Wer hat es schwerer in der Schule, Jungen oder Mädchen?

Ein Spiegelartikel zu der Frage, wer es in der Schule schwieriger hat, Jungen oder Mädchen. Die Autorin ist Mutter und sieht die Lage wie folgt:

Sie gesteht erst folgende „offizielle Lage“ zu:

Elternabend, 8. Klasse. Eine Mutter moniert, dass die Kinder gerade so wahnsinnig viel lernen müssen: die vielen Hausaufgaben und Referate, und dann auch noch das Kunstprojekt. Ob man dafür nicht wenigstens den Abgabetermin verschieben könne? Jetzt ist deutlich zu sehen, wer einen Sohn und wer eine Tochter hat. Zustimmendes Nicken: Mädcheneltern. Irritierte Blicke: Jungseltern. Darunter auch ich. „Welches Kunstprojekt?“

Ich höre gerade das erste Mal davon, auch von dem Lernpensum. Anderen Eltern mit Söhnen geht es ähnlich. Denn unsere Jungs machen sich vor allem in der 7. und 8. Klasse eins nicht: Stress in der Schule. Anders als manches Mädchen.

Das sind natürlich alles Klischees! Es stimmt NICHT, dass Mädchen in der Schule alle lieb und fleißig sind und gerne Mandalas ausmalen und dass Jungs alle faul und wild sind und eine miese Handschrift haben. Aber TENDENZIELL ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass viele Jungen in der Schule anders drauf sind als Mädchen.

Bildungsforscher haben daraus in den vergangenen Jahren immer wieder abgeleitet, dass Jungs es in der Schule schwerer haben als Mädchen. Weil der Unterricht einfach mehr auf ausmalfreudige Mädels zugeschnitten sei. Von einer Jungskrise war die Rede.

Und ja, wenn Jungen an Lehrer geraten, denen ausmalfreudige Mädchen am liebsten sind, kann das schwierig werden. Plus: Mädchen bekommen im Schnitt bessere Noten, wechseln häufiger aufs Gymnasium, landen seltener auf Förderschulen…, haben es also leichter.

Ich halte die Klischees im Schnitt auch nicht für falsch. Mädchen sind eher angepasster, Jungs machen häufiger Blödsinn und folgen dem Unterricht weniger. Das ist eine Beobachtung, die ich schon von einigen Lehren gehört habe. Aber natürlich nur im Schnitt. Genug Jungen arbeiten auch genauso mit und machen ihre Aufgaben, und es gibt auch faule Mädchen.

Sie schildert dann das Folgende:

Statistisch betrachtet ist das alles richtig – und trotzdem falsch.

Statistiker werten Zahlen aus, Eltern hören sich den Schulfrust ihrer Kinder an, und da haben Töchter mindestens genau so viel zu bieten wie Söhne. Beim letzten Kneipenabend mit anderen „Mädchenmüttern“ – aus der Klasse meiner Tochter – kamen diverse Geschichten auf den Tisch, die zeigen, dass Mädchen in der Schule oft genug ziemlich ungerecht behandelt und eben nicht bevorzugt werden:

7. Klasse, neue Sitzordnung: Lea muss mal wieder neben Torben sitzen, das dritte Schuljahr in Folge. Torben stört immer wieder, beleidigt andere, auch Lea. Sie will deshalb nicht schon wieder neben ihm sitzen. Aber die Lehrerin bleibt dabei. Torben verhalte sich dann ruhiger, und Lea könne ihm helfen, sagt sie. Lea habe sich zwar etwas verschlechtert, aber Torben sei neben ihr besser geworden. „Deshalb bleibt das jetzt so.“

8. Klasse, Bio: Joana wird in eine Referatsgruppe eingeteilt, drei Mädchen, zwei Jungen. Die Mädchen arbeiten immer wieder am Thema, die Jungs machen nicht mit. Die Mädchen verteilen Aufgaben für zu Hause, auch an die Jungen. Sie erledigen ihren Part aber nicht. Die Mädchen schreiben ihnen deshalb auf Karteikarten, was sie im Referat sagen sollen. Das machen sie. Am Ende bekommen alle eine Zwei.

5. Klasse, Sport: Die Lehrerin teilt die Klasse zum Fußballspielen in zwei Gruppen ein, getrennt nach Jungen und Mädchen – und damit offenbar auch getrennt nach „guten“ und „schlechten“ Fußballern. Zwei „schlechte“ Jungen müssen zu den Mädchen. Dort wiederum regt die Lehrerin an: „Carla, du spielst gut. Geh du mal zu den Jungs rüber.“

9. Klasse, Geschichte: Der Lehrer teilt Gruppen für Referate ein: drei Mädchen und Tim. Aber Tim macht nicht mit. Die Mädchen fordern ihn mehrfach auf, aber er hat keine Lust. Die Mädchen halten das Referat schließlich allein, Tim steht daneben. Am Ende gibt der Lehrer allen eine Drei minus: Inhaltlich sei das Referat zwar gut gewesen, aber die Mädchen hätten Tim „nicht integriert“.

Bereits der Ansatz ist natürlich wenig neutral. Natürlich fallen Mädchenmüttern eher die Punkte auf, wo ihre Kinder benachteiligt sind.

Ein Kommentator unter dem Artikel schreibt dazu passend:

Meine beiden Söhne hatten das auch schon andersrum: Mädchen, deren Beitrag zu Referaten bescheiden bis nicht vorhanden war. Und natürlich gab es das auch schon mit anderen Jungs. Und — jetzt kommt’s: auch mit meinen. Das Problem ist eher, wer gerade besonders schwer an Pubertät erkrankt ist. (Leiden tun vor allem die anderen.) Momentan kann ich mir jeden Tag anhören, dass es in Mathe und Physik nicht voran geht, weil bestimmte Mädchen (natürlich nicht alle) nichts raffen und darauf natürlich besondere Rücksicht genommen wird. Es sei einfach nur noch langweilig. Macht’s nicht so sehr am Geschlecht fest. Noch nicht mal am Individuum.

Ein anderer schreibt:

Ok, aus den persönlichen Beobachtungen von Frau Silke Fokken werden nun Schlüsse für die Allgemeinheit gezogen, oder wie? In meiner Schulzeit wurden Jungs aufgefordert, nicht so oft aufzuzeigen, wenn der LehrerIn eine Frage stellte. Dies würde die Mädchen verunsichern. Die Jungs sollten also auf Wortbeiträge zu Gunsten der Mädchen verzichten. Einige unserer Nerds wurden gerade in Mathe oder Physik von einigen Mädels geradezu belagert um ihnen die Hausaufgaben zu erledigen, die haben dann mitgemacht in der Hoffnung vielleicht mal eine Freundin abzukriegen, was aber natürlich nie geklappt hat. So gibt es immer zwei Seiten einer Medaille, das die eine Seite solcher persönlicher Erlebnisse es aber sogar als Kolumne auf SPON schafft, ist etwas verwunderlich

Und ein weiterer Kommentar:

Mit Verlaub, aber selten hat mir ein Text bei SPON soviel Anlass dazu gegeben, mich zu echauffieren. Es ist schon eine Kunst (wenn auch heutzutage keine seltene mehr), alles, alles aber auch wirklich alles zu Ungunsten des männlichen Geschlechts zu deuten. „Mädchen haben gemeinhin mehr Erfolg in der Schule? Das kann nicht damit zusammenhängen, dass es Jungs oft schwerer haben. Mädchen sind einfach fleißiger.“ – oder – „Mädchen A arbeitet mehr, als Junge B? Das kann nichts mit den Herangehensweisen der konkreten Kinder zu tun haben. Jungs heimsen sich einfach grundsätzlich die Lorbeeren der Mädchen ein.“ Meine Schulzeit ist noch nicht lange her. Und, glauben Sie mir, so, wie Sie es schildern, ist es nicht. Trotzdem aber ist Ihre Geisteshaltung die allgemein anerkannte: Jungs und Männer werden schlichtweg für faule Stücke gehalten. Viele Lehrerinnen – die gegenüber Lehrern ja in der Überzahl sind – machen daraus letztlich auch keinen Hehl. So werden Jungs, die sich tatsächlich nicht sehr für die Schule begeistern können, erst recht demotiviert. Die Jungs werden zu Verlierern, und das weibliche Geschlecht darf sich moralisch weiter überlegen fühlen, denn es ist ja ‚tendenziell‘ fleißiger.

Politische Korrektheit in der Schule und Notendruck

Eine Lehramtsreferendarin schreibt einen Artikel dazu, warum sie keine Lust mehr darauf hat, Lehrerin zu werden: Sie findet, dass es nur noch um Noten geht und nicht mehr darum, ob die Kinder etwas lernen.

Sie führt folgendes Beispiel an: (oder hier in einer längeren Version)

Als ich in einer neunten Klasse eine Vertretungsstunde über die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hielt, teilte ich einen Arbeitsbogen aus. Die Schüler sollten ankreuzen, welchen Thesen sie zustimmen und welchen nicht. Eine lautete: „Männer sollten immer die Hauptverdiener einer Familie sein.“ In der Auswertung zeigte sich, dass alle 25 ihr Kreuz brav bei „Nein“ gesetzt hatten.

Ich notierte die Antworten an der Tafel. Das Bild hätte jedem Gleichstellungsbeauftragten Tränen der Rührung in die Augen getrieben. Bei nahezu jeder These hatten die Schüler offenbar ein und dieselbe emanzipierte, politisch korrekte Meinung.

Ich wendete mich an die Jungs der Klasse: „Stellt euch vor, ihr wärt jetzt 30 und hättet eine kleine Familie. Eure Frau verdient 1000 Euro mehr pro Monat als ihr. Deshalb könnt ihr euch mehr leisten, das ist natürlich gut. Aber Hand aufs Herz: Wer von euch hätte heimlich ein Problem damit, dass er weniger Geld nach Hause bringt als seine Frau?“

Kein einziger Schüler zeigte auf, aber ich sah, wie einige sich gegenseitig angrinsten. „Das hier ist eine Vertretungsstunde, es gibt keine Noten“, sagte ich. Und siehe da: Ein Arm nach dem anderen ging nach oben. Von 14 Jungen beantworteten schließlich 13 die Frage, ob sie ein Problem damit hätten, wenn ihre Frau die Hauptverdienerin ist, mit „Ja“.

„Warum habt ihr da dann eben mit ‚Nein‘ geantwortet?“ – „Na ja, weil das halt die richtige Antwort ist“, sagte ein Schüler. „Aber ihr solltet ja eure persönliche Meinung äußern. Kann es da denn ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ geben?“ – „Klar, wenn es um die mündliche Note geht!“

Der Zensurendruck ist allgegenwärtig. Die Schüler würden ohne Weiteres wohl sogar das Telefonbuch auswendig lernen, wenn man ihnen dafür eine Eins in Aussicht stellt.

Das ist denke ich auch etwas, was viele Social Justice Leute nicht wirklich verstehen: Man kann Leute abgesehen von einem totalitären Staat nicht beliebig indoktrinieren, die Leute behalten nach wie vor ihre Meinungen, sie äußern sie dann eben nur nicht.

Abgesehen davon finde ich aber die Frage auch schlecht gestellt. „Männer sollten immer…“ und dann nur Ja und Nein Antworten? Das macht auch wenig Sinn da Nein anzukreuzen. Wenn sie Hochqualifiziert ist und er Hilfsarbeiter, dann macht es wohl kaum Sinn, dass er Hauptverdiener ist. Und ihre weitere Frage ist natürlich auch eine andere: Hier geht es um die jeweiligen Leute selbst und  nicht abstrakt um alle Familien. Und es geht auch nur darum, dass man damit ein „Problem“ hat. Was weit weniger ist als eine absolute Aussage, dass es immer so ist.

Es gibt ja durchaus berechtigte Ängste in dieser Richtung:

Meiner Meinung nach hat sie damit die Position auch vollkommen falsch aufgebaut für eine tatsächlich kontroverse Diskussion. Sie hat von vorneherein nur die Jungs gefragt, nicht auch die Mädchen, ob sie sich etwa einen Partner vorstellen könnten, der weniger verdient. Sie hätte auch eine geheime Abstimmung machen können oder jeden drei Ängste und drei Vorteile auf eine Karte schreiben lassen können. Oder sie hätte einen kontroversen Text als Einstieg nehmen können (ich hätte da wie man oben sieht welche für sie) in denen es um entsprechende Ängste geht. Aber dann hätte sie natürlich auch selbst weniger politisch korrekt sein müssen, und das als Referendarin mit ihrer Ausbildungslehrerin im Hintergrund. Es wäre interessant, ob sie sich das getraut hätte, auch in Bezug auf ihre eigene Note (meines Wissens nach ist bei Gymnasiallehrern mit ihrer Fächerkombination der Markt gerade ziemlich dicht). Wer eine kontroverse Diskussion möchte, der muss eben Vertrauen aufbauen, deutlich machen, dass er nicht verurteilt und verhindern, dass er die Leute in eine Alles oder Nichts, Dafür oder Dagegen Situation bugsiert, sondern auch die Möglichkeit gibt, Ängste oder Gründe, die es nicht ausschließen, die aber auftreten können und die Nachteilhaft sein können zu artikulieren. Wer ein Thema für eine Diskussion aussucht, bei dem sie davon ausgeht, dass es keine guten Gründe für die Gegenposition geben kann, der hat eben ein schlechtes Thema ausgesucht.

Ein anderer Beispiel in dem Text ist dieses:

Aber unser Bildungssystem ist so leistungsorientiert, dass es individuelle Bedürfnisse der Kinder völlig außer Acht lässt. Entwickelt werden sollen lediglich Kompetenzen, nicht Persönlichkeiten – und zwar so schnell und gleichzeitig soumfassend wie möglich, was natürlich schon ein Widerspruch in sich ist. Und bei Schülern wie Fridolin schlichtweg nicht funktioniert.

Der 14-Jährige ist, euphemistisch ausgedrückt, eine Herausforderung. Schon in meiner ersten Stunde ließ er mich auflaufen. Er kritzelte auf sein Namensschild „Kevin-Mercedes“ anstatt seines richtigen Namens und lachte ausgiebig über seinen Gag. Lautstark unterhielt er sich über mehrere Reihen hinweg mit seinen Kumpels, begann zu singen, fiel mir ungefragt und frech ins Wort und zeigte sich immun gegenüber jedem Aufruf zur Räson. Kurzum: Der Backfisch sprengte mir die ganze Stunde. Er bettelte förmlich um meine Aufmerksamkeit und sei diese noch so negativ.

„Nehmen Sie das nicht persönlich“

Sauer war ich auf Fridolin nicht. Man muss kein Psychiater sein, um zu checken: Das Kind hat Probleme. Er verhält sich doch nicht so, weil er so gern vom Lehrer getadelt wird – da steckt doch etwas anderes dahinter.

Ich sprach eine Kollegin auf ihn an. „Ja, er ist sehr schwierig. Nehmen Sie das nicht persönlich“, sagte sie sofort. Sie wisse auch nicht, was da los sei. Aber das Einzige, was wir machen könnten, sei Druck über Noten ausüben. „Wenn er stört, sagen Sie ihm einfach, dass Sie ihm für die Stunde eine Fünf oder eine Sechs eintragen. Das wirkt.“

Das wäre dann der typische Klassenclown, der wahrscheinlich meist ein Junge sein wird. Negative Aufmerksamkeit ist in der Tat zumindest Aufmerksamkeit, allerdings ist „Widerstand“ gegen die Autorität des Lehrer mitunter auch einfach eine Möglichkeit „Cool“ zu sein und insofern Status aufzubauen. Ich finde ihre Einstellung, dass man da schauen muss, was eigentlich dahinter steht gut. Natürlich kann es für einen Lehrer schlicht bequemer sein, ihn einfach mit schlechten Noten zur Ordnung zu bringen und das Problem auf diese Weise zu lösen.

 

„Sind die Jungs die neuen Verlierer?“ (in der Schule)

Ein interessanter Artikel im Spiegel bringt folgendes:

  • Mädchen haben tatsächlich im Schnitt bessere Schulnoten. Das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hat für das Jahr 2007 eine Geschlechterstatistik zu den Abiturnoten erstellt: Demnach hatten 40 Prozent der Jungen eine Abiturnote, die schlechter als 3,0 war – aber nur 33,4 Prozent der Mädchen. Auch andere Untersuchungen belegen den Vorsprung der Mädchen. Nur: Neu ist das keineswegs. Bereits in den Siebzigerjahren fiel dem Erziehungswissenschaftler Karlheinz Ingenkamp der Notenvorsprung der Mädchen auf. In Großbritannien stieß eine Untersuchungskommission sogar schon hundert Jahre zuvor auf das gleiche Phänomen.
  • Interessant ist eher, dass der Rückstand der Jungen so lange nicht weiter problematisiert wurde. Das mag damit zusammenhängen, dass Jungen zwar schon lange die schlechteren Noten hatten, am Ende aber doch häufiger die höheren Schulabschlüsse erzielten. In den Fünfzigerjahren ging nur jedes dritte Abiturzeugnis in der Bundesrepublik an eine junge Frau. Warum sollte man die Tochter in den Nachkriegsjahren auch aufs Gymnasium schicken, wenn ihr doch ein Leben als Hausfrau und Mutter vorherbestimmt zu sein schien? Dieses Geschlechterklischee gilt glücklicherweise nicht mehr. Die Folge: Seit den Neunzigerjahren ist mehr als die Hälfte der Abiturienten weiblich

Also ein Problem, welche in der Anzahl der Abschlüsse untergegangen ist.

Damit ist nun auch die Frage ins Bewusstsein gerückt: Warum tun sich Jungen in der Schule schwer? Einiges scheint auf biologische Ursachen hinzudeuten. So kommen zum Beispiel mehr Jungen als Mädchen mit einer – mehr oder weniger starken – geistigen Behinderung zur Welt und scheitern daher auch häufiger in der Schule. Forscher machen dafür Defekte auf dem X-Chromosom verantwortlich. Frauen haben zwei dieser Chromosomen und können solche Defekte deshalb eher kompensieren.

Mädchen sind in ihrer Entwicklung außerdem schneller als Jungen, lernen oft früher das Lesen und kommen früher in die Pubertät. Es gibt aber auch Untersuchungen, die Entwicklungsvorteile zugunsten der Jungen ausmachen, etwa beim mathematischen Denken. (Einen kurzen Abriss dazu finden Sie hier in einem Aufsatz der Bildungsforscherin Margrit Stamm.)

In der Tat sollte man sich davor hüten hier das Äquivalent zum Gender Pay Gap im Maskulismus aufzubauen: Ein schlechtere Note muss noch nicht eine Diskriminierung belegen-

Es mag also durchaus Unterschiede geben, die angeboren sind. Wer aber alles auf die Biologie schieben will, macht es sich zu einfach. Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass die Geschlechtergefälle höchst verschieden ausfallen können – also Kultur, Erziehung und das Bildungssystem ebenfalls einen gewichtigen Einfluss haben müssen. In Israel verfehlten im Pisa-Test zwölf Prozent mehr Jungen als Mädchen grundlegende Kompetenzniveaus. In Shanghai dagegen war der Geschlechterunterschied minimal. (Die Pisa-Auswertung zur Geschlechtergerechtigkeit finden Sie hier.)

Auch das könnte natürlich an biologischen Unterschieden liegen, aber auch an anderen Faktoren.

Auch Männer geben Jungen die schlechteren Zensuren

Manche sehen den Grund für den Nachteil der Jungen in einer „feminisierten Schule“. Auf den ersten Blick mag das einleuchten: Die Schule ist heute ein Frauenarbeitsplatz: Rund 71 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland waren im Jahr 2013 weiblich, an den Grundschulen waren es sogar 90 Prozent.

Wären mehr männliche Lehrer also die Lösung? Wohl kaum, meint der Bildungsforscher Marcel Helbig, der verschiedene Studien zum Thema ausgewertet hat. Jungen haben demnach keine besseren Noten, nur weil sie von männlichen Lehrern unterrichtet werden – auch Männer geben Jungen die schlechteren Zensuren.

Woran liegt es dann? Die Haupterklärung seien Rollenbilder der Jungen und ihr Verhalten im Unterricht, schreibt Helbig. Ähnlich argumentieren auch die Pisa-Forscher in ihrer Studie und führen zum Beleg verschiedene Kennwerte an:

  • Mädchen strengen sich mehr an: In Deutschland verbringen 15-jährige Mädchen im Durchschnitt 5,5 Stunden pro Woche mit Hausaufgaben. Die Jungen investierten nach eigenen Angaben nur 3,8 Stunden.
  • Lesen bildet, aber Jungen meiden es: 72,5 Prozent der befragten Mädchen in Deutschland gaben an, dass sie zum Vergnügen lesen – aber nur 45,1 Prozent der Jungen.
  • Jungen schätzen den Wert der Schule geringer ein als Mädchen: 93,7 Prozent der Mädchen in Deutschland lehnen die Aussage ab, die Schule sei Zeitverschwendung. Unter den Jungen weisen nur 85 Prozent diesen Satz zurück.

Sich für die Schule anzustrengen, vermuten die Forscher, gilt in Jungen-Cliquen häufiger als uncool. Erfolg in der Schule hat man oder eben nicht – sich darum zu bemühen, passt offenbar nicht zum häufig vorherrschenden Männlichkeitsideal. Ein richtiger Junge soll Lehrer eher infrage stellen, statt ihren Anweisungen zu folgen. Unter Mädchen scheint die Vorstellung dagegen weitaus akzeptierter zu sein, dass gute Noten auch mit Mühe und Arbeit zu tun haben.

Das wären ja in der Tat auch deutliche Unterschiede.

Jungs, die den Unterricht stören

Eine befreundete Lehrerin erzählt bei einem Treffen von einem stressigen Tag. Ein Schüler, 5 Klasse, sei super aggressiv, er störe immer alle und habe sich auch schon mit anderen Schüler geschlagen. Er hat keine Freunde in der Klasse, aber das wäre bei seinem Verhalten auch kein Wunder. Sie habe ihn jetzt mal beiseite genommen, ihn gefragt, warum er das mache, ob es Probleme zuhause gebe, aber er hat es auch nicht erklären können. Sie hat ihn dann ermahnt und ihm noch mal deutlich gemacht, dass es ernst wird, wenn er so weiter macht.

Nachmittags habe sie dann mit seiner Mutter telefoniert. Die hat einen ganz guten Eindruck gemacht, sie hat ihr gesagt, dass sie sich das auch nicht erklären kann, der Junge sei auch bei ihnen kaum zu bändigen. Irgendwie fühlt er sich wohl als Außenseiter. Die Mutter spricht gutes deutsch, der Mann aber wohl nur Russisch, deswegen werde auch dort nur russisch gesprochen. Der Vater sei wohl mitunter sehr darauf aus, dass der Sohn sich durchsetzt. Aber Gewalt, damit habe man gar nichts zu tun.

Er stört jedenfalls den Unterricht. Und wegen zwei anderer Jungs musste sie auch mit den Eltern telefonieren. Sie haben Stunden geschwänzt und auch den Unterricht gestört. Sie hat die Klasse gerade zum neuen Schuljahr übernommen und es müssen sich wohl noch alle finden.

„Alles Jungs, die stören?“ frage ich. „Ja“ bestätigt sie, die Mädchen seien wesentlich braver und einfacher. „Vielleicht muss man einen Weg finden, der da die Jungs besonders berücksichtigt?“ frage ich mal. „Tja, das ist schwierig, man hat ja die ganze Klasse zu managen, man kann versuchen, die mehr einzubinden, aber letztendlich hat man im Unterricht auch nicht so viel Möglichkeiten. Gerade bei den richtigen Störern ist es sehr schwer. Und natürlich sind auch die Lehrer nicht so unmotiviert, die loswerden. Die sind gerade neu auf der Realschule, wenn die eine schlechte Bewertung bekommen, dann gehen sie nächstes Jahr auf die Hauptschule. Das erklärt man ihnen alles und den Eltern auch. Mal sehen, ob es wirkt. Aber so schlimm findet man es natürlich auch nicht, wenn man danach eine ruhigere Klasse hat“

Auch das kann ich verstehen. Man schaut schon, dass man ihn etwas diszipliniert, versucht es über die passenden Kanäle, Eltern etc. Aber es ist auch menschlich, dass man eine ruhigere Arbeit möchte und ein Kind, bei dem man es versucht hat, auch nicht ungern gehen sieht.

Wie man ganz feministisch verhindert, dass Jungs in der Schule schlechter abschneiden

Ein Artikel, der einen Vorschlag macht, wie man das schlechtere Abschneiden von Jungs in der Schule verhindern kann. Sie führt zuerst an, warum sie das Thema auf eine bestimmte Weise emotional berührt:

I find it a little hard to get as exercised as many people appear to do about the relatively poor performance of boys at school. Part of the reason I am fairly relaxed about this may be entirely selfish – I have daughters. But part of it is because I cannot help but notice that this lack of academic prowess in no way seems to hold the male gender back when it comes to the world of work.

We know, for example, that even though girls go to university in greater numbers than boys (100 to 80) and generally outperform them, winning the majority of university medals and distinctions, they are paid less from the very first day they enter the workforce. This pay gap is estimated to add up to about $1 million across their lifetime. Women remain clustered in low paying, feminised occupations. They are much more likely to work part-time. They are much less likely to be promoted and remain remarkable for their invisibility at any table where major decisions get made. Worse, for many women a lifetime of low pay ends up in a poverty-stricken old age. The majority of those eeking out an existence on the single pension (currently at $737 a fortnight) are women and they are the lucky ones. The fastest growing group among the homeless is women over 55

Ein Ansatz, den ich schon häufiger gelesen habe und mit dem glaube ich gerne Kritik dieser Art abgefangen wird: Den Jungs geht es besser als den Mädchen nach der Schule, also warum sollte man überhaupt Arbeit hineinstecken um ihnen zu helfen? Dann wird die Lücke ja eher noch größer.

Auch großartig: ein „die am schnellsten wachsende Gruppe“-Argument, der Freund jeder falschen Darstellung. Dass sie immer noch relativ gesehen einen äußerst kleinen Anteil an der Gruppe der Obdachlosen haben und eine Vergrößerung von 0,1 auf 0,2 immer noch eine Verdoppelung ist (fiktive Zahlen) ist da egal.

Auch schön ihr Einwand, dass sie ja nur Mädchen hat. Man möchte für einen potentiellen Sohn denken: Auch besser so.

Wie wird diese Menschenfreundin das Problem wohl lösen?:

Boys do relatively poorly at school and university not because they are dumber than girls or because they find it harder to sit still (board tables, executive suites, parliamentary chambers and cabinet rooms seem untroubled by men unable to sit for long periods of time), but because they can. Think about it. Boys are not stupid, they look at the world and they see that their gender gets a relatively easy ride thanks to patriarchy. They kick back at school a bit because – quite sensibly – they see that they simply don’t need to work as hard to get ahead. If we compare lifetime female earnings with lifetime male ones, this strategy appears to pay off for most of them but it does cost some of them a great deal in the long run. (Patriarchy is bad for more than women.)

Ich würde eher vermuten, dass die meisten ihren Vater sehen und wissen, dass sie später das Geld werden verdienen müssen. Und das sie wesentlich mehr danach bewertet werden, ob sie dieser Aufgabe auch nachkommen. Sie scheint zu meinen, dass es vollkommen reicht, wenn Männer davon ausgehen, dass Männer als Gruppe mehr verdienen. Dass sie sich dabei in einer erheblichen intrasexuellen Konkurrenz um den Aufstieg befinden und den Führungsposten nicht etwa geschenkt bekommen, sondern oft genug durch zahlreiche Überstunden und hohen Einsatz verdienen müssen, dass scheint ihr gar nicht in den Sinn zu kommen.

Girls are not stupid either. They look at the world and see that if they want to get ahead at all they are going to have to work their guts out to prove their worth. They can’t just be as good (or as bad) as the boys, they have to be much better. That’s a big incentive to put the required effort in.

Also die Mädchen durch ihre Unterdrückung hoch motiviert? Das ist immerhin eine neue feministische These.

So, here is my recommendation if we really want to increase the performance of boys at school – stop giving them an easier ride than the girls when they leave it.

When the world is more equal for women to the extent that men really have to compete with them, I guarantee you boys will do better at school

Wenn man nur eine Sicht auf die Welt haben kann, nämlich die, dass Männer es einfacher haben als Frauen und Frauen unterdrückt werden, dann erscheint das wohl tatsächlich als Lösung. Die verwöhnten Plagen haben es eben zu einfach. Statt also Jungs zu unterstützen, müssen wir einfach Männer mehr runter machen und schon wird alles besser.

Das Patriarchat schadet eben auch den Männern und der Feminismus hat eigentlich gar nichts gegen sie.

 

vgl auch

Jungenkrise, männliche Rollenbilder und Amoklauf

In verschiedenen Artikeln wird der jüngste Amoklauf in Newtown mit der allgemeinen Jungenkrise in Verbindung gebracht:

Walter Holstein schreibt im Tagesspiegel in dem Artikel „Warum Männer Amok laufen„:

Die Zahl der Problemjungen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Legastheniker, Kinder mit dem ADHS-Syndrom, Schulversager oder Frühkriminelle sind fast ausschließlich Jungen. Der 18-jährige Amokläufer von Emsdetten bringt es in seinem Abschiedsbrief lakonisch auf den Begriff: „Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.“ Da liegt dann Rache als „Ausweg“ nahe.(…)

Die Folgen bezeichnet eine große empirische Studie des Heidelberger Sinus-Instituts über „20-jährige Frauen und Männer“: Die jungen Männer „sehen sich unter hohem Performance-Druck. Sie können und sollen heute auf alle Ansprüche flexibel reagieren: Sie sollen Frauenversteher, durchtrainierte Machos, Kinderwagen schiebender Papa und Karrieretyp sein. Das Dilemma ist: Egal, für welche Rolle sie sich entscheiden: der Erfolg ist ihnen nicht garantiert“. Insofern hätten sie immer mehr Angst vor der Zukunft und befürchteten sogar, demnächst überflüssig werden zu können. Zu solchen Ängsten trägt der Zeitgeist fleißig bei. Was einmal in der öffentlichen Darstellung – sicher idealisiert – die „Krone der Schöpfung“ gewesen ist, erscheint nun – sicher übertrieben – als Latrine der Gegenwart: unnütz, böse, aggressiv und degoutant.

Ein anderer Artikel noch zu Columbine sieht eher zu starke Rollenbilder in der Verantwortung:

Numerous other media targeting boys convey similar themes. Thrash metal and gangsta rap, both popular among suburban white males, often express boys‘ angst and anger at personal problems and social injustice, with a call to violence to redress the grievances. The male sports culture features regular displays of dominance and one-upsmanship, as when a basketball player dunks „in your face,“ or a defensive end sacks a quarterback, lingers over his fallen adversary, and then, in a scene reminiscent of ancient Rome, struts around to a stadium full of cheering fans.

How do you respond if you are being victimized by this dominant system of masculinity? The lessons from Columbine High – a typical suburban „jockocracy,“ where the dominant male athletes did not hide their disdain for those who did not fit in – are pretty clear. The 17- and 18-year-old shooters, tired of being ridiculed or marginalized, weren’t big and strong and so they used the great equalizer: weapons.

Ich frage mich auch, ob die Rollenbilder für Jungs sich wirklich so gewandelt haben. Die gesamte Genderdiskussion ist ja in der Bevölkerung selbst nur relativ unzureichend angekommen. Die Jungs orientieren sich nicht an den Lehrerinnen, sondern an ihrem Umfeld, ihren Peers. Sicherlich gibt es unterschiedliche Rollenerwartungen, allerdings gab es auch schon immer coole und uncoole Jungs, brave und weniger brave. Es gab schon immer Aussenseiter und Populäre.

Die Eingebundenheit von Schülern erfolgt nicht über Lehrer, sondern über ihre Cliquen und ein Lehrer kann denke ich nur sehr eingeschränkt in diese Strukturen eingreifen. Ein „Seid doch mal nett zu dem Außenseiter“ bringt wenig, wenn er einfach ein merkwürdiger Kerl ist.

Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass ganz unterschiedliche Erwartungen wie oben geschildert bei einigen Jungs das Gefühl verschärfen, dass gerade sie Außenseiter sind. Problem ist insofern vielleicht auch, dass Kinder heute einfach schon wesentlich mehr Sachen aus dem Erwachsenenbereich machen können, früher Beziehungen haben, früher Sex haben und damit auch einfach früher auffällt, dass sie in dem Bereich Defizite haben. Ob diese Defizite durch mehr männliche Kontaktpersonen aufgehoben werden können ist eine interessante Frage. Ich bin da eher skeptisch.

Hier ist aber besonders zu bedenken, dass gerade dieser Täter hier sehr wahrscheinlich Probleme hatte, die nicht mit seinem Umfeld zusammenhängen. Bei ihm scheint eher einiges für eine gewisse Veranlagung zu sprechen, die vollkommen unabhängig davon ist, ob Lehrer oder Lehrerinnen um ihn herum sind.

Auch anderweitig gab es Kritik an Hollsteins Text:

Aber weil Hollstein anscheinend nur ein Thema kennt, wird halt passend gemacht, was ihm so einfällt: Das muss natürlich sein, dieses Zusammentreffen von Schule und Gewalt aus der Hand eines jungen Mannes, weil in den Schulen die Frauen das Sagen haben, denn: „Jungen wachsen heute in einem engen Frauenkäfig von Müttern, Omas, Tanten, Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen auf.“ (Dass in den Einkaufszentren und Kinos Frauen das Sagen hätten, will das auch jemand behaupten?) (…)

Wie ahistorisch ist dieser Blick eigentlich? Bis vor hundert Jahren waren Schulen nahezu ausschließlich männlich geprägt – Lehrer, Erzieher, Psychologen, all das waren seinerzeit Männer, und sind deshalb die wenigen Mädchen, die zur Schule gehen durften, mordende Psychopathinnen geworden? Und ist es nicht auch so, dass schon seit geraumer Zeit – nennen wir es mal: seit Beginn der Aufzeichnungen zu diesem Thema, also geschätzt seit dem Beginn der Geschichtsschreibung – es immer Männer waren, die weltweit den Großteil der physischen Gewalttaten verübt haben? Also auch schon lange bevor der Feminismus zu jener alles umfassenden Krake geworden sein könnte, die Hollstein und seine Glaubensgenossen sich da zusammenphantasieren? (…)

Die Ironie der Haltung Hollsteins liegt ja darin, dass sie alles andere als aufrecht, stolz und weltgegerbt daherkommt, was man früher mannhaft nannte: es ist eine weinerliche, unerwachsene Trotzreaktion darob, dass die Welt sich entwickelt und dabei nicht fortwährend nett zu ihm und den ach so leidenden Männern ist, deren Geschlechtsgenossen seltsamerweise immer noch die Spitzenpositionen weitgehend unter sich ausmachen. Immer sind die anderen schuld, fast immer die Frauen und vor allem die bösen, bösen Feministinnen; und die Weltsicht ist dann so beschränkt, dass man in allem nur diese eine Ursache am Werke sieht.

In der Tat dürfte es männliche Amokläufe schon zu Zeiten gegeben haben, bei denen die Lehrerinnen noch nicht so zahlreich waren. Es ist aber gleichzeitig lustig, dass ein überzeugter Feminist hier kritisiert, dass immer die anderen schuld sind und man in allem nur diese eine Ursache am Werke sieht. Insbesondere wenn man im Satz davor anführt, dass die Männer „seltsamerweise immer noch die Spitzenpositionen weitgehend unter sich ausmachen“.

In eine ähnliche Kerbe haut Dr. Mutti:

Aber vielleicht doch in der Schule? Wäre doch möglich, dass dort andere Regeln gelten als im Kindergarten. Sicher ist das so. Nur waren auch zu einer Zeit, als mehr oder sogar ausschließlich Männer in den Schulen unterrichtet haben, bei Schulmassakern ausnahmslos Männer die Täter – wie etwa bei dem Amoklauf von Bremen 1913, dem Schulmassaker von Bath 1927 oder dem Attentat von Volkhofen 1964. Darüber hinaus richten sich viele Schulmassaker gegen weiterführende Schulen, an denen das Geschlechterverhältnis bei den Lehrenden deutlich ausgewogener als an Grundschulen ist. Hollstein selbst zitiert Robert Steinhäuser, der 2002 in Erfurt 17 Menschen und sich selbst erschoss: “Das Einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin.”. Nur tötete Steinhäuser nicht in einer Grundschule, sondern an einem Gymnasium. Der Amoklauf von Ansbach im Jahr 2009 traf ebenfalls ein Gymnasium. Die Amokläufe von Emsdetten 2006 und Winnenden 2009 geschahen an Realschulen. “Schule ist für viele Jungen in den letzten Jahren zu einem Horrortrip geworden”, behauptet Hollstein. “Da liegt dann Rache als „Ausweg“ nahe.” Warum aber sollten nochmal die Grundschulen, und nicht die Realschulen oder Gymnasien, der Hort des Schreckens sein? Ach ja, wegen der Frauen und der Schmetterlinge, die den Jungen das Mannsein verleiden.

Soweit kann ich die Kritik durchaus teilen.

Hugo Schwyzer schreibt zu solchen Amokläufen:

Are white men particularly prone to carrying out the all-too-familiar mass killings of which last week’s Aurora shooting is just the latest iteration? Is there something about the white, male, middle-class experience that makes it easier for troubled young men to turn schools and movie theaters into killing fields? In a word, yes.

Perhaps the greatest asset that unearned privilege conveys is the sense that public spaces “belong” to you. If you are—like James Holmes last week, or Charles Whitman, who killed 16 people on the University of Texas, Austin campus in 1966—an American-born, college-educated white man from a prosperous family, you don’t have a sense that any place worth being is off-limits to the likes of you. White men from upper middle-class backgrounds expect to be both welcomed and heard wherever they go. When that sense of entitlement gets frustrated, as it can for a host of complex psychological reasons, it is those same hyper-privileged men who are the most likely to react with violent, rage-filled indignation. For white male murderers from “nice” families, the fact that they chose public spaces like schools, university campuses, or movie theaters as their targets suggests that they saw these places as legitimately theirs.

Diese In-Besitznahme-Theorie aufgrund von Privilegien erscheint mir auch eher wenig plausibel. Sie wollen ja nicht Plätze besetzen, sondern sich an Leuten rächen. Und gerade bei dem letzten Vorfall passt es auch gar nicht. Denn eine Grundschule ist kein Platz, den er besonders besetzen muss, dafür war er bereits zu alt.

Ein weiterer Artikel haut ebenfalls in die „White males“-Kerbe:

Rachel Kalish and Michael Kimmel (2010) proposed a mechanism that might well explain why white males are routinely going crazy and killing people. It’s called „aggrieved entitlement.“ According to the authors, it is „a gendered emotion, a fusion of that humiliating loss of manhood and the moral obligation and entitlement to get it back. And its gender is masculine.“ This feeling was clearly articulated by Eric Harris and Dylan Klebold, the perpetrators of the Columbine Massacre. Harris said, „People constantly make fun of my face, my hair, my shirts…“ A group of girls asked him, „Why are you doing this?“ He replied, „We’ve always wanted to do this. This is payback… This is for all the sh*t you put us through. This is what you deserve.“

Warum man Gefühle wie Rache, den Wunsch nach Status, verletzten Stolz, nicht einfach als solche bezeichnen kann, leuchtet mir nicht ein.  Es muss gleich eine Berechtigung zu höherem sein, die man einverlangt.