Auswirkungen kostenloser Kindertagesstätten auf die Erwerbstätigkeit der Frau

Der Spiegel berichtet über eine Studie:

Eine aktuelle Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt: Ob der Kita-Besuch kostenlos ist oder nicht, hat auf die Erwerbstätigkeit von Frauen kaum Einfluss. Frauen arbeiten demnach nicht mehr, wenn sie für den Kita-Besuch ihrer Kinder keine Gebühren zahlen müssen.

Allerdings geben mehr Eltern ihre Kinder zur Betreuung, wenn diese kostenlos ist – vor allem in einkommensschwachen Familien. Messen lässt sich der Effekt allerdings nur für jüngere Kinder: Im letzten Kindergartenjahr bleibt auch mit Gebühren ohnehin kaum noch ein Kind zu Hause.

Für ihre Studie haben die Heidelberger Forscherinnen Anna Busse und Christina Gathmann Daten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP) von rund 9000 Haushalten aus den Jahren 2010 bis 2015 untersucht. Die Ergebnisse beziehen sich nur auf Westdeutschland und Berlin.

Wenn mehr Eltern ihre Kinder in die Kita stecken, dann hätte man erwartet, dass dann Zeit frei wird,  mit der man wieder in den Beruf einsteigen kann. Anscheinend passiert das aber nicht.

Aus der Studie:

For mothers of younger children, we do not find an effect on labor force participation or working hours on average (see columns (2), (5) and (8)). Yet, we find some effect if we allow the treatment effect to vary across childcare years. Mothers of very young children (2-3 year-old) do not adjust their labor supply though we did find that their children were more likely to attend daycare and less likely to be cared for at home (see table 3). Hence, labor supply of mothers with very young children is highly inelastic to price changes in our context. A comparison with evidence from East Germany reveals that East German women with preschool children have not only higher employment rates than their West German counterparts but are also more responsive to daycare prices – with estimated price elasticities of between -0.1 and -0.2 (Gathmann and Sass, 2018). For children aged between 4 and 5 in turn, we find that the labor force participation of mothers decreases if their child has access to free
daycare. Such an effect is expected if the income effect raises the demand for maternal leisure.
However, the decline is with 2.2 percentage points or 3.9% ((0.01 0.029)*1.18/0.57=0.039) quite modest. Taken together, the provision of free daycare has little effect on daycare choices for older children but reduces their mothers’ labor supply. For very young children in turn, a free daycare
policy encourages earlier entry into public daycare rather than home care; yet, that does not

Der fett gedruckte Satz lautet, wenn ich ihn richtig verstehe:

Für Kinder im Alter zwischen 4 und 5 haben wir festgestellt, dass die Beteiligung der Mütter an der Erwerbsgruppe abnimmt, wenn das Kind Zugang zu freier Betreuung hat. Ein solcher Effekt ist zu erwarten, wenn der Einkommenseffekt den Bedarf für mütterliche Entspannung erhöht.

Ich verstehe es so, dass die kostenlose Betreuung quasi eine Form zusätzliches Einkommen darstellt, die man vorher nicht hatte, bzw dass eben mehr Einkommen zur Verfügung steht und damit die Mutter weniger verdienen muss und die Zeit damit für die mütterliche Entspannung genutzt wird.

Mütter, Töchter und wie Männer die Frauen kleinhalten (Franziska Schutzbach)

Via Man-Tau bin ich auf diesen Artikel aufmerksam geworden:

annabelle: Franziska Schutzbach, die Mutter-Tochter-Beziehung wird meist als Problemzone betrachtet. Warum?
Franziska Schutzbach: Dafür gibt es verschiedenste Erklärungen. Eine lautet, dass Töchter den traditionell niederen Status der Mutter ablehnen. Mutterschaft geniesst in unserer an Männern ausgerichteten Gesellschaft nach wie vor wenig Prestige. Sie wird ins Private verdrängt, ist unsichtbar, wird aber gleichzeitig als aufopferungsvoll und selbstlos idealisiert. Das ist ein schwieriges Rollenmodell. Töchter orientieren sich deshalb eher am Vater. Der verspricht Welt, Abenteuer und Einfluss.

Genauso verspricht ein Vater „wenig bei der Familie sein“, was Kinder wohl in den jungen Jahren am meisten wahrnehmen. Und der Status der Mutter innerhalb der Familie ist ja üblicherweise auch sehr hoch. Natürlich werden die meisten Frauen heute nicht Hausfrau werden wollen, sondern entsprechend eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren wollen, aber die Begründung oben kommt mir schon sehr Holzschnittartig vor.

Ich würde auch schon nicht sagen, dass die Mutter-Tochter-Beziehung meist als Problemzone betrachtet wird. Es gibt eben Mutterkinder und Vaterkinder.

Das es den Fall gibt, wo die Tochter meint, dass sie eine absolute Karrierefrau wird und die Kinder leicht nebenher macht und von der Mutter genervt ist, die ihr sagt, dass das nicht so einfach ist, dass gibt es sicherlich häufiger.

Mütter sind innerhalb der Familie aber oft sehr dominant, im positiven wie im negativen Sinn. Kompensieren sie dadurch das fehlende Prestige?
Ja, das kann man so sehen. Manche Mütter herrschen geradezu. Nicht umsonst ist die tyrannische Mutter eine verbreitete literarische und mythologische Figur. Meist bleibt sie jedoch eine Handlangerin des Patriarchats, auch insofern, als dass sie ihre Töchter oft passförmig macht für ein patriarchales System. Dies ermöglicht ihr einen gewissen Status – als Mutter, die ihre Pflicht erfüllt.

Auch ein sehr einfaches Modell: Alles, was Geschlechterrollen stützt ist eine Form des internalisierten Sexismus bzw nur eine Anpassung an das System, weil das nichts anderes erlaubt. Das Frauen mit ihrer Position durchaus zufrieden sind und aus ihr heraus Macht ausüben, eben weil sie Macht haben, dass kann in einem solchen Weltbild nicht vorkommen.

Ist der Bezug auf das Patriarchat nicht zu simpel, um die komplexen Mutter-Tochter-Beziehungen zu erklären?
Ich spreche hier weniger von real gelebten Mutter-Tochter-Beziehungen als von Darstellungen der Mutter-Tochter-Beziehungen in der westlichen Kulturgeschichte, die unser Verhalten prägen.

Äh… was ist denn das für ein Rückzieher? Eben gerade ging es noch um das konkrete, dann weicht sie aus, dass es nur um die Darstellung geht?

Nehmen wir das Märchen vom Rotkäppchen: Die Rolle der Mutter besteht darin, Rotkäppchen zu sagen, dass es nicht vom Weg abkommen soll. Es darf nicht die Welt selbstbestimmt erkunden, sondern soll auf dem vorgegebenen Weg bleiben und das Essen bringen. Rotkäppchen hält sich nicht an ihre Weisung und wird vom bösen Wolf, dem Patriarchat, gefressen. Die Botschaft ist: Mädchen sollen ihren Müttern gehorchen. Ähnlich ist es in der höfischen Literatur, zum Beispiel in den Nibelungen: Die strenge Mutter führt ihre Tochter in die Rolle der Ehefrau ein und wacht über ihre Ehre.

Die Rolle von Kindern allgemein dürfte darin liegen, Eltern zu gehorchen. Und es dürften sich auch genug Väter finden, die über die Ehre ihrer Tochter wachen, weil Eltern bei einer Schwangerschaft ohne Beziehung eben meist die waren, die dann die Kosten für die Aufzucht tragen mussten und zudem ein Kind eben erst einmal die Chancen auf dem Partnermarkt und damit für die sichere Weitergabe der Gene der Eltern verschlechtert haben. Ebenso dürften Eltern über die Ehre des Sohnes wachen, nur wird diese eben anders definiert, weil die evolutionäre Kostenrechnung anders ist

Womit der Konflikt programmiert ist.
Genau. Der Konflikt ist Programm. Eine anthropologische These besagt, dass der Konflikt, also letztlich die Spaltung zwischen Müttern und Töchtern – wie zwischen Frauen überhaupt – historisch notwendig war, um Männermacht zu ermöglichen. Jahrtausendelang wurde in unterschiedlichen Kulturen der Frauentausch praktiziert, das heisst, Frauen wurden an Männer weggegeben, um Macht- und Besitzverhältnisse zu regeln. Die Söhne blieben auf dem Hof oder beim Clan, während die Töchter ihre Beziehungsgefüge aufgeben mussten. Diese Weitergabe von Macht und Besitz unter Männern durfte nicht durch starke Frauenverbindungen gestört werden.

Die Spaltung zwischen Mutter und Tochter dient nur dem Machterhalt der Männer. Das finde ich eine recht gewagte These. Zumal es für den Mann  ja gar nicht nachteilhaft sein muss, wenn seine Frau und seine Tochter anderweitig Macht haben. Töchter wurden auch ebenso zur Gewinnung von Macht eingesetzt, wenn dies möglich war, etwa durch eine gute Heirat, und den meisten Vätern dürfte es da sehr lieb gewesen sein, wenn ihre Töchter Einfluss über den Ehemann zugunsten ihrer Eltern ausübt und dabei von der Mutter unterstützt wird. Als Beispiel sei die Familie von Anne Boleyn genannt, die ebenfalls Ämter erhielt und an Bedeutung gewann, solange ihre Tochter noch in der Gunst des Königs stand.

Das ist in vielen Regionen noch immer so.
Natürlich. Auch in der westlichen Welt leben patrilineare Traditionen fort, in Ritualen, zum Beispiel: Heiratet die Tochter, wird sie oft vom Vater zum Altar begleitet – dies ist die Inszenierung der Übergabe der Tochter an einen anderen Mann. Die Frau wird zum Einsatz im Machtgefüge der Männer, Die Mutter spielt hier keine Rolle mehr.

Klar, von einem Versorger zum anderen. Damit ist heute aber keine Macht mehr verbunden.

Heute sind jedoch viele Frauen berufstätig und machen Karriere. Inwiefern wird dies die Mutter-Tochter-Beziehung verändern?
Ich weiss es nicht. Gegenüber dem neuen Frauenbild bin ich skeptisch. Eine Berufskarriere als Alternative zu Hausfrau – ist das emanzipatorisch? Frauen müssen alles können, sich zu Tode schuften und dabei erst noch perfekte Mütter und sexy sein. Zukünftige Untersuchungen sollten fragen: Wie geht es den Töchtern der heutigen Supermums?

Auch schön: Mutter hat keinen Status, Statusberufe geben nicht genug Freiraum, alles dazwischen ist wahrscheinlich auch schlecht.

Viele Frauen sagen: «Ich will nicht so werden wie meine Mutter.» Man hört hingegen kaum: «Ich will nicht so werden wie mein Vater.»
Ja. Frauen richten sich oft an Männern aus, weil diese bis heute die gesellschaftlich bedeutenden Positionen besetzen. Sie sind Autoritäten, von denen Frauen anerkannt werden wollen. Auch Männer messen sich vor allem an Männern. In der Soziologie nennt man dies Homosozialität. Die Weitergabe von Macht und Prestige unter Männern setzt sich fort. So fördern zum Beispiel Professoren oder Konzernleiter noch immer vor allem Männer. Homosozialität ist für Frauen schwer zu durchbrechen.

Sie ordnet wirklich alles in einen Geschlechterkrieg ein. Das schlicht bei der Frau ein Rollenwechsel stattgefunden hat, der die Hausfrau nicht mehr attraktiv macht und daher viele Frauen nicht so sein wollen, wie ihre Mütter, fällt da vollkommen weg. Auch geht unter, dass Frauen ja gleichzeitig nicht werden wollen wie ihre Väter: Sie wollen einen Mittelweg, Beruf und Familie, aber sie wollen keineswegs derjenige sein, der in Vollzeit arbeitet und dabei den Partner versorgt. Die Berufswahl vieler Frauen ist eben gerade deswegen auch eher noch auf „familienfreundliche Berufe“, zB in Behörden ausgerichtet.

Was ist der Ausweg?
Zum Beispiel, an den Beziehungen unter Frauen zu arbeiten. Wir können versuchen, gegenseitig unseren Einfluss und Status zu stärken.

Nur das die meisten Frauen vielleicht Frauen in wichtigen Positionen wollen, aber selbst lieber halbtags arbeiten mit Zeit für die Kinder wollen. Die Förderung von Frauen untereinander ist etwas, für das sie dann von diesem Lebensziel abweichen müssten, wenn sie dazu selbst höhere Posten wollten. Es wäre also die übliche Tragik des Allgemeinguts. Keiner möchte die Kosten tragen.

Ist es aber nicht so, dass sich Frauen in Bezug auf den Mann in einem ständigen Konkurrenzkampf befinden?
Das ist ein Problem aller minorisierten Gruppen. Anstatt sich aneinander zu orientieren, sind sie auf diejenigen fixiert, die mehr Macht haben als sie selbst. Dadurch werden die vorherrschenden Massstäbe ständig reproduziert: Das Männliche bleibt der Massstab, und Frauen zerfleischen sich gegenseitig im Kampf um einen Platz «dort oben».

Gut, dass wir Männer nicht minorisiert sind und daher keineswegs um einen Platz „oben“ kämpfen. Keinerlei Konkurrenzdruck, nirgendwo. Schon gar nicht ein Konkurrenzdruck um Frauen in dem diese Maßstäbe setzen, die Männer dann erfüllen wollen.
Wer hätte je gehört, dass Männer nach Status streben um bei Frauen besser anzukommen?

Oft wird gesagt, die schlimmste Feindin einer Frau ist die Frau, Frauen führen Zickenkriege und sind stutenbissig.
Konflikte zwischen Frauen werden weniger ernst genommen. Die wichtigen Dinge spielen sich – so die verbreitete Meinung – zwischen Männern ab. Ich versuche, diesen Mechanismus zu durchbrechen, indem ich mich am Urteil von Frauen orientiere. Wenn ich etwa einen Text schreibe, überlege ich nicht als erstes, wie der Text sein muss, damit er in einer Zeitung erscheint, sondern frage mich: «Was würde meine Freundin dazu sagen?» Ich versuche dadurch, andere Kriterien für mein Denken und Handeln relevant zu machen.

Wenig verwunderlich, da sie ja auch für Frauen schreibt. Die Frage, ob die Theorien stichhaltig sind oder angreifbar sind scheint sie sich auch weniger zu stellen.

Das hört sich an wie ein rein intellektuelles Konstrukt.
Es ist eine politische Entscheidung. Ich bin überzeugt: Wenn Frauen den derzeitigen Massstäben die Autorität entziehen und sich mehr aufeinander beziehen, ändert sich etwas. Es geht dabei nicht um Sisterhood, sondern darum, dass Frauen sich als Subjekte ernst nehmen. Das bedeutet nicht, dass sich alle nett finden müssen.

Im Fokus steht also nicht Frauensolidarität?
Nein. Solidarität ist zur Erreichung konkreter Ziele zwar sinnvoll, aber hier meine ich etwas anderes: dass Frauen sich einen Subjektstatus ermöglichen. Das heisst durchaus auch, dass sie anderer Meinung sein können oder aus verschiedenen Lebensbereichen kommen. Differenz ist produktiv. Frauen wurden zu lange in einen Topf geworfen.

„Frauen müssen alle an einem Strang ziehen und ihre einheitlichen Interessen durchsetzen, die ich für richtig halte, denn sie wurden schon zu lange in einem Topf geworfen“.

Kinderbetreuung und Berufstätigkeit der Eltern in Frankreich

Ein Artikel in der Zeit beleuchtet die Regelungen und gesellschaftlichen Normen bezüglich Elternzeit und Kinderbetreuung.

Einige Auszüge:

Vor allem aber war da der regard des autres, der strenge Blick der anderen. Er war auch der Grund, weshalb die Architektin aus Lyon seit der Geburt ihres Sohnes immer berufstätig war, teilweise sogar Vollzeit. Damit entspricht sie ganz dem Bild der modernen, emanzipierten Französin, das in Deutschland nicht selten bewundert wird. In Frankreich aber lässt sich der Beginn einer Gegenbewegung erkennen. Immer mehr Frauen sträuben sich gegen den gesellschaftlichen Konsens, nach dem das Ansehen einer Frau steigt, wenn sie kurz nach der Geburt ihres Kindes wieder beruflich einsteigt, es aber rapide sinkt, wenn eine Mutter entscheidet, mit ihrem Kind zu Hause zu bleiben – und sei es nur für ein oder zwei Jahre. Viele berufstätige Mütter fordern nun, dass neben der Arbeit mehr Zeit für die Familie und die Nähe zu ihren Kindern bleiben muss.

Meiner Meinung nach bleibt kaum ein anderer Weg als die gesellschaftliche Ächtung des Aussetzens, wenn man eine umfassende Berufstätigkeit der Frauen erreichen will. Ein Mittelweg – beides ist toll – führt dazu, dass Leute Kompromisse machen und Frauen als Arbeitnehmer schwerer einzuschätzen und allgemein unsicherer sind.  Dass das dann vielen Frauen allerdings zu hart ist, ist die zwangsläufige Kehrseite davon. Man kann kein Omelett machen ohne Eier zu zerschlagen. Hier muss man sich entscheiden was man will.

Hier hat der seit 24 Jahren in Frankreich lebende Deutsche Adrian Serban seine Kinderarztpraxis. Er ist außerdem Psychotherapeut für Erwachsene und bekommt viel mit vom Alltag französischer Familien. „Viele Frauen schlingern am Rand der Erschöpfung entlang“, sagt Serban. Gerne würde er ihnen eine Mutter-Kind-Kur ans Herz legen. In Frankreich gibt es jedoch keine Mutter-Kind-Kliniken. Und die Diagnose des „Mütterlichen Erschöpfungssyndroms“ kennt man hier auch nicht. Mehrmals im Jahr besucht der Arzt sein Heimatland, in Lyon liest er deutsche Medien. „Wie man in Deutschland auf den Spuren der französischen Familienpolitik wandelt, bereitet mir Unbehagen, und ich staune darüber, dass immer nur die positiven Seiten dieser Politik in den Medien auftauchen.“ Seit Jahren wird das angeblich frauengerechte Ideal aus Kinderbetreuung und Berufstätigkeit, das in Frankreich herrscht, als Vorbild präsentiert. Schließlich liegt die Geburtenrate dort bei 2,1 Kindern pro Frau und in Deutschland nur bei knapp 1,4.

Ein weiterer Vorteil, wenn man sich auf den radikalen Weg festlegt: Wenn Kinder bekommen eh nur auf eine Art möglich ist, nämlich mit schneller Vollarbeit, dann ist die Entscheidung für Kinder kein Karrierehindernis mehr in dem Sinne. Es wäre interessant eine Aufschlüsselung zu sehen, wie die Kinderraten bei den Karrierefrauen ist, ob diese auf diesem Weg also tatsächlich eher Kinder bekommen.

Auf diese Weise entsteht eine Gesellschaft, in der Erwachsene ungestört ihrer Arbeit und sogar ihren Hobbys nachgehen können, aber keine wirkliche Beziehung zu ihren Kindern aufbauen. Denn eine Beziehung braucht Zeit und auch Raum. Und genau das fehlt in Frankreich.“

Das wären dann die Schattenseiten. Eine Bindung entsteht eben durch Kontakt, durch Zusammensein, durch Ausschüttung von Oxytocin aufgrund gemeinsamer Erlebnisse. Das kann natürlich zurückgehen, wenn man weniger Zeit miteinander verbringt. Andererseits gibt es ja auch in Frankreich lange Urlaubszeiten und nicht alle werden einen Job haben, bei dem man erst spätabends von der Arbeit kommt.

Zu den geschichtlichen Zusammenhängen:

In der Grande Nation gibt es eine lange Ammentradition. Vom 17. Jahrhundert an bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es bei den wohlhabenden Familien üblich, die Neugeborenen kurz nach der Geburt aufs Land zu einer Amme zu geben. Der Hauptgrund: Die Mutter sollte rasch wieder schwanger werden, das empfängnisverzögernde Stillen störte da. Die Eltern besuchten ihre Kinder kaum und holten sie erst nach zwei, drei Jahren wieder zu sich. „Die frühe Fremdbetreuung ist über mehrere Generationen so selbstverständlich geworden, dass sie auch heute niemand infrage stellt“, sagt Serban. „Selbst Kinderpsychologen und Kinderpsychiater haben sich bis vor Kurzem kaum Gedanken über die psychischen Folgen gemacht.“ Und auf die Frage, weshalb französische Mütter oft drei oder vier Kinder bekommen, sagt der Kinderarzt: „Sie bekommen so viele Kinder, gerade weil sie sich nicht um sie kümmern müssen!“

Eine plausible Erklärung für eine andere Tradition. Ob sie zutrifft wäre eine andere Frage.

interessant auch die andere Bezuschussung:

Familien mit drei und mehr Kindern zahlen in Frankreich fast keine Steuern mehr. Zu den Betreuungskosten in Krippen, Kindergärten oder bei der Tagesmutter schießt der Staat kräftig zu. Dagegen wird ein Kindergeld erst ab dem zweiten Kind gezahlt. Und Anreize für Männer, einige „Papa-Monate“ in ihre Karriere einzuschieben, gibt es keine. Überhaupt übernehmen die französischen Väter nur in den wenigsten Fällen wirklich Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder. Sie verlassen sich darauf, dass ihnen diese Aufgabe von den Institutionen abgenommen wird, den Rest überlassen sie meist ihren Frauen.

Also ein anderer Weg: Statt auch Väter zum Aussetzen zu bewegen soll einfach keiner von beiden wirklich aussetzen und es wird eher auf eine Fremdbetreuung gesetzt. Der Satz, dass man ansonsten die Betreuung den Frauen überläßt klingt auch schön patriarchal, dennoch sind eben in dieser Gesellschaft trotz anscheinend insoweit bestehender Rollenzuweisung mehr Frauen schneller wieder berufstätig.

Die französische Frau als Heldin, die Beziehung, Kinder und Beruf problemlos unter einen Hut bekommt. Die Frau als „Superwoman“. Dieser Mythos entstand im Windschatten der Frauenbewegung in den 1980er Jahren. Fast alle der heute 20- bis 40-jährigen Französinnen sind früher selbst in einer Fremdbetreuung untergebracht gewesen und folgen jetzt demselben Prinzip. Über 60 Prozent der Mütter, die Kinder unter sechs Jahren haben, arbeiten Vollzeit. In Deutschland sind es nur gute zwölf Prozent. „Ich und alle meine Freundinnen sind Töchter solcher Supermütter“, sagt Maryline Jury. „Um die Fassade zu wahren, haben wir es so gemacht wie sie. Denn sonst sähe es so aus, als wären wir weniger befreit!“

Ein Vollzeitjob für beide Eltern bedeutet jedoch zwangsläufig, dass die Kinder oft neun Stunden oder mehr weggegeben werden müssen. Vor allem in den französischen Städten ist es üblich, dass abends eine assistante maternelle die Kinder von der Betreuung abholt, weil papa et maman noch keine Zeit haben.

Wäre interessant, ob sich deutsche Männer und Frauen ein solches Modell vorstellen können. Schneller Wiedereinstieg in die Vollbeschäftigung sichert jedenfalls die eigene Rente, erleichtert Karrieren und verhindert dann auch Unterhaltszahlungen.

Und noch einmal zu langfristigen möglichen Folgen:

Doch der Mediziner sieht immer wieder Symptome, die auf ein bestimmtes Problem hindeuten: „Die Menschen, die ich wegen Ängsten und Depressionen behandle, erzählen mir, wie wenig echte Nähe sie in ihrer Kindheit von ihren Eltern bekommen haben. Parallel dazu beobachte ich in der Kinderarztpraxis, wie wenig Bezug manche Eltern zu ihren Kindern haben.“ Da werde der Zusammenhang zwischen früher Bindungs- und späterer Verhaltensstörung besonders deutlich.

Während die Bindungsforschung in Deutschland bereits seit den achtziger Jahren eine Rolle spielt, sickern die Zusammenhänge zwischen Bindung und seelischer Gesundheit in Frankreich erst langsam in das Bewusstsein der Experten. „In Frankreich werden keine Längsschnitt-Bindungsstudien gemacht, die untersuchen, wie sich die früh einsetzende Fremdbetreuung auf die Entwicklung von Kindern auswirkt“, sagt Serban. Die Fondation pour l’Enfance, das Pendant des Deutschen Kinderschutzbunds, bestätigt diesen Mangel. Nach wie vor wird jungen Eltern in Frankreich vermittelt, dass eine frühe Trennung aus Kindern später selbstständige Erwachsene mache und dass der zeitige Eintritt in die sogenannte collectivité, also in Krippe und Kindergarten, wichtig sei für ihre Entwicklung zu sozialen Wesen.

Angstzustände und Bindungs- und Verhaltensstörungen. Wäre interessant, ob das nur ein Eindruck ist oder ob sie dort wirklich so viel häufiger auftreten. Eine ähnliche Debatte hatte man in Deutschland ja auch nach der Wende. Wenn jemand da was zum Forschungsstand sagen kann, wäre ich interessiert.

 

Einfluss und Macht der Mutter

In vielen Betrachtungen kommen mir sehr starke weibliche Machtpositionen zu kurz. Beispielsweise die der Mutter.

 Wenige werden bestreiten, dass Mütter in der heutigen Zeit einen erheblichen Einfluss auf das Kind ausüben können und häufig die Hauptbezugsperson sind. Die allermeisten Menschen haben eine enge Bindung an ihre Mutter und deren Erziehung dürfte – soweit sich Erziehung auswirken kann – einen erheblichen Einfluss auf den späteren Menschen haben.

Hier liegt also die Einflussmöglichkeit zu einem hohem Teil in den Händen von Frauen. Sie bestimmen häufig, was das Kind an Spielzeug hat, was es vorgelesen bekommt und welche Kleidung es anzieht. Das betrifft insbesondere die ersten Lebensjahre.

Vertreter einer geschlechtsneutralen Erziehung werden nicht bestreiten, dass auch diese erste Zeit wichtig für das Kind ist (sonst könnten sie sich nämlich den gesamten Rummel sparen).

Dennoch kommt diese Gestaltungsmöglichkeit für Frauen zulasten eines Patriarchats und entsprechender Gesellschaftsnormen in den Beschreibungen häufig nicht vor.

Hier erfolgt quasi eine „Unsichtbarmachung“ der Frau und ihres Verantwortungsbereiches.

Dabei werden aus meiner Sicht gegen diesen Einfluss üblicherweise zwei Argumente vorgebracht:

  •  Die Gesellschaftlichen Normen sind zu stark, die Mutter kann nichts gegen sie tun
  • Die Mutter ist selbst in die gesellschaftlichen Normen eingebunden und gibt daher diese Ansichten weiter.

Die erste Auffassung negiert interessanterweise die Möglichkeiten der Erziehung, die zweite spricht Frauen ab, dass sie gesellschaftliche Normen, insbesondere solche, die sie extrem benachteiligen, erkennen und hinterfragen können.

Wer also meint, dass Erziehung einen Einfluss auf die Geschlechterrollen hat, der muss auch Frauen den Schuh anziehen, dass sie in dieser Hinsicht anscheinend zu wenig machen.

Wer meint, dass Frauen die Regeln unreflektiert an ihre Kinder weitergeben, der muss Frauen, insbesondere bei der behaupteten Benachteiligung, für relativ dumm halten, wer meint, dass sie reflektiert weitergegeben werden, der muß Frauen für das Endprodukt auch eine Verantwortung zusprechen.

Die Mutter ist (bei der für die Besprechung angenommene klassischen Aufteilung, bei der die Mutter in den ersten Jahren die Betreuung des Kindes übernimmt) bei der eine der ersten Autoritäts- aber auch Bindungspersonen, die die meisten Menschen haben. Hormone, insbesondere Oxytocin schaffen über Stillen und Betreuung ein ganz besonderes Band, welches bei den allermeisten Menschen eine Leben lang hält.

Die Mutter hat einen gewissen Einfluss, der schwer wiegt. Ich nehme diesen relativ offenen Beitrag mal als Einstieg in das Thema. Wie seht ihr den Einfluss der Mutter?

 

 

 

Welche evolutionäre Auswirkung hat die hauptsächliche Betreuung eines Säuglings durch ein Geschlecht?

Ein Kommentar von Syzygy hat mich über Folgendes nachdenken lassen:

 Wenn Frauen während der Entwicklungsgeschichte die Kindererziehung hauptsächlich übernommen haben (wofür neben dem Umstand, dass wir Säugetiere sind auch alle Befunde aus ethnologischen Untersuchungen sprechen), dann werden alle Selektionen begünstigt, die für jemanden, der einen Säugling/ein Kleinkind versorgt vorteilhaft sind.

Dies sind insbesondere all solche Selektionen, die berücksichtigen, dass Säuglinge und Kleinkinder empfindlicher sind, langsamer sind, schwächer sind, verletzlicher sind etc.

Dies könnten beispielsweise sein:

  •  bessere Erkennbarkeit von verdorbenen/reifen Nahrungsmitteln über einen besseren Geschmackssinn (beim Vorkosten) oder bessere optische Mustererkennung
  • geringere Toleranz gegen Verschmutzungen, die Nährboden für Keime und Parasiten sind
  • geringere Risikotoleranz, die auch die Reaktionen des Kindes mit einplant
  • Angst vor Gefahren, die gerade Kinder in diesem Alter betreffen, etwa giftige Tiere, deren Biss einen Säugling gefährden kann (in Afrika insbesondere Schlangen und Spinnen)
  • Meidung von Krankheitsübertragern, zB Ratten
  • Vermeidung körperlicher Auseinandersetzungen
  • Bessere Erkennung eines Gemütszustandes zur früheren Erkennung von Krankheiten und Bedürfnissen (=höhere Empathie)

Klingt wie eine Ansammlung weiblicher Klischees? Vielleicht aus gutem Grund.

Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass keine Selektion stattfindet, wenn ein Geschlecht eine Arbeit häufiger übernimmt als das andere Geschlecht. Welche hier stattgefunden hat wäre interessant.

Was meint ihr?