Feministische Strömungen und der Umgang mit männlicher Diskriminierung (nach Leszek)

Leszek zur Anerkennung männlicher Diskriminierungen

Da ich zum Thema der Beurteilung feministischer Strömungen hinsichtlich ihres Potentials zur Anerkennung männlicher Diskriminierungen mal einen Beitrag geschrieben hatte, sei dieser an dieser Stelle wiederholt:

Man muss bei diesem Thema m.E. drei Feminismus-Varianten unterscheiden:

1. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her keine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus zulässt, z.B. klassischer Radikalfeminismus oder (vulgär-)poststrukturalistischer Gender/Queer-Feminismus (noch einige andere könnten genannt werden, auch solche Feministinnen, die einen radikalen Feminismus im liberalen, marxistischen oder anarchistischen Gewand vertreten, anstatt tatsächlich an diese Traditionen anzuknüpfen, fallen darunter.)
Gegen Männer gerichteten Sexismus kann es im Radikal- und Gender/Queer-Feminismus schon per Definition nicht geben:

http://feminismus101.de/was-ist-sexismus/

Diese erstgenannte Feminismusvariante (von Emma bis Mädchenmannschaft bis Femen) ist in Bezug auf Männer selbst sexistisch, zur Zeit aber leider diskursprägend.

Aus meiner Sicht können diese Strömungen des Feminismus quasi nicht reformiert werden, weil eine Zuweisung einer Opferposition von Männern ganz tief in das System eingreifen würde und damit dessen Zusammenbruch bewirken würde. Der wichtigste Grund ist, dass man jedem Opfer Macht zuweist, in Form von Definitionsmacht und dem Recht, die Abschaffung der Diskriminierung verlangen zu können bei einseitiger Schuldzuweisung. Männer als Opfer anerkennen zu müssen wäre schlicht der Untergang für diese Form des Feminismus.

Was allerdings möglich ist, ist die Zuweisung einer „Opferstellung durch Selbstverschulden“. Also die Ansicht, dass Männer auch unter dem Patriarchat leiden und sich insofern mit dessen Aufrechterhaltung selbst schaden. Das Heil liegt dann im Feminismus (und der Akzeptanz der Schuld).

2. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her eine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus prinzipiell zulassen würde, solches aber gegenwärtig nicht praktiziert, entweder, weil die entsprechenden Feministinnen sich dafür zu wenig interessieren oder weil sie über männliche Diskriminierungen zu wenig informiert sind. Unter diese Kategorie fallen meiner Erfahrung nach viele untheoretische Alltagsfeministinnen, aber auch einige zeitgenössische liberale, marxistische und anarchistische Feministinnen. Bei ECHTEM liberalen, marxistischen oder anarchistischen Feminismus, die authentisch an diese politischen Traditionenen anknüpfen, wäre es prinzipiell möglich diese mit männerrechtlichen Anliegen in Einklang zu bringen.

Diese zweitgenannte Feminismusvariante ist in Bezug auf Männer nicht sexistisch, aber auch nicht antisexistisch.

In der Tat können untheoretische Feministinnen hier entsprechendes zugestehen, verstehen aber meist gar nicht, warum das der Rest des Feminismus als großes Problem sieht und was daraus für deren Theorie folgt. In IHREM Feminismus geht es eben. Warum das der Fall ist, dafür müssen sie sich nicht interessieren, auch nicht darum, warum das im Rest des Feminismus nicht geht.

3. Feminismus, der von seinen weltanschaulichen Grundlagen her eine Thematisierung von gegen Jungen und Männer gerichteten Sexismus prinzipiell zulässt und dies auch mehr oder weniger stark praktiziert. Findet sich heutzutage in westlichen Gesellschaften primär bei einigen Vertreterinnen des liberalen Feminismus (z.B. Christina Hoff Sommers, Daphne Patai, Cathy Young, Wendy McElroy, Elisabeth Badinter, Astrid von Friesen), vereinzelt auch schon mal bei Alltagsfeministinnen. Wäre prinzipiell auch im marxistischen und anarchistischen Feminismus möglich, wird dort aber m.W. zur Zeit leider nicht praktiziert.

Diese drittgenannte Feminismus-Variante ist leider noch selten und bei Feministinnen der erstgenannten Kategorie wenig beliebt. Sie ist auch in Bezug auf Männer antisexistisch und daher ein Beispiel für eine feministische Annhäherung an das, was ich als “Integralen Antisexismus” bezeichne.

Ich behaupte übrigens explizit nicht, dass die meisten Feministinnen männerfeindlich seien. Meiner Erfahrung nach handelt es sich bei vielen Feministinnen um nicht-theoretische Alltagsfeministinnen, die nicht männerfeindlich aber auch keine Kritikerinnen von Männerfeindlichkeit sowie nicht diskursprägend sind.

Hiermit verlassen wir, wenn man die oben genannten Namen sieht, meist den Bereich dessen, was Feministinnen noch als Feminismus betrachten würden. Die meisten der dort genannten sind aus meiner Sicht bereits „exkommuniziert“ und werden von Feministinnen nicht als Feministen gesehen. Das wesentliche Element des Feminismus ist eben die Unterdrückung der Frau durch Männer. Nur wer einen Befreiungskampf für die Frau führt ist nach dieser Ansicht eine echte Feministin. Wer ihn nicht führt, der wird entsprechend ausgegrenzt werden

Welche Theorien innerhalb des Feminismus sind gegenwärtig die maßgeblichen?

Mich würde interessieren, welche Theorien ihr im (gegenwärtigen) Feminismus gegenwärtig für die haltet, denen am meisten Einfluss zukommt.
Ich fange mal mit einer Sammlung an:

  • das Patriarchat/die hegemoniale Männlichkeit
  • Soziale Konstruktion der Geschlechter
  • Privilegientheorie
    • Verteilung des Privilegs nach Gruppen und nach dem „Alles oder Nichts“ Prinzip („Männer können nicht diskriminiert werden, Frauen nicht privilegiert sein“)
    • Verantwortung für den Abbau des Privilegs liegt bei den Privilegierten, Verlagerung dieser Verantwortung auf die Nichtprivilegierten ist „Victim Blaming“ oder jedenfalls unzulässig
  • Deutungshoheit
  • Intersektionalismus
  • Rape Culture

Ich wäre auch an einer kurzen Definition der jeweiligen Theorien interessiert.

 

Das Paradigma des Radikalfeminismus

Leser Leszek fasst zusammen, was er das „Paradigma des Radikalfeminismus“ nennt und erläutert, wie sich der Feminismus seiner Meinung nach entwickeln muss, damit er wieder eine gesunde Entwicklung nimmt:

Ich bin definitiv kein Antifeminist, ich bin Anti-Radikalfeminist – d.h. ich lehne das von mir so bezeichnete “Paradigma des Radical Feminism” ab, dessen Einfluss auf die akademischen Diskurse und die Politik sowie diejenigen Strömungen des Feminismus, die direkt oder indirekt daran anknüpfen.

Als “Paradigma des Radical Feminism” verstehe ich (kurz formuliert) eine radikalfeministische Auffassung, die Männer und Frauen als “verfeindete Klassen” konzeptualisiert, von denen die eine (Männer) als “allgemein privegiert”, “Tätergeschlecht” oder “Unterdrücker” konstruiert wird, die andere (Frauen) als “allgemein diskriminiert” und “Opfergeschlecht”.

Diesem “Paradigma des Radical Feminism” sind m.E. vor allem drei einflussreiche Strömungen des Feminismus zuzuordnen:

  1. der klassische Radikalfeminismus (z.B. Dworkin, MacKinnon, Firestone, Daly)
  2. der (vulgär)-poststrukturalistische Feminismus (Gender/Queer/Intersektionaler Feminismus), der zur Zeit den klassischen Radikalfeminismus als feministische Hauptströmung zunehmend ablöst
  3. der radikale Matriarchats/esoterische/spirituelle/Öko-Feminismus, als differenzfeministische Variante des radikalen Feminismus, (ist allerdings weniger einflussreich als die beiden zuvor genannten).

Diese Varianten des Feminismus müssen m.E. aus den akademischen und medialen Diskursen verdrängt werden, denn sie sind von ihren theoretischen Grundlagen her mit der Anerkennung männlicher Benachteiligungen und sozialer Problemlagen unvereinbar und behindern daher eine geschlechtsübergreifende Perspektive auf geschlechtsbezogene Probleme, wofür ich den Begriff “integraler Antisexismus” verwende.

Feminismuskritik als Ideologiekritik in meinem Sinne zielt daher primär auf fundierte kritische Analyse dieser drei Hauptströmungen des radikalen Feminismus und ihres Einflusses auf die akademischen und medialen Diskurse und die Politik (Stichwort: Staatsfeminismus), d.h. also auf eine Kritik autoritärer und sexistischer Strömungen und Positionen im Feminismus (aus integral-antisexistischer und antiautoritärer Perspektive) um diese diskursiv aus dem Feld zu schlagen, der Realität männlicher Benachteiligungen und sozialer Problemlagen zur Anerkennung zu verhelfen

http://www.vaetersorgen.de/Maennerbewegung.html

http://manndat.de/ueber-manndat/was-wir-wollen

und einem neuen geschlechtsübergreifenden Paradigma zum Durchbruch und zur kulturellen Hegemonie zu verhelfen, dass die Probleme aller Geschlechter (Frauen, Männer, Intersexuelle, Transsexuelle, Transgender) wissenschaftlich, theoretisch und politisch berücksicht.

Die Hauptströmungen der ersten Welle der Frauenbewegung (traditioneller liberaler, marxistischer und anarchistischer Feminismus) kannten das “Paradigma des Radical Feminism” überwiegend nicht und sind daher von ihren theoretischen Grundlagen m.E. potentiell leicht mit männerrechtlichen Anliegen in Einklang zu bringen.

Nachdem sich der Radikalfeminismus mit der zweiten Welle des Feminismus als neue Leitideologie herausbildete, wurden der traditionelle liberale und sozialistische Feminismus leider zunehmend an den Rand gedrängt oder übernahmen z.T. leider selbst Aspekte des “Paradigmas des Radical Feminism”.

Insofern es heutzutage noch Varianten des liberalen und sozialistischen Feminismus gibt, die authentisch an die theoretischen Grundlagen der klassischen liberalen oder sozialistischen Frauenbewegung der ersten Welle des Feminismus anknüpfen (ist heutzutage leider eher selten) und nicht vom “Paradigma des Radical Feminism” beeinflusst sind, werden diese von mir grundsätzlich bejaht, d.h. ich habe gegen ECHTEN liberalen und ECHTEN sozialistischen/marxistischen/anarchistischen Feminismus grundsätzlich nichts einzuwenden – allerdings müssten sich auch diese einem neuen geschlechtsübergreifenden Paradigma öffnen und ihm nicht im Weg stehen.

Dagegen kritisiere ich solche (scheinbaren) Varianten des liberalen und sozialistischen Feminismus, bei denen es sich in Wirklichkeit nur um Radikalfeminismus im liberalen oder sozialistischen Gewand handelt.
Es gibt – das sei kurz erwähnt – aber heutzutage auch Varianten des liberalen und sozialistischen Feminismus, die irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen und von mir dann entsprechend differenziert beurteilt und kritisiert werden.

Dann gibt es heutzutage auch noch einen eher untheoretischen, mehr lebenspragmatisch orientierten “Alltagsfeminismus”, der von manchen Feministinnen vertreten wird. An den meisten Varianten eines solchen “Alltagsfeminismus”, die mir bisher begegnet sind, habe ich nicht viel auszusetzen, (es sei denn, dass irgendwelche radikalfeministische Aspekte und Konzepte unkritisch übernommen worden sind, was manchmal vorkommen kann).

Ich greife noch mal diesen Ansatz heraus:

Als “Paradigma des Radical Feminism” verstehe ich (kurz formuliert) eine radikalfeministische Auffassung, die Männer und Frauen als “verfeindete Klassen” konzeptualisiert, von denen die eine (Männer) als “allgemein privegiert”, “Tätergeschlecht” oder “Unterdrücker” konstruiert wird, die andere (Frauen) als “allgemein diskriminiert” und “Opfergeschlecht”.

Dazu passt gut, was Grit Vandermassen als wesentliches Element der wichtigen feministischen Strömmungen benennt:

“Sie beginnen regelmäßig damit, dass Frauen (und gelegentlich Männer) die Quellen der Unterdückung in ihrem Leben und versuchen, sich von diesen zu befreien”.

Strömungen, die das nicht zum Ziel haben, bestehen kaum im wesentlichen Umfang. Sie nennen sich dann auch nicht „evolutionärer Feminismus“, sondern eben einfach „evolutionäre Psychologie“ oder „allgemeine Geschlechterforschung“, sind also relativ neutral gehalten.

Andres als Leszek glaube ich auch nicht, dass man mit einem „nichtvugären“ oststrukturalistische Feminismus weiter kommt, ebenso wenig wie mit einem sozialistischen/marxistischen/anarchistischen Feminismus, auch hier sind die Grundlagen wenig geeignet ein tragfähiges Fundament für eine Gesellschaftstheorie oder das Verhältnis von Mann und Frau zu bauen.

Wenn man wirklich den Gegensatz „Täter – Opfer“ aufgeben würde, dann wäre aber in der Tat viel erreicht – sowohl im Feminismus als auch im Maskulismus, wo man den Mann auch zu häufig als Opfer der Frau sieht.

Der interessanteste Ansatz für beide Richtungen ist aus meiner Sicht die Spieltheorie. Sie wurde entwickelt, um Entscheidungen von Personen nachzuvollziehen und deren Entscheidungswege aufzuschlüsseln. Würde diese in die Geschlechterdebatte einziehen, dann würde es denke ich der beste Weg sein, um tatsächlich Probleme zu lösen. Hier könnte man dann überprüfen, ob die Geschlechter ein Nullsummenspiel oder ein kooperatives Spiel spielen, oder andere Varianten. Man könnte sich auch die Probleme aus der evolutionären Spieltheorie bewußt machen. Man könnte sich überlegen, ob Frauen und Männer gleiche Payoffs haben. Es würden denke ich viele ideologische Probleme leichter zu erfassen sein.

Dessen ungeachtet stimme ich Leszek zu, dass das von ihm beschriebene Paradigma und die von ihm genannten radikalen Strömungen wenig Raum für sinnvolle Debatten lassen und sich gegen diese zurecht ein Anit(radikal)feminismus richtet.