Schweden und das „Einverständnisgesetz“ – Vergewaltigung, wenn kein Einverständnis vorliegt

Schweden will anscheinend sein Strafrecht reformieren und nun auf ein ausdrückliches Einverständnis abstellen.

Aus den Berichten darüber:

In Schweden müssen sich die Bürger künftig ein klares Einverständnis holen, wenn sie Sex haben wollen. So will es das neue „Einverständnis-Gesetz“, das die schwedische Regierung erarbeitet hat (The Local).

Damit sollen vor allem Frauen besser vor Übergriffen und Vergewaltigungen geschützt werden. Bisher mussten sie deutlich machen, wenn sie keinen Sex möchten – nach dem Schlagwort „Nein heißt Nein“.

Das neue „Einverständnis-Gesetz“ soll im Juli 2018 in Kraft treten – es dürfte das erste seiner Art weltweit sein. Es wurde von der rot-grünen Regierung erarbeitet, jetzt muss es durchs Parlament. Bislang stehen sämtliche Parlamentsparteien dahinter.

Die Eckpfeiler:

  • Die Einverständnisregel gilt dabei für alle – für Männer und Frauen und natürlich auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen.
  • Eine mündliche Genehmigung soll ausreichen. Wer sicher gehen will, sollte sich aber etwas Schriftliches geben lassen.

„Es ist ganz einfach“, sagte der sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven, „Sex sollte immer freiwillig sein. Wenn er nicht freiwillig ist, solltest du es lassen.“

Das nach dem im Feminismus bereits angedachten „Ja heißt ja“, bei dem ein ausdrückliches Einverständnis erforderlich ist. Es ist natürlich immer schwer so etwas aus der Ferne genau zu beurteilen

In dem Artikel, auf den Bento verweist, heißt es hingegen:

Swedish politicians have agreed to back a sexual consent law that will enable more rape and sexual assault cases to be prosecuted.

If a person has not agreed in words or by their clear actions that they are willing to engage in sexual activity, then forcing or coercing them into a sexual act will be illegal. The hope is that this sends a clear message to society that any non-consensual sexual contact or activity is against the law and therefore liable to prosecution.

Da wäre dann zumindest eine konkludente, also sich aus den Handlungen ergebene Einverständniserklärung ausreichend, wenn sie hinreichend deutlich ist.

Es erhöht die Anforderungen, die Fälle, wo sie „duldet“, aber nicht ausdrücklich zustimmt, wären dann eine Vergewaltigung.

Es wäre aber keine Beweislastumkehr, denn das Fehlen der (ausdrücklichen) Zustimmung muss nach wie vor der Staat beweisen und im Zweifelsfall zugunsten de Angeklagten davon ausgehen, dass sie zugestimmt hat.

Problem ist, dass eben nur Bewiesen werden muss, dass sie nicht ausdrücklich zugestimmt hat oder das ihre Taten ganz klar eine Zustimmung signalisiert haben.
Fälle, in denen sie ängstlich-zögerlich ist, aber schon irgendwie mitmacht, wo sie (oder theoretisch er) Zeichen in beide Richtung sendet, also etwa ängstlich ist, nicht weiß, ob sie schon bereit ist, aber auch irgendwie geil, könnten dann problematisch sein.  Für nährere Betrachtungen müsste man den Text des neuen Gesetzes vorliegen haben. Wenn ihn jemand gefunden hat, dann wäre ich interessiert.

Man darf gespannt sein, ob es durch das schwedische Parlament kommt, bisher haben aber wohl alle Parteien Zustimmung signalisiert.

Advertisements

Antifeministische Widersprüche: Sexuelle Selbstbestimmung

Onyx hat eine Vielzahl antifeministischer Widersprüche ausfindig gemacht. Mal sehen was sie gefunden hat:

-sexuelle Selbstbestimmung

Die sexuelle Selbstbestimmung ist im Antifeminismus nur ein Wert, wenn sie entweder Männer selbst betrifft, oder wenn sie dem Vergnügen von Männern dient. Denn während das Rechtsgut der sexuellen Selbstbestimmung (also der Schutz vor Übergriffen und Gewaltdelikten) gern insofern polemisch diffamiert wird, indem gern behauptet wird, dass Feministinnen am liebsten alle Männer in den Knast bringen wollten, die Frauen auch nur angucken, ist die sexuelle Selbstbestimmung plötzlich dann ein ganz wichtiger Faktor, wenn es um das Recht geht, Männern Spaß zu bereiten oder sich ihnen unterzuordnen. Siehe Prostitution, BDSM.

Da bringt Onyx keine wirklichen Beispiele oder Verweise, die ihre Position stützen. Ich finde es eine erstaunlich haltlose Position.

Vielleicht erscheint es aus der Sicht von jemanden, der die Rape Culture Theorie berechtigt findet so. Angegangen werden aus meiner Sicht übertriebene Vorstellungen im Feminismus dazu, dass man jeder Frau glauben muss, dass man eine Beweislastumkehr will oder das man übertriebene Formen des Konsens verbindlich machen will (von „Yes means Yes “ bis „Enthusiastic consent“ oder in der Karikatur den beiderseitigen Rechtsanwälten, die neben dem Bett sitzen müssen).

Angegriffen wird auch der Gedanke, dass jeder kleine Übergriff ein unsägliches Verbrechen ist. Und die Panikmache mit falschen Zahlen.

Das beruht nicht zuletzt darauf, dass Männer und Frauen verschiedene Rollen haben, bei denen der Mann häufiger die aktivere hat, was dazu führt, dass er den schwarzen Peter bekommt, wenn er die Lage falsch einschätzt. In der Hinsicht scheinen es mir auch eher die meisten Frauen vollkommen anders zu sehen als der Feminismus. Sie erkennen an, dass Männer sich verschätzen können und sind häufig der Auffassung, dass das eben auch nicht schlimm sein muss und sogar besser sein kann, als ein Mann, der sich nichts traut.

Das tatsächlich jemand einer Frau das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen hat ist mir aus der Szene nicht bekannt. Natürlich darf eine Frau nein sagen und sollte eine Vergewaltigung strafbar sein (selbst die wenigen Leute, die der Auffassung sind, dass die Strafbarkeit der Körperverletzung ausreichend wäre sehen eine Strafbarkeit).

Vor dem Hintergrund ist es auch keine Polemik, wenn man die übertriebenen Vorstellungen des Feminismus fürchtet: Wären radikale Feministinnen an der Macht, dann hätten wir wahrscheinlich Prozesse wie an amerikanischen Universitäten, also ohne jede Verteidigungsmöglichkeit, mit Beweislastumkehr Was eine Vergewaltigung wäre bestimmte dann immer der Sexualpartner, der sich darauf beruft, da diesem die Deutungshoheit zukommen würde.

Hier zeigt sich auch mal wieder, dass Onyx nicht in der Lage ist, die radikalen Positionen des modernen Feminismus als solche zu erkennen und ihre Radikalität zuzugestehen. Was wirklich erstaunlich ist in einem solchen Feld.

Und das Onyx im Grunde ihres Herzen dem sexfeindlichen Feminismus zuneigt ist, erkennt man auch immer wieder an ihrer Ablehnung von Prostitution und Kink wie BDSM. Irgendwie macht sie einen Vorwurf daraus, dass man das akzeptiert, und natürlich „weil es Männern Spass macht“. Das man es akzeptieren kann, weil man der Auffassung ist, dass erwachsene Menschen handeln können wie sie wollen, solange sie keinen anderen Menschen beeinträchtigen, auch dann wenn man davon selbst nicht profitiert, kommt ihr anscheinend gar nicht in den Sinn.

Und das diese Liberalität auch insofern ein konstantes Bild bietet, weil man eben das konservative und autoritäre des Feminismus ablehnt („Die Sexualität einer Frau ist heilig, sie muss um jeden Preis vor dem Biest Mann geschützt werden“ und „jeder hat so Sex zu haben, wie wir das wollen, auch wenn er dazu keinen Anlass sieht, weil Rape Culture“) kommt ihr nicht in den Sinn.

Wie auch: Für sie muss es Hass sein, denn ohne die Abwertung der Kritiker bleibt ihr wenig.

Wie seht ihr es?

 

Wie man das andere Geschlecht als Jugendlicher respektiert – Tipps für beide Seiten

Eine Seite veröffentlichte Tipps für Jungs, wie sie Mädchen respektvoll behandelt sollten:

1. Treat girls as human because that is what they are. They breathe and they have feelings. Your words and actions can cause lasting damage. Think before you speak and act.

2. No slut-shaming*. Girls have the right to wear whatever they like without fear of being sexually assaulted. What they are wearing or the fact that they enjoy sex is not an invitation for you to make unwanted sexual advances or speak about or to a girl in slut-shaming terms.

3. When a girl says ‘NO’ to anything she means ‘NO!’ She does not mean ‘maybe’ or ‘I’m not sure’. Girls can say ‘NO’ at any time during sexual contact. This means you STOP immediately.

4. Girls are equal to you in brain power. In fact, many will exceed you. This may be news to you but they can also be physically stronger than you. They can also be better at sport.

5. Many girls love to have fun and party. This does not mean you can come onto them (make sexual advances) when they are drunk or high. In fact, this is a good time to look out for them as you would any human in a similar situation.

6. Girls are not here on this earth for your pleasure. They are not sexual objects. It may be news to you but they do not like cat-calling*, gossiping with others about their bodies or appearance, being stared at while going about their daily routines.

7. Pornography is not real. It is not what a loving respectful relationship looks like. What you may have seen are two or more actors. Even though the woman appears to enjoy sex that objectifies and degrades her, in real-life this most likely is not the case. A loving relationship is where two people enjoy time together and both enjoy sex that is mutually respectful.

8. Do not tell a girl you love/like her, get her to take a naked selfie and then post it on the internet so you look impressive to your friends. I repeat, DO NOT do this despicable and illegal act.

9. Do not take pictures of girls without their permission. Do not post such pictures on the internet. I repeat, DO NOT do this despicable and illegal act.

10. Lastly, be a kind, good human being to all other human beings this includes girls.

 

Eine Antwort darauf waren diese Vorschläge für Mädchen, wie sie Jungs respektvoll behandeln sollten:

1. Treat boys as human because that is what they are. They breathe and have feelings. Your words and actions can cause lasting damage. Think before you act and speak. Just because they don’t outwardly show every emotion they have doesn’t mean they don’t have them.

2. No sex shaming. Boys have every right to look at what they find to be sexually attractive without being shamed for it. Masturbation is perfectly natural and essential to male health and longevity. They have a right to enjoy sex without being called a pig or gross. Just because a guy finds a girl more attractive than you isn’t an invitation for you to mock or harass him about it. Male sexuality is also not an invitation to sexually assault him, either. He may have consented to you sexually touching him but that doesn’t mean he consented to you giving him “blue balls.” It’s painful, and he didn’t consent to that. If you want him to respect your body you need to respect his.

3. When boys say “No,” they mean no. Just because TV, parents, and your feminist teachers tell you all boys want is sex doesn’t make it true. Boys have every right to say no just like girls do, only when boys say “No,” unlike girls they almost always mean it. You may say one thing and mean another or “talk between the lines,” but boys are generally much more straightforward. If a boy says no, it doesn’t matter what you want at that point. You need to either stop touching him or respect his boundaries. It’s rape when you force a boy to have sex against his will.

4. Boys are equal in awareness of emotions. In fact, many boys may have emotional responses to things you don’t. They may even surpass in emotional awareness and empathy. They can even be better at you at fassion.

5. Don’t gaslight him. Don’t dress and act like a whore and then tell him he’s hateful for observing your actions. If you dress like a whore and you act like a whore, everyone is going to think you’re a whore. No matter who you are, when you go out into the world, people are going to judge you. You are going to judge them. We live in a society of people with social expectations of what is and isn’t socially acceptable. You don’t have to dress and act like a whore to get a boys attention, and if you do they will most likely get the wrong idea about you.  Also, don’t become a walking example of false advertising. Makeup is only supposed to enhance your natural beauty. If people can’t tell you are wearing makeup, chances are you have the right amount on. You don’t have to put on two coats. You’re not waxing a car.

6. Boys are not here on Earth to buy you every little thing you want. They are not your emotional baggage handler. They are not your personal slave. They don’t owe you money. It isn’t their job to buy you things. Get a job and buy your own stuff. Boys aren’t emotional playthings.

7. Boys aren’t emotional playthings. Don’t try to emotionally manipulate boys into getting what you want. Don’t use boys as decoy boyfriends to throw off your parents. It’s mean and hurtful.

8. Twilight is not real. These are characters in a book. They are not real people. The “dangerous” character who falls in love with the girl is nothing more that a whitewash of the bad boy image who will take care of his girl friend. In real life bad boys act out in all sorts of violent and destructive ways. They are only nice to you because they want something from you. Sure, it seems exciting to be with a guy who always breaks the rules, but when these angry, damaged, violent boys get mad at you (and they will as it is inevitalable in all relationships of all kinds) they will turn violent on you. To know the difference beteen a boy who will treat you right versus a boy who won’t, look at how that boy treats others who won’t benefit him. Nice boys are always nice unless you give them a reason not to be, bad boys are always bad until they have a reason to pretend other wise.

9. Take responsibility for your own actions. Nobody can convince you to do something risky without your consent. Waking up coyote ugly is not rape. Don’t be reckless with your body. You can’t expect others to respect your body when you don’t. If you’re getting black out drunk and can’t remember the night before, don’t assume the guy next to you raped you. Don’t drink if you’re underage. Don’t drink if you can’t handle alcohol.

10. Stand up for yourself and fight your own battles. Don’t tell a boyfriend to go beat someone up just because you don’t like them. Don’t lie to a boyfriend about being raped or sexually assaulted because a boy said something to you that you didn’t like, or “made you angry.” This isn’t just a lack of respect for boys it also demeans all girls who have had boys sexually assault them, because with every false claim, those girls are taken less seriously and are much less likely to be believed. Sex should never be a tool to harm someone.

11. Nobody can make you mad, glad, or sad. Nobody has control over your emotions but you. Sure others can try and manipulate your emotions, but they are still your emotions and nobody can offend you without your permission. Take control of your brain, your thoughts, and your emotions. it isn’t just about personal strength but demonstrates a level of maturity.

12. Be a kind good human being to everyone boy or girl. Everyone deserves at least some respect, but remember respect is mostly earned not given.

Teilweise zeigen sich hier die üblichen Kriegsschauplätze (zB No means No), teilweise sind es natürlich sinnvolle Tipps (man sollte selbstverständlich niemals vertrauliche Fotos von jemanden nicht vertraulich behandeln und schon gar nicht ins Internet stellen, man sollte aber auch überlegen, ob man gewisse Fotos sendet und wie hoch das Risiko ist, dass sie in anderen Händen landen etc)

Was haltet ihr von den Tipps?

„Nein heißt Nein“ und das Thunsche Kommunikationsquadrat

In einem bereits etwas älteren Kommentar hatte ich mal etwas zu „Nein heißt nein“ geschrieben. Es geht darum, dass „Nein heißt Nein“ lediglich auf die Sachebene abstellt, aber die anderen Ebenen, auf denen üblicherweise kommuniziert wird, und aus denen sich der Gesamtzusammenhang einer Aussage ergibt, dabei nicht berücksichtigt wird:

Mir fällt da zB Schulz von Thun und sein Kommunikationsquadrat ein:

  • Die Sach-Ebene beinhaltet die reinen Sachaussagen, Daten und Fakten, die in einer Nachricht enthalten sind.
  • In der Selbstoffenbarung vermittelt der Sprecher bewusst oder unbewusst – etwas über sein Selbstverständnis, seine Motive, Werte, Emotionen etc.
  • Auf der Beziehungs-Ebene wird ausgedrückt bzw. aufgenommen, wie der Sender zum Empfänger steht und was er von ihm hält.
  • Der Appell beinhaltet einen Wunsch oder eine Handlungsaufforderung.

Nein heißt Nein betrifft die Sachebene. Nein heißt Nein.

  • In der Selbstoffenbarung kann Nein heißen, dass die Neinsagerin deutlich machen, dass ihre Wert einen One-Night-Stand nicht zulassen oder aber auch nur, dass sie deutlich machen will, dass sie nicht mit jedem ins Bett steigt, sondern es schon ein besonderer Anlass sein muss oder aber, dass sie diese bestimmte Handlung nicht mag oder aber, dass es ihr zu schnell geht und sie noch etwas mehr Sicherheit benötigt, dass er sie nicht verurteilt oder sie als Schlampe abwertet. Dies alles steht nicht zwangsläufig gegen Sex.
  • in der Beziehungsebene kann mit dem Nein angesprochen werden, dass man sich zu fremd für Sex ist oder aber auch nur, dass sie sich nicht klar ist, ob man eher ein Freund ist oder wirklich auch ein Liebhaber. Vielleicht will sie deutlich machen, dass sie nicht nur eine Bettgeschichte ist oder nicht nur eine Kerbe in seinem Bettpfosten, sondern sicher sein muss, dass sie danach in einer respektvollen Beziehung stehen werden.
  • der Appell kann sein, dass man sofort aufhören soll, er kann aber auch sein „versichere mir, dass du mich liebst/auch nach dem Sex noch an mir interessiert bist/unsere Freundschaft nicht kaputt geht/du nicht jedem erzählen wirst, dass ich mich dir geschlafen habe und ich als Schlampe dastehe/du einfühlsam sein wirst/du meine Grenzen beim Sex akzeptierst.

Hier kann es natürlich zu Missverständnissen wie bei jeder Kommunikation kommen. Eine gründliche Analyse im Sinne eines Einfühlens ist dabei sicherlich erforderlich. Andererseits ist meine Erfahrung, dass Frauen den Appell durchaus recht deutlich machen. Sie starten mit einem Nein und schieben, wenn man es nicht versteht zur Not ein Nein, echt nicht, lass es“ oder ein „Nein, verdammt, ich habe doch gesagt ich will das nicht“ hinterher. Dann sollte man natürlich sofort lassen.

Aber die meisten Frauen sind auch nicht aus Zucker. Wenn man miteinander im Bett liegt wissen sie auch, dass der Mann in aller Regel was versuchen wird. Und nehmen es auch nicht übel, wenn man nach der leichtesten Zurückweisung noch etwas weiter probiert, solange man dabei mit etwas Einfühlungsvermögen vorgeht. Auch die Körpersprache gibt viele Anhaltspunkte. Wird sie Steif, sucht sie nach Kleidung, hält sie ihre Hände vor den Körper, lässt sie auch keine Berührungen der Arme zu, will sie vielleicht doch noch zumindest kuscheln, so dass man etwas Vertrauen und Nähe aufbauen kann, ihr erzählen kann welche wunderbaren Pläne man für eine gemeinsame Zukunft hat und warum man sie als Mensch schätzt? Bei letzteren finde ich, dass man irgendwann durchaus einen neuen Versuch starten kann und die beim Aneinanderkuscheln von ihr auf den Bauch zurückgeschobene Hand langsam nach oben wandern kann, weil zB die Beziehung klar gestellt ist und der Appellcharakter der Aufforderung umgesetzt wurde. Wenn sie dann die Hand wieder runterschiebt, aber auf dem Bauch lässt muss man eben wieder von vorne anfangen oder schauen, was der eigentlich Grund war, aber sicherlich nicht aufhören. Schlägt sie die Hand weg und keift „ich habe doch gesagt nur kuscheln“, dann hingegen sollte man eher zurückhaltend sein.

Davon abzugrenzen wäre ja die Forderung, ob man ein Nein, selbst wenn es eher „Ja“ oder „Vielleicht“ oder sonstwas heißt immer als „Nein“ behandeln sollte. Das ist aber etwas vollkommen anders. Hierfür gibt es Argumente und ich kann diese nachvollziehen, teile aber den Ansatz in dieser Ausschließlichkeit nicht.

So meine damaligen Ausführungen. Ich füge noch mal etwas aus der Wikipedia zu dem „Kommunikationsquadrat“ an:

Das übergeordnete Ziel bei dieser Modellbildung besteht darin, zu beobachten, zu beschreiben und zu modellieren, wie zwei Menschen sich durch ihre Kommunikation zueinander in Beziehung setzen. Dabei wendet Schulz von Thun sich den Äußerungen (den „Nachrichten“) zu. Diese können aus vier unterschiedlichen Richtungen angesehen und unter vier unterschiedlichen Annahmen gedeutet werden – dies sind die vier Aspekte oder Ebenen, die Schulz von Thun als „Seiten einer Nachricht“ bezeichnet:[4]

  • Auf die Sache bezogener Aspekt: die beschriebene Sache („Sachinhalt“, „Worüber ich informiere“)
  • Auf den Sprecher bezogener Aspekt: dasjenige, was anhand der Nachricht über den Sprecher deutlich wird („Selbstoffenbarung“, „Was ich von mir selbst kundgebe“)
  • Auf die Beziehung bezogener Aspekt: was an der Art der Nachricht über die Beziehung offenbart wird („Beziehung“, „Was ich von dir halte oder wie wir zueinander stehen“)[A 1]
  • Auf die beabsichtigte Wirkung bezogener Aspekt: dasjenige, zu dem der Empfänger veranlasst werden soll („Appell“, „Wozu ich dich veranlassen möchte“)

Auf diese Weise kann die „Nachricht als Gegenstand der Kommunikationsdiagnose“ verwendet werden. Störungen und Konflikte kommen zustande, wenn Sender und Empfänger die vier Ebenen unterschiedlich deuten und gewichten. Das führt zu Missverständnissen und in der Folge zu Konflikten. Ein bekanntes, von Schulz von Thun in seinem Hauptwerk Miteinander Reden zuerst verwendetes Beispiel ist ein Paar im Auto vor der Ampel. Die Frau sitzt am Steuer, und der Mann sagt „Du, die Ampel ist grün!“ Die Frau antwortet: „Fährst du oder fahre ich?“.[6] Die Äußerung kann in dieser Situation auf den vier Ebenen folgendermaßen verstanden werden: als Hinweis auf die Ampel, die gerade auf Grün geschaltet hat (Sachebene); als Aufforderung, loszufahren (Appell-Ebene), als Absicht des Beifahrers, der Frau am Steuer zu helfen, oder auch als Demonstration der Überlegenheit des Beifahrers über die Frau (Beziehungsebene); als Hinweis darauf, dass der Beifahrer es eilig hat und ungeduldig ist (Selbstoffenbarung). So kann der Beifahrer das Gewicht der Nachricht auf den Appell gelegt haben. Die Fahrerin könnte die Aussage des Beifahrers dagegen als Herabsetzung oder Bevormundung auffassen.

In Bezug auf den Hörer und seine Gewohnheiten erweitert Schulz von Thun das Vier-Seiten-Modell zu einem „Vier-Ohren-Modell“. Je ein Ohr steht für die Deutung einer der Aspekte: Das „Sach-Ohr“, das „Beziehungs-Ohr“, das „Selbstoffenbarungs-Ohr“ und das „Appell-Ohr“.[7]

Sachebene/Sachinhalt
Auf der Sachebene vermittelt der Sprecher Daten, Fakten und Sachverhalte. Aufgaben des Sprechers sind Klarheit und Verständlichkeit des Ausdrucks. Mit dem „Sach-Ohr“ prüft der Hörer die Nachricht mit den Kriterien der Wahrheit (wahr/unwahr), der Relevanz (von Belang/belanglos) und der Hinlänglichkeit (ausreichend/ergänzungsbedürftig). In einem eingespielten Team verläuft dies meist problemlos.

Selbstoffenbarung
Jede Äußerung bewirkt eine nur teilweise bewusste und beabsichtigte Selbstdarstellung und zugleich eine unbewusste, unfreiwillige Selbstenthüllung (siehe Johari-Fenster). Jede Nachricht kann somit zu Deutungen über die Persönlichkeit des Sprechers verwendet werden. Das „Selbstoffenbarungs-Ohr“ des Hörers lauscht darauf, was in der Nachricht über den Sprecher enthalten ist (Ich-Botschaften).

Beziehungsebene
Auf der Beziehungsebene kommt zum Ausdruck, wie der Sprecher und der Hörer sich zueinander verhalten und wie sie sich einschätzen. Der Sprecher kann – durch die Art der Formulierung, seine Körpersprache, Tonfall und anderes – Wertschätzung, Respekt, Wohlwollen, Gleichgültigkeit, Verachtung in Bezug auf den Anderen zeigen. Abhängig davon, was der Hörer im „Beziehungs-Ohr“ wahrnimmt, fühlt er sich entweder akzeptiert oder herabgesetzt, respektiert oder bevormundet.

Appell
Wer sich äußert, will in der Regel auch etwas bewirken. Mit dem Appell will der Sprecher den Hörer veranlassen, etwas zu tun oder zu unterlassen. Der Versuch, Einfluss zu nehmen, kann offen oder verdeckt sein. Offen sind Bitten und Aufforderungen. Verdeckte Veranlassungen werden als Manipulation bezeichnet. Auf dem „Appell-Ohr“ fragt sich der Empfänger: „Was soll ich jetzt denken, machen oder fühlen?“

Ich denke, dass eine Analyse nach diesen Gesichtspunkten weitaus mehr Interpretationen möglich macht als das strikte Abstellen darauf, dass ein „Nein“ immer bedeuten muss, dass man alles abbrechen muss. Und das die Unterscheidungen in dem Bereich eben auch Ausdruck sozialer Kompetenz sind, die mit den eher an einen Autismus erinnernden Auslegungsverständnis des Feminismus nicht wirklich demonstriert werden.

 

Berühren und vorher fragen

Ein Leser wies mich auf folgende Stelle aus dem Buch „Das Spielprinzip“ hin:
Der Kitzel des Berührtwerdens , soll sich ungezwungen , ohne weiteres Zutun einstellen. Das geht nicht auf Ansage. Der unsichere Mann zerstört die süße Illusion der fließenden Abenteuerlichkeit, wenn er sagt „Das hast du so süß gesagt. Ich muss dich jetzt einfach mal umarmen“. Der zaghafte Hänfling zerschmettert die Magie der Sekunde , wenn er, nach einer flüchtigen beiläufigen Liebkosung blödsinnig grinsend feststellt „Sorry! Das musste jetzt mal sein!“. Und der furchtsame Himbeerbubi macht wirklich alles kaputt, wenn er treudoof und irgendeinem pseudoromantischem Fair-Play folgend fragt: „Äh! Hast du vielleicht etwas dagegen, wenn ich mal deine Hand nehme?“ Mit derlei Fragen und Bemerkungen macht der kleinmütige Schisser – de facto – alles zunichte.
Vielleicht könnte man sagen: Jeder Zweifel an der Richtigkeit, jedes Gefühl, dass man das rechtfertigen muss und das es nicht etwas ganz normales sein könnte, kann dazu führen, dass zumindest unterbewusst, der „bin ich eine Schlampe, könnte mich jemand verurteilen?“-Analysevorgang aktiviert wird. Auch gefährlich: der „wenn er nicht glaubt, dass er der Richtige ist und das machen darf, ist er dann der richtige“-Analysevorgang. Und natürlich auch der Umstand, dass Männlichkeit und Selbstvertrauen sexy sind. Wahrscheinlich der Grund, warum für viele Frauen „es ist einfach so passiert“, als fießender, selbstverständlicher Prozess, ideal ist

„Ja bedeutet ja“ vs. „Es ist einfach so passiert“

Forscher haben die neuen „Konsens-Vorschriften“, die eher einem Yes means Yes entsprechen, untersucht. Sie haben dazu Interviews mit Studenten geführt, um deren Vorstellungen zu ermitteln.

Laker, a researcher for San Francisco State University’s Center for Research and Education on Gender and Sexuality, spent many years as student affairs administrator and counselor before starting his research. In 2012, he began collaborating with Erica Boas, an adjunct lecturer at Santa Clara University, to extensively interview students about sexual consent and coercion.

The researchers began by interviewing freshmen at one unnamed Bay Area university. For the purposes of this first project, they only interviewed heterosexual, cisgender students, though their research has now expanded to other institutions and includes lesbian, gay, bisexual and transgender students, as well as those interested in kink subcultures.

Das ist etwas, was in der „feministischen Forschung“ aus meiner Sicht viel zu wenig gefragt wird: Einfach mal ermitteln, ob die eigenen Forderungen eigentlich tatsächlich ankommen und als hilfreich empfunden werden oder ob man sie zB aus praktischen Gründen schlicht ablehnt.

While interviewing that first cohort of freshmen, Laker and Boas discovered that students often had trouble recalling the buildup to any one sexual encounter, even when sober.

It just happened.

“That’s what they said hundreds of times in our first round of interviews,” Laker said. “‘It just happened.’ Part of it was them being teenagers, but it was also because of mindlessness. Human beings can get on autopilot, with one thing just leading to another, whether it’s sex or the commute to your office. With sex, there’s all these taboos and stigmas and politics and complexities around the topic, as well. It can make it difficult to recall what happened.”

„Es ist einfach so passiert“ ist glaube ich in dem Zusammenhang wirklich der absolute Klassiker. Es ist auch die Version, die Frauen aus meiner Sicht sehr stark bevorzugen, weil es dann ein Prozess war, in der ein Schritt irgendwie zum anderen führte und sich richtig anfühlte. Es gab dann kein besonderes Ereignis, nichts wo beide gestoppt haben und gefragt worden ist, ob man denn nun tatsächlich und wirklich Sex haben will. Sondern einfach ein nebeneinander sitzen, etwas kuscheln, etwas knutschen, etwas fummeln und bevor man sich versieht hatte man Sex.

Interessanterweise unterscheidet sich das nicht wirklich in der Wahrnehmung einer Frau wenn man Pickup anwendet. Für sie ist es ebenfalls ein Prozess, der ganz natürlich zu Sex führt, „es ist eben einfach so geschehen“. Mitunter lag es mir da auf der Zunge den gesamten Weg einfach einmal darzustellen, aber es bringt ja wenig, sich da in technischen Details zu verlieren.

Eventually, by using a rhetorical device of asking students to try and replay an encounter in slow motion with commentary like a football broadcast, the researchers were able to get the participants to recall the encounters in more detail. Rarely did students ever indicate they asked each other if they were consenting to the activity.

Natürlich nicht. Es würde für die meisten Leute merkwürdig wirken.

One young woman said she and her boyfriend never talked about consent. Instead, when the boyfriend wanted to have sex, he would nuzzle her neck, just below her cheek. If she also wanted to have sex, she would turn to him. If not, she would turn away. Another student said that when he wanted to have sex with his girlfriend and they were already making out, he would tug on her sweatpants. She would respond by removing them, and the couple interpreted the exchange as consent.

Dass man in Beziehungen gewisse „Routinen“ oder nonverbale Konversation entwickelt, gerade um es nicht aussprechen zu müssen, sondern es zurückhaltender ausdrücken zu können, erscheint mir auch recht verständlich.

“In these cases, there’s an asking and answering, but not an enthusiastic yes,” Laker said. “These are often the real vocabularies of consent.”

Ein zusätzlicher Gewinn ist darüber hinaus für ein „normales Paar“ auch nicht wirklich zu erwarten. Sie werden üblicherweise nicht davon ausgehen, dass der andere Grenzen des Konsenses überschreitet und sehen Sex in einer Beziehung auch nicht als eine so große Sache an, dass man sich sonst wie absichern muss, zumal die Absicherung ohnehin minimal ist, wenn er die sonst üblichen Zeichen dafür, dass sie nicht will bewusst mißachet.

Only one of the 15 students interviewed in the initial project reported specifically asking, “Would you like to have sex?” Students also frequently reported being intoxicated during sex, many of them purposefully drinking before the encounter to feel more comfortable.

Alkohol als Sex-Anbahnungserleichterer ist bei beiden Geschlechtern sehr beliebt. Sowohl zum „Mut machen“ als auch zum „Lockerer werden“ aber auch als Entschuldigung dafür, dass man gesellschaftliche Grenzen überschreitet und einfach so Sex hat.

Colleges and states that have adopted affirmative consent polices and laws do say that an “enthusiastic yes” can come from nonverbal cues, but Laker and Boas said they worry that many of the students’ more subtle ways of signaling consent (especially while intoxicated) would not be considered enthusiastic under such rules.

In 2014, California became the first state to require all of its colleges and universities to use an affirmative definition of consent. Consent is now defined as “an affirmative, unambiguous and conscious decision by each participant to engage in mutually agreed-upon sexual activity.”

Das so eine Regelung sich durchsetzen konnte ist wirklich unglaublich. Man errichtet letztendlich eine Parallelwelt, in der andere Regeln gelten als in der tatsächlichen Welt und beide Parteien (und das, wenn man die Anzeigenstatistik sieht zu recht) darauf vertrauen, dass der andere lediglich die normalen Regeln

The consent has to be ongoing throughout any sexual encounter. If the student initiating the sexual encounter doesn’t receive an enthusiastic yes, either verbally or physically, then there is no consent. If the student is incapacitated due to drugs or alcohol, there is no consent. Connecticut, Illinois and New York have adopted similar laws, and many individual institutions and college systems have also made the switch to affirmative consent.

Mich würde auch interessieren, ob diejenigen, die diese Vorschläge umgesetzt haben und verbindlich haben werden lassen jemals Sex nach diesen Regeln gehabt haben.

Many women’s groups and victims’ advocates have praised the change. Under the traditional “no means no” model of consent, they argue, rapists can get away with sexual assault simply by saying the victim never said no or struggled enough against an attack.

„Traditionally we’ve focused on a lack of consent as someone fighting off an attacker,“ Laura Dunn, executive director of SurvJustice, said when California adopted its law. „You looked for evidence of resistance. We only talked about what consent was not, which is not a very helpful paradigm. From the victims‘ side, it says we have to resist. But even looking at this from the perspective of someone being accused, the traditional definition is telling them that it’s O.K. to do this until the victim says ’no.‘ That’s not really a helpful definition for them either because it can really be too late at that point. With affirmative consent, it’s simple. Consent is consent.“

In Deutschland sind wir mit dem Erfordernis des Vorsatzes immer noch auf dem Stand, dass wir in irgendeiner Form etwas haben müssen, was für einen entgegenstehenden Willen spricht. Das halte ich auch durchaus für richtig, wenn man eine Strafbarkeit, gerade mit einer sehr hohen Strafe, begründen will-

The concept has begun to receive some pushback, however. This year, six states failed to adopt proposed laws requiring colleges to begin using affirmative consent policies. In May, the American Law Institute overwhelmingly rejected a proposal to endorse affirmative consent. Had they voted in favor of the definition, the organization would have updated the Model Penal Code, a guide followed by many state legislatures.

Laker said many affirmative consent policies treat students as though they have “just hatched out of an egg,” rather than arriving on a campus with 18 years of socialization about sexuality and consent. A policy that assumes students are overtly asking someone to have sex with them is one that may privilege students who are extroverts, for example, while not providing a framework for introverted students who are less likely to talk openly about any issue, consent or otherwise. More broadly, the researchers said, students are taught from a young age that sex is not something meant to be talked about.

Das sind interessante Begründungen: Anscheinend ist es einfacher einfach zu sagen, dass introvertierte Personen benachteiligt werden als einfach anzuführen, dass normale Leute keinen Sex auf diese Weise haben. Das klingt zwar etwas an, wenn gesagt wird, dass die Studenten sich bereits auskennen, scheint aber als Grund nicht auszureichen

“The answer to this problem, we believe very strongly, is not going to be found in laws and policies, but that’s where 95 percent of the efforts are,” Laker said. “Very often, this is about lawyers making sure universities are not going to get sued. What is that going to do to prevent these problems? We need to give students the tools to help them communicate in a way that fits their own temperament.”

Das hatte ich hier auch schon einmal angeführt: Der Grund, aus dem diese Regelungen in Amerika so gerne umgesetzt werden, ist das man sich bemüht nicht in den Verdacht zu geraten, dass man eine Mitschuld hat, was mit den hohen amerikanischen Bestrafungsschäden zusammen hängt. Das die Regeln dabei nicht praktikabel sind, ist aus Verwaltungssicht ganz egal, da dieser Schaden jedenfalls nicht bei der Uni liegt.

Bundesrichter Fischer zu „Nein heißt Nein“ und Strafrechtsreformen

Bundesrichter Fischer schreibt in einer seiner Kolumnen zu „Nein heißt Nein“

Die Sache ist zwar wirklich kompliziert, aber sie ist nicht von vornherein unverständlich (das ist ähnlich wie bei der Erbschaftsteuer). Um sie zu verstehen, muss man allerdings bereit sein, sich auf ein paar Differenzierungen (Unterscheidungen) und Grundsätze einzulassen und eine Stunde seine eigenen Vorurteile und Sachverhaltsvorstellungen beiseite zu lassen, denn

1)    Behauptungen über die Wirklichkeit sind nicht die Wirklichkeit selbst.

2)    Die Materielle Rechtslage ist nicht identisch mit den prozessualen Regeln ihrer Erkenntnis.

3)    Das bloße „Machen“ eines Gesetzes löst weder Beweisfragen noch Dunkelzifferfragen noch Gerechtigkeitsfragen.

4)    Bloße Schlagworte sind nicht geeignet, komplizierte Strukturen zu klären oder zu entscheiden.

Das sind alles sehr wichtige Einsichten, die gerade in der Debatte zum Strafrecht eine entscheidende Rolle spielen.

1)    Behauptungen über die Wirklichkeit sind nicht die Wirklichkeit selbst.

Das ist für viele Feministinnen wahrscheinlich schon eine schwer zu schluckende Pille. Denn es impliziert eben auch erst einmal, dass man die Wirklichkeit in einem Prozess erst ermitteln muss und Behauptungen davon abweichen können. Es kann dabei sogar von beiden Seiten eine vollkommen andere Sicht geschildert werden und etwas Drittes der Wirklichkeit entsprechen, was man aber nie rausbekommt. Die Ansicht, dass eine Frau vergewaltigt worden ist, weil sie es sagt, ist damit wenig überzeugend für sich. Ebenso wie die Aussage des evtl Täters, dass er die Frau nicht vergewaltigt hat.

2)    Die Materielle Rechtslage ist nicht identisch mit den prozessualen Regeln ihrer Erkenntnis

Auch das kommt in der gesamten Debatte immer wieder zu kurz. Auch dann, wenn der Wille der Frau als wesentliches Tatbestandsmerkmal in ein Gesetz geschrieben wird, bedeutet es nicht, dass sie einfach entscheiden kann, ob ihr Wille hier mißachtet worden ist oder nicht. Sondern ob ein entgegenstehender Wille bestand und ob der Beschuldigte hier diesen Willen erkannt hat, also Vorsatz hatte, ist dem Beschuldigten nach allgemeinen Regeln über einen zulässigen Beweis nachzuweisen. Damit kommt üblicherweise ein objektives Element in jedem Tatbestand, denn wenn der Wille sich in keiner Weise manifestiert hat, dann kann man ihm auch nicht nachweisen, dass er ihn missachtet hat.

3)    Das bloße „Machen“ eines Gesetzes löst weder Beweisfragen noch Dunkelzifferfragen noch Gerechtigkeitsfragen

Das führt der Fall Gina Lisa eigentlich ganz gut vor: Die „Teammitglieder“ argumentieren hier, dass sie „hör auf“ gesagt hat. Selbst wenn nunmehr in einem Gesetz „gegen ihren erkennbaren Willen“ als Merkmal vorgesehen wäre, dann wäre die Frage, worauf sich damit das „Hör auf“ bezieht, nicht gelöst. Und natürlich werden auch, wenn es auf den Willen ankommt, viele Frauen nach wie vor den Fall nicht anzeigen und ebenso werden sich nach wie vor Frauen mit Männern, die sie angezeigt haben, versöhnen und dann nicht mehr kooperieren.

Ebenso wird sich nach wie vor die Frage stellen, ob es eine Falschbeschuldigung ist. Denn auch wenn es dem Tatbestandsmerkmal nach ausreicht, dass sie einfach nur einen entgegenstehen Willen hatte, klingt das in vielen Fällen nicht wirklich schlüssig.

„Ich habe einfach so dagelegen, während er mir die Sachen auszog, sich auf mich legte und dann schließlich in mich eindrang. Ich sagte nur „Nein, ich will das nicht“ „

Eine Schilderung dieser Art klingt eben auch dann nicht logisch und nachvollziehbar, wenn sie für den Tatbestand ausreichen würde. Denn es stellt sich dann die Frage, warum sie nicht versucht hat, ihn abzuwehren, warum sie alles so geduldet hat, warum sie nicht Gegenmaßnahmen ergriffen hat. Sie wird also zumindest darstellen müssen, dass sie Angst hatte, sie wird diese Angst nachvollziehbar machen müssen, etwa durch vorherige Gewalt oder Drohungen. Was uns wieder zum alten Tatbestand bringt. Und vielleicht fühlen sich Feministinnen dann noch stärker von der Justiz verlassen, weil es wieder die Situationen gibt, in denen sie angibt „Nein“ gesagt zu haben, Richter das aber nicht ausreichen lassen.

Nach wie vor wird ihr Nein auszulegen sein, es wird insbesondere abgeklärt werden müssen, wie er es mit ihrem vorherigen und zukünftigen Verhalten verstehen musste. Die Änderungen werden insofern überschaubar sein.

4)    Bloße Schlagworte sind nicht geeignet, komplizierte Strukturen zu klären oder zu entscheiden

In der Tat ist „Nein heißt Nein“ eine vollkommen unpräzise Formel. Es verkürzt den Sachverhalt auf diese, der aber viel mehr Facetten hat. Ein Nein kann zum einen verschiedene Bedeutungen haben, sich auf verschiedenes beziehen und auch ansonsten vieles offen lassen. Es kann durch nachfolgendes Verhalten seine Wirkung verlieren, welches konkludent ein Ja ausdrücken kann. Es kann vor allem gar nicht geäußert werden, weil gar nicht gesprochen wird und nur anderweitig etwas ausgedrückt wird. „Nein“ als Stoppwort unterschätzt, welche vielfältige Bedeutung das Wort haben kann und wie kompliziert die Anbahnung von Sex sein kann und auch welche Bedeutung dabei Hindernisse, auch kurzzeitige Hindernisse haben können. Wer „Nein“ zu Sex sagt, der kann beispielsweise durchaus wollen, dass der Partner deutlich macht, wie sehr er Sex mit einem haben möchte und kann auch wollen, dass er es weiter versucht, kann schließlich sogar nachgeben, weil er sich entweder sehr begehrt fühlt oder weil er meint deutlich genug gemacht zu haben, dass er „anständig“ ist. Vielleicht hat ihm der Verlauf der Anbahnung und die Reaktion auf die Zurückweisung auch deutlich gemacht, dass der andere zwar hartnäckig ist, aber dabei nicht zu weit geht und ein Nein soweit berücksichtigt, dass es dann eben keinen Sex gibt, auch wenn er sich bemüht, den anderen umzustimmen. Auch das kann der Sinn eines Neins sein.

All das geht bei „Nein heißt Nein“ natürlich unter. Der Sachverhalt ist schlicht zu komplex für eine so kurze Formel.