Katharina Schulze zu einer Tat, bei der ein Mann 2 Frauen und drei Männer erschossen hat: Es ist ein Femizid

In Kitzbühl hatte sich eine schreckliche Tat ereignet:

Die 19-jährige Ex-Freundin hatte sich laut Polizei vor zwei Monaten von dem 25-Jährigen getrennt. Nach der Bluttat hatte sich der 25-Jährige bei der örtlichen Polizei am Sonntagmorgen gestellt. „Ich habe soeben fünf Personen ermordet“, sagte der Einheimische, als er auf der Wache erschien. Der mutmaßliche Täter habe somit seine Ex-Freundin, deren neuen Freund, die Eltern und den Bruder der Ex-Freundin erschossen. (…)

„Es geht uns allen sehr schlecht, auch meinem Sohn“, sagte die Mutter des Tatverdächtigen dem Portal RTL.de. Ihr Sohn und die 19-Jährige seien seit fünf Jahren zusammen gewesen und hätten im kommenden Jahr heiraten wollen. Laut Polizei hatte sich das Paar vor zwei Monaten getrennt.

In der evolutionären Theorie würde man das unter „Mate Guarding“ (also das „Abschirmen“ des Partners) einordnen. Es ist natürlich eine schreckliche Tat,  und das die Täter in den meisten Fällen Männer sind ist auch nicht wegzudiskutieren.

Lucas greift eine Reaktion von der Grünen-Politikerin und Feministin Katharina Schulze auf

Ein Femizid, bei dem 2 Frauen und 3 Männer sterben. Das allein zeigt eigentlich schon, dass sie eine sehr merkwürdige Wertung vornimmt.

Die Endung „-zid“ hat folgende Bedeutung:

Bedeutungen:

[1] Wortbildungselement mit der Bedeutung tötendvernichtend
[2] Wortbildungselement mit der Bedeutung TötungMord

Es ist aus meiner Sicht etwas ein „Modewort“ in Teilen des Feminismus geworden alle Taten, bei denen Frauen Opfer waren, als Femizid zu bezeichnen, was erkennbar nicht nur die Tötung einer Frau darstellen soll, sondern eine Art „Vernichtung der Frau“ ähnlich wie ein Genozid auch nicht vorliegt, wenn ein Vertreter eigens Volkes getötet wird, sondern wenn dahinter die Absicht, der Plan oder zumindest der mögliche Erfolg stehen soll, möglichst viele Vertreter dieser Gruppe zu töten.

Was natürlich Blödsinn ist: Niemand möchte die Gruppe Frau vernichten oder auslöschen, weitaus eher sind Männer in höherer Zahl Opfer von Gewalttaten, aber selbst dann sind die prozentualen Zahlen in zivilisierten Gesellschaften so gering, dass es absurd ist so zu tun als wäre es in irgendeiner Form mit einem Genozid vergleichbar.

Wenn man etwas als einen „Geschlechter“zid bezeichnen möchte, dann vielleicht die Schützengräben des ersten Weltkrieges oder andere erbarmungslose Schlachten der Geschichte. (wäre das ein „Maskuzid“?)  aber auch da trifft es nicht zu, denn man wollte ja gerade nicht Männer vernichten, weil man etwas gegen die Gruppe Mann hatte.

Genau so wenig dürfte der Täter hier etwas gegen die Gruppe Frau gehabt haben: Er konnte es anscheinend schlicht nicht ertragen, dass DIESE Frau ihn nach fünf Jahren verlassen hat und hat deswegen sie, den aus seiner Grund bestehenden Grund der Trennung und vermutlich die anderen Anwesenden erschossen. Das ist keine Rechtfertigung seiner Tat, es geht nur darum, dass er die Tat nicht gegen Frauen gerichtet hat.

Dagegen wird man ihm Feminismus oder aus Sicht der Frau Schulze vielleicht einwenden, dass ja Täter solcher „Beziehungstaten“ ganz überwiegend Männer sind und deswegen eine Tat der Gruppe Männer gegen die Gruppe der Frauen vorliegt, was die Bezeichnung Femizid rechtfertige: Nur Männer würden sich so gegenüber Frauen verhalten.

Aber das verkennt ja wieder einmal, dass da kein gemeinsamer Plan dahinter steckt, dass es äußerst selten vorkommt und eben gerade deswegen darüber berichtet wird, weil es eine seltene Tat ist.

Dagegen wiederum wird dann angeführt, dass es keineswegs selten sei:

Das „jeden Tag“-Argument ist angesichts von ca. 7.600.000.000 Menschen auf dieser Erde und 365 Tagen ein sehr schlechtes Argument. Alles, was einem mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 0,0000048%  Wahrscheinlichkeit passieren kann, passiert damit im Durchschnitt einem Menschen pro Tag. Und selbst auf Deutschland bezogen liegt die Wahrscheinlichkeit für etwas, was einmal am Tag passiert bei 80.000.000 Menschen bei 0. 00045%.

Oder zu dem Tweet:

Das sind dann 87.000 Tötungen zu  von 3.800.000.000 Frauen. Also 0,002% Im gleichen Zeitraum wurde etwa die dreifache Anzahl von Männern ermordet. Allein(!) in Brasilien jedes Jahr etwa 45.000. Von einem wasauchimmer-zid ist das weit entfernt. 

Aber es ist aus der Sicht derjenigen, die eine Opferhaltung leben wollen, natürlich ein sehr hilfreiches Wort.

Ingbert Jüdt: Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

Djadmoros oder auch Ingbert Jüdt stellt sein Buch

Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus: Band 1: Plädoyer für eine Historisierung

vor. Er hat die Grundstruktur bereits bei Geschlechterallerlei dargelegt.

1. Vorweg:

Nachdem ich Anfang September auf Geschlechterallerlei das baldige Erscheinen meines Buches angekündigt habe, möchte ich nun, da es mittlerweile in der Print-Version bei Books on Demand bestellbar ist (die Ebook-Version braucht anscheinend etwas länger) und auch im Buchhandel und bei Amazon gelistet wird, Christians freundliches Angebot nutzen, hier auf »Alles Evolution« einen Buchauszug zu präsentieren. Ich wähle dazu einen Abschnitt, in dem es um Alice Schwarzer, Esther Vilar und Erin Pizzey geht (Seite 78-92), und in dem ich ein Beispiel für meine zentrale These gebe, dass Feministinnen den Mann mit der Gesellschaft verwechseln.

Gegenüber der früheren Ankündigung habe ich eine nicht unwesentliche Veränderung vorgenommen: das bisherige Kapitel 2, »Psychoanalyse zwischen Hermeneutik und Naturwissenschaft« lasse ich auf einen wohlbegründeten Ratschlag hin in dieser Form entfallen – es ist zu langwierig, zu theoretisch und inhaltlich an wichtigen Punkten nicht sauber genug ausgearbeitet. Teile der Argumentation werden aber in andere Kapitel einfließen, insbesondere in das jetzt unter der Nummer 2 geplante Kapitel über die »kulturelle Exzentrizität des Mannes«. Auch den Untertitel (bzw. Bandtitel) habe ich geändert: er lautet nun »Plädoyer für eine Historisierung«. Im Rahmen der geplanten Reihe fungiert der erste Band zwar als Einleitung, da er aber eine selbständige Argumentation entwickelt, gibt es keinen Grund, ihn so zu  nennen.

Damit gliedern sich Buch und geplantes Gesamtwerk nunmehr wie folgt:

Vorwort
1 Einleitung
1.1 Eine Revolution der expandierenden Erwartungen
1.2 Der Mythos vom Patriarchat
1.3 Der Niedergang des Feminismus
1.3.1 Emanzipation der Bürger
1.3.2 Emanzipation der Arbeiter
1.3.3 Emanzipation der Frauen
1.3.3.1 Historische Voraussetzungen einer Entstehung der Frauenbewegung im Okzident
1.3.3.2 Natur und Bildung: die bürgerliche Form der Frauenbewegung
1.3.3.3 Arbeit als Emanzipation: die sozialistische Form der Frauenbewegung
1.3.3.4 Im Narzissmus gestrandet: Frauenbewegung und Feminismus nach der »zweiten Welle«
1.4 Plan des Gesamtwerks
Literaturverzeichnis

1 Plädoyer für eine Historisierung
2 Die kulturelle Exzentrizität des Mannes
3 Der Mythos vom Matriarchat
4 Der Mythos von der Entstehung des Patriarchats
5 Der Mythos von der männlichen Herrschaft im Patriarchat
6 Der Mythos vom modernen Patriarchat
7 Der Mythos von der politischen Unschuld des Feminismus

2. Der Auszug

Die Grundstruktur, die ich aufzeigen will, ist die Kehrseite der feministischen Selbstverpflichtung, den Standpunkt der weiblichen Subjektivität ernst zu nehmen und ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die weibliche Subjektivität ins Zentrum zu rücken, führt dazu, die männliche Subjektivität an den Rand zu drängen. Dagegen ist im Sinne einer journalistischen Perspektivwahl zunächst nichts weiter einzuwenden. Es gehört zu den ureigenen Aufgaben des Journalismus, solche Schwerpunkte zu setzen und Schlaglichter zu werfen. Problematisch wird diese Schwerpunktsetzung dann, wenn sie über den journalistischen Kontext hinaus implizit oder explizit auf analytische Modelle und auf die Grundkoordinaten der Weltwahrnehmung ausgedehnt wird. In diesem Moment wird die Perspektive der Frau auf den Mann zum Stellvertreter der Perspektive der Feministin auf die Gesellschaft. Es wird dann unterstellt, dass die Perspektive des Mannes mit der Perspektive der Gesellschaft in eins falle – weil der Mann über die Frau »herrsche«. Und weil diese Herrschaft seinen Interessen entspreche und sein Privileg darstelle, darum sei diese Herrschaft mit der Struktur der Gesellschaft identisch, weshalb nicht nur von einer patriarchalischen Geschlechterbeziehung, sondern von einer »patriarchalen Gesellschaft« gesprochen werden könne – mithin vom »Patriarchat«. Diese Konstruktion birgt jedoch die Gefahr in sich, dass die beabsichtigte kritische Analytik kurzschlüssig und unmittelbar aus der Phänomenologie abgeleitet wird und daher in ihr befangen bleibt. Kürzer formuliert: Alice Schwarzer nimmt die wahrgenommene Beziehung der Frau zum Mann für die reale Struktur der Gesellschaft. Ihre regelmäßig wiederkehrende Formulierung »Männergesellschaft« ist ein Ausdruck dieser analytischen Konfusion. Dieses Unterlaufen der eigentlich erforderlichen analytischen Distanz ist aber genau das, was es Alice Schwarzer und anderen Radikalfeministinnen ermöglicht, sich in einem auf einer simplen binären Unterscheidung beruhenden, mythischen Koordinatensystem einzurichten. Dass es sich um ein mythisches Koordinatensystem handelt, lässt sich insbesondere daran zeigen, dass es von Anfang an gegen empirische Einwände verriegelt ist: Es geht nicht mehr nur darum, einer zu kurz gekommenen Perspektive weiblicher Subjektivität aufzuhelfen, sondern darum, in demselben Sinne, wie wir das oben für die »68er«-Bewegung generell beschrieben haben, eine Legitimierung und Beglaubigung feministischer Aktivitäten zu erwirken, indem eine binäre, dichotome, gleichsam »manichäische« Gegenüberstellung der Geschlechter zum sakrosankten Fundament der gesamten Weltwahrnehmung erklärt wird. Worin diese »Verriegelung gegen empirische Einwände« besteht, möchte ich nun an einigen Beispielen erläutern:

Im zweiten der Protokolle des »Kleinen Unterschieds« stellt sich im Verlauf des Gesprächs heraus, dass »Renate A., 33 Jahre, Hausfrau und Putzfrau, fünf Kinder, Ehemann Hilfsarbeiter« im Alter von elf oder zwölf Jahren von ihrem Vater über einige Jahre hinweg sexuell missbraucht worden ist. Die Tochter hatte dieses Trauma als »sexuelle Aufklärung« rationalisiert: »Ich weiß nur noch, dass er mich aufgeklärt hat. Aber richtig, gleich mit Kontakt, und so, dass ich geblutet hab.«[Fußnote 1] Als Schwarzer nachhakt, stellt sich heraus, dass es sich tatsächlich um einen länger anhaltenden sexuellen Missbrauch gehandelt hat: »Der Vater nötigte das kleine Mädchen mit einer Mischung aus Drohungen und Lockungen, mit Schlägen und Geschenken dazu, es sich gefallen zu lassen und zu schweigen.«[Fußnote 2] Mit fünfzehn Jahren gelingt es der Tochter, aus dieser Missbrauchsbeziehung auszubrechen, indem sie sie der Mutter schildert, die den Vater daraufhin anzeigt. Im Kommentar zu diesem Protokoll weist Schwarzer darauf hin, dass es dennoch die Tochter ist, die sich ein schlechtes Gewissen macht, weil der Vater zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. »Nicht der Vater, sondern das ausgelieferte kleine Mädchen hat deswegen noch ein schlechtes Gewissen – es wird ihr von ihrer Umwelt aufgezwungen, die ihr die ›Schande‹ zuschreibt, nicht dem Vater. Sie ist die Nutte.«[Fußnote 3] Im Bedürfnis, diese Skandalisierung noch zu steigern, schreibt Schwarzer sodann:

»Man stelle sich den Fall umgekehrt vor: Mutter missbraucht jahrelang Sohn. Niemand hätte den Jungen verachtet, die Mutter aber wäre reif für die Psychiatrische gewesen – aus der man bekanntlich schwerer wieder herauskommt als aus dem Gefängnis.«[Fußnote 4]

Als Alice Schwarzer dies im Jahre 1975 schreibt, ist Andreas Marquardt, geboren 1956, ein Kampfsportler und gewalttätiger Zuhälter und damit ein Inbegriff des von Schwarzer angeprangerten »Patriarchats«, bereits neun Jahre lang, vom siebten bis zum sechzehnten Lebensjahr, von seiner Mutter sexuell missbraucht worden. Eine Chance, dafür auch nur Glauben zu finden, geschweige denn seine Mutter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen und ins Gefängnis zu bringen, hatte er zu dieser Zeit nie, selbst nach der Jahrtausendwende war es noch schwierig genug. Seine Mutter hat er als Erwachsener, drei Wochen vor ihrem Tod, noch damit konfrontiert. Zu einer juristischen Aufarbeitung kam es darum aber nicht mehr. Was Alice Schwarzer hier behauptet, könnte daher von der Realität nicht weiter entfernt sein: Die Drohungen von Marquardts Mutter, ihren Sohn »ins Heim zu stecken« oder ihn der Lüge zu bezichtigen, waren, wenn man die Resultate vergleicht, wesentlich effektiver, als sie es bei dem geschilderten Missbrauch der Tochter durch ihren Vater gewesen war.

»Na, was meinst Du wohl, wem man mehr glaubt, einer Mutter oder dem missratenen Sohn, der nichts anderes als seinen Sport im Kopf hat? Sieh dich vor, mein Bürschchen! Was du vorhast, ist Verrat. Plapperst du auch nur ein Sterbenswörtchen aus, gebe ich dich weg, ich sorge dafür, dass du ins Heim kommst.«[Fußnote 5]

Anders als das Mädchen hatte dieser Junge nicht die geringste Chance, mit 15 Jahren eine Anschuldigung auszusprechen und seine Mutter zur Rechenschaft ziehen zu lassen. Marquardts Mutter wäre nicht »in die Psychiatrische« gekommen – die Gesellschaft hätte jede Anklage gegen sie als Ungeheuerlichkeit »gegenüber der eigenen Mutter« empfunden – und damit den anklagenden Sohn verachtet. Nicht für das, was ihm widerfahren ist, sondern dafür, dass er ausgesprochen hätte, was ihm widerfahren ist – so wie noch in den 1990er Jahren, als er wegen seiner Gewaltexzesse gegen Frauen vor Gericht stand:

»Als der Richter mich fragte, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen hätte, erzählte ich die Geschichte mit Mutter. Vermutlich reagierte er genauso skeptisch wie die meisten Leute im Saal, das war an den verständnislosen Blicken abzulesen. Was erzählt der Typ denn da über seine Mutter? So was macht eine Mutter doch nicht! Alle schauten mich an, als würde ich mich mit einer Gruselgeschichte interessant machen wollen.«[Fußnote 6]

Der Unterschied zwischen beiden Fällen besteht in einem gesellschaftlichen Tabu, welches den sexuellen Missbrauch durch Mütter für unmöglich erklärt, während dem Mann dasselbe ganz selbstverständlich zugetraut wird – ein Tabu, das Schwarzer nicht nur nicht hinterfragt, sondern aktiv reproduziert. Man könnte nun einwenden, dass das eben nicht dem damaligen Stand des Wissens entsprach und es darum unfair sei, Schwarzer diesen Vorwurf zu machen. Tatsächlich ist es aber bis zum heutigen Tag schwer, dieses Tabu zu überwinden, und zwar wesentlich darum, weil eine feministische Ideologie tatkräftig zu seiner Befestigung beigetragen hat. Das wird auch durch den Bericht der Pädophilie-Kommission der Grünen von 2015 bestätigt, aus dem klar hervorgeht, dass Jungen als Opfer pädosexueller Gewalt aus ideologischen und taktischen Gründen vernachlässigt wurden[Fußnote 7]. Es ist die mythische Struktur des radikalfeministischen Denkens, welche es darauf festlegt, nicht in analytischer Distanz generell nach den Orten, Zeiten, Tätern und Opfern von sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und häuslicher Gewalt zu fragen, sondern darauf, sich in manichäischer Weise auf den Missbrauch von Töchtern durch Väter, auf die Vergewaltigung von Frauen durch Männer und auf die häusliche Gewalt von Männern gegen Frauen zu beschränken – weil alle Feministinnen bereits »wissen«, dass die »Gesellschaft« eben ein »Patriarchat« ist. Bei Alice Schwarzer hätten wir womöglich sogar damit rechnen müssen, dass sie eine Beschuldigung von Andreas Marquardt gegen seine Mutter als Versuch eines Sohnes gewertet hätte, »patriarchale Macht« gegen sie auszuüben. Schließlich mag der Einwand erhoben werden, dass die Frauenbewegung dieses Tabu, wenn es damals bereits in Kraft war, wohl kaum selbst erfunden haben könne. Das ist zutreffend, legt aber nahe, dass der Feminismus nicht, wie beansprucht, die Mythen der bürgerlichen Geschlechtsrollen überwunden, sondern sie mindestens teilweise selbst in Anspruch genommen hat. Wichtige Teile des »Mythos vom Patriarchat«, nämlich eine Idealisierung der Frau und eine tiefsitzende Männerverachtung, gehen offenbar auf unkritisch weitergeführte ältere Bestandteile der bürgerlichen Ideologie zurück. Wir werden darauf noch ausführlich zurückkommen.

Auf eine analoge Entwicklung stoßen wir beim Thema der häuslichen Gewalt. In der Einleitung zu dem 2007 auf Englisch und 2013 auf Deutsch erschienenen Handbuch »Familiäre Gewalt im Fokus« schreiben die Herausgeber Hamel und Nicholls:

»Auf dem Gebiet der häuslichen Gewalt findet eine Revolution statt. Eine wachsende Anzahl von Forschungsergebnissen stellt in aller Ruhe und ohne großes Aufsehen einige der meistgeschätzten und am längsten bestehenden Annahmen in Frage, die die Voraussetzung für Gesetzgebung und Intervention zu familiärer Gewalt bilden … . Untersucht wird dabei die Rolle, die von Frauen ausgeübte (verbale, emotionale und physische) Gewalt in der Dynamik von Partnerschaften spielt, sowie die systemischen Eigenschaften des Missbrauchs von Partnern in Paarbeziehungen und Familien und die Grenzen von ideologisch geprägten, nach ›Einheitsmodellen‹ (one-size-fits-all) operierenden Behandlungs- und Therapieansätzen.«[Fußnote 8]

Mehrere Aspekte sind hervorzuheben: Erstens ist das quantitative Verhältnis der Beziehungsgewalt völlig anders als lange Zeit angenommen: Nach heutigen Erkenntnissen müssen wir davon ausgehen, dass von Männern und Frauen ausgeübte häusliche Gewalt ungefähr gleichverteilt ist, wobei einseitig ausgeübte Gewalt sogar häufiger von Frauen ausgeht.[Fußnote 9] Zweitens wird die Perspektive einer einseitigen und hierarchischen Gewaltbeziehung durch die systemische Perspektive einer wechselseitigen Verstrickung in Gewalt und einer beidseitigen Verantwortung für Kommunikationsverhalten ersetzt. Drittens wird für das Zustandekommen der bisherigen verkürzten Sicht auf den Problembereich ausdrücklich eine »Patriarchatshypothese« als ursächlich gesehen. Die von Susan Brownmiller in Bezug auf Vergewaltigungen formulierte Behauptung, Vergewaltigung sei

»nicht mehr und nicht weniger als eine Methode bewußter systematischer Einschüchterung, durch die alle Männer alle Frauen in permanenter Angst halten«[Fußnote 10],

kann auch in Bezug auf Beziehungsgewalt als ein locus classicus der Patriarchatsthese gelten. Die jüngeren empirischen Befunde sprechen freilich klar dagegen,

»darunter jene, die zeigt, dass nur 9,6 Prozent aller Paare in den Vereinigten Staaten männlich dominiert sind, jene, die zeigt, dass Frauen mindestens ebenso gewalttätig sind wie Männer, dass Frauen mit höherer Wahrscheinlichkeit brutale Gewalt gegen nicht gewalttätige Männer einsetzen als im umgekehrten Fall, dass eher Machtlosigkeit als Macht im Zusammenhang mit Gewalt von Männern steht, und dass keinerlei Datenmaterial die Vorstellung stützt, die Männer in Nordamerika fänden Gewalt gegen ihre Ehefrauen akzeptabel. (…) Und schließlich sind Missbrauchsfälle in lesbischen Beziehungen häufiger als in heterosexuellen Beziehungen, was darauf hindeutet, dass der Intimität und den psychologischen Faktoren, die diese regulieren, mehr Bedeutung zukommt als dem Sexismus.«[Fußnote 11]

Dennoch ist diese einseitige Sichtweise im sogenannten Duluth-Modell für die Handhabung von Beziehungsgewalt durch amerikanische Behörden zur offiziellen und verbindlichen Vorgabe geworden: »Dem Duluth-Modell zufolge müssen alle Männer, ungeachtet der ätiologischen Unterschiede, wie patriarchale Terroristen behandelt werden.«[Fußnote 12]

Auch hier könnte der Einwand kommen, dass diese Befunde in den 1970er Jahren eben noch nicht verfügbar waren. Es trifft sicher zu, dass es damals keine entsprechend breite Datenbasis gab. Was es aber gab, waren Einsichten aus der Praxis, insbesondere diejenigen der Gründerin der britischen Frauenhausbewegung, Erin Pizzey, die vom Anfang der 1970er Jahre stammten:

»Jede Zuflucht war besser als keine, aber es beunruhigte mich, dass Menschen, die an solchen Orten arbeiteten, die Vorstellung verbreiteten, dass alle Frauen unschuldige Opfer der Gewalt von Männern seien. Von den ersten hundert Frauen, die durch unsere Türen kamen, waren zweiundsechzig so gewalttätig wie die Männer, die sie zurückgelassen hatten. Ich musste mich der Tatsache stellen, dass den Männern immer die Schuld für die Gewalt innerhalb einer Familie gegeben werden würde und dass … man Falschaussagen gegen sie machen würde und dass man jedesmal den Frauen glauben würde.«[Fußnote 13]

Pizzey wies darauf hin, dass es zwei Typen von Klientinnen gab: diejenigen, die nach einer Gewalterfahrung das Frauenhaus so bald wie möglich wieder verließen und ihre Partnerwahl anpassten, und diejenigen, die in schwer zu durchbrechende Gewaltzyklen verstrickt waren, an deren Zustandekommen sie beteiligt waren.

»Für Gewalt anfällige Frauen kehren in der Regel oft nach Hause zurück und nutzen in ihren weiteren Kämpfen gegen ihre Partner ein Frauenhaus oft als Drehtür. Wenn sie gehen, stehen die Chancen gut, dass sie sich sehr schnell in einer anderen gewalttätigen Beziehung wiederfinden.«[Fußnote 14]

Für unsere Argumentation bedeutsam ist die Feststellung, dass diese Erkenntnisse von den damaligen Feministinnen nicht nur nicht zur Kenntnis genommen, sondern aktiv unterdrückt wurden:

»Wie zu erwarten machte mich diese Theorie zu einer Hassfigur, und Journalistinnen, die zu mir kamen, weigerten sich im Allgemeinen, zu veröffentlichen, was ich zum Thema Frauen mit gewalttätigen Tendenzen zu sagen hatte. Die meisten Interviewer waren Feministinnen, und ich hatte damals den Eindruck, dass die Erkenntnisse unserer Arbeit – so umstritten sie auch damals waren – niemals ans Tageslicht kommen würden.«[Fußnote 15]

Die britische Frauenhausbewegung wurde von der radikalfeministischen Fraktion gekapert, die sich bald erfolgreich um staatliche Gelder bemühte und sie in ihren eigenen Aufbau von Infrastrukturen steckte. Ein Versuch von Pizzey, Gelder für ein Gewaltschutzprojekt aufzutreiben, das Männern zugutekommen sollte, blieb aussichtslos. Die Anfeindungen gegen Pizzey nahmen schließlich so sehr zu, dass ihre Post von der Polizei routinemäßig auf Briefbomben hin überprüft wurde. Der Anlass war das Eintreffen eines Päckchens ohne äußerlich erkennbaren Absender, von dem sich schließlich nach polizeilicher Untersuchung herausstellte, dass es ein unverlangt gesendetes Stück Tofu als Warenprobe enthielt.

»Ich kam mir ziemlich blöd vor, aber der höchst unangenehme Aspekt dieses Vorfalls war, dass der diensthabende Polizist sagte da ich eine umstrittene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sei, müsse von nun an alle meine Post und Pakete zunächst vom Bombenkommando untersucht werden. Erst dann würde es Briefe und Pakete an mich weiterleiten.«[Fußnote 16]

1981 entschloss sie sich schließlich, Großbritannien zu verlassen und in die USA überzusiedeln. Pizzeys Beispiel zeigt, dass die Entstehung der neuen Frauenbewegung mit einer durchaus gewaltsamen Verdrängung ideologisch abweichender Standpunkte verbunden gewesen ist. Diese Tendenz zur ideologischen Schließung betraf nicht nur Reizthemen wie die häusliche Gewalt, sondern war in den Frauenprojekten generell zu finden.

»Da die Frauen auf Regularien, Satzungen und formale Hierarchien verzichteten, ersetzte Gruppendynamik formale Verhaltensregeln, so dass verdeckte Machtstrukturen sich ungebremst und unkontrolliert durchsetzten – wer aus den Aktionen und Interpretationen der Frauengruppe ausscherte, wurde geschnitten oder sogar aktiv angegriffen.«[Fußnote 17]

Eine gewaltbesetzte Urszene der Etablierung des Mythos vom Patriarchat in Deutschland ist die Auseinandersetzung zwischen Alice Schwarzer und Esther Vilar. Vilar hatte 1971 die polemische Streitschrift »Der dressierte Mann« veröffentlicht, in dem sie die radikalfeministische These einer Unterdrückung der Frauen durch die Männer umkehrte. Tatsächlich, so behauptete sie, sei der typische berufstätige Mann ein manipuliertes, dressiertes Wesen, das von seiner Frau dazu gebracht würde, sich ein Leben lang im Erwerbsleben abzurackern, um ihr ein Leben ohne eigene Erwerbsarbeit zu ermöglichen.

»Was ist der Mann? Der Mann ist ein Mensch, der arbeitet. Mit dieser Arbeit ernährt er sich selbst, seine Frau und die Kinder seiner Frau. Eine Frau dagegen ist ein Mensch, der nicht (oder nur vorübergehend) arbeitet. Die meiste Zeit ihres Lebens ernährt sie weder sich selbst noch ihre Kinder, geschweige denn ihren Mann. Alle Eigenschaften eines Mannes, die der Frau nützen, nennt sie männlich, und alle, die ihr nicht nützen und auch sonst niemandem, nennt sie weibisch. Der äußeren Erscheinung eines Mannes wird deshalb nur dann Erfolg bei den Frauen beschieden sein, wenn sie männlich ist, das heißt, wenn sie ganz auf den einzigen Daseinszweck des Mannes, die Arbeit, abgestimmt und dermaßen gestaltet ist, daß er jeder Aufgabe, die man ihm stellen könnte, jederzeit nachkommen kann.«[Fußnote 18]

Der polemische Charakter des Textes ist offensichtlich. Dennoch formuliert er Einsichten, denen gegenüber sich die feministische Perspektive blind stellt, nämlich dass der Mann auf seine eigene Weise in Abhängigkeiten und Unterwerfungsbeziehungen steckt, denen er nicht entrinnen kann, weil er über die ihm im Zerrbild vom »Patriarchen« unterstellte Machtfülle und Machtvollkommenheit gar nicht verfügt. Vilar weist auf die Ironie der feministischen Kritik hin:

»So absurd es klingt: In der heutigen Welt brauchen die Männer die Feministinnen weit dringender als ihre Ehefrauen. Sind diese doch die letzten, die sie noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen – eigenwillig, machtbesessen, rücksichtslos und ohne jede Hemmung, wenn es um die Befriedigung ihrer animalischen Instinkte geht. (…) Ohne ihre unermüdlichen Anklagen gäbe es den ›Macho‹ höchstens noch im Kino.«[Fußnote 19]

Es sind solche Einsichten, die sich genau an jenem blinden Punkt der feministischen Perspektive befinden, an dem ihr die Sicht auf die Gesellschaft durch die Sicht auf die Beziehung der Frau zum Mann verstellt wird. Das gesellschaftliche System, in dem Männer und Frauen gleichermaßen und gemeinsam leben, fällt nicht mit der Position des Mannes in eins, und seine Eigenschaften leiten sich nicht allein aus angeblich ausschließlich von Männern gestalteten Machtbeziehungen zu Frauen her. Vilars These nimmt vorweg, was systematisch und ohne Polemik erst gut zwanzig Jahre später von Warren Farrell in »The Myth of Male Power« ausformuliert wurde: dass man die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung durchaus so bilanzieren kann, dass auch die männlichen Kosten einer Zugehörigkeit zur Zivilisation sichtbar werden, die zwar anders als die weiblichen Kosten beschaffen, aber darum keineswegs geringer sind. Farrell zufolge sind Männer »the disposable sex«, wobei sich die Bedeutungsvielfalt von »disposable« von »frei verfügbar« und »disponibel« über »entbehrlich« bis hin zu »wegwerfbar« und »Einweg-« erstreckt.[Fußnote 20] Sinngemäß wäre auch noch »verheizbar« passend. Dadurch relativiert sich auch die von der Frauenbewegung skandalisierte ökonomische Abhängigkeit der Frau vom Mann. In Vilars Worten: »Der Mann ist der Frau nicht wichtig genug, daß sie sich gegen ihn auflehnt. Ihre Abhängigkeit von ihm ist ja nur materieller, gewissermaßen ›physikalischer‹ Art. Es ist die Abhängigkeit des Touristen von seiner Fluggesellschaft, eines Wirts von seiner Kaffeemaschine, eines Autos vom Benzin, eines Fernsehgeräts vom Strom. Solche Abhängigkeiten bereiten keine Seelenqualen.«[Fußnote 21] Vilar plädiert im Kern dafür, das Verhältnis von Männern und Frauen zumindest in der modernen Erwerbsgesellschaft nicht als ein hierarchisches, sondern als ein komplementäres Verhältnis zu betrachten. Die moderne Gesellschaft für ein »Patriarchat« zu halten, ist ihr zufolge daher unsinnig. Auch diese These werde ich in einem eigenen Kapitel ausführlich verteidigen. An dieser Stelle lege ich Wert auf die Feststellung, dass – ganz analog zur Problematik der häuslichen Gewalt – die grundsätzliche Intuition, dass die radikalfeministische Perspektive ein radikal schiefes und radikal einseitiges Bild auf das Geschlechterverhältnis zeichnet, bereits Anfang der 1970er Jahre verfügbar war, und dass diese Intuition gewaltsam aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt wurde. Exemplarisch für diese Gewaltsamkeit ist nicht nur die gegen Vilar ausgeübte physische Gewalt (sie wurde auf der Toilette der Münchner Staatsbibliothek von vier Frauen zusammengeschlagen), sondern insbesondere das im Februar 1975 vom WDR übertragene, unmoderierte Streitgespräch zwischen Vilar und Schwarzer: »Alice kontra Esther«[Fußnote 22]. Dieses Streitgespräch hat Schwarzer im »Kleinen Unterschied« auf folgende Weise kommentiert:

»Mit der Irrationalität der Männer habe ich selbst eine besonders exemplarische Erfahrung dank der Fernsehdiskussion mit Esther Vilar machen dürfen. Da wurde in den Medien von Springer bis ›Vorwärts‹ nicht etwa über Inhalte berichtet, sondern nur darüber, wie aggressiv doch die eine (ich natürlich) und ›charmant‹ doch die andere (Männerfreundin Vilar natürlich) gewesen sei. (…) Gleichzeitig sagt aber diese beispiellose Diffamierungskampagne vor und nach der Sendung ungewollt etwas aus über die heutige Stärke der Frauen und die Schwäche der Männer. Da beschlägt’s auch den sanften Patriarchen die Brille, da sehen sie nichts als die von ihnen so viel beschworene Karikatur, denn – da geht es um ihre Privilegien.«[Fußnote 23]

Was wurde in dieser Fernsehdiskussion debattiert? Ein wichtiger Punkt war beispielsweise die Frage nach der von Frauen geleisteten Hausarbeit. Während Schwarzer sie als unbezahlte Hausarbeit betrachtet, betrachtet Vilar sie als bezahlt aus dem Einkommen des Mannes. Vilar gibt hier schlicht das in der Nachkriegszeit vorherrschende Modell eines aus einem einzelnen männlichen Ernährerlohn gebildeten Familieneinkommens korrekt wieder.[Fußnote 24] In der Sache ist Schwarzers Ansicht daher falsch, denn der Transfergedanke des Ernährereinkommens war ein fester Bestandteil der dahinterstehenden politischen Intentionen. Einer von Vilars Haupteinwänden gegen die feministische Kritik lautete zudem, dass sich sehr viele Frauen in einem solchen Modell freiwillig und gerne einrichten – insbesondere dann, wenn es sich aufgrund des Berufs des Mannes um ein hohes Familieneinkommen handelt. Und sie betont, dass es praktisch niemals vorkomme, dass eine Frau sich ihr gesamtes Leben lang für den Erwerb zugunsten eines Ehemannes und der gemeinsamen Kinder zuständig fühle. Diesen biografischen Zwangscharakter der männlichen Ernährerrolle ist Schwarzer außerstande, wahrzunehmen. Ein anderes Thema ist Vilars scharf formulierter Vorwurf an die Feministinnen, sie würden einen »männlichen« Feminismus betreiben und sie seien »Nachplapperer, deren einzige Legitimation ihre Vagina sei«, weil »weder Mut noch Originalität« dazugehöre, sich in entsprechender Weise zu äußern. Vilar will, wie bereits zitiert, damit unter anderem zum Ausdruck bringen, dass Feministinnen »die letzten (sind), die sie« – also die Männer – »noch so beschreiben, wie sie sich selbst gern sähen«, nämlich als stark und machthabend. Auch hier formuliert Vilar zu einem sehr frühen (und wahrscheinlich zu frühen) Zeitpunkt eine Intuition, die erst in einigen nach der Jahrtausendwende erschienenen Arbeiten klar herausgearbeitet wird:[Fußnote 25] dass nämlich die »Verweichlichung« und Entmachtung des patriarchalen Mannes bereits mit dem Beginn der modernen Ära am Ende des 18. Jahrhunderts einsetzt und diesem Modell des patriarchalen Mannes im Zeitalter der industriellen Erwerbsarbeit daher keine Realität mehr entspricht. Da Vilars Ansicht jedoch nicht dem Umstand gerecht wird, dass durch die Befreiung der Sexualität in der Mitte des 20. Jahrhunderts für Frauen und Männer tatsächliche Probleme entstehen, fehlt ihr das Verständnis für die durchaus vorhandenen historischen Gründe, die zu einem Entstehen der Frauenbewegung führen. Ein wechselseitiges Verständnis der jeweiligen Positionen war damit blockiert.

Alice Schwarzer freilich ist ohnehin entschlossen, diesen Gordischen Knoten des wechselseitigen Nichtverstehens nach der originalen alexandrinischen Art mit einem Gewaltstreich zu lösen. Sie, die insgesamt länger und auch länger am Stück redet, bemüht sich durchgehend, Vilars Ideen als groteske Abweichung von dem, »was alle wissen«, darzustellen. Diese Berufung auf einen »common sense« soll die Wahrheit ihrer eigenen Perspektive dort verbürgen, wo es tatsächlich mehr als eine Perspektive gibt oder Vilars Perspektive – wie beim Familieneinkommen – näher an der Sache liegt. Auch explizit bezeichnet sie Vilars Texte mehrfach als Unsinn, den man nicht ernst nehmen müsse. Während Vilar durchgehend sachlich und auch freundlich antwortet, ist Schwarzers verbales Verhalten drängend und bleibt nicht auf der Inhaltsebene, sondern zielt taktisch auf Eindrücke beim Publikum – sie versucht, Vilar als absurde Person in einer Außenseiterposition vorzuführen. Der Höhepunkt der Diskussion ist jedoch der Moment nach 29 der insgesamt knapp 43 Minuten, in dem Schwarzer ihr taktisches Verhalten zu einer massiven Beschuldigung steigert:

»Denn ich muss Ihnen ehrlich sagen, als das anfing vor drei Jahren, da habe ich gedacht, naja, um Gottes willen, was soll dieses konfuse Zeug, da braucht man gar nicht erst drauf einzugehen, da macht man nur Reklame für – und es ist aber so, dass sie einer Gesellschaft offensichtlich, der einige Ideen, die aus unserer Ecke kommen, stinken, gerade recht kommen, und dass sie in einem Ausmaß propagiert werden, dass man sich zwar nicht mit ihren sogenannten ›Ideen‹ auseinandersetzen muss – dafür sitze ich auch nicht hier – sondern ich glaube, man muss sich damit auseinandersetzen, dass sie in allen Medien und überhaupt in der Öffentlichkeit ein solches Forum finden mit diesen Geschichten – erstens, und zweitens muss man glaub ich endlich auch mal aufhören zu scherzen – ich meine, ich lache auch lieber, als dass ich dramatisch werde, das entspricht mehr meinem Naturell – aber das ist nicht der Moment – ich glaube wirklich, dass Ihre Bücher – ich hab sie also gestern mir noch mal systematisch durchgeschaut, weil ich wissen wollte, mit wem ich es zu tun habe – ich glaube, dass Ihre Bücher so unerhört sind, eine solche Beleidigung sind, so infam sind, dass ich heute ernsthaft überlege, ob Frauen sich nicht erkundigen sollten, nicht abchecken sollten, ob man Ihnen nicht einen Prozess machen sollte, denn! – und das möchte ich Sie jetzt fragen, wenn sie in ihren Büchern das Wort ›Frau‹ ersetzen würden durch das Wort ›Jude‹ oder ›Neger‹, dann wären ihre Schriften reif für den Stürmer. Sie sind nicht nur Sexistin, sie sind auch Faschistin.«

An dieser Stelle wird endgültig erkennbar, dass Schwarzer gar nicht daran denkt, Vilars Texten tatsächlich auf der inhaltlichen Ebene zu begegnen, sondern mit Taktiken, die man heute als »diskursive Gewalt« bezeichnet, darauf abzielt, sie öffentlich zu stigmatisieren und in eine Tabuzone der Berührungsverbote abzudrängen. Dass Vilars Bücher der Textgattung der Polemik angehören, also gerade nicht wie die Texte der Nazis buchstäblich gemeint sind, ignoriert Schwarzer ebenso gezielt wie den gesamten ideengeschichtlichen Kontext, insofern sie Vilar eine menschenverachtende Ideologie nur unterstellen, aber nicht nachweisen kann. Tatsächlich beutet Schwarzer hier – ob bewusst oder intuitiv – zusätzlich den für das Publikum nicht nur der damaligen Zeit kathartischen Effekt aus, einer jüdischen Autorin, die aufgrund der Emigration ihrer Eltern im argentinischen Exil geboren wurde, »Faschismus« zu unterstellen. Henryk Broder hat dieses Verhalten Schwarzers, das bei ihr ein durchgehendes Verhaltensmuster darstellt, in einem Blogbeitrag von 2008 sarkastisch auf den Punkt gebracht:

»Frau Schwarzer gehört zu den vielen deutschen Gutmenschen, die unter akutem ›Holocaust-Neid‹ leiden und deswegen keine Gelegenheit auslassen, sich auch als Opfer der Geschichte zu definieren. Und da sind die Juden natürlich das Maß aller Dinge.«[Fußnote 26]

[Fußnote 1] Schwarzer 2002, S. 40

[Fußnote 2] a.a.O.

[Fußnote 3] a.a.O., S. 50 f.

[Fußnote 4] a.a.O., S. 51

[Fußnote 5] Marquardt 2015, S. 246

[Fußnote 6] Marquardt 2015, S. 215 f.

[Fußnote 7] »Innerhalb der Frauenbewegung, die um die Öffentlichkeit und Akzeptanz des Themas Missbrauch von Mädchen kämpfte und sich durch das Thema Missbrauch von Jungen (›wieder rücken die Jungen/Männer in den Vordergrund und verallgemeinern das Thema‹) wieder übergangen fühlte, war das Thema Pädophilie nicht sehr interessant. Es wurde außerdem als Konkurrenz abgelehnt. Diese Haltung teilte letztlich der (Landes-) Frauenbereich der AL.« Bündnis 90/DIE GRÜNEN 2015, S. 65 f. Siehe zum Thema auch Lucas Schoppe, »Wie die Grünen Jungen opferten« (https://man-tau.com/2015/12/08/wie-die-grunen-jungen-opferten/)

[Fußnote 8] Hamel/Nicholls 2013, S. 17

[Fußnote 9] Hamel/Nicholls 2013, S. 172

[Fußnote 10] Brownmiller 1980, S. 22

[Fußnote 11] Hamel/Nicholls 2013, S. 66

[Fußnote 12] a.a.O.

[Fußnote 13] »Any refuge was better than none, but it concerned me that people working at such places should spout the notion that all women were innocent victims of men’s violence. Of the first hundred women who came through our doors sixty-two were as violent as the men they had left behind. I had to face the fact that the males were always going to be blamed for violence within a family and that … false claims would be made against them and that the women would always be believed. « (Pizzey 2011, S. 82, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 14] »Violence-prone women usually return home many times and often use a refuge as a revolving door in their continued battles against their partners. If they do leave, the chances are they will very quickly find themselves in another violent relationship.« (a.a.O., S. 83, Übersetzung I. J.)

[Fußnote 15] »Predictably, this theory turned me into a figure of hate, and female journalists who came to interview me generally refused to publish what I had to say on the subject of women with violent tendencies. Most of the interviewers were feminists, and I got the impression back then that our findings from our work – controversial as these were at the time – were never going to be allowed to emerge into the light of day.« (a.a.O., Übersetzung I. J.)

[Fußnote 16] »I felt really stupid, but the chilling aspect of this incident was that the policeman in charge said that from now, as I was a controversial public figure, all my post and parcels must come to the bomb squad first to be examined. It would then forward letters and packages to me.« (Pizzey 2011, S. 283, Übersetzung von mir.)

[Fußnote 17] Reichardt 2014, S. 610

[Fußnote 18] Vilar 1987, S. 17

[Fußnote 19] a.a.O., S. 10

[Fußnote 20] Farrell 2002

[Fußnote 21] Vilar 1987, S. 26

[Fußnote 22] Die Sendung unterliegt auf youtube Copyright-Einschränkungen, weshalb verweisende Links immer wieder ins Leere führen, so auch der Link auf Alice Schwarzers eigener Website: https://www.aliceschwarzer.de/artikel/alice-schwarzer-contra-esther-vilar-318407. Auf dem Stand vom 26.06.2019 habe ich eine Version mit spanischen Untertiteln gefunden: https://www.youtube.com/watch?v=stP_I8h4Y68

[Fußnote 23] Schwarzer 2002, S. 289

[Fußnote 24] Berninger/Dingeldey 2013

[Fußnote 25] Vgl. unten Kap. 1.3.3.2

[Fußnote 26] http://henryk-broder.com/hmb.php/blog/article/3714

„Der Feminismus will doch gerade die negativen Geschlechterrollen auch für Männer aufheben“

In einer Diskussion zu der Frage, wann ein Feminist / Maskulist als vernünftig angesehen wird, bringt Onyx ein bereits häufiger im Feminismus verwendetes Argument:

In seiner Rezension listet Hoffmann einige Dinge auf, wo Männer benachteiligt werden (fehlende Hilfsangebote für Männer, höhere Suizidrate, Sorgerechtsstreitigkeiten, etc). Was er nicht sagt, ist, dass die meisten Punkte davon Ursachen haben, die Anne selbst kritisiert. Nämlich die Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es für Männer verpönt ist, schwach zu sein. In einer Gesellschaft, in deren Justiz selbst noch Gedankenkonstrukte herrschen, in denen “Frau und Muttersein” untrennbar miteinander verwoben ist, aber “Mann und Vatersein” immer optional, und mit vielen Diskussionen verbunden ist

Ich hatte es kürzlich auch schon hier etwas ausführlicher dargestellt, es ist – wie Leszek in der Diskussion bei Onyx auch richtig anführt – das „Patriarchy hurts men too“-Argument.

Meiner Meinung nach geht es an der Sache vorbei. Denn tatsächlich ist das, was der radikale Genderfeminismus dort anbietet, sehr wohl gegen Männer oder zumindest Männlichkeit gerichtet. Denn es wird ja nicht einfach darauf abgestellt, dass sich jeder verhalten soll, wie er will, sondern das ganze wird in eine Opferrolle der Frauen und eine Täterrolle der Männer eingeordnet.

Ein Vergleich macht vielleicht deutlich, warum der Genderfeminismus sich hier zwar formell das Helfen für Männer auf die Fahnen schreiben kann, tatsächlich aber eine Hilfe nicht erfolgt:

Wenn religiöse mittelalterliche Fanatiker anführen, dass sie doch die Probleme der Bauern genau benennen, nämlich schlechte Ernten und zuviel Hagel, und diese Beheben wollen, also eigentlich gut für die Bauern sind, ihre Hilfe aber darin bestehen würde, die Bauern ganz überwiegend für Sünder zu halten und diese Sünden durch das Feuer reinigen wollen, dann können sie sich natürlich in ihrer Gedankenwelt durchaus darauf beruhen, dass ein durch Verbrennen erlöster Sünder sowohl von seinen Sünden reingewaschen ist, was seiner unsterblichen Seele zugute kommt als auch das Dorf durch seine nun nicht mehr vorhandene Sündhaftigkeit auch vor einer Hungersnot bewahrt. Aber wir würden diese Maßnahme trotz dieses scheinbar „guten“ Ansatzes nicht für die heutige Zeit empfehlen, in der wir wissen, dass Dürre und Hagel unabhängig von Sünde existieren.

Der Fehler liegt hier darin, dass ein gutes Ziel  benannt werden kann, welches die anderen auch erreichen wollen, dass aber aufgrund einer falschen Theorie zu den Ursachen mit vollkommen falschen Mitteln angegangen wird, die überaus schädlich für die Bauern sind.

Auf den radikalen Genderfeminismus übertragen mag das gute Ziel sein, dass der Theorie nach auch stereotypes Verhalten von Männern aufgebrochen werden soll. Als Ursache wird aber „das Patriarchat“ angesehen, welches nicht existiert. Und das Mittel ist, dass man Männlichkeit an sich dämonisiert und in eine Privilegientheorie einordnet, innerhalb der Männer eine Art Erbschuld zugwiesen wird, die sie quasi zu Menschen zweiter Klasse macht, die sich beständig für alles exculpieren müssen, beständig ihre Privilegien hinterfragen müssen und selbst nicht diskriminiert werden können.

Verständlicherweise ist diese Position der beständigen Schuld für Männer nicht attraktiv, so dass sie der radikale Genderfeminismus hier eher vom Regen in die Traufe bringt.

Die feministischen Theorien unterschlagen dabei eben auch den Anteil der Frauen und deren Interesse an der Aufrechterhaltung der Geschlechterrollen. So etwas kommt im Feminismus allenfalls unter dem Stichwort vor, dass Frauen bestimmte patriarchische Regeln verinnerlicht haben und sie nur deswegen vertreten. Auch hier ist also die Frau allenfalls Opfer der Umstände oder Verbündete eines System, welches Männern nutzt, aber sie handelt nicht aus eigenem Interesse oder eigener Motivation

Eine Theorie, die darauf abstellt, dass auch Frauen Rollenbilder stützen, indem sie weinende Frauen lächerlich oder erbärmlich finden, weil sie eine Vorliebe für starke, selbstbewußte, Herausforderungen annehmende Männer haben, wird der Realität dabei viel eher gerecht. Und sie erlaubt beiden Geschlechtern eine Verantwortung an den Rollenbildern zuzuweisen, da eben auch die Männer innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz entsprechendes Verhalten abwerten. Zudem zeigt es auch die Schwierigkeiten auf, ein solches Bild zu überwinden, die realistischer sind als „eine unsichtbare Verschwörung der hegemonialen Männer hält die Geschlechternormen am Leben, auch wenn sie sonst keiner will“.

Die feministische Theorie ist insoweit nur scheinbar eine Hilfe. In ihrer radikalen Ausprägung fördert sie nicht die Freiheit der Männer, sondern eher deren bedingungslose Selbstkasteiung in der Hoffnung auf Gnade.

Effektive Patriarchatsbekämpfung

In einem Kommentar zum „Anzuggate“ bei den Piraten auf der Seite Popkornpiraten fand sich ein aus meiner Sicht interessanter Kommentar:

Die “Abschaffung des Patriarchats” ist eigentlich ein sehr ernstes und diskussionswürdiges Thema. Schließlich geht es beim Patriarchat um die gesellschaftliche Güterverteilung mit Hilfe des Eigentums- und Erbrechts sowie um die gesellschaftliche Arbeitsteilung mit Hilfe der Lohnarbeit. Der Anzug ist durchaus ein Symbol des kapitalistischen Systems, weil er im Vorstellungsgespräch als Symbol der Unterwerfung getragen werden muss und deshalb durchaus kritisch hinterfragt werden kann.

Leider verschwenden Rya und ihre Gesinnungsgenoss*innen sehr viel Energie, um besitzlose und somit bedeutungslose Randfiguren zu verfolgen: alleinstehende Männer, die sexistische Witze reißen, Frauen, die um ihre Beziehung fürchten, an den Rand der Gesellschaft gedrängte (rechtsextreme) Demonstranten und anzugtragende Handyverkäufer. Aus theoretischen Gründen kämpfen sie für Bevölkerungsgruppen, die eigentlich das Patriarchat stützen und befürworten: weibliche Führungskräfte, orientalische Einwanderer*innen und weltfremde Wissenschaftler*innen.

Eine flexible Vorgehensweise – Großzügigkeit und Humor gegenüber provozierenden Randgruppen sowie Häme und Spott gegen die Eliten des Systems – würde das angestrebte Ziel (“Abschaffung des Patriarchats”) weitaus schneller voranbringen als die militante Verteidigung theoretischer Dogmen gegen eigentlich wohlmeinende Freunde.

Etwas anders formuliert wird daraus: „Wenn die feministischen Theorien stimmen und es ein Patriarchat gibt, warum ist der Feminismus dann so ineffektiv darin, dessen tatsächliche Ursachen anzugreifen?“

In der Tat scheint  sich ja der Feminismus mit allerlei Kleinigkeiten aufzuhalten, sich wegen Kleinigkeiten mit allen möglichen Leuten anzulegen und letztendlich sogar noch bestimmte stützende Gruppen wie weibliche Führungskräfte oder traditionell-konservative Einwanderergruppen zu stützen.

Ein Grund ist sicherlich, dass IDPOL eine enorme Intoleranz gegen Kleinigkeiten begünstigt, da man anhand dieser besser zeigen kann, wie sehr man gegen Dislkriminierungen ist. Zu zeigen, dass man die Kleinigkeiten erkennt ist dann wichtiger als tatsächlich etwas zu bewirken. Dau kommen die Theorien der „Raumeinnahme“, die die Sichtweise, dass man mit dem angreifen von solchen Kleinigkeiten einen grundlegenden Wandeln erreichen kann. Der Glaube, dass mehr Frauen in Führungspositonen bereits die Welt verändern scheint mir auch eine gewisse Nähe zu einem Differenzfeminismus mit Frauen als besseren Menschen zu haben, der im Genderfeminismus gerne verschwiegen wird.

Sicherlich ist die im Kommentar vorhandene Sichtweise eine andere, bei der das Patriarchat noch eher mit dem Kapitalismus gleichgesetzt wird, während andere darin einfach überkommene Regelungen sehen. Auch insoweit wäre aber eine „effektivere Bekämpfung“ möglich.

Ich habe jedenfalls das Gefühl, dass da auch insoweit einiges an Unstimmigkeiten vorhanden ist. Diese näher herauszuarbeiten könnte interessant sein