Paarungssvarianten bei den Primaten

In dem Blog von Erwin Schmidt habe ich mal wieder Gutes gefunden, nämlich diese interessante Aufstellung der „Mating Paterns“, also Paarungsarten:

primates

(Quelle:  Sexual selection and the evolution of behavior, morphology, neuroanatomy and genes in humans and other primates Roscoe Stanyon & Francesca Bigoni  Neuroscience and Biobehavioral Reviews (Oct 2014))

Es zeigt wenn auch sehr vereinfacht verschiedene Systeme an, die bei unseren näheren Verwandten vorliegen.

Multimale-multifemale bedeutet dabei, dass sowohl Weibchen als auch Männchen jeweils viele Partner haben, was zB  Spermienkonkurrenz begünstigt.

Single Male, multifemale wäre der klassische „Harem“, wobei dies im Gegensatz zu der Umsetzung in einem menschlichem Harem nicht bedeuten muss, dass die Weibchen eingesperrt sind, bei den Gorillas werden eher die anderen Männchen durch das dominante Männchen und dessen körperliche Überlegenheit ausgeschlossen.

Monogamie wäre eine Paarbindung, die beim Menschen in dieser absoluten Form auch nicht vorliegt, aber doch einen starken Bezug zu unserer Biologie hat

Polyandrous wäre ein Weibchen, welches mit mehreren Männchen lebt. Dies ist wegen der Vaterunsicherheit relativ selten und auch bei den Mandrillen, die hier aufgeführt sind, nicht so, dass harmonisch zusammengelebt wird, eher hat auch hier das dominante Männchen die Vorrechte. Wie zu erwarten haben hier die Männchen entsprechende Zeichen einer sexuellen Selektion, durch eine farbenprächtige Nase.

Fusion-Fission ist ein Lebensstil, bei dem Tiere sich immer wieder zu größeren Gruppen zusammenschließen, etwa zum schlafen und sich dann wieder trennen, etwa für die Nahrungssuche. Ähnlich verhält es sich auch bei der Paarung, bei der sich beispielsweise ein Weibchen der Gruppe des Männchen anschließt und sich dann später wieder von dieser trennt. Die Gruppen sind hier also starken Wechseln und Verschmelzungen unterzogen. Insofern bestehen Partnerschaften eher kurzfristig.

Solitary Males bedeutet, dass die Weibchen in Gruppen zusammenleben, die Männer als Einzelgänger leben und dann häufig ein Territorium haben, dass sie gegen eindringende Männchen verteidigen. Weibchen in diesem Gebiet können dann durchaus mit den dort lebenden Männern ansässig sein. Bei Orang-Utans, die dieser Strategie in der Grafik zugeordnet werden, scheint es dabei insbesondere von schwächeren Männchen mit unattraktiveren Gebieten auch zu erzwungenen Sex zu kommen, insbesondere auch mit „schwächeren Weibchen“, die in diese unattraktiveren Gebiete abgedrängt werden.

Ein wesentliches Element, welche Strategie sich in einer Tierart entwickelt hat, ist dabei auch die Evolution nach den zur Verfügung stehenden Nahrungsangebot: Viel Nahrung an bestimmten Orten erleichert zB Multimale-Multifemale, eine allgemein karge Gegend dann eher „Solitary males“. Auch Polyandrisches Verhalten kommt eher in kargeren Gegenden vor würde ich vermuten.

Zu Betrachtungen, wie die verschiedenen Systeme (vielleicht) auch unsere Vorfahren und damit unser Menschsein beeinflusst haben, finden sich interessante Betrachtungen bei David Geary, sowohl in seinem Buch „Male Female“ als auch an anderen Stellen

 

 

Hierarchien bei Primaten

Frans de Waal schreibt in „Der Affe in uns“ etwas zum Thema Hierarchie:

Je klarer die Hierarchie, desto weniger bedarf sie der Bestätigung. Bei Schimpansen eliminiert eine stabile Hierarchie Spannungen so sehr, dass Konfrontationen zu einer Seltenheit werden: Die Untergeordneten vermeiden Konflikte, und die von höherem Status haben keinen Grund sie zu suchen. Alle sind besser dran. (…)

Die Statusrituale der Schimpansen drehen sich also nicht nur um Macht, sondern auch um Harmonie. Nach einer perfekten Machtdemonstration steht das Alphamännchen mit gesträubten Haaren selbstherrlich da und achtet kaum auf die Untergeordneten, die sich ihm mit respektvollen Lauten unterwerfen und ihm Gesicht Gesicht, Brust und Hände küssen. Indem sie sich ducken, und zum Alphamännchen aufblickenm machen die Hechelgrunzenden klar, wer der Boss ist, was den Weg für ein friedliches, freundliches Zusammenleben ebnet. Nicht nur das: Die Klärung der Hierarchie ist auch für effiziente Kooperation von entscheidender Bedeutung. Aus diesem Grund haben diejenigen menschlichen Organisationen, bei denen es am meisten auf Zusammenarbeit ankommt – beispielsweise große Unternehmen und das Militär – die am klarsten definierten Hierarchien. Eine Kommandokette ist demokratischen Strukturen immer überlegen, wenn es auf entschlossenes Handeln ankommt. Je nach Umständen schalten wir spontan auf einen eher hierarchischen Modus um. Bei einer Untersuchung wurden zehnjährige Jungen in einem Sommerlager in zwei Gruppen eingeteilt, die miteinander konkurrieren. Herabwürdigungen der anderen Gruppe – beispielsweise indem sich die Jungen angewidert die Nase zuhielten, wenn sie Mitglieder der anderen trafen – waren rasch gang und gäbe. Andererseits nahm der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe zu, genau wie die Durchsetzung sozialer Normen und das Anführer-Mitläufer-Verhalten. Das Experiment bewies die Bindungsqualitäten von Statushierarchien, die sich verstärkten, sobald aufeinander abgestimmtes Verhalten verlangt war

Ich denke auch, dass Hierarchien immer noch in uns stecken und wir sie im sozialen Leben errichten wollen. Sie sind deswegen in Unternehmen wichtig, weil wir ihre Wirksamkeit instinktiv verstehen, weil sie Teil unseres evolutionären Erbes sind. Das kann man Ausnutzen, indem man einen Anführerkult errichet, wie es genug Staatsoberhäupter versucht haben oder indem man sich selbst als Sektenführer mit göttlicher Macht auflädt. Man kann es auch nutzen, um Arbeitsstrukturen zu gestalten. Kinder, gerade Jungs, nutzen es ebenfalls, um ihre sozialen Gruppen zu gestalten.

Dass diese Mittel effektiv sind, bedeutet natürlich nicht, dass sie gut sind. Das wäre ein naturalistischer Fehlschluss. Aber sie helfen uns häufig unser Leben konfliktfreier zu gestalten und Strukturen zu schaffen, die eine Kooperation ermöglichen. Das sollte man auch nicht vergessen.

Die Entstehung von Paarbindung und Kernfamilie beim Menschen

Frans de Waal stellt in „Der Affe in uns“ dar, wie es seiner Meinung nach zur Bildung der Paarbildung und der Kleinfamilie gekommen ist:

Die natürliche Auslese hat menschliches Verhalten als Reaktion auf einen Umweltdruck geformt, der sich von dem der Menschenaffen unterschied. Unsere Vorfahren mußten sich an eine unglaublich harte Umwelt anpassen. Sie verließen den schützenden Urwald und gingen hinaus in die flache trockene Savanne. Glauben Sie nicht den Killeraffen-Geschichten von Robert Ardrey und anderen, denen zufolge unserer Vorfahren als die besten aller Jäger die Savanne beherrschten. Unsere Vorfahren waren Beute. Sie lebten in ständiger Angst vor in Rudeln jagenden Hyänen, zehn verschiedenen Arten von Großkatzen und anderen gefährlichen Tieren. An diesem schauerlichen Ort waren Mütter mit ihren Kindern am meisten gefährdet. Unfähig, den Räubern davonzulaufen, hätten sie sich ohne männlichen Schutz nie weit aus dem Wald wagen können. Vielleicht verteidigten Horden von agilen Männern die Gruppe und halfen im Notfall, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Das hätte jedoch niemals funktioniert, wenn wir das Sozialsystem der Schimpansen oder das der Bonobos gehabt hätten. Promiskuöse Männer neigen einfach nicht sonderlich zur Selbstaufopferung. Ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Nachkommen zu identifizieren, haben sie wenig Grund, in die Kinderaufzucht zu investieren. Um die Männer zur Mitarbeit zu motivieren, musste die Gesellschaft sich verändern.

Die menschliche Sozialorganisation ist durch eine einzigartige Kombination von

  1. männlichen Bindungen
  2. weiblichen Bindungen und
  3. Kernfamilien

geprägt. Die ersten haben wir mit den Schimpansen gemeinsam, die zweiten mit den Bonobos und die dritten sind ganz alleine unsere Erfindung. Es ist kein Zufall, dass überall auf der Welt Menschen sich verlieben, sexuell eifersüchtig sind, Schamgefühle kennen, Privatheit suchen, zusätzlich zu Mutterfiguren nach Vaterfiguren suchen und stabile Partnerschaften hoch schätzen

Ich denke auch (und es ist ja auch mein beständiges Reden), dass vieles in dieser Richtung, was als Kultur angesehen wird, letztendlich zumindest im Grundsatz Biologie ist, die dann durch Kultur ausgestaltet wird. Die Paarbindung beim Menschen passt gut in das System der Biologie und läßt sich sowohl evolutionär gut begründen als auch biochemisch nachvollziehen.

David Geary: Male, Female

David Geary ist mit „Male, Female“ ein herausragendes Buch gelungen.

David Geary stellt in seinem Buch „Male, Female“ die evolutionäre Entwicklung von Geschlechterunterschieden dar. Dabei geht er äußerst systematisch vor.

Eine kurze Übersicht über den Inhalt:

  • Erstes Kapitel: Eine kurze Einführung zum Thema und zur Vorgehensweise
  • Zweites Kapitel: Eine Darstellung der Gründe für die verschiedenen Geschlechter und die Mechanismen der natürlichen Selektion. Es werden die Gründe und Vorteile der sexuellen Reproduktion, die evolutionär wirksamen evolutionären Drücke, die Red Queen Theorie etc dargestellt
  • Drittes Kapitel: Es wird die sexuelle Selektion in ihren Gründzügen dargestellt. Dabei wird auf die verschiedenen Kosten des Sexes eingegangen und auf die darauf folgende Konkurrenz um gute Partner, sowohl durch intersexuelle Konkurrenz als auch durch intrasexuelle Konkurrenz. Es geht also um Partnerwahl und Monopolisierung von Partnern. Dabei erfolgt eine Darstellung über die verschiedenen Formen dieser Selektion.
    • üblicherweise werden Männer, gerade bei Säugetieren weniger in den Nachwuchs investieren, für sie lohnt es sich daher weitere Partner nach einer Befruchtung zu besorgen, was eine starke Konkurrenz um die Weibchen auslöst. Er stellt dar, dass die These, dass männliche Säugetiere stärker um Paarungspartner konkurrieren und weibliche Säugetiere üblicherweise wählerischer in ihrer Partnerwahl sind und mehr in die Versorgung des Nachwuchses investieren für die überwiegende Mehrzahl der Säugetiere bestätigt werden kann, geht dann aber auch auf die Tiere ein, bei denen dies nicht so ist, die ein „Sex-Role-Reversal“ durchführen und benennt die evolutionären Gründe und Besonderheiten dafür.
    • Er behandelt die Frage, nach welchen Kriterien die Partnerwahl erfolgt und wie dies mit „guten Genen“ zusammenhängt, gerade unter Berücksichtigung eines guten Immunsystems und allgemeiner Gesundheit. Er geht auf die Vererbbarkeit dieser Eigenschaften ein, auf costly Signaling und die Handicap-Theorie, auf Spermienkonkurrenz und Besonderheiten im weiblichen Reproduktionstrakt, die eine Befruchtung durch einen guten Partner wahrscheinlicher machen.
    • Er stellt zudem dar, dass auch der direkte Zugang zu den Weibchen oder die Kontrolle benötigter Ressourcen als Strategie gewählt wird, um die Fortpflanzung mit einer Bestenauslese im Wege der intrasexuellen Konkurrenz zu ermöglichen. Gleichzeitig stellt er auch dar, dass diese Strategien in einigen Spezien auch von Weibchen verwendet werden und führt die biologischen Gründe dafür an
    • Kurzum: David Geary ordnet die verschiedenen Möglichkeiten, Sexualität und Partnerwahl zu gestalten in Systeme ein, die gewissen Regeln folgen. Dabei erfolgt diese Einordnung ganz allgemein und ist nicht auf Menschen bezogen, sondern auf allerlei andere Lebewesen. Alle Konstellationen kommen vor, machen Sinn, man versteht, warum sie sich entwickeln konnten und warum gerade diese Spezies sich dazu entwickelt hat, diesen Weg zu verfolgen und nicht einen anderen. Und das faszinierende an diesem sich entwickelnden System ist, dass man bereits erahnt, wo sich der Mensch einordnen wird, man sieht die Argumente dafür bereits in dem System, man begreift, warum die Evolution hier bei einem bestimmten Ergebnis gelandet ist.
  • Im Vierten Kapitel baut David Geary sein entwickeltes System weiter aus und stellt nun dar, wie andere Faktoren, wie etwa die Lebenserwartung, in dieses System passen und wie die Lebenszyklen der Lebewesen ganz allgemein zu ihren Lebensumständen passen und sich an diesen ausrichten. Dabei erläutert er verschiedene Strategien, wie etwa auf eine Vielzahl von Nachkommen mit „geringer Qualität“ zu setzen bei kurzer Lebenszeit und bei langer Lebenszeit auf wenige Nachkommen mit „hoher Qualität“ (die durch hohe Betreuungskosten erkauft wird) zu setzen. Es wird dargestellt, welche Funktion die verschiedenen Lebensphasen haben, also etwa die Frage, ab wann ein Lebewesen Erwachsen wird und wie sich sexuelle Strategien darauf auswirken (zB indem bei starker intrasexueller Konkurrenz zwischen Männchen diese später erwachsen werden als die Weibchen, damit sie sich voll entwickeln können, bevor sie als Konkurrenz angesehen werden). Es wird dargestellt, wie und unter welchen Umständen sich Vaterschaft entwickeln kann, wie sich Geschlechterunterschiede auf körperliche Unterschiede, das Spielverhalten und das soziale Verhalten auswirken, alles aber nach wie vor abstrakt und unter Darstellung der verschiedenen Systeme im Tierreich und die Gründe dafür. Es wird auch auf das Wechselspiel zwischen den Genen und der Umgebung beim Aufwachsen eingegangen.
  • Im fünften Kapitel nährt sich David Geary dem eigentlichen Thema „Menschen und geschlechtliche Unterschiede“ langsam, in dem er die sexuelle Selektion bei Primaten und während der menschlichen Evolution darstellt.
    • Ein Hauptaspekt ist dabei „Male-Male-Competition“, also der Wettbewerb unter den Männchen um die Weibchen und die Auswirkungen weiblicher Partnerwahl. Dabei stellt er über die verschiedenen Primatenarten die dortige Vorgehensweise dar und erläutert, warum bei diesen soziale Dominanz so wichtig für die Fortpflanzung ist. Es geht dabei insbesondere darum, dass Männchen versuchen, den Zugang anderer Männer zu den Weibchen durch Drohungen und Gewalt einzuschränken. Dabei ist die Entwicklung einer Dominanzhierachie oft hilfreich. Er verweist darauf, dass DNA-Proben nachgewiesen haben, dass dominante Primatenmännchen mehr Nachkommen haben, wenn auch nicht immer so viele, wie es nach ihrem Platz in der Hierarchie der Fall sein müsste. Er stellt dar, dass Schimpansen auch als Gruppe mit anderen, benachbarten Schimpanzengruppen konkurrieren und in Kämpfen Schimpansen der anderen Gruppe, gerade wenn sie von dieser isoliert sind, töten. Diese Konkurrenz unter den Gruppen erlaubt der siegreichen Gruppe ihre Territorium zu vergrößern und mehr Ressourcen zu erlangen, was dann auch den Frauen der Gruppe zugute kommt. Es werden dann einige Aspekte der weiblichen Partnerwahl bei Schimpansen besprochen, ebenso wie female-female-Kompetition und männliche Partnerwahl, beispielsweise indem dargestellt wird, warum männliche Schimpansen ältere Schimpansinnen sehr jungen vorziehen (weil diese besser in der Kinderbetreuung sind und Schimpansen keine langfristige Bindung eingehen).
    • Von den Betrachtungen der Primaten und nach Darlegung der dort herrschenden Grundlagen, die mit den allgemeinen Strategien aus den vorherigen Kapiteln abgeglichen und in Verbindung gebracht werden, geht es dann zu unseren Vorfahren der Menschen. Es wird dargestellt, was an Fossilien vorhanden ist, was man über Männer und Frauen aus diesen ablesen kann und welche Schlußfolgerungen daraus gezogen werden können. Beispielsweise wird dargestellt, dass bei unseren Vorfahren vor etwa 4 Millionen Jahren die Männer noch deutlich größer waren als die Frauen, was auf polygny und starke Konkurrenz unter Männern (male-male-competition) hindeutet. Die Unterschiede sind aber mit der Zeit, auch wenn sie heute noch existieren, zurückgegangen. Die Fossilien und die dort zu erkennenden Unterschiede werden dann in die bei den Primaten entdeckten Schemata eingeordnet. Dabei kommt David Geary zu der These, dass die Vorfahren, gerade australopithecine Vorfahren, im Verhalten eher den Gorillas ähnelten als unseren näheren Verwandten, den Schimpansen und Bonobos. Es werden dann die Auswirkungen dieser Theorien auf das Verständnis der evolutionären Geschichte der Fortpflanzungsstrategien der Menschen dargestellt.
  • Im sechsten Kapitel stellt David Geary die Evolution der Vaterschaft dar. Er verweist noch einmal darauf, dass die Übernahme der Kindesbetreuung und Versorgung durch das Männchen im Tierreich sehr selten ist und auch bei den Primaten selten. Schimpansen und Bonobos beispielsweise kümmern sich nicht viel um den Nachwuchs. Er vertieft hier seine Theorie, das wir bezüglich dieser Theorien näher am Gorilla sind. Es werden die Kosten und Vorteile der Vaterschaft dargestellt, auch in Bezug auf die Gefahr in fremden Nachwuchs zu investieren. Es wird dann dargestellt, wie die Vaterschaft über die menschlichen Kulturen hinweg ausgeübt wird und das übergreifend und im Schnitt betrachtet Frauen üblicherweise mehr in die Elternschaft investieren als Männer. Es werden die Faktoren betrachtet unter denen sich eine Investition des Vaters lohnt und die Mechanismen, die dabei beim Menschen bestehen, über die Genetik, die Hormone, die Qualität der Beziehung zu dem Partner und zu kulturellen Unterschieden, mit denen mit dieser Interessenlage umgegangen wird.
  • Im siebten Kapitel geht es um die Partnerwahl beim Menschen. Es werden verschiedene Wahlsysteme dargestellt, insbesondere auch die Partnerwahl durch die Eltern des Paares. Es werden die Auswahlkriterien der Männer und Frauen besprochen, zB in Verweis auf D. M. Buss (vgl auch Männer finden körperliche Schönheit attraktiv, Frauen finden sozialen Status attraktiv). Er stellt dar, dass Männer bei Frauen Aussehen höher bewerten, Frauen hingegen Einkommen. Es werden die verschiedenen Vorlieben mit den dahinter stehenden biologischen Strategien abgeglichen und diese mit den Partnerwahlkriterien und Strategien aus den ersten Kapiteln verglichen.
  • Im achten Kapitel geht es um die Konkurrenz um Partner. Hier stellt David Geary dar, dass Darwin insbesondere die Konkurrenz der Männchen um die Weibchen behandelt hat, weil diese im Tierreich häufiger ist, bei Menschen aber eine besondere Lage aufgrund der aktiven Vaterschaft besteht. Um so mehr Männer in den Nachwuchs zu investieren bereit sind um so eher konkurrieren auch die Frauen um die Männer. Es wird dann ein Kulturvergleich bezüglich des Konkurrenzkampfes um Frauen durch die Männer vorgenommen. Dabei wird dargestellt, dass der Konkurrenzkampf insbesondere über kulturellen Erfolg geführt wird. Männer in allen Kulturen sind hoch motiviert einen hohen sozialen Status zu erlangen und sich die in der Kultur als wertvoll angesehenen Ressourcen zu verschaffen. Das sind insbesondere die Ressourcen, die benötigt werden, um ein Überleben zu unterstützen und um interessante Paarungspartner anzuziehen. Dabei ist es kulturell bedingt, ob dies eine Kuhherde oder ein modernes Arbeitseinkommen ist. Frauen bevorzugen im Gegenzug kulturell erfolgreiche Männer als Partner, diese Männer haben daher mehr „reproduktive Optionen“. Dabei verweist David Geary aber auch darauf, dass dieses Streben nach kulturellen Erfolg nicht nur unter Berücksichtung tatsächlicher weiblicher Wahl, sondern auch unabhängig davon. Diese bei den Menschen vorgefundenen Verhaltensweisen werden dann wieder in die vorher im Tierreich erarbeiteten Theorien eingebettet und mit den Theorien zu unser evolutionären Entwicklung sowie mit der Forschung zu Geschlechtshormonen, Risikobereitschaft und genetischen Erwägungen abgeglichen.
    Dann folgt eine Betrachtung der weiblichen Konkurrenz untereinander um gute Männer.  Dabei wird Schönheit und die kulturelle Betonung von Schönheitsmerkmalen sowie die Abwertung der Schönheit anderer Frauen als Strategie angeführt. Ebenso wird dargestellt, dass Frauen soziale Informationen über Konkurrentinnen manipulieren und auch andere Wege nutzen um Konkurrentinnen von potentiellen Partnern fernzuhalten oder deren Freundschaft mit anderen Frauen zu behindern. Es wird auch dargestellt, dass gerade in Gesellschaften die auf Monogamie aufbauen, Frauen ebenfalls um kulturelle Ressourcen konkurrieren, wenn auch nicht so deutlich wie Männer.
  • Im neunten Kapitel wird die Evolution und die Entwicklung des menschlichen Gehirns dargestellt. Dabei wird davon ausgegangen, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer verschiedenen evolutionären Interessen und Partnerwahlstrategien auch verschiedene Interessen daran haben, ihre Umgebung zu gestalten um diese effektiv kontrollieren zu können. Die dahinter stehenden Motive werden auf die Geschlechterunterschiede in der elterlichen Investition und bei den Kosten und Vorzügen der sexuellen Konkurrenz zurückgeführt. Aufgrund dieser haben Männer und Frauen im Schnitt andere soziale und politische Vorstellungen. Frauen hätten nach seiner Vorstellung eher eine Vorliebe für die gleiche Verteilung von sozialen Ressourcen und eine größere Investition in Kinder (zB über geförderte Kindergartenpläzte), während Männer eher eine Politik unterstützen würden, die auf eine Dominanz ihrer Gruppe ausgerichtet ist. Es wird dargestellt, dass der Wunsch von Männern, mehr sexuelle Partner zu haben als Frauen dies wollen, sich auch in von ihnen gewählten sozialen Strategien niederschlägt. Ebenso wirkt sich die Konkurrenz darauf aus, inwieweit über emotionale Gesichtsausdrücke Emotionen mitgeteilt werden und inwiefern diese verborgen werden. Männer verbergen dabei ihre Emotionen üblicherweise mehr.
  • Das zehnte Kapitel stellt die Geschlechterunterschiede in der Kindheit und beim Spielen dar. Ausgehend von der in vorherigen Kapitel dargestellten These, dass die Kindheit dazu dient, dass Lebewesen auf sein Erwachsensein und die diesbezüglichen Anforderungen vorzubereiten. Dabei wird dargestellt, dass viele der körperlichen Unterschiede, die sich im Laufe des Erwachsenwerdens zeigen, in einem direkten Zusammenhang mit der Konkurrenz unter Männern (male-male-Competition) stehen. Dabei wird auch ein interessanter Aspekt betrachtet, nämlich die Auswirkung von Fernkampfwaffen (zB Wurfspeer) auf die Evolution des Menschen. Diese erfordert zB kräftige Brustmuskulatur, die bei Frauen gerade nicht entwickelt ist. Damit einher geht dann die Fähigkeit die Flugbahn von Speeren zu berechnen etc. Es wird dargestellt, dass die Geschlechterunterschiede am Anfang oft geringer sind und dann mit fortschreitendem Alter größer werden. Es wird dargestellt, welche Form des Spiels für Mädchen und Jungen typisch ist und wie dies mit der Vorbereitung auf das Erwachsenenalter zusammenhängt. Unterschiede sind dabei beispielsweise das Spielen mit Kampfsituationen, das Betreuen von Kindern, die Erkundung der Umgebung, das Spielen mit Objekten und Werkzeugnutzung. Jungen, die später innerhalb der Male-Male-Competition überleben müssen, sollten dann eben eine Vorliebe für „rough and tumble-Play“, also für Toben und Raufen haben, weil sie Jäger werden auch eher die Gegend erkunden können und Werkzeuge und Waffen erstellen wollen. Mädchen müssten hingegen eine Vorliebe für spielerische Kinderbetreuung und soziale Situationen haben, um so ihr Erwachsenenleben (in der Steinzeit) meistern zu können.
  • Im Kapitel Elf geht es immer noch um das Erwachsenwerden, allerdings steht diesmal die soziale Entwicklung der Mädchen und Jungen im Vordergrund. Dabei stellt David Geray dar, dass Mädchen und Jungen etwa ab 3 Jahren ihre Gruppen nach Geschlechtern trennen. Die sozialen Aktivitäten untereinander werden in einen evolutionären Rahmen eingebettet und es wird aufgezeigt, wie sich die Geschlechterunterschiede zu den reproduktiven Strategien verhalten, die in früheren Kapiteln dargestellt werden. Es werden die verschiedenen Wege beleuchtet, nach denen Männer und Frauen soziale Netzwerke bilden (vgl hier für Männer) und dies in einen Zusammenhang mit intrasexueller Konkurrenz gebracht. Dann wird noch auf die kulturelle Unterschiede und die sozialen Anteile an Unterschieden eingegangen.
  • Im zwölften Kapitel wird auf psychologische Geschlechterunterschiede eingegangen. Dabei werden Geschlechterunterschiede im Gehirn und in den geistigen Fähigkeiten besprochen und die Verbindung zu den Geschlechterunterschieden in der Wahl der Paarungspartner und dem Kampf um Parungspartner dargestellt. Es werden Unterschiede in der Gehirngröße und Gehirnorganisation besprochen, sowie die Auswirkung pränataler und postnataler Hormone. Ebenso wird auf die unterschiedliche Expression bestimmter Gene bei den Geschlechtern eingegangen. Dabei geht es weniger um die evolutionäre Erklärung als um die Darstellung vieler Unterschiede. Allerdings werden auch mögliche Ursachen angesprochen und eine Einordnung in die verschiedenen bereits dargelegten Systeme vorgenommen. Es wird ebenso behandelt, inwieweit Geschlechterunterschiede bei der Verarbeitung sozialer Informationen und dem Verstehen anderer Leute bestehen. Beispielsweise führt er an, dass Mädchen und Frauen, die mit Rivalen des gleichen Geschlechts konkurrieren, dies meist auf einer nicht physischen Ebene tun, sondern auf einer Beziehungseben – über Gerüchte, Tratsch, Abwertung von Konkurrentinnen etc und daher auch die entsprechenden gehirnbezogenen und kognitiven Systeme entwickelt haben um innerhalb diese beziehungsbezogene Aggressivität konkurrieren zu können. Männer hingegen haben, da Auseinandersetzungen eher auf einer körperlichen Eben abliefen, mehr Muskeln entwickelt. Für andere Bereiche werden entsprechende Betrachtungen vorgenommen
  • Im dreizehnten Kapitel geht es dann um Unterschiede in biologischen und physikalischen Fähigkeiten. Dabei geht es bei biologischen Fähigkeiten um das intuitive Verständnis von Pflanzen und Tieren. Die bestehenden Studien über traditionelle Kulturen legen dabei nahe, dass Frauen ein größeres Wissen über Pflanzen und Männer über Tiere haben. Allerdings bleibt die Frage offen, ob es sich hierbei um Gebiete handelt, in denen die Geschlechter aufgrund evolutionärer Vorgänge in dem jeweiligen Gebiet schneller lernen oder ob dies an kulturellen Gegebenheiten liegt. Bezüglich des intuitiven Verständnis physikalischer Vorgänge geht es darum, inwieweit das Gehirn kognitive Fähigkeiten, die Personen gestatten, auf Objekte in der realen Welt zu reagieren, entwickelt hat, sich Gegebenheiten räumlich vorzustellen und Objekte als Werkzeug zu benutzen. Die dabei auftretenden Geschlechterunterschiede werden besprochen und dabei auch auf den Einfluss pränataler und postnataler Hormone eingegangen. Dabei wird beispielsweise dargestellt, dass ein intensiver körperlich geführter Wettkampf unter Männer mit Wurfwaffen und auch die Jagd dazu geführt haben könnte, dass Männer Objekte mit Wurfwaffen besser treffen, aber auch besser einschätzen können, ob Objekte sie treffen und die Objekte besser Abwehren oder ihnen Ausweichen können (der Selektionsvorteil ist recht einsichtig). Diese Fähigkeit verbessert das Drehen von Objekten im Raum und andere Fähigkeiten im räumlichen Denken. Frauen hingegen haben Vorteile dabei, sich die Lage von Objekten zu merken, was auf das Sammeln von Nahrung durch Frauen zurückzuführen sein könnte. Auch insoweit werden Zusammenhänge mit pränatalen und postnatalen Testosteron untersucht.

Die Stärke des Buches liegt insbesondere in der Darstellung der sexuellen Selektion, insbesondere der intrasexuellen Selektion. Deren Bedeutung hatte ich mir vor dem Lesen diese Buches nicht so bewusst gemacht, ich hatte eher auf die intersexuelle Selektion abgestellt. Eine weitere Stärke ist die langsame und gründliche Entwicklung der Standpunkte, angefangen bei allgemeinen Unterschieden im Tierreich und den Gründen dafür, der Einordnung über die Primaten, die Frühmenschen und schließlich der Vergleich mit dem modernen Menschen. Dabei werden alle Betrachtungen mit reichhaltig zitierten Studien belegt und gut aufgearbeitet.

Für den Bereich der intrasexuellen Konkurrenz ist das Buch genial. Andere Aspekte hätte ich gerne in er Kombination noch etwas länger ausgeführt gehabt, aber es ist eher ein geringer Abstrich, dass Buch ist uneingeschränkt empfehlenswert und ein Muss für jeden, der sich mit dem Thema „Geschlecht“ auseinandersetzen will.

Postmoderne Wissenschaft, Orgasmusfähigkeit oder „wie atmet man ohne eine Wort für Sauerstoff?“

Frans de Waal beschreibt in seinem Buch „Der Affe in uns“ ein Zusammentreffen mit Postmodernisten, einer Philosophie, die auch dem Genderfeminismus zugrungeliegt. Dabei ging es zuvor um die Orgasmusfähigkeit von Tieren, insbesondere Menschenaffen und dort insbesondere auch Bonobos, die ja Sex sehr sozial einsetzen und daran viel Spass zu haben scheinen.

Eine der merkwürdigsten akademischen Veranstaltungen, die ich je besuchte, drehte sich um das Thema Sex. Sie war von postmodernen Anthropologen organisiert, die glauben, die Realität bestünde aus Worten, und sei nicht von dem zu trennen, was wir einander erzählen. Ich gehörte zu der Handvoll Naturwissenschaftler bei der Konferenz, und per Definition vertrauen Naturwissenschaftler Fakten mehr als Worten. Es war abzusehen, dass dieses Treffen nicht gut verlaufen würde. Einen Höhepunkt erreichte die Versammlung, als einer der Postmodernen behauptete, wenn es einer menschlichen Sparache an einem Wort für „Ordgasmus“ mangele, könnten die Menschen, die diese Sprache sprächen, keinen sexuellen Höhepunkt erleben. Die Naturwissenschaftler waren sprachlos. Überall auf der Welt haben die Menschen dieselben Genitalien und dieselbe Physiologie, wie könnten also ihre Empfindungen radikal verschieden sein? Und was würde uns dies über andere Tiere lehren? Würde dies nicht implizieren, dass sie nichts empfinden? Die Vorstellung, dass sexuelle Lust eine linguistische Errungenschaft sei, regte uns so auf, dass wir uns kleine Zettel zuschoben mit gehässigen Fragen wie etwa: „Können Menschen ohne ein Wort für „Sauerstoff “ eigentlich atmen?

Und mit dieser Kritik hat er denke ich vollkommen recht. Der Gedanke, dass Sprache allein die Realtität ändert und Fakten schafft, dass die Biologie lediglich der Sprache folgt und Diskurse alles bestimmen, ist aus meiner Sicht so abstrus, dass es erstaunlich ist, dass diese Gedankenrichtungen so viele Anhänger um sich scharen können.

Es liegt denke ich daran, dass die Grundlagen zu wenig hinterfragt werdenund zu schnell bei den Gegenmeinungen auf eine Strohmannbiologie abgestellt wird, die man dann damit entkräften kann. Und natürlich sind im Geschlechterverhältnis die biologischen Unterschiede etwas schwerer zu erkennen als bei der Frage, ob ein Mensch, der kein Wort für Sauerstoff hat, atmen kann. Andererseits ist das Wissen in den Grundlagen auch nicht so kompliziert, dass man es, wenn man sich für das Thema „Geschlechtsunterschiede – wodurch entstehen sie?“ sich nicht kurz in den Grundlagen anlesen kann.

Dass der Diskurs keine Fakten hervorbringt oder ändert, sondern allenfalls die Wahrnehmung dieser verschiebt, hatte ich ja bereits in meiner Besprechung von „Making Sex revisited“ dargestellt. Der Poststrukturalismus wertet die Sprache hier zu sehr auf.

Die Menschenaffen sind auch ein Gegenargument, zu dem es bisher an postmoderner Erwiderung fehlt. Sie haben Geschlechterrollen je nach Art, sie haben Hierarchien und Strukturen, sie haben zB bei den Schimpansen Kriege, Machtspiele, Intrigen, Mord und Vergewaltigung ohne eine Sprache zu haben. Sie haben auch sehr eigene Rollen je nach ihrere Biologie, ein Schimpanse ist kein Gorilla und ein Bonobo verhält sich anders als ein Schimpanse. Aber das menschenähnliche ihres Verhaltens und der Umstand, dass sie zu einem komplexen Denken in der Lage sind zeigt auch ihre Nähe zu uns.

Haben Schimpansen eine hegemoniale Männlichkeit oder eine Phallokratie, die ihre Geschlechterrollen stützt? Wie bauen Tiere überhaupt ihre Geschlechterrollen aus und warum soll dieser Mechanismus bei Menschen nicht mehr wirken und keine Spuren hinterlassen haben? Wir befinden uns mit unseren Geschlechterrollen so ziemlich genau dort, wo ein Biologe uns aufgrund unser biologischen Begebenheiten erwarten würde und stellen insofern keine Überraschung da, wir fügen uns vielmehr sehr gut in die Gruppe der Primaten ein. Aber bei uns besteht keinerlei biologischer Hintergrund, auch wenn die Kultur ziemlich genau das imitiert, was man von eienr Biologie erwarten würde.

Wie schon bei den Attraktivitätsmerkmalen angemerkt kann eine Theorie, die auf die Kultur abstellt die folgenden zwei Fragen nicht beantworten:

  • Warum finden wir bestimmte Verhaltensweisen bei den Primaten, die stark den menschlichen ähneln ohne den gleichen Kulturüberbau zu haben?
  • Wie erklären sich, wenn man auf die Tiere biologische Prinzipien anwendet, auf den Menschen aber rein kulturelle, die evolutionären Übergänge, also wann und wie hörte die Biologie auf zu wirken?