Die Kränkungen der Menschheit, insbesondere die „biologische Kränkung“

Kardamon weist in einem Kommentar bei Elmar auf “Kränkungen der Menschheit” hin, dort inbesondere die “biologische Kränkung. Dazu das Folgende in der Wikipedia

Freud nennt drei große Einschnitte, die der naive Narzissmus des menschlichen Bewusstseins durch den historischen Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis erlitten habe:

  1. Die kosmologische Kränkung: Die erste Erschütterung sei die mit dem Namen Kopernikus verknüpfte Entdeckung gewesen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist (vgl. Kopernikanische Wende).
  2. Die biologische Kränkung: Die zweite Kränkung lag in der Entdeckung, dass der Mensch aus der Tierreihe hervorgegangen ist (Charles Darwin und andere).
  3. Die psychologische Kränkung: Die dritte Kränkung sei die von ihm entwickelte Libidotheorie des Unbewussten; ein beträchtlicher Teil des Seelenlebens entziehe sich der Kenntnis und der Herrschaft des bewussten Willens. Die Psychoanalyse konfrontiere das Bewusstsein mit der peinlichen Einsicht, (…) daß das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.

Damit scheint mir Freud, auch wenn ich sonst von seinen Theorien nicht so viel halte, ins Schwarze getroffen zu haben. All diese Vorstellungen erschüttern unsere Selbstwahrnehmung erheblich oder erschütterten sie zumindest einmal, wenn man die erste Kränkung nimmt.

Gerade die biologische Kränkung sitzt dabei für viele Menschen in der Tat tief: Sie akzeptieren nur oberflächlich, dass wir aus der Tierreihe hervorgegangen sind, die reichlichen Überbleibsel dieses Vorganges auch in unserer Art zu denken oder auch den Umstand, dass unser Gehirn nicht eine Neuschaffung vom Grund auf für den Menschen ist, sondern ein leicht verändertes Primatenhirn hingegen können sie nicht akzeptieren.

Dazu hatte ich hier auch schon Artikel:

Interessant auch die in der Wikipedia aufgeführten 10 Kränkungen der Menschheit nach Gerhard Vollmer:

0 Ich bin ein Stück der Welt jedes Kind Das Ich erkennt sich selbst als ein Stück der Welt.
1 kosmologisch Kopernikus 1543 Die Erde (und damit der Mensch) ist nicht Mittelpunkt der Welt.
2 biologisch Darwin 1859 Die Menschheit ist in das Entwicklungssystem der Organismen eingegliedert.
3 psychologisch Freud 1895 Der Mensch ist noch nicht einmal Herr der eigenen Handlungen, sondern vom Unbewussten gelenkt.
4 ethologisch Heinroth 1910 Nicht nur unser Körperbau, sondern auch unser Verhalten ist aus dem Tierreich hervorgegangen.
5 epistemologisch Lorenz 1941 Auch unsere Wahrnehmung und Denkfähigkeit ist auf den Mesokosmos, an den wir phylogenetisch adaptiert sind, beschränkt und selbst dort nicht objektiv.
6 soziobiologisch Wilson 1975 Selbst unsere sozialen, moralischen und altruistischen Denk- und Verhaltensweisen, sogar die Forderung nach Erhalt der Menschheit, beruhen auf evolutionärer Selektion.
7 Computermodell des Geistes jetzt Die Aussicht auf Maschinen, die unsere geistigen Leistungen erreichen und sogar übertreffen.
8 ökologisch demnächst Der Mensch ist in die für ihn essentielle Biosphäre eingebunden und wegen Kränkung Nr. 5 unfähig, sie vollends zu verstehen und zu beherrschen.
9 neurobiologisch 21. Jahrhundert Auflösung des Dualismus von Körper und Seele.

Das ist auch eine interessante Auflistung, die in der Tat einige Kränkungen beeinhaltet, die auch in diesem Blog häufiger Thema sind.

 

 

 

 

Die schwer zu akzeptierenden Folgen der Entstehung des Menschen durch Evolution

Leser Denton hat in einem Kommentar auf ein Buch von Hart „Understanding Human History“ verwiesen, in das ich vorerst nur hereingeschaut habe, indem mir aber gleich eine interessante Passage aufgefallen ist.

The theory of evolution was introduced by Charles Darwin in 1859 in his great work, The Origin of Species. In the century and a half since then, there have been several important modifications of his original theory. For example, Darwin did not discuss genetic drift, rarely mentioned mutations, and knew nothing about genes. Furthermore, it seems likely that there will be additional refinements to Darwin’s theory in the future. Still, virtually all modern scientists agree that Darwin’s central insight — evolution by means of natural selection — was correct. Nevertheless, lots of people have never really accepted the theory of evolution. The most obvious of these are religious fundamentalists, many of whom openly dispute the theory. A more important group, however, consists of the numerous persons who say (and think) that they accept the theory of evolution, but who in fact shrink from accepting the implications of that theory.

Das ist meiner Meinung nach in der Tat richtig: Häufig wird zumindest in Europa angegeben, dass der Mensch natürlich durch Evolution entstanden ist, wenn man dann aber in die Details geht, was das eigentlich bedeutet, dann zeigt sich, dass viele vor aus meiner Sicht fast zwangsläufigen Schlußfolgerungen zurückstrecken, die damit zusammenhängen. Ich hatte darauf auch schon in meinem Artikel „Die Angst vor dem durch Evolution entstandenen Gehirn“ hingewiesen

Hier einmal die dann von ihm aufgezählten schwer zu akzeptierenden Folgen der Evolution des Menschen:

1) Human beings are animals: very unusual animals, to be sure, but nevertheless animals. In origin, we are not fallen angels, but apes arisen.

Eine wichtige Feststellung: Wir sind Tiere und da wir durch Evolution entstanden sind haben wir noch viele der damit zusammenhängenden Gehirnbereiche, Attraktivitätsmerkmale, gesellschaftliche Organisationen und Sozialgefüge. Das Gehirn ist nicht eine für den Menschen geschaffene Neukonstruktion, sondern eine Anpassung eines Tierhirns an besondere Situationen, die den Menschen betreffen.

2) Evolution is a completely amoral process.

Das ist ebenfalls etwas, was viele nicht akzeptieren können. Evolution führt nicht zu einer Verbesserung für die Gruppe, wenn es nicht dem Einzelwesen nützt, unterliegt keinen moralischen Bedenken, verlangt keinen Ausgleich zwischen verschiedenen Gruppen, ist einfach nur die Weitergabe von Genen: Welche auch immer sich aus welchen Gründen auch immer im Genpool anreichern, und sei es durch Mord, Vergewaltigung, Betrug oder Unterdrückung, setzten sich durch.

3) A person’s physical capabilities and limitations are strongly influenced by his genes.

Es stellt sich bei vielen körperlichen Eigenschaften heraus, dass diese genetische Ursprünge haben. Vieles ist durch eine gewisse Veranlagung geprägt.

4) A person’s mental attributes (i.e., his individual abilities and proclivities) are also influenced by his genes — not rigidly determined, but strongly influenced. The notion that we are entirely products of our environments is therefore false.

Das geht so weit, dass in der Verhaltensgenetik das erste Gesetz besagt, dass alle Verhaltensmerkmale des Menschen erblich sind. Auch bei den Big Five zeigt sich, dass diese starke genetische und biologische Ursachen haben. Auch das Gehirn ist durch Evolution entstanden. Es ist in vielen Bereichen spezialisiert auf bestimmte Aufgaben, der Grad, in dem dies ausgeprägt ist, macht wesentliche Unterschiede aus.

5) The observed behavioral differences between the sexes are strongly influenced by our genes — again, not rigidly determined, but strongly influenced.

Das das eines der Hauptthemen dieses Blogs ist spare ich mir zu lange Ausführungen: In der Tat sind biologisch Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu erwarten und auch nachgewiesen.

6) Whenever two populations within a species are reproductively isolated, they will diverge from each other genetically. If they are in different environments, this will occur by natural selection; but it will occur by genetic drift even if the environments are the same.

Auch das ist biologisch eine Selbstverständlichkeit. Wenn zwei Populationen isoliert von einander sind, dann werden sich mit hinreichend langer Zeit Unterschiede zwischen ihnen ergeben. Aufgrund des zuvor angesprochenen Umstandes, dass Körper und Geist beide biologische Wurzeln haben versprechen diese Veränderungen eben auch möglicherweise beide Bereiche

7) The process of evolution did not stop with the emergence of Homo sapiens, nor with the emergence of Homo sapiens sapiens (the branch of that species to which all living humans belong). Rather, evolution has continued and has produced visible differences between human groups whose ancestors evolved in different regions.

Evolution hört in der Tat nicht auf. Meiner Meinung nach gibt es zwar gute Gründe dafür, dass sich bestimmte Punkte bis heute aus der Steinzeit hinüber gerettet haben. Aber in anderen Bereichen konnten evolutionäre Unterschiede dennoch auftreten. Etwas die Laktosetoleranz, Resistenz gegen Bakterien und vielleicht auch eine gewisse „Zivilisierung„. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Mensch heute der gleiche sein wird, wie der Mensch in 10.000 Jahren.

8) There is no reason to suppose that the visible differences we see between the regional variations of human beings are the only differences that exist between them. On the contrary, it would be very surprising if that were the case.

Auch hier ist im zuzustimmen. Unterschiede, die über das Sichtbare hinausgehen sind zu erwarten, wenn Menschen in Verschiedenen Klimate, Umgebungen und Lebenssituationen leben.

Naturalistischer Fehlschluß

Ein Fehler, der immer wieder gerne gemacht wird ist der naturalistische Fehlschluß.

Die Gleichsetzung von „Natürlich“ mit „Gut, Richtig oder schön“

Diese Gleichsetzung übersieht, dass Evolution und Selektion keine Moral kennen, sondern überbleibt, was sich im Genpool anreichern kann.

Beispiele für „unmoralisches Verhalten“ gibt es in der Natur genug. Katzen spielen mit ihrer Beute, Männliche Delphine vergewaltigen weibliche Delphine. Entenerpel vergewaltigen ebenfalls sehr gerne. Jungtiere werden weil sie wehrloser und unerfahrener sind, gerne als Beute genommen. Genug Tiere sind verschwenderisch und fressen in guten Zeiten nur die besten Stücke, der Rest verrottet. Kuckuckskinder werfen die anderen Eier aus dem Nest, bestimmte Vögeljungen verbessern ihre Chancen, indem sie ein Ei des Geleges aus dem Nest werfen, wenn die Eltern es nicht verhindern (sie sind eben mit ihren Geschwistern nur zu 50% verwandt, mit sich selbst aber zu 100%). Genug Eltern fressen kleine kümmerlichere Kinder auf, statt die Kosten des Nachwuchses zu tragen.

All dies würden wir nach unseren Moralvorstellungen, die wieder auf der Biologie unserer Spezies beruhen, nicht gut oder moralisch finden.

Man kann das ganze auch noch weiter ins Extrem führen: Ein Krebsgeschwür ist natürlich. Aber es ist sicherlich nicht gut oder moralisch.

Steven Pinker schreibt in „The Blank Slate“ zum Naturalistischen Fehlschluß:

Social Darwinism is based on Spencer’s assumption that we can look to evolution to discover what is right — that “good” can be boiled down to “evolutionarily successful.” This lives in infamy as a reference case for the “naturalistic fallacy”: the belief that what happens in nature is good. (Spencer also confused people’s social success — their wealth, power, and status — with their evolutionary success, the number of their viable descendants.) The naturalistic fallacy was named by the moral philosopher G. E. Moore in his 1903 Principia Ethica, the book that killed Spencer’s ethics.21 Moore applied “Hume’s Guillotine,” the argument that no matter how convincingly you show that something is true, it never follows logically that it ought to be true. Moore noted that it is sensible to ask, “This conduct is more evolutionarily successful, but is it good?” The mere fact that the question makes sense shows that evolutionary success and goodness are not the same thing.

Und in der Wikipedia heißt es zum naturalistischen Fehlschluß:

Naturalistischer Fehlschluss (engl. naturalistic fallacy) ist ein vom englischen Philosophen George Edward Moore geprägter Begriff, mit dem der Versuch bezeichnet wird, ausgehend von den Eigenschaften eines natürlichen oder übernatürlichen Objektes zu definieren, was gut ist. Dies ist ihm gemäß nicht zulässig, da der Schluss auf eine wertende (präskriptive) Aussage mindestens eine wertende Prämisse benötigen würde. Nach Moore ist es also nicht möglich, einen normativen Begriff wie gut durch deskriptive Begriffe zu definieren.

Eng verwandt ist der naturalistische Fehlschluss mit dem moralistischen Fehlschluß:

Der moralistische Fehlschluss ist ein Fehlschluss, bei dem auf der Basis der moralischen Unerwünschtheit eines Zustands oder Verhaltens dessen Naturwidrigkeit behauptet wird. Der Begriff wurde als moralistic fallacy 1978 durch den Biologen Bernard Davis geprägt.[1] Im deutschen Sprachraum wurde das Konzept unter der Bezeichnung moralistischer Trugschluss von Bischof (1996) verwendet.[2]

Der moralistische Fehlschluss wird oft eingesetzt, um naturwissenschaftliche Forschungen, Thesen oder Befunde zurückzuweisen, die im Widerspruch zu bestehenden ethischen Normen stehen

Es handelt sich bei diesem Fehlschluss um eine ignoratio elenchi: Ob ein Zustand naturgemäß ist, also bestimmten psychologischen oder biologischen Tendenzen entspricht (etwa der evolutionären Psychologie oder der Verhaltensbiologie), wird von dem ethischen Wert, dem man ihm beimisst, ohne Weiteres nicht beeinflusst. Er ähnelt dem naturalistischen Fehlschluss darin, dass er einen starken Zusammenhang zwischen Sein und Sollen behauptet. Während im naturalistischen Fehlschluss vom Sein auf das Sollen geschlossen wird, schließt man beim moralistischen Fehlschluss vom Sollen auf das Sein. Der Schluss führt nicht zu einem formalen Widerspruch, ist aber formal unvollständig und verlangt starke zusätzliche Annahmen über den Zusammenhang von Moral und Natur.

Oder bei Pinker:

The naturalistic fallacy leads quickly to its converse, the moralistic fallacy: that if a trait is moral, it must be found in nature. That is, not only does “is” imply “ought,” but “ought” implies “is.” Nature, including human nature, is stipulated to have only virtuous traits (no needless killings, no rapacity, no exploitation), or no traits at all, because the alternative is too horrible to accept. (…) For example, in response to Thornhill’s earlier writings on rape, the feminist scholar Susan Brownmiller wrote, “It seems quite clear that the biologicization of rape and the dismissal of social or ‘moral’ factors will … tend to legitimate rape…. It is reductive and reactionary to isolate rape from other forms of violent antisocial behavior and dignify it with adaptive significance.”6 Note the fallacy: if something is explained with biology, it has been “legitimated”; if something is shown to be adaptive, it has been “dignified.” Similarly, Stephen Jay Gould wrote of another discussion of rape in animals, “By falsely describing an inherited behavior in birds with an old name for a deviant human action, we subtly suggest that true rape — our own kind — might be a natural behavior with Darwinian advantages to certain people as well.” The implicit rebuke is that to describe an act as “natural” or as having “Darwinian advantages” is somehow to condone it.

Daraus, dass ein bestimmtes Verhalten biologisch begründbar ist, folgt also nicht, dass es richtig ist oder das man es für richtig hält. Wenn man also beispielsweise anführt, dass Männer aufgrund ihres stärkeren Sexualtriebs eher eine rein sexuelle Gelegenheit zum fremdgehen ausnutzen werden, dann bedeutet dies nicht, dass sie sich damit entschuldigen können oder ihr Verhalten gerechtfertigt ist. Es bedeutet aber auch nicht, dass der Sexualtrieb und die Seitensprungwahrscheinlichkeit anders zu bewerten ist, weil man es als schlecht ansieht, wenn Männer fremdgehen.

Biologie erklärt Verteilungen über den Schnitt. Aber sie macht Verhalten nicht moralisch.