„In einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen Gesellschaft zu leben und keine Cis-Typen zu begehren ist ein Akt des Widerstandes“

Die gute Lantzschi, älteren Mitlesern vielleicht noch ein Begriff, hat mal wieder einen tollen Artikel bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

menschen haben die welt geschaffen in der wir leben, gestalten sie täglich und tragen verantwortung für ihr handeln. der versuch, das als etwas wertfreies, folgen- und harmloses oder unpolitisches zu interpretieren, macht, dass diskriminierung (wenn überhaupt) irgendwo herrührt, aber sicher nicht von menschen. maximal wurden „natürliche gegebenheiten“ merkwürdig gedeutet. überholter scheiß eben diese diskriminierung.

die welt auch als kontinuierliche soziale konstruktion von machtverhältnissen zu begreifen und die eigenen entscheidungsmöglichkeiten und handlungsspielräume darin wahrzunehmen, sich die eigenen zugänge zum leben bewusst zu machen und ggf. zu erweitern, für andere zu nutzen oder gegen ihr versperrt sein anzukämpfen ist teil (nicht nur explizit) feministischer politiken.

bis typen ins spiel kommen.

 

Ja, die Welt überhaupt wäre natürlich viel schöner, wenn da nicht diese Typen wären. Männermenschen sind bekanntlich die schlimmsten.

es gibt grenzen, die zu übertreten nach wie vor ein no-go zu sein scheint, nicht nur, aber vor allem in explizit feministischen kontexten: begehren von typen zu politisieren.

Eigentlich ja nur der alte Ansatz von „Das private ist politisch“, im Feminismus auch gern in der Form von Theorien wie „politisches Lesbentum“

es ist natürlich okay, dass LGBT gegen diskriminierung ankämpfen. nicht okay ist es auch im eigenen alltag zu schauen, in der eigenen praxis, mit wem ich mein leben gestalte, wem und damit oft verbunden welchen themen ich aufmerksamkeit widme, mit wem ich beziehungen (jeglicher art) knüpfe, wie wir fürweneinander da sind, schlicht: welchen einfluss haben meine politischen perspektiven und haltungen auf meinen alltag, aktivistisch oder auch nicht. das private ist politisch eben. schon gar nicht okay ist es, zu hinterfragen, warum ich eigentlich – obwohl feminist_in – mein handeln (auch) auf typen ausrichte. im bett, im plenum, im job, im freund_innenkreis.

Durchaus verständlich: Wer mit dem Feind schläft war noch nie wirklich beliebt. Und für radikale Feministinnen ist eben – allen Versuchen des Gaslightnings zum Trotz – der Mann der Feind

die dezentrierung von cis typen scheint nach wie vor eine ziemlich radikale forderung zu sein, auch wenn immerzu mit begriffen wie patriarchat und heteronormativität um sich geschmissen wird. dies als lesbische politik zu rahmen, auch. besonders wenn’s dann mal auch nicht um menschen geht, die typen begehren. sofort wird mensch oder die eigenen politiken wahlweise als bifeindlich, monosexistisch, (wahrnehmungs)gestört, transfeindlich, unrealistisch, männerfeindlich, gewaltvoll, verkürzt, altbacken oder abwertend als lesbe/lesbisch/dyke bezeichnet. in diesen vorwürfen in diesem kontext stecken so viele lesbenfeindliche und insgesamt hetero_cis_sexistische wie pathologisierende annahmen, die vollkommen geschichtslos, kontextbefreit und kritiklos durch den raum schwirren dürfen.

Ein geiler Absatz, der schön „competitive victimhood“ zeigt. Nadine als Lesbe möchte eben gern Männer uneingeschränkt als den Feind sehen können, der umfassend ausgegrenzt gehört, also auch im Bett. Andere sehen sich dabei aber in ihrer Identität als etwa Bisexuell oder Transsexuell gestört, so dass sie innerhalb der Ideologie gleich einen Wettkampf austragen können, wer in diesem Fall das wichtigere Opfer ist – die Frau als Opfer des Mannes und seiner Macht oder die Frau, die auch gerne mit Männern schläft.

klassiker in der diskussion: darauf reduziert werden, wen mensch datet oder vögelt oder dass es einem_einer ja eigentlich nur darum gehen würde (eine bestimmte sexualität als „moralisch besser“ zu definieren). weil begehren mit sexueller orientierung gleichgesetzt wird (sexuelle orientierung ist als konzept enorm problematisch, da es nix mit machtverhältnissen oder wie begehren hergestellt wird zu tun hat, teilweise als „harmloser“ nachfolger von eugenischen konzepten zu gender- und sexualitätsidentitäten, die von der hetero_cis_norm abweichen, unhinterfragt übernommen). die entpolitisierung / reduzierung von begehren ist deshalb so daneben, weil sie a) lesbische politiken und lesbische bewegungs-/geschichte komplett negiert und b) der vorstellung auf den leim geht, nach dem alle nicht-heten hypersexualisiert anderen ihre sexualität oder „lebensweise“ grenzüberschreitend (oh gays als predatory – the next trope) auf die nase binden und ihren „lifestyle“ ausbreiten wollen (oh gays als spreading disease – hello fellows!). offenbar ist es nicht nur unvorstellbar, sondern auch richtig ängstigend, typen nicht (auch) attraktiv zu finden. hetero_cis_sexismus und lesben/biphobie 101.

Die Entpolitisierung von Begehren ist daneben, weil man damit ja nur meinen kann, dass es Homosexuelle machen, damit sie die anderen auch ins Bett bekommen. Netter Strohmann aus meiner Sicht: Tatsächlich macht sie es ja schlicht weil sie Männer hasst, die sie für unterdrückende Schweine hält und die Leute sind dagegen, weil sie nun einmal entweder (Trans-) Männer sind oder gerne aufgrund ihrer sexuellen Orientierung mit ihnen schlafen und das nicht ändern wollen.

zweiter klassiker in der diskussion, nachdem diese darauf reduziert wurde, mit wem ich vögele oder wen ich date: DAS KANN MAN SICH DOCH NICHT AUSSUCHEN!!1!1 zunächst wäre hier noch einmal anzumerken, dass es bei begehren nicht nur ums anhimmeln, knutschen und ficken geht, sondern in erster linie, wem ich meine aufmerksamkeit und zuwendung in allen lebensbereichen schenke, welche gesellschaftsanalyse für mich passt, welche utopie ich vorstelle und mit wem ich dafür kämpfen möchte

Also mal kurz Begehren umdefinieren und so weit fassen, dass es nichts mehr mit Sex zu tun hat sondern eher mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat. W

dann: hatten wir das mit der sozialen konstruktion nicht geklärt? warum die eigene sexualität davon ausklammern?

Weil sie biologisch ist. 

Aber gut, dass Argument zieht im Genderfeminismus eben nicht. Da darf es eben nicht ziehen, denn alles ist ja sozial konstruiert.

klar, wer möchte schon zugeben, dass er_sie im herzen dabei ist (literally), welche körper und identitäten als begehrenswert vorgestellt und hergestellt werden oder welche menschen objekte deines creepy fetischs sind?! wer möchte schon gerne zugeben, sich berechtigterweise über typen von mansplainer bis mörder und vergewaltiger und die normalität von patriarchalen gewalt/verhältnissen aufzuregen, aber kein problem damit zu haben typen in unserem leben raum zu geben und ihre existenz in unserem leben mit kackscheiße als feministisch zu verteidigen. aber die rechtfertigung „ich bin halt so“??? wow, stell dir vor, du bist so ignorant, dass deine kognitive dissonanz dir nix anhaben kann.+

Nein, Feminismus hat nichts gegen Männer. Aber wenn man mit einem schläft oder – Gott bewahre – sogar eine Beziehung mit ihm hat, dann verliert man halt das Recht sich über Mansplainer, Mörder und Vergewaltiger aufzuregen – den das sind ja auch Männer und alle Männer sind da gleich.

drittens wäre an dieser stelle auch noch einmal anzumerken, dass die haltung typen zu begehren etwas wäre, was unveränderbar sei, schlichtweg auf hetero_cis_sexistischen, eugenischen, völkisch-rassistischen und biologistischen konzepten von menschsein und beziehung zu anderen beruht. wir alle werden in einer welt sozialisiert, die diese konzepte unhinterfragt als norm setzt und durchsetzt.

Und das sogar nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Tieren. Heterosexualität, wir könnte man nur überhaupt auf die Idee kommen, dass das Begehren des Geschlechts mit dem man seine Gene in die nächste Generation bringen kann, biologisch sein könnte? Darwin ist eben auch nur ein alter weißer heterosexueller Mann.

wir internalisieren diese konzepte. unsere „begehrensbiografie“ erleben wir trotzdem sehr unterschiedlich. manchmal scheint das eigene begehren als etwas, das lange zeit so war. manchmal sind wir unsicher, welche haltung wir dazu einnehmen. manchmal schämen wir uns oder entwickeln gepflegten selbsthass, weil wir begehren, wie wir es gerade tun. manchmal wissen wir nicht, wie und wen wir begehren. manchmal stehen wir nicht zu unserem begehren, weil wir diskriminierung fürchten oder erstmal die innere zwangsheterosexualität auseinander klamüsern müssen.

Zur Zwangsheterosexualität als feministische Theorie hatte ich auch hier etwas geschrieben

in einer hetero_cis_sexistischen und patriarchalen gesellschaft zu leben und keine cis typen zu begehren, sich aktiv dagegen zu entscheiden, den raum von cis typen im eigenen leben auf das mir momentan mögliche minimum zu reduzieren und auch mein sprechen darüber zu verändern, ist ein akt des widerstands.

Also nicht, dass ich euch absprechen möchte mit Männern zu schlafen, aber echte Widerstandskämpfer machen das nicht. Ich bin also besser als ihr und ihr solltet auch so handeln. Verbündet euch nicht mit dem Feind. Wer mit einem Mann schläft stützt das Patriarchat.

in dieser gesellschaft mein begehren auf marginalisierte identitäten zu richten oder stärker auszurichten ist ein akt des widerstands. denn diese menschen sind die einzigen potentiellen mitstreiter_innen, die ein ehrliches und aufrichtiges interesse am ende dieser zustände haben (abgesehen von den heteras, die es schon als errungenschaft feiern, wenn ihr BF mal keine scheiße erzählt oder das kind kurz hält, während sie den abwasch macht). das alles ist teil lesbischer politiken und lesbischer identitäten, nicht exklusiv, aber eben auch.

Schlaft lieber mit Minderheiten, etwa Lesben, diese Minderheiten sind die einzig Guten. Habe ich schon gesagt, dass ich eine solche bin?

Wenn man aber nur mit Männern schläft, dann ist man ein falscher Aktivist, der nur vorgibt an der Revolution mitzuarbeiten, in Wahrheit aber nur ein weniger an Unterdrückung feiert.

kann mensch selbstverständlich nicht teilen diese perspektive, aber dann bitte: werft nicht bei jeder sich (nicht) bietenden gelegenheit ein, dass typen auch noch da sind. wissen wir alle, die wir atmen.

Ihr müsst das nicht so sehen, aber ihr solltet dann wenigstens die Fresse halten, Männer widern mich an, haltet sie aus meinem Leben raus, wenn ihr sie schon nicht aus eurem raushalten könnt.

Warum bekommt die Mädchenmannschaft kaum noch feministische Artikel hin?

Der Blog „Mädchenmannschaft“ ist vermutlich immer noch der größte deutsche feministische Blog nach den Zugriffszahlen. Das Team dort zählt 15 Leute plus Gastautoren.

Mit diesem Team produzieren sie allerdings kaum Artikel, der Output ist äußerst gering. Zudem bestehen die Artikel meist aus Linklisten und Übersichten, was sich anderweitig getan hat.

Gefühlt kommt vielleicht zwei Artikel mit tatsächlichem eigenen Thema im Monat, und deren Inhalt berührt selten die Kategorie „Geschlecht“ im intersektionalen Feminismus, sondern eher alle anderen Bereiche.

Man möchte fast behaupten, dass es zum Thema Geschlecht anscheinend nicht genug zu schreiben gibt aus der Sicht des Feminismus. Vielleicht liegt es auch daran, dass man kaum noch etwas schreiben kann als Nicht-PoC-Feministin, was dann nicht „White-Feminism“ wäre. Eine Vermutung wäre, dass der Intersektionalismus die Mädchenmannschaft in feministischer Hinsicht kaputt gemacht hat.

Man könnte das als Sinnbild nehmen für die Produktivität des intersektionalen Feminismus oder es böswillig als Argument im Gender Pay Gap bezeichnen. Man könnte anführen, dass die Frau so unterdrückt nicht sein kann, wenn der größte feministische Blog mit 15 Leuten kaum Artikel zum schreiben findet.

Ich finde es jedenfalls interessant.

Solidarität unter Frauen und die Abgrenzung zu Männerhass

Naekubi hatte ich hier schon einmal, mit ihrer Ansicht, dass Komplimente der Verdinglichung und Abwertung von Frauen dienen.

Jetzt hat sie bei der Mädchenmannschaft einen Artikel zum „Schwesterncode“ eingestellt, den ich auch interessant finde:

Sie hat sich auf einer Firmenfeier betrunken und eine Kollegin kümmert sich um sie:

“Wie ist deine Adresse nochmal, Naekubi?” Ich hing an der Schulter meiner neuen Kollegin und konnte kaum verbergen, dass ich mich nur mit Mühe auf den Beinen hielt. Es war kurz nach Mitternacht an einem Donnerstagabend auf einer Promotion-Party und mir war schlecht. Sehr schlecht.(…)

Die Kollegin hatte ein Taxi hergewinkt und öffnete die Beifahrertür, um mit dem Fahrer zu sprechen. Ich schaffte es noch, halbwegs verständlich meine Straße zu nennen, während sie mich vorsichtig auf den Rücksitz des Wagens bugsierte und die Daten durchgab. “Komm gut nach Hause!” Die Kollegin schlug die Tür des Fahrzeugs zu, winkte mir noch aufmunternd und ich war auf dem Weg durch die Nacht, nach Hause. 15 Minuten und 15 Euro später lag ich in meinem Bett.

Soweit nichts ungewöhnliches. Sie betrinkt sich auf einer Party, eine Freundin setzt sie in ein Taxi und dieses bringt sie nach Hause. Die Gedanken der Autorin dazu finde ich interessant:

Kurz bevor ich in rauschhaften Schlaf verfiel, kam mir ein kurzer Gedanke: Ein geheimer Schwesterncode. Die Sache ist die: Viele Frauen würden nach wie vor das Label “Feministin” von sich weisen, wenn man sie danach fragen würde. “Nein, ich rasiere mir die Achseln und ich mag Männer!” heißt es da immer wieder entrüstet. Das Klischee der achselhaarbewehrten, latzhosentragenden Feministin – es ist nach wie vor lebendig, und zu selten stellt sich die Frage, warum man überhaupt meint, sich von diesen Attributen unbedingt abgrenzen zu müssen. Und auch der Netzfeminismus kriegt praktisch jeden Tag sein Fett weg, nicht nur von Männern. Solidarität zwischen Frauen? Klingt abgehoben, zu theoretisch, zu links. Warum sollte man sich mit jemandem verbünden, nur weil man das selbe Geschlecht hat? Viele Frauen halten solch feministische Proklamationen im Alltag nicht für notwendig. Sich als Feministin identifizieren erst recht nicht.

Da sieht sie also eine Solidarität unter Frauen, die sie in Bezug auf den Feminismus vermisst. Dazu würde  mir zuerst einfallen, dass eben in vielen Fällen der moderne Gender-Feminismus gar keine Frauensolidarität ist, sondern vielen eben als zu weitgehend erscheint, zu sehr auf ein Nullsummenspiel der Geschlechter ausgerichtet und zu weit weg von der Wirklichkeit. Wer sich wirklich darauf einlässt, in die feministische Theorie einzusteigen, der bekommt eben erst einmal Verhaltensregeln auferlegt, darf nicht zu geschlechterrollenkonform sein, muss gleichzeitig aufpassen, dass er andere Diskriminierungsformen nicht beachtet und wird auch bei Männern schlechter ankommen, weil diese die Feindseligkeit, die in dieser Ideologie herrscht, ja durchaus mitbekommen.

Weiter bei der Autorin:

Gedankenfetzen wirbelten mir durch den Kopf, als ich im Bett lag, was nicht nur auf den Alkohol zurückzuführen war. Kolleginnen und Kollegen hatten im Club immer wieder gefragt, ob alles in Ordnung war. Den Männern sagte ich: Klar, alles bestens. Hauptsache sich nicht angreifbar machen. Ich kannte sie nicht gut, Misstrauen war aus meiner Sicht als Frau deshalb  angeraten. Den Frauen sagte ich schließlich: Mir geht es nicht gut. Ich traute mich, meine Verwundbarkeit zu zeigen. Sie verstanden – meine Aussage deuteten sie sofort richtig: Bring mich bitte hier weg. Genau das taten sie: Sie stützten mich, saßen mit mir auf der Couch, gaben mir Wasser. Kurz: Sie kümmerten sich um mich und halfen mir. “Mir ist das auch schon mal passiert – ich weiß, wie das ist,” sagte die Kollegin, die mir das Glas Wasser besorgt hatte.

Da wird es eigentlich schön deutlich: Sie hat ihre Männerfeindlichkeit so weit verinnerlicht, dass sie es nicht mehr schafft, sich einem Mann anzuvertrauen, auf das er ihr ein Taxi ruft. Die Rape Culture macht eben auch in dieser Hinsicht paranoid: Männer würden ihre Schwäche nach ihrer Vorstellung anscheinend direkt ausnutzen. Mich verwundert etwas, dass anscheinend einfach ein Taxi gerufen worden ist: Die meisten Taxifahrer sind ja männlich. Das wiederum scheint aber okay gewesen zu sein, diesen Mann nimmt sie als Dienstleister anscheinend überhaupt nicht wahr.

Einschränkend kann ich verstehen, wenn einem bei bestimmten Personen unwohl ist, wenn sie jemanden nach Hause bringen, der betrunken ist. Und ich kann auch verstehen, wenn dieses Gefühl bei Männern in Bezug auf Frauen eher auftritt, denn entsprechendes sexuelles Interesse wird eben eher der Mann haben. Das in einen Generalverdacht umzuwandeln, der sich gegen all ihre Kollegen richtet, das hingegen halte ich dann doch für etwas ungewöhnlich, insbesondere wenn es um das Rufen eines Taxis geht. Irgendwie kommt da dann doch durch:

Sicherlich wäre es besser, wenn gerade Frauen sich offen zum Feminismus bekennen würden (wenn sie schon von seinen Errungenschaften profitieren). Es wäre schön, wenn sich alle offen dazu bekennen könnten. Doch bevor es so weit ist, begnüge ich mich mit dem Schwesterncode.

In einer Welt, in der Mann Männer im wesentlichen als Bedrohung ansieht, ist das ja auch durchaus verständlich, da hat man ja sonst keine Verbündeten.

Interessanterweise findet sich darunter ein ungewohnt kritischer Kommentar:

Ich kann nachvollziehen, dass Kontrollverlust bedrohlich wirkt – aber in einer solchen Situation nur Frauen als vertrauenswürdig einzustufen, stellt für mein Verständnis Männer unter einen Generalverdacht. Ich war weiß Gott schon oft besoffen in Clubs und auf Partys, bin nach dem Kotzen auf der Toilette eingeschlafen, hab auch schon mehr unter dem Tisch gehangen als daran gesessen – trotzdem habe ich mich nie als gefährdet betrachtet. Sicher: Nur weil mir nie etwas passiert ist und weil ich nie Angst vor sexueller Gewalt hatte, heißt das nicht, dass das kein reelles Risiko ist. Aber wenn ich mich um eine betrunkene Frau kümmere und die mir im Nachhinein zuschreiben würde, ich hätte unausgesprochen auch die Bedrohung der sexuellen Gewalt gewusst, wäre ich damit mega uneinverstanden. Wenn ich mich um eine betrunkene Frau kümmere, dann nicht, weil ich sie vor Männern schützen will, sondern weil ich sehe, dass es ihr schlecht geht und sie Wasser braucht und ein Taxi. Und wenn ich ihr sage, dass mir das auch schon passiert sei, dann deshalb, weil ich auch schon Wasser und ein Taxi brauchte.

Ich bin Feministin und ich kann mich mit diesem Text überhaupt nicht identifizieren. Schade, dass gerade ein Text, der sich über die männerhassende Zuschreibung von Feminismus beschwert, auf derart generalisierende Weise Frauen in Verbündete und Männer als potenzielle Gefährder aufteilt. 

Der letzte Satz ist in der Tat etwas, was dem ganzen eine gewisse Ironie gibt: Sie beschwert sich, dass Feministinnen als männerfeindlich angesehen werden, und lässt dann im folgenden ein Weltbild erkennen, dass eben genau Männerfeindlichkeit ausdrückt.

Die Mädchenmannschaft als Rape Culture Förderer und Vergewaltigungsverharmloser

In einer innerfeministischen Auseinandersetzung wirft ein Blog, der eher dem sexnegativen Feminismus angehört der Mädchenmannschaft als aus deren Sicht Vertreterinnen des sexpositiven Feminismus vor, dass sie die Rape Kultur fördern und Victim Blaming betreiben und Vergewaltigungen verharmlosen.

Aufhänger war eine kurze Verlinkung eines Beitrags zum Thema „Blowjob“ in einem Vermischtes-Artikel. Dort hieß es:

Im Essay “How many licks” schreibt Janani Balasubramanian eine kurze Dekonstruktion des Blowjobs, nennt wichtige Akteur_innen (Monica Lewinsky, Linda Lovelace) und Künstler_innen (Nao Bustamante) und weist darauf hin, dass ein Blowjob von allen Körperteilen ausgeführt und entgegen genommen werden kann.

Janani ist übrigens eine transsexuelle PoC, wenn ich das richtig sehe, also jemand, von deren Text sich die Mädchenmannschaft eh nur schwer distanzieren kann.

In der Tat dürfte Linda Lovelace den Deep Throat bekannt gemacht haben, findet also durchaus zurecht eine Erwähnung in einem Artikel über den Blowjob.

Die andere feministische Gruppe führt an, dass Linda Lovelace später angegeben hat, dass sie die Filme nicht freiwillig gedreht habe und demnach alle sexuellen Handlungen in dem Film Vergewaltigungen waren. Demnach dürfe sie nicht als Akteurin bezeichnet werden, weil das eine Verharmlosung ist:

Erzwungener Oralsex ist eine Vergewaltigung, kein Blowjob. Eigentlich ganz einfach. Und im Grunde könnte dieser Satz als Artikel auch ausreichen, wenn nicht die Mädchenmannschaft erstaunliche Schwierigkeiten damit hätte, diese einfache Tatsache anzuerkennen.

Wir sind es von Maskulisten, Antifeministen und anderen Frauenfeinden gewöhnt, dass sie die Grenze zwischen gewolltem und erzwungenem Sex aufzuheben oder zu verwischen versuchen. Und leider ist das auch im Alltagsdenken noch ziemlich stark verankert. Dagegen versuchen Feministinnen üblicherweise anzugehen. Wir als Initiative machen das zum Beispiel mit unserem Medienradar. Jetzt ist allerdings die Mädchenmannschaft in diesen Radar geraten und wir müssen leider innerfeministische Aufklärungsarbeit leisten. Denn die Mädchenmannschaft beharrt darauf, dass das, was Linda Lovelace, mit bürgerlichem Namen Linda Boreman, widerfuhr, Blowjobs waren. Dass Linda Boreman „eine wichtige Akteur_in des Blowjobs“ gewesen sei.

Ich mag hier den im feministischen Texten ja üblichen Ton der Empörung und der Wissensverkündung. Man wird im Folgenden noch etwas deutlicher:

Puhh. Und das soll nun rechtfertigen, dass Gewalt nicht als Gewalt benannt wird? Dass die Vergewaltigungen mit einem Begriff für eine einvernehmliche Sexpraktik unsichtbar gemacht werden? Dass die Geschichte, die Linda Boreman aufgezwungen wurde und ihr die falsche Identität der Blowjob-Ikone – eine Tätererfindung – verschaffte, selbst in feministischen Blogs weiter fortgeführt wird? Linda Lovelace als „Akteurin des Blowjobs” zu bezeichnen – und darauf auch noch zu beharren – führt ein Narrativ der Rape Culture fort, hält es aufrecht und verteidigt es. Die Perspektive der Betroffenen wird zunichte gemacht und die Definition der Täter verbreitet. Es handelt sich dabei um weitere, symbolische Gewalt an Linda Lovelace.

Was die Mädchenmannschaft mit diesen zwei Sätzen ausdrückt, ist: Für sie ist es unwichtig, ob es da Gewalt gab oder nicht. Es wurde am Penis gelutscht, und damit ist es Blowjob. Ob freiwillig oder nicht, tut nichts zur Sache. Sieht von außen ja auch gleich aus.

Wo ein Blowjob ist, gibt es keinen Vergewaltiger und keine Gewaltbetroffene. Nur wo Gewalt als das benannt wird, was sie ist, können auch die Verantwortlichen dafür benannt und zur Rechenschaft gezogen werden. Gewalttaten als akzeptable Handlung darzustellen gehört zum Alltagsinstrumentarium des Patriarchats, um männliche Herrschaft und Machtmißbrauch zu kaschieren und zu normalisieren. Aus patriarchaler Perspektive ja auch völlig verständlich. Nur wie kommt ein bekannter feministischer Blog, der normalerweise ambitioniert und tiefgreifend gegen jegliche Diskriminierung und Machtmißbrauch anschreibt, dazu, solcherart zu argumentieren? Das bleibt eine offene und ziemlich verwirrende Frage. Wir sind allerdings weniger an einer Antwort darauf interessiert, sondern vielmehr daran, dass diese unsägliche Verharmlosung aus der Linksammlung der Mädchenmannschaft verschwindet.

Willkommen, liebe Mädchenmannschaft, beim Patriarchat! Ihr wählt einen etwas umständlichen Weg es aufrecht zu erhalten, aber wir sind ja um jeden Mitstreiter dankbar.

Leider fruchten auch diese Belehrungen nicht, die Mädchenmannschaft stellt sich queer, als sie auf ihrer Facebookseite darauf angesprochen wird entfernt sie nicht etwas den Text oder ändert ihn, sondern löscht kritische Kommentare und lässt weitere Verharmlosungen stehen. So heißt es in den Kommentaren (bzw hier direkt auf Facebook):

“Naja Linda Lovelace hat in ihrem Leben sehr viel widersprüchliche Aussagen gemacht. Die Wahrheit ist, dass sie um ihr Geld geprellt wurde, nach dem Film und sich alles Mögliche einwarf, wie so viele um die Zeit. Posthum etwas hinein zu interpretieren, ohne genaue Quellenrecherche, mit einer Protagonistin, die nicht mehr lebt, ist Facebook-Boulevard.”

Das wäre ja nach feministischer Theorie recht klassisches Victim Blaming. Wenn eine Frau behauptet, dass sie vergewaltigt worden ist, dann ist hat sie ja üblicherweise die Deutungshoheit. Anscheiend fand die Mädchenmannschaft diesen Kommentar aber nicht löschungswürdig.

Es folgen sachlich-kritische Kommetare wie dieser gegenüber der Mädchenmannschaft:

Victim Blaming vom Feinsten – die Prostitutionslobby zeigt ihr hässlichstes Gesicht!

Dagegen kontert eine dortige Kommentatorin:

Liebe Mädchenmannschaft, in dieser Doku hat Linda Lovelace auch was zu ihren Aussagen über Gewalt gesagt. Anti-Porno-Feminist*innen hatten sie dazu gebracht, öffentlich so aufzutreten. Später hat sie sich davon wieder distanziert. Es ist üblich, dass Anti-Porno-Feminist*innen Frauen in der Sexindustrie dazu bringen, immer die gleichen Geschichten von Gewalt zu erzählen. Pornographische Darstellungen sind per se nicht Vergewaltigunge

Auf der Seite der Mädchenmannschaft also die Angabe, dass es Falschbeschuldigungen zum Thema Vergewaltigungen gibt, die von Feministinnen veranlasst werden. Das erklärt das kalte Wetter.

Die Mädchenmannschaft lässt dann Kommentar wie:

Mira, in allen Ehren – aber für Dich ist doch alles Vergewaltigung.”

stehen. Als ob man als Feministin Vergewaltigungen übertreiben könnte! Das ist ja schon fast ein maskulistischer Kommentar.

Die Mädchenmannschaft macht daraufhin dicht:

Bereits bevor die betroffenenbeschuldigende Kommentatorin aktiv wurde, verwies die Mädchenmannschaft auf die entsprechende Kommentarspalte ihres Blogs, weil keine Ressourcen für die Moderation des Facebook-Threads vorhanden seien. Es sind jedoch ausreichend Ressourcen dafür da, um folgenden Kommentar binnen Sekunden aus dem Diskussionsfaden zu löschen

Inzwischen wurden natürlich auch die Kommentare unter dem Artikel geschlossen.

Die „Initiative“ scheint eine erstarkende Richtung im Feminismus zu sein, die klassischen sexnegativen Feminismus vertritt: Pornos, Prostitution etc sind alle schlecht und Ausprägungen des Patriarchats. Zu den dort schreibenden gehören wohl auch die Bloggerinnen unter „Störenfriedas„, die Glaube ich auch eher eine Art „Emma-Feminismus“ vertreten und ich meine auch Femen hatte (was angesichts beiderseitiger Sexfeindlichkeit auch nicht verwunderlich ist) auch schon mal auf sie verwiesen.

Dennoch finde ich es erstaunlich, dass die Mädchenmannschaft anscheinend eher Victimblaming und jemanden, der meint, dass andere Feministinnen zuviel Vergewaltigungen annehmen, stehen läßt.

Allerdings auch mal wieder schön, dass nach feministischer Theorie eben alles in einem Streit enden kann, bei dem der andere das Patriarchat unterstützt. Selbst die Mädchenmannschaft.

Die Nichtexistenz der „Feministischen Feuerwehr“

Nachdem die Mädchenmannschaft aus der Sommerpause zurück ist stellt die dortige Autorin Accalmie gleich klar, dass man dort nicht die „feministische Feuerwehr“ ist. Der Artikel ist zwar eigentlich recht inhaltsleer, gibt aber auch mal wieder einen interessanten Blick auf das feministische Selbstverständnis und den Umgang mit den „Allies“.

Fast jede Woche ist es wieder soweit: Ein Artikel, ein Buch, ein Video erscheint, in dem betont wird, wie schrecklich Feminist_innen seien und wie sehr der Mann von Heute (TM), nein, die Menschheit unter ihnen leide. Der eiserne Vorhang der Sexismuskritik drohe den Spass zu bremsen, und irgendjemand muss sich wieder sehr darüber empören, dass andere Menschen Misogynie anprangern, und mahnt daher gleich mal schreiend zu postfeministischer Gelassenheit, bis die femifaschistische Diskurspolizei der Gender-Weltverschwörung brutale Konsequenzen zieht durch ein erstes side eye.

Da finde ich es ja erst einmal schön, dass man im Feminismus anscheinend den Gegenwind bemerkt, der gegen ihn herrscht. Die Kritik wird natürlich zurückgewiesen und übertrieben dargestellt, es ist eben aus deren Sicht nur die Aufregung darüber, dass die Feministen zurecht Misogynie, also Frauenfeindlichkeit anprangern. Dann wird die feministische Kritikunfähigkeit und Humorlosigkeit noch heruntergespielt, indem als schärfste Reaktion nur ein kritischer seitlicher Blick dargestellt wird, statt dem eher zu erwartenden Versuch, den anderen mit einem Shitstorm und dem Versuch ihn sozial zu diskreditieren zu überziehen.

Menschen verdienen ihr Geld mit solchen Publikationen, während auf viele jener, …nun ja…, Ergüsse dann feministische Aktivist_innen in ihrer Freizeit mit lakonischen Kommentaren bis detaillierten Widerlegungen reagieren – zum Beispiel auf Blogs oder bei Twitter. Da hier selten neue Argumente ausgetauscht werden, sind die Debatten zunehmend müßig: was gegen Machtgefälle (und damit einhergehend eben nicht “herrschaftsfreie” Kommunikation) eher selten hilft, ist der zwanglose Zwang des besseren Arguments (…und dafür sind Betroffene ja auch viel zu subjektiv, nech…).

Das Patriarchat bezahlt eben auch in dieser Hinsicht seine Anhänger besser. Nicht, dass diverse feministische Aktivistinnen in zahlreichen Zeitschriften veröffentlichen würden….

Aber auch hier eine sehr entschuldigende Darstellung: Es ist nicht, dass wir uns nicht wehren könnten, aber wir sind eben nur Freizeitaktivistinnen, der Debatte müde, weil wir uns immer nur wiederholen würden und eh gegen ein Machtgefälle ankämpfen in dem wir unsere Argumente gar nicht auf die Weise vorbringen können, wie wir es wollen nämlich – und das schreibt sie tatsächlich – mit den besseren Argumenten überzeugend. Das ist doch mal wirklich eine interessante Wahrnehmung: Die Feministin, die anscheinend einer Diskussion, in der der zwangslose Zwang des besseren Arguments gilt, die würde ich ja gerne mal zur Diskussion einladen. Können wir auch ganz ohne Machtgefälle haben, einfach nur die besseren Argumente. Natürlich: Wahrscheinlich ist es in diesem Verständnis schon ein Machtgefälle, wenn man die feministischen Argumente tatsächlich hinterfragt und nicht einfach anerkennt. Es zeugt aus meiner Sicht schon von einer sehr starken Fähigkeit mit kognitiven Dissonanzen umzugehen, wenn man als Autorin bei der Mädchenmannschaft, einem Blog der noch nicht einmal eine innerfeministische Diskussion in seinen Kommentaren zulässt, wirklich meint, dass man jemand ist, der sonst auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments setzt.

Das hindert viele jedoch nicht daran, Aktivist_innen konstant dazu aufzufordern, sich zum Beispiel der Widerlegung sexistischer oder rassistischer Texte zu widmen, während andere erst einmal abwarten möchten (wenngleich vielleicht wohlwollend nickend). Seien es obsessiv gesetzte Pingbacks oder konstante Lektüre-“Tipps” von allies (Verbündeten): offenbar herrscht die kuriose Annahme vor, dass es so etwas wie eine Freiwillige Feministische Feuerwehr gäbe. Jene wird gerufen, wenn erneut die antifeministische Argumentationsschablone zum Einsatz kam und die Feministische Feuerwehr nun das Sexismusinferno löschen soll

Merkwürdig, da hat man einen der größten Blogs zum Feminismus und die Leute meinen, dass man vielleicht etwas zu dem Thema schreiben möchte, gerade wenn man massig Autoren hat. Wie kommen die da nur drauf und was für eine merkwürdige Vorstellung?

Ich persönlich freue mich über Hinweise auf sexistische Texte, auch wenn ich nicht dazu komme, alle zu besprechen. Von mir aus kann man ruhig obsessive Pingbacks oder konstante Lektüretipps geben. Erstens sind Links auf die eigene Seite immer gut, schon wegen Google, zum anderen will man ja mit so einem Blog üblicherweise auch angesprochen und um seine Meinung gefragt werden. Natürlich komm ich auch nicht dazu alles zu besprechen, was Leute mir zuschicken und manche finde ich natürlich auch nicht so interessant oder besprechenswert wie der Versender, aber ich muss es ja eben auch nicht besprechen, wenn ich das nicht will. Es ist eben eine Anregung. Auch nett: Die antifeminstische Argumentationsschablome: Eben keine wirklichen Argumente, nur Versatzstücke. Es kann ja keine berechtigte antifeministische Kritik geben.

Das Problem dabei ist jedoch, dass viele denken, dass zum Beispiel Antisexismus grundsätzlich die exklusive oder zumindest primäre Aufgabe von Frauen sei, und das rund um die Uhr. Dazu kommt noch, dass manche vielleicht meinen, Feminist_innen hätten täglich nichts Besseres zu tun, als auf akribische Sexismus-Spurensuche zu gehen, und man sie mit dem neuesten Beispiel überraschen und darin unterstützen könnte, endlich wieder etwas gefunden zu haben, anhand dessen man Sexismus aufzeigen kann. Aber hier kommt der Knaller: Aktivist_innen gehen nicht auf die Suche nach Diskriminierung. Diskriminierung holt Menschen ein, täglich; sie strukturiert diese Gesellschaft. Die neuesten -istischen Spitzen bekommt man durchaus mit, ob man möchte oder nicht – und sollte das mal nicht der Fall sein, ist es zumeist sowieso besser so. Wie gesagt: Neu ist an Sexismus oder Rassismus nichts.

Da ist auch wieder ein feministischer Catch22 gegenüber dem Ally versteckt: Schick es an die Feministin und man wird dir vorwerfen, dass du eine Anspruchhaltung hast und Aufgaben auf Frauen abwälzt, wenn es doch deine Aufgabe als Ally ist, gegen solche sexistischen Texte selbst vorzugehen. Geh selbst dagegen vor als Ally und man wird dir vorhalten, dass du dich zu sehr in den Vordergrund spielst, Raum einnimmst, Frauen, die ähnliches bereits kritisiert haben, die Aufmerksamkeit nimmst etc.

Und natürlich auch wieder der weitere Hinweis: Wir brauchen nicht auf Diskriminierung hingewiesen zu werden, wir als Frauen oder andere diskriminierte Gruppe sind immer und überall von jeder Form der Diskriminierung betroffen, wir bekommen also soviel Diskriminierung ab, dass wir alles schon kenne, du musst uns auf  nichts mehr hinweisen.

Manchmal treffe ich die persönliche Entscheidung mich nicht zum Beispiel X zu äussern, da ich entweder keine Zeit, Lust oder Nerven dazu habe, immer wieder die deckungsgleiche Debatte zu führen und mich dabei zwangsweise geballter Ladungen hocherfreuten Sexismus’ und Rassismus’ aussetzen zu sollen. Dann ungefragt dazu aufgefordert zu werden, sich doch Texte, Plakate oder Serien anzugucken, um diese dann auseinanderzunehmen (oder, noch besser, gleich Zitate geschickt zu bekommen), ist daher nicht nur unsolidarisch, sondern macht einer_einem das Leben nicht leichter – ganz im Gegenteil. Für “Haste nich’ gesehen?” / “Kannste das glauben?” / “Schreib doch mal was dazu, der_die hat X gesagt!”-Spam gibt es von mir meist keine Kekse, sondern ein genervtes Augenrollen. Das ist besonders dann der Fall, wenn “allies” sich selbst nicht äussern wollen, um es sich entweder nicht mit bestimmten Cliquen zu verscherzen oder dem grundsätzlich anstehenden Backlash zu jeder (zum Beispiel) antisexistischen oder antirassistischen Äußerung selbst zu entgehen.

Da hat Accalmie gleich noch als Profi-Feministin einen klassischen Bonuspunkt im Opfersein ergattert: Formvollendet verwandelt, denn hier ist sie Opfer weil sie 1) deutlich macht, dass sie eh schon soviel Sexismus abbekommt, dass jede weitere Mitteilung eine Zumutung ist 2) von ihr Arbeit gefordert wird, obwohl es eigentlich nicht ihre Arbeit ist, den Dreck anderer Weg zu machen 3) die das eigentlich nur machen, damit sie sich selbst nicht in die Schußlinie stellen, der sie dann ausgesetzt ist.

Ich glaube mehr Sexismus und Opfersein kann man aus dem Zuschicken eines Artikels an Mitglieder eines großen feministischen Blogs nicht herausholen.

Realitätsflucht oder „Dies führt weder zu einer Abschottung, noch zu elitärem Gedünkel, sondern ermöglicht in erster Linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten“

Nadine Lantzsch zur Lage bei der Mädchenmannschaft:

was gerade passiert, ist in meinen augen eine verschiebung: weg vom alphamädchen-feminismus, der in erster linie gut situierten heteras zugute kommt und strukturfragen nicht mehr stellt, zu mehr machtkritik, zu mehr aufnahme von feministischen diskursen und konfliktlinien, die es bereits vor 20, 30, 40, 100 jahren gab. ein mehr arbeiten mit traditionen und geschichten, ein aufmerksam sein. mehr umsichtigkeit, mehr verantwortung. dies führt weder zu einer abschottung, noch zu elitärem gedünkel, sondern ermöglicht in erster linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten. dass sich die mehrheitsgesellschaft davon nicht angesprochen fühlt, die jedes feministische projekt in den tod diskutiert, spart, gängelt und bedroht, ist ein problem dieser und nicht das einen feministisch verorteten projektes.

Es ist schon erstaunlich, wie sich Leute in ihre Ideologie einigeln können und gar nicht mehr wahrnehmen, warum sie so viel Kritik erfahren. Kritik wird hier einfach in die Outgroup verschoben, die die Ingroup beeinträchtigen will, die verhindert, dass die gute Politik der Ingroup umgesetzt werden kann.

Dabei sind die aufgebauten Feindbilder interessant: Die „gut situierten heteras“ sind eben auch nur privilegiert und damit wohl Teil der Mehrheitsgesellschaft, Nadine Lantzsch als doppeltunprivilegierte lesbische Frau (wenn auch Rassistin) hingegen ist noch zu Machtkritik fähig und kann den feminstischen Diskurs voranberingen.

Es zeigt meiner Meinung nach schon eine gewisse Realtiätsflucht, wenn man davon spricht, dass man sich hier nicht abschottet und behauptet konstruktives und produktives feministisches Arbeiten zu ermöglichen, wenn man gerade die Feministische Szene gespalten hat und jede Diskussion sofort über die Deutungshoheit behindert wird und alle letztendlich bei strikter Umsetzung der critical whitness nur mit wartenden Blick auf die „WoCs“ gucken kann, weil alle anderen nicht mitreden können und sich langsam in eine Abwärtsspirale begibt, in der sich die Anforderungen immer weiter verschärfen, bis alles rassistisch ist, gerade die Antirassisten.

gerade jetzt, wo uns diese für mich positiv besetzte machtrolle zuteil wird, die so selten ist bei feministischen projekten, wird versucht, uns gewaltsam totzureden und damit auch ein stück feminismus. von menschen, die teil des projektes MM waren. warum? weil ihre persönlichen befindlichkeiten und betroffenheitslagen nicht mehr teil unseres selbstverständnisses sind, weil sich aus der weißen worklifebalance-karrierehetera mit kind nun mal keine feministische politik formulieren lässt, die für viele menschen interessant und wichtig ist.

Das ist immerhin interessant. Sie sieht sich selbst mit der Mädchenmannschaft in einer Machtrolle, die sie nutzen will, natürlich nicht ohne zu betonen, dass der Widerstand ansonsten gegen feministische Projekte so enorm ist.  Und dann der Verrat! Frühere Mitglieder haben nicht etwa ein anderes Verhältnis zum Feminismus über das man einen Diskurs führen kann, sie wollen ein Stück Feminismus kaputt machen. Und warum? Weil sie der Sache nicht so verpflichtet sind, wie es eben nur mehrfachunprivilegierte sein können. Interessant auch in diesem Zusammenhang der Hinweis auf gerade die weiße workligebalance-karriereheterea mit Kind. Man könnte meinen Lantzschi sei schwarz. Aber es ist verständlich, dass sie diesen Personen nicht viel abgewinnen kann, schließlich schränkt sie ja bereits deren Existenz erheblich ein, Heteras mit Kind, die ein angenehmes Leben führen wollen sind insoweit Menschen, die ihre Privilegien nicht hinreichend hinterfragen. Würden sie das machen, dann würden sie einsehen, dass die mehrfachunprivilegierten recht haben und diese allein eine feministische Politik formulieren können, die für viele Menschen interessant und wichtig ist.

Weil ja die wenigsten Frauen Heteras mit Kind sind, die eine gewisse Worklifebalance anschreben.

Ist die Mädchenmannschaft rassistisch / behindertenfeindlich /Transphob?

In der feministischen Debatte ist die Zuweisung einer Diskriminierung oft einfach:

Wenn in einem Bereich weniger Frauen vertreten sind, dann liegt eine Diskriminierung vor.

Immer wieder hört man aus dem Bereich auch die Aussage, dass nicht die diskriminierte Gruppe (das wird dann vorausgesetzt) sich darum kümmern muss in einem Bereich mehr vertreten zu sein, sondern die privilegierte Gruppe sich darum kümmern muss, die nichtprivilegierte Gruppe anzulocken und einzubeziehen.

Ein Betrieb darf demnach, wenn er hauptsächlich Männer in Führungspositionen hat, nicht sagen, dass sich bei ihm ja keine Frauen für diese Position bewerben oder die Männer qualifizierter sind, sondern muss aktive Maßnahmen einleiten, um seine Frauenquote zu erhöhen. Er muss eben zB auf ein frauenfreundliches Klima achten (Abbau patriarchaler Strukturen, Betriebskindergarten, verbesserte Teilzeitbedingungen in der Führungsebene etc), aktiv geeignete Kandidatinnen ansprechen und suchen, Nachwuchsförderung auf dem Gebiet betreiben.

Gelingt dies alles nicht, dann ist dies ein Anzeichen für Diskriminierung und dem muss gegebenenfalls über eine Quote abgeholfen werden.

Dabei besagt Intersektionalität, dass auch Frauen Frauen diskriminieren können. Ein Beispiel beispielsweise in der Wikipedia ist, dass in der feministischen Bewegung insbesondere die weißen Frauen aus der Oberschicht das sagen haben.. Auch eine nichtprivilegierte „Minderheit“ kann andere Minderheiten wegen anderer Privilegierungskriterien diskriminieren, insbesondere natürlich Rasse, Behinderung und Klasse.

Dabei ist es ein Anzeichen der Privilegien, dass sie der privilegierten Gruppe oft zuletzt auffallen. Ich nutze also die Gelegenheit die Mädchenmannschaft und auch den Mädchenblog darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich bisher nicht genug bemüht haben, um sich ihre Privilegierung auf dem Gebiet Rasse, Nichtbehindert und Transsexuell bewußt zu machen und diese abzubauen.

Trotz ca. 10 Autoren findet sich keine Autorin, die nicht kaukasisch ist, weder afrikanische noch asiatische feministische Meinungen werden angemessen repräsentiert. Ich meine es schreiben da auch nur Nichtbehinderte und keine transsexuellen Personen als feste Autorinnen.

Dies kann als Ursache nur Rassismus haben. Was dadurch zu beweisen ist, dass eben keine Personen dieser Herkunft dort vertreten sind.

Mädchenmannschaft, werde dir deiner Privilegien bewusst!