Das gläserne Kliff

Der Feminismus scheint eine gewisse Vorliebe für Glas zu haben: Den gläsernen Aufzug und die gläserne Decke kannte ich schon, denen gesellt sich jetzt noch das gläserne Kliff hinzu.

Gläsern sind sie eigentlich, weil man sie nicht sieht:

  • Die gläserne Decke ist eine unsichtbare Barriere nur für Frauen, die diese angeblich hindert in Führungspositionen zu kommen
  • Der gläserne Fahrstuhl bringt Männer schneller nach oben, ohne das man diese Hilfe bemerkt, sie steigen selbst in Organisationen mit hohem Frauenanteil eher an die Spitze.

Das „gläserne Kliff“ tanz da etwas aus der Reihe. Es geht darum, dass man Frauen eher „über die Klippe springen lässt“, indem man sie gerade dann befördert, wenn der Job besonders problematisch ist, also wenn man beispielsweise eine Vorstandsposition besetzen will, aber davon ausgeht, dass die Person, die diese Position besetzt, eh untergehen wird.

In der Wikipedia heißt es dazu:

The glass cliff is the phenomenon of women in leadership roles, such as executives in the corporate world and female political election candidates, being likelier than men to achieve leadership roles during periods of crisis or downturn, when the chance of failure is highest

In der Wikipedia wird zudem dieser Artikel in „Psychology of Women Quarterly“ als der dazu wesentliche zitiert:

Recent archival and experimental research has revealed that women are more likely than men to be appointed to leadership positions when an organization is in crisis. As a result, women often confront a “glass cliff” in which their position as leader is precarious. Our first archival study examined the 2005 UK general election and found that, in the Conservative party, women contested harder to win seats than did men. Our second study experimentally investigated the selection of a candidate by 80 undergraduates in a British political science class to contest a by-election in a seat that was either safe (held by own party with a large margin) or risky (held by an opposition party with a large margin). Results indicated that a male candidate was more likely than a woman to be selected to contest a safe seat, but there was a strong preference for a female rather than a male appointment when the seat was described as hard to win. Implications for women’s participation in politics are discussed.

Quelle: Politics and the Glass Cliff: Evidence that Women are Preferentially Selected to Contest Hard-to-Win Seats (Abstrakt/Full)

Zu den dort gefundenen Zahlen:

On average, women contested seats that were held by the opposition by a margin of 5.1% of the votes. In contrast, men contested seats that were held by the opposition by 2.6% of the vote.

However, these two main effects were qualified by a two-way interaction, F(1, 1,161) = 20.46, p < .001, η2 =.017. In line with Hypothesis 1, tests of simple effects to decompose this interaction revealed that gender differences in the winnability of seats occurred only for Conservative party candidates. Here, women ran for seats that were significantly less winnable in the sense that they were held by the opposition party by a much larger margin (M = 26.2%, SD = 21.9) than those contested by men (M = 12.4%, SD = 23.4), F(1, 1,161) = 27.42, p < .001, η2 = .023.

Ein Beispiel aus der deutschen Politik könnte Gesine Schwan sein, die von der SPD ohne tatsächliche Chance als Bundespräsidentin aufgestellt worden ist

Aus meiner Sicht wäre die wahrscheinlichste Erklärung, dass um Stellen, die man Gewinnen, die sich also lohnen, ein erbitterter Konkurrenzkampf geführt wird. Aus dem gehen meist Männer als Sieger hervor, weil diese eher bereit sind, eine entsprechende Stelle zu besetzen und sich der Konkurrenz zu stellen.

Ist die Stelle hingegen nicht zu gewinnen wird es uninteressant darum zu kämpfen (zumindest in einem System wie dem britischen, aus dem die Studie stammt, bei dem es nur darum geht die Mehrheit zu erhalten und nicht etwa bundesweite Stimmen). Dann muss lediglich noch geprüft werden wie man

  • das Gesicht wahrt
  • zumindest noch anderweitig einen gewissen Profit aus der Sache schlägt

Beides geht hervorragend mit Virtue Signalling. Man stelle eine Frau auf, die dann nicht gewählt wird, und schon kann man zeigen, dass man modern und weltoffen ist. Man hat nicht verloren, weil man die Leute nicht überzeugt, sondern weil die Zeit leider noch nicht reif für eine Frau ist. Es ist auch wesentlich leichter, eine passende Frau zu finden, wenn man ihr sagt, dass sie nur die Kandidatur machen muss, es gibt keinen Druck zu gewinnen. 

Es könnte also nicht ein Opfern der Frau sein, mit der man ihr Posten vorenthalt, sondern eher der Umstand, dass es keine Konkurrenz um den Posten gibt und auch keinen wirklichen Posten der Frauen dazu bringt, sich dort eher aufstellen zu lassen.

Ich komme auf das Thema, weil gerade zwei Artikel die These aufstellen, dass Frau Nahles nur deswegen Fraktionsvorsitzende geworden ist, weil der Job gerade stressig ist.

Am 27.09.2017 schrieb Christina Wächter in dem Jugendmagazin der Süddeutschen darüber:

Frauen bekommen erst dann Macht, wenn der Karren im Dreck steckt

Andrea Nahles ist seit Mittwoch Fraktionsvorsitzende und damit die erste Frau in der 150-jährigen Geschichte der SPD auf dem Posten. Damit hat Nahles die Spitze der Partei und ihr Ziel erreicht, auf das sie schon seit Jahrzehnten hingearbeitet hat.

Die Nachricht von der Berufung Nahles’ wurde allgemein wohlwollend aufgenommen. Endlich wird mal eine Frau rangelassen, auch im Jahr 2017 noch ein kleines Wunder, noch dazu bei der SPD, so der Tenor.

Doch bei genauerem Hinsehen bleibt ein schales Gefühl zurück, weil einem dieses  Postenbesetzungs-Manöver irgendwoher unheimlich bekannt vorkommt: Scheinbar bekommt immer dann eine Frau eine Chance, sich an der Spitze zu beweisen, wenn der Karren so richtig tief im Dreck steckt. Und  der SPD-Karren steckt, da sind sich alle einig, seit Sonntag so tief im Dreck, dass er kaum mehr manövrierfähig ist, nachdem die Partei das schlechteste Wahlergebnis in der Nachkriegsgeschichte eingefahren hat.

Immerhin wird das „Gläserne Kliff“ dann noch mit einer Vielzahl evtl Beispiele dargelegt und Erklärungen dafür angeboten:

Es gibt mehrere Theorien, warum das so ist: Ryan und Haslam glauben, dass Frauen besondere Kompetenz nachgesagt wird, Unternehmen mit unzufriedenen Mitarbeitern zu führen. Denn Frauen werden als besonders mütterlich, kreativ und intuitiv wahrgenommen – lauter Eigenschaften, mit denen man in schwierigen Situationen besonders gut voran kommt. Doch Ryan und Haslam glauben auch, dass Frauen sich einfach besonders gut als Sündenböcke eignen. Die Psychologie-Professorin der University of Houston Kristin Anderson hat dagegen die provokante These aufgestellt, Unternehmen würden vor allem deshalb Frauen in solchen Situationen an die Macht lassen, weil sie so viel einfacher ersetzbar und bessere Sündenböcke sind als Männer. Viele Firmen würden nach dem Schema vorgehen, weil sie sicher sein können: Sollte dieser Versuch schief gehen, hätten sie keine wertvollen Mitarbeiter verbrannt und könnten noch dazu die Schuld einer offensichtlich unfähigen Frau in die Schuhe schieben. Sollte die Frau wider Erwarten Erfolg haben, könnte sich das Unternehmen hingegen aufgrund seiner fortschrittlichen Unternehmenskultur und Diversity-Strategie öffentlich selbst gratulieren. Eine Frau den Karren aus dem Dreck ziehen zu lassen, erscheint aus dieser Perspektive als echte Win-Win-Strategie.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, warum Frauen überhaupt bereit sind, sich auf so eine Schleudersitzposition zu begeben. Das liegt laut Ryan und Haslam daran, dass Frauen oft nicht die nötigen Insider-Informationen zur Hand haben, mit denen sie wissen könnten, wie riskant die Position ist, die ihnen da angeboten wird. Und selbst wenn sie wissen, welches Risiko sie eingehen werden – und bei Andrea Nahles kann man damit rechnen, dass sie sehr genau weiß, worauf sie sich einlässt – den meisten Frauen ist klar, dass solche Trouble-Shooter-Jobs fast immer ihre einzige Chance sind, ihr Können zu beweisen.

Interessant finde ich, dass sie die Position der Fraktionsvorsitzenden als so bedrohlich ansehen. Eine Fraktionsvorsitzende hat keinen so dramatischen Job:

Die Fraktionsvorsitzenden haben nach § 69 Abs. 4 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vorbehaltlich gesetzlicher Beschränkungen beratende Stimme in allen Ausschüssen. Der Fraktionsvorsitzende verkündet Vorschläge und Beurteilungen der Fraktion im Bundestag. Zu seinen Aufgaben gehört darüber hinaus die Organisation der Fraktionsgeschäfte, die Vorbereitung von Fraktionssitzungen und die Pflege der Kommunikation zwischen dem Fraktionsvorstand in der übrigen Fraktion, insbesondere über Inhalte und Ergebnisse von Fraktionssitzungen. Aus Sicht der prozessorientierten Politikwissenschaft fungiert der Fraktionsvorsitzende innerhalb seiner Fraktion als Garant der Fraktionsdisziplin in der Bestrebung ein einheitliches und zuverlässiges Abstimmungsverhalten seiner Partei zu gewährleisten. In der heutigen parlamentarischen Praxis haben Parteien dem Fraktionsvorsitzenden mehrere Stellvertreter beigeordnet, die mit Zuständigkeit für bestimmte Politikfelder ausgestattet sind und den zugehörigen Arbeitsgruppen vorsitzen. Der Fraktionsvorsitzende und die stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden bilden zusammen mit dem parlamentarischen Geschäftsführer den geschäftsführenden Fraktionsvorstand (GfV).

Die meisten Menschen werden die vorherigen Fraktionsvorsitzenden der Parteien noch nicht einmal nennen können. Bei der SPD war es bisher Thomas Oppermann. Und ein Fraktionsvorsitzender ist eben auch in der Opposition wichtig, Nahles ist ja nicht für eine hoffnungslose Wahl aufgestellt worden, sondern hat tatsächlich ein Amt bekommen, welches sie auch ausübt. Sie ist dann sogar eigentlich relativ frei, denn in einer Opposition ist es auch nicht so schwierig, Fraktionsdisziplin zu erzeugen. Aber vielleicht unterschätze ich auch die Schwierigkeiten eines Fraktionsvorsitzenden.

Man könnte im übrigen anführen, dass Martin Schulz auch ein Kliff vor sich hatte. Bei den Zahlen zu dem Zeitpunkt als er das Amt übernommen hat, war abzusehen, dass er scheitert. Aber bei einem Mann zählt es wahrscheinlich nicht.

Margarete Stokowski haut in eine ähnliche Kerbe:

Seitdem ist zwar viel passiert, und wir sehen eine Frau als Kanzlerin, eine Frau als Oppositionsführerin, aber die nackte Freude darüber kommt nicht so richtig auf. Unter welchen Umständen ist Andrea Nahles jetzt SPD-Fraktionschefin geworden? Exakt zu dem Zeitpunkt, als alle verfügbaren und irgendwie relevanten Männer den Wagen einmal vollständig vor die Wand gefahren haben. In der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb Nico Fried dazu: „Merkel wie Nahles wurden in ihren strukturkonservativen Parteien erst vorgelassen, als auch der letzte Mann an der Wiederaufrichtung des jeweiligen Ladens gescheitert war. Nahles ist somit wie Merkel eine politische Trümmerfrau.“

Tatsächlich steht zwar dieser Satz in dem Artikel, in dem Rest des Artikels in der Süddeutschen geht es aber eher darum, dass Nahles ein Machtmensch ist

Vielleicht von der Kanzlerin abgeguckt hat sich Nahles ihren ausgeprägten Pragmatismus. 2009 betrieb sie mit dem Argument, es müsse endlich eine Frau Bundespräsidentin werden, vehement die erneute Kandidatur Gesine Schwans gegen Horst Köhler. Genützt hat diese Kampagne nur Nahles. Und acht Jahre später reichte ihr dann auch Frank-Walter Steinmeier. In den Verhandlungen zur letzten großen Koalition wiederum setzte Nahles 2013 die Rente mit 63 durch und beschimpfte deren Kritiker. Mit steigendem Ansehen in der Wirtschaft und neuen Karriereplänen ließ sie die Legende streuen, sie sei eigentlich gegen die Rente mit 63 gewesen. Auch Nahles hat längst der süße Lockruf der politischen Mitte ereilt.

Die neue SPD-Fraktionschefin ist längst das, was man ein politisches Viech nennen darf – willensstark, erfahren, abgebrüht. Und bei Kritik schon fast so empfindlich, wie sie es ihren Altvorderen immer vorgeworfen hat. Nahles wird Parteichef Martin Schulz als Moderator des Übergangs dulden, aber nicht als Mann mit Zukunft sehen. SPD-Chefs sollen potenzielle Kanzlerkandidaten sein. Das hat Schulz hinter sich. Aber seine Schwäche ist einstweilen ihre Stärke.

Nahles‘ Chance liegt im absehbaren Ende der Ära Merkel. Nach dieser Kanzlerin wird die Union nach rechts ziehen. Für die SPD gibt es wieder den Platz in der Mitte, wo man Wahlen gewinnt. Eigentlich wäre dieser Raum bis 2021 als Regierungspartei in einer großen Koalition leichter zu besetzen als aus der Opposition. Aber die Debatte ist vorerst entschieden. Dass Nahles selbst 2021 kandidiert, erscheint noch schwer vorstellbar. Aber das war bei Merkel vier Jahre vorher auch nicht anders.

Eigentlich erstaunlich: In feministischen Artikeln geht es darum, dass Nahles geopfert wird, in dem Artikel des Mannes geht es darum, dass sie sich nach oben arbeitet und Kanzlerin werden will.  Dort wird beschrieben, wie sie voran kommt und was ihre Pläne sein können, sie ist eine aktive Politikerin mit Ambitionen auf das höchste Amt. In den anderen ist sie passiver Spielball der Männer, ein Objekt, ein Platzhalter.

Im Feminismus darf eben eine Frau nur Opfer sein. Das sie eine Chance nutzt ist unvorstellbar.