Feminismus, überzogene Forderungen und virtue Signalling

Kürzlich hatte ich hier den Artikel von Nadine verlinkt, in dem sie relativ unsinnig Forderungen für lesbische Frauen als Arbeitnehmer stellt. Das ist aus meiner Sicht gar nicht selten, gerade aus dem SJW-Bereich werden gerne vollkommen unrealistische Forderungen gestellt, die letztendlich gar nicht umgesetzt werden können.

Ein Beispiel wären Forderungen wie die absolute Verhinderung aller Vergewaltigungen („Erst wenn keine Frau mehr vergewaltigt wird leben wir nicht mehr in einer Rape Culture“). Andere Beispiele findet man etwa in den Forderungen amerikanischer studentischer SJWs, beispielsweise auch von Black Lives Matter etc.

Ich hatte in der Diskussion zu dem Artikel nach einer Erklärung gesucht und das hier formuliert:

Es macht eben alles mehr Sinn, wenn man es nicht als Ausdruck echter Forderungen sieht, sondern nur als Klage, wie man die vielen Nachteile eigentlich zusätzlich entlohnen müsste und damit als Darstellung, wie ungerecht die Welt ist, weil sie es eben nicht kompensiert, sondern man es „einfach so“ zusätzlich schultern muss. Zum Teil wäre es damit schlicht auf die In-Group gerichtet und eine Anklage gegen die Out-Group.

Also etwa so wie diese Aufstellungen „wenn du die Tätigkeiten einer Mutter bezahlen müsstest, dann würde dich das 100.000 € kosten, weil du einen Chefkoch, einen Kinderbetreuer, einen Chauffeur, einen Sozialarbeiter, eine Putzfrau , eine Urlaubsplanerin etc gleichzeitig einstellen müsstest“, nur eben in negativ als „Wenn diese Welt gerecht wäre, dann müsste man uns für das was wir leiden (statt leisten) folgenden Ausgleich zahlen“

Etwas kürzer gefasst wäre es das Folgende:

SJW: *überzogene Forderung*

Rationaler Mensch: „Aber das ist doch auf dem Markt gar nicht erzielbar?“

SJW: „Aber das hätte ich verdient

Es geht also um emotionale Wertschätzung der zusätzlichen Arbeit und Lasten und deren bildhafte Darststellung.

Gleichzeitig dienen diese Forderungen dann eben auch dem Virtue Signalling und der Verbundenheit der Sache: Mit der geforderten Kompensation wird deutlich gemacht, wie stark beeinträchtigt man die jeweilige Gruppe ansieht. Wer eine marginale Kompensation fordert, der würde damit auch die Diskriminierung als marginal ansehen. Da sich Feministen/SJWs in einem Wettstreit befinden, wer die Unterdrückung bestimmter Gruppen noch hingebungsvoller als das absolut ungerechteste was jemals passiert ist, ansieht und sich für deren Beseitigung noch unbedingter einsetzt muss demnach auch stets eine unverhältnismäßig hohe Kompensation gefordert werden, damit der Vorwurf ausgeschaltet ist, dass man deren Beeinträchtigungen als zu leicht ansieht.

Ich hatte hier einmal einen Beitrag zitiert, in dem es darum ging, dass solche Forderungen wie „#Killallmen“ ja nicht so schlimm sind, weil sie ja nicht zur Umsetzung gedacht sind:

We were joking, sort of, but we were also very serious. A lot of feminists are very fond of individual men, but it’s hard to ignore that men as a group are responsible for an ongoing parade of offenses – indignities at best, violence at worst. And while recent circumstances have demanded that many of us take a break from banning men in order to ban white people instead (it’s an emergency), 2014 demonstrated that “ban men” could be a rallying cry, a banner under which we could mass and direct our frustrations.(…)

If women were mad, the women-haters were, if anything, madder. But as much as they might like to believe that “put men in a box and put the box in the ocean” is a threat, they never had anything to fear from misandrists. Women don’t have the power to send all men to an island, or launch them into the sun, or even forcibly oppress them into giving a tiny bit of unearned ground in the name of equality. We won’t beat men into unconsciousness and then say it’s their fault. We probably won’t even publish their information online. All we have is the power to say that we’re angry and fed up, and to nod in recognition at the others who feel the same. That’s what misandry is about: the power of recognizing shared anger. And that small amount of power was a bright spot in a cruel year.

Nimmt man den obigen Grundsatz, dann geht es eben darum, dass auch hier nur das Leid verdeutlicht werden soll, indem man vollkommen irrationale Gegenmaßnahmen anführt, die das Ausmaß der Schuld der Männer deutlich machen sollen. Die Gegenmaßnahme ist in der Hinsicht nur der Gradanzeiger des erlittenen Unrechts und lediglich als solche ernst gemeint.

Was einen wiederum dazu bringen würde, dass man Forderungen von SJWs niemals nachgeben sollte, weil sie per se überzogen sind. Man sollte sie insofern mit Aussagen nicht ernst nehmen, weil sie es nur als Umschreibung einer subjektiven Gefühlswelt ansehen, in der man sich dann eben auch in Hass reinsteigern darf um deutlich zu machen, dass man die Leiden der „unterdrückten Gruppe“ ernst nimmt.

Die Rationalität einer Forderung würde in dieser Hinsicht keine Rolle spielen, das ihre Umsetzung nicht sinnvoll ist auch nicht, der SJW dürfte auch gleichzeitig nicht von ihnen abgehen, da er damit ja anerkennen würde, dass die Position nicht so viel wert ist.

Insofern bliebe es bei einem „Nicht gut genug Aktivismus„, der damit zwangsläufig nicht erfüllt werden kann, weil er auf ein „Race to the bottom“ hinausläuft. Jede erfüllte Forderung muss zwangsläufig dazu führen, dass neue Forderungen erhoben werden.

Daraus entsteht auch ein Teil der Macht der SJWs: Leute halten sie für Rational und lassen sich von den Forderungen für eine „Gute Sache“, dem Abbau von Diskriminierungen blenden. Tatsächlich geht es aber nur um Virtue Signalling untereinander, der tatsächliche Abbau tatsächlicher Diskriminierungen tritt dahinter vollkommen zurück. Die absolute Position und die Möglichkeit andere zu beschämen, indem man es so darstellt als wollten dies Diskriminierungen aufrechterhalten, werden dabei als Werkzeug eingesetzt.

 

„5 Radikale Wege wie Leute Nicht-Monogam leben, die du kennen solltest“

Die Grafiken von „Everyday Feminism“ finde ich immer wieder klasse:

Nichtmonogam

 

 

Nichtmonogam

Nichtmonogam

 

Nichtmonogam

Nichtmonogam

 

Finde ich ein gutes Beispiel für den „Nicht gut genug“-Aktivismus:

„Es ist ja ganz nett für den Anfang, dass ihr wenigstens nicht monogam lebt und damit die bestehende Gesellschaft stützt, aber macht euch bewußt, dass eure Form des Protests noch sehr privilegiert ist und andere es noch viel schlechter haben, deswegen dürft ihr nicht eure Beziehung darstellen, sondern müsst jedem gleich erklären, dass alles noch viel besser und revolutionärer geht, damit endlich diese miese Vorherrschaft der Monogamie aufhört“

vgl auch:

Nicht-gut-genug-Aktivismus

Auf dem Blog „Elitemedium“ finden sich  zwei interessante Artikel zum Thema „Nicht gut genug -Aktivismus“

Dabei geht es darum, dass feministische Aktionen von anderen Feministinnen kritisiert werden, weil sie wie der Name sagt nicht gut genug sind.

Elitemedium schreibt:

Ich nenne es den “Nicht-gut-genug-Aktivismus”. Gemeint ist damit ein unter dem Label feministisch/antirasitisch/antisexistisch etc. betriebender Aktionismus, der sich nicht gegen den eigentlichen Gegner richtet (Sexisten, Rassisten etc.) sondern der andere Aktivisten aus dem eigenen Lager und dessen Aktionen angreift. (…) er “nicht-gut-genug-Aktivismus” ist eine sehr bequeme Sache. Statt selber aktiv zu werden und eigene Aktionen zu starten kann man bequem vom Schreibtisch aus die Konkurrenz im eigenen Lager kleinhalten. Durch den “nicht-gut-genug-Aktivismus” kann man auch gut nachweisen, dass man die NOCH BESSERE Feministin oder Antirassitin ist – auch wenn man eigene Erfolge nicht wirklich vorweisen kann.

Meiner Meinung nach ist es auch eine klassische Folge von IDPOL. Da derjenige am besten darsteht, der sich am nachhaltigsten mit dem Leid der Gruppe identifiziert kann man durch Kritik an den Arbeiten der anderen Aktivistinnen am meisten verdienen. Das wird noch dadurch verschärft, dass man sich auf tatsächliche Gegner eh nur schlecht einschießen kann, weil die Gefahr droht, dass man bei einem zu konkreten Eingehen auf diese, diesen eher „Raum bietet“ und damit diese durch die Kritik stärkt. Durch das kritisieren anderer Arbeiten kann man ohne diesem Risiko ausgesetzt zu sein hingegen feministische oder anderweitig aktivistische Lorbeeren sammeln, allerdings eben auf Kosten des anderen, was mich schon mal zu der Überlegung brachte, ob sich daraus in Hinblick auf die eigentliche Sache, den eigentlich zu bekämpfenden Mißstand nicht ein Gefangenendilemma ergibt: Wenn beide nicht gegeneinander arbeiten würden, sondern akzeptieren würden, dass eine vermeintlich nicht so gute Idee in die richtige Richtung immer noch positiver sein kann als keine und dafür kein Grabenkampf, dann würden sie ihr Ziel eher umsetzen. Da aber beide sich innerhalb der Bewegung lieber profilieren wollen, schädigen sie indirekt die gemeinsame Sache.

Der Besser-Aktivismus ist damit vielleicht am besten als Konkurrenzkampf um die Position in der Gruppe und in Abgrenzung eines gemeinsamen Kampfes für ein bestimmtes Ziel zu sehen.

Ein weiterer Umstand, der das begünstigt, ist, dass die Arten, wie man etwas falsch machen kann, eh nicht zu überblicken ist. Alles kann in irgendeiner Weise diskriminierend sein. Dem Kritiktext zum Heimwegtelefon könnte man beispielsweise vorwerfen, dass es die Deutungshoheit der Frauen, die tatsächlich Angst haben, nicht hinreichend beachtet und  zudem nicht beachtet, dass gerade arme Frauen auf gefährlichen Gegenden sich oft kein Taxi leisten können und ihre Kritik daher klassistisch ist. Dieser Kritik kann man dann wieder entgegenhalten, dass das Heimwegtelefon nicht hinreichend sicherstellt, dass die ehrenamtlichen Mitarbeiter keine Männer  sind, die gerade auf der Suche nach Opfern sind und insoweit deren Position an andere weitergeben können. Dem könnte man dann wieder entgegenhalten, dass nach der Beschränkung auf rein weibliche Ehrenamtliche eine Transsexuellenfeindlichkeit besteht.

Der Nicht-gut-genug-Aktivismus lässt sich insofern nicht bremsen. Man kann immer noch einen drauflegen.