nach meinem Kenntnisstand alle in Großstädten lebenden älteren Herren als “Dorfhelden” (diese “es reicht nur fürs Dorf”-Attitüde ist klassistisch).

Lustigerweis hätte Robin hier von den WHMs lernen können. Martenstein hat die entsprechenden Vorwürfe ja bereits hinter sich. Es ist schon fast lustig, dass er hier in eine ähnliche Falle tappt, bei der er der Gegenseite bestimmte Worte in den Mund legt, die dann als unsagbare Äußerung ihm selbst angerechnet werden.

Sanczny weiter:

Was Robin Detje hier leistet ist symptomatisch für Typenfeminismus: Nichts können aber in die erste Reihe stellen für Kekse. Sich von anderen Typen distanzieren um das eigene Typ-Sein zu relativieren. Groß rauströten, was man für ein toll emanzipatorischer Dude ist, und dann mit einer Sparversion von Feminismus auflaufen, die den Namen nicht verdient hat. Und sich gerade deswegen für den sogenannten Mainstream so gut anfühlt: Man muss nur sagen, dass man dafür ist. Ansonsten muss man gar nichts ändern.

Robin Detje hat eben auch nur übersehen, dass er ein Typ ist. Er versteht nicht, dass er selbst Weltherrschaft hat, denn er ist ein Mann und nimmt Raum ein. Er hat als Mann Macht und ist kein Guter, weil er Feminist ist. Er soll lieber den Mund halten, denn er nimmt Frauen Raum weg. Und das auch noch schlecht. Er hat hat nicht bedacht, dass auch er nur die Luft verpestet.

Immerhin wird er nicht als Vergewaltiger bezeichnet. 

Das ist doch immerhin ein Fortschritt

Derrida, Raum einnehmen und Moralisieren

Bei Schoppe gab es anlässlich seines sehr guten Artikels über eine Rede von Nicole von Horst eine kurze Diskussion über das Konzept des „Raum einnehmens“ im Feminismus:

Schoppe schreibt:

ung aus der poststrukturalistischen Theorie problematisch ist: Es geht bei Derrida und anderen um Texte und ihre Auslegung (wenn auch der Textbegriff extrem weit ist), und er ist nach meiner Erinnerung – ich hab lang nichts mehr von Derrida gelesen – stark konzentrioert auf das Verhältnis von Zentrum und Rand, und auch von der Möglichkeit, Texte nicht über das vermeintlich Zentrale, sondern über das Marginale zu auszulegen.

Schon bei Derrida sind diese Strukturen natürlich mit dem Thema „Macht“ verbunden, aber es ist doch etwas anderes, sie schnurstracks auf Menschen zu beziehen, und dann auch noch auf Gruppen, die dann auch noch stur zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden (wobei diejenigen, die dazwischen stehen, eher den Frauen zugerechnet werden, weil sie anders als die Männer keinen zentralen Raum einnehmen).

Es geht dabei dann nicht mehr um Verstehen als Spiel, um Interpretieren und Um-Interpretieren – sondern um Ressentiments. Denn die nach meinem Eindruck obsessive Konzentration auf das männliche „Raumeinnehmen“, die ein leicht breitbeinges Sitzen oder ein öffentliches (Hetero-)Küssen mit der Beanspruchung politischer und wirtschaftlicher Machtpositionen umstandslos parallel schaltet, ist deutlich moralisierend grundiert: Dort sind die, die sich viel mehr nehmen, als ihnen eigentlich zusteht – und hier sind die Bescheidenen, die dabei zu kurz kommen.

In der Tat tritt die eigentlich Ursache der unterschiedlichen Raumeinnahme vollkommen in den Hintergrund bzw. steht schon von vorneherein fest: Es muss anscheinend eine Machtfrage sein.

Gut erkennt man das auch daran, dass auch bei Heterosexualität und Homosexualität davon gesprochen wird, dass Heterosexualität zuviel Raum einnimmt, was gerade wenn man den biologischen Erklärungen folgt ja auch recht einfach zu erklären ist: Die allermeisten Menschen sind heterosexuell, weil Gene eben auf Fortflanzung hin selektiert sind und Sex zwischen Mann und Frau nun einmal mehr Gene in die nächste Generation bringt als Sex zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Weil aber Hetersexualität mehr Raum einnimmt, muss dieses Verhältnis an Diskriminierung liegen (nicht, dass es in diesem Bereich keine Diskriminierung gibt, aber sie erklärt sich eben nicht daraus, dass Heteroexualität mehr Raum einnimmt, es ist vielmehr aufgrund der hohen Zahl von Heterosexuellen schlicht zu erwarten, dass diese mehr Raum einnimmt).

Weil es anscheinend nicht auf eine tatsächliche Analyse ankommt bleibt letztendlich ein Mittel übrig, ein Gefühl der Ungerechtigkeit zu erzeugen – der eine nimmt Raum, der andere verliert ihn dadurch. Das in Verbindung damit, dass jeder Anspruch auf gleichen Raum haben könnte lässt ein sehr einfaches moralisieren zu.

Ich kann mir vorstellen, dass davon innerhalb des Feminismus durchaus eine gewisse Versuchung ausgeht. Bequemerweise sind auch hier die anderen, zB die Männer, die Verantwortlichen, indem sie eben zuviel Raum einnehmen. Diejenigen, die keinen Raum einnehmen sind hingegen Opfer. So fügt sich die Theorie über die Raumeinnahme gut in andere feministische Theorien ein. Sie gibt ebenfalls Gelegenheit, Schuldzuweisungen zu machen und Forderungen aufzustellen. Zu dem gibt es die Gelegenheit Kleinigkeiten wie zu breites Sitzen aufzublähen und in ein Unterdrückungssystem mit hoher Bedeutung einzubauen

Breitmachmacker, Breitmachmackerinnen und die Hoden

Raum einnehmen ist im Feminismus etwas, was man vom körperlichen jederzeit auf die Gesellschaft übertragen kann. Wer zuviel körperlichen Raum einnimmt, der will damit auch gesellschaftlich anderen Raum wegnehmen. Natürlich ist demnach Raum einnehmen etwas, was Männer machen, denn Frauen fehlt der gesellschaftliche Raum sich zu entfalten und wenn ein Mann in irgendeiner Form mehr Raum einnimmt als er muss, dann macht er dies quasi für die Gruppe Mann oder jedenfalls, weil er weiß, dass er sich diesen Raum nehmen kann, weil er ein Mann ist.

Ich hatte dazu schon einmal etwas geschrieben:

Gerade mal wieder wird eine Sau dieser Art durch die Medien oder zumindest Twitter gejagt, der Breitmachmacker, der sich in öffentlichen Räumen zuviel Platz einnimmt, indem er sich möglichst breitbeinig hinsetzt.

Bilder, die dieses Verhalten belegen sollen, werden zB bei „Breitmachmacker“ gesammelt

Breitmachmacker

Breitmachmacker

 

Breitmachmacker Anatol Stefanowitsch

Breitmachmacker Anatol Stefanowitsch

 

Um darauf hinzuweisen, dass auch Frauen Raum einnehmen können hat man auf „Breitmachmackerin“ Bilder von Frauen gesammelt

Breitmachmackerin

Breitmachmackerin

Breitmachmackerin

Breitmachmackerin

Ein interessanter Text mit einer Erklärung zum breitbeinigen Sitzen von Männern findet sich hier:

Die Frau beruhigte sich gar nicht. „Sie sitzen da, als seien Sie alleine auf der Welt….“ Der Mann sah entgeistert aus, vielleicht verstand er die Frau noch nicht einmal. Er stand auf und setze sich woanders hin.

Ich hätte einschreiten, dem Mann beistehen und die U-Bahn-Pöblerin zur Rede stellen müssen. Leider äußert sich meine Art von Schlagfertigkeit so, dass mir erst nach dem Aussteigen einfiel, was ich hätte sagen müssen. „Wir haben Hoden! Wir können deshalb nicht mit derart geschlossenen Beinen sitzen, wie Sie!“

(…)

Vielleicht ist es eine anzügliche Geste für Frauen, die Beine zu spreizen – für Männer ist es das nicht. Wir tun es beim Fußball gucken, beim Verzehren von Grillfleisch oder eben beim Lesen in der U-Bahn, also immer dann, wenn unsere Gedanken von Sex maximal weit entfernt sind. Wir sitzen so, wenn wir selbstvergessen und entspannt sind. Ich habe jetzt gelesen, dass Männer mit breitbeinigem Sitzen Dominanz demonstrieren wollen: je weiter geöffnet die Beine, desto größer die Macht – das behaupten jedenfalls ein paar Verhaltensforscher.

Vielleicht hat die Dame in der U-Bahn das auch gelesen und war deshalb so sauer auf ihren Sitznachbarn, vielleicht war meine Freundin deshalb so pikiert als sie mich auf dem Urlaubsfoto breitbeinig sitzen sah. Für mich jedenfalls stimmt es nicht. Ich möchte niemanden dominieren. Ich habe über nichts und niemanden Macht, noch nicht einmal über meine Beine, sonst würde ich natürlich nie breitbeinig sitzen. Es ist ein inneres Bedürfnis, ein Hodenschutzreflex, dem ich und die anderen Breitbeinig-Sitzer uns beugen.

Es ist auf jeden Fall eine bequeme Sitzhaltung, Alles hat Platz, nichts wird eingedrückt.

 

 

http://www.spiegel.de/gesundheit/sex/stolz-auf-ihre-hoden-warum-maenner-breitbeinig-sitzen-a-865852.html

Raum einnehmen und Normalität

Gerade findet sich sowohl bei der Mädchenmannschaft als auch bei Helge Hansen texte dazu, dass man natürlich Heterosexuelles Knutschen nicht verbieten wolle, es aber unsolidarisch sei und man es insofern lassen solle.

Ich habe dazu eigentlich bereits alles gesagt.

Es ist aus meiner Sicht der alte Fehler, dass angenommen wird, dass Heterosexuelle, die rumknutschen, es schwerer machen für Homosexuelle oder das diese dadurch eingeschränkt werden. Das eine sexualfeindliche Haltung es eher allen noch schwerer macht und Homosexuelle dann erst recht negativ auffallen, scheint man dort nicht zu sehen.

Begründet wird dies immer wieder mit einem „Raum einnehmen“, etwa wie folgt bei der Mädchenmannschaft:

Der springende Punkt ist: Ob ich will oder nicht – durch meine Hetero(pärchen)performance demonstriere ich nicht nur den Normalzustand und erinnere (schmerzhaft) an ihn, ich stelle ihn auch aktiv her und re_produziere ihn. Heteronormativität ist keine Einbahnstraße: Weil hetero “normal” ist, stelle ich mein Hetendasein unhinterfragt zur Schau (nicht im Sinne von “seht alle her, ich bin hetero und finde das ganz toll!”, sondern im Sinne von “ich muss nicht verstecken, was selbstverständlich für mich ist”) und ermutige andere, dies auch zu tun – und weil so viele ihr Hetendasein unhinterfragt und selbstverständlich zur Schau stellen, ist hetero sein “normal”. Ich inszeniere mich – möglicherweise ungewollt – als einen Teil der “Normalität” und schaffe sie damit erst. Ich trage aktiv dazu bei, ein Klima aufrecht zu erhalten, einen Raum zu schaffen, in welchem lesbische, schwule, queere Zärtlichkeit deutlich als “Abweichung” sicht- und fühlbar ist. Selbst, wenn in der konkreten Situation vielleicht keine konkrete Gefährdung, aktive Ausgrenzung oder exotisiertende Kommentierung befürchtet wird – aber Diskriminierung ist mehr als verbale oder physische Gewalt. Mit meiner Hetero- und Paarperformance nehme ich anderen Ausdrucksformen und Beziehungsweisen den Raum. Auch wenn ich das gar nicht will. Auch, wenn ich “alternative” Beziehungsformen gut finde oder gar lebe, ich mich selbst gar nicht als hetero verorte, Paarsein mir doch gar nicht so wichtig ist und_oder ich mich gegen Homophobie und Heterosexismus engagiere. Und auch, wenn ich das nicht hören will.

Der Gedanke des Raumnehmens scheint also zu sein, dass der Raum die öffentliche Wahrnehmung ist und jede Ausrichtung in ihr gleichwertig oder wohl noch besser gar nicht wahrgenommen werden sollte. Wenn eine Ausrichtung deutlicher auftritt, also Männer prägender wirken als Frauen, Heterosexuelle prägender wirken als Homosexuelle, dann werden diese Ausrichtungen nicht mehr als gleichwertig wahrgenommen, sondern die dominantere, mehr Raum einnehmende  Ausrichtung wird „Normalität“ und die andere wird „Abweichung“, was in dieser Vorstellung zwingend mit einer Abwertung verbunden ist.

Der erste Fehler dabei ist aus meiner Sicht, dass bereits das Grundkonzept nicht stimmt. Es gibt genug Fälle, in denen etwas mehr Raum einnimmt, deswegen aber die Abweichung nicht negativ sein muss. Es gibt sicherlich mehr Golfs als Porsches, was aber nicht bedeutet, dass ein Porsche eine negative Abweichung ist, auch wenn der Golf Normalität darstellt. Bei Schokolade mag einfache Vollmilchschokolade der häufigste Fall sein, aber das bedeutet nicht, dass man Nuss-Nougat-Schokolade als negative Abweichung sieht. Es mag sein, dass einzelne  Nuss-Nougat-Schokolade nicht essen wollen, aber daraus muss nicht folgen, dass sie etwas dagegen haben, dass andere sich diese Schokolade kaufen uns sie gerne essen. Man kann neben einem Nuss-Nougat-Schokolade-Esser eine Vollmilchschokolade essen, ohne diesem damit als Abweichler zu sehen.

Natürlich kann man dagegen anführen, dass Nuss-Nougat-Schokolade im Gegensatz zu Homsoxualität auch nicht umstritten ist und würden eher anführen, dass es vergleichbar damit ist, ein paar mit Schokolade überzogene Insekten zu essen, was negative Reaktionen betrifft. Aber auch hier wird man kaum erwarten, dass ein Schokoladennichtessen aus Solidarität die Lage irgendwie verbessert. Ungewöhnliches wird dann akzeptiert, wenn man es häufiger wahrnimmt, nicht wenn man weitere Verhaltensweisen abschottet. Wer solche weiteren Verhaltensweisen abstellt, der erzeugt kein Verständnis, sondern nur eine striktere Sexualmoral, die eher das Leben für Homosexuelle erschweren wird („wir halten uns ja auch zurück, da könnt ihr es auch lassen“).

Der zweite Fehler ist aus meiner Sicht die Auffassung, dass man durch ein solidarisches Nichtküssen auch nur im geringsten etwas daran ändern kann, dass Homosexualität nicht als Normalfall wahrgenommen wird. Selbst bei günstigen Prognosen sind 90% der Menschen heterosexuell und es dürften eher noch mehr sein. Die Vermutung, dass jemand, den man trifft heterosexuell ist erfordert keine Heteronormativität, sondern ist eine meist zutreffende Erfahrung, die noch dadurch verstärkt wird, dass wir bei denen, auf die es nicht zutrifft, zu einem gewissen Teil erkennen können, dass es nicht zutrifft. Bei bestimmten Personen wird man keine Heterosexualität vermuten, sondern eben direkt tippen, dass sie Homosexuell sind und wahrscheinlich auch dort mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit richtig liegen. Homosexualität ist eben nicht etwas, was bei hinreichender Akzeptanz den gleichen Raum einnehmen kann wie Heterosexualität in dem Sinne, dass es 50% Homosexuelle gibt, weil die sexuelle Orientierung biologische Ursachen hat und nicht einfach ein soziales Konstrukt ist.

Ein Miteinander erfordert nicht, dass man nicht knutscht, sondern das der andere das Gefühl hat, dass man ihn akzeptiert und dafür eintritt, dass er auch knutschen kann.

Kurzum: Wenn niemand knutscht, dann kann homosexuelles Knutschen nicht etwas werden, was man kennt und insoweit akzeptiert. Alle anderen Einschränkungen bringen aus meiner Sicht wenig.