Diversity-Barbie wird nicht gekauft

Ein interessanter Artikel beschreibt, wie eine Diversity Barbie ankommt:

Von solchen profanen Überlegungen befreite sich die Diversity-Barbie Kollektion und wurde im Netz und von Experten gefeiert. Die Fashionista-Line umfasst vier verschiedene Körpertypen, 22 Augenfarben und 24 verschieden Frisuren. Selbst die Schrittlänge wurde angepasst: Die neue Barbie beherrscht einen raumgreifenden Wanderschritt und muss nicht mehr trippeln. Manager Evelyn Mazzocco erklärte bei der Vorstellung salbungsvoll: „Wir glauben, wir habe eine Verantwortung, gegenüber Kindern und Eltern eine größere Bandbreite von Schönheit widerzuspiegeln.“

Nun zeigt sich allerdings, dass Diversity-Barbie an der Ladenkasse gnadenlos abgestraft wurde. Innerhalb eines Jahres brach der Puppenumsatz um 15 Prozent ein, die Gewinne von Mattel schrumpften zusammen. Die Verantwortung für eine „breitere Wahrnehmung von Schönheit“ wurde von den jungen Käuferinnen offenbar nicht geteilt.

Hier ein Bild:

Diversity Barbie wird nicht gekauft

Diversity Barbie wird nicht gekauft

Ursache ist vermutlich irgendwie das Patriarchat.

Ich bin gespannt, wann sie die „He-Man als normaler Mann„-Puppe herausbringen. Wird bestimmt auch ein Verkaufsschlager

 

Geschlechtertypisches Verhalten und sexuelle Orientierung

Eine interessante Studie hat geschlechtertypisches Verhalten und sexuelle Orientierung verglichen:

Abstract Lesbian and gay individuals have been reported to show more interest in other-sex, and/or less interest in same-sex, toys, playmates, and activities in childhood than heterosexual counterparts. Yet, most of the relevant evidence comes from retrospective studies or from prospective studies of clinically-referred, extremely gender nonconforming children. In addition, findings are mixed regarding the relationship between childhood gender-typed behavior and the later sexual orientation spectrum from exclusively heterosexual to exclusively lesbian/gay. The current study drew a sample (2,428 girls and 2,169 boys) from a population-based longitudinal study, and found that the levels of gender-typed behavior at ages 3.50 and 4.75 years, although less so at age 2.50 years, significantly and consistently predicted adolescents’ sexual orientation at age 15 years, both when sexual orientation was conceptualized as two groups or as a spectrum. In addition, within-individual change in gender-typed behavior during the preschool years significantly related to adolescent sexual orientation, especially in boys. These results suggest that the factors contributing to the link between childhood gender-typed behavior and sexual orientation emerge during early development. Some of those factors are likely to be nonsocial, because nonheterosexual individuals appear to diverge from gender norms regardless of social encouragement to conform to gender roles.

Quelle: Childhood Gender-Typed Behavior and Adolescent Sexual Orientation: A Longitudinal Population-Based Study

Ein Ergebnis, welches nach den biologischen Theorien, nach denen die sexuelle Orientierung und das geschlechtertypische Verhalten insbesondere durch pränatales Testosteron hervorgerufen werden und später unter der Wirkung der Sexualhormone, insbesondere auch Testosteron weiterentwickelt wird, gut zu erklären ist. Es ist allerdings aus meiner Sicht weit aus schwieriger mit sozialen Theorien zu erklären.

Yeyo dazu:

Wie er richtig anmerkt kann man auch überlegen, ob andere Kausalitäten vorliegen: Es könnte auch sein, dass tatsächliche geschlechteruntypisches Spielen schwul macht. Das wäre allerdings eine Interpretation, welche die meisten Genderfeministen wohl eher nicht vertreten werden wollen, da sie sehr konservativen Kreisen und ihren Ideen, dass man Kinder eben möglichst mit den für ihr Geschlecht typischen Spielzeug spielen lassen sollte, entspricht.

Es zeigt, folgt man der Theorie, dass beides – Geschlechteruntypisches Spielen und eine von der Norm abweichende Sexualität – auf einem gemeinsamen Grund beruht, nämlich den Hormonen, aber auch gut, wie dieser weit verbreitete Irrtum, dass das falsche Spielzeug die sexuelle Orientierung beeinflusst entstehen konnte. Es wäre dann eine schlichte Falschdeutung der Kausalitäten.

Das Selbstbewußtsein bei Kindern fördern

Eine Freundin von Südländerin war trotz der kalten Temperaturen und vergleichsweise sonniger in Südland zu Besuch nach Deutschland gekommen und hatte ihre Tochter mitgebracht, die 9 Jahre alt ist.

Damit dem Kind, dass auch kein Deutsch kann, nicht zu langweilig wird, hatten wir einige Aktivitäten eingeplant, den Besuch eines Tierparks, einen „Indoorspielplatz“ mit Trampoline und Gerüsten, Eislaufen, was Kindern eigentlich so Spaß macht.

Dabei war das Kind sehr sehr schüchtern. Den Affen etwas Futter geben? Zu gefährlich. Das Trampolinspringen? Oh weh, man könnte hinfallen. Das Eislaufen? Lieber erst gar nicht probieren.

Das Schlimmste dabei fand ich aber, dass die Mutter das alles mitmachte. Gut, sie versuchte das Kind mit zwei, drei Sätzen zu überzeugen, aber wenn das Kind dann nein sagte, dann hieß es „Nein, sie will leider nicht, sie wartet hier“.

Ich muss sagen, dass es mich wirklich enorm störte. Vielleicht ist sie schon von sich aus ein schüchternes Kind, aber man muss ihr doch dann gut zureden, sie einfach mal mitnehmen und auf so ein Trampolin stellen, ihr einfach zeigen, dass sie keine Angst haben muss.

Es störte mich vielleicht noch mehr, weil sie ein Mädchen ist. Nicht, dass es mich bei einem Jungen nicht gestört hätte, aber ich glaube tatsächlich ein Junge hätte es eher zumindest mal probiert und wäre so eher von selbst rausgekommen. Sie hatte es sich in ihrer Mutlosigkeit etwas bequem gemacht.

Also nahm ich sie an die Hand und zeigte ihr, dass die Affen ihr nichts tun können und sie ihnen ruhig einen Zweig durchs Gitter zuschieben kann. Ich trug sie einfach aufs Trampolin und zeigte ihr, dass sie auch langsam springen kann und sie ihr eigenes Tempo suchen kann und das es auch nichts macht, wenn sie mal hinfällt. Ich nahm sie mit aufs Eis, an den Rand und brachte ihr einen dieser Lernpinguine, an denen man sich als Kind festhalten kann, damit es einfacher ist.

Sie war immer noch sehr schüchtern, aber so langsam taute sie auf. Es machte ihr Spaß am Trampolin zu springen, wenn auch etwas zaghaft. Sie versuchte sogar ein paar kleine Tricks, wenn man ihr was vorführte. Sie ging auch bei anderen Tieren etwas mutiger mit. Sie ließ sogar mal den Rand los beim Schlittschuhfahren. Gut, einmal weinte sie etwas, als sie hingefallen ist. Aber es ging alles schon irgendwie. Und ich glaube es hat ihr Spass gemacht, sich da etwas zu überwinden. Gut, auf die Spitze des Klettergerüst hat sie sich dann nicht getraut, aber das ist ja auch okay.

Ich schimpfe dann heimlich etwas mit Südländerin über die Freundin, die könne doch nicht immer gleich klein beigeben, wenn die Tochter sich was nicht traut, wie soll sie den Selbstvertrauen bekommen, wenn sie nie etwas durchziehen muss? Südländerin stimmte zu: „Ja, das sollte sie wirklich, aber so was zu machen ist in Südland eher die Aufgabe des Vaters, und der will sie eben nur jeden Freitag einen Nachmittag sehen“ Ich fand das eine schlechte Ausrede, es ist ja immerhin auch ihre Tochter. Aber ich wollte mich jetzt auch nicht über Gebühr einmischen, sie war ja zu Gast.

Interessant fand ich aber die Frage, wer wohl üblicherweise Mädchen sonst eher fördert, wild zu sein. Sind es in anderen Familien auch häufiger die Väter, die Mädchen anregen, doch mal zu klettern oder etwas zu riskieren? Würden Mütter eher ihren Töchtern raten vorsichtig zu sein oder einfach weniger Situationen erzeugen, in denen sie mutig sein können ? Wäre interessant, ob es da Unterschiede im Schnitt gibt.

Simone de Beauvoir vertrat ja bereits die These, dass Mädchen, die bei Vätern aufwachsen „von der belastenden Weiblichkeit verschont bleiben“ und meinte “Ein Fluch, der auf der Frau lastet, besteht darin, daß sie in ihrer Kindheit Frauenhänden überlassen wird.” (S.348 ). Der Feminismus würde wohl auf „verinnerlichten Sexismus“ abstellen, die eine Frau zwingt auch ihre Töchter in die Frauenrolle zu drängen, weil sie sonst ihre eigene Unterdrückung realisieren würde.

Es würde mich interessieren, ob es da Untersuchungen gibt, wer so etwas eher mit den Kindern macht und was sich daraus ergibt.

Rosa Brotdosen und geschlechterabweichende Erziehung

Bei der Mädchenmannschaft beschreibt Melanie ihre Versuche ihren Sohn geschlechterneutral zu erziehen:

Sie macht ihm morgens sein Brot für den Kindergarten:

Ich lege also das Brot und seine halbe Banane wie jeden Morgen in die heißgeliebte, rosa Brotdose. „Ich will die rosa Brotdose nicht mehr mitnehmen!“

Das kommt unerwartet. Erst neulich hatte er gesagt, die anderen Kinder würden ihn auslachen oder sagen, er sei ein Mädchen. Ich bin dann zu seiner Erzieherin gegangen und habe sie drauf angesprochen. Sie selbst war verwundert und versprach, das Thema in der Morgenrunde noch mal anzusprechen.

Nun war ich bei dieser Morgenrunde nicht dabei. Minime kam nachmittags fröhlich auf mich zu gerannt und sagte: „Mama, Jungs dürfen auch rosa Brotdosen haben!“ (Dass sein Papa und ich das vorher auch gepredigt haben und ich ein kleines bisschen meine Autorität schwinden sah, weil die Worte der Erzieherin wohl mehr Einfluss haben als meine, lasse ich mal außen vor.

Zunächst erst einmal: Das rosa eine Jungsfarbe ist ist durchaus ein soziales Konstrukt, welches auch andersherum sein könnte. Zwar scheinen Frauen eine gewisse biologisch bedingte Vorliebe zu haben für bestimmte Farben, diese könnte man aber sicherlich dennoch auch Männern kulturell zuordnen.

Und: Es kann auch seinen Wert haben Kindern beizubringen, dass sie machen können, was sie wollen und zu bestimmten Vorlieben stehen können.

Andererseits finde ich es auch unfair, Kinder kämpfe austragen zu lassen, die für einen selbst, aber nicht für das Kind wichtig sind.

Ich bezweifele, dass man das Kind nicht auch für eine gänzlich andersfarbige Brotdose hätte begeistern können. Es mag sein, dass ihm in einem bestimmten Alter die farbliche Zuordnung als Mädchenfarbe noch unbekannt und egal war, er ist ja noch sehr jung, aber wie man merkt nimmt er sich ja (natürlich) als Junge wahr, sonst würde er nicht anführen, dass er als Junge ruhig die rosa Dose haben kann.

Wie wird da eigentlich das Rosa bewertet? Denn die reine Zuordnung „Mädchen rosa/Jungs blau“ an sich ist ja erst einmal nur eine einzige Regel, die für sich alleine genommen vollkommen unschädlich ist. Würden wir einfach nur einen Farbcode befolgen, sagen wir mal um potentielle Sexualpartner identifizieren zu können, uns aber ansonsten vollkommen gleich verhalten, wäre es ein feministisches Paradies.

Demnach bliebe der Gedanke, dass Rosa die „Einstiegsdroge“ ist, an der sich alles andere festmacht, aber auch das scheint mir schlicht sehr unwahrscheinlich, denn sonst würde er sagen, dass er wegen seiner rosa Brotdose nunmehr als Mädchen behandelt wird oder etwas ähnliches. Er bleibt aber recht offensichtlich Junge und deswegen gelten bestimmte Regeln für ihn, die aus seiner Gruppenzugehörigkeit folgen und die ist so oder so eben als Junge eindeutig. Rosa wird auch wahrhaftig nicht das einzige sein, was er ansonsten anders macht.

Insofern scheint mir die Farbe Rosa eher einen Symbolcharakter zu haben, an dem stellvertretend die Einteilung in Geschlechter bekämpft wird.

Es geht wie folgt weiter:

Ich dachte, damit hätte sich die Sache erledigt. Aber dem war wohl nicht so. Wie gesagt, ich weiß nicht genau, wie die Erzieherin an die Sache gegangen ist. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: „Wisst ihr Kinder, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Jeder darf jede Farbe haben“. Das hat dann vermutlich den gleichen pädagogischen Effekt, wie wenn ich meinen Kindern das Zähneputzen predige: Nachhaltigkeit gleich null. Die Botschaft kam offensichtlich nicht bei allen Kindern an.

Und da stand ich nun am Montag morgen vor einem verzweifelten und enttäuschten Jungen, der Angst hat seine heißgeliebte rosa Brotdose mit in den Kindergarten zu nehmen. Alles Zureden half nicht: „Schatz, Du weißt doch, dass rosa ne super Farbe ist, für alle Kinder! Und wenn Dich jemand ärgert, dann ist das schlechtes Benehmen und Du kannst der Erzieherin Bescheid sagen.“

Hat das mal bei eine_m von Euch funktioniert? Dass das Kind damit umgestimmt wird? Ich packte also sein Butterbrot in eine andere Dose und brachte ihn zum Kindergarten.

Finde ich schon interessant, dass sie das Kind für einen vollkommen aussichtslosen Kampf gewinnen will, in dem dann die anderen Kinder umerzogen werden sollen. Interessant auch, dass sie gar nicht sich selbst hinterfragt, warum es so wichtig ist, dass das Kind mit eine rosa Brotdose den Kampf kämpft. Ob sie wirklich meint, dass es ihm damit besser geht? Ich bezweifele, dass er die rosa Brotdose sehr vermissen wird. Immerhin gut, dass sie dann einsieht, dass das Kind nicht mehr will.

Und jetzt sagt mir noch mal, dass die Gesellschaft keine Rolle spielt? Dass alles angeboren sei, was Mädchen zu Mädchen und Jungen zu Jungen macht. Immer wenn Eltern sagen: Also wiihir erlauben unseren Söhnen auch mit Puppen zu spielen oder unseren Mädchen mit Autos“ muss ich an Szenen denken wie

  • die Mama in der Krabbelgruppe, die vor Entzückung quietscht, weil ihre 18 Monate alte Tochter ihre Schuhe holt und gleich noch ein paar andere die dort rumstehen mit. „Sie steht auch schon auf Schuhe, ganz die Mutter“
  • der Vater auf dem Bolzplatz, der mit seinem zwei Jahre alten Sohn Tore schießt, während die ca. vierjährige Tochter am Rande steht und sehnsüchtig zu den Beiden rüber schaut, aber nicht dazu gerufen wird.

Natürlich können wesentliche Unterschiede, etwa die Vorliebe für bestimmtes Spielzeug dennoch angeboren sein. Etwa wenn tatsächlich bestimmte Unterschiede vorhanden sind und insoweit festgestellt werden. Wobei das eben nicht binär ist: Natürlich kann auch ein Mädchen Fußball spielen wollen, gerade wenn es andere machen und dabei Spass haben. Es geht eben nicht um absolute Unterschiede, sondern um relative.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von anderen Eltern im Kindergarten, auf dem Spielplatz, im Turnverein oder bei der Krabbelgruppe Sätze höre wie „typisch Mädchen/Junge“.

Was eben auch daran liegen könnte, dass sich viele Kinder in der Tat sehr typisch für ihr Geschlecht verhalten.

Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie ich Überzeugungsarbeit leisten musste, damit Minime eine Puppe und einen Puppenwagen bekommt. Oder mal was aus der Elfen- und Feen-Serie von Playmobil, nicht nur Ritter und Piraten. Oder als beim Kindergeburtstag die Seifenblasen mit Cars-Motiv automatisch in seinem GoodieBag landen, obwohl er viel lieber die Eiskönigin gehabt hätte.

Ich bin gespannt, wie Minime sich entwickelt. Momentan werden ihm viele Geschlechterklischees noch relativ egal sein, richtig interessant wird es wenn Hormone, Interesse am anderen Geschlecht etc dazukommt. Mich würde auch interessieren, ob sie sich bewußt ist, dass sie selbst eine Beeinflussung ist und eben keineswegs geschlechterneutral. Im Gegenteil, man merkt ja bereits in diesem kurzen Artikel, wie offensichtlich froh sie ist, wenn er ein „unmännliches Spielzeug“ verwendet und wie sehr sie ihn in die Richtung beeinflusst. Ihm wird es aus meiner Sicht nicht schaden, dass er mit einer Eiskönigin spielt, aber ich vermute mal, dass es mit steigenden Alter immer uninteressanter für ihn sein wird. Sie wird dann aufstöhnen, dass die Gesellschaft gewonnen hat und es als Bestätigung sehen.

Rollenbedürfnis und der Wunsch, sich zu differenzieren

David hat einen interessanten Kommentar zum Bedürfnis nach einer Einordnung in eine bestimmte Rolle geschrieben

Im Feminismus besteht die Annahme, potentielle globale Fähigkeiten (Intelligenz) müssten sich (bei Diskriminierungsfreiheit) in einer entsprechenden beruflichen Position manifestieren.

Es wird vernachlässigt, dass die Persönlichkeit dafür eine mindestens ebenso große Rolle spielt und Persönlichkeitseigenschaften sowohl zwischen den Geschlechtern unterschiedlich als auch zu einem guten Teil vererbt sind.

Es kommt noch etwas anderes dazu: das natürliche Bedürfnis nach Rollendifferenzierung, also eine Tendenz, sich bereits mit kleinen Unterschieden zu identifizieren und sie daher zu verstärken und betonen.

Ein Rollenbedürfnis ist etwas, was von unseren “Rollenbefreiern” komplett negiert wird. Dabei haben Rollen eine Funktion, sie geben Identität und Sicherheit für das eigene Handeln.
Man kann das sogar bei eineiigen Zwillingen beobachten. Diese haben oftmals (nicht immer) ein starkes Bedürfnis, als Individuen wahrgenommen zu werden.
Es reichen oft minimale Unterschiede, um einen Zwilling zu “der tougheren” oder den anderen zu “der ruhigeren” zu machen. Kleinste Beispiele werden zum Anlass genommen, Unterschiede zu benennen und zu kultivieren. Sie differenzieren Rollen aus, weil sie sich unterscheiden und unterschiedlich wahrgenommen werden WOLLEN, selbst wenn sie dies biologisch gar nicht tun.

Das gleiche findet zwischen Mädchen und Jungen statt. Die Art der Unterschiede muss dabei gar nicht entscheidend sein. Womöglich könnte man sogar rosa als Jungsfarbe markieren und das “colour reversal” würde tatsächlich funktionieren. Entscheidend ist, dass Mädchen Mädchen sein wollen und Jungs Jungs. Egal, was sie dazu benötigen. Sie versuchen etwas zu finden und eine Geschlechtsidentität in Differenz zum anderen Geschlecht auszubilden

Die Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen sind eben bereits recht deutlich und bieten sich insoweit an. Es ist eine Unterscheidung die wir bei den allermeisten Menschen sehr einfach treffen können und die für eine Gruppenidentität noch geeigneter sind, weil es eben erhebliche Unterschiede gibt. Diese werden von Kindern auch noch anders wahrgenommen, da der Sexualtrieb noch nicht entwickelt ist und damit eine gewisse „Verschleierung“ fehlt. Da kein besonderes Interesse besteht, sind eben Jungs für Mädchen häufig in einem bestimmten Alter doof und umgekehrt auch.

Tchibo zu geschlechterspezifizierenden Produkten für Kinder

Im Selbermach Samstag wurde auf einen interessanten Artikel bei Tchibo hingewiesen, der das Thema behandelt, warum dort bestimmte Sachen für Kinder nach Geschlechtern getrennt, also zB in rosa oder in blau angeboten und auch entsprechend vermarktet werden.

Annina: Wir bieten tatsächlich hin und wieder geschlechterspezifizierende Produkte an. Was ich allerdings nicht verstehen kann sind die einseitigen Vorwürfe für die “Rosa” Produkte. Niemand sagt etwas dagegen, wenn wir Ritterschwerter in Blau anbieten. Und warum wird uns als “Industrie” unterstellt mit Absicht Mädchen in bestimmte Rollen zu drängen? Was sollten wir für ein Interesse daran haben? Das ist für mich so eine Frage nach der Henne und dem Ei: Was war zuerst da, die Nachfrage oder das Angebot?

Das war hier schon häufiger Thema und ich finde es auch immer wieder verwunderlich, warum man gerade auf der Grundlage der feministischen Theorien erwartet, dass sich die Industrie gegen den Strom stellt: Wenn wir in einer Gesellschaft leben, die alle in starre Geschlechternormen presst und ein Abweichen davon bestraft, dann muss jeder Hersteller, der diese Theorien ernst nimmt, Sachen herstellen, die diesen Normen entsprechen, da sich abweichende Produkte nicht verkaufen. Etwas gegenteiliges ergibt sich nur, wenn man das Patriarchat oder die Geschlechternormen bereits für hinreichend schwach hält, dass eigentlich die meisten Kunden sich davon lossagen können oder ein Verstoß dagegen nicht mehr ernsthaft verfolgt oder bestraft wird, so dass sich die Produkte verkaufen.

Also entweder nimmt man ein Unterdrückungsverhältnis und starre Rollen an, dann ist es wenig verwunderlich, dass sich die Industrie in deren Regeln bewegt oder man nimmt es nicht an, dann brechen aber andere Teile der feministischen Theorie weg.

Ricarda: 90% aller Eltern wollen tatsächlich, dass ihr Kind als Mädchen erkennbar ist. Gerade im Textilbereich gibt der Markt die Farben vor, Rosa für Jungs läuft nicht. Nicht mal als Polohemd, wie einige große Anbieter von Kindertextilien schon schmerzlich feststellen mussten. Andersherum hat zum Beispiel Ferrero ein Überraschungs-Ei für Mädchen auf den Markt gebracht, wir können davon ausgehen, dass sie sich die Bedürfnisse der Kunden ganz genau angeguckt haben.

Die Leute wollen, dass man das Geschlecht ihres Kindes erkennen kann. Und warum auch nicht: Wenn man nichts schlimmes daran findet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, dann ist dies durchaus ein wichtiger Teil der eigenen Identität. Wie üblich sind die Rollenzuweisungen für Jungen hier stärker. Das ist bei dem Geschlecht, auf dem die stärkere Selektion liegt, dass sich also in der Partnerwahl mehr anstrengen muss, um gewählt zu werden eigentlich auch nicht weiter verwunderlich. Wer eher ausscheidet aus der genetischen Lotterie, bei dem wird man eher darauf achten, dass er in dem Wettbewerb nicht zurückfällt, bei dem werden die Rollen strikter bleiben.

Gleichzeitig kann es sich, wie das Überraschungsei für Mädchen zeigt, lohnen, bestimmte Produkte, die bisher eher für eines der Geschlechter interessant waren, in einer Spezialedition für das andere Geschlecht herauszubringen. Ich könnte mir vorstellen, dass viele der Spielzeuge in Überraschungseiern eher Jungs ansgesprochen haben und man daher mit diesem besonderen Marketing und speziellen Produkten, die Mädchen mehr interessieren, die Zufriedenheit und damit das Interesse dort steigern konnte.

Haben Textil- und Spielzeughersteller nicht vielleicht die Pflicht, als Vorbild in Sachen Farbgebung voranzugehen?

Annina: Der Markt liefert was der Kunde will – und mit Sicherheit keine Ladenhüter. Interessant ist ja auch, dass diese Diskussion meist von der Mädchenseite aus geführt wird. Jungs-Eltern fragen eher nicht nach Feenkostümen und Pastell-Tönen für ihre Söhne. Wohlwissend, dass das in Kindergärten und Schulen von den anderen Kindern leider oft nicht toleriert wird. Und damit drängt man doch vermeintlich die Jungen genauso in eine Rolle hinein. Ist es also okay, wenn Jungs keine feminine Seite haben?

Ein wichtiger Satz ist hier „Der Markt liefert, was der Kunde will“. Ein Unternehmern, welches Produkte in die Regale legt, die nicht gekauft werden, wird nicht lange bestehen bleiben. Insofern hat ein Unternehmen wenig Interesse daran, Kinder in bestimmte Geschlechterrollen zu drängen, es will üblicherweise Ware verkaufen. Und auch der Aspekt, dass Kinder im Freundeskreis akzeptiert sein wollen, kommt häufig zu kurz. Auch Kinder bilden ihre Regeln nach den üblichen Schemata, nur sind hier andere Sachen cool oder angesagt, weil auch die Interessen und der Markt für die Kinder etwas ganz anderes ist. Wer sich hier anders verhält als die anderen, der fällt eben schnell einem „Outgrouping“ zur Last oder dessen sozialer Status kann neu geschrieben werden. Auch hier kann natürlich ein Kind mit bestimmten Verhalten durchkommen oder Vorreiter sein, wenn es ansonsten die entsprechenden Folgen tragen kann, hier wäre dann entsprechende Kleidung ein costly Signal. Aber das von einem Kind zu verlangen kann eben auch teilweise sehr hart sein. Für Kinder ist eben ihr Geschlecht ein wesentlicher Faktor, auch weil das Verhalten von Jungen und Mädchen im Schnitt sehr unterschiedlich ist.

Ricarda: Studien zeigen, dass sich Kinder im Alter zwischen 3 und 9 Jahren geschlechterspezifisch abgrenzen wollen. In dieser Zeit der Identitätsfindung ist es für Kinder wichtig, sich einer Gruppe zuordnen zu können. Also vor allem während der Kindergarten- und Grundschulzeit sind Mädchen sehr “Rosa” und Jungs sehr “männlich” (Pirat, Ritter, Feuerwehrmann). Tatsache ist doch, daß kein Kind in dem Alter gerne Außenseiter sein möchte, sondern der Gruppe angehören will. Meist hört die „rosa Phase“ nach dem 8. Geburtstag auf, dann möchte auch kein Mädchen mehr Lillyfee-Motive tragen. Dann geht’s eher in Richtung “Monster High”.

Unser Gehirn ist eben darauf geeicht, sich Gruppen zuzuordnen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen. Und in diesen Bereichen wird einem häufig klar, was und wer man eigentlich ist. Die Konzepte sind in dieser Zeit rudimentärer und damit auch strikter. Dabei muss es gar nicht so sein, dass dies schädlich ist. Dazu hatte ich bereits einmal eine passende Stelle wie folgt zitiert:

Eine interessante Beobachtung machte Trautner bei Längsschnittstudien mit anfangs auffällig streng einteilenden Kindern: Wer als Kleinkind seine Welt besonders klar in männlich/weiblich aufteilte, konnte später lockerer mit den Kategorien umgehen. Das entspricht der Alltagswahrnehmung. Männer und Frauen, die früh in eine sichere Geschlechtsrolle gefunden haben, müssen sich nicht mehr ständig ihrer sexuellen Identität durch präpotentes oder püppchenhaftes Gebaren versichern. Sie können sich auch vom Rollenklischee abweichendes Verhalten erlauben.

Die klare Vorstellung von der Geschlechterdifferenz und der eigenen Zugehörigkeit ist offenbar eine gute Basis für einen späteren freien Umgang mit Stereotypen. Man kann sich dann Interesse und sogar Freude und Spaß an der Differenz leisten. Und man kann dann auch Unterschiede ertragen. Denn Differenz, darauf weist der Sozialwissenschaftler Amendt hin, macht eben nicht nur stolz. Sie erzeugt auch Neid. Penisneid ist da bloß ein Beispiel. Nur starke Menschen halten die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus.

Dies macht noch einmal deutlich, dass das Finden einer Identität einem den Halt bieten kann, auch Abweichungen zuzulassen. Wie wichtig eine Identitätsfindung ist, wird ja auch an vielen Artikeln aus dem Feminismus deutlich, bei denen Leute zwischen den Identitäten stehen und daraus unbedingt eine neue Identität (zB Queer) zimmern wollen und sich dabei gegen die bestehenden Positionen, denen sie sich nicht zugehörig fühlen abgrenzen wollen.

Ist das Rollenbild von Mädchen heute weiblicher also vor 20 Jahren?

Annina: Ja, auf jeden Fall. Was wir beobachten: Das Gesellschafts-Selbstbild von Mädchen heute ist: Schönsein. Es gibt eine große Fixierung auf das Äußere, die Haare müssen lang sein, der ganze Look feminin. Topmodels und Superstars sind die Vorbilder, nicht Astrophysikerinnen. Vergleiche zwischen 1980 und 2010 belegen das.

Das kann man verschieden interpretieren, als Erstarken der starren Geschlechterrollen oder als gestiegene Freiheit, sich nach diesen zu verhalten. Das Gender Equality Paradox scheint eher für die zweite Variante zu sprechen:

Und mit der gestiegenen Freiheit, gerade auch mit der gestiegenen sexuellen Freiheit wird gleichzeitig der Wettkampf innerhalb der intrasexuellen Konkurrenz unter Frauen eröffnet, so dass es kein Wunder ist, dass Schönheit eine immer größere Rolle spielt, weil es eines der wichtigsten Merkmale ist, innerhalb dessen Frauen konkurrieren.

Ihr besucht Messen und Shops in New York, London, Stockholm… Sind Mädchen und Jungs da auch streng getrennt?

Ricarda: Ja, auch auf Messen sind die Klamotten nach Jungs und Mädchen getrennt. Ökologische Beigetöne gibt’s zwar auch mal, aber die stehen kaum einem Kind. Was bei Jungs an Farben noch funktioniert ist Grün, Orange und Gelb in Akzenten. Aber schon bei Rot sagen Jungs, das sei eine Mädchenfarbe. Bei Babykleidung allerdings bieten wir tendenziell mehr Blau an als Rosa oder Rot, da manche Babymütter aus Prinzip blaue Babykleidung kaufen. Auch bei Regenhosen kann‘s ruhig dunkler sein. Übrigens: Ein Blick zu Disney spricht ja auch Bände: Die Merchandising Produkte sind streng nach Jungs und Mädchen getrennt – und sehr erfolgreich!

Annina: Stimmt, in London im Disney Shop gibt es gegenüber der Wand mit den Superheldenkostümen eine ganze Wand mit Prinzessinnenkostümen, dort allerdings auch in Hellblau und Gelb. Wie die sich wohl verkaufen?

Es mag Feministinnen ärgern, aber wenn man davon ausgeht, dass Geschlechterrollen biologische Grundlagen haben, dann ist es wenig verwunderlich, dass sich dies in den auf Verkauf ausgerichteten Waren der Händler niederschlägt. Und Superhelden bedienen eben klassische männliche Phantasien, Prinzessinnen klassisch weibliche.

Funktionieren denn Unisex Produkte? Warum macht ihr nicht alles Grün oder Gelb?

Annina: Wenn wir versuchen einen kompatiblen Mittelweg zu gehen, bleiben die Produkte meist im Regal liegen.

Ricarda: Stimmt, als wir im Frühling die grüne Trinkflasche mit Fuchs im Programm hatten, fand diese nicht gerade reißenden Absatz, auch eine Unisex Babyphase vor ein paar Jahren verkaufte sich nicht. Produkte die weder Fisch noch Fleisch sind finden keine Käufer.

Annina:  Aber auch für ein neutrales Kneteset mit dem Thema Friseursalon haben wir negative Kommentare bekommen. Die automatische Reaktion war: Friseur spielen nur Mädchen. Warum sollten Jungen da keinen Spaß dran haben? Da spielt also auch die Kundeninterpretation eine große Rolle.

Das ist eigentlich eine recht eindeutige Antwort auf die Frage, wer darüber bestimmt, welches Spielzeug in die Läden kommt. Es ist nicht die Industrie, die die Geschlechterrollen erzwingt, sondern der Kunde.

Das wird noch einmal wie folgt vertieft:

Ricarda: Korrekt, die Erwachsenen kaufen bei Tchibo ein. Tchibo Regale in Supermärkten stehen weit hinten (nicht in der Kassen-Quengelzone), auch unsere Filialen sind wahrlich nicht Spielzeugparadiese wie Disney-Stores. Müssen wir den Eltern und Großeltern Rollenbilder vermitteln? Ich denke nicht.

Die Erwachsenen erziehen, zu Lasten der eigenen Umsatzzahlen, das kann man wohl kaum einem Konzern zumuten. Interessant wäre dann, wer die Erwachsenen eigentlich erzieht, ob es die Gesellschaft ist oder diese einfach ihre Kinder kennen.