„Nein heißt Nein“: Das Zwischenmenschliche ist immer Auslegung und Empathie

Der folgende Beitrag ist Bestandteil einer Diskussion zwischen Patrick und mir. Die Vorgeschichte ist hier. Es geht um „Nein heißt Nein“, wobei Patrick die „Pro“-Position vertreten wird, also ein Nein wörtlich nimmt, während ich die „Contra“-Position vertrete, also davon ausgehe, dass ein Nein ausgelegt werden kann. Wir haben uns auf eine Einführung, dann zwei Tage weitere Beiträge, dann 2 Tage Fragen an den anderen und Beiträge mit 500 Worten geeinigt. Patricks erster Beitrag ist hier zu finden.

Flirten und Annährung ist ein Spiel, bei dem beide einen Tanz um das Offensichtliche herum ausführen und sich teilweise sehr vage halten. Vieles daran ist Kennenlernen, vieles ist aber gerade bei Frauen auch ein Test des Verhaltens des Mannes. Sie will wissen, wer er ist, was seine Absichten sind und ob sie sich mit ihm einlassen soll. Es ist häufig Unsicherheit dabei, Unklarheit über die eigenen Gefühle, der Wunsch langsam vorzugehen. Soll man wirklich mit ihm schlafen, nur weil man Lust hat? Was wird er später erzählen? Wird der Sex die Sache wert sein?

Bereits beim Flirten wird der Mann viele Formen der Verzögerung oder gar des Zurückweisens erleben und hoffentlich locker damit umgehen. Und ein Mann muss gleichzeitig sehr häufig ihre Grenzen austesten und sich trauen, sie in ihrem vermuteten Einverständnis zu überschreiten. Das erste Ansprechen ist bereits ein Eindringen in ihre Privatsphäre. Die erste Berührung, der erste Kuss, das weitere Anfassen, all dies wird im Alltag meist ohne ausdrückliche Einwilligung geschehen. Grundlage ist, dass wir die Zeichen, die uns der andere gibt auswerten. Hat sie mir einen Blick über den Raum hinweg zugeworfen? Hat sie sich absichtlich in meine Nähe gestellt? Kommt sie noch mit hoch, weil sie wirklich meine Wohnung sehen will? Ist das Ausziehen des BH ein Zeichen, dass Rummachen will oder will sie Sex? Bei all diesen Aktionen werden ihre und natürlich auch seine Verhaltensweisen ausgewertet. Dem Mann ist dabei üblicherweise die aktivere Rolle zugedacht. Die Frau hingegen darf zurückhaltender sein:

Der erste Kuss. Er nimmt sie in den Arm, zieht sie an sich. Sie lässt sich mitziehen, küsst ihn ein weiteres Mal, seine Hand wandert an ihre Hüfte, streichelt weiter nach oben und landet nach einigem rummachen schließlich an ihren Brüsten. Sie schiebt sie weg, haucht ihm ein „Nein“ ins Ohr. Er nimmt die Hand wieder an ihre Hüfte und sie knutschen weiter, bis es heißer und heißer wird und seine Hand wieder an ihren Brüsten landet. Das Szenario setzt sich ein paar Mal fort bis sie irgendwann die Hand nicht mehr wegschiebt.

Jetzt könnte man sagen, dass er nach dem Nein direkt hätte aufhören sollen. Nein heißt Nein oder? Aber es wäre der Dynamik und dem Interesse beider nicht gerecht gewesen. Denn das Nein bedeutete hier nicht, dass man ihre Brüste nie mehr anfassen soll. Es bedeutete, dass sie noch nicht so weit war, eine solche Berührung zuzulassen. Sie hat die Information erhalten, dass er Grenzen zwar überschreitet, aber auf eine angemessene, sie nicht überfordernde Art. Und die Art ihres Neins hat ihm die Mitteilung gegeben, dass sie seinen Versuch nicht schlimm findet, sonst hätte sie wohl heftiger reagiert. Wäre die Stimmung gleich gewesen, wenn sie ihm erklärt hätte, dass sie jetzt gerade nicht an den Brüsten angefasst werden möchte oder vielleicht schon möchte, aber es anregender findet seine Reaktion auf ihren Widerstand zu sehen und das hin und her noch etwas auszukosten? Wohl nicht. Das ist in der weiteren Entwicklung des Sex nicht anders. Auslegung ist normales menschliches Verhalten. Wir wollen empathische Menschen. Stoppwörter sind künstlich.

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Nochmal zum Aussagegehalt von „Nein“

Der Freund einer Freundin ist im Krankenhaus. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass er sie während dieser Zeit befriedigen muss, weil sie ihn sonst betrügt (es ist etwas kompliziert). Also versucht er, an sein Zimmer gebunden, alles um im Krankenhaus Sex mit ihr zu haben. Sie will aber nicht, weil sie meint, dass die Tür ja jederzeit aufgehen kann.

Ihr weitere Schilderung:

„Er macht einfach immer weiter. Und er ist echt besser geworden. Er ist so fordernd und bestimmt und er weiß auch mehr, was er macht. Ich glaube er hat ein Buch gelesen oder sich Tipps geholt. Ich sage die ganze Zeit „Nein, Nein, Nein“ aber es macht mich so an, beinahe hätte er mich soweit gehabt. Ich wäre fast über ihn hergefallen. Wenn nur nicht jemand reinkommen könnte.“

Das weitere Gespräch drehte sich dann um Krankenhausbetten, geeignete Positionen und die Vorteile von Röcken.

Hier finde ich aber interessant, wie diese Episode unter dem Gesichtspunkt „Nein heißt Nein“ zu bewerten wäre. Sie will ja erkennbar keinen Sex im Krankenhaus haben und findet seine Versuche zu gefährlich und fürchtet die Entdeckung. Gleichzeitig erregen sie die Versuche auch und erzeugen eine gewisse sexuelle Spannung. Sie hat im Prinzip nichts dagegen von ihm sexuell berührt zu werden, genießt das sogar. Aber sie hat eben Angst vor der Entdeckung. Geht er zu weit und sollte er nach dem ersten Nein einfach aufhören? Oder ist es okay, zumal sie es ja in der Hand hat, wie weit es geht?

„Nein heißt Nein“ und der Fänger im Roggen

In dem Beitrag „Nein heißt…“ geht es in der Kommentardiskussion darum, wie ein Nein beim Sex zu verstehen ist. Ich finde hierzu die folgenden Szenen aus dem Fänger im Roggen (Salinger, Catcher in the Rye) ganz anschaulich:

S.52

Was dieser Mensch für eine Technik hatte! Erst fing er an, ihr zu schmeicheln, mit einer ruhigen, aufrichtigen Stimme – so als ob er nicht nur ein besonders hübscher Bursche wäre, sondern auch ein netter, aufrichtiger Bursche. Mir wurde schlecht, nur vom Zuhören. Das Mädchen sagte immer wieder: „Nein – bitte nicht. Bitte nicht so. Bitte.“ Aber er redete immer weiter mit dieser ruhigen aufrichtigen Abraham-Lincoln.Stimme auf sie ein, und schließlich war nur noch eine fürchterliche Stille hinten im Wagen. Es war wirklich schlimm. Er hat es wohl damals nicht mit dem Mädchen gemacht, aber er war nah dran.

Verdammt nahe.

S. 92

Einmal war ich ziemlich nahe daran. Aber meistens, wenn man nah dran ist, sagt sie man solle aufhören. Mein Fehler ist, dass ich dann wirklich aufhöre. Die meisten anderen hören nicht auf, aber ich kann das nicht. Mann weiß nie, ob die Mädchen wirklich wollen, dass man aufhört, oder ob sie Angste haben, oder ober sie einfach nur sagen, man solle aufhören, damit man selber schuld ist und nicht sie. Jedenfalls höre ich immer auf. Mein Fehler ist, dass sie mir leid tun. Die meisten Mädchen sind so dumm, meine ich. Wenn man sie eine Weile küsst und so weiter, kann man zusehen wie sie den Verstand verlieren. Sobald ein Mädchen richtig in leidenschaftlich wird, ist sie nicht mehr bei Trost. Ich weiß nicht. Wenn sie mir sagen, ich solle aufhören, höre ich auf. Ich bereue das jedesmal, nachdem ich sie heimgeleitet habe, aber ich mache es doch immer so.

Holden Caufield ist demnach ein Anhänger von „Nein heißt Nein“. Aber er weiß auch, dass es mitunter nicht stimmt. Und bereut jedesmal nicht zu handeln. Er sieht, wie die Jungs, die das Nein nicht akzeptieren Erfolg haben. Und er ist im Gegensatz zu anderen demzufolge noch Jungfrau. Ich denke, dass dieser Widerspruch , zwischen der Erfahrung, dass Nein nicht Nein heißen muss und der Doktrin das gefährliche ist. Es legt die Verantwortung einseitig auf die Jungs. Und das hilft nicht weiter.