„Männlich“ als eine Art Beleidigung

Auf Twitter wird eine interessante Frage gestellt:

Beispiele gibt es genug: toxische Männlichkeit, mansplainen, manspreadi g

Es passt natürlich gut zu Identitätspolitik an sich, die eben auch einen Schurken benötigt

„Was hat mansplaining mit Frauen zu tun? Gar nichts“

In einer Diskussion bei Onyx fand ich zwei Kommentare zum Thema „Mansplaining“

Zunächst schreibt Leszek bei Onyx:

Hier wird eine bestimmte negativ beurteilte Verhaltensweise in geschlechter-essentialistischer Weise einem bestimmten Geschlecht zugeordnet anstatt auf Menschen als Individuen zu fokussieren.
Findest du sowas nicht einseitig, sexistisch und kritikwürdig?

Und selbst wenn es stimmen würde, dass Männer solches Verhalten IM SCHNITT häufiger an den Tag legen als Frauen, was erstmal durch ernsthaft wissenschaftliche Untersuchungen – also solche jenseits des Mainstream-Feminismus – zu belegen wäre, dann würde das 1. nichts daran ändern, dass es sich trotzdem um eine Minderheit handelt und 2. wären in dieser Hinsicht auch die Ursachen aus einer um Objektivität bemühten Haltung heraus zu analysieren.

Wäre es nicht möglich, dass in solchen Situationen manche Männer einfach nicht wissen, dass sich eine Frau mit einem bestimmten Thema auch gut auskennt?

Und wäre es nicht möglich, dass die – leider sozialwissenschaftlich und sozialpsychologisch gut belegte – durchschnittliche Partnerwahlpräferenz von Frauen für Selbstbewusstsein und Status bei Männern bei manchen Männern dazu führen könnte, zu versuchen ihren Partnerwert zu betonen, indem sie gegenüber Frauen Wissen und Kompetenz signalisieren?

Und wäre es nicht möglich, dass es Frauen gibt, die auf die Signalisierung von Wissen und Kompetenz positiv reagieren?

Dann wäre hier nämlich zu berücksichtigen, dass spezifische Partnerwahlpräferenzen und Verhaltensweisen von Frauen ihren Beitrag zu diesem Phänomen leisten.

Und selbst wenn ein Mann genau wüsste, dass sich die Frau mit dem entsprechenden Thema auch gut auskennt, wäre es nicht möglich, dass ein Mann sich so verhält einfach um zum Ausdruck zu bringen, dass er ihre Interessen teilt und auf diesem Gebiet kompetent ist?

Führt der geschlechter-essentialistische Vorwurf des „Mansplaining“ nicht dazu die gleichen Verhaltensweisen, wenn sie von Frauen ausgehen, großzügig zu übersehen oder gar als positives Zeichen weiblicher Emanzipation zu interpretieren, während bei Männern umstandslos eine negative Motivation unterstellt wird, obwohl auch eine ganz andere Motivation dahinter stehen kann?

Berechtigte Hinweise, dass da viel Hass drin ist und der Vorwurf gern schlicht zur Abwertung von Männern genutzt wird.

Auch interessant fand ich den folgenden Kommentar von Jochen Schmidt bei Onyx:

Als Ergänzung würde ich vielleicht den Akzent ein wenig verschieben. Ausgehend von Deiner Kritik „… eine bestimmte negativ beurteilte Verhaltensweise in geschlechter-essentialistischer Weise einem bestimmten Geschlecht zugeordnet anstatt auf Menschen als Individuen zu fokussieren“, würde ich mal vom Geschlecht des jeweiligen Zuhörers abstrahieren.

Das im Video-Clip beschriebene Verhalten erlebe ich als Berater täglich: wenn die Ingenieure mit den Monteuren streiten, wenn der Kunde mit dem Lieferanten streitet, wenn die Laborleiter mit den Abteilungsleitern streiten, wenn die Projektleiter mit den Leuten vom Controlling streiten, ich erlebe es in jedem Meeting, ich erlebe es sogar auf der Weihnachtsfeier.

Was hat mansplaining mit Frauen zu tun? Gar nichts. Männer erklären anderen Männern ständig irgendwelche Sachen, und zwar ungefragt (ähnlich „Mittelwert“ unten). Genauer: sie versuchen, es dem jeweils anderen Mann zu erklären – wobei der andere Mann sich seinerseits bemüht, dem ersteren Mann etwas zu ganz anderes zu erklären, was diesen anderen Mann jedoch zu weiteren hartnäckigen Erklärungs-Versuchen anstachelt …

Auf diesen Weise halten sich die Männer und ihre Erklärungsversuche gegenseitig in Schach. Wenn jeder dem anderen etwas erklären will, dann muß jeder mal ab und zu die Luft anhalten, sofern das Gespräch überhaupt noch aufrecht erhalten werden soll. (Nebenbei: in einem früheren Projekt hatte ich mal einen griechischen Kollegen, den habe ich aus gegebenem Anlaß gefragt: Warum sind die Griechen so unverschämt? Seine trockene Antwort: „Das kommt Dir nur so vor; die Griechen sind *alle* unverschämt, da hebt die Unverschämtheit des Einen die Unverschämtheit des Anderen auf; wenn alle unverschämt zueinander sind, dann müssen sie sich letztlich zusammenraufen, um doch noch was gebacken zu kriegen … Du bist *nicht* unverschämt – *das* ist das Problem.“)

So, was passiert nun, wenn Männern Frauen gegenüber das tun, was sie anderen Männern gegenüber ständig tun? Wenn sie also wieder irgendwelche weit hergeholten Erklärungen vom Stapel lassen? Nun, offenbar tun viele Frauen dann nicht das, was Männer in so einer Situation reflexartig tun: dagegen halten mit noch weiter hergeholten Erklärungen. Viele Frauen hören stattdessen brav zu und denken sich ihren Teil. Hinterher gehen sie dann zur Gleichstellungsbeauftragten und präsentieren ihr Opfer-Abo.

Natürlich kann man kritisieren, daß Männer offenbar ein unbezähmbares Verlangen danach haben, anderen Leuten – ungefragt – irgendwelche Sachen zu erklären. (Bei dieser Kritik sollte man allerdings jene Faktoren berücksichtigen, die Du oben genannt hast: z. B. daß es für Männer wichtig ist, in der Kommunikation ihren Status abzusichern, oder gar einen höheren Status zu erwerben). Aber eines darf man nicht: den Erklärungs-Drang von Männern gendern, d.h. darstellen als ein Verhalten, das Männer typischerweise *nur* Frauen gegenüber an den Tag legen. Wenn ich *allen* Leuten auf die Füße trete, dann soll man gefälligst nicht so tun, als würde ich immer nur den Frauen auf die Füße treten. In einem solchen Gendern offenbart sich ein doppelter Standard, der nicht zulässig ist („Mansplaining von Mann zu Mann ist OK – mansplaining von Mann zu Frau ist übel.“)

Soweit also mein kleiner Versuch, einen „geschlechter-essentialistischen“ Ansatz zu vermeiden …

Wie Du vielleicht bemerkt hast, habe ich Dir die ganze Zeit über etwas erklärt – obwohl Du mich gar nicht danach gefragt hast. Wenn Du jetzt nicht schleunigst reagierst wie ein richtiger Mann, dann würde ich einfach noch ein Dutzend weiterer Erklärungen aus dem Ärmel schütteln, die ich Dir allesamt ins Trommelfell puste😉

Die Theorie, dass kein Gesprächsstil ist, der der Herabwürdigung von Frauen dient, sondern einer, bei dem es darum geht, dass Männer gerne Fakten austauschen und erklären, würde ich auch teilen. Ich habe schon häufig Männern etwas erkärt, was ich faszinierend fand oder sie haben mir etwas erklärt, bis sie oder ich mit dem Hinweis unterbrochen worden sind, dass wir die gleiche Doku gesehen haben.

Einen weitern interessanten Beitrag gab es bei Voice for Men:

Feminists are upset—they are angry and bitter. When are they not? They say that students give higher teaching evaluations to male professors. Reviews of male professors, they say, are more likely to include the words “brilliant,” “intelligent” or “smart,” and far more likely to contain the word “genius.” Meanwhile, women are more likely to be described as “mean,” “harsh,” “unfair,” or “strict,” and a lot more likely to be called “annoying.”

Is it possible that men like to repeat what they have learned, but reconstructed in their mind to ensure clarity?

Is it possible that our ability to recapitulate—to teach—is sharpened by our constant desire to explain and re-explain?

Yes, men refuse to ask for directions. We want to figure it out ourselves; and when we do, we explain it. Approach a group of men on the street and ask for directions. Brace yourself: they will all explain at once and gesticulate in all directions, offering all sorts of improvements and considerations: rejoice in that masculine moment.(…)

It is important to ask questions, to try to answer, to try to explain to oneself, to try to state the answer in newer ways, to try to question and re-explain; and to do it aloud. If someone objects, incorporate their objection—make it your own. If they are angry and accuse you of patronizing, smile; and try to incorporate some humor next time to soften your explanation.(…)

As I go about my day-to-day business, I explain things. I explain things to myself and to imagined listeners. Even if I don’t know the final answer, I like talking about the question. Sometimes I cannot distinguish if I am talking aloud or to myself. (Yeah, alright: I talk to myself.) Sometimes, I make a fool out of myself when I talk. I mean, who wants to hear this endless splatter of questions and possible answers? So when someone tells me to stop, I learn where the line is.(…)

Why do men get such good evaluations?

When men explain things repetitively (even to people who already understand), we are organizing our thoughts, shifting them around, reformulating causality, searching for flaws in our comprehension, fixing our understanding, fleshing out connections, trying to dominate the subject matter (that’s a good thing—we’re not doing it to women; we’re doing it to the subject matter), looking for ways to rise above it.

Yes, men are mansplainers. Yes, men do get better teaching evaluations. Do you think feminists will ever show enough modesty to get off the pedestal and realize that sexism does not explain this link? Do you think feminists might ever see a connection here? (…)

Der Nutzen von „Mansplaining“ liegt aus meiner Sicht in der Tat auf der Hand. Man teilt Wissen, man kann in einer Diskussion neue Wissen erlangen, man kann darstellen, dass man Ahnung hat. Zudem kann es auch schlicht aufs einer Begeisterung für ein bestimmtes Thema aus einem heraussprudeln und auch dieses starke Interesse, Wissen zu einem Thema zu sammeln kann sehr hilfreich sein.

Wenn man dann bedenkt, dass bei den Unterschieden von Männern und Frauen gerade auch der Unterschied zwischen „systematischen und emotionalen Gehirn“ immer wieder vorgefunden wird wäre zu vermuten, dass der Ansatz zu diesem Verhalten durchaus biologisch sein könnte. Das passt auch dazu, dass Männer sich eher für Sachthemen interessieren und auch besser in Tests zum Allgemeinwissen abschneiden.

 

Mansplaining

Mansplaining oder neuerdings auf deutsch auch „Herklären“ ist ein feministischer Begriff dazu, dass jemand (in feministischer Annahme ein Mann) etwas „für Dumme“ erklärt und dabei davon ausgeht, dass der andere keine Ahnung hat.

Hier eine Definition aus dem „Urban Dictionary„:

To explain in a patronizing manner, assuming total ignorance on the part of those listening. The mansplainer is often shocked and hurt when their mansplanation is not taken as absolute fact, criticized or even rejected altogether.

Das kann nervig sein. Und ich würde sogar die Vermutung teilen, dass es häufiger von Männern kommt als von Frauen, was allerdings auch daran liegen mag, dass ein Feld, in dem sich die Anwendung besonders „lohnt“, nämlich der technische Bereich, ein Gebiet ist, in dem  sich typischerweise, also im Schnitt, Männer besser auskennen und in dem sich längere Erklärungen häufiger anbieten.

Man erlebt Mansplaining von Frauenseite allerdings auch, wenn man mit Frauen Tätigkeiten durchführt, bei denen Frauen üblicherweise annehmen, dass Männer keine Ahnung haben, etwa beim Kochen oder anderen dem  Stereotyp  entsprechenden Tätigkeiten.

Im Feminismus ist es natürlich ein Ausdruck von Privileg:

Mansplaining is about a very specific instance of „privilege and ignorance… when a dude tells you, a woman, how to do something you already know how to do, or how you are wrong about something you are actually right about, or miscellaneous and inaccurate ‚facts‘ about something you know a hell of a lot more about than he does.“

Das Privileg ist, dass er davon ausgeht, dass Männer Ahnung von bestimmten Themen haben, Frauen aber diese Ahnung nicht zugestanden wird.

Meiner Meinung nach erfolgt „Mansplaining“ nicht nur in der Mann Frau Situation, sondern immer dann, wenn ein solcher Wissensvorsprung angenommen wird. Es wird vielleicht noch dadurch verschärft, dass Männer es nach meiner Erfahrung  im Schnitt wesentlich interessanter finden als Frauen, wie etwas funktioniert und dieses Wissen auch gerne weitergeben. Insofern kann es auch – als schlechtes Flirten – ein Versuch sein, sie mit Wissen zu beeindrucken, der verkennt, dass so etwas eher ein Ausdruck intrasexueller Konkurrenz unter Männern als tatsächlich beeindruckend für Frauen ist.

In der Bezeichnung steckt gerade in der Verwendung im Feminismus meiner Meinung nach eine Menge Essentialismus. Es wird als Eigenschaft den Männern zugewiesen, die diese eben gerade aufgrund ihrer Machtposition ausüben.

Für eine Ideologie, die so fixiert auf Sprache und deren Wirkung und gleichzeitig die Konstruktion der Geschlechter ist, ist das schon ein unsensibles Wort.