Anlage und Umwelt verhalten sich zueinander wie Gelände und Stadt

Gerade in einem bereits älteren Kommentar noch einmal wiedergefunden:

N. Bischof, ein Schüler von K. Lorenz, hat das Verhältnis von Natur und Kultur sinngemäss mit folgender Metapher beschrieben: Eine gewachsene Stadt ist der Topographie der Landschaft angepasst. Je markanter die Landschaft ist (durch Hügel, Schluchten, Gewässer), desto eingeschränkter sind die Stadtentwicklungsmöglichkeiten. Ein Schachbrettmuster kann nicht überall umgesetzt werden, die Strassen würden zu steil.
Die kulturelle Freiheit gegenüber der Natur ist graduell

Finde ich nach wie vor einen interessanten Vergleich: Kultur ist insoweit nicht frei, sie folgt dem vorgebenen Muster, der Landschaft, entwickelt sich auch mit gewissen neuen „Bauchtechniken“ aber sie muss eben immer berücksichtigen, dass sie auf einem bestimmten Gelände gebaut worden ist, welches die Grundlagen bereit stellt.

Nochmal: Freier Wille vs. biologische Dispositionen

Leser Red Pill fasst einen der wichtigsten Punkte in der Anlage-Umwelt-Debatte bzw. im Verhältnis von Nature und Nurture kurz zusammen:

Was Heerscharen von halb intelligenten Sozial IngenieurInnen nicht begreifen können oder wollen, ist die simple Tatsache, dass der Mensch seine Flexibilität eben gerade dazu einsetzt, um seiner instinktuellen Disposition möglichst nahe zu kommen.

Man kann es auch mit Schopenhauer sagen:

Wir sind frei, zu tun, was wir wollen, aber nicht frei, zu wollen was wir wollen.“

Oder man kann es in eine „der Elefant und sein Reiter„-Metapher bringen:

Dort geht es unter anderem darum, ob unser logisches Denken oder unser unterbewußtes, emotionales, instinktives Denken unser Handeln beherrscht. Dazu wird die Metapher des Elefanten und seines Reiters bedient:

Der Elefant ist das unterbewußte, emotionale, instinktive Denken, der Reiter das logische Denken. Nun besteht die Möglichkeit, dass der Reiter nur auf dem großen und schweren Elefanten sitzt und all seine Bemühungen, den Elefanten in einer andere Richtung zu bewegen, egal sind, wenn der Elefant nicht in diese Richtung will oder aber der Elefant kann den Vorgaben seines Reiters willig folgen.

In dem Buch kommt Haidt zu dem Schluß, dass der Reiter einen geringen Einfluss hat, der Elefant gibt den Weg vor. Der Reiter muss sich bestimmte Schwankungen des Elefanten zu Nutze machen und ihn dann, wenn er gerade in eine bestimmte Richtung schwankt, in diese lenken. Häufig bleibe dem Reiter aber sogar nichts anderes übrig als hinterher eine Begründung dafür zu suchen, warum er ebenfalls genau in diese Richtung wollte (sprich: unser Gehirn rationalisiert nachträglich bestimmte emotionale Entscheidungen als vernünftig).

Wichtig ist dabei, sich bewußt zu machen, dass wir bereits dem Gehirnaufbau nach noch viele sehr alte Strukturen haben (Stammhirn, Kleinhirn, Zwischenhirn und Großhirn) und unser Gehirn in seiner Grundarbeitsweise nicht so unterschiedlich von anderen Tierhirnen und insbesondere auch nicht von dem Gehirn anderer Primaten ist.

Auch sollte man sich bewußt machen, dass alle evolutionäre Entwicklung des Gehirns nicht auf eine abstrakte Verbesserung der Gehirnleistung gerichtet ist, sondern eine Selektion der Gene erfolgt, die die meisten Nachkommen bringen, die sich dauerhaft selbst fortpflanzen. Damit bietet sich die oben genannte Verteilung geradezu an:

An der Wichtigkeit der Dispositionen hat sich nichts geändert: Nach wie vor geht es darum einen guten Partner zu finden und sich mit diesem fortzupflanzen (bzw. die Handlungen auszuführen, die üblicherweise dazu führen). Selbst die Kriterien dafür sind relativ gleich geblieben: Guter Status wird zwar Kulturell anders begründet als früher, das Konzept ist allerdings gleich geblieben. Wir wollen uns immer noch Fettreserven für schlechte Zeiten zulegen, wir wollen immer noch möglichst den Raum im Überblick haben und uns den Rücken frei halten etc.

Das Gehirn erlaubt uns nun, diese  Dispositionen auf verschiedenste, teilweise sehr komplizierte Wege auszuleben. Das bedeutet aber nicht, dass wir tatsächlich einen freien Willen haben, in dem unsere biologisch vorgegebenen Dispositionen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Vielmehr bestimmen diese eben, was wir gerne wollen, was uns in kulturell ausgeformter Weise wichtig ist, unser Gerechtigkeitsgefühl etc.

Kritik an biologischen Theorien und die fehlende Verwendung gleicher Kriterien bei soziologischen Theorien

Leser David hatte neulich noch etwas Gutes geschrieben, was ich hier noch einmal mehr in den Vordergrund rücken möchte:

Mir ist das schon häufig als antibiologische Diskursstrategie aufgefallen. Man findet (teilweise berechtigte) Hinweise auf eine höhere Komplexität und kleinstmögliche Ansätze für Alternativerklärungen, und lässt damit biologische Theorien in Ockhams Messer laufen.*
Was übrig bleibt, ist die behauptete soziokulturelle Nullhypothese, die sich denselben Anforderungen nicht stellen muss.
Wie genau z.B. die omnipotente Gesellschaft, das Patriarchat, die Sprache, der Diskurs, die Genderscripts ein stabiles stereotyp-konformes Verhalten erzeugt, muss nicht erklärt werden.
Die Macht der gendernden Sprache, die in scheinbar unendlich vielen kommunikativen Handlungen Genderscripe entwirft und dazugehörige Mikroexpressionen der Eltern, die das Verhalten schon im Kleinkindesalter formen, werden einfach vorausgesetzt.
Warum es so vielen Menschen dennoch möglich ist, diese Matrix zu überwinden, warum zum Beispiel Frauen den Bereich der Biologie erschlossen haben aber nicht den der Physik, bedarf keiner Erklärung. Denn Diversität ist grundsätzlich soziologisch bedingt, die Biologie kennt so etwas ja nun überhaupt nicht.

Biologische Teilerklärungen müssen immer schon an der Wurzel attackiert werden, müssen axiomatisch disqualifiziert werden, um am Wettbewerb der Erklärungen gar nicht mehr teilnehmen zu dürfen. Denn als Alternativerklärung für einen konkreten empirischen Befund kommt man ihr möglicherweise nicht mehr bei.

*Ein Beispiel hierfür die gestrigen, und mir schon oft untergekommenen Widerlegungsversuche des höheren männlichen Sextriebs. Dass wir enorme kulturelle Varianzen beobachten können und teilweise auch Ausnahmen wie Umkehrungen erleben, ist ein wichtiger Hinweis, dass ja alles doch “nicht so einfach” ist und die Umwelt hier weitreichende Überformungen schaffen kann.
Damit soll wiederum eine soziokulturelle Nullhypothese etabliert werden. Dabei kann man auf eine plausible Theorie verzichten, die den überwältigend konsistenten empirischen Befund erklärt, dass Männer unter fast allen Bedingungen häufiger masturbieren, öfter an Sex denken, mehr Prostitution, Pornographie und casual Sex nachfragen.
Wodurch wird dies gefördert? Finden sich Hinweise in der praktischen Pädagogik, den Medien, der Sprache, die ein so differenziell wirksames Appetenzverhalten erklären könnten?

Zum Nachdenken gebracht hat mich Elmars Idee schon, dass Biologi(smus) der Männerrechtsbewegung mehr schadet als nutzt, da könnte durchaus was dran sein.
Ich halte es dennoch für notwendig, die Relevanz biologischer Erklärungen für das Verhalten der Geschlechter zu verteidigen.
Im Grunde ist das zurückdrängen biologischer Erklärungen ja nur ein verkappter Gleichheits-Biologismus, der die behauptete Insuffizienz biologischer Erklärungen mit ihrer Widerlegung gleichsetzt und dadurch allerhand Gleichstellungsmaßnahmen legitimiert, die Individuen und ihrer Diversität nicht gerecht werden.
Antibiologistische Maskulisten behaupten nun, dass man deren Illegitimität auch ohne Rückgriff auf biologische Ansätze durchsetzen kann.

Dazu mal ein Beispiel analog zu einer Patriarchatstheorie: nehmen wir an, ein blonder Fanatiker schafft eine Diktatur und setzt eine kranke Ideologie durch, die den blonden Übermenschen propagiert. Zum Zeitpunkt seiner Absetzung sind tatsächlich Verhältnisse eingetreten die dafür sorgen, dass Blonde 22% mehr verdienen als Dunkelhaarige, in verschiedenen Bereichen überrepräsentiert sind und auch teilweise andere Präferenzen zeigen.
Man kann also leicht darstellen, dass hier ein natürliches Gleichgewicht wie es vor der Diktatur bestanden haben soll (obwohl keiner es gemessen hat), verloren gegangen ist.
Ich wäre der erste, der gleichstellende Maßnahmen und affirmative action begrüßt, um die Gleichheit wiederherzustellen.

Diese konstruierte Vorstellung eines natürlichen Gleichgewichts der Geschlechter kann man jedoch nur mit Biologie dekonstruieren.

Genderismus, Gender und Biologismus

Auf Sciencefiles versucht man sich an einer Definition des Begriffes Genderist:

“Genderist” soll dementsprechend einfach eine Bezeichnung für Personen sein, für die gilt, dass sie

  1. die soziale Konstruktion von Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit zum Ausgangspunkt aller sozialwissenschaftlich oder gesellschaftlich relevanten Beschreibungen und Erklärungen machen wollen und die Arbeit von Personen, die dies nicht tun wollen und andere Eigenschaften von Menschen (seien sie als sozial konstruiert aufgefasst oder nicht) als ebenso wichtig oder wichtiger für die Erklärung und das Verständnis sozialer Realität einschätzen, von vornherein als defizitär beurteilen, oder die
  2. Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in eine Hierarchie bringen, wobei alles, was weiblich konnotiert ist, präferiert wird, und darüber hinaus bestimmte Konstruktionen von Weiblichkeit (z.B. Hausfrau, “Karriere”frau ohne Kinder) und Männlichkeit (z.B. “Macho”-Mann) sowie bestimmte Lebensentwürfe (z.B. “Doppelverdiener”) weniger akzeptabel gefunden werden als die so genannte “Vereinbarkeitsweiblichkeit und -männlichkeit” (oder gar nicht akzeptabel).

Also entweder das als absolut Setzen der sozialen Konstruktion (bzw. des Standard Social Sciences Model) bei gleichzeitiger Abwertung aller anderen Erklärungen oder eine Überbewertung des genehmen Weiblichen und die Abwertung des nicht gewünschten Männlichen.

Da es zumindest einem Leser Schwierigkeiten bereitet hier in Abgrenzung noch einmal die Defintion von „Gender„:

Der Begriff Gender [ˈdʒɛndɐ] bezeichnet als Konzept die soziale oder psychologische Seite des Geschlechts einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex). Der Begriff wurde aus dem Englischen übernommen, um auch im Deutschen eine Unterscheidung zwischen sozialem („gender“) und biologischem („sex“) Geschlecht treffen zu können (…) Der Begriff Gender bezeichnet zum einen die soziale Geschlechterrolle (engl. gender role) beziehungsweise die sozialen Geschlechtsmerkmale. Er bezeichnet also alles, was in einer Kultur als typisch für ein bestimmtes Geschlecht angesehen wird (zum Beispiel Kleidung, Beruf und so weiter); er verweist nicht unmittelbar auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (sex).

Demnach wird „Gender“ sicherlich häufig zu weit gebraucht, es gibt aber gleichzeitig natürlich eine soziale Ausformung der biologischen Grundlagen, die man als Gender bezeichnen kann.

Dagegen stelle ich einmal die Definition des Biologismus:

Der Biologismus (gr. βíος bíos „Leben“ und logos/ismus) ist eine philosophische und weltanschauliche Position, die menschliche Verhaltensweisen und gesellschaftliche Zusammenhänge vordringlich durch biologische Gesetzmäßigkeiten zu erklären versucht.(…) Als Erscheinungsformen des Biologismus lassen sich unter anderem anführen: (…) die moderne Soziobiologie und Evolutionäre Psychologie, soweit sie psychologische und gesellschaftliche Phänomene ausschließlich oder ganz überwiegend auf der Grundlage genetischer Faktoren erklärt.(…) Biologismus findet sich häufig auch in sozialen Erklärungsmodellen, so etwa: auf dem Gebiet der Geschlechterpolitik vorrangig durch Verweise auf biologische Verschiedenheiten zwischen den Geschlechtern, aus denen unreflektiert vermeintlich unabdingbare gesellschaftlich-kulturelle Konsequenzen gezogen werden, wodurch sexistische Auslegungen entstehen können

Das viele gesellschaftliche Zusammenhänge auf biologischen Gesetzmäßigkeiten beruhen vertrete ich hier auch. Allerdings nicht nur auf biologischen Gesetzmäßigkeiten, diese werden eben durch soziale Umstände ausgestaltet. Und natürlich haben nicht nur genetische, sondern auch hormonelle Faktoren bzw. die daraus sich ergebende Ausrichtung des Gehirn eine große Rolle. Der zweite Teile, der Bezug auf die Geschlechterpolitik nimmt, ist extrem wertend gehalten und schon eher genderistisch. Sie mag für einen Sozialdarwinismus, aber nicht für einen unessentialistischen Ansatz, der davon aufgeht, dass die meisten Unterschiede nicht absolut vorliegen, sondern es sich um Normalverteilungen mit überlappenden Trägern aber verschobenen Mittelwerten handelt.

Der Wechsel der Geschlechterrolle bei albanischen Burrnesha

In Albanien gab es wohl eine Tradition, bei der bestimmte Frauen als Männer gelebt  haben:

Albanian sworn virgins (Albanian: burrnesha or virgjinesha) are women who take a vow of chastity and wear male clothing in order to live as men in the patriarchal northern Albanian society

Zu den Hintergründen dafür:

The tradition of sworn virgins developed out of the Kanuni i Lekë Dukagjinit (English: The Code of Lekë Dukagjini, or simply the Kanun),[5] a set of codes and laws developed by Lekë Dukagjini and used mostly in northern Albania and Kosovo from the 15th century until the 20th century. The Kanun is not a religious document – many groups follow it including Roman Catholic, Albanian Orthodox, and Muslims.[6] The Kanun dictates that families must be patrilineal (meaning wealth is inherited through a family’s men) and patrilocal (upon marriage, a woman moves into the household of her husband’s family).[7] Women are treated like property of the family. Under the Kanun women are stripped of many human rights. They cannot smoke, wear a watch, or vote in their local elections. They cannot buy land, and there are many jobs they are not permitted to hold. There are even establishments that they cannot enter.[4][6] The practice of sworn virginhood was first reported by missionaries, travellers, geographers and anthropologists who visited the mountains of northern Albania in the 19th and early 20th centuries

A woman becomes a sworn virgin by swearing an irrevocable oath, in front of 12 village or tribal elders, to practice celibacy. Then she is allowed to live as a man. She will then be able to dress in male clothes, use a male name, carry a gun, smoke, drink alcohol, take on male work, act as the head of a household (for example, living with a sister or mother), play music and sing, and sit and talk socially with men.[4][8][9] A woman can become a sworn virgin at any age, either to satisfy her parents or herself.

Dieser Brauch wurde mir in Diskussionen von Vertretern der Genderseite schon häufiger entgegen gehalten. Dabei ist der Aussagegehalt relativ gering. Die Praxis wurde trotz sehr schlechter Umstände für Frauen nie von vielen Frauen umgesetzt und blieb die Ausnahme. Es fehlen alle Angaben dazu, wie stark die Frauen tatsächlich in die Männerrolle gewechselt sind oder ob sie nur bestimmte Tätigkeiten übernommen haben, es fehlt an Angaben, wie sie sich dabei gefühlt haben und ob es ihnen leicht fiel. Und vor allem wird hier in keiner Weise geprüft, ob biologische Faktoren auch hier eine Rolle spielen.

Zur Motivation heißt es in der Wikipedia:

There are many reasons why a woman would have wanted to take this vow, and observers have recorded a variety of motivations. One woman said she became a sworn virgin in order to not be separated from her father, and another in order to live and work with her sister. Several were recorded as saying they always felt more male than female. Some hoped to avoid a specific unwanted marriage, and others hoped to avoid marriage in general.

Wenn ein Kind sich schon immer mehr als ein Mitglied des anderen Geschlechts fühlt, dann liegt es nahe, dass es einen gewissen Zusammenhang mit Transsexualität gibt. Und bei dieser ist ein biologischer Zusammenhang gut nachgewiesen. Oder es handelt sich bereits vorher um relativ männliche Frauen, z.B. in Richtung der Tomboys, etwa aufgrund eines sehr hohen pränatalen und auch postnatalen Testosteronspiegels.

Diana Rakipi, eine Burrnesha, führt dazu aus:

“I grew up playing with boys. Since I was a kid I was always surrounded by men, I always preferred their company to girls. My brother died before I was born. My mother would always say to me, ‘you are just like him’. So it was always expected I would kind of just take his place,”

Sie spielte schon immer mit den Jungs, sie war lieber in der Gesellschaft von Jungs, sie war genau wie ihr Bruder. Das klingt nicht nach einem Rollenwechsel, sondern eher danach, dass sie schon immer eher männlich war.

Zudem scheint sich diese Tradition nicht gehalten zu haben, obwohl das Patriarchat ja nach wie vor den Männern genug Vorteile bietet.

The tradition of sworn virgins was never that common in Albania, and the practice is slowly dying out. Today there are so many more opportunities for young women that most of them here have not even heard of the practice, let alone considered it an option.

Die Praxis scheint also nicht sehr attraktiv gewesen zu sein. Sofern nicht mehr der Druck enormer gesellschaftlicher Zustände bestand scheint dieser Weg die männlichen Vorteile zu erlangen nicht mehr attraktiv für die allermeisten Frauen gewesen zu sein.

„Lasst es uns doch einfach mal versuchen die Geschlechterrollen aufzubrechen“

Immer wieder kommt in Diskussionen ein Argument , wie das Folgende:

Wenn du eh meinst, dass es nicht klappt, die Geschlechterrollen aufzubrechen, weil alles Biologie ist,  dann lass es uns doch einfach mal ausprobieren. Vielleicht klappt es ja und dann haben wir eine bessere Welt. Was kann es schon schaden?

Dagegen lässt sich aber durchaus einiges sagen:

1. Es wurde schon probiert

Umerziehungen wurden immer wieder probiert. Der bekannteste Versuch ist wohl das Kibbuz. Aber auch ansonsten gibt es kein Volk auf dieser Erde, bei dem die Geschlechterollen etwa umgedreht sind. Vielmehr sind die Geschlechterrollen in vielen Grundlagen gleich und dies überall auf der Welt.

Auch geschlechtsneutrale Erziehung hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge zu verzeichnen.

2. Wissenschaftliche Ergebnisse legen nahe, dass es nicht klappt.

Eine Vielzahl von Studien legt nahe, dass die Geschlechterrollen einen  biologischen Ursprung haben. Ich habe hier bereits ein paar zitiert:

3. Wenn man versucht, etwas zu dekonstruieren, was nicht zu dekonstruieren ist, dann hilft man den Leuten nicht, sondern schadet ihnen

Es ist eben kein Experiment, welches keinen Schaden anrichtet. Es ist ein Menschenexperiment, bei dem man um die Geschlechterrollen aufzubrechen teilweise erheblichen Druck aufbaut oder Menschen beeinflusst.

Dagegen wird eingewandt, dass man ja eigentlich keinen Druck aufbaut, sondern nur Freiheiten gibt: Jeder soll sich so verhalten können, wie er will. Das entspricht jedoch nicht den im genderfeministischen Bereich geltenden Theorien, die ja gerade vorgeben, dass bestimmte Geschlechterrollen bestehen, die gerade dadurch Wirksamkeit erhalten, dass die Leute nach ihnen leben und obwohl sie nachteilhaft für die meisten sind nicht aus ihnen rauskommen. Wenn man jeden leben lassen wollte, wie er es will, dann würden eben auch nach diesen Theorien die Geschlechterrollen bestehen bleiben, weil sie immer noch das Denken der Menschen und die Ansicht davon, was normal ist prägen. Deswegen müssen sie dekonstruiert und aufgebrochen werden.

Das dies sehr negativ sein kann wird den meisten deutlich, wenn christliche Fundamentalisten überlegen Homosexualität zu dekonstruieren und jemanden wieder heterosexuell zu machen. Die meisten Menschen sagen in diesem Bereich nicht „Lass sie doch machen, was soll´s, es kann ja nichts passieren“, sondern haben im Gegenteil die Folgen bis hin zum Selbstmord gut vor Augen, die damit einher gehen die eigene Sexualität zu unterdrücken und sich ihrer schämen zu müssen.

4. Das bedeutet nicht, dass alle auf die Geschlechterrollen festgelegt sein müssen.

Dabei geht es nicht darum, dass jeder nach den Geschlechterrollen leben muss. Aufgrund der vorhandenen individuellen Unterschiede auch in der Biologie und den fließenden Übergängen gerade bei hormonellen Ausrichtungen ist innerhalb des biologischen Modells für alle Verhaltensweisen Platz.

Ich würde demnach Toleranz und Verständnis dafür, dass es nicht um eine essentialistische Betrachtungen geht, sondern nur um Häufungen, um Normalverteilungen mit sich überlappenden Trägern und verschobenen Mittelwerten geht. Ich würde die Leute früh über die biologischen Grundlagen der Homosexualität, Transsexualität  und die Abweichungen innerhalb der Geschlechter unterrichten. Wer versteht, dass es lediglich kleinere biologische Unterschiede sind und die Leute damit eben auch nicht anders können als sich auf eine bestimmte Weise verhalten, der wird nach meinem Verständnis auch eher Toleranz aufnehmen können.

Ich würde den Leuten vermitteln, wie es zu den Geschlechtsunterschieden kommt und was sich daraus moralisch herleitet, nämlich erst einmal nichts, weil es ansonsten ein naturalistischer Fehlschluss wäre.

Abgrenzung sozialer und biologischer Einflüsse und ihrer Schwierigkeiten

Der Mensch ist ein Produkt der Natur und der Umwelt. Die Anlage-Umwelt-Debatte ist insofern schwer zu führen, weil Kultur häufig eine Ausgestaltung der Biologie auf andere Weise ist.  Gerade bei der Forschung in die kulturelle Richtung werden aber gerne mögliche biologische Einflüsse zu früh ausgeschlossen. Dazu kurz etwas:

  • Bei einem Vergleich mit den Eltern wird nicht berücksichtigt, dass die Kinder von diesen nicht nur die Erziehung, sondern auch die Gene haben. Wenn sie also bestimmte gleiche Einstellungen haben, dann kann das daran liegen, dass sie die gleichen Gene haben.
  • Es wird häufig angenommen, dass die Beeinflussung nur in eine Richtung verläuft. Tatsächlich verläuft die Beeinflussung aber in beide Richtungen. Die Eltern/Bezugspersonen reagieren auch auf das (möglicherweise biologisch bedingte) Naturell/den Charakter des Kindes etc. Ein besonders freches Kind wird eben strenger angegangen werden oder die Eltern werden eher resignieren als bei einem Kind, welches von Natur aus brav ist. Bei diesem besteht vielleicht gar kein Anlass es so hart anzugehen („der Junge kommt aus einer kaputten Familie“ „Ja, ein Junge wie er bekommt jede Familie kaputt“)
  • bei der Peer-Group kann hinzukommen, dass sie sich eine PeerGroup suchen, die ihren Vorlieben entsprechen, die wieder biologische Ursprünge haben können
  • Abweichungen in Kulturen bedeuten nicht, dass diese auf Kultur zurückzuführen sind. Es kann einfach ein anderes biologisches Muster aktiviert sein. Beispielsweise ist der Umstand, dass in Kulturen mit hoher Vaterunsicherheit nicht die Väter, sondern die Onkel mütterlicherseits die Kinder unterstützen nach evolutionärer Spieletheorie leicht nachzuvollziehen und entspricht der biologischen Interessenlage, die eben bei hoher Vaterunsicherheit eine hohe Investition des Partners der Frau in die Kinder uninteressant macht. Biologische Programme müssen nicht schlicht sein, sie können natürlich auch graduell ausgestaltet sein
  • Männer und Frauen sind nach den biologischen Theorien nicht essentialistisch verschieden, sondern nur im Schnitt. Abweichende Verhaltensweisen bestimmter Frauen und Männer sprechen damit per se  nicht gegen biologische Begründungen.