Leszek zu „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“

Leszek schreibt in einem Kommentar:

Ich mache mir gerade ein paar Gedanken zum Thema „Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus“.

Das Resultat eines ersten kleinen Brainstormings (nach längerer Recherche zum Thema) kann unten gelesen werden. Über Ergänzungen würde ich mich freuen.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass man – wenn man eine wissenschaftlich fundierte kritische Analyse des Poststrukturalismus anstrebt – m.E. zwischen dem ursprünglichen französischen Poststrukturalismus (der noch nicht politisch korrekt war) und dem späteren US-amerikanischen Poststrukturalismus/Postmodernismus, der die postmoderne Political Correctness hervorgebracht hat, unterscheiden muss.

Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus halte ich für eine autoritäre Ideologie, die man ruhig neben Faschismus, Stalinismus und Neoliberalismus stellen kann.

Hingegen sehe ich beim ursprünglichen französischen Poststrukturalismus, der noch antiautoritär motiviert und nicht politisch korrekt war, durchaus auch originelle Erkenntnisse und zu bewahrende Teilwahrheiten.
Diese Teilwahrheiten werden aber falsch, wenn sie maßlos aufgebläht und überdehnt werden.

Zum Teil finden sich kritikwürdige Übertreibungen bereits in unterschiedlichen Ausprägungen bei den französischen Poststrukturalisten, zum Teil haben sie dies aber in späteren Phasen ihres Werkes selbst erkannt und diese Übertreibungen mehr oder weniger stark abgeschwächt und relativiert. Insofern lässt sich diesbezüglich von einem unreiferen und reiferen Poststrukturalismus sprechen.

Im Zuge jener einseitigen, selektiven und dogmatischen US-amerikanischen Rezeption des französischen Poststrukturalismus, aus der die postmoderne Political Correctness hervorging, wurden mehrere solche Fehler und Übertreibungen, wo vorhanden, hingegen fröhlich übernommen und anstatt sie abzuschwächen wurden sie z.T. weiter aufgebläht. Dies hat m.E. leider einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass aus dem ursprünglich antiautoritär motivierten französischen Poststrukturalismus in den USA eine autoritäre Ideologie gebastelt wurde, die heute – gefördert von neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten und ihren gekauften politischen Handlangern in verschiedenen politischen Parteien – dazu instrumentalisiert wird eine Teile-und Herrsche-Politik zu betreiben, die politische Linke mit Blödsinn zu zersetzen und als ernsthaften Gegenspieler der herrschenden Eliten lahmzulegen und einen autoritären Staatsumbau voranzutreiben:

Gastartikel: Nutzt die postmoderne Political Correctness den neoliberalen ökonomischen Herrschaftseliten?

Insofern dient eine Analyse der Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus u.a. zwei unterschiedlichen Zwecken:

– Die Teilwahrheiten des ursprünglichen französischen Poststrukturalismus bewahren.

und

– Den in den USA entstandenen politisch korrekten Poststrukturalismus/Postmodernismus – also die postmoderne Political Correctness – fundiert kritisch zu analysieren, um sie umso wirksamer zurückschlagen zu können.

Trennen wir also beim Poststrukturalismus die Spreu vom Weizen.
Im Folgenden geht es um allgemeine, verbreitete theoretische Grundlagen poststrukturalistischen Denkens, nicht um einzelne poststrukturalistische Denker im Besonderen. Außerdem wurde aus Gründen der Einfachheit die Form einer idealtypischen Gegenüberstellung gewählt, in der Realität finden sich natürlich auch viele graduelle Ausprägungen irgendwo dazwischen.

Hier meine ersten kurzen stichwortartigen Reflektionen zum Thema. Ergänzungen sind willkommen.

Teilwahrheiten und Fehler des Poststrukturalismus/Postmodernismus

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.

Übertreibung:

– Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.

Übertreibung:

– Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.

Übertreibung:

– Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.

Übertreibung:

– Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.

Teilwahrheit:

– Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.

Übertreibung:

– Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.

Teilwahrheit:

– Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.

Übertreibung:

– Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.

Teilwahrheit:

– Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibung:

– Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Soweit erstmal.

Wie man sieht, sind die (in meinen Augen) Übertreibungen und Fehler des Poststrukturalismus relativ trivial und es ist keineswegs besonders schwer sie zu analysieren und von den Teilwahrheiten abzugrenzen.
Die Trivialität der ersten Ergebnisse meiner Analyse ist aber pragmatisch betrachtet durchaus ein Vorteil. Umso leichter kann es nämlich in gut begründeten Argumentationen vermittelt werden.

Anmerkungen:

Etwas anders geordnet ergibt das:

Teilwahrheiten:

  •  Erkenntnis der Relevanz von Interpretation für das Verstehen der Wirklichkeit. Die Welt kann nicht durch empirische Forschung allein erschlossen und verstanden werden, manche Dinge können nur durch Interpretation verstanden werden. Selbst bei empirisch zu erforschenden Dingen kann es u.U. sozial konstruierte Anteile geben, die man mitreflektieren muss.
  • Erkenntnis, dass Bedeutungen kontextabhängig sind und nicht endgültig festgelegt werden können.
  • Erkenntnis des Wertes der Vielfalt von Perspektiven.
  • Erkenntnis, dass allgemeine Prinzipen und auf Synthese ausgerichtetes Denken stets ein Risiko beinhalten, das Einzelne, Besondere, Partikulare nicht angemessen zu berücksichtigen und dies ungerechte Ausschlüsse und Diskriminierung begünstigen kann.
  • Erkenntnis der Relevanz sprachlicher und kulturell-diskursiver Hintergrundkontexte für das Erleben und Verhalten des Menschen und für geisteswissenschaftliche Analysen zu bestimmten Fragen.
  • Wichtige Beiträge zu soziologischen Konflikttheorien: Klare Erkenntnis des konflikthaften, antagonistischen Aspekts des Sozialen, der niemals ganz zu befrieden ist, niemals völlig in einen Konsens aufgelöst werden kann. Macht-Konflikte durchziehen bis zu einem gewissen Grad alle gesellschaftlichen Bereiche und die Konflikte währen ewig, eine weitgehend konfliktfreie, harmonische Gesellschaft ist nicht zu erreichen.
  • Entwicklung von geisteswissenschaftlichen Methoden, die sich für bestimmte Fragestellungen und Erkenntnisinteressen bewährt haben (Diskursanalyse, Dekonstruktion, genealogische Analyse).

Übertreibungen:

  •  Die Annahme, es gebe keine soziale Wirklichkeit außerhalb von Interpretationen und diskursiv-kulturellen sozialen Konstruktionen. Die ganze Welt (oder zumindest die ganze soziale Welt) sei quasi wie ein Text. Daraus folgt eine irrationale Geringschätzung empirisch-wissenschaftlicher Forschung.
  • Verweigerung klarer Definitionen, Leugnung der Sinnhaftigkeit von zeitweiligen und kontextuellen Festlegungen von Bedeutungen.
  • Verzicht auf qualitative Unterscheidungen zwischen Perspektiven: alles soll gleichermaßen gültig sein. Das führt zu Wahrheitsrelativismus, Moralrelativismus, Kulturrelativismus und ähnlichem Irrsinn.
  • Verzicht auf allgemeine Prinzipien und auf Synthese ausgerichtetes Denken, das Resultat kann dann leider nur gedankliche Zersplitterung, das Fehlen von begründeten Maßstäben für Gerechtigkeit und die Produktion anderer ungerechter Ausschlüsse sein.
  • Die bedeutungsgenerierende Kraft kultureller Diskurse wird zum absolut zentralen Einflussfaktor auf das Erleben und Verhalten von Menschen überhöht, alle anderen soziologischen, psychologischen und biologischen Einflüsse werden massiv unterschätzt – es kommt zu einer Variante von Theorien des „Fanatismus eines Faktors“.
  • Das menschliche Streben nach Konsens und Kooperation wird in ihrer Bedeutung für das Zusammenleben von Menschen im Poststrukturalismus z.T. zu gering gewichtet, die Machtperspektive wird z.T. stark übertrieben.
    U.a. gerade weil die menschliche Sozialität einen konflikthaften und antagonistischen Aspekt enthält, der niemals völlig aufgelöst werden kann, ist außerdem die Sublimierung, Einhegung und konstruktive Kanalisierung dieser konflikthaften Tendenzen wichtig. Auch wenn jeder gesellschaftliche Konsens immer nur teilweise und vorläufig ist, sichert das Streben nach Kompromiss und Konsens doch ein funktionierendes Zusammenleben.
  • Anwendung von poststrukturalistischen Methoden außerhalb ihres Geltungsbereichs. Werden Diskursanalyse, Dekonstruktion und genealogische Analyse auf empirisch-wissenschaftlich zu behandelnde Fragen angewendet, dann produzieren sie schnell Unsinn.
    Eine Diskursanalyse kann z.B. gut dafür geeignet sein, um die Konstruktion von Bedeutungen in Texten zu analysieren, aber sie kann uns z.B. nichts wissenschaftlich Gesichertes darüber sagen, ob und inwieweit durchschnittliche psychologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern von sozialen Einflüssen oder genetischen Dispositionen verursacht werden, denn das ist eine Frage, die in den Geltungsbereich empirisch-wissenschaftlicher Methoden fällt.

Die Aufteilung in „Teilwahrheiten“ kann aus meiner Sicht dabei helfen, dass man den Aufbau der Theorie und wo sie herkommt besser versteht. Aber es macht die Theorie nicht „teilweise richtig“, sofern man sie nicht auf diese „Teilwahrheiten“ reduzieren kann. Sie bleibt dann insgesamt falsch.

Insofern mag es versöhnlich klingen, wenn man „Teilwahrheiten“ sucht, tatsächlich muss man aber letztendlich den Poststrukturalismus als Theorie schlicht verwerfen und allenfalls schauen, ob die Aspekte, die man als zutreffend ansieht, auch in besseren Theorien berücksichtigt werden.

Wenn man mit „Teilwahrheiten“ und „Übertreibungen“ als Untersuchungskriterien arbeitet, dann sollte man insofern vielleicht noch „Reduzierbarkeit“ hinzunehmen um zu überprüfen, was von der ganzen Theorie übrig bleibt. ich vermute, dass da letztendlich nicht viel übrig bleibt.

 

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1984 und Poststrukturalismus

Wieder mal eine interessante Stelle aus Steven Pinkers „The Blank Slate“ (S. 364):

Nineteen Eighty-four was unforgettable literature, not just a political screed, because of the way Orwell thought through the details of how his society would work. Every component of the nightmare interlocked with the others to form a rich and credible whole: the omnipresent government, the eternal war with shifting enemies, the totalitarian control of the media and private life, the Newspeak language, the constant threat of personal betrayal.

Less widely known is that the regime had a well-articulated philosophy. It is explained to Winston Smith in the harrowing sequence in which he is strapped to a table and alternately tortured and lectured by the government agent O’Brien. The philosophy of the regime is thoroughly postmodernist, O’Brien explains (without, of course, using the word). When Winston objects that the Party cannot realize its slogan, ―Who controls the past controls the future; who controls the present controls the past, O’Brien replies:

You believe that reality is something objective, external, existing in its own right. You also believe that the nature of reality is self-evident. When you delude yourself into thinking that you see something, you assume that everyone else sees the same thing as you. But I tell you, Winston, that reality is not external. Reality exists in the human mind, and nowhere else. Not in the individual mind, which can make mistakes, and in any case soon perishes; only in the mind of the Party, which is collective and immortal.

In der Tat ist das Regime nutzt das Regime postmoderne Ansätze: Es gibt keine Realität, es gibt nur die Macht etwas darzustellen und wer die Darstellung beherrscht, der beherrscht das Volk. Ähnlich wie das Regime in 1984 scheint mir der Feminismus die Welt zu sehen: Die Männer haben das Patriarchat bzw. die hegemoniale Männlichkeit geschaffen, die nun die Geschichte und das Denken der Menschen formt, indem zB weibliche Beiträge zur Weltgeschichte ausradiert werden, weswegen eine „Herstory“ entwickelt werden muss. Sie selbst sehen sich dann als die Guten, die diese Beiträge wieder ans Licht bringen und merken dabei (vielleicht) gar nicht, dass sie selbst diejenigen sind, die eine Welt schaffen, die ungerecht ist, in der Männer an Allem schuld sind und in der sie mit einfachen Gut-Böse-Schemata agieren.

O’Brien admits that for certain purposes, such as navigating the ocean, it is useful to assume that the Earth goes around the sun and that there are stars in distant galaxies. But, he continues, the Party could also use alternative astronomies in which the sun goes around the Earth and the stars are bits of fire a few kilometers away. And though O’Brien does not explain it in this scene, Newspeak is the ultimate ―prisonhouse of language,‖ a ―language that thinks man and his ‗world.’‖

Auch hier erkennt man gut den poststrukturalistischen Ansatz und es wird deutlich, dass er sich in jede Richtung einsetzen lässt und das insofern eine rein konstruierte Welt auch immer eine sehr gefährliche Welt ist, weil sie jedes korrektiv aufgeben muss.

O’Brien’s lecture should give pause to the advocates of postmodernism. It is ironic that a philosophy that prides itself on deconstructing the accoutrements of power should embrace a relativism that makes challenges to power impossible, because it denies that there are objective benchmarks against which the deceptions of the powerful can be evaluated. For the same reason, the passages should give pause to radical scientists who insist that other scientists‘ aspirations to theories with objective reality (including theories about human nature) are really weapons to preserve the interests of the dominant class, gender, and race. Without a notion of objective truth, intellectual life degenerates into a struggle of who can best exercise the raw force to ―control the past.‖

Das Dilemma des Poststrukturalismus: „Alles ist Macht und alles ist konstruiert, aber wir dekonstruieren so, dass es gerecht ist“ ist ein quasi nicht zu erfüllender Ansatz, weil Gerechtigkeit selbst in dem Moment eine Konstruktion ist, die einer bestimmten Ansicht folgt

A second precept of the Party’s philosophy is the doctrine of the super-organism:

Can you not understand, Winston, that the individual is only a cell? The weariness of the cell is the vigor of the organism. Do you die when you cut your fingernails?

The doctrine that a collectivity (a culture, a society, a class, a gender) is a living thing with its own interests and belief system lies behind Marxist political philosophies and the social science tradition begun by Durkheim. Orwell is showing its dark side: the dismissal of the individual — the only entity that literally feels pleasure and pain — as a mere component that exists to further the interests of the whole. The sedition of Winston and his lover Julia began in the pursuit of simple human pleasures — sugar and coffee, white writing paper, private conversation, affectionate lovemaking. O’Brien makes it clear that such individualism will not be tolerated: ―There will be no loyalty, except loyalty to the Party. There will be no love, except the love of Big Brother.

Dass Individuum geht in einem kollektivistischen Ansatz eben immer unter, so sehr der Feminismus auch versucht das Individuum in dem Klassenansatz wieder hervorzuheben: Letztendlich wird insbesondere der „Feind“ als Kollektiv gesehen, weswegen alle Männer Privilegien haben und alle Weißen ebenso. Eine Differenzierung innerhalb dieser Kategorien, ein Aufweichen des Gut-Böse-Schemas ist nicht vorgesehen: Männer oder Weiße können nicht diskriminiert werden, müssen also in der Gruppe der Bösen bleiben und können nur mit beständigen Ablassbitten – dem Hinterfragen dieser Gruppenprivilegien – kurzzeitig Individuum werden-

The Party also believes that emotional ties to family and friends are ―habits‖ that get in the way of a smoothly functioning society:

Already we are breaking down the habits of thought that have survived from before the Revolution. We have cut the links between child and parent, and between man and man, and between man and woman. No one dares trust a wife or a child or a friend any longer. But in the future there will be no wives and no friends. Children will be taken from their mothers at birth, as one takes eggs from a hen. The sex instinct will be eradicated…. There will be no distinction between beauty and ugliness.

„Alles ist Normal, nichts besonders“ wäre ja auch der Leitsatz des Feminismus. Das Geschlechterrollen biologische Grundlagen haben ist dann nur eine soziale Konstruktion, auch wenn alle wissenschaftlichen Belege dafür sprechen. Diese werden schlicht auch zu Konstruktionen erklärt.

It is hard to read the passage and not think of the current enthusiasm for proposals in which enlightened mandarins would reengineer childrearing, the arts, and the relationship between the sexes in an effort to build a better society.

Dystopian novels, of course, work by grotesque exaggeration. Any idea can be made to look terrifying in caricature, even if it is reasonable in moderation. I do not mean to imply that a concern with the interests of society or in improving human relationships is a step toward totalitarianism. But satire can show how popular ideologies may have forgotten downsides — in this case, how the notion that language, thought, and emotions are social conventions creates an opening for social engineers to try to reform them. Once we become aware of the downsides, we no longer have to treat the ideologies as sacred cows to which factual discoveries must be subordinated.

Hier liegt in der Tat ein Ansatz für Kritik: die Nachteile eines solchen Ansatzes und dessen Unvereinbarkeit mit anderweitiger Forschung müssen eben bekannter werden.

Grundannahmen und Voraussetzungen der Gender Studies

In einem Artikel stellt Marion Detjen vier Grundannahmen und Voraussetzungen der Gender Studies dar:

Erstens: Die Verhältnisse, in denen wir Menschen leben (vielleicht auch Delfine, Hunde und Schimpansen?), also auch die Geschlechterverhältnisse, also auch unsere geschlechtlichen Identitäten, also auch der Sex, sind sozial konstruiert, und das heißt nicht, dass Gene, Fortpflanzungsorgane, Hormone und sonstige Materialitäten keine Rolle spielen würden, sondern nur, dass sie alleine nichts zwangsläufig festlegen und erst durch sozialen Umgang für die geschlechtliche Identität, für den Sex und die Geschlechterverhältnisse relevant werden.

Die Definition von „Sozial konstruiert“ ist interessant. Ich halte sie für einen Strohmann, denn in keinem Text aus dem Gender Feminismus spielen Hormone, Gene oder sonstige Materialitäten abgesehen davon Abgrenzungskriterien zu bieten, eine Rolle. Wer einen Text hat, der diese einbezieht, der kann ihn hier gerne zitieren. Gender Studies geht von einem reinen Sozialkonstruktivismus aus. Natürlich spielt im integrierten Modell das soziale eine Rolle. Es ist als Ausgestaltung der biologischen Grundlage durchaus maßgeblich dafür, wie wir unsere geschlechtliche Identität leben etc. Aber umgekehrt darf man eben auch diese Grundlage auch nicht ausblenden. Diese ist wie das Gelände, auf dem die Stadt gebaut wird und damit auch das spätere Bild und die Bebauungsmöglichkeit mitbestimmt. All dies geht in den Gender Studies unter.

Zweitens: Wenn die Verhältnisse nicht naturwüchsig oder von Gott gegeben, sondern sozial gemacht sind, dann liegt es an uns, uns jenseits der Wissenschaft, aber unter Verwendung ihrer Ergebnisse, darüber zu unterhalten, ob und wie wir sie vielleicht verändern wollen. Es ergeben sich politische Fragen. Und es wäre nett und im Sinne des Grundgesetzes, diese Fragen so zu formulieren und anzugehen, dass die nach wie vor bestehenden, eklatanten vergeschlechtlichten Ungleichgewichte (in der Verteilung der Care-Arbeit, in der Bezahlung, bei der Besetzung von Machtpositionen etc. pp.) beseitigt werden und die Beschwerden auch von kleinen Minderheiten wie den Transsexuellen Gehör und Berücksichtigung finden.

Das wäre aber eben eine Frage des „Wenn“. Diejenigen, die bisher radikale Umgestaltungen versucht haben, etwa das Kibbuz aber auch nur die Eltern von CAH-Mädchen oder diverse David Reimer Experimente sind jedenfalls gescheitert. Und es wäre schön, wenn tatsächlich mal allgemein gefragt würde, wie man etwas will: Die Antwort könnte die Gender Studies überraschen. Denn deren radiakales feministisches Programm wollen glaube ich die wenigsten. Die meisten sind ja durchaus gerne Mann oder Frau, nur ein kleiner Teil kann sich da nicht zuordnen und ist unzufrieden.

Drittens: Wissenschaft funktioniert nach ihren eigenen Regeln. Und trotzdem nicht unabhängig von der Politik. Die Geschlechterforschung, genauso wie die Evolutionsbiologie, genauso wie die Wirtschaftsmathematik und was immer sonst so an unseren Universitäten gelehrt wird – all diese Forschung verdankt ihre Existenz – nicht ihre Ergebnisse – letztlich politischen Entscheidungen und steht in politischen Kontexten, weil irgendjemand sie ja institutionalisieren und finanzieren muss. Deutschlandweit gibt es 15 eigene Lehrstühle für die Geschlechterforschung; für die Sportmedizin beispielsweise gibt es 28 eigene Lehrstühle. Ob und warum nun das eine oder das andere zu viel oder zu wenig ist, darüber kann und soll man reden.

Es geht aus meiner Sicht eher darum, das man, wenn man ein solches Fach einrichtet, was sehr sinnvoll sein kann, dieses dann eben wissenschaftlich machen sollte und nicht als reine Glaubenswissenschaft, in der das Ergebnis bereits feststeht und lediglich noch geschaut wird, wie man Ergebnisse so darstellen kann, dass sie dazu passen. Geschlechterforschung kann so wichtig sein, aber eben nicht als Ideologie.

Viertens: Die Sprache, mit der wir uns ausdrücken, ist ebenfalls kein Naturprodukt, sondern ein Ergebnis sozialer Prozesse. Und leider wurde sie über Jahrtausende so ausgeprägt, dass sie männliche Perspektiven reproduziert, für die das Weibliche das Andere ist, das markiert werden muss, um überhaupt zur Sprache zu kommen. Dieser fundamentale, ja tragische Missstand lässt sich nicht elegant beheben. Die Vorschläge der feministischen Linguistik – das Binnen-I, der Unterstrich, das Sternchen, das x, das generische Femininum – können das Problem nicht lösen, aber machen darauf aufmerksam; sie irritieren, wecken Sensibilität.

Natürlich ist Sprache ein Ergebnis sozialer Prozesse – abgesehen von der Universalgramatik. Ansonsten recht klassische Argumente aus dem Poststruktrualismus. Dort wird die Wirksamkeit der Sprache aus meiner Sicht stark überschätzt und auch hier sprechen viele Studien dagegen. Aber immerhin eine insoweit durchaus passende Darstellung einige Grundlagen.

Der Versuch, mit dem „Antifeminismus“ einen Straftatbestand des Denkens zu etablieren zeigt, wie rasch dem Feminismus die Felle davon geschwommen sind“

In der Cicero wird der Emma-Artikel von Luise Pusch kommentiert. Der wesentliche Rant-Teil:

Feministinnen: Das waren einmal Frauen, die sich sehr für die Sache ihres Geschlechts einsetzten, Frauen, die hartnäckig und mitunter gewitzt und manchmal gelehrt dafür warben, die Hälfte von allem zu bekommen, weil sie nun einmal die Hälfte der Weltbevölkerung stellten. Ich gestehe, dass ich mir bis zuletzt Sympathien für diesen Menschenschlag bewahrt habe. Warum, dachte ich bis zuletzt, sollen kämpferische Frauen sich nicht über alles beschweren, was ihnen der Beschwerde wert erscheint? Feministinnen haben gerade so ein Recht, mir auf die Nerven zu gehen, wie es Veganer, Castingshow-Moderatoren oder Topmodels haben.

Das viele mit einer gewissen Sympathie zum Feminismus starten, die dann bei näherer Beschäftigung verfliegt, ist ja nichts neues. Es ist aus meiner Sicht auch ein gutes Argument dafür, warum man auf konkrete feministische Theorie eingehen sollte und sie entsprechend darstellen sollte: Sie ist leider viel zu unbekannt und das kommt ihr zugute, weil viele eben mit dem gegenwärtig betriebenen Feminismus immer noch ein berechtigtes Einsetzen für Frauenrechte verbinden.

Seit der vergangenen Woche aber ist der Feminismus in seine historische Phase eingetreten. Nur im Museum (und an manchen Universitäten, was manchmal dasselbe ist) können wir ihm künftig begegnen. Er hat sich aus der Gegenwart ebenso entschlossen verabschiedet wie aus dem Raum des Argumentierens und Räsonierens. Er hat nur Ressentiments und Rückzugsgefechte zu bieten. Der mittlerweile berüchtigte, bei der „Emma“ veröffentlichte, Kommentar zur „Germanwings“-Katastrophe und eine Notiz aus der akademischen Welt der Berliner Freien Universität lassen kaum einen Zweifel: Feminismus, das war einmal. Ihn heute noch ernstnehmen, hieße bei den Kelten anfragen, wie man zum Mars gelangt.

 Das ist ja mal eine durchaus positive Sicht der Dinge, wobei das „Rückzugsgefecht“ mir da nicht so klar erscheint. Der Genderfeminismus ist eben auch zu einem gewissen Teil etabliert, mit Gender Studies existiert ein eigener Studiengang, an dem entsprechendes gelehrt wird. Und der Genderfeminismus kann sich auch relativ leicht von dem EMMA-Artikel distanzieren, den die EMMA wird als Vertreterin eines alten Feminismus gesehen, der noch nicht hinreichend Intersektionalismus und Privilegientheorie etc berücksichtigt, der bei Beauvoir stehengeblieben ist, die einen unmittelbareren Kampf der Männer gegen die Frauen sieht, wo der moderne Genderfeminismus einen Kampf gegen gesellschaftliche Regeln sieht, der weiter gefasst ist.

Dass ein solcher Setzkasten-Feminismus, der selbst tragischste Phänomene durch die Brille des Geschlechtermachtkampfes betrachtet, der die Gegenwart also einteilt in Geländegewinne und Geländeverluste, dieser Gegenwart keine Fingerzeige geben kann, liegt auf der Hand. So ist es vielleicht logisch, dass die Freie Universität Berlin zum feministischen Rückzug auf Raten bläst. Eine 1981 gegründete „Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung“ (ZEFG) hat ein neues, ein letztes Arbeitsfeld entdeckt: den Kampf gegen den „Antifeminismus“.

Das ist ein interessanter Schwenk hin zu neuen Beschäftigungsfeldern. In der Tat braucht der Feminismus neue Feinde, an denen er sich abarbeiten kann, denn der Feminismus braucht ein Bedrohungsszenario. Es ist insofern kein Wunder, dass sich viele Shitstorms an immer neuen Kleinigkeiten entzünden, an Hemden, an Smoothies, aber auch eben an Gruppen wie „Gamern“ oder noch besser an direkt kritischen Gruppen wie Antifeministen. Wer einen Feind hat, der hat Bedeutung, der kann zudem über eine Darstellung der Schlechtigkeit des Feindes deutlich machen, dass man dann wohl im Umkehrschluss der Gute sein muss, was eben, wenn man kaum andere Inhalte hat, die für Frauen ansonsten relevant sind, wichtig ist.

Nicht mehr also soll konstruktiv und staatlich alimentiert eine „gerechtere Partizipation von Wissenschaftlerinnen“ – ohne Binnen-I, versteht sich – an der Universität erreicht werden. So steht es als Reminiszenz im Selbstbild des ZEFG. Defensive ist jetzt angesagt und Destruktion. Die „Antifeministen“ werden als der neue Feind ausgemacht. Ihnen, den Kritikern von Gender und Gleichstellung,widmet das ZEFG ein „Werkstattgespräch“ mit klarer Zielsetzung: Feministische „Gegenstrategien“ sollen gefunden werden, denn „Antifeministen“ tun schlimme Dinge.

Mit dem „Antifeminismus“ hat der akademische Feminismus, noch immer staatlich alimentiert, eine finale Spielwiese gefunden. Er definiert sich nun im Gegenüber, im Kontra, im Ablehnen, nicht länger im Aufbauen und Fordern. Er kapituliert vor seinen eigenen Ansprüchen. Der Versuch, mit dem „Antifeminismus“ einen Straftatbestand des Denkens zu etablieren, ein künftiges hate crime, zeigt, wie rasch und endgültig dem Feminismus die Felle davon geschwommen sind. Er will drohen statt argumentieren, netzwerken statt aufklären. Die Rückverwandlung feministischer Wissenschaft ins Parolen- und Radaumachen, in den kommunardenhaften Agitprop also, ist der eine Knall zu viel, mit dem nun der ganze Luftballon zerstiebt. Friede seinen Fetzinnen.

Feministisch würde man wohl sagen, dass es eben ganz nach der feministisch-poststrukturalistischen Interpretation nach Derrida um Raumeinnahme geht. Es ist nicht wichtig, was man sagt, es geht darum, Positionen zu beziehen und die andere Position auszugrenzen. In einem theoretischen Gerüst, welches Inhalte egal sein lässt, solange sie mehr Raum einnehmen, in dem die Annahme besteht, dass Menschen reine soziale Schwämme sind, die aufsaugen, was immer ihnen die Gesellschaft vorgibt, ist es logisch, dass man, wenn man erst einmal die Deutungshoheit hat, alles daran setzt, dass der andere nicht zu Wort kommt, ihn gar nicht erst hochkommen lassen will.

Um so mehr der Feminismus so agiert, um so mehr ist es angezeigt ihn entsprechend darzustellen. Irgendwann werden die Tabus den Leuten zu albern.

„Political Correctness verstehen“

Wendy McElroy erklärt in einem Artikel „Sex vs. Gender“ und politische Korrektheit.

The theory that drives PC feminism reaches back to post-modern French philosophy which emerged in the 1940s and blossomed in the 1960s. (It is sometimes called post-structuralism.) Of the post-modernists, Michel Foucault probably had the deepest impact on gender or PC feminism. His popularity peaked in the late ’60s and early ’70s when PC feminism was radicalizing and absorbing the broader feminist movement, which had been liberal. Foucault’s impact occurred despite a remarkable dearth of discussion about women within his writings. What he did discuss, however, was the relationship between sex and the body, identity and subject, power and politics. In the Internet Encyclopedia, Aurelia Armstrong, of the University of Queensland, explained, „Foucault’s idea that the body and sexuality are cultural constructs rather than natural phenomena has made a significant contribution to the feminist critique of essentialism.“

What was the core belief presented by Foucault and adopted by PC feminists? Foucault believed it was an error to view sex as a natural force; it was wrong to think of sex as a biological force, which those in power encouraged or repressed depending upon their assessment of its particular expression. Sex should be understood instead as a social construct that people in power defined. This is a fundamentally different statement than claiming that culture influences a person’s experience of his or her own sexuality. Foucault claimed that culture defined a person’s sexuality in the literal sense. In other words, sex was not biologically determined; it was established at its root by those who controlled the culture. In PC language, whoever controlled the narrative and texts of society, also controlled sexuality by defining it. The narrative and texts defined who and what a human being was.

Die Grundlage der Gendertheorie ist in der Tat die Konstruktion der Geschlechter und die Ablehnung einer biologischen Konstruktion. Deswegen sind die biologischen Theorien auch den meisten Gender-Feministen ein rotes Tuch. Ich hatte in einem Artikel über Butler und deren Grundlagen zu Foucault mal das Folgende geschrieben:

Dieser geht ebenfalls davon aus, dass unsere Gesellschaft über den Umgang mit Wissen und Macht hervorgerufen wird. Foucault geht davon aus, dass die Mächtigen innerhalb einer Gesellschaft diese so umgestalten, dass sie ihre Macht sichert. Dazu nutzen sie die Möglichkeit Wissensvorsprünge auszubauen und Diskurse zu lenken, indem sie das Wissen kontrollieren. Aus diesem Wissen heraus wird zudem das Gerüst der Gesellschaft aufgebaut. Indem bestimmte Regeln für die Gesellschaft aus der Vergangenheit heraus legitimiert werden, wird den Leuten ein richtiges Verhalten vorgegeben, dass dann von ihnen einzuhalten ist. Dabei stabilisieren sich die Regeln selbst, wenn es gelingt, einen Verstoß gegen die Regeln mit einem gesellschaftlichen Malus zu versehen, eine Befolgung der Regeln aber mit einem Bonus. Sobald das System hinreichend eingerichtet ist, versucht jeder innerhalb dieser Regeln möglichst gut darzustehen und einen Malus nach Möglichkeit zu vermeiden. Dadurch will letztendlich jeder innerhalb der Regeln leben, erkennt dabei aber nicht, dass diese eben reine Kultur sind, keine Basis haben, weil die Zuweisung, was richtig und was falsch ist, beliebig nach den Vorstellungen der Mächtigen gestaltet werden kann. Hier wird der Diskurs wichtig, der bestimmt, was überhaupt vertreten werden darf. Foucault sieht Wissenschaft insofern nicht als objektiv, sondern eben als Teil des Diskurses an: Die Gesellschaft bestimmt, was vertretbar ist und was nicht und was als Meinung präsentiert werden darf und was nicht.

Dies auf die Geschlechter übertragen erlaubt alles unter einem Machtaspekt zu sehen und die gesamte Geschlechterkonstruktion und alles im Verhältnis der Geschlechter als Machtfrage bzw. als Unterdrückung darzustellen.

The idea of sex as a social construct appealed to PC feminists who rejected „sexual essentialism“; this is the idea that an individual’s sexuality has a basis in nature that includes drives, such as motherhood. This was part of rejecting the idea that a woman’s role was somehow rooted in her biology. Even deeply felt sexual preferences such as heterosexuality are not biological, PC voices argued. Sexual preferences are entirely social constructs.

Natürlich verstrickt sich diese Theorie dann wieder in Widersprüche, wenn beispielsweise lesbische Feministinnen ihre sexuelle Orientierung dann wiederum als keineswegs änderbar ansehen. Das wird dann gerne damit überspielt, dass sie sie eben nicht ändern wollen und das – zutreffenderweise – auch niemand von ihnen verlangen kann. Es wird also als eine Wahl dargestellt, als eine individuelle Entscheidung, wohingegen Heterosexualität dann dennoch ein Machtkonstrukt ist.

Indeed, a key reason PC feminists abandoned the word „sex“ was because it was too closely associated with genitalia, which was either male or female. (With rare exceptions, it can be a combination of both.) Sex was too associated with the old narrative and texts. Instead, PC feminists adopted the more flexible concept of „gender“ which was a sexual identity that could be constructed along a new vision. Thus, when Facebook recently offered users the opportunity to define their own gender, there were more than 50 options available. One example was „neutrois.“ This is „an umbrella term within the bigger umbrella terms of transgender or genderqueer.“ It includes „people who do not identify within the binary gender system (i.e., man/woman).“

In der Tat ist eine Unterscheidung zwischen Punkten wie körperlichen Geschlecht, Gehirngeschlecht, sexueller Identität durchaus sinnvoll, ebenso wie die Einsicht, dass es in der Tat viele Abstufungen bzw. fließende Übergänge in dem Bereich gibt.

It is not possible to understand the crusades of PC feminists without grasping the importance of the social construction of gender. They believe that men quite literally construct women’s sexuality through the words and images men impose on society. The purpose in doing so is to keep women in a state of fear that facilitates their subjugation. Collectively, the engine of subjugation is called patriarchy, which is a combination of white male culture and capitalism.

Eine durchaus gute Kurzzusammenfassung feministischer Theorie. Dabei scheint bei vielen Richtungen diese Zusammenfassung die „Festung“ zu sein, während das „Feld“ etwas zurückhaltender angegangen wird, indem man die Unterdrückung zurückhaltender formuliert. Man könnte auch sagen, dass dies häufig das Gefühl ist, welches eigentlich transportiert werden soll, auch wenn man es nicht so deutlich ausspricht. Das ist dann wieder eine Frage der Radikalität: Weniger radikale Feminstinnen werden auf Nachfrage nicht anführen, dass Geschlechterrollen Frauen in einem Zustand der Furcht halten und diese genau dazu dienen, während radikalere Stimmen auch in der Literatur dies sehr offen aussprechen. Das zeigt sich etwa bei Diskussionen zur Rape Culture, die eben in der feministischen Theorie als Kampfmittel gesehen wird, während untheoretischere Stimmen hier lediglich eine Verharmlosung der Vergewaltigung annehmen wollen.

Consider the PC crusade against porn. Patriarchy’s purest expression or dominating „text“ is said to be pornography through which a woman’s sexuality is commercialized; she is reduced to an object that is used and sold. Pornography is the „text“ of terrorism that men impose upon women. I used to debate PC feminists on pornography and argue for freedom of speech and the right of women to choose sex work. It took me years to understand that I was speaking gibberish to them. Their ideological framework defined pornography as a savage act, not as speech; it defined sex workers as victims who were brainwashed and terrorized into believing they had no choice. My argument for respecting a woman’s „right to pornography“ was akin to arguing to respect a prisoner’s selection of which dinner to eat. Even if there were a „choice“ between two items, the selection was a mere illusion and mockery of choice.

Das ist für den sexnegativen Feminismus in der Tat der Begründungsansatz und auch der sexpositivere Feminismus geht ja bei vielen Praktiken davon aus, dass sie falsch sind und insoweit lediglich der Abwertung der Frau dienen. Auch deswegen immer wieder die Forderung nach „feministischer Pornographie“, die diese Nachteile nicht hat.

To PC feminists, only one „choice“ is possible to women. It is to end the oppression of women by ending the narrative and texts of patriarchy. Society must be deconstructed and its texts swept away. Sexuality must be deconstructed and gender reconstructed in its place.

Deswegen ist Genderfeminismus eben auch nicht einfach eine Ideologie, die Freiheit für alle will: Die bisherigen Geschlechterrollen müssen beseitigt werden und dabei ist ein Verhalten nach diesen erst einmal eine Stütze der Geschlechterrollen. Ein System von „Häufungen – Abweichungen – Toleranz“ scheitert bereits an den Grundlagen des Systems, nämlich das Häufungen bereits sozial begründet sind und Ausdruck von lenkender Macht sind. Wer Häufungen zulässt, lässt damit dann auch die Macht zu, die diese hervorruft.

Thus, social construction serves an explicit political end. In her book, Gender Outlaw: On Men, Women and the Rest of Us, Kate Bornstein explained, „[M]en couldn’t have privilege if there were no males. Women couldn’t be oppressed if there was no such thing as ‚women’…. The struggle for women’s rights…is a vital stopgap measure until we do away with the system…. Gender fluidity is the ability to freely and knowingly become one or many of a limitless number of genders, for any length of time.“

The prospect of endless gender was buttressed by the findings of Dr. John Money at John Hopkins. His work on the psychosexual flexibility of human beings at birth (and for some years afterward) was tremendously influential. It was also a tremendous fraud. Money illustrates the great harm inflicted by the rejection of biology in favor of ideology.

Money’s fame rests primarily on one medical case. In 1965, identical twin boys were born to the Reimer family. One of them had his penis virtually destroyed in a botched circumcision. Without informing the Reimers that his procedures were experimental, Money used the injured infant as a gender experiment. The boy was fully castrated at 22 months old. Female genitalia were surgically constructed instead. The boy’s name was changed to Brenda and he was raised as a girl with no knowledge of his former sex. When Brenda approached puberty, hormone therapy followed.

Although Brenda was constantly encouraged to act in a girlish manner, (s)he strongly resisted, tearing up her dresses and living in a state of constant turmoil. (S)he moved from school to school, psychiatrist to social worker with her frantic parents returning faithfully to Money for help. The experiment was a massive failure. Nevertheless, in December 1972, Dr. Money unveiled it as a triumph at an annual meeting of the American Association for the Advancement of Science in Washington D.C. Over a thousand scientists, feminists and reporters were fascinated by his proof that biology could be erased and gender created in its place.

Years later, Brenda was finally told the truth about her birth. (S)he responded, „Suddenly it all made sense why I felt the way I did. I wasn’t some sort of weirdo. I wasn’t crazy.“ The young man who had been Money’s experiment had phalloplasty to restore his penis and later married a woman with children. He assumed the name David in order to symbolize his struggle with the medical Goliath who had almost destroyed him in order to prove a point.

Ja, der David Reimer Fall. Wer sich auf soziale Konstruktion beruft, der muss sich meiner Meinung nach damit beschäftigen und erklären, warum dieses Experiment damals nicht geklappt hat. Judith Butler hat das immerhin in „Undoing Gender“ versucht und dabei darauf abgestellt, dass Money es einfach nur nicht richtig gemacht hat. Angesichts anderer Fälle gleicher Art (etwa Viktor/Viktoria oder cloacal extrophy ist dies aber wenig überzeugend).

Babette Francis of the Population Research Institute analyzed the experiment and its political impact. „Money’s views on the malleability of gender identity was the established wisdom of the scientific community and particularly of the feminist movement…. Until David Reimer spoke publicly about his ordeal the medical establishment was reluctant to admit the dangers of current practice in treating intersex babies, their reluctance no doubt underpinned by their deference to the feminist movement, which, still stuck in a time warp, believes that one can produce an androgynous society by adopting ‚counter-sexist‘ educational practices.“

In der Tat ist die feministische Theorie auf dem Stand von damals stehengeblieben, hat die medizinische und biologische Forschung seit dieser Zeit ausgeblendet und nimmt einfach weiterhin an, dass diese Theorien funktionieren. Man kann nur hoffen, dass es nicht zu einem weiteren David Reimer Experiment kommt.

It is difficult to overstate how powerfully the idea of the social construction of gender drives PC feminism. It is difficult to overstate the lengths to which social constructionists will go to promote and impose that belief. But understanding the power behind social construction theory is necessary to understand today’s society. The obsession with which word is spoken, the battle over the „narrative“ of education, the funding and celebration of „gender“ choice, the dismissal of men as virtually another species and „the enemy,“ the contempt for conservative sexual choices such as the traditional family … The key to grasping these dynamics within society is to comprehend the importance of the shift from „sex“ to „gender,“ from biology to social construction. Perhaps part of the solution is to resume using the word „sex.“

Ja, an dieser Idee und der fehlenden Bereitschaft sie zu hinterfragen krankt das gesamte System. Insofern eine durchaus gute Einführung.

„Im Feminismus meint ein Wort das, was es an Gefühlen transportiert“

Bei MundD hat only me eine interessante Theorie aufgestellt, bei der es darum geht, dass im Feminismus deswegen mit „Akkordeon-Definitionen“ von Wörtern gearbeitet wird, weil es gar nicht auf die Worte, sondern auf deren Wirkung, also quasi das damit transportierte Gefühl ankommt.

Only Me dazu:

Wenn du davon ausgehst, dass ein Wort eine Bedeutung hat, dann ist es naheliegend und kaum zu verweigern, irgendeine Art von Definition oder wenigstens Eingrenzung zu geben.

Das ist aber nicht der Fall. Feminismus begrenzt keine Begriffe, gibt keine Kriterien, was gemeint ist und was nicht.

Ich habe seit heute die Arbeitshypothese, dass das damit erklärbar wäre, dass “Bedeutung” für einen Feministen nicht wichtig ist. Es geht nicht um Bedeutung, Definition, Kriterium. Das sind alles irrelevante, nicht mal wahrgenommene Dimensionen eines Wortes.

Relevant ist stattdessen die Wirkung.

Beerdigt Wittgenstein, hoch lebe Searle. Sprechakt ist alles, Bedeutung ist nichts.

Das zusammen mit Konstruktivismus, dass es keine objektive Realität und damit keine objektive Interpretation des (Sprech-)Aktes gibt, scheint mir den kompletten feministischen Umgang mit Sprache zu erklären.

Ein Wort meint das, was es bei MIR auslöst.

Patriarchat = Ich habe das Gefühl, durch mein Frausein ungerecht behandelt zu werden.
Vergewaltigung = Ich habe, auch nachträglich, das Gefühl, dass ich das nicht wollte.
Wage Gap = Ich und meine Freundinnen hätten gern mehr Geld und wir haben das Gefühl, die Männer unserer Umgebung haben mehr Geld.

Geh weg mit Kriterien; geh weg mit Definitionen; geh weg mit Objektifizierungsversuchen. Das einzig Reale ist das Subjektive und da vor allem die Empfindung.

Vergiss “bedeutet”, Hallo “löst aus”

Das würde zumindest die Unschärfe in vielen Bereichen erklären, bei der man Begriffe beliebig ausdehnen kann, wenn es einem besser gefällt, wenn man sie also gefühlsmäßig so erweitern möchte.

In dem Buch „Professing Feminism“ beschäftigen sich die Autorinnen auch mit dieser Unschärfe, eben unter dem bereits verwendeten Begriff des Akkordeonprinzips (Alles kann ausgezogen oder zusammengeschoben werden, wie es gerade passt). Dort wird das folgende Beispiel genannt:

The game of Accordion Concepts gets under way when academic feminists “theorize” the slogan. An example is Adrienne Rich’s redefinition, noted in an earlier chapter, of lesbian to include all women who put energy into, or who identify with, the life projects of other women, regardless of whom they happen to sleep with or be in love with. On this redefinition, Catharine MacKinnon, the radical feminist legal theorist who has appeared in newspaper photos arm in arm with her fiance, Jeffrey Masson, becomes a prototypical lesbian because of her intense political commitments to the cause of women. To be sure, Rich’s essay is more subtle than this, because she at least introduces a continuum, permitting the drawing of some distinctions. If taken literally, however—which it often is in Women’s Studies courses—her extension-by-definition of lesbian rules out the possibility of conceiving either of a nonfeminist lesbian or of a nonlesbian feminist. Such semantic sorcery benefits neither the lesbian rights movement nor the cause of feminism.

Hier wird der Begriff der „Lesbe“ stark ausgeweitet, um ein In-Grouping durchführen zu können. Es ist ausreichend, dass sie sich irgendwie (aber dann wahrscheinlich doch wieder auf die richtige Weise) mit Frauenanliegen beschäftigen. So kann man dann auch den Slogan retten „das alle Frauen Lesben sind“ und insofern den Bereich der Zwangsheterosexualität gleichsetzen mit der Unterdrückung der Frau.

Mir scheint hier auch zugleich ein Spiel mit „Feld und Festung“ vorzuliegen: Wenn man bei dem Begriff „Patriarchat“ in die enge gedrängt wird, dann wird dieser von der „Herrschaft der Männer“ eben zur „allgemeinen Unterdrückung der Frauen durch gesellschaftliche Strukturen“. Von da aus kann man dann mit ein paar Verallgemeinerungen („die Strukturen sind auch alle von Männern/der hegenomialen Männlichkeit geschaffen“) wieder auf den Ausgangspunkt zurückkehren: Das einzig Feste scheint insofern tatsächliche die Wirkung und die gefühlsmäßige Botschaft zu sein, die richtige gefühlsmäßige Botschaft, die Wahrung de Gruppenidentität als Opfer. Die eigentliche Begründung und die Aufschlüsselung dieser mit genauen Definitionen spielt dann eine untergeordnete Rolle.

In das Konzept scheint mir auch der Begriff der „Truthiness“ von Colbert:

In der ersten Sendung wurde truthiness vorgestellt. Das Wort beschreibt den Umstand, etwas aus dem Bauch heraus zu wissen, ohne auf Beweise oder Vernunft abzustellen. Gemeint ist eine „Wahrheit“, die dadurch entstehe, dass sie sich intuitiv wahr anfühle, nicht jedoch den wirklichen Gegebenheiten entsprechen müsse. Die New York Times zählte truthiness zu den neun Wörtern, die den Zeitgeist des Jahres 2005 am besten wiedergaben. Die American Dialect Society wählte truthiness zum Wort des Jahres 2005.

Ein Video dazu, in dem Colbert das Wort erklärt, findet sich hier.

Es geht auch in die Richtung, dass die Begründung eigentlich nicht wichtig ist, sondern, dass es sich richtig anfühlt.

Ähnliche Konzepte sieht man auch in „Whitepassing ist kein Privileg„, indem deutlich wird, dass der Begriff der „Person of Color“ eigentlich keine „Color“ mehr benötigt und auch bei sehr weißen Personen angewendet werden kann, wenn sie sich nur hinreichend unterdrückt fühlen können. Da wird dann mit Begriffen wie „BPoC (Black People of Color)“ teilweise wieder eine Unterkategorie geschaffen, weil der Begriff sich für Schwarze nicht mehr speziell genug anfühlt und gleichzeitig wieder als Oberbegriff von „WPoCs (spasshaft in den Kommentaren des Beitrags für „White Person of Color“) verwendet, weil sie sich in der Kategorie befinden wollen.

Letztendlich ist es in vielen Fällen schlicht auch eine Frage der Identität: Das Patriarchat, das ist die Outgroup, die Männer, die Mitmacherfrauen, die schlechten Allys, alle die irgendwie gerade nicht passen, zur Not eben auch die Mädchenmannschaft. Die InGroup, dass sind alle, die zur eigenen Identität gehören sollen, seien das Lesben, PoCs, Frauen oder wer auch immer. Welcher Oberbegriff bezüglich dieser Identität verwendet wird, ist dann egal.

Diese Identität ist dann auch auf Begriffe und Konzepte wie Vergewaltigung/Rape übertragbar: Dessen Identität ist das böse, dass irgendwie den Willen umgeht oder zu schlechten Gefühlen führt, die man nicht abwehren kann. Alles, was diese Wirkung hat, kann dann auch wieder Vergewaltigung sein. Damit ist auch alles ein Anzeichen für die Rape Culture.

Neid als Grundlage der Privilegientheorie

Die Privilegientheorie entdeckt in nahezu allem, was jemanden in irgendeiner Weise besser dastehen lässt, einen unlauteren Vorteil, den er nach Möglichkeit abbauen soll. Das Zeigen, dass es einem gut geht, wird als Angriff auf die, denen es nicht gut geht oder die diesen Vorteil nicht haben, verstanden.

Das macht Neid als Motiv sehr wahrscheinlich. Ich bin neulich noch einmal über diesen Kommentar von Roslin dazu gestolpert:

Neid ist ein weithin unterschätzter Faktor menschlichen Verhaltens.

Auch viele „Gerechtigkeitsfanatiker“ sind im Grunde ihres Tarantelherzens Neidhammel.

Mir fällt ja hier weniger das Poststrukturalistische in’s Auge als das Sozialistische, Gleichheitssehnsüchtige, das Sozialistische im Poststrukturalistischen.

Wenn schon nicht alle gleich glücklich sein können, dann soll doch wenigstens niemand glücklicher sein als ich selbst, denn das macht mich noch unglücklicher, weil obendrein noch neidisch auf das Glück der Glücklicheren.

Besser also, niemand ist glücklich, wenn ich schon unglücklich bin, dann muss ich wenigstens nicht auch noch neidisch sein.

Also gelingt Gleichheit, indem ich alle unglücklich mache, denn alle glücklich zu machen, ist so sehr viel schwerer, so gut wie unmöglich.

Alle unglücklich zu machen, das dagegen ist möglich.

Und so sieht sie auch aus, die Politik aus Tarantelherzen, wenn man ihnen Macht verleiht, den Traranteln.

Sie stellen gleich, indem sie alle gleich unglücklich machen, gleich ihnen selbst, den Taranteln.

Darum wächst schwarzer Schorf, wohin sie beißen, der Schorf, der schon längst in ihren Seelen sitzt, ihren schwarzen, giftigen, an deren Gift sie leiden, etwas weniger, wenn sie auch die anderen leiden machen können.

Wenigstens das.

Mehr können sie nicht, diese „Sozialisten“, Gleichsteller und „Gerechten“, die ihre Tyrannengelüste hinter Tugendphrasen verbergen.

Leiden können sie machen, gleichstellen im Leiden.

Auf ihr Niveau gleichstellen.

Nach unten herunterziehen.

(…)

Das Hohe herunterzubringen, ist relativ einfach, das Niedrige hochzuwuchten dagegen sehr schwer, fast unmöglich, ja oft wirklich unmöglich.

So sieht Gleichstellung mit Macht denn auch oft aus: Das Hohe herunterbringen, die Glücklichen unglücklich machen, die eigene Skrofulose weitergeben, alle infizieren.

Dann ist man immerhin nicht mehr so alleine, ist „normal“.

Macht zwar die Unglücklichen nicht wirklich glücklich, macht die Neidischen aber wenigstens ein bißchen weniger neidisch und lindert so deren Qual.

Durch Vemehrung der Qualen anderer.

Wenn ich leide, sollen wenigstens viele leiden, damit ich nicht auch noch neidisch sein muss auf das Glück derer, die es wagen, glücklich zu sein.

Obwohl ich leide.

Selbst wenn ich vor allem an mir, an meinem unglücklichen Bewusstsein leide, an meinen oft sebst verschuldeten oder vom Schicksal verschuldeten seelischen Verwachsungen und Verkrüppelungen.

Denn auch daran muss ja jemand schuld sein.

Ich kann, ich darf es nicht sein.

Und ein blindes Schicksal, das ich nicht verantwortlich machen kann, darf es auch nicht sein.

Im intersektionalistischen, poststrukturalistischen Feminismus würde man wohl eher sagen, dass ja alle gleich glücklich sein sollen und das eben Eintritt, wenn jeder seine Privilegien aufgibt. Der Begriff der Privilegien ist aber inzwischen so ausgedehnt, dass nahezu alles ein Privileg sein kann. Jedes Glück ist etwas, was man dann hinterfragen muss, vor dessen Wahrnehmung man die Anderen schützen muss, das quasi verheimlicht werden muss – „Heten können ja auch zuhause küssen“ ist insofern ein Neidansatz, wo es „alle sollen Küssen können, wo sie wollen“ nicht wäre.