„In einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen Gesellschaft zu leben und keine Cis-Typen zu begehren ist ein Akt des Widerstandes“

Die gute Lantzschi, älteren Mitlesern vielleicht noch ein Begriff, hat mal wieder einen tollen Artikel bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

 

Ja, die Welt überhaupt wäre natürlich viel schöner, wenn da nicht diese Typen wären. Männermenschen sind bekanntlich die schlimmsten.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

Eigentlich ja nur der alte Ansatz von „Das private ist politisch“, im Feminismus auch gern in der Form von Theorien wie „politisches Lesbentum“

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

Durchaus verständlich: Wer mit dem Feind schläft war noch nie wirklich beliebt. Und für radikale Feministinnen ist eben – allen Versuchen des Gaslightnings zum Trotz – der Mann der Feind

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

Ein geiler Absatz, der schön „competitive victimhood“ zeigt. Nadine als Lesbe möchte eben gern Männer uneingeschränkt als den Feind sehen können, der umfassend ausgegrenzt gehört, also auch im Bett. Andere sehen sich dabei aber in ihrer Identität als etwa Bisexuell oder Transsexuell gestört, so dass sie innerhalb der Ideologie gleich einen Wettkampf austragen können, wer in diesem Fall das wichtigere Opfer ist – die Frau als Opfer des Mannes und seiner Macht oder die Frau, die auch gerne mit Männern schläft.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

Die Entpolitisierung von Begehren ist daneben, weil man damit ja nur meinen kann, dass es Homosexuelle machen, damit sie die anderen auch ins Bett bekommen. Netter Strohmann aus meiner Sicht: Tatsächlich macht sie es ja schlicht weil sie Männer hasst, die sie für unterdrückende Schweine hält und die Leute sind dagegen, weil sie nun einmal entweder (Trans-) Männer sind oder gerne aufgrund ihrer sexuellen Orientierung mit ihnen schlafen und das nicht ändern wollen.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte

Also mal kurz Begehren umdefinieren und so weit fassen, dass es nichts mehr mit Sex zu tun hat sondern eher mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. W

dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern?

Weil sie biologisch ist. 

Aber gut, dass Argument zieht im Genderfeminismus eben nicht. Da darf es eben nicht ziehen, denn alles ist ja sozial konstruiert.

klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.+

Nein, Feminismus hat nichts gegen Männer. Aber wenn man mit einem schläft oder – Gott bewahre – sogar eine Beziehung mit ihm hat, dann verliert man halt das Recht sich über Mansplainer, Mörder und Vergewaltiger aufzuregen – den das sind ja auch Männer und alle Männer sind da gleich.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt.

Und das sogar nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Heterosexualität, wir könnte man nur überhaupt auf die Idee kommen, dass das Begehren des Geschlechts mit dem man seine Gene in die nächste Generation bringen kann, biologisch sein könnte? Darwin ist eben auch nur ein alter weißer heterosexueller Mann.

wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen.

Zur Zwangsheterosexualität als feministische Theorie hatte ich auch hier etwas geschrieben

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands.

Also nicht, dass ich euch absprechen möchte mit Männern zu schlafen, aber echte Widerstandskämpfer machen das nicht. Ich bin also besser als ihr und ihr solltet auch so handeln. Verbündet euch nicht mit dem Feind. Wer mit einem Mann schläft stützt das Patriarchat.

in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

Schlaft lieber mit Minderheiten, etwa Lesben, diese Minderheiten sind die einzig Guten. Habe ich schon gesagt, dass ich eine solche bin?

Wenn man aber nur mit Männern schläft, dann ist man ein falscher Aktivist, der nur vorgibt an der Revolution mitzuarbeiten, in Wahrheit aber nur ein weniger an Unterdrückung feiert.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.

Ihr müsst das nicht so sehen, aber ihr solltet dann wenigstens die Fresse halten, Männer widern mich an, haltet sie aus meinem Leben raus, wenn ihr sie schon nicht aus eurem raushalten könnt.

Feminismus als Selbstinszenierung

Nadine Lantzsch schreibt zum Zustand des Netzfeminismus:

was mich ärgert ist eine bestimmte attitüde, die von Alphafeministin bis queer underground reicht. Eine inszenierung einer politisch korrekten identität, die getrieben ist von ständiger selbstoptimierung bei permanenter larmoyanz. eigentlich steht das eigene leid 90% der zeit im vordergrund, aber um diese selbstzentrierung zu kaschieren, werden zwischendrin random links und texte umhergeschickt und reflektierte gedanken formuliert, die von anderen beflissentlich gefavt und RT werden. diskriminierend sind immer nur die anderen und eigene privilegien finden tarnung hinter einer rhetorik, die kritik abprallen lässt. vieles davon finde ich extrem emotionslos und irgendwie mechanisch, so als sei aus den leuten das leben herausgesaugt, als würde die welt nur noch darin bestehen, von ihnen benannt, einsortiert, bewertet und politisiert zu werden. als sei welt eine einzige rationalisierte, intellektualisierte analyse. auch dann, wenn behauptet wird, intellektualismus sei nur was für’s bürgertum (und bürgertum: das sind auch immer nur die anderen).

Also

  • Inszenierung einer politisch korrekten Identität
  • getrieben ist von ständiger selbstoptimierung bei permanenter larmoyanz
  • eigentlich steht das eigene leid 90% der zeit im vordergrund,
  • diskriminierend sind immer nur die anderen und eigene privilegien finden tarnung hinter einer rhetorik, die kritik abprallen lässt.

Das deckt sich alles durchaus mit meiner eigenen Meinung. IDPOL halt und die daraus resultierende Opferspirale. Und auch dazu, dass Männer keine Opfer sein können.

Ich vermute eher, dass sie nicht ertragen kann, dass andere mehr Beachtung finden und zudem Diskriminierungen ansprechen, die sie für nicht so wichtig hält, aber dennoch eine erstaunlich offene Kritik.

Willkommen Nadine Lantzsch im feminismuskritischen Lager!

„Warum nur stecke ich in einem privilegierten Körper, wenn ich doch Opfer sein will?“

Nadine Lantzsch hat ein Gedicht bei der Mädchenmannschaft eingestellt, welches ich herrlich finde:

How can I be trapped in the wrong body
that is white, skinny and falsely cisgendered as women?
How can I be trapped in the wrong body
able to move anytime anywhere without help, fear or force?
If I want to.
If I just could sometimes.

My body is not wrong.
My body is right
there where society wants them to be.

Das passt gut zu ihrer Kritik hier und meiner Frage, ob sie eigentlich bemerkt, dass sie selbst weiß ist. 

Wenn ich es richtig verstehe, dann beklagt sie da, dass sie leider weiß und dünn und fälschlicherweise als heterosexuelle Frau gelesen wird. Also, dass sie leider als relativ privilegiert wahrgenommen wird, wenn sie doch eigentlich viel lieber ein wesentlich reineres Opfer wäre, diskriminiert, ohne Privilegien, die sich nicht frei bewegen kann.

Das zeigt sehr schön auf, wie begehrt die Position des Nichtpriviligierten aus Sicht einer Feministin ist und welche Freude dann auch wieder in einer Opferrolle stecken kann, in der man dann einfach leiden darf. Es ist doch aus ihrer Sicht ein bizarrer Wunsch, da diese Position ja die bessere ist. Er ist eigentlich nur zu verstehen, wenn man bedenkt, welches Feindbild in dieser Hinsicht gegen Privilegierte aufgebaut wird.

Interessant würde ich es finden, wie sie selbst wohl ein ähnliches Gedicht von einem heterosexuellen Mann besprochen hätte, der sich wünscht doch lieber eine diskriminierte Frau zu sein. Es wäre sicherlich keine sehr vorteilhafte Besprechung geworden. Eher würde sie diese Flucht in die „Nichtprivilegiertheit“ wohl hart kritisieren, weil ein Mann hier versucht, seine Privilegierung in eine nachteilige Situation umzudeuten und er damit auch die Leiden der Frauen entwertet.

Feministische Kritik an #HeforShe

Nadine Lantzsch schreibt einen Verriss auf die Rede von Emma Watson. Da sind einige sehr schöne Passagen dabei:

Die eigentliche Kritk wurde in der Fußnote versteckt:

HeforShe fordert Männer auf, sich für Frauenrechte einzusetzen. Motivation für Männer, diese Kampagne aktiv mitzugestalten, soll sein, dass es bei Frauenrechten ja auch um ihre “Töchter, Mütter, Freundinnen, Partnerinnen, Ehefrauen” geht. Weil wir als Feminist_innen um die Gnade von Typen betteln, indem wir alle Frauen auf heterosexistische Weise als zu den Typen im unlösbaren Bezugs- und Beziehungsverhältnis stehend konstruieren müssen. Deshalb hat er ja auch was von Feminismus, weil “seine” Frauen dann nicht mehr so schlechtgelaunt in seinem Leben herumtrotten und er sich deswegen nicht mehr so unzureichend oder überlegen fühlen muss. Er kann sich stattdessen als Retter und Erlöser feiern lassen. Ich frage mich, wie Feminist_in solch eine typen-zentrierte und hetero_cis_sexistische Kampagne unterstützen kann, in der Frauen (und nur die!) wieder mal als bedauernswerte, handlungsunfähige Objekte herhalten müssen, die einen Befreier brauchen. Ich frage mich nicht, wie Feministinnen die Botschafterin dieser Kampagne unterstützen können, denn es ist offensichtlich. Sie müssten sich ansonsten selbst kritisieren. Schließlich ist es Mainstream (Ha!) Typen dafür zu schmähen, dass sie sich ständig auf ihresgleichen beziehen, nicht aber jene Feminist_innen, die ihnen nacheifern.

Was an Müttern, Freundinnen und Töchtern per se heterosexistisch sein muss erklärt sie leider nicht. Aber das ihr der Appell an die Männer, da mitzuarbeiten, damit sie selbst es besser haben ankotzt, dass passt durchaus in die radikalfeministische Theorie. Denn da soll der Mann eben eher mitarbeiten, weil es seine Erbschuld ist, weil er etwas abbauen muss, was er angerichtet hat und nicht einfach nur, damit es auch ihm besser geht. Da ist ihr das Feindbild nicht gut genug ausgebaut, schon gar nicht, wenn sich die Männer danach auch noch gut fühlen, denn für gute Taten gibt es bekanntlich keine Kekse, man erfüllt einfach nur eine dringend abzubauende Schuld der Gruppe Mann.

Lustig aber, dass sie nicht will, dass Frauen als bedauernswerte, handlungsunfähige Opfer dargestellt werden, die einen Befreier brauchen. Ehrlicher wäre es wohl, wenn sie direkt ausführt, dass Männer diese Befreier nicht sein dürfen, denn das sind ja bereits die Feministinnen. Die Rolle der Männer ist nicht die des Befreiers, sonders die des Feindes und des Täters.

in ihrer Kritik heißt es dann:

Wenn Kritik kommt, dass das Geseier von so einer Person mit diesem Inhalt nun wirklich problematisch ist, weil privilegiertes liberales Gewäsch (ja, Liberalismus ist so eine weiße Idee, auch die Rhetorik von wir sind doch alle Menschen) oder gar: Feminismus als edgy Zusatz für die eigene heterosexuelle Verwertbarkeit…nun ja, dann kommt meistens als Argument: ABER SIE MACHT ES DOCH FÜR DEN MAINSTREAM!!!

DAs ist doch mal eine Aussage: Liberalismus ist eine weiße Idee, ebenso wie die Rhetorik, dass wir alle Menschen sind. Aus ihrer Sicht ist eben Liberalismus der Versuch, sich seine Privilegien zu erhalten und „wir sind doch alle Menschen“ verschleiert Machtverhältnisse und entlässt die, die einer Gruppe angehören, die die Macht haben, aus der Verantwortung. Sie sind eben nicht einfach nur Menschen, sie sind Menschen mit Privilegien. Und damit keine Menschen, irgendwie. Sondern eben Täter, die sich nicht die Maske des Menschlichen überziehen dürfen, sondern eher demaskiert werden müssen.

Das ist eben die Folge eines so deutlichen Gruppendenkens: Die anderen verlieren ihre Menschlichkeit und werden nur noch als Täter- und Opfergruppe wahrgenommen.

Die Erfahrung einer privilegierten weißen Hetera, die wahlweise von einer anderen privilegierten Hetera oder eines privilegierten weißen Hetero-Typen ausgesprochen wird, der noch mehr Anerkennung bekommt, weil: Er ist ja ein Mann!!! Und die sind – wie wir alle(!) wissen – die Türsteher vor den Toren des guten Lebens. Privilegierte weiße Heteras haben es schwer, sich von der Ideologie loszusagen, bei der sie einzig und allein Opfer sind (und damit Zentrum des feministischen Universums). Sie sind auch Menschen mit gewaltausübender Geschichte, mit Profiten, die sie aus einem gewaltausübenden System ziehen, das z.B. auch Rassismus und Heteronormativität hervorbringt (und ihr eigenes Hetendasein).

Sagt Nadine eigentlich einmal in diesem Artikel, dass sie selbst weiß ist? Ich habe es jedenfalls nicht gefunden. Irgendwie scheint sie sich da frei von ihren Privilegien zu sehen, und dann nimmt sie auch noch Raum ein und spricht quasi für PoCs, erzählt was weißer und was nicht weißer Feminismus ist. Eigentlich ja ein Verstoß gegen die eigenen Regeln.

Und auch hier wieder „die haben es schwer sich, sich von der Ideologie loszusagen, bei der sie einzig und allein Opfer sind (und damit Zentrum des feministischen Universums)“ wenn das genau Inhalt des Feminismus ist. Aber hier geht es ja auch nicht darum, dass Frauen keine Opfer sind, sondern darum, dass die eigentlichen Opfer die lesbischen Frauen, noch mehr die nicht-weißen lesbischen Frauen, sind. Da ist sie immerhin etwas mehr Opfer als die anderen (und damit etwas mehr im Zentrum des feministischen Universums). Es ist also eher ein „die nehmen mir meinen Platz weg, dabei wollen die sich sogar mit dem Feind verbünden).

Fakt ist: privilegierte weiße Heteras sind nicht die Mehrheit. Sie sind global betrachtet sogar eine ziemlich kleine Gruppe von Menschen. Trotzdem macht die Diskriminierung, von der sie profitieren, dass sie sich als Mehrheit denken können, sich selbst als Menschen/Allgemeinheit/Mainstream verstehen.

So gesehen richtig. Es gibt mehr Asiaten, Schwarze, braune etc Menschen. Was Nadine nur nicht darlegt ist, dass sich der Intersektionalismus hier tatsächlich auswirkt: Das es also wirklich ein weißer Feminismus ist, der die Männer mit ins Boot holen will. An Schutz der Männer zu appellieren ist aber aus meiner Sicht keineswegs etwas weißes: Auch alle anderen PoCs werden in ihren Ländern genau darauf gegenüber Männern abstellen. Heterosexualität hingegen ist in der Tat eine Mehrheit. Auch wenn Nadine das nicht gefällt.

 

Tugendfuror, Aufschreiaktivismus und Astroturfing

Eine interessante Auswertung der Aufschrei-Kampagne findet sich im Spiegel:

In Wahrheit ist mancher Sturm nur ein Stürmchen, was bei aller Selbstreferentialität des Mediums in der Regel doch lieber ungesagt bleibt. Wer sich die Mühe macht, einmal nachzusehen, wie viele Leute sich tatsächlich an den in Rede stehenden Debatten beteiligen, stellt schnell fest, dass die Zahl oft nicht einmal ausreicht, um den bei herkömmlichen Protesten beliebten Platz vor dem Brandenburger Tor zu füllen.

Im SPIEGEL gab es kürzlich eine interessante Grafik zu dem ersten Twittersturm, der die Sexismusdebatte in Gang setzte und vielen nun als Beweis für die Bedeutung dieser neuen sozialen Bewegung gilt. Von den 80.000 Tweets, die in den ersten fünf Tagen abgesetzt wurden, waren 30.000 Retweets, also Weiterleitungen bereits gesendeter Mitteilungen. Zu den am meisten weiterverschickten Nachrichten gehörte der Spruch: „Meine Frau wollte auch etwas zu #aufschrei twittern. Das W-Lan reicht aber nicht bis in die Küche.“

Auch der Bundespräsident findet die Aufregung wohl übertrieben:

„Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ Mit Sicherheit gebe es in der Frauenfrage noch einiges zu tun. „Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.“

Mitunter gewinnt man den Eindruck, dass das Lostreten der Aufregung weniger eine Frage von Tugend ist als vielmehr die Erkenntnis, dass man damit Druck ausüben kann, Aufmerksamkeit produzieren kann und damit auch sich selbst ins Gespräch bringt. Mit der #Aufschrei-Debatte haben sich Laura Dornheim und Anne Wizorek über Twitter hinaus bekannt gemacht. Es ist insofern nicht verwunderlich, dass sie nunmehr über Aufruhr gegen ein T-Shirt beim Otto Versand eine weitere Kampagne nachzuschieben.

Solche künstlichen Kampagnen, die eine große öffentliche Beteiligung vortäuschen sollen, nennt man Astroturfing:

Der Begriff Astroturfing, auch Kunstrasenbewegung, bezeichnet – insbesondere im US-amerikanischen Sprachraum – politische Public-Relations- und kommerzielle Werbeprojekte, die darauf abzielen, den Eindruck einer spontanen Graswurzelbewegung vorzutäuschen. Ziel ist es dabei, den Anschein einer unabhängigen öffentlichen Meinungsäußerung über Politiker, politische Gruppen, Produkte, Dienstleistungen, Ereignisse und ähnliches zu erwecken, indem das Verhalten vieler verschiedener und geographisch getrennter Einzelpersonen zentral gesteuert wird.

Weitere solche künstliche Kampagnen zu starten ist das Mittel um zum einen den Feminismus und seine Notwendigkeit wieder zu einem Thema zu machen und moralisches Kapital anzusammeln. Man kann sich selbst in den Mittelpunkt rücken, indem man solche Kampagnen startet.

Wie sehr dieses Aufsteigen anderer Personen bisherige „Größen“  stört, sieht man gut an diesem Artikel von Nadine Lantzsch über Anne Wizorek:

heute fiel mir ein, dass sich die person, die ich vor ein paar tagen noch anerkennend im blog erwähnte und jetzt als “gesicht einer neuen feministischen bewegung” bezeichnet wird, sich vor etwa einem jahr an einer von typen initiierten sexistischen hetzkampagne gegen meine person (stellvertretend für all die radikalen feminist_innen wahrscheinlich) beteiligte. die hetzkampagne re_produzierte nebenbei krasse rassismen, die irgendwie irgendwann untergingen, weil es dann nur noch um persönliche beleidigungen ging, was wiederum auch sexismus zu einem machtverhältnis macht, das in der vorstellung vieler weißer menschen nur weiße frauen trifft. was wiederum auch rassismus re_produziert. neben all den sexismen.

heute fiel mir ein, dass diese person in der slutwalk-orga von 2011 in einer pressemitteilung homophobie durch sexuelle neigungen ersetzte, weil homophobie als wort “zu kompliziert” sei.

„Diese Person“ macht deutlich, welche Verbitterung über dieses Aufsteigen vorhanden sein muss. Gerade eben hat sie noch selbst den Umsturz geleitet, jetzt sinkt ihr Stern schon wieder dank eines neuen Aktivismus, der weniger redet, sondern medienwirksame Aktionen startet. Gerade hatte man den Feminismus auf die Rassismus und „critical whiteness“ Schiene umgebogen, da wird er auch schon wieder in die andere Richtung umgeleitet.

Realitätsflucht oder „Dies führt weder zu einer Abschottung, noch zu elitärem Gedünkel, sondern ermöglicht in erster Linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten“

Nadine Lantzsch zur Lage bei der Mädchenmannschaft:

was gerade passiert, ist in meinen augen eine verschiebung: weg vom alphamädchen-feminismus, der in erster linie gut situierten heteras zugute kommt und strukturfragen nicht mehr stellt, zu mehr machtkritik, zu mehr aufnahme von feministischen diskursen und konfliktlinien, die es bereits vor 20, 30, 40, 100 jahren gab. ein mehr arbeiten mit traditionen und geschichten, ein aufmerksam sein. mehr umsichtigkeit, mehr verantwortung. dies führt weder zu einer abschottung, noch zu elitärem gedünkel, sondern ermöglicht in erster linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten. dass sich die mehrheitsgesellschaft davon nicht angesprochen fühlt, die jedes feministische projekt in den tod diskutiert, spart, gängelt und bedroht, ist ein problem dieser und nicht das einen feministisch verorteten projektes.

Es ist schon erstaunlich, wie sich Leute in ihre Ideologie einigeln können und gar nicht mehr wahrnehmen, warum sie so viel Kritik erfahren. Kritik wird hier einfach in die Outgroup verschoben, die die Ingroup beeinträchtigen will, die verhindert, dass die gute Politik der Ingroup umgesetzt werden kann.

Dabei sind die aufgebauten Feindbilder interessant: Die „gut situierten heteras“ sind eben auch nur privilegiert und damit wohl Teil der Mehrheitsgesellschaft, Nadine Lantzsch als doppeltunprivilegierte lesbische Frau (wenn auch Rassistin) hingegen ist noch zu Machtkritik fähig und kann den feminstischen Diskurs voranberingen.

Es zeigt meiner Meinung nach schon eine gewisse Realtiätsflucht, wenn man davon spricht, dass man sich hier nicht abschottet und behauptet konstruktives und produktives feministisches Arbeiten zu ermöglichen, wenn man gerade die Feministische Szene gespalten hat und jede Diskussion sofort über die Deutungshoheit behindert wird und alle letztendlich bei strikter Umsetzung der critical whitness nur mit wartenden Blick auf die „WoCs“ gucken kann, weil alle anderen nicht mitreden können und sich langsam in eine Abwärtsspirale begibt, in der sich die Anforderungen immer weiter verschärfen, bis alles rassistisch ist, gerade die Antirassisten.

gerade jetzt, wo uns diese für mich positiv besetzte machtrolle zuteil wird, die so selten ist bei feministischen projekten, wird versucht, uns gewaltsam totzureden und damit auch ein stück feminismus. von menschen, die teil des projektes MM waren. warum? weil ihre persönlichen befindlichkeiten und betroffenheitslagen nicht mehr teil unseres selbstverständnisses sind, weil sich aus der weißen worklifebalance-karrierehetera mit kind nun mal keine feministische politik formulieren lässt, die für viele menschen interessant und wichtig ist.

Das ist immerhin interessant. Sie sieht sich selbst mit der Mädchenmannschaft in einer Machtrolle, die sie nutzen will, natürlich nicht ohne zu betonen, dass der Widerstand ansonsten gegen feministische Projekte so enorm ist.  Und dann der Verrat! Frühere Mitglieder haben nicht etwa ein anderes Verhältnis zum Feminismus über das man einen Diskurs führen kann, sie wollen ein Stück Feminismus kaputt machen. Und warum? Weil sie der Sache nicht so verpflichtet sind, wie es eben nur mehrfachunprivilegierte sein können. Interessant auch in diesem Zusammenhang der Hinweis auf gerade die weiße workligebalance-karriereheterea mit Kind. Man könnte meinen Lantzschi sei schwarz. Aber es ist verständlich, dass sie diesen Personen nicht viel abgewinnen kann, schließlich schränkt sie ja bereits deren Existenz erheblich ein, Heteras mit Kind, die ein angenehmes Leben führen wollen sind insoweit Menschen, die ihre Privilegien nicht hinreichend hinterfragen. Würden sie das machen, dann würden sie einsehen, dass die mehrfachunprivilegierten recht haben und diese allein eine feministische Politik formulieren können, die für viele Menschen interessant und wichtig ist.

Weil ja die wenigsten Frauen Heteras mit Kind sind, die eine gewisse Worklifebalance anschreben.

Nadine Lantzsch und ihr Aufruf zur Solidarität im Feminismus als Versuch des Out-Groupings von Kritik

Anscheinend hat Nadine Lantsch mit ihrer Auffassung, dass Kinder triggern und ein Ausdruck von Heteronormativität sind doch einiges an Widerstand bekommen.

Sie nimmt dies aber natürlich nicht als Anlass, ihre eigene Haltung einmal kritisch zu hinterfragen, sondern fordert stattdessen in dem Artikel „Radikalität und Solidarität im feministischen Netz“ eben diese Solidarität unter Feministinnen ein.

Ich finde es eigentlich recht anschaulich für klassische Gruppendynamiken und Gruppenkämpfe.

Dabei beginnt sie damit, erst einmal darzustellen, wie sehr sie Teil der Gruppe „Netzfeminismus“ ist, was sie dieser gibt und was sie von dieser bekommt, sie stellt also dar, dass sie Teil einer In-Group ist, die sie möglichst weit zieht, eben der gesamte Netzfeminismus.

Dann aber die düstere Nachricht:

Seit einiger Zeit gewinne ich den Eindruck, dass sich durch diese Entwicklungen des queer-/feministischen Aktivismus im Netz Dynamiken zeigen, die ich mit Entsolidarisierung und Spaltung beschreiben würde. Während letzteres durchaus nötig ist, um politisch handlungsfähig zu bleiben (warum sollte ich mich einer Gruppe zugehörig fühlen, die meine Perspektiven unsichtbar macht?), habe ich mit ersterem so meine Bauchschmerzen.

Spaltung findet sie dabei ganz okay, wobei sie aus meiner Sicht eher Spezialisierung meint. Aber die mangelnde Soldarität wird dann wie folgt bemängelt:

Solange Queer-/Feminismus kein gesellschaftlicher Status Quo, keine Selbstverständlichkeit ist, nicht das Denken aller Menschen durchzieht, ist eine aktive Abgrenzung davon eher schädlich. Das heißt nicht, dass ich alles gutheißen muss, sondern ich sollte darauf schauen, wo und wie ich Kritik übe. Warum sollte ich dafür die FAZ als Plattform nutzen? Statt eines feministischen Blogs? Solidarität heißt auch, die Möglichkeit von Bündnissen offen zu lassen. (…)  ch habe meine Position als Bündnispartnerin wahrgenommen, Kritik habe ich dennoch an dieser Aktion, zumindest an weiten Teilen der Inhalte. Ich muss diese aber nicht in Mainstreammedien äußern, die meine Perspektive sowieso verflacht und antifeministisch rezipieren und damit den Backlash- und Postfeminismusdiskurs weiter befeuern, sondern ich kann das auf meinem Blog tun, wo ich die Regeln bestimme oder das Gespräch mit den Initiator_innen suchen. Allerdings heißt auch hier das Gebot der Stunde Solidarität. Ich sollte mir nämlich Gewahr sein, dass ich zwar Teil einer queer-/feministischen Gruppe bin, ergo meine Kritik auch immer eine innerfeministische ist, mein Blog aber auch von Leuten gelesen wird, die Feminismus scheiße finden, ablehnen oder gar bekämpfen.

Man solle also nicht richtig kritisieren, sondern nur auf bestimmte Zusatzaspekte aufmerksam machen, die der andere übersehen hat. Das setzt natürlich voraus, dass man sich in den Grundlagen einig ist. Echten Widerspruch kann es mit dieser Position nicht geben.

Soll es aber auch nicht.

Wie man Kritik vorbringt wird dann näher ausgeführt

Dementsprechend muss ich entweder geschützte Räume dafür aufsuchen (eine E-Mail schreiben zum Beispiel) oder, wenn ich will, dass möglichst viele solidarische Menschen meine Kritik mitbekommen, mein Blogpost entsprechend verfassen. Ich muss immer das “Draußen” mitbedenken in diesem Internet. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die alles durchziehen und aufpassen, in welchen Diskurs ich mich reinsetze mit meiner Kritik (…) Ich kann den Ableismus an Kiyaks Aussagen kritisieren und mich trotzdem solidarisch mit ihr zeigen. Einerseits, weil ich es nicht zulassen kann, dass ein Unterdrückungsverhältnis gegen das andere ausgespielt wird (und damit Bündnisse und Solidarität zu Recht verhindert werden) und andererseits ich marginalisierte Sprechpositionen nicht unsichtbar machen will. Warum? Weil ich durch die Unsichtbarmachung den rassistischen Diskurs unterstütze, der ja tagtäglich marginalisierte Sprechpositionen in die Peripherie drängt.

Also ist die Devise: Interne Kritik doch bitte leise, in „geschützten Räumen“, wo sie keiner mitbekommt, am besten hinter verschlossener Tür.

Dabei verweist sie auf den gemeinsamen Feind: Es ist also ein Appell doch bitte die Reihen der vorher dargestellten In-Group fest zu schließen, indem man darauf hinweist, dass diese ja schließlich unter Beschuß ist. Also der alte Mechanismus: Innenpolitik stabilisiert man am besten, indem man sie mit außenpolitischen Problemen überdeckt. Wer seine In-Group disziplinieren will, der braucht eine Bedrohung der In-Group von außen.

Im nächsten Schwenker versucht sie dann Radikalismus als notwendigen Bestandteil der In-Group zu definieren und auf diesem Weg eine Ausgrenzung aus dieser zu verhindern:

Da mein Eindruck ist (wie oben beschrieben), dass queer-/feministischer Aktivismus im Netz nun stärker im Mainstream rezipiert wird oder Einfluss auf den Mainstream ausübt, ist es wichtig darauf zu achten, an wem und woran ich als Queer_Feminist_in Kritik übe und wie ich diese Kritik formuliere. Ich habe weiterhin den Eindruck, dass hier zwei Entwicklungen parallel verlaufen: Einerseits bietet das geöffnete Türchen in den Mainstream die Möglichkeit, dort radikale Positionen unterzubringen, wovon ja viele rege Gebrauch machen. Andererseits sehen einige durch radikale Positionen das geöffnete Türchen in Gefahr und fangen an, sich aktiv von diesen Positionen abzugrenzen, sich mit diesen Positionen (die ja weiterhin prekäre und marginalisierte (Sprech-)Positionen sind) zu entsolidarisieren. Zweitere Entwicklung halte ich für gefährlich. Es ist ein Buckeln nach oben und Treten nach unten. Ein verinnerlichtes Teile-und-Herrsche-Prinzip, das bedient wird und wahrscheinlich auf eigenen Abwehrmechanismen gründet und letztlich nur reaktionäre, sexistische, rassistische, homophobe, transphobe und andere Unterdrückungsverhältnisse stützt.

Hier sagt sie im Prinzip „Wer gegen meine Position ist, stellt sich gegen den Feminismus und unterstützt dessen Feinde“. Kritikern wird also vorgehalten, dass sie mit ihrer Kritik Teil der Out-Group werden.

Dann versucht sie ihre Meinung weiter in der In-Group zu verankern: Nunmehr wandelt sich eine radikale Ansicht von einer Meinung, die man nur leise kritisieren soll, die eher am Rande stehen mag, aber doch Teil des ganzen ist, zu einem wesentlichen Teil der In-Group:

Keine radikalen Positionen zu vertreten, heißt immer auch, sich ein bisschen anzubiedern, Kompromisse einzugehen und Gefahr zu laufen, sich mit beispielsweise sexistischen Positionen gemein zu machen und damit beispielsweise Heteronormativität weiter zu stützen. Was im Endeffekt auch heißt, marginalisierte Sprechpositionen unsichtbar zu machen, wenn nicht gar weiter zu gefährden.

Jetzt ist also, nachdem erst besänftigt wurde, die Kritik eine Gefährdung der direkten Ziele der In-Group und damit eine Schädigung dieser.

Daraufhin folgt der Gegenangriff:

Ich habe Verständnis dafür, wenn nicht alle radikale Perspektiven aktiv unterstützen und beklatschen, weil sie andere Strategien politischen Handelns für sinnvoller bzw. gewinnbringender erachten, nur: für wen? Das kann gerne transparent gemacht werden, statt Objektivität zu postulieren oder den einen richtigen Weg für alle zu wollen. Ich habe allerdings kein Verständnis dafür, wenn hier auf Kosten vieler Politik für wenige gemacht wird.

Nunmehr ist die radikale Position nicht mehr radikal, sie ist ein Weg, der neben anderen steht und damit direkter Inhalt der Ansichten der In-Group.

Die Kritik wird dann mit weiterem Outgrouping in Verbindung gebracht:

Zumal sich teilweise in Zeiten des Streits und Widerspruchs auch mit Leuten zusammengeschlossen wird, die ganz offen antifeministische, rassistische oder sexistische Einstellungen pflegen und hofieren. Das ist unsolidarisch und schadet letztlich allen queer-/feministischen Aktivist_innen im Netz.

Würde mich ja mal interessieren, ob ich auch damit gemeint war. Ich hatte ja sowohl bei Kathrin als auch über Twitter einiges dazu gesagt.

Im weiteren wird dann die Gegenposition noch etwas herabgewürdigt und eine Opferposition ausgebaut:

Ich möchte daher zum Schluss nochmal daran erinnern, dass Solidarität auch ohne aktiven Zuspruch bekundet werden kann, Spaltungen notwendig und gut sind und eigene Abwehrreflexe nicht immer in geifernden Texten enden müssen, die eigentlich nur aussagen, dass marginalisierte Positionen doch bitte leise sein sollen. Wenn ich schon nicht an meinen eigenen Lücken arbeiten will, dann kann ich mich immerhin darauf ausruhen, dass es angesichts der Wirkmächtigkeit gesellschaftlicher Machtverhältnisse keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen wird. Eher im Gegenteil. Oder einfach mal gar nichts sagen und mich auf das konzentrieren, was mir politisch wichtig ist.

Also: Die Kritik an ihr, gerade noch radikal, war ein geifernder Angriff, mit der eine marginalisierte Position (sie) ruhig gestellt werden sollte.

Der Text endet mit einer Klarstellung, dass sie eigentlich nur den Gruppeninteressen dienen will und alle solidarisch sein können.

Lantzschi baut also einen Text auf, indem sie ihre Position als Teil der feministischen In-Group zu definieren, Kritik an ihr als Unterstützung der Out-Group und schwächung der In-Group.

Eine Gegenstrategie wäre nun, entweder klarzustellen, dass sie mit ihrer Position nicht mehr Teil der feministischen In-Group ist bzw. eine echte Spaltung darzustellen zwischen radikalen Positionen, denen man sich nicht zugehörig fühlt und eigenen, gemäßigteren Positionen- Das aber dürfte die interne Kritikfähigkeit des Feminismus überfordern. Es bleibt also nur, darzustellen, dass man mit der Kritik an ihr nur die In-Group schützen will und das Problem herunterzuspielen, eben als Differenz in einem Punkt und Betonung der beiderseitigen sonstigen Verankerung in der In-Group. Der Spannungspunkt bleibt dabei natürlich bestehen, er wird nur verdeckt.

Was eigentlich schade ist. Eine deutliche Distanzierung von Lantzschi und anderen radikalen Feministinnen hin zu einem gemäßigteren Feminismus würde der Bewegung sicherlich gut tun und wieder Gespräche ermöglichen.