Der Laubenvogel („Bowerbird“) und sexuelle Selektion

Ein interessantes Beispiel dazu, wie sexuelle Selektion zu einem ganz speziellen Verhalten führen kann, ist der Laubenvogel oder Bowerbird.

Dieser baut kunstvolle Bauten, die nur den Sinn haben, seine Baufähigkeit und damit gute Gene zu demonstrieren. Die Laubenvögel-Weibchen inspektieren die Bauten und paaren sich dann mit denen, die den besten Bau haben und diesen mit besonders viel Farben ausgestaltet haben, weil diese letztendlich Costly Signals sind, mit denen er zeigt, dass er solche seltenen Farben zusammentragen kann.

Der Bau ist insoweit im Sinne von Dawkins ein „extended Phenotyp“, also eine Erweiterung seines Körpers, mit der er seinen Wert darstellen kann.

Zu den einzelnen Bauarten:

Die Bauten der Laubenvögel können in drei Typen eingeteilt werden:

  • Der Hof oder die Tenne besteht aus einem gereinigten Platz, der mit Blättern ausgelegt wird.
  • Der Maibaum ist ein aus Stöcken gefügter Turm, der um einen dünneren Baumstamm oder um einen Baumfarn angelegt wird. Zu den Maibäumen zählen auch die äußerst komplexen überdachten Hütten des Hüttengärtners.
  • Eine Allee besteht aus zwei parallelen, aus Stöcken verflochtenen Wänden (z. B. Laube des Seidenlaubenvogels).

Hier einmal etwas, damit man sich ein Bild von den Bauten machen kann:

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Bowerbird

Bowerbird

Man sieht auf dem Bild schön, dass alles genutzt wird, was eine bestimmte Farbe hat, auch entsprechender Müll.

Hier zudem noch ein Film dazu:

Zu dem Laubenvogel gibt es einige interessante Studien, die das Paarungsverhalten betreffen:

Sexual selection driving display trait divergence has been suggested as a cause of rapid speciation, but there is limited supporting evidence for this from natural populations. Where speciation by sexual selection has occurred in newly diverged populations, we expect that there will be significant differences in female preferences and corresponding male display traits in the absence of substantial genetic and other morphological differentiation. Two allopatric populations of the Vogelkop bowerbird, Amblyornis inornatus, show large, qualitative differences in a suite of display traits including bower structure and decorations. We experimentally demonstrate distinct male decoration color preferences within each population, provide direct evidence of female preferences for divergent decoration and bower traits in the population with more elaborate display, and show that there is minimal genetic differentiation between these populations. These results support the speciation by sexual selection hypothesis and are most consistent with the hypothesis that changes in male display have been driven by divergent female choice.

Quelle: Sexual selection drives rapid divergence in bowerbird display traits

Hier wurde also untersucht, wie sich innerhalb der Art verschiedene Vorlieben durch die weibliche Selektion herausgebildet haben.

Male satin bowerbirds often destroy the bowers of other males. Bowers are a key element in male sexual display and their destruction represents a unique pattern of sexual competition. For two mating seasons bowers of displaying males were continously monitored to produce a complete record of bower destructions. The number of destructions at bowers and the amount of destruction of bowers were invesely correlated with bower quality. The best predictor of male bower destroying behaviour is male aggressiveness at feeding sites. Males directed most destructions at adjacent bower sites. These results show that male interactions are important in determining differences in the quality of display among male satin bower-birds, and are consistent with the view that females use bowers as indicators of male quality in mate choice.

Quelle: Bower destruction and sexual competition in the satin bowerbird (Ptilonorhynchus violaceus)

Hier hat man dann die Gegenseite: Wenn der schönste Bau die Herzen der Damen erobert, dann muss man zum einen einen solchen Bau errichten, aber gleichzeitig darauf achten, dass andere Männchen keinen schöneren haben. Zudem kann es einfacher sein, seinem Nachbarn einfach alle Materialien mit gleicher Farbe zu klauen statt sie selbst zusammenzusuchen. Was wiederum auch bedeutet, dass ein Männchen mit einem schönen Bau sich zudem noch gegen andere durchsetzten kann und seinen Bau verteidigen kann (Was wiederum ein Zeichen guter Gene ist)

Interessant ist auch, wie ausgereift die Bautechnik teilweise ist:

Sexual selection studies normally compare signal strengths, but signal components and sensory processing may interact to create misleading or attention-capturing illusions. Visual illusions can be produced by altering object and scene geometry in ways that trick the viewer when seen from a particular direction. Male great bowerbirds actively maintain size-distance gradients of objects on their bower courts that create forced-perspective illusions for females viewing their displays from within the bower avenue. We show a significant relationship between mating success and the female’s view of the gradient; this view explains substantially more variance in mating success than the strength of the gradients. Illusions may be widespread in other animals because males of most species display to females with characteristic orientation and distance, providing excellent conditions for illusions.

Quelle:  Illusions Promote Mating Success in Great Bowerbirds

Aus der Wikipedia noch dazu:

The most notable characteristic of bowerbirds is their extraordinarily complex courtship and mating behaviour, where males build a bower to attract mates. There are two main types of bowers. One clade of bowerbirds build so-called maypole bowers, which are constructed by placing sticks around a sapling; in some species, these bowers have a hut-like roof. The other major bowerbuilding clade builds an avenue type-bower made of two walls of vertically placed sticks. In and around the bower, the male places a variety of brightly colored objects he has collected. These objects — usually different among each species — may include hundreds of shells, leaves, flowers, feathers, stones, berries, and even discarded plastic items, coins, nails, rifle shells, or pieces of glass. The males spend hours arranging this collection. Bowers within a species share a general form but do show significant variation, and the collection of objects reflects the biases of males of each species and its ability to procure items from the habitat, often stealing them from neighboring bowers. Several studies of different species have shown that colors of decorations males use on their bowers match the preferences of females.

Uy and collaborators[who?] have shown that mate-searching females commonly visit multiple bowers, often returning to the male several times, watching his elaborate courtship displays and inspecting the quality of the bower and tasting the paint the male has placed on the bower walls[dubious – discuss]. Many females end up selecting the same male, and many under-performing males are left without copulations. Females mated with top-mating males tend to return to the male the next year and search less.

Man sieht an diesen Vögeln, dass eine genetisch vorgegebene Verhaltensweise – baue einen möglichst guten Bau bzw Wähle das Männchen mit dem besten Bau – entstehen kann und dann durch Lernen, Kopieren und Übung eine Fertigkeit erworben wird, diese Punkte umzusetzen. Man könnte hier von einer Bauwerk-Kultur sprechen, die aber deutliche biologische Wurzeln hat und insoweit nur Teile der Umsetzung betrifft

Sexy Son Hypothese

Die „Sexy Son Hypothese betrifft ein Partnerwahlkriterium innerhalb der sexuellen Selektion. Sie geht davon aus, dass es mitunter Vorteilhaft sein kann, einen Partner nur deswegen zu wählen, weil die Mehrheit der Frauen ihn „sexy“ findet, und das unabhängig davon, dass diese „Sexyness“ auf einem sonstigen evolutionär vorteilhaften Faktor beruht.

Sexuelle Selektion beruht auf abgespeicherten Attraktivitätsmerkmalen, die durch Vererbung weitergegeben werden.  Dadurch, dass die Personen, die auf dieses Merkmal stehen, sich Partner suchen, die dieses Merkmal in besonders großer Ausprägung besitzen, wird zugleich auf dieses Merkmal selektiert.

Reichert sich nun ein abgespeichertes Attraktivitätsmerkmal in der Gruppe an, dann wird die sexuelle Selektion noch verschärft

  • ein potentieller Partner, der das Merkmal nicht hinreichend ausgeprägt hat, wird immer weniger und auch weniger hochwertige Partner haben, die sich für ihn interessieren
  • er wird zudem das Merkmal auch nicht an seine Kinder des gleichen Geschlechts weitergeben, so dass auch diese keinen oder zumindest keine hochwertigen Partner finden werden.

Beide Effekte zusammen machen es noch attraktiver einen Partner zu suchen, der in Hinsicht auf Merkmale die der sexuellen Selektion unterliegen, besonders gut die Voraussetzungen erfüllt.

Bei der Wahl eines Partner mit besonders gut ausgeprägten Merkmal gilt:

  • es besteht die Chance, dass er das Merkmal an seine Kinder weitergibt und diese ebenfalls attraktiv werden
  • die Kinder mit dem Merkmal werden eine hohe Chance haben, qualitativ hochwertige Partner zu finden

Wenn die Kosten des Sex ungleich verteilt sind, etwa bei Säugetieren, bei denen die Frauen die höheren Fixkosten tragen, gleichzeitig aber nicht unbedingt eine gemeinsame Aufzucht des  Nachwuchses erforderlich ist, wenn also eine Beteiligung des Vaters nicht obligatorisch ist, um das Kind überhaupt durchzubekommen, dann kann gerade bei Männchen das Merkmal der sexuellen Selektion noch mehr ausgenutzt werden.

Weil ein Sohn theoretisch beliebig viele Nachkommen haben kann, während eine Tochter aufgrund des Austragens und des Stillens der Kinder wesentlich beschränkter ist, kann sich ein besonders anziehender Sohn noch mehr lohnen (daher der Name der Hypothese).

Nachteil einer solchen Strategie ist dann eben, dass sie sich für die Mutter gerade dann lohnt, wenn der Sohn sich nicht an eine andere Frau bindet und sie versorgt, sondern mit möglichst vielen Frauen möglichst viele Kinder bekommt. Dazu müsste sie aber im Endeffekt einen Vater aussuchen, der das gleiche mit ihr macht. Was natürlich bedeutet, dass sie dann auch wiederum die Kosten der Kinderaufzucht trägt.

Hier ist es im Prinzip reine Genmathematik: Solange die Nachteile, mit einer geringeren Chance Unterstützung zu bekommen, die Gene evtl nicht weiterzugeben bzw. nicht an einen Jungen  die Vorteile überwiegen, einen Sexy Sohn zu haben, der dann die Gene in ausreichender Zahl weitergibt,  hält sich eine entsprechende Genvariation.

Es kann sich also durchaus lohnen auf Casanovas/sehr schöne Männer ohne Bindungsabsichten zu stehen, hier wird dann sozusagen Attraktion höher gewertet als Komfort.

Zur Sexy Son Hypothese noch mal etwas aus der Wikipedia:

Female mating preferences are widely recognized as being responsible for the rapid and divergent evolution of male secondary sexual traits.[3] In 1976, prior to Weatherhead and Robertson’s paper,[4] Richard Dawkins had written in his book The Selfish Gene:

In a society where males compete with each other to be chosen as he-men by females, one of the best things a mother can do for her genes is to make a son who will turn out in his turn to be an attractive he-man. If she can ensure that her son is one of the fortunate few males who wins most of the copulations in the society when he grows up, she will have an enormous number of grandchildren. The result of this is that one of the most desirable qualities a male can have in the eyes of a female is, quite simply, sexual attractiveness itself.[5]

The idea is that if females choose physically attractive males, they will tend to get physically attractive sons, and therefore more grandchildren, because choosy females will prefer their attractive, „sexy“ sons. The theory will function regardless of the physical or behavioral trait a female chooses, as long as it is heritable, because it is possessing the trait that makes males attractive, and not the qualities of the trait in itself. Thus, traits culturally perceived as negative can still be seen as desirable; for example, females who stay with or are attracted to males they know to be disloyal in a monogamous relationship. If this trait is passed to any male children, they are more likely to themselves be non-monogamous, have several mates and spread the female’s genes to multiple grandchildren. The sexy son hypothesis is one of several possible explanations for the highly diverse and often astonishing ornaments of animals.[6][7][8]

Once a preference becomes established, females choosing males with elaborate secondary sexual traits will produce sons that carry alleles for the trait and daughters that carry alleles for the preference, generating genetic coupling that will drive self-reinforcing coevolution of both trait and preference, due to the mating advantage of males with the trait. Thus, the original viability benefits associated with the preference can be undermined by a Fisherian runaway sexy sons process.[8] Similar models have been proposed for postcopulatory female preferences, such as the time at which females removed the male’s sperm ampulla after mating. Sexual selection by direct and/or indirect benefits as well as sexual conflict determine the evolution of animal mating systems.[9]

In its original context, the „narrow-sense sexy son hypothesis“ of Weatherhead and Robertson refers to mating systems with care from both parents. In these mating systems, females that mate with a polygynous male normally receive less assistance than females mated with a monogamous male,[10] and thus suffer from direct fitness consequences that have to be (at least) compensated for by the breeding successes of their sexy sons. On the other hand, a „broad-sense sexy son hypothesis“ encompasses both polygyny and promiscuous mating systems, with and without care from both parents. Alatalo (1998)[11] argues that the costs of any additional choice may be so minor that female choice for honestly signaling males, that is good genes, may evolve even if the indirect benefits on offspring quality are small. A similar argument can be made for the sexy son hypothesis if mates of attractive males do not suffer any direct fitness consequences

Sexuelle Selektion und Vererbbarkeit

Über Heinz bin ich auf einen Artikel in der TAZ von Cord Richmann aufmerksam geworden, in dem es heißt:

Die sexuelle Selektion hat mit Natur nicht viel zu tun. Charles Darwin schrieb eigentlich Kulturgeschichte.

Sexuelle Selektion ist aber mehr als eine Kulturgeschichte. Denn Kultur impliziert, dass man sie frei verändern kann, dass sie nur einem Geschmack darstellt. Dies ist aber so nicht richtig. Viele Merkmale einer sexuellen Selektion starten sicherlich durch Zufälligkeiten und freie Wahl, meist aber stellen sie ein „ehrliches Signal“ im Sinne der Signaling Theorie dar und sind insoweit ein Kennzeichen für die Fitness des jeweiligen Individuums. Nur wenn solche Signale als Attraktivitätsmerkmal bei dem wählenden Geschlecht gespeichert sind, lohnen sich die Kosten für das andere Geschlecht, sie zu produzieren. Handelt es sich nur um eine reine Mode, dann ist die Gefahr zu hoch, dass irgendwann das Merkmal unattraktiv wird und die hohen Investitionskosten sich nicht mehr auszahlen. Der Pfauenschwanz als klassisches Element der sexuellen Selektion ist damit nur erklärbar, wenn die Vorliebe vererbbar ist.

Dies deutet der TAZ-Artikel dann auch im weiteren Verlauf zumindest an:

Das heißt aber nicht, dass sich nicht bestimmte Vorlieben über eine Population verbreiten können und so, über Generationen verfestigt, so etwas wie eine Wahlregel etablieren. Darwin findet sie selbst beim Menschen. Unsere Haarlosigkeit sieht er als ein Produkt genau jenes Vermögens der Wahl, das er bei den Pfauenhennen fand.

Allerdings wird deutlich, dass der genaue Zusammenhang durch den Autor nicht verstanden wurde:

Mit Stärke oder Gesundheit sind diese Merkmale bei Darwin nicht konnotiert. Und wenn man sich an seine Bemerkung über die Plan- und Regellosigkeit des Evolutionsprozesses erinnert, dann kann man aus seinen Gedanken nicht einmal schließen, dass Weibchen immer Männchen wählen müssen oder umgekehrt. Möglich bleibt alles, was sich zur Wahl anbietet. Und die Wahl trifft ein Individuum, keine Art, keine Rasse und auch kein Naturgesetz. In Darwins Konzeption kennt das Vermögen zur Wahl im sexuellen Geschehen keine normativen Vorgaben wie das Gute oder Gesunde. Die Natur verfährt ungeregelter, freier in ihrem Evolutionsprozess, als es die Gesetze der menschlichen Gesellschaften tun. Einfach auch deshalb, weil die sexuelle Selektion kein Naturgesetz ist. Sie kann, muss aber nicht stattfinden.

Die sexuelle Selektion muss zum Zeitpunkt der Entstehung in der Tat nicht stattfinden. Aber in der Evolutionsbiologie werden die Wahlkriterien behandelt, die inzwischen bereits verfestigt sind. Das Merkmal, dass der sexuellen Selektion unterliegt, bleibt damit attraktiv, sofern nicht eine neue Mutation auftritt, die dies ändert. Dass die Wahl damit durch das Attraktivitätsmerkmal beeinflusst wird ist dann quasi ein Gesetz. Das sexuelle Selektion Vererbbarkeit voraussetzt ist in der Biologie auch nahezu einhellige Meinung. Auch sexuelle Selektion beim Menschen muss daher von einer Vererbbarkeit ausgehen. Das Attraktivitätsmerkmal kann nicht plötzlich unattraktiv werden. Pfauenschwanze werden für Pfauenhennen nicht aus der Mode geraten.