Der Gender-Ansatz verdient Glauben nicht weil er wahrer ist als andere, sondern weil er so viele Vorteile bietet

El Mocho weist auf ein interessantes Interviews in der Print-Zeit hin (wenn es das irgendwo online gibt, dann freue ich mich über einen Hinweis)

In der “Zeit” vom 27.02. findet sich ein Interview mit dem Geschichtsdidaktiker Martin Lücke, der “an Berliner Schulen den Queer History Month organisierte”, scheint nicht online zu sein. Da heißt es:

“Zeit: Glauben Sie an diese (Gender)Theorie?

Lücke: Ja, ich glaube daran. Und das ist auch wirklich eine Glaubensfrage.Wissenschaft setzt immer Prämissen, und die Prämisse der Genderwissenschaft, dass Geschlecht immer etwas sozial kosntruiertes ist, hat den großen Vorteil, sehr viel erklären zu können, vor allem den Umstand, dass sexuelle Orientierung auch außerhalb der Fortpflanzung so wirksam und erfolgreich ist. Und dass wir die Biologie dazu benutzen, Sexualität zu definieren, aber diese biologie ihrerseits sozial kosntruiert ist – just zu diesem Zweck.

Zeit: Ist nicht ein Hauch von Irrsinn dabei? ….Taugt die Gendertheorie zur Kritik einer naturwissenschaft?

Lücke: Ja .- denn die Biologie hat auch ihre vorwissenschaftliche Arbeitshypothese: nämlich immer etwas eibndeutig bestimmen zu wollen.

Zeit: Es gibt aber eine Gefahr dieser Art Wissenschaftskritik: dass am Ende keine Wissenschaft mehr bleibt. Wenn jeder Standpunkt als parteilich gilt, … gibt es keinen Austausch von unverdächtigen Argumenten mehr. …

Lücke: Aber der Gender-Ansatz hat den großen Vorzug, überhaupt erst zu der Erkenntnis zu verhelfen,von welchem Standpunkt aus man spricht.”

Also der Gender-Ansatz verdinet Glauben nicht weil er wahrer ist als andere, sondern weil er so viele Vorteile bietet (für Herrn Lücke zumindest).

Genau das hatte ich vermutet..

Das ist aus wissenschaftlicher Sicht schlicht gruselig. Leider ist es ja eine Auffassung, die die gesamten Genderwissenschaften oder Gender Studies durchzieht und dort als wesentliche Erkenntnis gefeiert wird:

Wissen soll subjektiv sein, jede Wissenschaft ist nur Diskurs und nicht Fakt, ist eine subjektive Meinung, die der Absicherung eigener Macht dient.

In diesem System stellt sich daher gar nicht die Frage, ob etwas wahr ist, sondern nur, welche Folgen es hat, wenn es als wahr angenommen wird und wer davon profitiert.

Diese Unwissenschaftlichkeit im Feminismus war schon häufiger Thema hier:

Natürlich KANN eine Machtfrage dazu führen, dass Wissen verborgen bleibt. Beispielsweise hat Religion sicherlich in bestimmten Zeiten und auch heute noch dazu beigetragen, dass bestimmte Theorien sich schwer durchsetzen oder falsche Theorien sich länger hielten, von der Erde als Mittelpunkt des Universums bis hin zu Schöpfungstheorien.

Und natürlich kann es auch extreme Geschichtsverfälschungen dadurch gegeben haben, dass die Sieger oder Mächtigen die Geschichte geschrieben haben. Aber das alles führt nicht dazu, dass man aufhören darf, Fakten für seine Thesen zu ermitteln und diese kritisch zu werten. Ein Abstellen auf reine Subjektivität, wie sie hier propagiert wird, kann schlicht nicht mit einer wie auch immer gearteten Wissenschaft in Einklang gebracht werden. Der Mond ist eben nach allen bekannten Fakten nicht der Hintern einer dicken Frau, es ist ein größer Felsbrocken, der um die Erde kreist. Hier eine Gegenposition aufzubauen, die mit den gegenwärtigen Fakten nicht in Einklang zu bringen ist, bringt keine neuen Erkenntnisse, sondern schlicht falsche Ergebnisse.

Das ist im Geschlechterthema nicht anders. Im Gegenteil: Die starken Vereinfachungen im Genderfeminismus in Gruppen, die allgemeine abstrakte Vorteile oder Nachteile haben und stets in einem Nullsummenspiel um die Macht sind verbessert die Lage nicht, sondern schafft Lager, wo gar keine sein müssten.

Derrida, Raum einnehmen und Moralisieren

Bei Schoppe gab es anlässlich seines sehr guten Artikels über eine Rede von Nicole von Horst eine kurze Diskussion über das Konzept des „Raum einnehmens“ im Feminismus:

Schoppe schreibt:

ung aus der poststrukturalistischen Theorie problematisch ist: Es geht bei Derrida und anderen um Texte und ihre Auslegung (wenn auch der Textbegriff extrem weit ist), und er ist nach meiner Erinnerung – ich hab lang nichts mehr von Derrida gelesen – stark konzentrioert auf das Verhältnis von Zentrum und Rand, und auch von der Möglichkeit, Texte nicht über das vermeintlich Zentrale, sondern über das Marginale zu auszulegen.

Schon bei Derrida sind diese Strukturen natürlich mit dem Thema „Macht“ verbunden, aber es ist doch etwas anderes, sie schnurstracks auf Menschen zu beziehen, und dann auch noch auf Gruppen, die dann auch noch stur zwischen Männern und Frauen aufgeteilt werden (wobei diejenigen, die dazwischen stehen, eher den Frauen zugerechnet werden, weil sie anders als die Männer keinen zentralen Raum einnehmen).

Es geht dabei dann nicht mehr um Verstehen als Spiel, um Interpretieren und Um-Interpretieren – sondern um Ressentiments. Denn die nach meinem Eindruck obsessive Konzentration auf das männliche „Raumeinnehmen“, die ein leicht breitbeinges Sitzen oder ein öffentliches (Hetero-)Küssen mit der Beanspruchung politischer und wirtschaftlicher Machtpositionen umstandslos parallel schaltet, ist deutlich moralisierend grundiert: Dort sind die, die sich viel mehr nehmen, als ihnen eigentlich zusteht – und hier sind die Bescheidenen, die dabei zu kurz kommen.

In der Tat tritt die eigentlich Ursache der unterschiedlichen Raumeinnahme vollkommen in den Hintergrund bzw. steht schon von vorneherein fest: Es muss anscheinend eine Machtfrage sein.

Gut erkennt man das auch daran, dass auch bei Heterosexualität und Homosexualität davon gesprochen wird, dass Heterosexualität zuviel Raum einnimmt, was gerade wenn man den biologischen Erklärungen folgt ja auch recht einfach zu erklären ist: Die allermeisten Menschen sind heterosexuell, weil Gene eben auf Fortflanzung hin selektiert sind und Sex zwischen Mann und Frau nun einmal mehr Gene in die nächste Generation bringt als Sex zwischen zwei Menschen des gleichen Geschlechts. Weil aber Hetersexualität mehr Raum einnimmt, muss dieses Verhältnis an Diskriminierung liegen (nicht, dass es in diesem Bereich keine Diskriminierung gibt, aber sie erklärt sich eben nicht daraus, dass Heteroexualität mehr Raum einnimmt, es ist vielmehr aufgrund der hohen Zahl von Heterosexuellen schlicht zu erwarten, dass diese mehr Raum einnimmt).

Weil es anscheinend nicht auf eine tatsächliche Analyse ankommt bleibt letztendlich ein Mittel übrig, ein Gefühl der Ungerechtigkeit zu erzeugen – der eine nimmt Raum, der andere verliert ihn dadurch. Das in Verbindung damit, dass jeder Anspruch auf gleichen Raum haben könnte lässt ein sehr einfaches moralisieren zu.

Ich kann mir vorstellen, dass davon innerhalb des Feminismus durchaus eine gewisse Versuchung ausgeht. Bequemerweise sind auch hier die anderen, zB die Männer, die Verantwortlichen, indem sie eben zuviel Raum einnehmen. Diejenigen, die keinen Raum einnehmen sind hingegen Opfer. So fügt sich die Theorie über die Raumeinnahme gut in andere feministische Theorien ein. Sie gibt ebenfalls Gelegenheit, Schuldzuweisungen zu machen und Forderungen aufzustellen. Zu dem gibt es die Gelegenheit Kleinigkeiten wie zu breites Sitzen aufzublähen und in ein Unterdrückungssystem mit hoher Bedeutung einzubauen

Theorien innerhalb der Gender Studies

Auf der Seite der Uni Freiburg habe ich eine Auflistung der im Feminismus und den Gender Studies nach der dortigen Ansicht vorherrschenden „Herangehensweisen“ gefunden

Momentan dominieren innerhalb der feministischen Theoriediskussion und der Gender-Forschung konstruktivistische, diskurstheoretische, postrukturalistische, dekonstruktivistische, kulturalistische wie auch postmoderne Herangehensweisen. Diese Bezeichnungen werden teilweise beinahe wie Synonyme verwendet, sie stehen in einem engen Zusammenhang, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte und verweisen auf unterschiedliche grundierende Theoriestränge:

Ich hätte sie wohl auch nicht so fein unterschieden, aber man lernt ja immer gerne dazu

  • Der ‚Konstruktivismus‘ lässt sich zunächst in eine ‚sozialkonstruktivistische und eine ‚kognitionstheoretische‘ Richtung ausdifferenzieren. Beide gehen davon aus, dass es keine menschenunabhängige Welt gibt, oder sie uns zumindest nicht als solche zugänglich ist. Arbeitet der Sozialkonstruktivismus heraus, dass vermeintlich Naturgegebenes immer schon kulturell geformt ist, hebt die kognitionstheoretische Richtung auf die erkenntnistheoretische Ebene ab. Gegenbegriffe zum Sozialkonstruktivismus sind ‚Essentialismus‘, ‚Ontologismus‘ und ‚Biologismus‘, während sich der kognitionstheoretische Konstruktivismus gegen den philosophischen Realismus und den Positivismus wendet. Beim kognitionstheoretischen Konstruktivismus kann noch einmal zwischen einer diskurstheoretischen und einer biologischen Ausrichtung unterschieden werden. Während im diskurstheoretischen Konstruktivismus die Diskurse, d.h. das, was überhaupt gesagt werden kann, die Perzeption (also das, was als ‚Wirklichkeit‘ wahrgenommen wird) prägen, ist es beim biologischen (kognitionstheoretischen) Konstruktivismus zunächst die Struktur des menschlichen Wahrnehmungsapparates, die über Wahrnehmbarkeit und Wahrnehmungsform entscheidet. Der biologische Konstruktivismus spielt in der feministischen und gender-theoretischen Debatte allerdings nur selten eine Rolle, die beiden anderen Ausrichtungen haben dafür aber einen um so höheren Stellenwert. Dabei wird zwischen den beiden Ebenen, auf die sie jeweils fokussieren, oft nicht wirklich unterschieden.

Finde ich schon an sich eine gewagte Theorie: Keine menschenunabhängige Welt. Das ist keine ganz kleine Hürde für eine Theorie. Wie man sie wissenschaftlich untermauern sollte ist mir nicht verständlich. Gut, mit der Zugänglichkeit wird es etwas mehr eingeschränkt, aber wie vergleichende Untersuchungen zeigen haben verschiedene Völker teilweise recht gleiche Vorstellungen von ihrer Umwelt entwickelt und es gibt relativ viele „universelle Gemeinsamkeiten

  • Der Begriff ‚Kulturalismus‘ entspricht inhaltlich in etwa dem Sozialkonstruktivismus. Den Gegenbegriff zu ‚kulturalistisch‘ stellt die Bezeichnung ‚naturalistisch‘ dar. Es geht hier also darum, dass z.B. das Geschlecht erst durch die Kultur als solches konstruiert wird und nicht naturgegeben ist.

Hier wird also sozusagen der Konstruktor etwas näher bezeichnet. Auch hier wieder ein beängstigende Nähe zum Standard Sozial Science Model, welches eigentlich vollkommen veraltet ist.

  • Dekonstruktion‘ bezeichnet das vor allem von Derrida entwickeltes Verfahren der Entverselbständlichung und Entnaturalisierung. Durch das Verfahren der Dekonstruktion wird deutlich gemacht, dass es sich bei vermeintlich Natürlichem im Grunde um kulturelle Konstruktionen handelt. Zentral ist die Kritik am Denken in binären Oppositionen, wie es sich nicht nur in der Gegenüberstellung Mann/Frau, sondern auch in Kultur/Natur, Geist/Materie oder auch Tag/Nacht ausdrückt.

Demnach wäre Dekonstruktion die Darstellung, dass alles konstruiert ist, indem man eine soziale Erklärung für den gleichen Vorgang findet. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hat Derrida dieses Verfahren allerdings zur Textanalyse entwickelt. Er hat es aber später wohl auf alle Bedeutungsträger ausgeweitet. Allerdings kann man eben Texte deutlich besser zerlegen als Lebewesen. Da man aber in diesen Theorien davon ausgeht, dass die Identitäten und Normen nicht von der Biologie beeinflusst sind, kann man sie als dekonstruierbar ansehen und ihre einzelnen Bestandteile ermitteln.

Zur Dekonstruktion aus der Wikipedia:

Die Dekonstruktion geht grundsätzlich davon aus, dass die Thematisierung bestimmter Gegenstände (sei es in wissenschaftlicher Theoriebildung, sei es in anderen Wissenssystemen, Darstellungsformen oder Gattungen) andere zugleich ausgrenzt. Anstatt nur auf explizit mitgeteilte Information konzentrieren sich dekonstruktive Analysen daher auch und besonders auf diejenigen Faktoren, welche ausgegrenzt wurden. Systematisch grundlegend dafür ist eine sinnkritische Einklammerung der Sinn- und Verweisungsbeziehungen etwa der Elemente eines Textes. Dies ermöglicht dann Fragen zu stellen wie: welche Ausgrenzungs- und Etablierungsmechanismen, welche Strategien des Glaubwürdigmachens, welche hierarchischen Strukturen eines Signifikantengefüges erlauben, das entsprechende materielle Gefüge als sinnhaften Bedeutungsträger zu verstehen und auf eine bestimmte Bedeutung oder „Aussageabsicht“ zu reduzieren? An welche Konstitutionsbedingungen sind die entsprechenden Sinn- und Geltungsansprüche gebunden? Dies kann insbesondere auch Konflikthaftigkeit, Aggressivität, verdeckte Gehalte und Intentionen sichtbar machen.

Diese Ausgrenzung durchzieht ja auch den Feminismus. Aus der Theorie, dass man Gegensatzpaare bilden muss und deren Stellung zueinander ermitteln muss, erklärt sich einiges in der feministischen Theorie. Dort ist das Gegensatzpaar eben Mann und Frau bzw. „männlich“ und „weiblich“ bzw. weitere Geschlechter oder in einem Intersektionalismus die weiteren Kategorien, wie Rasse, Klasse etc.  Wenn eines der beiden in der Gesellschaft mehr betont wird, dann muss das andere Ausgegrenzt bzw. das andere etabliert werde. Hier kommt wohl auch die beständige Angst her, dass etwas zu viel Raum einnimmt. Wenn etwas mehr Raum einnehmen kann, dann eben weil die Geschichte, die man wahrnimmt, auf eine bestimmte Weise gestrickt wird. Auch wer körperlich mehr Raum einnimmt würde danach in der Dekonstruktion als jemand auffallen, der sich selbst einen höheren Geltungsanspruch einräumt und daher eine Ausklammerung der anderen vornehmen möchte.

  • Begriff ‚diskurstheoretisch‘ stellt ebenfalls die Verbindung zu einem bestimmten Denker her: Zu Michel Foucault und seinem Diskursbegriff. „Als Diskurse gelten … ‚Redeweisen‘, sprachliche ‚out-fits‘ von sozialen Klassen und Berufsständen, Generationen, Epochen, literarischen Gattungen, wissenschaftlichen Disziplinen und spezifischen sozialen oder kulturellen Milieus. Zudem wird betont, dass es nicht nur sprachliche Formen – mündliche oder schriftliche – der Bedeutungszuschreibung gibt, sondern auch noch andere, ähnlich funktionierende Zeichensysteme kulturelles Symbolisation. So können architektonische Grundformen ebenso interessieren wie Bestattungsriten oder Kleidermoden. Wenn von diskursiven Praxis oder von diskursiven Formationen die rede ist, ist damit der Komplex einer bestimmten ‚Redeweise‘ und ihrer institutionellen Bedingungen, die Art und Weise der Medialisierung und der Zusammenhang von Kenntnissen und Wissen innerhalb eines bestimmten historischen Zeitraums gemeint.“ Diskurse regeln, was zu einem bestimmten Zeitpunkt sagbar ist. Durch die Zurückverfolgung von Diskursen wird die historische Kontingenz von Begriffen, Kategorien und Theorien aufgedeckt.

Der kulturelle Bereich wird sicherlich zu einem gewissen Teil von Diskursen ausgeformt, soweit es der biologische Unterbau des Menschen zulässt. Und hier können natürlich bestimmte Riten und in der Kultur vorgegeben Betrachtungsweisen wesentlich werden. Ein gutes Beispiel ist zB, dass sich die Religion häufig nach der in der Gesellschaft vorgegebenen Religion richtet, sofern diese auch die Eltern haben. Allerdings sind eben schon genug Politker daran gescheitert einen bestimmten Diskurs, der für sie dienlich ist, vorzugeben. Ein Diskurs ist nicht so einfach steuerbar, wie man es sich im Feminismus vorstellt.

  • Der Begriff ‚postmodern‘ bezeichnet eine bestimmte historischen Epoche, der u.a. auch die poststrukturalistische Theorierichtung zuzuordnen ist. Zentrale Gedanken sind u.a. eine Abwendung vom Fortschrittsdenken der so genannten Moderne, ein Plädoyer für Heterogenität (z.B. von Lebens-, Denk- und Handlungsformen) und der Versuch die Kluft zwischen ‚Kunst‘ und ‚Massenkultur‘ zu überwinden. Seyla Benhabib charakterisierte das postmoderne Denken durch die drei Thesen vom „Tod des Menschen“, dem „Tod der Geschichte“ und dem „Tod der Metaphysik“.38 Die Postmoderne drückt sich nicht nur in der Theorie, sondern z.B. auch in der Architektur, der Literatur und der bildenden Kunst aus und insbesondere auch im Lebensgefühl.

Das Fortschrittsdenken ist soweit wahrscheinlich auch nur patriarchisch.

Aus der Wikipedia dazu:

Elemente postmodernen Denkens und Urteilens sind:

  • Absage an das seit der Aufklärung betonte Primat der Vernunft (ratio) und an die Zweckrationalität (die bereits in der Moderne erschüttert wurden)
  • Verlust des autonomen Subjekts als rational agierende Einheit
  • Neue Hinwendung zu Aspekten der menschlichen Affektivität und Emotionalität
  • Ablehnung oder kritische Betrachtung eines universalen Wahrheitsanspruchs im Bereich philosophischer und religiöser Auffassungen und Systeme (sog. Metaerzählungen oder Mythen wie Moral – wodurch Postmoderne zum Amoralismus wird – , Geschichte, Gott, Ideologie, Utopie oder Religion, aber auch, insofern sie einen Wahrheits- oder Universalitätsanspruch trägt, Wissenschaft)
  • Verlust traditioneller Bindungen, von Solidarität und eines allgemeinen Gemeinschaftsgefühls
  • Sektoralisierung des gesellschaftlichen Lebens in eine Vielzahl von Gruppen und Individuen mit einander widersprechenden Denk- und Verhaltensweisen
  • Toleranz, Freiheit und radikale Pluralität in Gesellschaft, Kunst und Kultur
  • Dekonstruktion, Sampling, Mixing von Codes als (neue) Kulturtechniken
  • Zunehmende Zeichenhaftigkeit der Welt (siehe auch Semiotisches Dreieck und Baudrillard)
  • Versuche der Abkehr von ethno- und androzentrischen Konzepten

Man tauscht also Rationalität gegen Emotionalität, lehnt wissenschaftliches Vorgehen ab, führt eine Beliebigkeit ein und versucht alle festen Formen aufzugeben. Eine einheitliche Gemeinschaft wird abgelehnt, dagegen eine starke Verschiedenheit in Verbindung mit Toleranz gefordert.

Teste dein Gender Studies Wissen!

Stefan berichtet aus einen Text aus den Gender Studies:

1. Frage

1a. Erklären Sie die gendertheoretischen Fachtermini Sex und Gender. (1P)

1b. Erläutern sie anhand von Ergebnissen der Genderforschung, warum es wissenschaftlich unhaltbar ist aus sex gender abzuleiten (sex -> gender, d.h. z.B. aus der Konstitution geschlechtlicher Körper eine bestimmte Berufswahl abzuleiten). (3P)

2. Frage

Personalstatistiken zu wissenschaftlichen Einrichtungen wie Universitäten liefern Darstellungen, für die geschlechterbezogen ein Leaking-Pipeline-Phänomen bzw. ein Gender Gap festgestellt werden.

2a. Erläutern Sie die Fachbegriffe Leaking-Pipeline-Phänomen und Gender Gap. (1P)

2b. Erklären Sie die Hintergründe der hohen Männerquoten in den Ingenieurwissenschaften anhand der Forschungsergebnisse (1) zum Image/Status der Ingenieurwissenschaften und (2) zu den geschlechtsspezifi-schen Aufgaben- und Fähigkeitszuschreibungen (Sozialisation, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung etc.).

(Welche geschlechtsspezifischen Vorteile werden Männern diesbezüglich geboten?) (10P)

3. Frage

3a. Erläutern Sie den Begriff „androzentrische Wissenschaftsgeschichte“. (1P)

3b. Wie lässt sich aus Sicht der Genderforschung eine androzentrische Geschichtsschreibung der Ingenieur- und Naturwissenschaften überwinden? (3P)

4. Frage

4a. Beschreiben Sie fundiert, wie es historisch seit dem 18. Jahrhundert in Europa zum Ausschluss von Frauen aus den Natur- und Technikwissenschaften kam. (10P)

4b. Warum kam es nach der Zulassung von Frauen zum Studium um 1900 in Europa nicht sofort zu einem völlig ausgeglichenen Geschlechterverhältnis in allen Fachbereichen? (4P)

5. Frage

Erklären Sie, in welchen Zusammenhang der geschlechtsspezifische Personalbestand und die Theorien der Naturwissenschaften von der Genderforschung gebracht werden. (3P)

6. Frage

Beschreiben Sie ausführlich am Beispiel der Gehirnforschung, wie die Genderforschung den psychobiosozialen Ansatz der kognitiven Geschlechterdifferenzen begründet. (10P)

7. Frage

Erläutern Sie, was die Genderforschung unter “Technology of Gender“ versteht und illustrieren Sie dies kurz beispielhaft anhand von drei technischen Artefakten / Geräten. (3P)

8. Frage

8a. Beschreiben Sie an einem Beispiel, in welcher Weise in technische Geräte / Artefakte bzw. in Technologien Genderscripte eingeschrieben werden. (3P)

8b. Wieso werden Genderscripte meistens von den Technikentwickelnden nicht bemerkt? (2P)

9. Frage

Das objektivistische Selbstverständnis der Naturwissenschaften wird durch die Wissenschaftsforschung / Social Studies of Science grundlegend in Frage gestellt.

9a. Erläutern Sie die zentralen Kritikpunkte an diesem Verständnis durch die Wissenschaftsforschung. (3P)

9b. Welche Konsequenzen hat das neue kritisch rekonfigurierte Wissenschaftsverständnis der Wissenschaftsforschung für zukünftige naturwissenschaftliche Forschung über Geschlecht? (3P)

10. Frage

10a. Erläutern Sie das von der Wissenschaftsforschung formulierte Verständnis von der Gestaltungs-flexibilität technischer Problemstellungen und der Gestaltungsflexibilität technischer Lösungsansätze. (4P)

10.b Welche Konsequenzen hat die gendertheoretische Perspektive einer Ko-Konstruktion von Technik und Geschlecht für zukünftige Technikentwicklung? (4P)

11. Frage

11a. Wieso sind aus Sicht der Wissenschaftsforschung gerade auch wissenschaftliche Sprache bzw. Fachtermini nicht frei von gesellschaftlichen Implikationen? (2P)

11b. Welche gesellschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen können verschiedene Varianten von Geschlechternarrativen in den Naturwissenschaften haben? Erläutern sie dies anhand unseres besprochenen Beispiels aus der Zellbiologie. (4P)

12. Frage

Erläutern Sie auf der Grundlage der Forschungsergebnisse von Wendy Faulkner, Ulf Mellström und Gloria Miller, wieso Technik mit (einer bestimmten Art von) Männlichkeit assoziiert wird. (10P)

13. Frage

Obwohl das Konzept der wissenschaftlichen Objektivität eine Abwesenheit von persönlicher Perspektivität impliziert, erscheint es trotzdem auf männliche Erkenntnissubjekte bezogen.

13a. Erläutern Sie die gendertheoretischen Erklärungen dieses Paradoxons. (4P)

13b. Wie könnte Objektivität aus kritischer gendertheoretischer Perspektive neu konzeptualisiert werden? (2P)

14. Frage

14a. Erklären Sie den “Doing-Gender“ – Ansatz.

(Was bedeutet Doing Gender? Wieso wird dieser Ansatz den konstruktivistischen Theorien zugeordnet? Welcher zentrale Kritikpunkt formuliert die Doing-Gender-Perspektive am verbreiteten alltäglichen Verständnis von Geschlecht?) (6P)

14b. Inwiefern können Abbildungen in naturwissenschaftlich-technischen Lehrbüchern als Doing-Gender-Vorgang aufgefasst werden? (2P)

15. Frage

Geschlechtergerechte Wissenschaft wird auf der Grundlage von drei Säulen entwickelt: Frauenförderung, Gender Mainstreaming, Genderforschung.

Beschreiben Sie diese drei Säulen in ihren wesentlichen Charakteristika und stellen Sie ihre möglichen Bezüge und Wechselwirkungen untereinander dar. (8P)

16. Frage

16a. Welche gesellschaftlichen Auswirkungen kann eine androzentrische / sexistische Sprache haben? (2P)

16b. Schreiben Sie diesen kurzen Textabschnitt in eine geschlechtergerechte und zugleich sprachlich ansprechende Textfassung um:

“Die Universität bietet angehenden Ingenieuren hervorragende Studienbedingungen und hat schon viele fachmännische Leiter großer weltweit anerkannter Firmen hervorgebracht. Ein Student der Ingenieurwissenschaften profitiert darüber hinaus von guten Kontakten seines Fachbereiches zur Industrie, die ihm zahlreiche Möglichkeiten für Praktika bietet. International renommierten Gastdozenten aus dem Ausland stehen außerdem für sich und ihre Gattinnen schöne Unterkünfte in einem Gästehaus zur Verfügung.“

(dieser Text ist rein fiktiv und erhebt keinen Anspruch auf Realitätstreue…) (4P)

Wer also sein Wissen testen möchte, der möge bitte die Fragen beantworten. Wer nach der Beantwortung der Fragen noch etwas dazu schreiben will, warum der Test sehr ideologisch sind oder wie er die Fragen beantworten würde, wenn es nicht um die Punkte, sondern seine persönliche Sicht der Dinge gehen würde, der kann das natürlich auch gerne dann noch machen.

Zugelassene Hilfsmittel: Das Internet

Feministisch korrekte Sprache: sexuelle Positionierung und männlich und weiblich gelesene Personen

Elitemedium berichtet „Neues aus dem Neusprechland„. Es geht um folgende Begriffe:

Sexuelle Positionierung: ist eigentlich das gleiche wie sexuelle Orientierung. Aber – um Lantzschi zu zitieren –  eigentlich geht’s im Zusammenhang mit Privilegiertheiten in dem Feld ja nicht um Identitäten, sondern um Positioniertheiten in einem Gefüge, dass sich die Individuen nicht selbst wählen können. (ergo auch keine Orientierung/Identität). Es ist also nicht eine Orientierung, die der Mensch nun einmal hat, sondern etwas, in dem er durch die Gesellschaft oder andere Umstände positioniert wird. Vermutlich gäbe es ohne die gesellschaftlichen Zwänge und Regeln keine Orientierung und jeder wäre entweder bisexuell oder was er auch immer sein will. Ich vermute viele Homosexuelle werden dem ebenso wie die aktuelle Forschung widersprechen und sagen, dass sie schwul/lesbisch sind und nicht dazu gemacht wurden. Aber so ist es eben korrekter

Männlich/weiblich gelesene Personen: Nur weil ein Mensch einen bestimmten Phänotyp zu haben scheint bedeutet es natürlich im Feminismus nicht, dass er weiblich oder männlich ist. Denn weiblich und männlich sind einfach nur Zuschreibungen, die am Körper ansetzen können oder eben auch an anderen. Das muss man in zwei Richtungen beachten: Wer beispielsweise als männlich gelesen wird, der nimmt eben auch an den diesbezüglichen Privilegien teil. Zudem muss sich ein guter Feminist auch immer selbst prüfen und Menschen nicht einfach ein Geschlecht unterstellen. Er kann also bei ihm unbekannten Personen schreiben „ein Mensch, den ich als männlich gelesen habe“, wenn da dem Phänotyp nach ein Mann vor ihm steht.

Beides erscheint mir viel zu theorieüberladen um sich außerhalb extremer Radikalität durchzusetzen.

Anatol Stefanowitsch: „Sprache und Ungleichheit“

Anatol Stefanotwitsch hat einen Artikel zu „Sprache und Ungleichheit“ geschrieben.

Die einleitende Kurzzusammenfassung von ihm

Das Treffen von Unterscheidungen und damit das Potenzial zur Diskriminierung ist Kernfunktion und Strukturprinzip von Sprache. Diskriminierende Sprache lässt sich nicht ganz vermeiden; umso wichtiger ist ein bewusster Umgang mit ihr.

Peter in einem Kommentar dazu:

Die im verlinkten Artikel besprochene Thematik habe ich an anderer Stelle schon (meist kurz, stichwortartig) angesprochen (die sprachliche Unterscheidung als notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für gruppenspezifische Diskriminierung / aus meiner Sicht). Da auch in diesem Blog oft die Rede von Gleichheit und Ungleichheit, feministischer Sprachkritik und Konstruktivismus/Poststrukturalismus sowie Essentialismus die Rede ist, würde ich es begrüssen, wenn er hier zur Diskussion gestellt würde.

Leszek kommentierte dann dazu:

Dass unser Wirklichkeitsverständnis AUCH durch Sprache konstruiert wird, ist natürlich richtig. Während der radikale Konstruktivismus entweder Unsinn oder Banalitäten hervorbringt, ist ein GEMÄßIGTER Konstruktivismus m.E. realistisch und mit einem erkenntnistheoretischen Fallibilismus auch grundsätzlich vereinbar. Will heißen: die materielle Wirklichkeit geht der Sprache zwar voraus, aber unser Verständnis der Wirklichkeit ist AUCH (aber nicht ausschließlich) Konstruktion. Was bei dem Autor des Artikels, wie bei den meisten Diskursanalytikern zu kurz kommt, sind die Begrenzungen, die dem konstruierenden Aspekt des menschlichen Bewusstseins innewohnen.

Die Möglichkeit zur Konstruktionen wird begrenzt: 1. durch die vorhandenen materiellen Realitäten, die sich in ihrer materiellen Beschaffenheit diskursanalytischer Sprachmagie entziehen und 2. durch wahrnehmungspsychologische Strukturen, die zumindest im Schnitt bei Menschen wirksam sind und eine einfache Grundorientierung gewährleisten müssen. Das Raster Mann-Frau als zentrales Strukturierungsprinzip für Geschlechterverhältnisse, unterschieden primär nach den äußeren Geschlechtsorganen, ist meines Wissens eine menschliche Universalie. Es gibt zwar Kulturen, die auch andere Positionierungen irgendwo zwischen Mann und Frau zulassen (und das ist gut so), aber der Umstand, dass alle Kulturen primär nach den äußeren Geschlechtsorganen die Geschlechtsdifferenzierung vornehmen, zeigt, dass es den wahrnehmungspsychologischen Strukturen des Menschen offenbar ziemlich schwer fällt, jene Vielfalt von möglichen Geschlechtskonstruktionen, auf die Diskursanalytiker und Konstruktivisten gerne verweisen, auch tatsächlich zu einem alternativen kulturellen Leitprinzip werden zu lassen.

Die Argumentation, dass es auch andere Möglichkeiten gäbe Geschlecht zu definieren bleibt sehr theoretisch. Sie ist wahr, aber Menschen neigen nicht dazu es auch zu tun, weil sich das Funktionieren wahrnehmungspsychologischer Strukturen eher an Äußerlichkeiten und ihren Häufigkeitsverteilungen festmacht.

Die Unterscheidung „erwachsen/nicht erwachsen“ besitzt ebenfalls einen konstruierten Anteil, da hat der Autor Recht, aber dieser Anteil scheint mir dennoch nicht so gewaltig zu sein. Die kulturellen Zuschreibungen, was „erwachsen“ oder „nicht-erwachsen“ jeweils in verschiedenen Kulturen bedeutet, können dagegen drastisch sein, aber die Grenze selbst, an der der Übergang vom Nicht-Erwachsenen zum Erwachsenen sich vollzieht, dürfte sich in den meisten Kulturen wiederum auf ein gewisses Spektrum beschränken. Es wird sich schwerlich eine Kultur ausfindig machen, in der Dreijährige den Erwachsenenstatus zugesprochen bekommen oder 30-Jährige den Kindstatus. Es gibt ein gewisses Spektrum, bei der die Grenze kulturell differieren kann, darüber hinaus greifen wieder die Begrenzungen menschlichen Konstruierens durch materielle Realitäten und wahrnehmungspsychologische Strukturen.

Der Autor schreibt des Weiteren: „So klingt ein Satz wie “Frauen können nicht einparken” plausibler als “Menschen mit weiblichen Geschlechtsorganen können nicht einparken”, “Blondinen sind dumm” klingt plausibler als “Frauen mit hellen Haaren sind dumm” und “Schwarze tanzen gut” klingt plausibler als “Menschen mit dunkler Hautfarbe tanzen gut”. Das liegt daran, dass der jeweils erste Satz das eigentliche Kategorisierungskriterium implizit lässt und so den fehlenden logischen Zusammenhang zwischen weiblichen Geschlechtsorganen, Haarfarbe oder Hautfarbe mit der Geschicklichkeit beim Einparken, den intellektuellen und den tänzerischen Fähigkeiten verdeckt. Werden diese Verknüpfungen dagegen wie in dem jeweils zweiten Satz ausbuchstabiert, tritt die fehlende Logik deutlich zutage – die Sätze werden nun offensichtlich absurd, und wer sie äußert, müsste mindestens ausführlich begründen, wie und warum es zwischen den jeweiligen Eigenschaften einen Zusammenhang geben sollte.“

Das stimmt, aber Sprachverkomplizierungen sind eine schlechte Strategie um Diskriminierungen oder das Potential für Diskriminierungen zu beseitigen. Sprachverkomplizierungen setzen sich im Regelfall nicht durch, es sei denn durch massiven Zwang. Eine bereits vorhandene Sprache folgt m.E. einem ökonomischem Prinzip, nach dem Verkomplizierungen von Sprachregelungen von den meisten Menschen abgelehnt werden. Dazu hatte ich mit Zhen mal eine interessante Diskussion, Zhen hatte dazu eine eigene Theorie auf die Sprache bezogener Selektionsdrücke zu, nachzulesen hier:

https://allesevolution.wordpress.com/2012/01/15/was-finden-manner-und-frauen-korperlich-attraktiv/

Der Autor schreibt des Weiteren: „Unser Vokabular für die quasi-ethnische Kategorisierung von Menschen ist auf den ersten Blick sehr heterogen und unsystematisch: Manche Gruppen werden über ihre Hautfarbe kategorisiert (Schwarze, aber nicht (mehr) Gelbe oder Rote); andere über eine grobe geografische Region (Asiat/in, aber selten Afrikaner/in, außer im Kompositum Schwarzafrikaner/in), wobei auch Fehlkategorisierungen sich sprachlich jahrhundertelang halten können (wie bei Indianer/in); wieder andere nach Religion (Moslem). Diese verwirrende Unordnung wird erst in dem Augenblick verständlich, in dem man das Gegenteil zu all diesen Bezeichnungen denkt. Wenn der weiße, europäische Christ der als selbstverständlich vorausgesetzte Normalfall ist, dann kann jede Gruppe über das Merkmal definiert werden, anhand dessen sie am offensichtlichsten von diesem Normalfall unterschieden werden kann. Indem man aber diesen “Normalfall” voraussetzt, wird jede Gruppe, die diesem nicht entspricht automatisch zum “Fremden” und “Anderen”. Neutrale Unterscheidungen sind auf dieser Grundlage nicht mehr möglich – die Ungleichbehandlung und Herabwürdigung ist unauflösbar in dieses Modell eingebunden, und kein noch so großer sprachpolitischer Aufwand kann daran etwas ändern, solange der “Normalfall” unausgesprochen und unhinterfragt bleibt.“

Das scheint mir in dieser Form überzogener politisch korrekter Blödsinn zu sein. Hier wird ja quasi vorausgesetzt, dass jede von einem weißen europäischen Christen getroffene Kategorisierung von Menschengruppen schon allein deshalb eine Diskriminierung darstellt, weil sie eben von einem weißen europäischen Christen stammt. Das reicht mir definitiv nicht, um begründet Diskriminierungen zu konstatieren! Da müssen plausible Kriterien genannt werden.

Wollte man das ernst nehmen, dann dürften weiße europäische Christen überhaupt keine sprachlichen Unterscheidungen zwischen Menschengruppen mehr treffen. Das aber ist wahrnehmungspsychologisch und kommunikationspragmatisch unmöglich. Oder sie müssten stets hinzufügen: „Ich sehe mich als weißen europäischen Christen aber nicht als den Normalfall“ – da wären wir wieder bei den Sprachverkomplizierungen.

Zur geschlechtssensiblen Sprache, auf die der Autor am Ende zu sprechen kommt, gibt es übrigens eine ausgezeichnete Kritik von Arne Hoffmann, nachzulesen in:

Arne Hoffmann – Alle Menschen werden Schwestern. Sprache. Linguistik und Feminismus in: Paul-Hermann Gruner & Eckhard Kuhla (Hg.) – Befreiungsbewegung für Männer, S. 225 – 235

http://www.amazon.de/Befreiungsbewegung-f%C3%BCr-M%C3%A4nner-Geschlechterdemokratie-Psychosozial/dp/3837920038/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1334623779&sr=1-1

Das ist die treffendste Kritik der geschlechtssensiblen Sprache, die ich kenne.

In pragmatischer Hinsicht scheitert das Projekt vulgärfeministischer sprachlicher Umerziehung wiederum an seinen sprachlichen Verkomplizierungen. Das müsste man den Menschen schon mit Gewalt einprügeln, freiwillig wird die Bevölkerungsmehrheit nicht damit anfangen so zu schreiben und zu sprechen – weder Männer, noch Frauen.

Am Ende des von Dir verlinkten Artikels heißt es: „Damit schafft Sprache (wahrscheinlich unvermeidlicherweise) die Grundlage für Ungleichheit und Diskriminierung.“

Hier zeigt sich ein wenig die Überschätzung des Sprachlichen für Diskriminierungen bei Diskursanalytikern und Konstruktivisten. Die in dem Artikel beschriebenen „Grundlagen für Ungleichheit und Diskriminierung“ innerhalb der Sprache stellen ja faktisch lediglich notwendige, ABER NICHT HINREICHENDE Bedingungen für die Entstehung von Diskriminierung dar. Hier zeigt sich, dass dieser Ansatz in seiner Verabsolutierung des Sprachlichen für die Entstehung von Diskriminierung eher vom Wesentlichen ablenkt. Die Erkenntnis, dass Sprache bestimmte Voraussetzungen für die Entstehung von Diskriminierungen beinhaltet, ist wahr, aber ich halte diesen Aspekt bei weitem für nicht so zentral wie der Autor. Die übertriebene Betonung speziell der sprachlicher Aspekte läuft m.E. Gefahr abzulenken von den soziologischen, historischen und kulturellen Ursachen von Diskriminierung, Ausgrenzung und sozialer Ungerechtigkeit. Denn dort muss m.E. im Wesentlichen angesetzt werden, um diese zu bekämpfen.

Vermutlich ist gerade dies auch der Grund, warum der PC-Diskurs so stark gefördert wurde. Für die herrschende Kapitalistenklasse hat er die Funktion, dass dadurch vom Wesentlichen abgelenkt wird.

Für Gegenmeinungen bin ich natürlich offen.

Konstruktion durch Sprache finde ich als Thema durchaus interessant, denke aber, dass es überbewertet wird. Sprache ist häufig nur ein Mittel, aber nicht die Ursache.

Was sagt ihr zu dem Artikel /Thema?

Die Piratenpartei und der Feminismus: Ein offener Brief

Liebe Piraten,

ihr seid eine junge Partei, die in vielen Punkten erst ihren Weg finden muss. Gerade bei den Frauenfragen ist dies noch nicht geschehen, wie zahlreiche Diskussionen unter euch zeigen

Wie ein Pirat den Feminismus kennen lernte,  Piraten der feministischen SeeNerd gegen Femi-NerdPostgender, Feminismus, Antifeminismus Und GenderpopenderPostgender? Damit sind die Piraten von gesternKleiner Rant in die ungefähre Richtung der PiratenPiraten, Feminismus & KlischeedenkenLiebe EMMA!Feminismus und MännlichkeitNehmt den Männern den Feminismus aus der Hand!Kann eine Feministin Piraten wählen?Gender Trouble bei den PiratenEqualismus als gesellschaftliche Plattformneutralität (und ein bisschen Feminismus)Der Feminismus kauft dir keine Schokoladenfabrik, Genosse!Liebe EMMA-Redaktion. Ihr könnt mich mal!, Frauen im Boot bringt Unglück, Postgender in der Piratenpartei; Den eigenen Respekt bekommt man nicht von AnderenPiraten-Post-Gender: Nichts tun, wenns brennt?Was du nicht sehen willst ist trotzdem da oder warum Postgender im Falle der Piratenpartei antifeministisch istPostgender,  Warum mach ich den Scheiß eigentlich? und sicherlich noch viele mehr

Ihr habt inzwischen auch ein Positionspapier des KegelclubsKegelklub/PositionspapierEqualismus, in dem es heißt:

Zu den wichtigsten Zielen, die wir unterstützen und für deren Verwirklichung wir uns einsetzen wollen, zählen die Dekonstruktion des sozialen Geschlechtes, die Gleichstellung und echte Chancengleichheit der verschiedenen Geschlechter und die Abkehr vom binären Geschlechterdenken.

Aber ihr solltet auch hier eure Wurzeln beachten und überlegen, ob das feministische Dekonstruieren, also ein poststrukturalistischer Feminismus das Richtige für euch ist.

Ihr seid angetreten für Transparenz, für neue Wege, für Aufbrechen des Politikbetriebes. Ihr seid eine Schar junger Menschen, hauptsächlich Männer, die zum Großteil in technischen Bereichen anzusiedeln sind. Ihr seid sachlich denke Personen, die gerne Vorgängen auf den Grund gehen. Ihr seid zu einem nicht geringen Teil Nerds.

Warum wendet ihr das nicht auch auf den Genderbereich an?

Laßt euch nicht vom unwissenschaftlichen Genderfeminismus einwickeln und hinterfragt seine Grundlagen. Sie sind einfacher zu hinterfragen als ihr denkt.

Nehmt die Privilegientheorien. Kritik läßt sich, wie diese beiden Artikel „Kritik: „Männer sind privilegiert“  und Männliche Privilegien, weibliche Privilegien und wohlwollender Sexismus zeigen, recht schnell vorbringen.

Nehmt die Konstruktion der Geschlechter durch die Gesellschaft. Der zugrundeliegende Poststrukturalismus ist nicht eure Denkweise. Ihr denkt in Fakten, nicht in Beliebigkeiten. Ihr seht, dass E=mc2 keine sexistische Gleichung ist und wenn ihr euch die Argumente anschaut, die gegen diese Theorien sprechen, dann werdet ihr sehen, dass sie die wesentlichen Fragen nicht beantworten kann.

Warum soll alles konstruiert sein, wenn wir Wesen sind die langsam durch Evolution entstanden sind und wir ganz klassisch in das Schema passen, dass sich auch bei anderen Säugetieren und Primaten findet? Was ist überhaupt der Beleg dafür, dass alles konstruiert ist? Wie kann die genderfeministische Theorie die Zwillingsexperimente erklären, wie den Zusammenhang von Transsexualität mit Hormonrezeptoren?

Nerds sind nicht dafür bekannt, soziale Ansichten nachzubeten. Sie sind dafür bekannt logisch an eine Sache heranzugehen und sie im Detail auseinanderzunehmen. Diese Möglichkeit bietet euch die normale Foschung im Geschlechterbereich.

Die logischen Abwägungen der Sexual Strategies Theory sind nerdy, die abstrakte Betrachung von Schönheit als Attraktivitätsmerkmale ist nerdy, die Nachweise für die Red Queen Theory über Zwitterfische und ihre Geschlechterwahl ist nerdy.

Wer wäre ein besserer Beleg als Sheldon Cooper selbst:

Sheldon Cooper: New topic. Where are you in your menstrual cycle?

Penny: What?

Sheldon Cooper: I’ve been doing some research online, and apparently female primates, you know, uh… Apes, chimpanzees, you… They find their mate more desirable when he’s being courted by another female. Now, this effect is intensified when the rival female is secreting the pheromones associated with ovulation. Which brings me back to my question, where are you in…?

[Penny slams the door in his face]

Sheldon Cooper: Clearly, I’m 14 days too early

Die meisten von euch werden eh eher Dawkins lesen als Butler. Ihr müßt euch nur bewußt machen, wie sehr sich die beiden widersprechen.

Auch die Sokal-Affäre sollte euch näher sein als der Poststrukturalismus. Ihr glaubt nicht, dass der Mond der Hintern einer dicken Frau ist und würdet auch insoweit nicht auf eine Diskursanalyse, sondern auf Wissenschaft verlassen.

Es ist Zeit den Genderfeminismus mit spockscher Logik zu betrachten und festzustellen, dass er keine Grundlage hat und gegen wissenschaftliche moderne Feststellungen verstößt. Und das dann auch darzulegen.

Ihr seid in vielen Fällen genau der Nachweis, dass Männer nicht privilegiert sind. Weil Nerds genug gesellschaftliche Ausgrenzung erfahren und die Vorteile von Frauen in der Gesellschaft nur zu deutlich wahrnehmen. Weil ihr die Friendzone kennt. Lasst euch nicht einlullen von unlogischen Betrachtungen über Geschlechter.

Und keine Angst, das bedeutet nicht, dass ihr ein veraltetes Frauenbild vertreten müßt. Lasst euch keine Strohmänner entgegen stellen, die Biologie ist bezüglich der Einzelperson nicht festgelegt und flexibel.

Lasst euch euren Postgenderansatz nicht ausreden: Sein lassen ist ein guter Weg um den Geschlechtern gerecht zu werden, während verzweifelte Quoten nur zu Ungerechtigkeiten führen.

Fragt euren Kegelclub nach den Grundlagen, die üblicherweise nicht mehr behandelt werden dürfen. Fragt sie nach männlichen und weiblichen Privilegien, danach wie Sprache so allmächtig werden kann, fragt sie zur Wissenschaftsfeindlichkeit ihrer Theorien, fragt sie was eigentlich die Kernargumente sind, mit denen Butler ihre Ansicht begründet. Fragt sie, wie die Queertheorie mit sexueller Selektion vereinbar ist.

Ihr seid eine Partei der Hinterfragung und der Transparenz. Lasst nicht zu, dass auch bei euch einfach „Biologismus“ gerufen wird um eine Ideologie abzusichern!

Wer gegen die Auswirkungen verschiedener Spielarten des Feminismus ist, insbesondere den Genderfeminismus, der ist nicht frauenfeindlich. Haltet diesen Ausführungen lieber den Equityfeminismus entgegen, der für Gleichberechtigung ist, aber nicht für krampfhafte Gleichstellung über alle Unterschiede hinweg.

Er ist besser mit eurem Postgenderansatz vereinbar.

Beste Grüße

Christian

Steven Pinker zu Dekonstruktivismus, Gender Studies und Postmodernismus

Weil mich Khaos.Kind bei Onyx fragte, wo eigentlich gesagt wird, dass sich Biologie und (bestimmte Richtungen innerhalb der ) Soziologie widersprechen, habe ich noch mal etwas rumgelesen und dazu unter anderem diese Stelle bei Steven Pinkers „The Blank Slate“ gefunden:

According to the relativistic wisdom prevailing in much of academia today, reality is socially constructed by the use of language, stereotypes, and media images. The idea that people have access to facts about the world is naïve, say the proponents of social constructionism, science studies, cultural studies, critical theory, postmodernism, and deconstructionism. In their view, observations are always infected by theories, and theories are saturated with ideology and political doctrines, so anyone who claims to have the facts or know the truth is just trying to exert power over everyone else. Relativism is entwined with the doctrine of the Blank Slate in two ways. One is that relativists have a penny-pinching theory of psychology in which the mind has no mechanisms designed to grasp reality; all it can do is passively download words, images, and stereotypes from the surrounding culture. The other is the relativists’ attitude toward science. Most scientists regard their work as an extension of our everyday ability to figure out what is out there and how things work. Telescopes and microscopes amplify the visual system; theories formalize our hunches about cause and effect; experiments refine our drive to gather evidence about events we cannot witness directly. Relativist movements agree that science is perception and cognition writ large, but they draw the opposite conclusion: that scientists, like laypeople, are unequipped to grasp an objective reality. Instead, their advocates say, “Western science is only one way of describing reality, nature, and the way things work — a very effective way, certainly, for the production of goods and profits, but unsatisfactory in most other respects. It is an imperialist arrogance which ignores the sciences and insights of most other cultures and times.” Nowhere is this more significant than in the scientific study of politically charged topics such as race, gender, violence, and social organization. Appealing to “facts” or “the truth” in connection with these topics is just a ruse, the relativists say, because there is no “truth” in the sense of an objective yardstick independent of cultural and political presuppositions.

Gender Mainstreaming

Der Begriff Gender Mainstreaming bedeutet laut Wikipedia

den Versuch die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen.

Gender-Mainstreaming soll dabei im Gegensatz zu Frauenpolitik beide Geschlechter berücksichtigen.

Eine andere Definition an gleicher Stelle meint, dass unter Mainstreaming #

der Versuch zu verstehen ist, benachteiligte bzw. Randgruppen in die Mitte der Gesellschaft (Mainstream) zu bringen.

Auch der nächste Satz ist bezeichnend:

„Davon ausgehend, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt, ist Gender Mainstreaming nach dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend der Bundesrepublik Deutschland (2004) ein Auftrag an die Spitze einer Verwaltung, einer Organisation, eines Unternehmens und an alle Beschäftigten, die unterschiedlichen Interessen und Lebenssituationen von Frauen und Männern in er Struktur, in der Gestaltung von Prozessen und Arbeitsabläufen, in den Ergebnissen und Produkten, in der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und in der Steuerung (Controlling) von vorneherein zu berücksichtigen und das Ziel der Gleichstellung von Frauen und Männern effektiv verwirklichen zu können.

Die Methoden sind dabei die Folgenden

  • Aufstellung geschlechtsspezifischer Statistiken
  • Kosten-Nutzen-Analysen nach Geschlecht und Geschlechterrollen
  • Erarbeitung von Gender-Analysen
  • Checklisten
  • Die 3-R-Methode. Unter den drei Kategorien Repräsentation, Ressourcen und Realität wird jede politische Maßnahme geprüft.
  • Das Gleichstellungs-Controlling als betriebswirtschaftliches Instrument des Gender-Mainstreaming

Vieles daran klingt ja grundsätzlich nicht schlecht. Es klingt aber leider sehr nach Umsetzung eines  Poststrukturalismus.

Dies zeigt sich bereits daran, dass es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit geben soll, was ein klassischer Gedanke des „Doing Gender“ und der Konstruktion der Geschlechterrollen ist. Das ist aber nur sehr eingeschränkt richtig. Über den Schnitt der Männer und Frauen betrachtet gibt es durchaus eine geschelchtsneutrale Wirklichkeit.

Es ist bedauerlich, dass innerhalb der Methoden kein eigener Punkt enthalten ist, der sich darauf richtet, Erklärungen auch in biologischer Hinsicht für bestimmte Bereiche zu finden und dann nicht auf eine Gleichstellung ausgerichtet zu sein, sondern auf die Beseitigung von Diskriminierungen.

Frauen sind in der Mitte der Gesellschaft. Nur eben auf ihre Weise. Und Männer sind ebenso in der Mitte der Gesellschaft . Auch auf ihre Weise.

Einfach darauf abzustellen, dass man künstlich eine 50% Männer, 50% Frauen Verteilung in jedem Bereich erzwingen kann bringt nichts.

 

Geschlechtsumwandlung und die Finanzierung über die Krankenkasse

Ich lese gerade Judith Butlers „Undoing Gender„. Das Buch behandelt in einzelnen Kapiteln relativ unabhängig voneinander bestimmte Themen, in einem eben auch die Frage, ob und unter welchen Bedingungen die Kosten einer Geschlechtsumwandlung über eine Krankenkasse übernommen werden sollen.

Dabei kritisiert Butler, dass dies von psychologischen Tests abhängig gemacht wird, die bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse voraussetzen und nicht der freien Entscheidung des Einzelnen überlassen wird.

Die Regelungen, die Butler bespricht, stellen eher auf die hier vertretene Auffassung ab, dass Transsexualität ein gewisser biologischer Zustand und keine bewußte, rationale Entscheidung ist. Demnach wird die Kostenübernahme davon abhängig gemacht, dass man über Gutachten nachweist, dass man „tatsächlich“ Transsexuel ist und nicht lediglich unabhängig von einer Transsexualität seinen Phänotyp ändern will.

Butler stellt hingegen darauf ab, dass Geschlecht ohnehin eine Konstruktion ist, die gesellschaftlich errichtet wird und daher die Zuordnung innerhalb der vorgesehenen Testsvon vorneherein eine Farce sein muss. Sie kritisiert, dass man sich auf solche Tests vorbereiten kann und muß um die richtigen Antworten geben zu können und damit diese Tests zu einer Performance um bestimmte Geschlechterrollen werden.

Statt dessen solle man eben einfach den Hausarzt und den Patienten entscheiden lassen, ob die Operation das Richtige für den- oder diejenige ist, ohne es von weiteren Kritieren abhängig zu machen.

Dabei führt sie als Beispiel die Entscheidung einer Brustkrebspatientin an, bei der eine Patientin alles versucht, um ihre Brüste zu retten, während eine andere (in ihrem Beispiel eine männlichere Lebse) gleich beide Brüste abnehmen läßt und diese nicht vermisst.

Des weiteren führt sie an, dass es unfair wäre, dass armen Menschen eine Entscheidung verbaut sei, die reiche Menschen treffen könnten.

Meiner Meinung nach trennt Butler nicht hinreichend gründlich zwischen den beiden hier bestehenden Ebenen

  • Dem Wunsch seinen Körper umzugestalten
  • der Pflicht der Allgemeinheit die Kosten für die Erfüllung dieses Wunsches zu übernehmen

Der Wunsch seinen Körper umzugestalten und diesen seiner eigenen Wahrnehmung des Ichs anzupassen ist legitim und solange er aus eigenem Geldbeutel bezahlt wird, mag jeder machen, was er will. Es spielt insofern keine Rolle, ob er dies aufgrund tatsächlicher biologischer Unterschiede, etwa der Testosteronrezeptoren will oder einfach weil er meint, dass er seinen Privilegien als Mann dadurch besser entfliehen kann und nicht länger an der Unterdrückung der Frauen arbeiten will / deren Schmerzen auf sich nehmen und mit ihnen leiden will.

Menschen haben das Recht mit ihrem Körper anzustellen, was sie wollen, solange sie damit nicht andere Personen belasten. Selbstmord oder Verstümmelungen sind zulässige Entscheidungen, wobei solche Taten allerdings immer die Gefahr mit sich bringen, dass der eigene Willensentschluss nicht frei ist, sondern auf anderen Umständen beruht, die man nicht mehr in der Hand zu haben meint oder schlicht auf Depressionen etc, die natürlich einen biologischen Ursprung haben können.

Natürlich sollte hierunter auch das Recht fallen, seinen Körper anzupassen, wenn gleich ich ebenso der Auffassung bin, dass man sich eine solche Entscheidung gut und reiflich überlegen sollte. Und auch die Ärzte , die eine solche Behandlung tuen gut daran. die Entscheidung ihres potentiellen Kunden auf Ernsthaftigkeit und Freiheit in der Willensbildung zu hinterfragen, da die Folgen sicherlich gravierend sind und die Operation sehr umgreifend.

Davon unberührt ist aber die Frage, wer die Rechnung zahlt. Hier macht es sich Butler mit ihrem „Man sollte die Entscheidung akzeptieren“ doch recht einfach und geht meiner Meinung nach auch einem klassischen Fehlschluß auf dem Leim, der darin besteht, dass es egal ist, was die Krankenkassen zahlen. Krankenkassen sind – das sollte man sich immer wieder vor Augen halten – eine wunderbare Einrichtung der menschlichen Zivilisation, bei der letztendlich ein Solidarpakt zwischen Fremden geschlossen wird, die jeweiligen Kosten einer Krankheitsbehandlung gegenseitig zu übernehmen. Der Wert dieser Vereinbarung fällt uns nicht mehr auf, weil wir die Krankenkassen nicht mehr als solche wahrnehmen, sondern lediglich noch als Institution, die anscheinend unbegrenzte Geldmengen verwaltet und der man Leistungen abverlangt. Weil diese Leistungen in gewisser Weise als „COmmon Good“ wahrgenommen werden, als freie Leistung, deren Abruf niemanden schadet, wird auch ein unnötiges Abrufen dieser Leistungen und eine Leistungserschleichung ähnlich wie bei einem anderen Versicherungsbetrug nicht als Tat mit einem großen Unrechtsgehalt wahrgenommen, sondern eher als legitimer Versuch, das Beste für sich herauszuholen.

Der Solidarpakt geht aber nicht generell dahin, dass jede Unzufriedenheit oder jede andere medizinisch lösbare Problemstellung finanziert wird, sondern darin, dass Kosten übernommen werden, die aufgrund eines medizinischen Leidensdruck oder dessen Vorbeugung entstehen abzufangen.

Die Abgrenzung ist sicherlich im Einzelfall schwierig, aber es ist dennoch notwendig sie vorzunehmen.

Bei weniger politischen Themen werden dies die meisten auch einsehen:

Ein Popidol verliert bei einem Unfall seinen rechten Arm. Fan A erklärt, dass es für ihn schlichtweg unerträglich ist, in einer Welt zu Leben, in der Popidol einen Arm hat, A aber 2 Arme. Jedesmal wenn er auf seinen Arm schaue fühle er die Ungerechtigkeit der Welt und es entstehe ein erheblicher Leidensdruck. Er wolle selbst einarmig sein, aus Solidarität mit dem Popidol.

Wir würden wohl eher demonstrieren, wenn die Krankenkasse diese Entscheidung akzeptieren würde und die Kosten übernehmen würde. Hingegen würde es wir es selbstverständlich finden, dass die Kosten einer Amputation übernommen werden, wenn jemand eine Krankheit hat, die von seinem Arm auf den Rest des Körpers überzugreifen droht und dies ein sicherer Weg wäre, die Krankheit zu stoppen, selbst wenn nicht erwiesen ist, dass diese Krankheit tatsächlich übergreift.

Einer Frau mit extremen Rückenschmerzen eine Brustverkleinerung zu finanzieren ist etwas anderes als einer Frau mit kleinen Brüsten eine Brustvergrößerung zu finanzieren.

Ähnliches muss meiner Meinung nach auch bei einer Geschlechtsumwandlung gelten. Wenn die Person „biologisch-medizinisch“ Transsexuell ist, dann stammt ihr Wunsch, eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen aus einer Diskrepanz zwischen ihrem Phänotyp und dem Gehirngeschlecht sowie evt dem gesamten Körperempfinden über einen Bodyplan. Das Unwohlsein, dass aus dieser Mischung entsteht, hat hier eine Ursache in der Biologie, was eine Umlage der Kosten rechtfertigen kann.

Natürlich könnte man dem entgegen halten, dass der eigentliche Leidensdruck nicht durch die Biologie entsteht, sondern dadurch, dass die Gesellschaft ein Verhalten, das als Abweichung des für den Phänotyp typischen Verhaltens wahrgenommen wird, nicht akzeptiert. Insofern wäre hier ein starkes Kulturanteil gegeben. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass diese kulturellen Wahrnehmungen der Abweichung darauf beruhen, dass Männer und Frauen im Schnitt tatsächlich anders sind und daher das Verhalten so auffällig ist, gerade weil unsere Biologie darauf ausgerichtet ist, solche Unterschiede festzustellen, dann halte ich eine Kostenübernahme in diesem Bereich für vertretbar.

Fehlen hingegen die Grundlagen und die Person mit dem Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung rechtfertigt dies rein philosophisch oder poslitisch, dann wäre diese Person meiner Meinung nach darauf zu verweisen, dass ihm diese Entscheidung natürlich freisteht, aber sie dann die Kosten hierfür selbst übernehmen muss. Das Politische ist in dieser Hinsicht eben privat.

Natürlich kann man darüber streiten, ob die Tests, die gegenwärtig verlangt werden, dieser Abgrenzung gerecht werden oder zu hart angesetzt sind. Allerdings ist es eben medizinisch ein besonderer Fall, mit besonderen Kosten, der nur schwer mit Fakten zu belegen ist. Wir können eben leider bzw. glücklicherweise noch nicht in die Köpfe der Menschen gucken. Verständlich finde ich es daher, dass diese Entscheidung nicht einem Hausarzt überlassen wird, der üblicherweise nicht die hinreichende Fähigkeit und Neutralität hat um ein auch aus Sicht der Solidargemeinschaft Krankenkasse neutrales Fachgutachten zu erstellen.

Wenn dies dazu führt, dass man sich auf Tests vorbereiten kann und dabei auch bestimmte Fragen einstudieren kann, dann ist dies nicht ein Fehler des Systems, sondern eine schlichte Täuschungshandlung und Versicherungsbetrug (wenn man durch falsche Angaben einen nicht bestehenden Zustand vortäuscht um Versicherungsleistungen zu erhalten, auf die man sonst keinen Anspruch hat). Das man in Tests betrügen kann rechtfertigt nicht den Verzicht auf Tests. Das Butler diese Diskrepanz nicht wahrnimmt folgt eben aus dem Problem, dass Versicherungsleistungen abstrakt wahrgenommen werden und daher keine Schädigung vermutet wird.

Im übrigen werden damit auch die Transsexuellen geschädigt, die eine Leistung erhalten würden, da das vorbereiten auf die Tests zwangsläufig deren Schwierigkeit erhöht, weil die Testenden davon ausgehen müssen, dass eine solche Vorbereitung erfolgt ist und daher Antworten kritischer hinterfragen müssen. Aber auch hier ist sich natürlich jeder selbst der Nächste.

Hinzukommt, dass bei einer rein politischen oder auf Wünschen basierenden Geschlechtsumwandlung das Risiko einer wiederholten Geschlechtsumwandlung mit den darauf folgenden Kosten nicht auszuschließen ist

Insgesamt erscheint es mir daher gerechtfertigt, dass Geschlechtsumwandlungen dann finanziert werden, wenn gutachterlich bestätigt wird, dass eine „tatsächliche Transsexualität“ vorliegt. So kann sowohl den Interessen der Transsexuellen als auch den Interessen der Transsexuellen Rechnung getragen werden. Die Ausgestaltung im einzelnen und die Anforderungen an die Transsexualität mögen dabei diskutabel sein.