Linkshändigkeit als Beispiel für biologische Theorien zu den Geschlechtern

Eigentlich eignet sich die Linkshändigkeit sehr gut, um verschiedene Positionen um biologische Grundlagen der Geschlechter näher darzulegen und Fehler in der Kritik daran deutlich zu machen.

1. Biologisches zur Linkshändigkeit

Es besteht inzwischen eine starke Tendenz dazu, bei der Frage, ob jemand Linkshänder oder Rechtshänder ist davon auszugehen, dass diese Fähigkeit angeboren ist und der gesellschaftliche Einfluss relativ gering ist.

Zur Entwicklung und einigen Grundlagen:

Im Laufe der Evolution hat sich beim Menschen die Dominanz einer Hand entwickelt. Die gewaltigen Entwicklungsschritte des menschlichen Geistes konnten nur durch eine Spezialisierung der beiden Hirnhälften und durch deren perfektes Zusammenspiel geschehen. Da jede Hirnhemisphäre ihren spezifischen Anteil an der Informationsverarbeitung hat, bezeichnet man dies auch als funktionelle Asymmetrie. Um die hochkomplexen Abläufe im Gehirn zu regeln, hat es sich durchgesetzt, dass eine Hirnhälfte die Führung übernimmt. Jede Hirnhälfte ist über Hauptnervenstränge mit der jeweils gegenseitigen Körperhälfte verbunden und steuert diese. Bei Linkshändigkeit kann also von einer führenden Rolle der rechten Hirnhälfte ausgegangen werden.

Die dominante Hand kann schneller, exakter, stärker agieren. Vor allem, wenn eine spontane Reaktion gefordert ist, und bei Tätigkeiten, die mit einer besonderen kognitiven Leistung verbunden sind. Das heißt aber nicht, dass eine Hand alles kann und die andere nichts. Vielmehr haben die Hände spezifische Aufgabenbereiche, die sich ergänzen. Diese Spezialisierung wird von Wissenschaftlern auch als „Beidhändigkeit höherer Ordnung“[2] bezeichnet:

dominant = Hauptakteur, schnelle Reaktion, besondere Feinmotorik und Geschicklichkeit

nichtdominant = Vorbereiten und Begleiten der Aktion, aktive Haltefunktionen[3]

Warum in allen Kulturkreisen rechtshändige Menschen in der Mehrheit sind, ist – trotz vielfältiger Theorien – weitgehend unklar. Vermutlich sind daran gesellschaftliche Faktoren ebenso beteiligt wie die funktionelle Gliederung des Gehirns.[4]

Allerdings sind die genauen Grundlagen bisher immer noch nicht abschließend geklärt. Aus der Wikipedia:

Als mögliche Ursache für die Linkshändigkeit gilt die Lateralisation des Gehirns, speziell eine angeborene rechtshemisphärische Dominanz. Die Auswirkungen der Dominanz der rechten Hirnhälfte sind noch nicht in allen Einzelheiten bekannt und erforscht. Das Dominieren einer Hirnhälfte kommt mit der Händigkeit am deutlichsten zum Ausdruck, jedoch gibt es auch Bevorzugungen beispielsweise bei den Beinen („Füßigkeit“), den Augen und den Ohren.[27]

Genetische Ursachen für die Linkshändigkeit sind wahrscheinlich, bei der Forschung nach den Vererbungsmustern trifft man jedoch immer wieder auf andere Befunde: Unter eineiigen Zwillingen kommen Links-Rechts-Händer-Kombinationen ähnlich häufig vor wie bei anderen Geschwister-Paaren, obwohl eineiige Zwillinge genetisch annähernd identisch sind. Eine im Jahr 1998 durchgeführte Studie der James-McDevitt-Universität in Oklahoma hat zudem gezeigt, dass Kinder, deren Eltern beide linkshändig sind, nur mit 26-prozentiger Wahrscheinlichkeit selbst Linkshänder werden.

Die Fachwelt ist sich daher uneins, auch weil bisher kein Gen gefunden werden konnte, das der Händigkeit zugeschrieben werden kann. Manche Wissenschaftler sind der Ansicht, es gebe keine genetischen Ursachen für Linkshändigkeit. Andere wiederum haben Theorien entwickelt, die versuchen, die geringe Vererbbarkeit von Linkshändigkeit zu erklären. Der Psychologe Chris McManus hat ein Modell entwickelt, das auf zwei unterschiedlichen Allelen beruht. Nach diesem gibt es ein C- und ein D-Allel. Das D-Allel fördert die Rechtshändigkeit, das C-Allel hingegen beeinflusst die Händigkeit nach Zufall. Hat ein Mensch zwei D-Allele, wird er Rechtshänder. Bei einem oder zwei C-Allelen hingegen besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit zur Linkshändigkeit. Ähnliche Mechanismen, ausgeglichener Polymorphismus genannt, sind auch von anderen Phänomenen in der Natur bekannt (beispielsweise Sichelzellenanämie).

Im August 2007 wurde die Entdeckung eines Gens (LRRTM1) veröffentlicht, das für die Links- beziehungsweise Rechtshändigkeit verantwortlich sein soll.[28] Diese Entdeckung steht allerdings im Widerspruch zu der oben aufgeführten Studie an der McDevitt-Universität, da eineiige Zwillinge genetisch gleich sind.

Eine andere Hypothese für die Ursachen der Linkshändigkeit ist das Geschwind-Behan-Gallura-Modell, nach dem Sexualhormone bei der embryonalen Entwicklung die Lateralisation des Gehirns beeinflussen. Diese Ansicht wird von einigen Forschern vertreten, ist aber ebenso wie die Gen-Theorie umstritten, unter anderem weil sie im Widerspruch zu Zwillingsstudien steht. Die Hormon-Hypothese wird als eine mögliche Erklärung herangezogen für Studien, die ein signifikant höheres Erkrankungsrisiko von Linkshändern bezüglich Brustkrebs[29][30][31][32][33][30] und der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose[34] gezeigt haben.

Laut Rik Smits sind solche Einzelstudien aber zunächst wissenschaftlich wenig aussagekräftig, da sich relativ leicht Zusammenhänge zwischen zwei Phänomenen herstellen lassen.[35] So wurden in der Vergangenheit bereits zahlreiche medizinische und psychische Auffälligkeiten oder charakterliche Mängel mit Linkshändigkeit in Zusammenhang gebracht (von Schwererziehbarkeit bis zu Alkoholismus und Kriminalität). Bei genauerer Betrachtung stellte sich später heraus, dass die Studien Zufallstreffer lieferten, mit Fehlern behaftet waren oder der Forschungsansatz durch Vorurteile gegenüber Linkshändigkeit nicht objektiv war.

Fazit: Es gab bereits zahlreiche Ansätze, die Ursache von Linkshändigkeit zu erforschen. Trotzdem konnte keine der bisherigen Theorien allein und widerspruchsfrei klären, wie die Hand-Präferenz eines Menschen entsteht.

Hier kann man sehen, dass die Grundlagen unklar sind, allerdings wird eine biologische Erklärung üblicherweise akzeptiert, obwohl dabei ein gewisses Verhalten betroffen ist. Allgemein gilt hier, dass eine Umerziehung eines Linkshänders diesen erheblich beeinträchtigen wird. In dem Wikipediabeitrag findet sich auch etwas zu den diesbezüglichen Folgen der Umerziehung von Linkshändern:

Da Rechtshändigkeit in unserer Gesellschaft als Norm gilt, wurden Linkshänder bis in die 1970er-Jahre in der Regel spätestens mit der Einschulung gezwungen, ausschließlich die rechte Hand als Schreibhand zu verwenden. Bei diesen „umgeschulten“ Linkshändern zeigten sich in der Folge häufig negative Begleiterscheinungen – beispielsweise psychische Probleme, schlechtere Schulleistungen, Gedächtnis- oder Sprachstörungen (z. B. Stottern), Bettnässen; auch die Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) wird in einigen Fällen als Folge der Umerziehung eines Linkshänders angesehen. Einige umerzogene Linkshänder berichten zudem von einer Art innerer Zerrissenheit, wenn sie etwa die linke Hand zum Zeichnen verwenden.[18]

Auch heutzutage ist es vielerorts noch üblich, Linkshänder umzuerziehen, da die neuronalen Zusammenhänge und die psychischen und kognitiven Folgen der Umerziehung noch nicht ausreichend in der Bevölkerung bekannt sind. So glauben manche noch immer, ein Linkshänder habe es in einer Welt von Rechtshändern dann einfacher, wenn er gleich auf rechts umerzogen wird.

Häufiger hat eine Umerziehung jedoch kulturelle Ursachen (beispielsweise durch die zur Begrüßung verwendete rechte Hand). Dies trifft weltweit zu: So gilt Linkshändigkeit in arabischen Kulturen bzw. in islamischen Ländern als schweres Stigma. Die Ursachen dafür liegen viele Jahrhunderte in der Vergangenheit und sind zum Teil pragmatischen Natur: In arabischen (islamischen) und in anderen Kulturen wird die Reinigung nach dem Stuhlgang üblicherweise direkt mit der linken Hand und Wasser ausgeführt. Dies führte zu der Betrachtung der linken Hand als unrein; sie wird daher nicht zum Essen oder für soziale Kontakte eingesetzt.

Auch bei einer Umerziehung wird der Linkshänder nicht zum Rechtshänder. Es übernehmen lediglich andere Hirnareale die Steuerung des Bewegungsapparates.

Hier sieht man schön die Folgen einer Umerziehung entgegen der biologischen Grundlagen. Sie ist zwar möglich, hat aber teilweise extreme Nebenwirkungen. Ob eine Umerziehung gewünscht wird hängt dabei von kulturellen Faktoren ab. Diese ändern aber nichts daran, dass die Grundlagen biologisch sind. Eine Betrachtung, wonach in arabischen Kulturen mehr Leute die rechte Hand benutzen belegt damit nicht, dass es eine gesellschaftliche Begründung gibt.

Und natürlich gibt es hier auch Leute, die beidhändig agieren können oder Leute, die wesentlich schneller oder besser lernen mit beiden oder der anderen Hand zu arbeiten. Auch das ist  mit biologischen Theorien gut in Einklang zu bringen.

Wie bei Einflüssen von Sexualhormonen zu erwarten gibt es zudem auch andere interessante Zusammenhänge, etwas mit Homosexualität:

Recent findings suggest that sexual orientation has an early neurodevelopmental basis. Handedness, a behavioral marker of early neurodevelopment, has been associated with sexual orientation in some studies but not in others. The authors conducted a meta-analysis of 20 studies that compared the rates of non-right-handedness in 6,987 homosexual (6,182 men and 805 women) and 16,423 heterosexual (14,808 men and 1,615 women) participants. Homosexual participants had 39% greater odds of being non-right-handed. The corresponding values for homosexual men (20 contrasts) and women (9 contrasts) were 34% and 91%, respectively. The results support the notion that sexual orientation in some men and women has an early neurodevelopmental basis, but the factors responsible for the handedness-sexual orientation association require elucidation. The authors discuss 3 possibilities: cerebral laterality and prenatal exposure to sex hormones, maternal immunological reactions to the fetus, and developmental instability.

Quelle: Sexual Orientation and Handedness in Men and Women: A Meta-Analysis

Zudem sind Männer als Frauen Linkshänder:

Globally, roughly 12% of men and 10% of women are left-handed.

2. Anwendung der sozialkonstruktivistischer und poststrukturalistischer Theorien auf Linkshänder

Es gibt keine biologisch begründbaren Unterschiede zwischen der linken und der rechten Hand und dem damit verbundenen Verhalten, alle Vorlieben dieser Art sind sozial konstruiert. Rechtshändigkeit wird dabei ohne bestimmten Grund als Norm vorgegeben, so dass Abweichungen davon durch die Gesellschaft geächtet werden. Dies zeigt sich auch bereits daran, dass Rechtshänder in nahezu allen Bereichen durch speziell auf sie abgestimmte Werkzeuge und Gerätschaften privilegiert sind. Es obliegt insofern den Rechtshändern ihre diesbezüglichen Privilegien zu überdenken und nur noch handigkeitneutrale Objekte zu erwerben, damit keine Ausgrenzung von Linkshändern erfolgt. Das Anschaffen besonderer Linkshändergeräte ist – sofern es nicht ausdrücklich durch Personen mit Linkshändigkeit (PoL) oder Personen mit Beidhändigkeit (PoB) erworben wird, die das wünschen – insofern Victimblaming und Ausgrenzung. Noch schlimmer ist es entweder selbst Linkshändergeräte zu verwenden (Linkswashing) oder aber anderen PoLoBs dazu zu raten, ihre eigenen Geräte mitzubringen (Victimblaming). Es besteht ein Rechtshändernormativität in der die Kultur darauf ausgerichtet ist, Linkshänder abzuwerten und ihnen möglichst wenig Raum zu bieten.

Die Machtstrukturen werden auch daran deutlich, dass Männer häufiger Linkshänder sind, sie können sich aufgrund ihrer Privilegierung in anderen Bereichen leichter den Machtstrukturen und der strukturellen Diskriminierung widersetzen. Dass Homosexuelle ebenfalls häufiger Linkshänder sind zeigt zudem ebenfalls die Unterdrückungsmechanismen auf, denn daran wird deutlich, dass Personen, die bereits an anderer Stelle mit solchen Unterdrückungsmechanismen auseinandergesetzt haben, die Erfahrung aus diesem Kampf gegen die Unterdrückung auch im Kampf gegen diese Machtstrukturen erkennen können.

In einer Gesellschaft, die frei von Normen ist, die über Herrschaftsinstrumente durchgesetzt werden, wäre keine besondere Vorliebe für eine Händigkeit zu erkennen und PoLoBs bräuchten auch keine besonderen Geräte mehr, weil alle Menschen alle Hände benutzen könnten und damit auch keine speziell angepassten und damit ausgrenzenden Geräte mehr erforderlich wären. Es ist zudem bedenklich, dass  weit unter 50% der Machtpositionen mit  PoLoBs besetzt sind, insofern müssen Quotenregelungen zum Ausgleich geschaffen werden bis ein Ausgleich hergestellt worden ist.

Die Festigkeit der Händigkeitsrollen zeigt sich auch daran, dass viele Leute sich kaum von diesen Rollen trennen können und sich an diese klammern. Kaum ein Mensch ist bereit seine Händigkeit zu wechseln. Dabei zeigt das starke Schwanken von Händigkeiten innerhalb der verschiedenen Ländern um einige Prozent deutlich, dass die Händigkeit ein rein soziales Konstrukt ist.

3. Vergleich

Die Theorie, dass Linkshändigkeit nur ein Machtkonstrukt ist, ist aus meiner Sicht nicht zu widerlegen, ohne dass man dabei auf Biologie zurückgreift. Sie verwendet die gleichen Argumentationsstrukturen, die auch in der Geschlechterdebatte auftauchen, man kann auch hier anführen, dass die Biologie noch nicht hinreichend erforscht ist, dass es alle Zwischenschritte zwischen Linkshändigkeit, Beidhändigkeit und Rechtshändigkeit gibt, dass es deswegen überhaupt keine Händigkeit geben kann und diese Binärität nur herbeigeredet wird, dass es Menschen gibt, die sich erfolgreich umgewöhnt haben und dass es diverse soziale Umstände gibt, die Normen erzwingen. Darüber wird eine Zwangsrechthändligkeit errichtet.

Dagegen kann man eben darauf verweisen, dass man einige Details der Recht- oder Linkshändigkeit noch nicht erklären kann, es nach den biologischen Theorien auch keine strikte Binärität, sondern fließende Übergänge geben kann, dass auch die biologischen Theorien natürlich nichts gegen Linkshänder oder alle Zwischenstufen haben und gerade nach diesen sich jeder ausleben können soll, wie er will und wie es seiner Natur entspricht und dass es ein naturalistischer Fehlschluss wäre aus dem Umstand, dass Rechtshändigkeit häufiger ist darauf zu schließen, dass es moralisch besser, überlegener oder das einzig richtige Verhalten ist. Ein Vorhalten einer Rechthändigkeitsnormativität, die Leute dazu zwingt rechtshändig zu sein ist falsch und Rechtshändigkeit impliziert keine Raumeinnahme, die Linkshändern Raum wegnimmt. Es gibt gute biologische Theorien dafür, warum mehr Leute rechtshändig sind, ebenso wie es gute biologische Theorien dafür gibt, dass die Geschlechter sich im Schnitt auf bestimmte Weise verhalten. Ein Essentialismus bei der Händigkeit (alle Menschen sollten Rechtshänder sein, weil es die Mehrheit ist) ist ebenso falsch wie ein Essentialismus bei den Geschlechtern (jeder Mann sollte sich nach der männlichen Geschlechterrolle verhalten, jede Frau nach der weiblichen). In beiden Fällen bieten die biologischen Erklärungen auch die besten Argumente dafür, warum ein Essentialismus schief gehen wird.