Genderismus, Gender und Biologismus

Auf Sciencefiles versucht man sich an einer Definition des Begriffes Genderist:

“Genderist” soll dementsprechend einfach eine Bezeichnung für Personen sein, für die gilt, dass sie

  1. die soziale Konstruktion von Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit zum Ausgangspunkt aller sozialwissenschaftlich oder gesellschaftlich relevanten Beschreibungen und Erklärungen machen wollen und die Arbeit von Personen, die dies nicht tun wollen und andere Eigenschaften von Menschen (seien sie als sozial konstruiert aufgefasst oder nicht) als ebenso wichtig oder wichtiger für die Erklärung und das Verständnis sozialer Realität einschätzen, von vornherein als defizitär beurteilen, oder die
  2. Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in eine Hierarchie bringen, wobei alles, was weiblich konnotiert ist, präferiert wird, und darüber hinaus bestimmte Konstruktionen von Weiblichkeit (z.B. Hausfrau, “Karriere”frau ohne Kinder) und Männlichkeit (z.B. “Macho”-Mann) sowie bestimmte Lebensentwürfe (z.B. “Doppelverdiener”) weniger akzeptabel gefunden werden als die so genannte “Vereinbarkeitsweiblichkeit und -männlichkeit” (oder gar nicht akzeptabel).

Also entweder das als absolut Setzen der sozialen Konstruktion (bzw. des Standard Social Sciences Model) bei gleichzeitiger Abwertung aller anderen Erklärungen oder eine Überbewertung des genehmen Weiblichen und die Abwertung des nicht gewünschten Männlichen.

Da es zumindest einem Leser Schwierigkeiten bereitet hier in Abgrenzung noch einmal die Defintion von „Gender„:

Der Begriff Gender [ˈdʒɛndɐ] bezeichnet als Konzept die soziale oder psychologische Seite des Geschlechts einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex). Der Begriff wurde aus dem Englischen übernommen, um auch im Deutschen eine Unterscheidung zwischen sozialem („gender“) und biologischem („sex“) Geschlecht treffen zu können (…) Der Begriff Gender bezeichnet zum einen die soziale Geschlechterrolle (engl. gender role) beziehungsweise die sozialen Geschlechtsmerkmale. Er bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (zum Beispiel Kleidung, Beruf und so weiter); er verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (sex).

Demnach wird „Gender“ sicherlich häufig zu weit gebraucht, es gibt aber gleichzeitig natürlich eine soziale Ausformung der biologischen Grundlagen, die man als Gender bezeichnen kann.

Dagegen stelle ich einmal die Definition des Biologismus:

Der Biologismus (gr. βíος bíos „Leben“ und logos/ismus) ist eine philosophische und weltanschauliche Position, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vordringlich durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versucht.(…) Als Erscheinungsformen des Biologismus lassen sich unter anderem anführen: (…) die moderne Soziobiologie und Evolutionäre Psychologie, soweit sie psychologische und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich oder ganz überwiegend auf der Grundlage genetischer Faktoren erklärt.(…) Biologismus findet sich häufig auch in sozialen Erklärungsmodellen, so etwa: auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik vorrangig durch Verweise auf biologische Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern, aus denen unreflektiert vermeintlich unabdingbare gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen gezogen werden, wodurch sexistische Auslegungen entstehen können

Das viele gesellschaftliche Zusammenhänge auf biologischen Gesetzmäßigkeiten beruhen vertrete ich hier auch. Allerdings nicht nur auf biologischen Gesetzmäßigkeiten, diese werden eben durch soziale Umstände ausgestaltet. Und natürlich haben nicht nur genetische, sondern auch hormonelle Faktoren bzw. die daraus sich ergebende Ausrichtung des Gehirn eine große Rolle. Der zweite Teile, der Bezug auf die Geschlechterpolitik nimmt, ist extrem wertend gehalten und schon eher genderistisch. Sie mag für einen Sozialdarwinismus, aber nicht für einen unessentialistischen Ansatz, der davon aufgeht, dass die meisten Unterschiede nicht absolut vorliegen, sondern es sich um Normalverteilungen mit überlappenden Trägern aber verschobenen Mittelwerten handelt.

Der Wechsel der Geschlechterrolle bei albanischen Burrnesha

In Albanien gab es wohl eine Tradition, bei der bestimmte Frauen als Männer gelebt  haben:

Albanian sworn virgins (Albanian: burrnesha or virgjinesha) are women who take a vow of chastity and wear male clothing in order to live as men in the patriarchal northern Albanian society

Zu den Hintergründen dafür:

The tradition of sworn virgins developed out of the Kanuni i Lekë Dukagjinit (English: The Code of Lekë Dukagjini, or simply the Kanun),[5] a set of codes and laws developed by Lekë Dukagjini and used mostly in northern Albania and Kosovo from the 15th century until the 20th century. The Kanun is not a religious document – many groups follow it including Roman Catholic, Albanian Orthodox, and Muslims.[6] The Kanun dictates that families must be patrilineal (meaning wealth is inherited through a family’s men) and patrilocal (upon marriage, a woman moves into the household of her husband’s family).[7] Women are treated like property of the family. Under the Kanun women are stripped of many human rights. They cannot smoke, wear a watch, or vote in their local elections. They cannot buy land, and there are many jobs they are not permitted to hold. There are even establishments that they cannot enter.[4][6] The practice of sworn virginhood was first reported by missionaries, travellers, geographers and anthropologists who visited the mountains of northern Albania in the 19th and early 20th centuries

A woman becomes a sworn virgin by swearing an irrevocable oath, in front of 12 village or tribal elders, to practice celibacy. Then she is allowed to live as a man. She will then be able to dress in male clothes, use a male name, carry a gun, smoke, drink alcohol, take on male work, act as the head of a household (for example, living with a sister or mother), play music and sing, and sit and talk socially with men.[4][8][9] A woman can become a sworn virgin at any age, either to satisfy her parents or herself.

Dieser Brauch wurde mir in Diskussionen von Vertretern der Genderseite schon häufiger entgegen gehalten. Dabei ist der Aussagegehalt relativ gering. Die Praxis wurde trotz sehr schlechter Umstände für Frauen nie von vielen Frauen umgesetzt und blieb die Ausnahme. Es fehlen alle Angaben dazu, wie stark die Frauen tatsächlich in die Männerrolle gewechselt sind oder ob sie nur bestimmte Tätigkeiten übernommen haben, es fehlt an Angaben, wie sie sich dabei gefühlt haben und ob es ihnen leicht fiel. Und vor allem wird hier in keiner Weise geprüft, ob biologische Faktoren auch hier eine Rolle spielen.

Zur Motivation heißt es in der Wikipedia:

There are many reasons why a woman would have wanted to take this vow, and observers have recorded a variety of motivations. One woman said she became a sworn virgin in order to not be separated from her father, and another in order to live and work with her sister. Several were recorded as saying they always felt more male than female. Some hoped to avoid a specific unwanted marriage, and others hoped to avoid marriage in general.

Wenn ein Kind sich schon immer mehr als ein Mitglied des anderen Geschlechts fühlt, dann liegt es nahe, dass es einen gewissen Zusammenhang mit Transsexualität gibt. Und bei dieser ist ein biologischer Zusammenhang gut nachgewiesen. Oder es handelt sich bereits vorher um relativ männliche Frauen, z.B. in Richtung der Tomboys, etwa aufgrund eines sehr hohen pränatalen und auch postnatalen Testosteronspiegels.

Diana Rakipi, eine Burrnesha, führt dazu aus:

“I grew up playing with boys. Since I was a kid I was always surrounded by men, I always preferred their company to girls. My brother died before I was born. My mother would always say to me, ‘you are just like him’. So it was always expected I would kind of just take his place,”

Sie spielte schon immer mit den Jungs, sie war lieber in der Gesellschaft von Jungs, sie war genau wie ihr Bruder. Das klingt nicht nach einem Rollenwechsel, sondern eher danach, dass sie schon immer eher männlich war.

Zudem scheint sich diese Tradition nicht gehalten zu haben, obwohl das Patriarchat ja nach wie vor den Männern genug Vorteile bietet.

The tradition of sworn virgins was never that common in Albania, and the practice is slowly dying out. Today there are so many more opportunities for young women that most of them here have not even heard of the practice, let alone considered it an option.

Die Praxis scheint also nicht sehr attraktiv gewesen zu sein. Sofern nicht mehr der Druck enormer gesellschaftlicher Zustände bestand scheint dieser Weg die männlichen Vorteile zu erlangen nicht mehr attraktiv für die allermeisten Frauen gewesen zu sein.

„Lasst es uns doch einfach mal versuchen die Geschlechterrollen aufzubrechen“

Immer wieder kommt in Diskussionen ein Argument , wie das Folgende:

Wenn du eh meinst, dass es nicht klappt, die Geschlechterrollen aufzubrechen, weil alles Biologie ist,  dann lass es uns doch einfach mal ausprobieren. Vielleicht klappt es ja und dann haben wir eine bessere Welt. Was kann es schon schaden?

Dagegen lässt sich aber durchaus einiges sagen:

1. Es wurde schon probiert

Umerziehungen wurden immer wieder probiert. Der bekannteste Versuch ist wohl das Kibbuz. Aber auch ansonsten gibt es kein Volk auf dieser Erde, bei dem die Geschlechterollen etwa umgedreht sind. Vielmehr sind die Geschlechterrollen in vielen Grundlagen gleich und dies überall auf der Welt.

Auch geschlechtsneutrale Erziehung hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge zu verzeichnen.

2. Wissenschaftliche Ergebnisse legen nahe, dass es nicht klappt.

Eine Vielzahl von Studien legt nahe, dass die Geschlechterrollen einen  biologischen Ursprung haben. Ich habe hier bereits ein paar zitiert:

3. Wenn man versucht, etwas zu dekonstruieren, was nicht zu dekonstruieren ist, dann hilft man den Leuten nicht, sondern schadet ihnen

Es ist eben kein Experiment, welches keinen Schaden anrichtet. Es ist ein Menschenexperiment, bei dem man um die Geschlechterrollen aufzubrechen teilweise erheblichen Druck aufbaut oder Menschen beeinflusst.

Dagegen wird eingewandt, dass man ja eigentlich keinen Druck aufbaut, sondern nur Freiheiten gibt: Jeder soll sich so verhalten können, wie er will. Das entspricht jedoch nicht den im genderfeministischen Bereich geltenden Theorien, die ja gerade vorgeben, dass bestimmte Geschlechterrollen bestehen, die gerade dadurch Wirksamkeit erhalten, dass die Leute nach ihnen leben und obwohl sie nachteilhaft für die meisten sind nicht aus ihnen rauskommen. Wenn man jeden leben lassen wollte, wie er es will, dann würden eben auch nach diesen Theorien die Geschlechterrollen bestehen bleiben, weil sie immer noch das Denken der Menschen und die Ansicht davon, was normal ist prägen. Deswegen müssen sie dekonstruiert und aufgebrochen werden.

Das dies sehr negativ sein kann wird den meisten deutlich, wenn christliche Fundamentalisten überlegen Homosexualität zu dekonstruieren und jemanden wieder heterosexuell zu machen. Die meisten Menschen sagen in diesem Bereich nicht „Lass sie doch machen, was soll´s, es kann ja nichts passieren“, sondern haben im Gegenteil die Folgen bis hin zum Selbstmord gut vor Augen, die damit einher gehen die eigene Sexualität zu unterdrücken und sich ihrer schämen zu müssen.

4. Das bedeutet nicht, dass alle auf die Geschlechterrollen festgelegt sein müssen.

Dabei geht es nicht darum, dass jeder nach den Geschlechterrollen leben muss. Aufgrund der vorhandenen individuellen Unterschiede auch in der Biologie und den fließenden Übergängen gerade bei hormonellen Ausrichtungen ist innerhalb des biologischen Modells für alle Verhaltensweisen Platz.

Ich würde demnach Toleranz und Verständnis dafür, dass es nicht um eine essentialistische Betrachtungen geht, sondern nur um Häufungen, um Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern und verschobenen Mittelwerten geht. Ich würde die Leute früh über die biologischen Grundlagen der Homosexualität, Transsexualität  und die Abweichungen innerhalb der Geschlechter unterrichten. Wer versteht, dass es lediglich kleinere biologische Unterschiede sind und die Leute damit eben auch nicht anders können als sich auf eine bestimmte Weise verhalten, der wird nach meinem Verständnis auch eher Toleranz aufnehmen können.

Ich würde den Leuten vermitteln, wie es zu den Geschlechtsunterschieden kommt und was sich daraus moralisch herleitet, nämlich erst einmal nichts, weil es ansonsten ein naturalistischer Fehlschluss wäre.

Abgrenzung sozialer und biologischer Einflüsse und ihrer Schwierigkeiten

Der Mensch ist ein Produkt der Natur und der Umwelt. Die Anlage-Umwelt-Debatte ist insofern schwer zu führen, weil Kultur häufig eine Ausgestaltung der Biologie auf andere Weise ist.  Gerade bei der Forschung in die kulturelle Richtung werden aber gerne mögliche biologische Einflüsse zu früh ausgeschlossen. Dazu kurz etwas:

  • Bei einem Vergleich mit den Eltern wird nicht berücksichtigt, dass die Kinder von diesen nicht nur die Erziehung, sondern auch die Gene haben. Wenn sie also bestimmte gleiche Einstellungen haben, dann kann das daran liegen, dass sie die gleichen Gene haben.
  • Es wird häufig angenommen, dass die Beeinflussung nur in eine Richtung verläuft. Tatsächlich verläuft die Beeinflussung aber in beide Richtungen. Die Eltern/Bezugspersonen reagieren auch auf das (möglicherweise biologisch bedingte) Naturell/den Charakter des Kindes etc. Ein besonders freches Kind wird eben strenger angegangen werden oder die Eltern werden eher resignieren als bei einem Kind, welches von Natur aus brav ist. Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen („der Junge kommt aus einer kaputten Familie“ „Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt“)
  • bei der Peer-Group kann hinzukommen, dass sie sich eine PeerGroup suchen, die ihren Vorlieben entsprechen, die wieder biologische Ursprünge haben können
  • Abweichungen in Kulturen bedeuten nicht, dass diese auf Kultur zurückzuführen sind. Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein. Beispielsweise ist der Umstand, dass in Kulturen mit hoher Vaterunsicherheit nicht die Väter, sondern die Onkel mütterlicherseits die Kinder unterstützen nach evolutionärer Spieletheorie leicht nachzuvollziehen und entspricht der biologischen Interessenlage, die eben bei hoher Vaterunsicherheit eine hohe Investition des Partners der Frau in die Kinder uninteressant macht. Biologische Programme müssen nicht schlicht sein, sie können natürlich auch graduell ausgestaltet sein
  • Männer und Frauen sind nach den biologischen Theorien nicht essentialistisch verschieden, sondern nur im Schnitt. Abweichende Verhaltensweisen bestimmter Frauen und Männer sprechen damit per se  nicht gegen biologische Begründungen.

Zusammenspiel biologischer mit kulturellen Faktoren über Kalibrierung durch gesellschaftliche Mittelwerte

Eine Art, wie Natur und Umwelt zusammen spielen könnten wäre die Aufnahme bestimmter Daten aus der Umwelt zur Kalibrierung bestimmter Verhaltensprogramme.

Ein Beispiel wäre der Abstand, ab dem eine unbekannte Person „zu nahe“ ist, also in die Privatsphäre eingedrungen ist. Dieser Wert ist in einigen Kulturen niedriger als in anderen Bereichen. Es gibt aber überall auf der Welt einen gewissen Abstand, ab dem Leute Nähe unbekannt finden. Insofern würde das Gehirn hier aufnehmen müssen, welche Entfernung in der jeweiligen Kultur normal ist und dann diesen Wert für seine Überlegungen zugrundelegen um danach die Vorstellungen zu kalibrieren.

Ein Faktor mit mehr Geschlechterbezug könnte die Frage sein, ab welchem Verhalten eine Frau als „schlampig“ gilt und ab welchem nicht. Das würde sich dann zB nach der Art und Weise und der Anzahl der Geschlechtspartner richten und insoweit auch nach einem Mittelwert ausgerichtet werden.

Eine solche Ausrichtung nach den direkten kulturellen Erfahrungen der Umgebung hätte insbesondere den Vorteil, dass sie weniger starr ist und sich damit der Umgebung besser anpassen kann. Bei z.B. einem streng konservativen Stamm würde ansonsten ein moderater Wert riskant, weil zu hoch sein, bei einem liberaleren Stamm hingegen würde man vielleicht aufgrund von Prüderie Nachteile haben. Mittels kultureller Ausgestaltung hingegen könnte jeweils ein Wert aus der Umgebung aufgenommen und verarbeitet werden.

Das allerdings würde beispielsweise bedeuten, dass man trotz geänderter Sexualmoral niemals davon weg kommen würde, dass zB bestimmte Frauen verurteilt würden. Man kann nur die Werte verschieben und evtl die Spanne ausdehnen.

So könnten bestimmte kulturelle Prozesse, die scheinbar unabhängig von der Biologie sind, doch eine biologische Komponente haben.

Kibbuz und Gender

Bei der Frage, ob die Geschlechterrollen einen biologischen Kern haben oder rein sozial begründet sind, gibt es viele biologische Argumente, wie etwa    cloacal exstrophy, CAH, genetische Grundlagen der Transsexualität und viele weitere Studien.

Es gab allerdings auch direkte Experimente, die ebenfalls nahelegen, dass es eine biologische Komponente gibt.

In den israelischen Kibbuz beispielsweise sollten die Geschlechterrollen aktiv aufgebrochen werden, indem die Arbeit geschlechtsunspezifisch durchgeführt wurde und auch die Kinderbetreuung zentral durchgeführt werden sollte.

Das Experiment ist allerdings gescheitert. Hier etwas zu dazu:

In seiner empirischen Langzeitstudie beschreibt der Anthropologe Melford E. Spiro die Kibbuz-Bewegung in Israel.

Er beschreibt die revolutionäre feministische Bewegung der Kibbuzgründer, ihre Ideale, ins­besondere ihr Ideal von einer radikalen Gleichheit von Frau und Mann. Dieses Ideal führte zur Abschaffung jeglicher auf Geschlecht basierender Arbeitsteilung und damit zu einer revolutionären Umformung von Ehe, Familienstruktur und Kindererziehung.

Zwischen 1950 und 1975 (und dann bis 1994) wird Spiro Zeitzeuge einer „weiblichen Gegenrevolution”: Die im Kibbuz geborenen Frauen setzten eine Rückkehr zu einer auf Geschlecht basierenden Arbeitsteilung durch. Auf ihr Drängen wurde die Kindererziehung erneut radikal reformiert. Die Frauen bestanden darauf, in hohem Maß wieder selbst für ihre Kinder zu sorgen. Ehe und Familie wurden dadurch wieder zu eigenständigen Einheiten mit eigener Bedeutung.

Anders als die Gründer war die neue Generation der Kibbuzfrauen nicht mehr der Auffassung, Gleichheit bedeute: „Alle tun das Gleiche”, sondern vielmehr: „Jeder tut, was ihm am besten entspricht, bei gleicher Wertschätzung von Verschiedenheit.”

Interessant ist hier, dass die Frauen und die Männer, die die Bewegung gestartet haben, die Trennung leben könnten, weil sie die passende Ideologie hatten, die Kinder hingegen, die diese Ideologie nicht teilen, sondern einfach in dem Kibbuz leben müssen, andere Konzepte umsetzen wollen und zurück zu einer Geschlechtertrennung kommen wollen.

Zu den ideologischen Hintergründen aus dem besagten Artikel:

Die Gründer der Kibbuzbewegung, Frauen und Männer, wollten Anfang des 20sten Jahrhunderts in Israel den „neuen Menschen” schaffen. Er sollte frei sein von Gier nach Gütern und Besitz, frei von partikularistischen Interessen, nur am Wohl des Ganzen orientiert, frei zur Selbstentfaltung und frei von jedem Willen zur Macht über andere. Neben einer radikalen ökonomi­schen Gleichheit sollte vor allem eine radikale soziale Gleichheit der Geschlechter gelebt werden. Die Kinder, befreit von der Herrschaft der Eltern, sollten in Kinderhäusern von ausgebildeten Pädagogen erzogen werden. Frauen sollten vom „Joch” der Familien- und Kinderversorgung befreit werden, um sich ebenso wie die Männer im beruflichen, öffentlichen und politischen Leben verwirklichen zu können. Für die Kibbuzgründer war jede auf Geschlecht basierende Arbeitsteilung Zeichen von Ungleichheit und damit von Ungerechtigkeit. Unter Gleichheit verstanden sie Unterschiedslosigkeit. Um diese durchzusetzen, nahmen sie eine radikale Umformung der Institutionen Ehe und Familie vor und setzten ein Leben „ohne Geschlechtsrollenunterschiede” durch. Anders als die „das Patriarchat“ bekämpfenden Feminis­tinnen waren die Kibbuzgründer nicht der Auffassung, dass Geschlechtsrollen­unterschiede von Männern entwickelt worden seien, um Frauen zu unterdrücken und von „einflussreichen” öffentli­chen Positionen fernzu­halten. Für die Kibbuzgründer war vielmehr die Geschlechterungleichheit eine Folge der „biologischen Tragödie der Frau”. Damit meinten sie die Begrenzungen, die die Frau durch ihre biologische Fähigkeit, schwanger zu sein und stillen zu können, erlebt. Dadurch dass Frauen die primären Ansprechpartner für ihre kleinen Kinder sind, so die Kibbuzgründer, sind sie „im Joch der häuslichen Arbeit gefangen”, während der Mann „frei” für außerhäusliche Tätigkeiten ist. Da die häuslichen Tätigkeiten Zeit und Energie beanspruchen, nehmen sie Frauen die Möglichkeit, ihre künstlerischen und intellektuellen Fähigkeiten ausbauen und politische Leitungsämter zu übernehmen.

Zu der Gegenbewegung:

Was bereits vor 1950 begonnen hatte, ging zwischen 1950 und 1975 und auch danach noch weiter. Die Sabra-Frauen, d.h. die im Kibbuz geborenen Frauen, initiierten eine radikale Reformbewegung. Sie setzten eine Rückkehr zu einer auf Geschlecht basierenden Arbeitsteilung durch. Auf ihr Drängen wurde die Kindererziehung erneut radikal reformiert. Die Sabra-Frauen bestanden darauf, in hohem Maß wieder selbst für ihre Kinder zu sorgen. Ehe und Familie wurden dadurch wieder zu eigenständigen Einheiten mit eigener Bedeutung. Die Mütter setzten es durch, dass ihre Kinder nicht mehr gleich nach der Geburt ins Kinderhaus kamen, sondern von den Müttern zuhause versorgt wurden, bis sie acht Monate alt waren. Die Mütter reduzierten ihre Arbeitszeit und nahmen zusätzlich für alle Kinder im Vorschulalter noch eine Stunde Extra-Pause, die „Stunde der Liebe”, wie man es nannte. Anders als am Anfang durften die Eltern jetzt jederzeit in die Kinderhäuser kommen, um ihre Kinder zu sehen. Verbrachten die Kinder anfangs täglich zwei Stunden mit ihren Eltern, so waren es 1975 täglich vier bis fünf Stunden, in denen die Eltern ihren Kindern ungeteilte Aufmerksamkeit gaben. Am Abend aßen die Kinder auch nicht mehr im Kinderhaus, sondern gemeinsam mit den Eltern im Gemeinschaftsraum. Samstags und feiertags verbrachten sie den ganzen Tag mit ihren Eltern und oft den Großeltern. Am Abend brachten die Eltern, nicht mehr die Erzieherinnen, die Kinder zu Bett. Die weitreichendsten Veränderungen fanden erst nach 1975, nach Beendigung dieser Studie statt und sind an anderer Stelle dokumentiert.3 Obwohl schon 1976 sich die Mehrheit der Mütter dafür einsetzte, dass ihre Kinder auch zuhause schliefen, sollte es noch Jahre dauern, bis sich das durchsetzen konnte.

a) Die Sabra-Frauen Den Sabra-Frauen ging es um eine radikale Reform – in der Ideologie und Kultur ebenso wie in der Sozialstruktur. Kulturell war es eine Abkehr von einem radikalen Gleichheits­feminismus hin zur Betonung der Weiblichkeit. Sie wandten sich gegen die Auffassung ihrer Gründer, Geschlechtsrollenunterschiede seien nur kulturell konstruiert. Viele Sabras waren überzeugt, dass psychische und andere Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen auch biologisch mitbestimmt seien. Viele Sabra-Frauen meinten, dass sich Frauen eher verwirklichen, wenn sie mit Menschen arbeiten und ihnen helfen können; Männer eher, wenn sie mit Maschinen arbeiten und Dinge tun können, die ihnen ein Gefühl von Leistung und etwas Beherrschen geben. Eine Sabra-Frau erklärte im Interview: „Ich meine, eine Frau sollte die Arbeit tun, die ihr entspricht – nicht auf dem Traktor und nicht auf dem Feld. Von ihrer Natur her können Frauen nicht aktiv in der landwirtschaftlichen Produktion sein, vor allem nicht, wenn Familienleben und Arbeit integriert werden sollen.”4 Anders als die Gründerinnen sahen die Sabra-Frauen die Fürsorge für ihre Familie und die Kinder nicht als Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation und Gleichheit, sondern als einen Weg zu persönlicher Erfüllung. Die Überzeugung ihrer Mütter und Großmütter, dass Gleichheit nur erreicht werden könne, wenn Frauen und Männer das Gleiche tun, lehnten die Sabra-Frauen ab. Gleichheit bedeutete für sie nicht mehr: „Alle tun das Gleiche”, sondern: „Jeder tut, was ihm am besten entspricht bei gleicher Wertschätzung von Verschiedenheit.”

Ein der Frauen dazu:

Eine junge Frau auf einer Kibbuzkonferenz zum Thema Gleichheit im Sinn von Unterschieds­losigkeit: „ (…) Ich bin im Kibbuz geboren und hatte nie das Bedürfnis nach solcher Gleichheit. Was Arbeitsaufteilung und Verwaltungspositionen angeht, empfinde ich die Geschlechtsrollen­unterschiede als natürlich und überhaupt nicht als diskriminierend… Muss eine schwangere Frau wirklich einen Panzer fahren können? Was die theoretischen Möglichkeiten angeht, gibt es solche Gleichheit. Allerdings wird sie gar nicht beansprucht.”

Auch hier zeigt sich, dass das Aufwachsen frei von Rollenzwängen nicht dazu führen muss, dass man diese  ablehnt. Im Gegenteil: Innerhalb dieser Freiheit kann gerade der Wunsch entstehen Geschlechterrollen zu leben.

Interessant auch die Verteilung bei den politischen Ämtern:

Die statistisch gleiche Beteiligung von Frauen an Politik und Ökonomie war eines der zentralen Ziele der Gründer. Die meisten Männer setzten sich dafür ein, dass Frauen in Leitungspositio­nen und Verwaltungsgremien tätig waren und waren auch von ihren Fähigkeiten überzeugt. Doch 1969 waren im zentralen Leitungsorgan von Kirjat Yedidim neun Männer und nur vier Frauen tätig, im Finanzausschuss acht Männer und nur eine Frau. In verschiedenen Gremien, etwa dem Gremium für Betriebsmittel, gab es gar keine Frau. Das Gremium für Kinderfürsorge dagegen hatte neun Frauen und zwei Männer. 1975 waren in der Leitung der Kibbuzföderation, zu der Kirjat Yedidim gehörte, 71% der Stellen von Männern belegt. Weder eine eingesetzte Kommission, die das „Problem der Ungleichheit” untersuchte noch verbindliche Quotenregelungen konnten das ändern. Die meisten Frauen und Männer im Kibbuz waren überzeugt: Männer und Frauen haben unterschiedliche motivationale Interessen und Bedürfnisse. Die Frauen sind intensiver mit ihrer Familie beschäftigt und wollen das auch sein. Männer dagegen sind mehr mit den Angelegenheiten des Kibbuz als Ganzem beschäftigt.

Auch hier also ein schleichender Übergang hin zu mehr Arbeitsteilung statt zu weniger.

Aus der Schlußfolgerung:

Wenn eine Gesellschaft Frauen überredet, dass Gleichheit nur erreicht werden kann, wenn Frauen wie Männer werden und berufliche Karrieren wie Männer anstreben, und dabei weibliche Begabungen und Aufgaben wie die Mutterschaft als minderwertig abtut, als etwas, das den Frauen nur von einem sexistischen Umfeld aufgezwungen worden sei, können die Folgen sehr destruktiv sein. Es kann dann sein, dass Frauen, die sich darauf einlassen, dadurch einer bedeutsamen Quelle der Freude und tiefer Selbsterfüllung beraubt werden. Mehr noch: Die Studie von Ruth Moulton zeigt: Wenn eine Ideologie die Frau überreden will, dass Gleichberechtigung nur durch Aufhebung aller Geschlechtsrollenunterschiede möglich sei, die Frau aber andere motivationale Grundlagen bei sich erlebt, kann der daraus resultierende innere Konflikt zu Depressionen und anderen ernsthaften psychischen Problemen führen.

Das wären dann potentielle Folgen einer erzwungenen Gleichheit.

Baby X

Das „Baby X“ ist ein Experiment, das gerne als Beleg für die die Wirkung der Geschlechterrollen und eine soziale Errichtung des Geschlechterverhaltens herangezogen wird.

Menschen wird für ein neutral gekleidetes Baby, dessen Geschlecht nicht zu erkennen ist, bestimmes Spielzeug bereit gestellt und ihnen entweder gar nicht das Geschlecht genannt oder aber ein bestimmtes Geschlecht angegeben. Dann wird beobachtet, mit welchem Spielzeug die Personen mit dem Kind spielen und wie sie sich sonst ihm gegenüber verhalten.

1. Die Studien

Es gibt zwei wesentliche Studien dazu:

Die erste Studie:

The present study investigated adult behavior while interacting with a three-month-old infant under conditions in which the child was introduced as a boy, as a girl, or with no gender information given. Gender labels did not elicit simple effects, but rather interacted significantly with the sex of the subject on both toy usage and physical contact measures. There was a stronger tendency for both male and female adults to utilize sex-stereotyped toys when the child was introduced as a girl. Most of the findings, however, reflected a differential response of men and women to the absence of gender information. In this condition, male subjects employed a neutral toy most frequently and handled the child least; in contrast, females used more stereotyped toys and handled the child more. All subjects attempted to guess the gender of the child (with “boy” guesses more frequent, although the child was actually female) and all justified their guess on the basis of stereotyped behavioral or physical cues like strength or softness.

Quelle: Baby X

Die Daten aus der Studie waren die Folgenden:

Baby X

Baby X

Hier geht es um die Spielzeugwahl. Subjekt ist die Testperson, die zu dem Baby in dem Raum geht, Condition ist die Angabe zu dem Baby.

Man sieht, dass Männer bei einem männlichen Baby dennoch gerne die Puppe genommen haben, am zweit liebsten den (geschlechtsneutralen) Beißring und erst zum Schluß den Football. Wenn sie dachten, dass es ein Mädchen ist dann blieb die Reihenfolge gleich, die Puppe wurde aber wesentlich häufiger eingesetzt als bei dem Jungen. War kein Geschlecht genannt, dann wurde der Football häufiger genutzt als bei dem vermeintlichen Mädchen und erst recht bei dem Jungen Hier wurde dann das neutrale Spielzeug am meisten genutzt.

Frauen haben ebenfalls bei dem Jungen die Puppe häufiger verwendet als den Football, häufiger griffen sie aber zu dem neutralen Spielzeug. Bei einem Mädchen wurde der Football etwas weniger verwendet, am häufigsten die Puppe, aber immer noch sehr häufig das neutrale Spielzeug.  Wurde kein Geschlecht angegeben, dann sank die Nutzung des Footballs und es verlagerte sich mehr zur Puppe und das neutrale Spielzeug wurde weniger, aber immer noch häufiger als der Football genutzt wurde

Das mag auch daran liegen, dass ein Football nicht unbedingt das beste Spielzeug bei einem dreimonatigen Kind ist. Es zeigt aber insgesamt auch, dass die Puppe durchaus auch bei dem Jungen eingesetzt wurde, es also anscheinend in dem Bereich keine so starken Vorurteile gibt.

Aus einer Besprechung der Studie:

You can see above the results for what toys the adults picked when they were told whether the baby was a boy or a girl, and when they weren’t told anything. The results broke down first by whether they thought the baby was a boy or a girl. People were far more inclined to give the doll to a baby they thought was a girl, but the football wasn’t really preferred when the baby was thought to be a boy, possibly due to a little football not being that great of a toy option for a 3 month old). But the results really broke down when they didn’t KNOW, and they broke down by the gender of the adult, rather than the (presumed) gender of the baby. When it was a baby X, men were more likely to go neutral and try for the teething ring, while women still strongly preferred plying the baby with the doll. This could mean that women may see a doll as less gendered, or it could mean that the difference based on presumed gender is just strongest in the male adults.

Zudem wurde auch erfasst, wie oft das Baby berührt wurde:

Baby X Berührung

Baby X Berührung

Interessant vielleicht, dass sich bei den Männern die Berührung stärker nach dem Geschlecht richtet. Ich könnte mir vorstellen, dass Männer zurückhaltender dabei sind, ein weibliches Baby zu berühren und die Unsicherheit, ob es ein Mädchen ist, sie vielleicht noch vorsichtiger macht. Bei Jungen hingegen tritt dieser Effekt nicht ein. Bei Frauen ist es hingegen zwischen den Geschlechtern recht ausgeglichen, wissen sie das Geschlecht nicht, dann fassen sie das Baby sogar noch häufiger an.

Aus der Besprechung:

The authors also asked the study participants who got the „no label“ condition, whether they thought they had a boy or a girl at the end. While 57% of the men thought they had a male baby, 70% of the women thought the baby was a boy (in fact, in all cases, the baby was a girl. There was only one test baby). No matter what they thought, everyone said they could tell by the strength of the grip, by the lack of hair, or by how round and soft it was, whether it was a boy or a girl.

Es ist auch deswegen interessant, weil das „männliche Spielzeug“ so schlecht abgeschnitten hat, schlechter als man es eigentlich erwarten würde. Das könnte natürlich auch an einer Reaktion des Babys gelegen haben, dass sich vielleicht für das Puppenobjekt mehr interessiert hat, was die Personen eher bemerkt haben.

Die zweite Studie ist diese hier:

The present study is a replication of a study reported by Seavy, Katz, and Zalk (1975) in which subjects interacted with a 3-month-old female infant who was either introduced as a boy, a girl, or without any specific gender information. In the present study infants of both genders were used as stimuli, and 60 college undergraduates served as subjects. The results of the present study are similar to the findings of the original investigators. The gender labels provided to the subject resulted in highly sex-stereotyped behavior concerning toy choice.

Quelle: Baby X revisited

Die Daten:

Baby X revisited

Baby-X-revisited

Auch hier haben die Frauen bei einem Mann weitaus häufiger zum Football gegriffen, diesmal ist dieser sogar die bei beiden Geschlechtern am häufigsten gewählte Variante für ein angeblich männliches Baby.

Bei einem angeblichen Mädchen haben die Männer den Football gänzlich liegen lassen und sich ganz auf die Puppe konzentriert, die Frauen wählten diese auch ganz überwiegend.

War das Geschlecht unbekannt, dann wählten die Männer eher als die Frauen den Football, häufiger aber die Puppe, die Frauen wählten das neutrale Spielzeug, dann die Puppe.

2. Wie aussagekräftig sind die Studien?

Die Studien zeigen aus meiner Sicht erst einmal, dass sich die Personen zwar von dem Geschlecht beeinflussen lassen, aber gerade in der ersten Studie wurde auch deutlich, dass sie dennoch weitaus häufiger ein bestimmtes Spielzeug wählten, unabhängig vom Geschlecht. Es gab zwar Tendenzen in bestimmte Richtungen, im ganzen überwogen aber gleichzeitig andere Effekte.

Welche Deutungen die Studien zulassen finde ich keineswegs so klar:

Die Personen hatten drei Minuten mit dem Kind. Es erscheint natürlich, dass in dieser Situation die zur Verfügung stehenden Daten, in diesem Fall also nur das Geschlecht, verwertet wird, um eine Vermutung zu den Spielvorlieben des Kindes anzustellen. Hier sieht man aber deutlich, dass die Personen dennoch differenziert haben: Sie dachten vielleicht so etwas wie „als Junge wird es vielleicht mit dem Football spielen wollen, aber die Puppe scheint allgemein das bessere Spielzeug, ich versuche es mal damit“.

Die Studie sagt insbesondere auch nichts darüber aus, wie sie weiter agieren würden, wenn sie das Baby besser kennen würden. Würden sie seine individuellen Spielpräferenzen eher berücksichtigen als sein Geschlecht?

Insbesondere sagt dies alles nichts darüber aus, wie stark der Einfluss dieses unterschiedlichen Verhaltens auf das Kind ist. Es ist nicht gesagt, dass ein Kind, welches als Baby mit Puppen spielt auch später mit Puppen spielt. Genauso kann es davon unbeeinflusst seinen eigenen Weg gehen, wenn es etwas älter ist und seine Meinungen besser ausdrücken kann.

Costly Signals und Kultur

Aus meiner Sicht ist das Setzen von Signalen für die verschiedenen Aspekte von „Guten Genen“ ein Aspekt, der gerade beim Menschen vieles erklärt. Hiergegen wurde bereits eingewendet, dass die ursprüngliche Bedeutung von „Costly Signals“ wesentlich enger war und sich insbesondere auf körperliche Merkmale bezog und die Kosten dort meist wesentlich deutlicher erhöht wurden, etwa durch eine höhere Chance getötet zu werden, weil man durch lange Schwanzfedern eingeschränkt ist.

1. Lohnt sich Signaling nur bei sehr hohen Kosten?

Das Prinzip hinter dem Setzen von Signalen ist, dass diese den eigenen Wert gegenüber einem potentiellen Partner (sei es für Kooperation oder Fortpflanzung) signalisieren sollen. Bei nahe jeder menschlichen Interaktion ist dies von Relevanz, da immer die Frage ist, ob derjenige, mit dem man sie durchführt, der richtige ist, man ihm vertrauen kann, man nicht einen besseren bekommt. Bei jeder menschlichen Interaktion ist es daher wichtig, der anderen Seite die notwendigen Zeichen hierfür so deutlich wie möglich zu übersenden und es ist im Gegenzug für den Empfänger wichtig, diese Zeichen zu empfangen und „ehrliche Signale“ von „unehrlichen Signalen“ zu unterscheiden. Um so kooperativer dabei eine Spezies ist, um so weniger können solche Signale über „Kann sich vor Raubtieren schützen trotz Nachteil X“ gesendet werden. Diese haben in einem auf Handel ausgerichteten menschlichen Zusammenleben schlicht keinen Raum. Im übrigen kommen Signale außerhalb dieser Kategorie auch bei Tieren vor. Der komplizierte Gesang der Singvögel und dessen fehlerfreie Wiederholung zeigt beispielsweise an, dass dieser Teil des Gehirns fehlerlos erstellt ist und damit einen genetisch hohen Wert besitzt, was dann auf den übrigen Genanteil hochgerechnet wird. Komplizierte Balztänze haben eine ähnliche Funktion.

2. Intelligenz erzeugt Komplexität, Komplexität schlägt sich auch in den Signalen nieder

Ein weiterer Faktor ist, dass es in einer intelligenteren Spezies mit einem komplexen Sozialleben zu erwarten ist, dass der Partnerwert gerade auch über die Fähigkeit, in sozialen Situationen zu bestehen, dargestellt wird. Denn gerade im Zusammenspiel mit anderen und in der Konkurrenz mit anderen zeigt sich am deutlichsten der Vorteil von Intelligenz. Die Erkennung von „guten Partnern“ ist insoweit gerade unter den Bedingungen, in denen Menschen leben und evolviert sind, eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann. Daraus wiederum folgt, dass auch das Senden solcher Signale von überaus hoher Wichtigkeit ist. Deswegen ist es gerade in solchen auf hohe Zusammenarbeit ausgelegten Arten zu erwarten, dass die Position in der Gruppe, die Bündnisse, die bereits bestehen, die Ressourcen, die man gegen andere verteidigen kann oder von ihnen zugewiesen bekommt, als Signale ausgewertet werden. Um so komplexer ein Lebewesen in ein Beziehungsnetz eingebunden ist und um so eher das Lebewesen durch Arbeitsteilung und Zusammenarbeit Vorteile erlangen kann, um so eher ist es auf Signale angewiesen.

3. Kultur als Signal

Bei dieser Betrachtung ist es zu erwarten, dass Lebewesen, die ein besonders starkes Interesse an der Darstellung von Signalen und deren Erkennung haben, soziale Praktiken entwickeln, die gerade dieser Darstellung dienen. Soziales Interesse der jeweiligen Lebewesen wird gerade auf die Erkennung von Signalen und die Erlangung von Darstellungsmöglichkeiten gerichtet sein.

Darunter würden fallen:

Nimmt man all diese Bereiche, in denen Menschen Signale aussenden sollten, um ihren Wert anzuzeigen, dann wird deutlich, dass Costly Signals einen großen Teil der heutigen Kultur ausmachen oder auf diese zuzurückzuführen sind. Dabei greifen die Kategorien natürlich auch ineinander. Insbesondere bewirken viele Zeichen einen sonstigen hohen Wertes auch eine Erhöhung des Partnerschaftswerts für das andere Geschlecht.

4. Wandelbarkeit von Signalen

Weil die Art, nach der man diese Eigenschaften demonstrieren kann, auch davon abhängen, inwieweit Technik und Kultur oder andere Ausprägungen die Darstellung erlauben, kann ein Signal, welches früher ehrlich war, heute aussagelos sein.

Beispielsweise wäre in der Steinzeit die Herstellung oder der Besitz eines fehlerlosen Tontopfs (symmetrisch, ohne Ungenauigkeiten in der Ausführung etc.) ein Zeichen sowohl hoher Handwerkskunst als auch hoher Ressourcen gewesen. In Zeichen industrieller Herstellung ist aber Perfektion die Norm und nur ein zeichen der zeitunaufwändigen Herstellung, ein Tonkrug (zB als Blumentopf), der Unperfektheiten aufweist, kann heute als Zeichen einer Zeitaufwändigen manuellen Herstellung gerade aufgrund dieser ein besseres Zeichen sein.

Ebenso kann ein überaus verzierte Kleidung aus Seide, mit filigranen Schuhen auf Absätzen und Spitzenkragen ein Zeichen dafür gewesen sein, dass man sich zum einen die teure Seide leisten konnte (Ressourcen) und zum anderen nicht körperlich oder auch gar nicht arbeiten musste, weil andere dies für einen machen (Status). Mit einer Steigerung von Tätigkeiten im geistigen Bereich sinkt hingegen der Nutzen hiervon, zudem drückt praktischere Kleidung dann wieder eher Kooperationsbereitschaft aus, also auch die Bereitschaft wertvolle Arbeit zu leisten aus, die in einer Leistungsgesellschaft wichtiger ist als in einer Ständegesellschaft.

In einer Gesellschaft, in der mangels effektiver Verhütung sexuelle Treue besonders wichtig war, mag die Keuschheit und Unberührtheit einer Frau als Signal betont werden, während in Zeiten effektiver Verhütung Treue in einer Beziehung Keuschheit als Signal ablehnt und sexuelle Signale eine höhere Bedeutung erhalten. Eine Frau, die sich früher für Nacktfotos zur Verfügung gestellt hat, hat in bestimmten Bereichen Signale gesetzt, die negativ waren, etwa indem sie die üblichen Signale von Keuschheit und Unberührtheit durch starke sexuelle Signale überlagerte. Da heute diese Werte kulturell herabgestuft sind und emotionale Treue wichtiger ist, fällt der Malus in diesem Bereich teilweise Weg und die stärkere Aufwertung sexueller Signale führt dazu, dass das Ausziehen für den Playboy gesellschaftsfähig geworden ist. Auch heute aber müssen bestimmte Regeln eingehalten werden, die die Bilder „Stilvoll“ im Gegensatz zu „billig“ machen, wobei der Unterschied meist daran liegt, dass in den Bildern zwar eine Bewertung des Körpers (=Rückschluss auf „gute Gene“) erlaubt wird, aber ein sexuelles Anbieten durch entsprechende, den Sex ermöglichende Stellungen und die Betonung der eigenen sexuellen Erregung unterbleibt.

Solange die Macht von Kirchen besonders hoch war, konnte Religionszugehörigkeit ein Costly Signal dafür sein, dass man Bestandteil der Gruppe ist und insofern kooperationsfähig, dass man einen normalen sozialen Umgang pflegt (im Gegensatz dazu mit dem Teufel im Bunde zu sein).

5. Aufnahme als Zeichen trotz heute fehlender Ehrlichkeit

Viele Zeichen, die heute kulturell bestehen, fehlt es allerdings aufgrund des technischen und kulturellen Wandels an Ehrlichkeit. Weil sie aber einmal Costly waren, nehmen wir sie teilweise auch heute noch als Costly wahr. So ist der Besuch in einem feinen Restaurant insbesondere deswegen als Zeichen interessant, weil die Bediensteten einem besonders zuvorkommend und ehrergiebig behandeln und dabei selbst Zeichen eines hohen Status über ihre Kleidung tragen. Ebenso dient der Preis als Costly Signal von Ressourcen, obwohl diese heute auch mit einem normalen Gehalt zu stemmen sind. Ebenso können zB falsche Brüste als Imitat guter Gene gefallen, obwohl wir wissen, dass sie falsch sind. Und die Anonymität und der in das Berufsleben verlagerte Wettbewerb der heutigen Welt in Vergleich zu steinzeitlichen Welten erlaubt uns stärker, auch Statusverhalten, welches eigentlich nicht zu unserem Status passt vorzugeben. Es bestehen also viele Möglichkeiten, heute Zeichen, die früher eine hohe Aussagekraft hatten, zu fälschen.

Matt Ridley zu Nature vs. Nurture

In seinem Buch „The Red Queen“ gibt Matt Ridley eine kurze Einführung in seine Gedanken zu „Nature vs. Nurture“ (S. 172):

This chapter begins to follow the logic of these arguments into the heart of human behavior: Those who think this unjustified on the grounds that human beings are unique usually advance one of two arguments: that in humans everything about behavior is learned, and nothing is inherited; or inherited behavior is inflexible behavior, and human beings are clearly flexible. The first argument is an exaggeration, the second false: A man does not experience lust because he learned it at his father ’s knee; a person does not feel hunger or anger because she was taught it. They are human nature: We are born with the potential to develop lust, hunger, and anger. We learn to direct hunger at hamburgers, anger at delayed trains, and lust at the object of our affection—when appropriate: So we have „changed “ our “ nature. “ Inherited tendencies permeate everything we do, and they are flexible. There is no nature that exists devoid of nurture; there is no nurture that develops without nature: To say otherwise is like saying that the area of a field is determined by its length but not its width. Every behavior is the product of an instinct trained by experience:

The study of human beings remained resolutely unreformed by these ideas until a few years ago: Even now, most anthropologists and social scientists are firmly committed to the view that evolution has nothing to tell them: Human bodies are products of natural selection; but human minds and human behavior are products of “ culture, “ and human culture does not reflect human nature, but the reverse. This restricts social scientists to investigating only differences between cultures and between individuals— and to exaggerating them. Yet what is most interesting to me about human beings is the things that are the same, not what is different—things like grammatical language, hierarchy, romantic love, sexual jealousy, long-term bonds between the genders ( „marriage,“ in a sense).

These are trainable instincts peculiar to our species and are just as surely the products of evolution as eyes and thumbs.‘

Das ist meiner Meinung nach ein ganz wesentlicher Punkt: In vielen Bereichen bildet die Biologie die Grundlage des menschlichen Verhaltens, die durch Kultur ausgestaltet werden kann, aber nicht beliebig umgestaltet werden kann. Sie kann in bestimmte Richtungen entwickelt werden, aber das erfordert eben eine gewisse Mühe um so eher es von der Grundlage abweicht. Was gleichzeitig zur Folge haben würde, dass sich die biologischen Grundlagen gerade dann zeigen, wenn die Gesellschaft relativ frei ist.

„Standard Social Science Model“ und „Integrated Model“

Eine Tabelle, die die Unterschiede zwischen dem „Standard Social Science Model“ und dem „Integrated Model“ kurz zusammenfasst:

(Aus der Wikipedia)

Man sieht, dass hier verschiedene Denkarten gegeneinander stehen, die sich widersprechen. Das Integrierte Model ist das hier vertretene, dass SSSM findet sich in vielen soziologisch ausgerichteteren Denkrichtungen.